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zur Übersicht der Protokolle
Fragen zu verschiedenen Artikel aus dem GS:
Zu den Artikeln in GS 4/05 über den amerikanischen Sozialstaat und
zu Medicare in GS 1/04
Nachfrage zu S.88: Sozialreform, the American way: ... Dem nicht ganz
ideologisch verbohrten Leser...
— Inwiefern können sich die Belegschaften eine soziale Betreuung
nicht leisten?
Im Zitat darüber steht der Grund, weshalb die Unternehmen sich die
Betreuung ihrer Belegschaften und Rentner nach Börseneinbrüchen „nicht
mehr leisten können“. Die Renten- oder Krankenversicherungen werden
über Kapitalsammelfonds abgewickelt, bei denen die erwarteten
Wertsteigerungen nicht eingetreten sind. Da könnte man sich glatt
fragen, ob denn die Belegschaften sich eine solche Art
Rentenversicherung leisten können.
Auch hierzulande ist die aufgeregte Debatte um das Thema
Rentenversicherung auf Kapitalbasis in den Hintergrund getreten, weil
sich da nicht soviel schiebt und die Rendite fraglich ist. Die
britischen Rentenversicherungen in Form von Pensionsfonds sind kurz
vor dem Kollaps; was letztlich auf den Staat zurückfällt.
— Die staatliche Rentenversicherung in den USA erwartet etwa
2015 ein Ende der positiven Beiträge ihrer Versicherung für den
Staatshaushalt. Daraus wird sofort der Schluss gezogen, diese Form der
Rentenversicherung wäre nicht mehr finanzierbar. Solange die
Rentenversicherung ein Plus macht, ist alles o.k., wenn nicht, wird
gleich das ganze System in Frage gestellt.
In der Phase des Aufbaus werden alle umlagefinanzierten
Rentenversicherungen als Finanzierungsquelle des Staatshaushalts
betrachtet. Überschüsse anderweitig zu verwenden ist kein Wahn der
Amerikaner, sondern der Standpunkt jedes Staates. Der amerikanische
Staat will gar nicht erst in die Situation kommen, ein Problem mit
(der Auszahlung) seiner Rentenversicherung zu bekommen.
Die Unverschämtheit des Kürzens von Leistungen wird als finanzieller
Sachzwang, sich um einen Arbeitsplatz zu kümmern, organisiert. Wer das
nach drei Jahren nicht hinkriegt, fliegt aus dem sozialen System raus.
Das deklariert der amerikanische Staat als Hilfe zur Selbsthilfe. Die
Vorstellung, das soziale System würde sich in privaten Vereinbarungen
zwischen Unternehmern und Belegschaften erschöpfen und der Rest der
Wohltätigkeit überlassen, ist falsch. Das Erste, was ein Amerikaner in
seinem Leben verpasst bekommt, ist die Nummer seiner Sozialversicherung.
Der amerikanische Staat übt Selbstkritik an seinen sozialen
Interventionen. Der Artikel will nicht darüber schimpfen, dass dort
alles viel radikaler ist als hier, sondern zeigen, wie das Sozialwesen
dort organisiert ist.
— Der Kern des Unterschieds ist ein Problem.
Das Prinzip der bürgerlichen Sozialpolitik hat sich auch der
amerikanische Staat trotz eines grundsätzlich anderen Standpunkts zur
Klassengesellschaft, dass der Staat im Prinzip nicht zuständig ist,
(beschränkt) zu eigen gemacht. Auch der amerikanische Staat bekommt es
damit zu tun, dass nicht alles der Konkurrenz überlassen werden kann.
Das Kapital führt dem Staat vor, dass es als soziale Sicherungsinstanz
ausfällt. Dann bekommt der Staat das Problem, dass das Kapital ihm das
soziale Problem quasi zurückreicht. (Hier taucht es andersherum auf:
Wie kann der Staat es organisieren, dass er nicht immer für alles
zuständig ist.) Er muss feststellen, dass er nicht einfach
selbstständige freie Bürger verwaltet, sondern welche, die in ihrem
pursuit of happiness massenhaft und sogar klassenspezifisch unter die
Räder kommen. (Siehe S.94: Fazit)
Der affirmative Standpunkt zur Konkurrenz gibt keine Sozialpolitik her.
Auch in den USA ist der Ausgangspunkt der Sozialpolitik die Betreuung
einer Klassengesellschaft mit ihrem Elend. Der Staat bekennt sich mit
der Zuteilung einer Sozialversicherungsnummer von Geburt an zu seiner
sozialen Verpflichtung: was nicht heißt, dass einer davon leben kann.
Zur Reform im US-Gesundheitswesen (auch
Medicare – GS 1/04
S.22ff)
— Problem: Warum fallen die Rentner noch unter die abstrakte
Funktionalität der Arbeiterklasse?
Schon bei der Rentenversicherung selber fängt es an. Der Wert der Ware
Arbeitskraft hängt an einer Person. Dem Anspruch dieser Arbeitskraft,
vom Verdienst aus der Arbeit seinen Lebensunterhalt lebenslang zu
bestreiten, gibt der Staat genauso Recht wie dem Anspruch des
Arbeitgebers, ihn lohnend zu benützen.
