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Großfusionen in der europäischen Energiebranche     

und Bush-Besuch in Indien

(vgl. GS 1/01 – Öl und 4/03 – Strom-Blackout in Amerika)
Was ist die Eigenart der Energiewirtschaft, die sich von anderen Abteilungen der nationalen Wirtschaft unterscheidet? Die Branche ist vom Staat aufgezogen und betreut worden, die Betriebe waren großteils öffentlich. Warum war es staatliches Werk?
   –  Weil das Bauen von Stauwerken und Überlandleitungen viel Kapital erfordert, das ein einzelner Kapitalist nicht in der Menge aufbringt, und der Rückfluss nicht schnell genug ist.
Dafür gibt’s ja im Kapitalismus die Aktiengesellschaften, die haben in Privatinitiative ganze Kanäle gebaut. Edison hat  in Amerika eine private Firma mit seinem Strom aufgemacht, und auch Investitio-nen in ein Kohlekraftwerk können sich lohnen. Das führt ohne den Zweck der Sache nicht weiter.
Der Staat stellt sich in Energiefragen auf den Versorgungsstandpunkt. Sonst hängt die Versorgung im Kapitalismus vom Geschäft ab, mit dem, was da zustande kommt, muss jeder zufrieden sein. Dieser Zynismus ist da nicht am Platz. Energie soll flächendeckend vorhanden sein, damit die Industrie und der Private etwas damit anfangen können und sie soll auch billig sein als Geschäftsgrundlage.  Energie geht in jedes Geschäft ein, sie bestimmt die Kostenrechnung jeder Firma und hat bestimmenden Ein-fluss auf die Profitrate. Der Staat kümmert sich um die Infrastruktur für seine Wirtschaft, das heißt hier: Die Versorgung muss klappen und soll auch so billig sein, dass diese Infrastruktur ihren ökono-mischen Dienst tut; also soll Energie nicht nur überall in jeder nachgefragten Menge vorhanden sein, sondern als Grundstoff der Wirtschaft auch zu einem möglichst billigen Preis.
Wieso machen das jetzt alle führenden kapitalistischen Staaten zu einem privaten Geschäft? Das prin-zipielle Argument ist: Nachdem überall die Energieversorgung staatliches Werk ist, fertig eingerichtet und die Versorgung gesichert, alle  bekommen Energie, der Laden funktioniert auf seine Art, stellt sich der moderne kap. Staat auf den prinzipiellen Gesichtspunkt: Warum soll das eigentlich der Staat ma-chen? Da gibt’s keine Notwendigkeit dafür, höchstens die Konsequenz, dass der Staat sich als Verwal-ter der kap. Gesellschaft begreift und so agieren will. Was ist der ökonomische Gehalt davon?
   – Die Infrastruktur ist so weit gesichert, dass er’s nicht  mehr braucht
Das ist ein Beweggrund. Dieses neu aufgemachte Geschäftsfeld kommt anders zustande, als sonst im Kapitalismus. Der Staat verkauft seine Anteile und verlässt sich drauf, dass die Privatisierung, so wie sein Laden eingerichtet ist, den Versorgungsstandpunkt nicht kaputt macht.
   – Der Staat schafft ein,  zwei ... regionale Betriebe, die relativ konkurrenzlos sind.
 Wie der Staat diese Sphäre eingerichtet hat, erfüllt die Privatisierung ökonomisch gesehen den Tatbe-stand eines flächendeckenden Monopols. Das war sein staatlicher Dienst: Wenn er das ausschreibt, dann nicht jede Klitsche und jedes Heizkraftwerk für sich, sondern er stellt die ganze Branche zur Disposition. Das ergibt dann große AGs, z. B. hat Bayernwerk ganz Bayern als sein Versorgungsgebiet und Geschäft. Die Käufer steigen unter der Prämisse dort ein, Monopolprofite zu machen.
Jetzt wird durch die Privatisierung eine neue Abteilung kapitalistischer Reichtumsproduktion eröffnet, die Branche wird aus staatlicher Verfügung entlassen und großen AGs überantwortet, die sich diese fertige Versorgungssphäre zueigen machen. Da werden keine staatlichen Gebühren mehr erhoben, mit denen er dann Überschüsse erzielt oder nicht, sondern die ganze Sphäre wird zu einer Quelle gesell-schaftlichen, nämlich privaten Reichtums (Im Kapitalismus ist der private Reichtum der gesellschaftli-che). Früher war das eine staatlich reglementierte Sphäre (auch in Frankreich, USA etc.), die Stadt-werke waren Versorgungsunternehmen in staatlichem Auftrag, die natürlich Geld kassiert haben, aber das hat den Weg durch den Staats(Städtischen- oder Landes)haushalt genommen. Da ist der Fortschritt, das soll nicht nur formell kapitalistisch organisierte Sphäre sein, sondern zur Anlagesphäre von  priva-tem Kapital werden.
Das ist sie jetzt auch flächendeckend geworden –  und somit ökonomisch etwas anderes: Da ist jetzt die ganze Sphäre eine Quelle kapitalistischen Reichtums, der sich ausdrückt in der Rendite und im Wachstum, das sie  dort erzielen. Das Mittel des Wachstums ist dort mehr oder weniger ein Monopol-preis für den Bezirk oder das Land. Deswegen gibt’s dann die Preisaufsichtsbehörden, damit das Inte-resse des Staates, hier soll kapitalistischer Reichtum akkumulieren, den Gesichtspunkt nicht durch-kreuzt: Hier soll Versorgung stattfinden, und die billig. Das Folgeproblem für den Staat ist, darauf aufpassen zu müssen. Wie sieht dieses Aufpassen heutzutage aus – Stichwort: Konkurrenz? Wie sieht der Widerspruch aus, den der Staat arrangiert? Er will, dass aus der Versorgung eine Quelle kap. Reichtums wird, über den Auftrag Überschüsse zu akkumulieren, soll Versorgung laufen. Ein Interesse von dem er weiß, so ist das nie das Anliegen einer solchen Firma. Die Lösung für seinen Widerspruch heißt: Konkurrenz, die Firmen sollen ein Geschäft machen, indem sie sich unterbieten. Wie sieht dann die Konkurrenz in dieser Sphäre aus?
