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Zu den Mohammed-Karikaturen
-Was ist davon zu halten, dass es hierzulande allen Ernstes
Plädoyers dafür gibt, die in einer dänischen Zeitung erschienenen
Mohammed-Karikaturen nachzudrucken, um ein Zeichen für den Wert der
Meinungsfreiheit zu setzen? Das geht
bis zur erregten
Leserbriefdebatte, warum
die ‚Frankfurter Rundschau’ diese nicht abdruckt, wo sie doch
für
Meinungsfreiheit und linksliberal sei. Grad wegen des weltweiten
Protests müsse
man nun erst recht Flagge zeigen oder auch deswegen, weil sie ‚Die
Welt’ schon
‚angstfrei’ abgedruckt hat. Viele Redaktionen machen sich die Frage
schwer:
soll man, muss man nicht sogar ... Alles als Bekenntnis zum hohen Wert
der
Meinungs- und Pressefreiheit, eine der schönsten Töchter der
europäischen
Aufklärung.
— Früher wurde
im Sozialkundeunterricht gelehrt, Pressefreiheit sei wichtig gegen
Zensur von
Machthabern und nicht wie in diesem Fall gegen protestierende Gläubige.
Da könnte man in zwei Richtungen weiterdenken: Zum einen:
Was ist das für ein Wert, der in der Aufklärung aufgebracht, nach der
Nazizeit
von den Amis aufgenommen und mit dem schließlich Osteuropa beglückt
wurde. Zum
andern könnte man nach der Besonderheit dieser neuen Frontstellung
fragen.
— Hier den Wert
der Meinungsfreiheit hochzuhalten, lässt den Inhalt der Karikaturen
weg, dass
es sich um politische Zeichnungen handelt, wenn man einen
Religionsgründer als
Bombenleger darstellt.
Die Politiker verweisen darauf, dass der Respekt vor
religiösen Gefühlen nicht fehlen darf.
— Die
Zeitungen, die das nachdrucken, erheben den Anspruch, die Muslime
müssten sich
diese Beleidigung im Namen der Meinungsfreiheit gefallen lassen.
— Mit diesem
Verweis wird der Vorwurf der Muslime an die zurückgegeben: Ihr greift
damit
einen hohen Wert an, an dem darf nicht gerüttelt werden. So wird
umgekehrt ein
Generalangriff auf die Beleidigten draus, wobei auf den Inhalt der
Beleidigungen nicht mehr eingegangen werden muss.
Zur Beleidigung ist noch anzumerken: Dazu gehören immer
zwei: Einer, der den andern bei der Ehre packt und sie ihm abschneiden
will,
und den andern, der dort seine Ehre auch wirklich hat. Also eine
gewisse
Idiotie gehört zum Beleidigtsein dazu. Das wäre eine dritte Debatte:
Was ist
los, wenn ein Zeitgenosse des 21. Jahrhunderts wegen einer gemalten
Figur
beleidigt ist?
Aber vorher waren wir dabei: Diese Kennzeichnung wird der
Sache nicht gerecht. Was findet da statt? Das ist doch eine
2-Stufen-Rakete:
erstens diese Karikaturen und zweitens der Umgang mit der Empörung in
der islamischen
Welt; und der polemische Verweis drauf, dass wir hier schließlich einen
Wert
hochzuhalten haben, der mindestens so wertvoll ist wie ihr Mohammed,
nämlich
die Meinungsfreiheit. Was macht diese Sache so brisant? Wenn auch von
den
Muslimen hier notgedrungen versucht wird die Sache runterzuspielen; der
Gesichtspunkt,
unter dem die Massen in den muslimischen Ländern agitiert werden und
sich
aufregen, der sieht das nicht so harmlos.
— Die
Auseinandersetzung hierzulande mit dem Islam ist das Feindbild
zu der
Feindschaft, die die USA (und die Hiesigen) auf die Tagesordnung
gesetzt
haben. Die sagen nicht, wir haben einen imperialistischen
Korrekturbedarf, da
stören bestimmte Staaten, sondern sie sagen, die Systeme, gegen die wir
vorgehen, sind unsittlich verfasst. Damit rechtfertigen sie ihr
Vorgehen als
ein Prinzip: Es geht gegen Terrorismus, also illegitime Gewalt, und
diese hat
einen Zusammenhang mit dem Islam. Seit dieser Zusammenhang hergestellt
ist,
wird man hierzulande damit belämmert, was es mit dem Islam auf sich
hat: ob er insgesamt
eine Brutstätte für Terrorismus ist oder nur der -ismus, dass sie
überhaupt die
Rechte der Frauen mit Füßen treten usw. Die Feindschaft der Herrschaft
wird in
eine Prinzipienfrage transformiert und in Form dieser Prinzipienfrage
verhandelt. Zur Feindschaft gehört das Feindbild als notwendige
Transformation
der tatsächlich stattfindenden Feindschaft in eine Frage von
Prinzipien, wo das
eigene sittliche Prinzip gegen die Unsittlichkeit der anderen
Herrschaft und
ihrer Verfasstheit steht.