Der bürgerliche Staat ist damit konfrontiert, dass die Leute das
flächendeckend nicht hinkriegen. Wie realisiert man dann das Recht, aus
dem Verdienst ein ganzes Leben zu bestreiten? Er verfügt u.a. eine
Altersgrenze, von der an die Leute nur noch leben und nicht mehr
arbeiten müssen.
Dem Kapital wird die Freiheit zugestanden, die Leute nur solange zu
benützen, wie es sich lohnt und sie seinen Maßstäben entsprechend
leistungsfähig sind. Damit ist das Problem definiert: Was wird aus den
Leuten, wenn das Kapital sie nicht mehr benützen will. Das ist ein
typisch kapitalistisches Problem, das es sonst nicht gibt. Es hängt am
Kapital, andererseits muss die Ware Arbeitskraft als Person davon
leben. Der Anspruch aus dem Verdienen ist weg, also muss der
Ausgediente vom Staat ein neues Recht zudiktiert bekommen, wie er im
Alter noch leben kann und soll.
Da kam der Staat auf die Idee mit dem Zwangssparen, dieser
beitragsfinanzierten Rentenversicherung. Die Gesundheitsversorgung der
alten Leute fällt unter dieselbe Kategorie. Die Leute sollen über ihr
Vermögen, das in den meisten Fällen allein in ihrer Arbeitskraft
besteht, frei verfügen können. Auch im Interesse des Kapitals, das
über ausreichend und leistungsfähige Leute verfügen können soll. Der
Staat kümmert sich deshalb um die Ausbildung, das Gesundheitswesen
usw. Die Funktion der Leute in der Klassengesellschaft ist zugleich
ihr eigenes Interesse. Wenn der Staat die Funktion der Proleten in der
Klassengesellschaft affirmiert, dann fällt es damit zusammen, dass er
ihr Interesse zu einem Recht erhebt. Dieses Recht, sich als
Arbeitskraft und damit als Menschen überhaupt, gesund zu halten, nimmt
sich der Staat dann vor und lässt die Gesundheitsversorgung nicht mit
der Rente enden. Das Prinzip heißt: Jeder soll ein Lebensrecht, eine
Chance haben und wenn die Leute eine Gesundheitsversorgung brauchen,
sollen sie in der Lage sein, an diese auch heranzukommen. Die
Subsumtion unter den Bedarf des Kapitals ist als Voraussetzung
eingeschlossen.
Der bürgerliche Staat hat sich inzwischen zu dem Standpunkt
vorgearbeitet, wenn es denn schon eine leistungsfähige Arbeiterklasse
geben soll, was das Aushalten des Verschleißes, sowohl durch die Arbeit
als auch durch die Umwelt, einschließt, dann muss auch die Medizin eine
ordentliche, auf wissenschaftlicher Basis beruhende sein.
— Gibt es jetzt eine Besonderheit des amerikanischen Staats?
Der amerikanische Staat nimmt seine Verpflichtung gegenüber den
Rentnern so ernst (Beispiel Pillenversicherung), dass er angesichts
des Ungenügens der Krankheitsversorgung, die er erst mal dem Deal
zwischen Kapital und Beleg- oder Gewerkschaften
überantwortet hat,
eine staatliche Regelung inszeniert. Er stockt z.B. seine
Krankenversicherung um Medicaid etc. auf.
Im Prinzip macht sich jeder bürgerliche Staat stark für das Gelingen
der Drangsale, in die er seine Proleten stürzt. Die Staaten
unterscheiden sich aber darin, wie weit sie dabei gehen. Der Staat muss
entscheiden, wie viel er ausgeben kann und will, um seinem Prinzip vom
„Leben können von Lohnarbeit“ zum Recht zu verhelfen.
— Zum Sozial-Abbau. Behandelt der Staat mit seinem
Hartz-IV-Gesetz z.B. nicht die Überbevölkerung so, als wäre sie keine –
bzw. braucht weniger?
Der Schröder-Staat sortiert seine ausrangierte Bevölkerung neu: Wer ist
noch arbeitsfähig und deswegen verpflichtet, sich selbst für seinen
Lebensunterhalt einzusetzen. Er behandelt eine Sorte noch als
potentielle Arbeitskraft, wo man schon an der Art der Behandlung sieht,
dass sie als Werkzeuge des Kapitals abgeschrieben sind. Das ist der
Widerruf von dem Standpunkt: Das sind alles Fälle für Mildtätigkeit,
Sozialfälle. Er unterscheidet zwischen solchen, die arbeiten, einzahlen
und nichts kriegen, denen, die zeitweilig aus der Beschäftigung fallen
und intakt gehalten werden müssen (normales Arbeitslosengeld) und der
zunehmenden Masse von Leuten, die nie wieder in Arbeit kommen
(Langzeitarbeitslose u.ä.). Dieser Bodensatz an Überbevölkerung wird
noch mal unterschieden in die, die dem Diktat Hilfe zur Selbsthilfe
anheimfallen und die völlig Untauglichen, Gebrechlichen als
Sozialfälle. Natürlich ist das konjunkturgemäß und der Staat
entscheidet nach seinen Finanzen, wo er da die Grenze zieht und wie
viel er diesen Leuten an Unterhalt noch spendiert .