   – Der Staat räumt seinem nationalen Kapital eine Bomben-Geschäftsmöglichkeit,  eine quasi mono-polmäßige Stellung ein und versucht gleichzeitig zu unterbinden, dass sie monopolartige Preise für ihre Dienstleistungen verlangen können. Also muss er kontrollieren, dass keine Kartellabsprachen stattfinden, dass die einen Firmen den anderen die Netzdurchleitung erlauben usw.
Ja, so passt der Staat drauf auf, aber unser Staat z.B. (wie auch andere Europäer, USA) will sich nicht als Kontrolleur an Monopolgesellschaften abkämpfen. Sondern mit dem jetzigen Schritt, der vor den gegenwärtigen riesigen Zusammenschlüssen liegt, will der bürgerliche Staat ein Prinzip etablieren, das die beiden Zwecke auf einen Nenner bringt: Der Widerspruch ist: Beide staatlichen Zwecke sollen realisiert werden, durch das Arrangement, das einen Haken hat, weil es die Konkurrenz von Gebiets-monopolisten ist. Deswegen das Nachfolgeproblem, das wieder zu arrangieren. Zuleitungsnetze, wer speist ein. Die Konkurrenz selber ist hier staatliches Werk. Aber nicht in dem Sinn, dass der Staat jeden Krauter einlädt, sich ein kleines Kraftwerk zu kaufen (wie die Grünen mit ihren Windmühlen-Förderung für Bauern und Garantiepreisen für jede Kilowatt-Stunde. Das ist aber ein Zusatz zur Hauptsache, in die der Biobauer die dann einfüttert).
   – Der Staat bestimmt die sachlichen Grundlagen des Geschäfts bei einem besonderen Eigentum, das andere mitbenützen dürfen.
Wie bei Telekom, Eisenbahn – überall die analogen Geschichten: Ein fertiges Versorgungsunternehmen wird privatisiert, dann hat man sofort das Nachfolgeproblem, damit die Versorgung kapi-talistisch klappt, soll Konkurrenz, als Stein der Weisen im Kapitalismus, her. Wie arrangiert man Kon-kurrenz in Bezug auf ein Monopol? Da muss eine Scheidung her zwischen den Stoff liefern und die Infrastruktur benutzen. Und bei denen, die den Stoff liefern, will der Staat nicht Tausend Blumen blü-hen lassen und nicht jeder soll was einfüttern. Die Ausnahme alternative Grünen-Energieproduktion ist extra per Gesetz eingeführt und funktioniert auch nur mit Subventionen; ansonsten hat er ja alles ande-re getan, als seine Gebietsmonopolisten zu zerschlagen. Was das kapitalistisch interessant gemacht hat, war ja, dass man quasi einen ganzen Bezirk unter seiner Kontrolle hat und daran verdienen kann. Da-gegen hat er nichts, weil er rechnet: Nur große Anbieter sind letztlich in der Lage, billig Energie be-reitzustellen.
-    Die Versorgung soll durch die Methode der Konkurrenz gesichert werden?
Das ist der Standpunkt des Staates, der die Privatisierung vornimmt, unter der die Versorgung nicht leiden darf, und sich dann fragt, wie er beides zusammenbringt. Weil Versorgung weder Interesse der konkurrierenden noch der monopolistischen Anbieter ist, denkt der Staat weiter: Wie kann man kap. Firmen dazu veranlassen, ihr Zeug so billig zu verkaufen, wie es in Bezug auf diesen Grundstoff der Wirtschaft sein soll. Da ist Konkurrenz bestenfalls die eine Hälfte der Wahrheit,  die andere ist: kleine Krauter sind erst recht nicht zur Billigversorgung in der Lage. Also Größe plus Konkurrenz – das ist der nächste Widerspruch, den der Staat sich vornimmt. Er überantwortet seine ganze flächendeckende Versorgung großen AGs, legt ihnen erst mal keine Schranken auf, sondern befürwortet, dass die sich zusammenschließen. So dass aus den Bayernwerken inzwischen eine Unterabteilung von EON gewor-den ist und die sitzen in Düsseldorf und beherrschen inzwischen den Strom des halben Bundesgebietes mit Perspektive auf sichere Zukunft. Dass solche Monsterunternehmen entstanden sind, ist der eine Teil der Lösung, die der Staat befürwortet hat. Die andere Seite ist,  damit auch so ein Riesenkonzern nicht nur in der Lage ist billig anzubieten, sondern das auch wirklich tut, braucht's Konkurrenz. Wer soll das sein? Die Biobauern sind's nicht. Also die Größe ist noch nicht die Lösung des Problems, wie kriegt man den kap. Sachzwang zur Billigkeit des Angebots her? Jetzt nähern wir uns der Gegenwart.