Das kann man weiterführen, wenn man zwei Sachen dazunimmt:
Es gibt einen Terrorismus, der sich gegen den Westen (oder Israel)
richtet und
der sich auf den Islam beruft, also seine (Gegen-)gewalt oder Militanz
mit
einem göttlichen Auftrag rechtfertigt. Das ist die eine Seite. Da ist
von denen
her Religion und das Aufbegehren zusammengeschlossen. Auf der anderen
Seite,
wenn das so ist und die Karikaturen das aufspießen, was soll dann die
Einlassung: Religiöse Gefühle darf man nicht beleidigen. Was denn nun?
Wenn der
Islam die Rechtfertigung für Terrorismus ist, müsste man auch ihm was
ankreiden
können. Oder ist er nur eine Religion, die man in Ehren halten muss?
— Für die islamischen Terroristen
fällt Nationalstolz und ihre religiöse
Überzeugung
zusammen. Der Westen verlangt, Religion und Staat zu trennen.
Ja, diese politsystematische Richtlinie würde man ihnen
gerne verpassen. Das religiöse Gefühl oder so einen Unsinn kann man den
Selbstmordattentätern aber nicht absprechen, wenn sie die eigene Person
opfern.
Darauf gehen einige dieser Karikaturen. Gleichzeitig wird gesagt, vor
so was
müsse man Respekt haben bis hin zu, dass sich das verkommene Abendland
davon ne
Scheibe abschneiden kann. Merkel und Köhler sagen, Gewalt wird
abgelehnt, aber
religiöse Gefühle sind wertvoll. Wie ist hier die Unterscheidung? Da
wurde
schon gesagt: Es ist ein Unterschied zwischen Benutzen einer Religion
und dran glauben.
— Die hiesigen
Politiker halten dem Islam genauso wie jeder anderen Religion zugute,
dass er
funktional ist im Sinne des Zurechtkommens. Die vielen ehrbaren
arbeitsamen
Muslime hierzulande schätzen wir als welche, die funktional sind im
hiesigen Getriebe,
an Allah glauben und keine Bomben schmeißen.
Verallgemeinert: Worauf zielt diese Kombination aus
Kritik und Anerkennung?
— Das geht auf
die Unterscheidung zwischen der säkularisierten Religion, die geschätzt
wird,
und dem Islamismus, der den Inhalt der Religion zu einem politisch
durchzusetzenden Programm machen will und dann in Gegensatz zum
kapitalistischen Getriebe gerät. Sie unterscheiden zwischen der
kapitalistisch
funktional gemachten Religion, die für den Islam genauso gilt wie fürs
Christentum,
und der gegen die hiesige Weltordnung hochgehaltenen Religion als
politisches
Programm.
— Merkel etc.
zielen nicht nur auf diese theoretische Unterscheidung, sondern unsere
Politiker wollen, dass die betreffenden Staaten sich von ihrem
militanten Islamismus
distanzieren und den bekämpfen im Sinne ihres Antiterrorkampfes.
Noch mal zur Unterscheidung selbst: Das ist die bei uns zur
Gewohnheit gewordene Unterscheidung zwischen religiösen Ansichten, der
Befangenheit in einem Weltbild für das man keine Gründe hat, aber
glaubt, und
dem politischen Willen, den man daraus ableitet. Wie wird diese
Unterscheidung
angesetzt. Da war vorhin von Heuchelei die Rede. Ist denn jeder
politische
Wille, den einer aus seiner Religion ableitet, verwerflich? Ist denn
das Prinzip,
aus religiösen Gründen heraus etwas zu treiben, per se von übel? Da
müsste man
als erstes Bush verhaften, der ständig seinen Gott anruft, der Amerika
segnen
möge.
‑ Verwerflich ist
aus seiner Überzeugung eine Gegnerschaft abzuleiten.
Eigentlich geht es gegen die falsche Gegnerschaft.