Noch mal dazu, wieso Rentner nicht einfach abgeschrieben werden. Der
Euthanasiegedanke ist verkehrt, weil der Staat sein Volk aufs Arbeiten
und davon Leben können verpflichtet. Der ganze Rentnerstand ist ein
Problemfall dieses Prinzips, der ist funktional durch den negativen
Bezug darauf, dass sie zwar nicht mehr arbeiten, aber Rechte erworben
haben. Sie zählen noch zum Volk als besondere Mitglieder der
Konkurrenz, die als Alterslast anfallen, aber als mal nützlich Gewesene
Rechte erworben haben.
— Die bürgerlich Kritik ist da, dass Rentner, die nichts mehr
nützen,wie Dreck behandelt werden.
Der bgl. Verstand denkt sich das als Gegensatz, dass er nichts nützt
und doch erhalten wird. Die Kategorie des Nützens vom Staat her hat
eine andere Bedeutung. Er anerkennt, dass jeder für seinen eigenen
Nutzen da sein muss. Wenn und solange die Klassengesellschaft
funktioniert, sind die Anstrengungen des Einzelnen für sich funktional
dafür, dass sie funktioniert. Die Funktionalität die der Staat will,
ist die, die die Leute sich selbst antun. Funktionalität und Interesse
ist in der bürgerlichen Gesellschaft dasselbe. Die Härte daran wird
nicht gesehen: Der bgl. Staat garantiert Jedem, für sich selber sorgen
zu können und nicht, dass das aufgeht. Sachzwang und Recht, für sich
selber zu sorgen, soll klappen, was weder Euthanasie noch Versorgung
ist.
Fragen zu Argentinien und zur aktuellen
Situation in Südamerika nach
der letzten Wahl in Bolivien – dies mit Verweis auf den Artikel in GS
4/04
— Argentinien zahlt jetzt Milliarden zurück an den IWF mit der
Bemerkung, dass sie damit die nationalen Einschränkungen durch den IWF
verhindern wollen. Chavez (Venezuela) soll dies angeblich
mitfinanzieren, indem er argentinische Staatspapiere kauft. Und der in
Bolivien gewählte Morales ist auch nicht so auf Linie der USA.
Erschöpft sich dieser neue Panlateinamerikanismus in einem neuen
lateinamerikanischen Selbstbewusstsein und Antiamerikanismus, oder ist
das mehr? Und zieht das, was die USA in Lateinamerika (siehe den
Freihandelsartikel in GS 4/04), vorhaben in Sachen Einschränkung der
Souveränität einiger Länder, tatsächlich Einschränkungen nach sich, und
lassen die sich das gefallen?
Wie viel aus dieser Einschränkung wird, können wir nicht vorhersagen.
Natürlich sind das Affronts. Argentinien hat z.B. eine 60%-ige
Enteignung seiner Gläubiger durchgezogen. Das ist nicht Nichts. Einige
Kapitalisten reagieren darauf beleidigt. Argentinien bekommt jetzt
keinen Kredit mehr, außer von anderen wie Venezuela. Chavez spielt mit
seinen Öldollars jetzt den Mäzen. Der erwähnte Artikel will auch keine
Einschätzung darüber abgeben, wie viel Selbständigkeit sie sich
herausgewirtschaftet haben und wie hoch der Zugriff der USA auf diesen
halben Kontinent zu veranschlagen ist, sondern er zählt nur die
Prinzipien auf, nach denen er bisher behandelt worden ist und was die
USA in Verlängerung dieser Prinzipien dort kodifiziert haben wollen.
Bei keiner Rechnung, die die USA oder auch andere aufstellen, ist
gesagt, dass sie auch aufgeht.
Der Artikel handelt von einer amerikanischen Unzufriedenheit mit
Lateinamerika. Und er handelt davon, was man jetzt auch erlebt, dass in
Lateinamerika immerzu ein Nationalismus unterwegs ist, der per se eine
sehr weit reichende Form von Antiamerikanismus ist. Die
lateinamerikanischen Nationen kommen in den Weltmarktverhältnissen
nicht auf ihre Kosten, und ihre Diagnose ist, dass das daran liegt,
dass Amerika oder sonst wer über sie verfügt, statt sie selber über
ihre eigenen Mittel. Diese Auseinandersetzung hat verschiedene
Facetten, bei Argentinien die, dass sie sich mithilfe Venezuelas ein
Stück frei machen von den Auflagen des IWF. Es kündet umgekehrt von
einer Kreditnot dieser Nation, wenn sie beim IWF Teile ihrer Schulden
begleicht, um sich dort wieder als kreditwürdiger Schuldner
einzuführen. Chavez hat mit seinen Öldollars ein Mittel in der Hand,
mit dem er sich Antiamerikanismus leisten und woanders finanzieren
kann. Und im Fall von Morales muss man erst einmal abwarten – zurzeit
weiß man nur, dass er einen bunten Pullover trägt. Die Öffentlichkeit
behandelt dies so, dass dies vielleicht nur Folklore bleibt. Es geht um
die Eigenart dieses Nationalismus, der sich da betätigt. Wenn das
auswärts immer gleich die Frage aufwirft, wie weit gehen die, mucken
die eventuell doch auf, um dann zu sagen, dass die doch gar nicht
können, ist beides kein vernünftiges Urteil darüber ist, was dort
unterwegs ist.