Das eine ist das Organisatorische, dass man über das Fernleitungswesen die Gelegenheit schafft, dass andere Anbieter rankönnen. Da braucht's die Regulierungsbehörde, die die Durchleitung organisiert. Die eigentliche ökonomische Stoßrichtung des Privatisierungswesens ist aber: Es soll keine Bereiche mehr geben, sondern überall sollen riesige Firmen konkurrieren – das  ist die absurde Lösung. Es soll einerseits nationale Champions geben, die in der Lage sind, das billig bereitzustellen, beim Strom ist es die Produktionskostenfrage, beim Gas die Verhandlungsmacht gegenüber auswärtigen Lieferanten. Ähnlich ist es bei der Ölversorgung, wo das moderne Interesse eines Staates wie des unseren darauf geht, nicht einfach die Konkurrenz der Riesenfirmen, die es gibt, ihr Werk tun zu lassen,  sondern nationale Großunternehmen zusammenzuschmieden, notfalls dafür auch Gasprom aus Russland einzu-laden. Also der nationale Champion ist hier gefragt – aber den soll’s nicht nur in der Einzahl geben. Das ist der nächste Widerspruch. Ein Champion ist eigentlich dicht am Monopol. Jetzt sollen Monopo-listen konkurrieren – wie kriegt man das hin. Wie geht da das Wachstum? Da war der Ausgangspunkt heute, dass man andere Firmen übernimmt. Wachstum heißt in der Sphäre nicht einfach wachsen, wie sonst in der kapitalistischen Akkumulation. Hier ist die Sphäre ja im Prinzip ausgewachsen. Da kann man nicht einfach neue Käuferschichten für seine Ware erschließen, weil die sind im Prinzip schon erschlossen. Hier findet also von vornherein etwas statt, was sonst ein Krisensymptom ist,  nämlich das Wachstum in der Sphäre funktioniert nicht per Konkurrenz durch Ausdehnung des eigenen Marktan-teils. Die bedient sich nicht der Erschließung neuer Kauferschichten mit immer neu investierten Kapi-tal, sondern da ist es eine Konkurrenz um die Zentralisation des Kapitals. Das heißt, was es gibt, krallt sich einer. Damit nähert man sich noch direkter dem Monopol. Das ist einerseits gewollt, weil so ef-fektiv, andererseits nicht gewollt, weil ja nur die Konkurrenz die Billigkeit des Angebots garantiert.
   – Deswegen behält der Staat es sich vor, welche Zusammenschlüsse er genehmigt.
Das ist das eine, dass da die Monopolkommission zu tun bekommt,  und die hat im wesentlich damit zu tun, dass immer wenn sie sagt: Nein, der Zusammenschluss geht zu weit, eine Ministererlaubnis dafür gesorgt hat, dass es trotzdem klappt. Mit gutem Grund, weil der Staat eine andere Sorte Konkur-renz im Auge hat, die er mit seinen nationalen Champions aufmachen will. Da sollen die nationalen Champions unter-/gegeneinander konkurrieren, da sollen die deutschen auch in Frankreich und Polen Strom verkaufen können und dann dürfen die natürlich auch uns versorgen. (Yello-Strom ist letztlich französisch) Da sind wir beim europäischen Binnenmarkt, wo sich die EU-Kommission um die Kon-kurrenz auf dem europ. Energiemarkt kümmert und dafür sorgen will, dass lauter nationale quasi Mo-nopolisten untereinander in ihren Ländern konkurrieren. Wie ist da das staatliche und das unternehme-rische Interesse?
   – Das ist ökonomisch ein Widerspruch in sich. Denn wenn ein nationaler Champion in einem ande-ren Land Strom verkauft, dann schöpft er dort die zahlungsfähige Nachfrage ab. Das Freisetzen der Konkurrenz bedeutet da, dass  jeder Staat nur dafür ist, dass sein nationaler Champion woanders ab-sahnt.
Das ist als erstes festzuhalten: Es soll Riesenfirmen im eigenen Land verankert geben, Konkurrenz soll auch sein, da gibt’s vielleicht zwei oder drei nationale Großunternehmen, die sich untereinander im eigenen Land Konkurrenz machen, aber es gibt das Firmeninteresse weiter zu wachsen. Und wenn zu  Hause alles ziemlich ausgereift ist,  dann ist der Binnenmarkt für die eine große Chance, weiterzu-wachsen, indem man sich Firmen dazukauft, die bisher anderswo die Versorgung gemacht haben.
   – Dabei ist nicht die Produktivität entscheidend (die dürfte ungefähr auf dem gleichen Level sein), sondern für die Zentralisation ist die Größe, die Finanzstärke das Hauptargument.
Ja, bei der Zentralisation ist die Finanzstärke das Ausschlaggebende, ob sie in der Lage sind, sich auf die Tour zu vergrößern. Die Versorgungswirtschaft eines anderen Landes, wird zur Reichtumsquelle des eigenen Konzerns, das ist gewollt und findet den staatlichen Beifall. Noch mal zur Motivstruktur des Staates, der die Privatisierung seiner nationalen Energieproduktion anleiert: Damit befähigen und ermächtigen wir unsere nationalen Großunternehmen am Energieverbrauch der Nachbarländer zu verdienen, also die Kaufkraft von anderswo erst mal in deutsche Hände zu bringen, was weiter passiert sieht man. Aber erst mal: ein gutes Stück sicherer Kaufkraft der ganzen Wirtschaft absahnen – etwas, das  immer benötigt wird, in jede Kostenrechnung  eingeht, sich an dem bedienen.
Gleichzeitig dringt man drauf, dass das auch anderswo passiert. Das ist in Europa zum Bestandteil des Binnenmarktes gemacht worden, wo die Kommission auf Konkurrenz aufpasst, also dass die Privati-sierung nach den Richtlinien des kapitalistischen Geschäfts abläuft und dass kein Staat übermäßige Hürden dagegen errichten darf, dass es kapitalistisch abläuft und grenzüberschreitenden Fusionen offen steht.
Dann kommt das nächste Bedenken. Als Aktivist sieht sich jeder Staat gerne, in der passiven Rolle, als einer, der von andern ausgelutscht wird,  natürlich nicht. Da wären wir bei den heutigen Querelen im Energiesektor. EON will Endesa in Spanien kaufen. Die Italiener wollen in Frankreich „Suez“ kaufen, die Franzosen in Italien etwas. Überall wird befürwortet und vor der EU-Kommission eingeklagt, dass die eigene Firma im Ausland was akquirieren darf und in allen diesen Fällen herrscht große Aufre-gung, wenn ein europäischer Nachbar da eindringt. Schon sind wieder alle Gesichtspunkte präsent, nämlich: Ist die Versorgungssicherheit noch gewährleistet, wenn ein Ausländer uns den Strom produ-ziert. Und macht der's dann wenigstens billig. Das dritte ist: Wieso soll ein Ausländer an unserer Ele-mentarversorgung verdienen, da geht das ganze Geld erst mal ins Ausland.