Das Kriterium heißt aber nicht, wir unterscheiden: Welche Religion ist
für uns
und welche nicht. Sondern das Unterscheidungsbedürfnis kommt aus der
Stoßrichtung des politischen Willens, der sich auf seine Religion
beruft. Das
Kriterium ist, überhaupt das Politisieren dem politischen Verstand der
Zuständigen zu überlassen und die politischen Aktivitäten denen, die
die
Politik machen und die man gewählt hat, also aus seinem religiösen
Bedürfnissen
nur keine Imperative für die Politik ableiten. An diesem Formalismus
macht sich
das fest (Stichwort: Säkularisierung). Eine Privatreligion ist recht,
deswegen
darf der Bush als Privatperson seine Kabinettssitzung mit einem Gebet
einleiten
und die andern als Privatpersonen auch dazu auffordern, aber
anschließend wird
über die letzten CIA-Berichte aus Afghanistan verhandelt oder sonst wie
knallhart Politik gemacht. Das ist der Vorwurf an die Islamisten: Die
wissen
nicht, wo die Zuständigkeit ihrer Religion aufhört. Das
ist die
formelle Einschränkung im Prinzip in die Privatsphäre rein. Das hat die
andere
Seite: Politik folgt ihren Kriterien und nicht dem, was religiöse
Moralisten in
ihrem ansonsten funktionalen Glauben an höhere Mächte womöglich an
Imperativen
für die Herrschaft ableiten möchten. Als wollten sie explizit sagen:
Als Rechtfertigung
der Knechtschaft ist uns Religion recht, als Begründung
für
Ansprüche an die Herrschaft ist sie aber deplaziert.
Das beruft sich auf ein Prinzip, das heißt Aufklärung. Da
haben wir gelernt: Man muss das unterscheiden. Und der öffentliche
Raum, in dem
die Religion als Norm nichts zu suchen hat, beginnt da, wo es
um
Meinungsäußerungen geht. Da darf man, vom Standpunkt der Religion her,
niemandem etwas verbieten.
Das wäre das eine Thema für heute: Ist das bloße
Heuchelei, wenn gesagt wird, dass Meinungsfreiheit nicht verletzt
werden darf
und dabei gibt es doch die ihnen passenden Grenzen? Das andere, immer
noch
nicht ganz fertig, betrifft die Qualität dieser Karikaturen und des
Vorwurfs an
den Islam, er wäre ein Sumpf des Terrorismus.
Die Kritik am Islam setzt da an, wo er eine andere Rolle
spielen will als die hiesige Religion.
— Wenn die
Religion die Tauglichkeitsprüfung vor dem Staat besteht, hat sie sich
der
Meinungsfreiheit unterzuordnen.
Mit Meinungsfreiheit ist ein Grundsatz aufgerichtet, der
im Moment eine enorme Bedeutung bekommen soll als Abgrenzungskriterium
zu einer
ganzen falsch verfassten Region. Der Kapitalismus hat doch ganz andere
Abgrenzungskriterien:
wie viel an einem Land zu verdienen ist, was es einem zu verkaufen hat.
Was ist
da los?
Wenn in der heutigen kapitalistischen Welt mit ihren
Gegensätzen auf einmal die Unterscheidungslinie, wie ein Staat es
einerseits
mit der Religion, andererseits mit der Meinungsfreiheit hält, die
weltpolitisch
maßgebliche Einteilung hergeben soll, ist das schon Heuchelei höchsten
Grades.
Die Erbitterung, mit der das Ganze verhandelt wird, zeigt umgekehrt,
dass
offenbar doch mehr dran ist als dass haufenweise Leute beleidigt sind.
Das
macht der Zusammenhang, in dem diese Karikaturen stehen, aus. Dieses
aufgemalte
Feindbild entspringt einem Ausgrenzungs- und Abgrenzungsbedürfnis,
steht in
Zusammenhang mit vom Westen eingeführten Feindschaften. Eine
Feindschaft gegen
eine ganze Kategorie von Staaten, die unter dem Urteil, da sei der
Sumpf des
Terrorismus zu Hause, subsumiert sind, und der unbedingt ausgerottet
gehört,
indem eine ganze Staatenwelt umgestellt wird. Diese
Feindschaftserklärung
richtet sich nicht nur gegen irgendwelche Potentaten, die ausgetauscht
gehören,
sondern ganze Gesellschaften einschließlich ihrer politischen
Verfassung müssen
auf eine neue Grundlage gestellt werden. Die Bebilderung einer solchen
Feindschaft ist für die islamische Welt der Beleg dafür, dass der
Westen ihre
ganze gesellschaftliche und politische Verfassung anfeindet.