Es gab in Lateinamerika früher einmal eine andere Definition, worin der
Schaden läge. Dabei wurde mehr systemmäßig gedacht. Aber jetzt denken
sie von der Nation aus, dass man über die nationalen Quellen
mitverfügen müsste. In Bolivien heißt es, dass beim Gas national
mitentschieden werden müsste, an wen und wie es verkauft wird. Darüber
setzen sie sich mit internationalen Multis auseinander. Und Chavez
nutzt das Glück mit seinem Öl (aus Sicht der USA das Unglück), mit
seinem Geld glatt ein Stück Freiheit zu nationalen Umtrieben
abzuleiten. Von amerikanischer Seite hört man, dass dies eine einzige
Bestätigung der Unzufriedenheit ist, die sie mit diesem Halbkontinent
haben.
Zur Hochschulreform in GS4/05
— Auf S. 104 (GS 4/05) heißt es: „die neue Regierung u.a. ...
erklären eine Spitzenrolle bei der Produktion und Anwendung
wissenschaftlicher Erkenntnisse zu einem, wenn nicht dem entscheidenden
Lebensmittel der Nation“ und weiter „Dem Staat ist es
selbstverständlich, Wissenschaft und Ausbildung als Potenzen seiner
(inter-)nationalen ökonomischen und politischen Machtentfaltung zu
betrachten und zu behandeln.“ Dass der Staat die Wissenschaft so
betrachtet, ist mir klar, doch stimmt dies denn auch? Oder ist es nicht
eine idealistische Überschätzung seitens des Staates? Ich denke, der
Artikel nimmt diesen Idealismus auch ernst. Als Parallele sehe ich das
mit der Infrastruktur. Der Staat sieht diese auch als eine Potenz, das
ökonomische Wachstum voran zu bringen, ob diese sich jedoch als ein
solches Mittel erweist, liegt doch überhaupt nicht mehr in seinen
Händen.
Mit allen Sachen, für die der Staat sorgt, ist es so. So betrachtet er
auch die Senkung des nationalen Lohnniveaus als Mittel, doch ist es
sehr die Frage, ob sich das lohnt. Daraus müssen international
agierende Kapitalisten erst einmal etwas machen. Als Idealismus des
Staats würde ich nur die Vorstellung bezeichnen, dass es eine Garantie
wäre. Der Artikel nimmt den Standpunkt des Staates ernst, er schafft
Bedingungen. Ihren Konkurrenzerfolg machen Kapitalisten dann durchaus
auch aus den naturwissenschaftlichen und technologischen
Erkenntnissen. Das ist kein Idealismus.
— In der globalisierten Welt vermerkt der Staat die sich anderswo
anhäufenden Patente und Nobelpreise als entgangene Bedingungen seines
Standorts.
Was er da merkt und sieht, gehört in die Abteilung Idealismus: dieser
Kurzschluss zwischen preiswürdiger Wissenschaft und kapitalistischem
Erfolg. Denn der schönste Nobelpreis ist höchstens eine Bedingung,
nicht aber schon der Erfolg. Der Staat reflektiert vom Standpunkt des
Misserfolgs auf alles, was er an Bedingungen einrichtet.
Der Artikel nimmt dies ernst und sagt, Wissenschaft, Naturwissenschaft
ist Bedingung für das Kapital, nämlich für dessen Konkurrenz um den
moralischen Verschleiß. Der Staat sagt, dass, wenn darum die Konkurrenz
geht, er diese Konkurrenz als Nation so gestalten muss, dass sie für
das Kapital und die Nation gut ausgeht. Dann die Gestaltung des
Wissenschaftsbetriebs so ins Auge zu fassen, dass aus einer Bedingung
eine Garantie wird, davon handelt der Artikel. Eine Abteilung ist
dabei, dass Wissenschaft und Ausbildung gleich aufs Kapital bezogen
gehört. Eine andere ist, dass sie international sein muss ... Der
Garantiegedanke ist der staatliche Fanatismus, mit dem er sich dieser
Sphäre widmet.
- Diese Differenzierung zwischen Bedingung und Garantie fehlt mir
etwas im Artikel. S. 106 heißt es: „So soll und kann sich die rationale
Erforschung der Naturgesetzte als Hebel gesellschaftlichen
Fortschritts bewähren: nämlich Lohnkosten – den Lebensunterhalt der
Massen – überflüssig machen, indem sie die Fähigkeit des Kapitals zur
Ausbeutung der im aktiven Dienst verbleibenden Arbeitskraft erhöht.“
Das ‚soll’ ja, aber das ‚können’?