   – Dabei will keiner der Staaten dies im Prinzip kündigen. Z. B. verbieten die Franzosen nicht einfach den Verkauf von Suez an die Italiener, sondern sie versuchen nationale Arrangements zu treffen, die den Kauf für die Italiener so verteuern sollen, dass die ihn sich nicht mehr leisten können.
Solche Schlachten finden da statt. Das ist aber kein Beispiel für die Renationalisierung – so wie das hierzulande behandelt wird, weil die Deutschen sich gerade  im Ausland was kaufen wollen, sondern das ist nur in der Sphäre die Erscheinungsform des Grundwiderspruchs des europäischen Supranatio-nalismus. Jetzt ist die ganze Sphäre dem privaten Gewinnstreben überantwortet, dann soll es auch von Europa aus eine Konkurrenz nationaler Großunternehmen da geben Darauf haben sich auch die Staaten geeinigt, so soll die Stromversorgung in Europa laufen und jeder Staat hat dabei die eigene Firma im Auge, die sich durchsetzten könnte. Dafür gibt es einiges an Subventionen. (EON z.B. hat 18 Mrd. in der Portokasse, weil sie u. a. eine handelbare CO2-Lizenz haben, die Ihnen vom Staat geschenkt wurde, aber als Kost den Kunden in Rechnung gestellt wird.) Da macht sich die Herkunft aus dem Monopol bezahlt. Das ist insofern staatlich gewollt, als die eigenen Unternehmen befähigt werden, die Konkur-renz per Zentralisation des Kapitals grenzüberschreitend aufzunehmen.
   – Gibt es bei Renationalisierung ein wirklich ernstzunehmendes Bedenken?
Das ist die ganze schon genannte Eigenart der Branche: Versorgung, billig und ein privates Geschäft. Alle drei Gesichtspunkte sind natürlich national. Die sagen zur Energiesicherheit glatt strategisch dazu. Das ist andererseits lächerlich, weil es kooperieren ja keine Feinde, sondern sie sind im gemeinsamen Markt. Da hat man den Widerspruch des europäischen Supranationalismus.
   – Insofern ist die Debatte um Renationalisierung Kennzeichen davon, wie viel grenzüberschreitendes Geschäft schon läuft.
Ja, die Debatte wäre ohne, dass es schon so viel Supranationalismus gibt, nicht so heiß. Und zu den drei Gesichtspunkten kommt von staatlicher Seite immer noch das draufgesetzte Argument: Wer passt drauf auf? Die Verflechtung zwischen Firmenleitung und Staatsaufsicht (siehe Vergnügungsreisen für Stadträte von EON gesponsort)  spielt da gleich eine wichtige Rolle. Bei der Affäre zwischen EON und Endesa hat als erstes die Merkel den Zapatero, als spanischen Regierungschef über den Vorgang  informiert. Da merkt man grad in der Sphäre, was Stamokap (Staatsmonopolistischer Kapitalismus) heißt.
Um Regeln wie die EU-Richtlinie, wird gerechtet, das ist die nächste Etage. Dann wird aus dem Wi-derspruch der nationalen Interessen in Europa eine gegensätzliche Inanspruchnahme der Europäischen Kommission als Sachwalterin des Binnenmarktes, da ist man gleich dabei, welche Verordnungen gel-ten, wieweit die Kompetenzen reichen usw.
Was wir jetzt in Sachen Energie erleben, da war der Vorläufer die Telekommunikation; was aussteht ist der Verkehr, Eisenbahn, auch aus Autobahnen will man eine Ware machen, fehlt nur noch das Was-ser. Diese fertige Sphäre könnten sich dann noch die Energiekonzerne unter den Nagel reißen. Auch hier findet die Akkumulation nicht gemäß der Legende vom Kapitalismus als Erschließung neuer Käu-ferschichten für gute billige Ware statt, sondern man greift sich eine Kaufkraft, die bisher sinnlos an den Staat ging.
Noch zum Verhältnis von Konkurrenz und Versorgung. Bei all dem findet ein Übergang statt: Die Versorgung findet als ein geschäftliches Produzieren, Kaufen und Verkaufen von Strom statt. Dieser gesamteuropäische Verbund hat eine Eigenart, dass das Versorgungswesen von dem alten Wider-spruch, wenn man immer genügend Strom haben will, dann braucht's entsprechende Kapazitäten, auch für Stoß-, Spitzen- und geringere Zeiten muss man entsprechende Kapazitäten haben, nicht befreit. Dies geschäftlich durchgerechnet heißt: Wie kann man das als Energieunternehmen so machen, dass einem das möglichst wenig kostet, also Einsparen ist die Devise. Was zukaufen, wenn’s nötig ist, aber nicht überall Kapazitäten rumstehen haben, die es im Zweifelsfall gar nicht braucht. Das ist als Ergeb-nis dieser Konkurrenz ein europäischer Strommarkt eigentümlicher Natur – von wegen Renationalisie-rung. Das ist ein nationaler Verbund gleichzeitig von konkurrierenden Nationen und Unternehmen, wer verkauft wo und kauft Strom so, dass er immer genug hat und zugleich möglichst kostengünstig und sparsam. Also liest man in der Zeitung, die Zeiten des Stromausfalls nehmen erstaunlicherweise zu und nicht ab. Auch die Kraftwerkskapazitäten werden nicht mehr, sondern problematisch weniger. Es wird nicht genug in den Neubau investiert, die Leitungen werden nicht erneuert, sondern verfallen. Also ist der Markt da der betätigte Widerspruch, da ist Versorgung dem Geschäftsstandpunkt unterge-ordnet. Grad weil der Staat sagt, er will das Geschäft zum Mittel der Organisation der Versorgung machen. Die Wahrheit ist, dann ordnet er den Versorgungsstandpunkt sehr weitgehend dem Geschäft unter. Dann haben sie damit zu tun, diese Konsequenzen zu regeln und das jetzt noch als europäische Konkurrenzveranstaltung: Wer ist der, der wo reinleitet, der bei wem was aufkauft. Wer macht den Aufwand für neue Kraftwerke? Wer hat wie Frankreich mit seinen Atomkraftwerken den Geschäfts-Standpunkt: da lohnt sich der Kraftwerksbau? Wer sagt: in Spanien gibt’s zu viele Wasserkraftwerke, die eh nichts taugen, also ist das gleichbedeutend mit: die sind vielleicht gar nicht nützlich? Aber wer ersetzt das dann, wer macht damit das Geschäft? Umgekehrt: wo entstehen überflüssige Kapazitäten? Das ist der kapitalistische Großversuch, teils geplant, teils als nicht geplantes Resultat:  einen Strom-markt zu organisieren, der alle Kapazitäten bedienen soll, ohne dass er irgendwo ein nichtlohnendes Kraftwerk rumstehen hätte. Den Widerspruch betätigen sie dann. Das noch mal dazu, dass die Fusio-nen umgekehrt auch eine Weise sind, den Versorgungsstandpunkt zu betätigen, und zwar sehr wider-sprüchlich, wo der Staat laufend neu gefragt ist: Wo müssen Kapazitäten her, wie befördern wir die? Da muss der Bau neuer Kraftwerke wieder zum Geschäft gemacht werden – bei Atomkraftwerken wird’s grad debattiert. Kann man Atomkraftwerke, die laufen und nichts kosten, einfach abschalten?