— Die
protestierenden Massen richten sich nicht gegen den generellen Umgang
des
Westens mit ihren Ländern, sondern speziell gegen die Karikaturen. Was
genau
ist deren Vorwurf?
Der Vorwurf an den Westen lautet, die ganze Lebensart
inklusive Koran nicht gelten lassen zu wollen. Sie machen geltend, das
sie
insgesamt als islamisch orientiertes Gemeinwesen vom Westen angegriffen
werden,
dafür steht der Protest gegen die Karikaturen. Sie machen zwar einen
Fehler,
wenn sie die Anfeindung gegen ihre Staaten in Eins setzen mit einer
Verachtung
ihren Werten gegenüber, aus denen sie ihre Staatsräson ableiten, aber
den
Zusammenschluss machen sie schon. Dabei haben sie natürlich keinen
Begriff von
der politischen Ökonomie ihrer Heimat. Die feindselige Ausgrenzung
einer ganzen
Weltregion aus dem, wo heutzutage legitim Macht und Reichtum unterwegs
sind,
gehört zu ihrem Erfahrungsschatz. Dieser wird eingeordnet in
ein Bild
von der Welt, das aus Freunden und Feinden zusammengesetzt ist. Für
diese
Erfahrung des Übelwollens ist kein Begriff des modernen Kapitalismus
nötig. Die
Erfahrung der Armut, nicht einmal unbedingt der eigenen, reicht, um
sich daran
zu stören, dass die große Welt, die das Geschehen bestimmt, einen Teil
der Welt
auf keinen grünen Zweig kommen lässt.
Beleidigt sein wegen Karikaturen ist eine oberflächliche
Betrachtung eines Aufruhrs einer ganzen Weltgegend, der sich aus
praktizierter
Feindseligkeit, Ausgrenzung und Ausnutzung speist. Von beiden Seiten
gibt es zu
dieser Konfrontation die passenden Feindbilder. Die islamischen Länder
fühlen
sich schon in ihrem ersten Anliegen, später einmal in den Himmel kommen
zu
wollen, nicht anerkannt. Was ist aber hier los, wenn hiesige Zeitungen
diese
Karikaturen nachdrucken und ernsthaft behaupten, das der
Meinungsfreiheit
schuldig zu sein? Ist das nur der Vorwand, um diese Gemeinheiten mal
abzudrucken, das Feindbild mal wieder genießen zu können?
Dieser Prüfstein, wie es die dort mit ihrer Religion
halten, wird an die gesamte Region angelegt. Keiner im Westen sagt auf
die
Reaktionen der islamischen Welt einfach, die Karikaturen hätten recht.
Auf
einer höheren Stufenleiter bemerken sie dann schon: An der Tatsache,
dass
randaliert wird, sieht man, dass die das elementare Prinzip, das den
guten
Staatsbürger und den anständigen Staat ausmacht (religiöse Gefühle zu
haben und
daneben die Meinungsfreiheit ihren Gang gehen zu lassen), überhaupt
nicht
beherrschen. Die in der Empörung über die Karikaturen erkannte Absage
an das
Prinzip der Meinungsfreiheit ergibt ein viel schöneres Feindbild als
das in den
Karikaturen Dargestellte. An der Nichtrespektierung des hohen Werts der
demokratischen Meinungsfreiheit ist zu sehen, wie rückständig die
islamische
Welt ist, die endlich auf eine demokratische Basis gestellt gehört.
‑ Kommentar in
der SZ: Da unten gehört aufgeräumt, weil sie mit ihren Aktionen Europa
spalten
würden.
Der politische Konflikt wird vom Westen aufgenommen als
politischer Grundsatzstreit. Im Namen des Prinzips der Meinungsfreiheit
muss
Europa zusammenstehen.
Zur Meinungsfreiheit
Braucht man die Meinungsfreiheit, um eine Meinung zu
haben? Wenn einer sagt „Ich mein ja bloß“, kann man gleich auf die
Äußerung
verzichten und lieber Musik anhören. Wenn jemand etwas äußert, hält er
es
zunächst für wichtig und richtig genug, es anderen Leuten mitzuteilen.
Das kann
ein Urteil sein. Bei der Verständigung über irgendeinen Gegenstand will
man
über diesen Gegenstand was erfahren und nicht nur eine Meinung
dazu
hören. Entweder wird ein Urteil gefällt, für das man Gründe hat, oder
man hat
ein Interesse anzumelden. Keiner hat eine Meinung und äußert sie, nur
weil er
die Freiheit dazu hat. Was ist das für ein Bedürfnis, meinen zu dürfen?