Wenn wir von ‚können’ sprechen, sprechen wir nicht von Garantie. Die
zuständige ökonomische Kategorie wurde schon benannt: Moralischer
Verschleiß als Konkurrenzmittel. Am liebsten den ganzen Rest der Welt
mit seinem gegenständlichen Inventar, mit seinem c (konstantes
Kapital), wie mit sämtlichen Fertigkeiten seiner Arbeitskräfte einem
rasanten moralischen Verschleiß unterwerfen, das ist – das ‚gesamt’
ernst gemeint ein Ideal. Das staatliche Ziel ist aber schon, bei
möglichst viel davon, in möglichst vielen Bereichen selbst Urheber des
moralischen Verschleißes zu sein. Es ist nicht reiner Idealismus zu
sagen: „Wenn ich für eine Milliarde die Wissenschaft fördere, dann wird
doch wohl zu erwarten sein, dass über die Jahre ein nationaler Ertrag
von 100 Milliarden herauskommt.“ Wenn es zu einer Rechnung wird, zu
einem Dogma, dann ist es Quatsch, aber dass damit ein Hebel angesetzt
wird, will der Artikel schon behaupten.
Das Idealistische der staatlichen Interventionstätigkeit hängt zusammen
mit der Trennung von Wissenschaft und ihrer kommerziellen Anwendung,
dem Kapital. Die Dialektik ist, dass, damit die Wissenschaft nützlich
sein kann, sie erst einmal ihren Gang gehen muss. Diese Trennung ist
für den Staat ein Dilemma. Er will die Wissenschaft als Hebel für das
Kapital fördern, aber er kommt nicht darum herum, dann erst einmal
Wissenschaft zu fördern, also von dem unmittelbaren Nutzen abzusehen.
Von daher kommt der Staat auf etwas absonderliche Kriterien, wie er
Wissenschaft so fördern könnte, dass nahezu gleichzeitig ihr Nutzen
herauskommt. Damit möchte er die Trennung zwischen Wissenschaft und
Kapital immerzu negieren. Solche Kriterien sind dann, was z.B. die
wissenschaftliche Gemeinde von dem Zeug hält, was sie selber produziert.
Wenn der Staat mit dem Fanatismus, mit der Unzufriedenheit an die
Wissenschaft herangeht, merkt man zunächst einmal etwas über die
schäbige Rolle der Wissenschaft im Kapitalismus. Immerzu aus
nationalen Konkurrenzgründen auf Wissensmonopol aus zu sein, ist etwas
Schäbiges gegenüber dem Wissen. Das ergibt dann auch lauter Schäbiges
in Sachen organisiertem Ausbildungsbetrieb. Wenn der bürgerliche Staat
die Wissenschaft so einplant, dann liegt der Widerspruch nicht in der
Leistungskraft der Wissenschaft im kapitalistischen Betrieb. Für den
ganzen relativen Mehrwert ist Wissenschaft das produktive Prinzip. Der
Widerspruch liegt darin, dass, wenn der Staat das fördert, er nicht den
Nutzen fördern kann, sondern nur die Wissenschaft, die ihren Gang gehen
muss und sich dabei nicht an dem von ihr erhofften Nutzen orientieren
darf. Die Förderung der Wissenschaft kann gar nicht den Nutzen, sondern
nur das Mittel fördern; dann muss sie sich auch auf die
Eigengesetzlichkeiten dieses Mittels einlassen. Da ist der Staat dann
konfrontiert damit, dass viele Unternehmen gerne forschen, die
Grundlagenforschung, die sie dafür brauchen, aber für zu kostspielig
usw. befinden. In diese bleibende Lücke steigt der Staat dann mit
seiner Förderung ein. Bei den Reformen hat man immer die Not des Staats
vor Augen, dass ihm über seinen Einsatz für die Prinzipien und
Bedingungen ertragreicher Wissenschaft der nachzählbare Nutzen verloren
geht. Deshalb sucht er nach lauter Kriterien, wie er Wissenschaft zwar
nach ihren Kriterien fördern könnte, aber zugleich schon mit den
Förderkriterien sicherstellt, dass etwas Nützlich herauskommt. Das
Resultat sind dann alle möglichen Kriterien: Wie oft z.B. einer zitiert
wird. Die Qualität der Wissenschaft soll verbürgt werden durch das
Echo, das das Ergebnis in der Wissenschaftlergemeinde findet. Bloß,
hunderttausend Zitate bringen noch kein einziges Patent. Deshalb soll
die Zahl der Patente, die aus einer Uni kommen, ein weiteres
Förderkriterium sein. Dann ist die Frage, wie man Forschungsstätten und
Unternehmungen miteinander verzahnt, dass möglichst bruchlos aus den
wissenschaftlichen Ergebnis etwas Patentierbares, Verwertbares für den
moralischen Verschleiß wird. Die jetzige Hochschulreform baut den
Grundwiderspruch in einen Wust von Widersprüchen aus. Die Abteilung
Ausbildung unterliegt demselben Widerspruch. Jetzt ist der Bachelor
einmal der Stein der Weisen. Das fällt wieder in die Abteilung
Idealismus.