Noch eine logische Bemerkung dazu: Der anfängliche Widerspruch zwischen Versorgung und Ge-schäft, kommt durch all diese Fortsetzungen nie aus der Welt. Am Ende gibt’s dann halt einen Black-out. Das hat seine Logik, alle Umgangsformen mit diesem Widerspruch: 'kapitalistische Versorgung' spinnen den Widerspruch in die nächste Etage fort. Ansonsten ist Versorgung ja das Ergebnis des kapitalistischen Geschäfts. Da wird anders als in der Planwirtschaft nicht gesagt, diese Versorgung muss sein, wie kriegen wir die hin, sondern die Methode, es wird ein Geschäft gemacht, steht am An-fang und das, was hinten rauskommt, ist, was man Versorgung nennt. Bei all den Grundstoffen für den Erhalt einer nationale Ökonomie wird von Staats wegen darauf bestanden: Es soll sowohl Geschäft als auch Versorgung und die auch noch billig sein. So sind auch die Megamerger heute ein Produkt und nicht die Beendigung dieses Widerspruchs. Da heißt es dann wieder, wie immer wenn eine Firma vom Markt verschwindet, "Konsolidierung" habe stattgefunden.
   – Das unterscheidet die Energiebranche von der Zentralisation in anderen Branchen, dass es da nicht um die Bereinigung von Überkapazitäten geht.
Ja, das ist gar nicht das Ergebnis einer Krisenkonkurrenz eines beschränkten überfüllten Marktes, sondern eine Konkurrenz von lauter Monopolisten vom Staat organisierter Märkte, die jetzt in Konkur-renz zueinander gestellt werden. Da heißt sich woanders einkaufen: Man kriegt seinen Fuß in einen Markt, den man sonst nicht rein bekommt, weil da Konkurrenz das Werk von Staaten ist. Das sieht man ja jetzt, dass es ohne das Zugangsrecht eines anderen Staates gar nicht geht. Da merkt hier noch jeder Nationalist, dass die selben Staaten, das gegeneinander geltend machen, was sie dem andern verbieten wollen. Das ist da ganz unvermittelt. (z.B. Streit Frankreich/Italien: Der franz. Hauptkonzern EdF hat sich bei Edison eingekauft und das umgekehrte untergräbt Frankreich jetzt. Dann sagt Italien, da machen wir das alte rückgängig). Diese Form von Streitigkeiten ergibt sich aus dem Prinzip: Hier fusionieren nicht Kapitalisten wegen krisenhaft überfüllter Märkte, sondern wegen dem Organisations-prinzip dieser Branche.
Bei der Frage: Welcher Autokonzern erobert sich in Europa die größten Marktanteile, gibt’s auch großes Gezeter, wenn Fiats Absatz in Italien zurückgeht und grenzüberschreitendes Aufkaufen ist da auch problematisch. Aber da geht’s um den Marktanteil einer Firma in Europa. Hier ist der Zugriff auf einen quasi Gebietsmonopolisten der Konkurrenzgegenstand, Zentralisation als Mittel, Marktanteile zu akkumulieren, so geht da das Geschäftsleben.

Bush-Besuch in Indien: Anerkennung Indiens als Atommacht.

Was ist eigentlich an diesem Besuch bemerkenswert?
   – Amerika nimmt gegenüber Indien offiziell seine Politik der non-proliferation zurück, der Boykott von Waffenlieferungen u.a. wird aufgehoben und eine neue Waffenpartnerschaft angeboten. Amerika will damit in das Kräftegleichgewicht in Asien eingreifen, Indien als Gegenpol, um China zu bremsen.
   – Die Kommentare gingen dahin, dass die Amerikaner wieder mal das Völkerrecht definieren. Es gibt nämlich Staaten, die gar nicht zum Kreis der Atommächte gehören, die aber anerkannt werden, obwohl sie den Atomwaffensperrvertrag nicht unterschrieben haben, was eigentlich Bedingung ist für die Anerkennung der Staaten als (Atom-)Mächte, die in der Lage sein dürfen, diese gewaltigste aller Waffen als Mittel ihrer Politik zu betrachten.