Wie
jede Freiheit, jeder Wunsch danach, unterstellt auch die
Meinungsfreiheit eine
Instanz, die das verbieten kann. Das Bedürfnis, das einer hat, ist eine
Mitteilung, eine Äußerung anzumelden, und nicht dies zu dürfen.
Das ergibt sich allemal daraus, dass einem das jemand verbietet bzw.
verbieten
kann. Gedanken- und Meinungsfreiheit ist ein Zulassungsgesuch, das die
Autorität als Adresse unterstellt, diese zulassende Instanz anerkennt.
Was ist die Zulassung inhaltlich, wenn ein Staat
angesprochen ist als der, der Gedankenfreiheit gewähren soll, und diese
in
seine Verfassung aufnimmt? Während der Aufklärung war es der Protest
gegen eine
Autorität, die vorschrieb, wie über Gott und die Welt gedacht zu werden
hatte.
Und auch die Interessen, die der Einzelne haben und entfalten wollte,
konnte er
sich nicht aussuchen. Der Bauer war Bauer und der Handwerker hatte
gefälligst
bei einem Zunftmeister in die Lehre zu gehen. Selbst beim Gesang gab es
keine
Freiheit. Man hat eine ganze Welt von Zwängen, gegen die das einmal der
Protest
war. Jetzt wird die Autorität, die darüber befindet, selber gar nicht
in Frage
gestellt, sondern sie wird so angegangen, dass sie diese Sorte
Unterordnung
unter eine vorgegebene Systematik von Interessen, wo jeder so seinen
Platz hat,
sein lassen solle. Heute hat man einen Staat, der dem Prinzip zustimmt.
Eine Sorte Kritik kritisiert dieses Prinzip anhand seiner
Ausnahmen und verweist darauf, dass auch bei uns diese Freiheit
nicht
grenzenlos ist und da verschiedene Schranken gesetzt sind. In der Tat
gibt es
Ecken, wo der Staat Meinungen zu einer kriminellen Tat erklärt. Er will
dann
nicht mehr die geäußerte Meinung sehen, sondern den Übergriff. Es
handelt sich
hierbei um eine schlechte Kritik des Prinzips, wenn man seine Schranken
zum Argument
macht, weil man dadurch das Prinzip affirmiert. Was ist also die
Meinungsfreiheit für ein Ordnungsprinzip?
— Meinungsfreiheit schließt Akzeptanz
aller herrschenden
Interessen und Regeln ein.
Dazu gibt es noch ein Zwischenargument. Diese Freiheit zu
meinen hat ihren Preis: Die Gleichgültigkeit des Geäußerten. Wenn der
Gewährende und die Untertanen übereinkommen, dass jeder sagen darf, was
er
will, dann schließt das nicht nur ein, dass alles gilt, gleiche Geltung
hat,
sondern auch die Gleichgültigkeit des Geäußerten, dass es auf das nicht
mehr ankommen
soll. Meinungsfreiheit unterstellt, dass lauter Gegensätze unterwegs
sind:
Meinungsunterschiede, Interessensgegensätze, auch Unvereinbares,
Gegensätze
zwischen Unten und Oben. Die Gewähr, das alles sagen zu dürfen, ist das
Dekret
der Folgenlosigkeit des Äußerns. Das ist der Zwischenschritt zur
positiven
Seite: Wenn jede Äußerung folgenlos bleibt, dann ist die Geltung von
allen
Interessen und Regeln ganz jenseits von jeder vernünftigen oder sonst
wie
beschaffenen Auseinandersetzung in der Gesellschaft anerkannt.
Man äußert eine Meinung, um entweder Unterstützung für
sie zu erhalten, oder sie widerlegt zu bekommen. Das ist das
substanzielle
Verhältnis, das im Meinung-äußern drin steckt. Beides findet nicht
statt unter
der Obhut eines Staates der sagt: „Die Leute können reden, so viel sie
wollen.