Die Förderung der Wissenschaft, damit sie nützt, hat auch die
Kehrseite, dass sich der Staat auf einmal gar nicht mehr auskennt und
jeden Scheiß fördert, bloß weil der anerkannt ist. Prompt hat er Geld
übrig für einen Lehrstuhl für Wissenschaftstheorie, denn wenn man doch
wüsste, wie Wissenschaft geht, dann könnte man sie auch machen. Aber
nur ein Lehrstuhl, der dann aber auch exzellent sein muss.
Zur Eskalation des Atom-Streits mit dem
Iran und Chiracs Drohung mit
einem eventuellen Einsatz französischer Atomwaffen.
— Wie ist Chiracs Drohung einzuordnen in die derzeitige
Verhandlungsstrategie der Europäer? Man hat den Eindruck, dass sie die
Auseinandersetzung diesmal in eigener Regie zu Ende führen und eine
Unterordnung erzwingen wollen. Welchen Stellenwert hat die Atomwaffe
für so einen Staat wie den Iran? Gibt es eine neue Kalkulation mit
Atomwaffen vielleicht auf Grundlage der weiterentwickelten
Technologie, die es erlaubt, verschieden große Atomschläge zu führen?
Die Amerikaner erzählen seit einigen Jahren, dass sie eine neue Doktrin
für ihre Atomwaffen hätten, dass das nicht mehr nur eine
Abschreckungswaffe sein soll (gegen wen denn auch?), sondern dass sie
sich vorbehalten, sie gegen Schurken aller Art einzusetzen, wann immer
es ihnen zweckmäßig erscheint; und vor zwei Jahren hat Putin verkündet,
dass sie sich vorbehalten, die Atomwaffe da einzusetzen, wo es ihnen
passt. Es ist mit einer Kriegsdoktrin im Verhältnis zur Sowjetunion
aufgeräumt und unter den neuen strategischen Bedingungen überlegt
worden, wo für die Atomwaffen Einsatzfelder liegen; und da konnten sie
bruchlos anknüpfen an eine Errungenschaft des kalten Krieges, nämlich
die atomaren Gefechtsfeldwaffen. Die Militärs überdenken ja laufend
die Kriegsszenarien, die dafür passenden Mittel und für welche Ziele
sich Atomwaffen unter Umständen eignen. Und die Abschreckung gehört
nach wie vor zu diesen Kriegsszenarien dazu. Wenn man sich jetzt fragt,
wem die Franzosen Eindruck machen wollen mit ihrer Atomwaffendrohung,
fallen einem als erstes die USA, die EU und die Iraner ein. So eine
Ankündigung hat auch noch den ganzen demokratischen Überbau – z.B.
sich hinsichtlich der Verhandlungen mit dem Iran wieder ins Spiel
bringen –, aber neu ist das sich Darstellen als Atommacht und
Herumfahren auf den Weltmeeren mit ihren anderthalb Atom-U-Booten nicht.
Die Europäer agieren diplomatisch in dem Wissen oder zumindest unter
der Voraussetzung, dass ihr Verhandlungsangebot nur etwas taugt, wenn
die US-Kriegsdrohung im Hintergrund steht. Das ist ihr Drangsal und
das Widersprüchliche an ihren Verhandlungen mit dem Iran, dass deren
Substanz auf einer Drohung basiert, deren Subjekt sie gar nicht sind –
weder in dem Sinn, dass sie sie wahrmachen könnten noch in dem Sinn,
dass sie die Drohung, die es gibt, konterkarieren könnten, sie haben ja
dem Iran auch keinen Schutz anzubieten, sie können ja noch nicht einmal
die Rechnung aufmachen, dass wenn der Iran mit Europa einen Deal macht,
dann garantiert Europa dem Iran ein Überleben gegen alle Anfeindungen
aus Israel und Amerika. An dieser Schwäche und diesem Widerspruch
laborieren alle Europäer und der Franzose meint, wenn er mal seine
„force de frappe“ in Erinnerung bringt, dann kommt er ansatzweise in
die Position eines Subjekts der Drohung, auf der das Ganze beruht. Es
ist also übertrieben, von einem Leiden der Franzosen an der Troika zu
reden – ohne deren dauernde Konkurrenz wegstreichen zu wollen , aber
in erster Linie leiden sie nun mal an der Vermitteltheit ihrer
Machtposition. Ein anderer Versuch von Frankreich, als europäische
Führungsmacht das Heft des Handelns in die Hand zu bekommen, ist, dass
Frankreich gegenüber Syrien diplomatisch in Vorlage gegangen ist und
diese Resolution, die Syrien als Schurkenstaat in Bezug auf den Libanon
zur Rechenschaft zieht, eingebracht hat, was diese Untersuchungen zur
Folge gehabt hat, die jetzt nicht einmal mehr vor dem Staatspräsidenten
halt machen. Ob das das Kräfteverhältnis innerhalb der Troika berührt
und wie effektiv es das wirklich tut, weil das alles wieder an dem
Punkt hängt, wie viel ernstliche Drohung in dieser französischen
Warnung drinsteckt, ob das überhaupt so substanziell ist, dass man
damit Politik machen kann, ist die Frage. Weil es daran Zweifel gibt –
und nicht, weil es damit entschieden wäre , gibt es dieses
europäische, bzw. deutsche Zögern. Überlegungen zum vielleicht
angeknacksten Status von Deutschland in der Troika oder ob der
deutschen Regierung das Vorgehen der Franzosen vielleicht doch recht
ist, kann man dabei ruhig dieser überlassen. Die Widersprüche und
Drangsale, mit denen sich die EU-Staaten in ihrer Politik mit dem Iran
herumschlagen, sind übrigens durch die französische Intervention
gegenüber dem, was z.B. im Gegenstandpunkt 3/05 steht, nicht anders
geworden. Was anders geworden ist, sind die französischen Versuche,
quasi aus eigener Macht den Iran unter Kontrolle zu bringen.