Es gibt also Kommentare, die bemerken, dass das nicht gut zueinander passt: auf den Atomwaffen-sperrvertrag beharren und gleichzeitig eine Nation, die dem nicht beigetreten ist und sich nebenher zur Atommacht gemacht hat, offiziell zu würdigen und anzuerkennen. Manchmal gibt es noch den Schlen-ker Richtung internationaler Moral, wenn dazu gesagt wird, dass das doch ungerecht ist. Aber was ist mit dem Argument, dass das Völkerrecht umdefiniert wird?
   – Es gab von der US-Seite aus das Argument, Indien könne man keinen Vorwurf machen, weil es nicht im Sperrvertrag drin gewesen sei – insofern hätte es auch gegen kein Recht verstoßen.
Und dagegen kommt natürlich der Vorwurf: Ihr messt mit zweierlei Maß und dann sagen die USA mit obiger Begründung, dass das ja auch zwei verschiedene Fälle wären (Iran ist im Sperrvertrag), für die es verschiedene Maße geben müsse. Dies Argument ist ja eigentlich eher eine formelle Verbeugung vor dem alten Völkerrecht, bzw. dem Vertrag, wenn gesagt wird, dass man mit dieser Anerkennung Indiens den Vertrag ja nicht breche, ist also gerade keine Neudefinition des Völkerrechts.
   – Den Amerikanern könnte man doch schon mit der vertraglich festgelegten non-proliferation – also dem Verbot der Weitergabe an Nicht-Mitglieder – kommen.
 Das ist richtig, es gibt aber noch einen besseren Zeugen dafür, dass die obige Begründung der USA nicht der Ehrfurcht vor diesem Vertrag entspringt, denn nach dem Prinzip sagt doch der Musharraf, könnten die USA auch mit Pakistan die schönsten Beziehungen eingehen – ganz abgesehen davon, dass Pakistan doch sowieso der strategische Verbündete gegen die Bösewichter auf der Welt ist. Aber das bewegt sich ja alles noch im Feld des Herumrechtens. Jetzt gibt es die Behauptung, dass damit das Völkerrecht irgendwie neu bestimmt wird. Was ist denn da dran?
   – Jedenfalls macht sich Amerika wieder ein Stück weit zu der Instanz, die entscheidet, was einem Staat erlaubt sein soll und was nicht; die darüber entscheidet, ob Indien als Atommacht anzuerkennen ist oder weiter mit Sanktionen zu belegen. Umgekehrt beim Iran, dass es nicht ausreicht, sich an die Bestimmungen des Vertrags zu halten, sondern dass denen sehr viel mehr zu verbieten ist als durch den Vertrag an Nutzung von Atomkraft verboten ist.
Amerika macht sich also zum Subjekt dieser Entscheidung. Und was ist ihr Inhalt, wenn man mal den Gesichtspunkt des Völkerrechts darauf anwendet? Das Völkerrecht selbst ist erst mal eine Abstraktion von allem, was Staaten intern sind und was sie nach außen treiben: Sie erkennen sich wechselseitig formell als Souverän, als ihresgleichen, an und abstrahieren dabei in diesem Anerkennungsakt von all dem, was sie sonst so sind. Das kommt dann schon zu seinem Recht, deswegen ist das Völkerrecht ja auch so windig, aber es ist das Fundament, auf dem Staaten miteinander verkehren und das Kompro-misse, die dann der Inhalt von Verträgen sind, erst ermöglicht – das Völkerrecht per se ist also kein Kompromiss von Staaten untereinander. Das jetzige Vorgehen der USA diskriminiert die anderen Staaten, und zwar im Sinn von: Unterscheidungen treffen. Dem Musharraf zum Beispiel wird klar gemacht, dass man mit Indien einen deal macht, weil es eine ganz andere Geschichte (und jeder hört natürlich gleich: viel mehr Geld, Waffenbedarf und Markt anzubieten) habe als Pakistan, deswegen müsse es sogar nach den Maßstäben dieses Vertrags, anders behandelt werden. Zu Iran: Das Völker-recht kennt die Kategorie ‚Schurkenstaat’ eigentlich nicht. Man kann als Staat irgendwelche anderen Staaten für Schurken halten, aber das ist dann Inhalt der jeweiligen Politik – so will es der Formalis-mus des Völkerrechts, die Wahrheit ist das nie gewesen, aber eben die rechtliche Prämisse für den Umgang miteinander. Wenn die USA Staaten diskriminieren, dann wird an die Stelle der wechselseiti-gen Anerkennung der Souveräne deren Überprüfung gesetzt und die formelle Behandlung – was steht dem anderen Staat zu? – nicht aus dem Prinzip der Souveränität hergeleitet, sondern aus der Einschät-zung des Regimes, das sie da vorfinden. Es gibt für das Urananreicherungsverbot gegen den Iran kein anderes Argument als den Verdacht, dieses Regime könnte eine Atombombe bauen und die ‚missbrau-chen’.
   – Die Staaten erkennen einerseits im Völkerrecht die anderen als ihresgleichen an unter Abstraktion von dem, was sie eigentlich darstellen. Bei der non-proliferation ist aber doch gerade ein Unterschied der Ausgangspunkt, nämlich der zwischen den Staaten, die zu recht Atomwaffen haben und einem Rest der Staatenwelt, die sie nicht haben sollen. Da ist doch der Unterschied der Ausgangspunkt der Konstruktion.