Das, was tatsächlich in dieser Gesellschaft durchgesetzt wird, ist von
den
Meinungsäußerungen im Prinzip unabhängig.“
Bei Meinung darf man nicht an die alltäglichen
Geschmacksurteile denken, sondern an die elementaren Dinge des Lebens,
an die
organisierte Gemeinschaft. Es gehört gerade zum Wesen eines Urteils
dazu, dass
es ein Interesse als vernünftiges, als ein mit anderen abgeklärtes in
die Welt
setzt und auf Praxis drängt. Wenn man von der ‚privaten Meinung’ redet,
dann
handelt es sich um den bürgerlichen Rückzug dessen, was ein Urteil und
Interesse
eigentlich ist, in den luftleeren Raum der Meinungsfreiheit. Dass Leute
so
ticken und meinen: „Ich meine ja bloß“, also ihre Interessen und
Urteile nach
Maßgabe staatlicher Lizenz anfangen zu betrachten, kann nicht
ausbleiben, wenn
ein Staat seine Bürger Jahrhunderte lang dahin erzieht, dass von ganz
anderen
Instanzen und nach ganz anderen Argumenten, Kriterien und
Gesichtspunkten als
den ihren entschieden wird. In der Meinungsfreiheit eingeschlossen ist,
dass
auch die Macht sich von ihren Untertanen beurteilen lässt. Das legt
richtig
offen, dass diese Freiheit, über die Macht zu urteilen, voraussetzt und
einschließt, dass dieses Urteil über die Macht folgenlos bleibt.
Dem gegenüber gibt es in den vorsintflutlichen
Verhältnissen in einem islamischen Gemeinwesen nicht jede beliebige
Meinung
über die Herrschaft, und sie ist schon gar nicht freigesetzt. Aber ein
paar
Meinungen über die Herrschaft gibt es schon, vor allem die der
Schriftgelehrten, dass sie anständig sein und z.B. ihr Volk gut
behandeln soll,
so dass keiner verhungert. Mit dieser Meinung kann einer auftreten und
bei
seiner Herrschaft etwas einklagen. Nach dem Reglement dieser
Gesellschaft kann
sich einer nicht darauf zurückziehen und sagen: „Das ist deine Meinung,
aber
neulich hat mein Onkel etwas anderes gesagt.“ Dieses Postulat steht und
hat
seine Wucht, weil dahinter der Grundsatz steht, dass daran, dass sich
die
Herrschaft daran bewährt, die Loyalität des ganzen Volkes hängt. Bei
uns darf
jeder über die Herrschaft seine kritische Meinung haben, aber eine
Herrschaft,
die sich auf eine dieser Meinungen verpflichtet, verfehlt ihren Job.
Als
Gegenbilder: Eine Planwirtschaft durchexerzieren, in der sich alle
Interessen
irgendwie vernünftig miteinander vermitteln, wo erst einmal der Bedarf
ermittelt wird und wie man ihn deckt, ist nicht im System der
Meinungsfreiheit
drin. Oder würde man Wissenschaft nach dem Muster der Meinungsfreiheit
organisieren, käme man nicht einmal in die Nähe von Einstein. Auch in
der
Rechtschreibung herrscht keine Meinungsfreiheit, was den Vorteil hat,
dass man
das, was ein anderer schreibt, auch lesen kann.
— Über
Meinungsfreiheit kann sich doch auch eine Gegnerschaft gegen den Staat
aufbauen? Insofern steckt doch in Meinungsfreiheit auch das Moment der
Infragestellung der Herrschaft und nicht nur das der Unterordnung.
Nein. Meinungsfreiheit hat immer den Charakter eines
Gesuchs. Sonst hat man eine Meinung, eine Kritik, für die man
Zustimmung
bei anderen sucht. Und findet man genug Mitmacher, dann wird die
Herrschaft
womöglich gekippt. Das hat mit Meinungsfreiheit nichts zu tun. Die
Forderung
nach Meinungsfreiheit richtet sich gegen eine Herrschaft, die
sie nicht
zugestehen will. Wenn man aber gar keine Meinung hat, die die
Herrschaft
angreift, warum soll sie die dann nicht gewähren? Wenn man umgekehrt
eine
Meinung hat, die die Herrschaft angreift, dann ist es die Meinung,
die
sie angreift, und nicht diese Lizenz der Obrigkeit zum Denken. Das
Fatale ist,
es gibt sogar Meinungsfreiheit für die Feinde der Freiheit.
Darin liegt
die Schranke, nicht darin, dass notfalls sogar die Polizei
aufmarschiert, wenn
der Staat an einer Stelle festlegt, dass das Äußern einer Meinung als Tat
zu werten ist wie bei Beleidigung oder Hochverrat.
—
Damit
ist klar, dass die Meinungsfreiheit für oben etwas wert ist.
So, wie die Menschheit erzogen ist, ist sie für beide Seiten
etwas wert. Wenn jemand nicht mehr will, als dass er seine
Meinung
äußern darf, dann ist er gut bedient und es ist nirgends ruhig.