Europas Vorgehen gegen den Iran ist der Versuch eines glaubwürdigen
Imperialismus am amerikanischen Maßstab, der da heißt: Es gibt
Bösewichter auf der Welt und wir nehmen den, den Amerika ausgemacht hat
und sagen: Wir Europäer erledigen das und Amerika sagt: bitte. Und
jetzt sehen sie sich offensichtlich in einem imperialistischen
Leistungsbeweis und lassen es am Iran aus: Der hat dieses Programm zu
bedienen, weil sich sonst Europa vor Amerika blamiert. Das ist die
imperialistische Sichtweise der Europäer: Die Unnachgiebigkeit des
Iran ist der Grund dafür, dass wir uns vor den USA blamieren; und dies
ist eskalationsfähig, wie man zur Zeit merkt. Die USA sind ja sowieso
der Meinung, das es ohne Sicherheitsrat und Gewaltdrohung nicht geht
und kriegen recht mit ihrem Standpunkt, dass Diplomatie erstens nicht
ohne Gewalt geht und in diesem Fall schon gleich nicht, und da ist mehr
angesagt als: Der Iran muss sich einer atomaren Kontrolle unterstellen
und dann werden ihm irgendwelche Zusagen gemacht. Und dazu bekennt sich
jetzt der Chirac und sagt: Dann müssen wir als Europa diese Drohung
loslassen, sonst machen es die Amerikaner. Er droht mit dem
Sicherheitsrat und das wird wie immer zur europäischen Debatte: Ist das
fällig, glaubwürdig, im Augenblick nützlich? Und da gibt es dann die
verschiedenen Positionen, die aber alle an dem genannten Widerspruch
herumlaborieren und man bekommt keine eindeutige Auskunft von deutscher
Seite, dass man da dann verlieren würde (an Bedeutung gegenüber
Frankreich), sondern sie sagen ziemlich deutlich, dass es so im Iran
nicht weitergeht und da etwas fällig ist. Und dann kann man sich drüber
streiten, wie die Drangsalierung aussehen soll, aber der Witz der
Gewalt-Drohung von Chirac mit Gewalt als Mittel ist, dass sie der
Sichtweise des USA-Imperialismus, wie Diplomatie heutzutage zu gehen
hat, recht gibt.
Der Streit zwischen dem Iran und den USA & Co. – „Wir wollen eine
Energiewirtschaft einrichten“ contra „Ihr wollt die Atombombe“ –
enthält von Seiten der letzteren eine Unterstellung, die aus der
Kenntnis von sich als Staaten resultiert. Von sich wissen sie, was mehr
wert ist: die Fähigkeit, Atombomben zu bauen, die aus einer kompletten
Nuklearwirtschaft entsteht, oder der Besitz von einer/ein paar
A-Bomben; und an der ganzen Atomwirtschaft der Iraner nehmen sie von
ihrem Standpunkt aus nichts anderes wahr als: Wer Atommeiler betreiben
und die Brennstäbe produzieren und womöglich auch noch die
Abfallprodukte wieder aufbereiten kann, der kann allemal auch eine
Atombombe herstellen. Sie wissen von sich, dass das Interesse an einer
Atomwaffe natürlich immer als strategische Option hinter jeder
Atomwirtschaft steckt. Deswegen kann die Frage: Sind die Iraner scharf
auf eine A-Waffe oder wollen sie wirklich bloß ihre Elektro-Industrie
aufmöbeln?, als sachliche Frage offen bleiben. Die imperialistischen
Staaten machen davon nichts abhängig.
— Das wissen die doch selber angesichts der Drohung, mit der sie
den Iran überziehen, dass der allen Grund hat, ein Interesse an
A-Waffen zu haben. Außerdem hat der Iran auch einige Kriege mit dem
Irak hinter sich – es ist ja nicht so, als ob die da unten immer
friedlich gelebt hätten und plötzlich kommt der Iran auf eine
Schnapsidee. Auch das ganze Quasi-Kriegsverhältnis zu Israel spielt da
mit hinein und da wissen sie ja, mit was für einem Gegner sie es zu tun
haben.