Das ist der sachliche Ausgangspunkt der Konstruktion. Der formelle, im Völkerrecht festgelegte Un-terschied ist eine freiwillige Vereinbarung auch derer, die keine Atomwaffen haben und die als formell Gleichberechtigte einen deal unterschrieben haben, der den Inhalt hat: Wir verzichten und Ihr rüstet ab. Wie immer bei Verhandlungen und Verträgen gibt es unterschiedliche Ausgangspunkte und Interessen der staatlichen Subjekte, die diese gegeneinander geltend machen wollen; in diesem Fall sind die einen Atommächte und die anderen sind keine. Und es ist das Interesse der Atommächte, unter sich zu blei-ben und das Interesse der anderen nicht unbedingt, dass alle aufrüsten können, sondern – weil sie sel-ber das voraussichtlich eh nie schaffen – wollen sie es den anderen, die (auch) noch keine Atommächte sind, verbieten. Das ist das Interessenskonglomerat und auf der Basis wird dann gleichberechtigt ver-handelt und der Vertrag gilt dann auch nur für die, die ihn unterschrieben haben – es gibt Kündigungs-regeln, eine Überwachungsbehörde usw. Der Ausgangspunkt war schon: Wer ist schon Atommacht und wer nicht, aber die Unterscheidung: Wer ist böse und wer ist gut, steht wirklich nicht in dem Ver-trag – das haben die Amerikaner eingeführt. Sondern in dem steht, dass die Atomwaffen nicht verbrei-tet werden sollen, getrennt davon, was die einzelnen Staaten mit ihnen vorhaben könnten.  Und dabei geht es nicht um einzelne Staaten und deren eventuelle besondere Zwecke. Wenn die USA jetzt be-schließen, Indien in die Reihe der Atommächte aufzunehmen, obwohl das vom Vertrag her nicht vor-gesehen war, dann ist das – nach seiner völkerrechtlichen Seite hin gewürdigt und nicht nach seiner inhaltlichen – der Widerruf dieses Prinzips, Souveränität wäre der Ausgangspunkt aller zwischenstaat-lichen Vereinbarungen. Dies Prinzip existiert schon ein Weilchen, nämlich seit dem 30-jährigen Krieg, an dessen Ende ein völkerrechtliches Prinzip gestanden hat, das diese Abstraktion in einem staatsrecht-lich elementaren Bereich formuliert, nämlich dass jeder Staat auf seinem Gebiet die Religion regeln darf und ihm kein anderer Staat da reinzureden hat. Das ist schon die Verankerung des Grundsatzes, dass auf staatliche Souveräne keine moralischen Grundsätze anzuwenden sind, sie sind als Staat selber Herr dessen, was bei ihnen als Moral gilt. Diese gegenseitige Bescheinigung der moralischen Immuni-tät strahlt ja sogar noch auf die Diplomaten und Geheimdienstler bis hin zu BND-Beamten in Bagdad aus. Und an diesen Grundsatz wird gerührt, wenn jetzt die USA diskriminieren, und zwar nach dem Gesichtspunkt: Welcher Staat, bzw. welches Regime, das gerade an der Macht ist in einem Staat, er-scheint uns zuverlässig und welches nicht? Danach richtet sich dann, was die dürfen, also danach hat sich die Auslegung der Verträge zu richten. Wenn sie die Inder gerade nützlich finden, dann fallen die auf die positive Seite der Diskriminierung und die Iraner, die sich unbeliebt gemacht haben, werden ins negative diskriminiert. Das haben übrigens die Russen den Amerikanern schon einmal in bezug auf den Iran gesagt, dass sie den Übergang machen würden von einem Regelwerk, das eine Sache festlegt zur Begutachtung der Staatenwelt und dass das nicht das völkerrechtlich angesagte Verfahren sei.
Der Übergang vom rechtlichen Formalismus zwischen Staaten auf das Interesse ist gegenüber dem Prinzip ‚Koalition der Willigen gegen Schurkenstaaten’ kein übermäßiger Fortschritt, was die Prinzi-pien betrifft. Dass Indien als wichtiger und williger Koalitionär vereinnahmt und gewürdigt wird, ist das Neue. Aber was gibt das her bezüglich des Fortschritts des Imperialismus im 21. Jahrhundert, außer einer neuen Kräftekonstellation, die für sich genommen weniger interessant ist?
Man kann alle möglichen Adressaten dieses deals zwischen den USA und Indien durchgehen, und die Leitartikelschreiber kennen sich plötzlich alle aus, aber erst mal ist es ein deal zwischen den USA und Indien. Es passt zu der  Politik der USA, die Welt auf sich hin zu sortieren, also ihr Interesse – was eigentlich nichts Besonderes ist – zur Messlatte der Behandlung anderer Nationen zu machen, aber das gleich so zu handhaben, als wäre damit eine bindende Prämisse für alle anderen Staaten auf der Welt, das ist das Besondere. Denn es ist ja allen Staaten klar, dass die Anerkennung Indiens durch die USA eine Prämisse für alle anderen sein soll. Und das ist nicht bloß ein: So hätten sie es gern, sondern damit schaffen sie ja Fakten, wie Indien sich jetzt in der Welt betätigen wird und wie die USA mit ihrer gan-zen Macht sich auf Indien beziehen. Da sind natürlich alle anderen Staaten mitbetroffen, die sind Ad-ressaten der Aktion. Auch die NATO ist dadurch betroffen, dass es eine neue Atommacht gibt, der Chirac hat das vielleicht in seiner Rede neulich antizipiert, in der es drum ging, dass Frankreich als Atombombenbesitzer diese auf den Iran schmeißen könnte – damit nicht in Vergessenheit gerät, dass die Franzosen auch eine force de frappe haben. Die Atommächte unter den NATO-Mächten sind sicher auch herausgefordert, weil die nicht gefragt wurden, genauso die Russen, obwohl sie doch zweitgrößte Atommacht sind, also auch eine Brüskierung nach der Seite hin. Das ist wie eine Eröffnung von lauter Fronten gegenüber allen anderen, die damit jetzt konfrontiert sind: Pakistan ist betroffen, die Chinesen sowieso, die sollen als erste die Adressaten sein. Mit diesem Akt soll ein Faktum in die Weltpolitik eingeführt werden, an dem alle anderen Nationen jetzt maßnehmen sollen und müssen. Es ist ein Ne-benwitz, dass mit der Anerkennung Indiens als Atommacht Geschäfte ermöglicht oder erschwert wer-den – Russland z.B. ist jetzt nicht mehr der Hauptlieferant im Atomgeschäft mit Indien. Das Wichtige ist, dass mit diesem deal Indien einen neuen Status bekommen soll, auf den alle anderen Nationen der Welt sich anerkennend beziehen sollen. Vor allem die Nationen, die sich ein Monopol auf Atomwaffen zugerechnet haben, Russland in erster Linie, sollen zur Kenntnis nehmen, dass die USA eine Verfü-gung getroffen haben in bezug auf Indien und wie dieses Land in der Welt dasteht.