Deswegen haben
wir auch 20 Privatsender mit irgendeiner Talkshow. Öffentlicher
Meinungsaustausch bekommt dabei auch ein neues Ziel und Kriterium: Wenn
er
praktisch werden möchte, dann will er Einfluss auf die Macht gewinnen.
Dann ist
die herrschende Instanz so sehr als die herrschende unterstellt, dass
man seine
eigenen Meinungen und die Werbung dafür schon danach einrichtet,
Einfluss auf
die herrschenden Ansichten zu bekommen. Es wird nicht mit Argumenten
operiert,
sondern mit Macht, z.B. der ideell vorgestellten Macht des Wählers, mit
Auflage
und Einschaltquote.
Spricht man von Meinungsfreiheit, spricht man davon, dass
es eine Autorität gibt, die über Freiheit und Unfreiheit entscheidet.
Ohne
Autorität gibt es keine Freiheit; Freiheit ist immer ein Verhältnis zu
einer
Instanz, sei es die stärkere Gewalt, sei es die höhere Gewalt, die
einem etwas
verbieten kann. Bei Meinungsfreiheit reden wir jetzt über ein
begrenztes
Prinzip der bürgerlichen Staatsgewalt, wie die sich auf der Ebene des
Sich-Äußerns zu den Interessen und Urteilen der Bevölkerung stellt. Da
ist die
Freigabe der Meinung und dass man sie äußern darf auf der anderen Seite
gleichbedeutend mit der Emanzipation der Herrschaft von diesen
Meinungen. Wohin
diese Emanzipation dann führt - dass darin eine ganze Welt von
staatlich
arrangierten Sachzwängen eingeschlossen ist, die dann „die Realität“
bilden, an
der sich jedes sachliche Urteil von Untertanen orientiert -, ist etwas
anderes.
Aus dem Grundsatz der Meinungsfreiheit sind diese Fortsetzungen nicht
abzuleiten.
Jetzt so zu tun als wäre dieser Punkt: ‚In der modernen
Staatsräson darf man sagen, was man möchte’, wirklich das Unterscheidungskriterium
zwischen Herrschaft und Knechtschaft, und das inmitten einer
kapitalistisch
durchorganisierten Welt wie der unseren heute, hat schon etwas
Lächerliches an
sich. Hier wurde bisher nur darüber geredet, von welchem wuchtigen
Prinzip die
Meinungsfreiheit quasi eine Ausführungsbestimmung ist.
— Es ist ja
auch nicht so, dass die Meinungsfreiheit für sich genommen leisten
würde, dass
sich alle so zum Staat stellen.
Weder das, noch ist damit schon alles über die Verhältnisse,
in denen die Leute leben, gesagt. Es ist auf einer formellen Ebene sehr
viel
entschieden. Den Kapitalismus kann man aus der Meinungsfreiheit nicht
ableiten.
Es wurde vorhin schon einmal
gesagt, dass der Westen den Islam mit Meinungsfreiheit gut treffen
könne. Man
darf dies nicht mit dem Urteil verwechseln, was man selber über den
Unterschied
von Meinungsfreiheit und dem, dass die drüben Glauben als
Staatsgrundlage
haben, weiß: Dort gibt es von Staats wegen andere Sorten moralischer
Verpflichtung, wie sich gelebt gehört, es gibt anderen Einigungsbedarf
und
Einigungszwang. Wenn man sagt: Meinungsfreiheit contra Islam, dann ist
das nicht
dasselbe wie: Freiheit contra Unterdrückung. Das ist nicht die
Opposition. Die
wird aber von hier aus gekonnt aufgemacht wie früher gegen den Osten.
Noch
heute wird im Rahmen der Stasi-Debatte verhandelt, dass die
Bespitzelung der
Leute das Unterdrückungsinstrument der freien Meinung, freie Meinung
dagegen
Freiheit überhaupt sei. Wo freie Meinung gilt, sei Einverständnis mit
der
Herrschaft doch wohl klar, und überall, wo diese nichts gilt, könne es
kein
Einverständnis mit der Herrschaft geben. Die Opposition, so aufgemacht,
zeigt,
mit welcher Verrücktheit Meinungsfreiheit befrachtet wird; wie wenn das
das
gültige Prinzip der guten Herrschaft wäre und man deswegen für sie sein
kann.
Da kommt Kapitalismus gar nicht mehr vor. Und dann wird auf die anderen
gedeutet, dass nämlich die, die sich so aufregen, ja wohl wenig
Verständnis von
Freiheit haben können. Eine üble Opposition.