Wenn Chirac sich hinstellt und sagt, dass Frankreich mit seiner A-Waffe
sich und seine Verbündeten vor den Anschlägen terroristischer Staaten
schützt, dann denkt jeder erst mal an den Iran als den Bösewicht, der
sich vor der A-Waffe fürchten soll, aber es enthält implizit auch ein
Schutzangebot u.a. an Israel. Eine Nebenbedeutung dieses Angebots
außer, dass man sich einmal ebenbürtig neben die USA stellen, also
selber Subjekt der Drohung gegenüber dem Iran sein möchte, von der die
ganze eigene Diplomatie lebt – ist: Kann man sich mit so einem
Schutzversprechen irgendeinen Einfluss auf die israelische Politik
erwirtschaften? Einem anderen Staat ein Schutzversprechen zuzusagen
schließt die Zumutung an den anderen Staat ein: Bevor du selber
eigenmächtig zu deinem Schutz etwas Atomares unternimmst, denk an mich,
ich habe dir meinen Schutz versprochen, komm lieber zu mir als zu
deinem eigenen Atomwaffenarsenal zu greifen auch das ist in der
französischen Initiative enthalten. Ob die Israelis jetzt erleichtert
aufatmen, darf man bezweifeln – die wissen schon, dass sie sich einzig
und allein auf sich und ihre Waffen verlassen wollen und machen das
auch gleich praktisch mit ihrer Drohung gegenüber dem Iran, dass sie
sich einen Schlag gegen dessen Atom-Bemühungen vorbehalten.
Um sich klar zu machen, was die Atomwaffenfähigkeit für einen Staat wie
den Iran bedeutet, braucht man nur die Befürchtung der Gegner positiv
zu deuten, dann hat man die Rolle dieser Waffe im Status von Nationen:
Ein Staat, der die Fähigkeit zum Bau von Atomwaffen hat, hat ein
Potenzial in der Hand, mit dem man sich irgendwie auseinandersetzen
muss, obwohl dieser Staat einem nicht passt – eben, weil er zu den
sogenannten Atommächten zählt.
— Die Atombombe ist doch eine Waffe, wo es zu einem Ideal wird,
einen Schlag so zu führen, also den Schaden so zu begrenzen, dass er
einen selber nicht trifft.
Da muss man unterscheiden: Wenn der Iran sich wegen seiner regionalen
Interessen und weil er sich laufend einmischt – jetzt hat er sich zum
Paten der Palästinenser ernannt , vor Israel fürchtet, dann kann die
A-Waffe als iranische Gegendrohung gar nicht wuchtig genug sein, für
diese Konfrontation braucht man sie nicht kleiner zu dimensionieren.
Anders sieht es aus, wenn sich eine Nation in die Position einer
Weltordnungsmacht begibt, also nicht bloß als Reaktion auf einen Feind
die Drohung zur Hand hat, dass sie ihm im Fall des Falles alles
kaputtmachen kann. Das ist ein zwar nicht unbrauchbares, aber doch
unhandliches Instrument für eine Weltordnungspolitik, weil dafür
gefordert ist, dass man offensiv damit drohen können muss, den
unbotmäßigen Staat auf eine Weise zu drangsalieren, die der nicht
aushält; ihn zu entwaffnen, hilflos zu machen, aber ohne ihn völlig zu
vernichten – das muss man als Weltordnungsmacht können. Das ist der
Stachel, in diese Richtung voranzugehen, wie die USA das schon längst
machen und die anderen Staaten wohl auch, den Nutzen dieser
Kernverschmelzungsenergie handhabbar zu machen für den offensiven
Gebrauch: für die Entwaffnung eines Staates, die Zerstörung
unterirdischer Atomanlagen usw. Die Drohung darf nicht zu wuchtig sein,
sonst wird sie auch wieder nicht ernst genommen also wenn der Chirac
nur mit der Auslöschung ganz Teherans drohen könnte, wäre das von deren
Weltordnungsanspruch her nicht sonderlich effektiv.
Zum Streik bei AEG.
Das ist ein trauriger Musterfall für: Das Interesse des Kapitals und
des Staats an einer tauglichen Klassengesellschaft fällt mit dem
bornierten Eigeninteresse derer, die in dieser Gesellschaft tätig sind,
dermaßen zusammen, dass die im Fall einer Entlassung auf keine bessere
Idee kommen als verzweifelt und mit einer eingebildeten List, die zum
Himmel schreit, um ihren Arbeitsplatz, um die Fortsetzung ihrer
Ausbeutung zu kämpfen. Die List besteht darin, die Entlassung so teuer
zu machen, dass AEG sie lieber weiter beschäftigt. Das kommt davon,
wenn man sich seine Funktion im Kapitalismus, weil
Reproduktionsquelle, dermaßen zum Lebensanliegen macht, weil man keine
Alternative hat; also nicht nur notgedrungen, sondern überhaupt sehr
affirmativ denkt, das wäre jetzt aber auch ein wunderbares
Lebensmittel, das man sich von so einem dahergelaufenen schwedischen
Kapitalisten nicht aus der Hand nehmen lässt.
Bei einem Streik kämpft man immer für ein höheres Ziel und das ist
diese List und der Realismus dazu ist: Es geht um bessere Abfindungen.
Über den ‚List’-Gedanken werden die Abfindungen quasi zur Bedingung
der Weiterführung der Fabrik – darauf muss man erst mal kommen...
Nächstes Mal: Die Geheimdienstaffäre in dem Sinn zu klären, dass die
verschiedenen Ebenen dieser Angelegenheit mal auseinander sortiert
werden.