   – Gleichzeitig bedeutet dieser neue Rechtsstatus auch eine Verpflichtung gegenüber den USA, denn da ist ja ausgemacht worden, wofür Indien jetzt gerade zu stehen hat im US-Kriegsprogramm gegen den Iran und Syrien.
Indien profitiert also auf der einen Seite von dieser Diskriminierung, deren Inhalt ist, dass es durch diese völkerrechtliche Würdigung einen Status bekommt im Verhältnis der Nationen, aber das hat seinen Preis: Indien erkennt damit an, dass seine jetzige Rolle in der Welt nicht seine Leistung ist – auch wenn es im Vorlauf schon einiges zustande gebracht hat als Computer- und Atommacht.  Deshalb gab es im Land auch eine ziemlich starke Gegenfraktion, weil man sich dann von den USA abhängig machen und damit die Politik der relativen Autonomie aufgeben würde. Was konkret daraus folgt, wird man sehen, aber für den Imperialismus heute bedeutet das: Die Amerikaner stellen sich auf als Platzanweiser und wer sich so seinen Platz anweisen lässt, erkennt diese Rolle der USA implizit mit an – das ist ein Moment von Einverständnis mit der Funktionalisierung durch die USA. Das ist das prinzipielle Moment, das über den Formalismus des Völkerrechts hinausgeht, denn in dem Maße, wie der neue Status Indiens jetzt gilt, ist das ein Dokument der Ohnmacht aller anderen, denn er ist ohne jede Nachfrage bei ihnen zustande gekommen. Dass Zimbabwe nicht gefragt worden ist, ist nicht er-staunlich, aber dass weder die eigenen NATO-Partner noch Russland als bisheriger Hauptverbündeter Indiens gefragt worden ist, zeigt, wie eine Weltmacht zu Werke geht und dass ‚Weltmacht’ nicht nur eine Metapher ist.
Die bisher unwidersprochene Betätigung der USA als Platzanweiser der Nationen ist für das globale Kräfteverhältnis viel entscheidender als die Aufwertung, die Indien jetzt erfährt, in der ein ganzes Stück Degradierung dieser Macht enthalten ist: Auch Indien wird quasi eingereiht unter Amerikas Klienten. Das können sich die USA offensichtlich herausnehmen, und es ist nicht so, dass der Rest der Welt lacht oder sich dagegen verwahrt. Mal ein Vergleich mit dem Plädoyer Schröders für eine Auf-hebung des Waffenembargos gegen China: Da hat er sowohl bei den USA als auch bei seinen EU-Partnern auf Granit gebissen. Es gibt eine Einigkeit des Westens über die Beschränkung der Macht Chinas, das Waffenembargo ist dafür das Symbol. Und der Versuch der Deutschen und Franzosen, über das Symbol die Sache ein bisschen zu kippen, also die Beschränkung mindestens zu lockern, hätte (wenn er denn gelungen wäre) bedeutet, sie können über den Stellenwert Chinas heute in der Weltpoli-tik mitentscheiden. Damit sind sie voll aufgelaufen.
 Der Gedanke "ist doch klar, dass die USA dem Rest der Staatenwelt ihren Status zuweist", ist ein Kalauer, dem entgeht, dass wenn an der Weltpolitik überhaupt etwas wert ist, bemerkt und beurteilt zu werden, es die Frage ist, wie die USA das schaffen, also wie die Welt funktioniert, so dass eine Macht glatt über den Status von x anderen Mächten entscheidet. Wie das geht, so ein Monstrum wie die NATO vor vollendete Tatsachen zu stellen und wie das fortgeschrieben wird. Man erlebt gerade, wie die USA um ihre Rolle als Weltmacht ringen, die ist doch nicht einfach gegeben, so was will doch durchgesetzt sein und das macht den Imperialismus heute aus. Mit all den Statuszuweisungen, die die USA vornehmen, sind sie ja darauf aus, sich die Anerkennung durch den Rest der Welt mit einzuhan-deln. Deswegen ist der Besuch in Indien erst mal nur ein erster Akt, der neue Status von Indien will  – abgesehen davon, dass er im Kongress noch durchgesetzt werden muss – von den anderen Mächten Stück für Stück anerkannt und reflektiert sein; das Kräfteverhältnis will jetzt erst mal verschoben sein. Es ist gar nicht klar, dass die ganze Welt sich danach richtet, aber darauf beziehen muss sie sich schon. In der ‚Koalition der Willigen’ wurden sie genötigt, den negativen Status des Irak  als outlaw anzuer-kennen, während jetzt Indien zur befreundeten Atommacht erklärt wird. Hier fällt natürlich das Argu-ment der USA weg, dass wegen einem gemeinsamen Feind Gefolgschaft angesagt sei – und jeder Staat gehalten ist, entsprechend mit den Indern zu verkehren. Von diesem Vorgehen der USA sind die fünf oder sechs Mitspieler auf der Welt verschieden betroffen. In Japan z.B. hat er auch nicht nachgefragt, ob es vielleicht Atommacht werden möchte, wenn schon Indien Atommacht geworden ist, die Japaner sind noch viel mehr betroffen als die NATO, denn die wollten ja immer die asiatische Hauptord-nungsmacht spielen, und sind schon durch China sehr relativiert in ihrer Bedeutung. Pakistan war sowieso beleidigt. Man wird sehen, wie die Welt der Diplomatie darauf reagieren wird – vielleicht fährt der Putin nächstens nach Indien unter dem Motto: unsere Koalition ist viel historischer...