Das Dialektische ist, dass Freiheit ein
Herrschaftsprinzip ist. Die Kehrseite der Dialektik heißt, und so
möchte die
Demokratie auch immer verstanden sein: Unsere Herrschaft ist doch eure
Freiheit. Das macht Herrschaft, zumindest alles Peinliche daran, so gut
wie
ungeschehen; Herrschaft, die mit Freiheit operiert, ist quasi keine.
Insofern
gehen alle diese Staaten per se als non plus ultra von Herrschaft in
Ordnung.
Und ein Bürger, der diese Freiheit nicht hat, sie nicht will und sie
nicht über
alles stellt, verfällt damit dem Verdikt, dass man in ihm einen
Untertanengeist
vor sich hat. Das ist das Feindbild, das nicht mit diesen Karikaturen
aufgemacht wird, sondern mit dem Vorwurf, sie verstehen sich alle nicht
auf
Meinungsfreiheit. Da wird einer ganzen Bevölkerung attestiert, sie sei
und sie
wolle nichts anderes sein als Untertan einer Herrschaft, die überhaupt
alle
negativen Züge einer Herrschaft an sich hat.
— Deshalb
verstehe ich nicht, wenn vorhin davon gesprochen worden ist, dass eine
gewisse
Dämpfung bei der Hetze gegen diese Staaten zu bemerken sei.
An dem, wie diese Konfrontation aufgemacht wird und wie man
mit Verweis auf die Reaktionen dort behauptet: Man sieht doch, dass
alle unsere
Ausgrenzungserklärungen an deren Adresse in Ordnung sind, eher sind die
noch
viel schlimmer; ist tatsächlich nichts zu relativieren, wenn man einmal
diesen
fundamentalen Unterschied aufmacht. Dieses Feindbild ist wenig
kompromissfähig.
Die Stellung, entweder ist einer für die richtige Seite oder nicht, ist
mindestens so fundamentalistisch, wie das, was die islamischen
Fundamentalisten
mit ihrem Mohammed aufmachen. Was wir vorhin im Auge hatten, ist nur
das
praktische Interesse der Regierenden, den Aufruhr in der Region dort
wieder
etwas zu dämpfen. Es gibt erstens in den Ländern dort ein Interesse,
sie wieder
zu beschwichtigen, denn der Aufruhr ist nur begrenzt funktional,
nämlich nur
soweit, wie es das Abgrenzungsinteresse der dortigen Regierungen gegen
die
Zumutungen, gefälligst einmal demokratisch zu werden, abdeckt. Und
zweitens
hört man bei uns Töne, die den Gegensatz auf das religiöse Gefühl
herunterbringen wollen. Das ist schon das halbe Verharmlosen des
Feindbildes,
des Kriteriums Meinungsfreiheit. Dieses Herunterbringen auf die
Beleidigung
eines religiösen Gefühls, mit dem auch auf hiesiger Seite
verantwortlich
umgegangen zu werden hat, folgt ebenfalls einer politischen Berechnung,
die
sich zum einen auf die Länder dort richtet. Man möchte sie gar nicht
demnächst
alle überfallen. Wir möchten ja, dass die meisten von denen zu uns
halten und
selber die Schurkenstaaten ausgrenzen. Das Verdikt trifft nur die
Schurkenstaaten
Syrien und Iran, denen man vorwirft, dass sie es von Staats wegen
machen. Und
zum anderen gibt es auch eine gewisse Sorge um den inneren Frieden bei
uns.
Bei den dortigen Ländern ist es ein Zwiespalt im
Nationalismus zwischen islamischer Staatsgrundlage und Berechnung im
Verhältnis
zum Westen, das im Zweifelsfall die politische Führung eingeht. Hier
ist es
eine Berechnung des Nationalismus, kein Zwiespalt, wenn es heißt, dass
die sich
wegen der Karikaturen nicht so aufregen sollen. Man tut so, als wenn es
bloß
eine Frage der Meinungsfreiheit wäre, und besteht auf der. Wie weit man
das
dann treibt, ist eine Frage der Berechnung. Bei denen dort ist es
jedoch eine
Frage der Sortierung des Staates, bei der es auch die Führung im
Zweifelsfall
mit ihren Völkern zu tun bekommt. Die Frage, wie islamisch sich ein
Staat
definiert, der sich doch auf den Islam beruft, welche Macht über die
Köpfe des
Volkes haben die Mullahs dort, ist bei ihnen eine Existenzfrage. Im
Artikel
über Saudi-Arabien, GS 3-05, S. 97ff steht dazu Einiges.