Termine | Homepage | Impressum | Zurück
zur Übersicht der Protokolle
Jugendkrawalle in Frankreich
— Warum
machen dort die Jugendlichen Randale? Im Artikel in GS 4-02
(Frankreich: Ein
Staat schafft Ordnung) wird gesagt, dass die Leute, die im Kapitalismus
eine
Perspektive haben, eine Berechnung machen, dass sie sich dafür Recht
und Gesetz
unterwerfen, um auf diese Art und Weise das, was sie unter Erfolg im
Kapitalismus
verstehen, auch zu bekommen. Diese Berechnung entfällt für die
pauperisierten
Massen. Weiter heißt es dort, dass diese sich als zu unrecht verstoßen
betrachten, dass ihnen die Gesellschaft alles versagt. Mir kommt das so
vor wie
ein enttäuschter Idealismus. Wieso äußert der sich so in Frustration?
Stimmt
das, was in der Presse gesagt wird, dass die mit ihrer Randale in die
Medien
kommen wollen?
— In diesem
Artikel lautet doch das Argument, dass der französische Staat diese
Sorte Pöbel
sowohl nach der objektiven wie auch nach der subjektiven Seite selbst
herbeiregiert hat; er regiert diese Klassengesellschaft, die diesen
Ausschuss
produziert, und betreut ihn dann. Nach der objektiven Seite hin sind
diese
Leute einfach überflüssig, und ihre Verwahrlosung, ihr
Heruntergekommen-Sein
und ihre daraus resultierende Stellung zur Gesellschaft ist die
subjektive
Seite. Das sollen enttäuschte Idealisten sein?
— In der Presse
heißt es mit Verweis auf ihre Lebensverhältnisse, diese Leute seien
perspektivlos. Diesen Ausdruck halte ich für verkehrt. Sie haben eine
Perspektive: Sie sollen nämlich in diesem Elend bleiben, es gibt für
sie keine
Alternative, keine Brauchbarkeit. Das ist ihre Perspektive, und das
haben sie
auch gemerkt. Sie haben nicht den Idealismus, dass sie da einfach raus
kämen.
Das mit der Perspektivlosigkeit stimmt. Sie haben eine und
zwar eine sehr trostlose. Ihnen als Besonderheit die fehlende
Perspektivlosigkeit nachzusagen, ist eine von einem idealistischen
Standpunkt
getragene Sichtweise. Gemeint ist immer, dass der Mensch keine positive
Perspektive hätte. Das erste, wie schon gesagt, ist: Diese Leute
gehören zur
Überbevölkerung der Nation; nicht bloß zu einer Reservearmee, die auf
neue
Beschäftigung wartet, sondern zu dem abgeschriebenen Teil. Dazu kommt,
dass es
nicht ein Querschnitt durch die französische Jugend ist, sondern es
sich schon
hauptsächlich um die Eingewanderten handelt, aus dem Maghreb, die als
solche
auch erkennbar sind. Sie sind zwar vom französischen Staat als seine
Bürger
akzeptiert, aber der Gesichtspunkt ihrer Ausgrenzung ist von Seiten des
Staats
wie auch insbesondere von Seiten des französischen Volks ziemlich
eindeutig:
Das sind die Anderen, die Fremden. Es sind diese beiden Momente, die
Überbevölkerung und die Ausgrenzung, dadurch, dass die Umgebung, das
übrige
Volk sie ausgrenzt, sie nicht gerne sehen will, wegzieht, wo die
mehrheitlich
wohnen usw. Diese Ausgrenzung vollzieht sich nicht nach dem
politökonomischen
Kriterium der Überbevölkerung, sondern danach dass das die armseligen
Typen der
Gesellschaft, die Nicht-Hierher-Gehörigen sind, die, vor denen Le Pen
schon
immer warnt. Aus dieser Ablehnung beziehen sie umgekehrt ihren Frust
und auch
Stolz.
— Sie sagen,
der Innenminister habe sie beleidigt. Das ist das Beleidigtsein von
dieser
Sorte Selbstbewusstsein.
Diese Ausgrenzung, die ihre ökonomische Substanz und ihr
rassisches oder völkisches Kriterium hat, die weisen sie zurück. Sie
bestehen
darauf, genauso Franzosen zu sein wie die anderen, die sie da
ausgrenzen. Damit
ist der Beweggrund für eine Randale zusammen, bei der man vergeblich
nach einer
politischen Zielsetzung fragt.
Man sollte vielleicht nicht so selbstverständlich sagen,
dass diese doppelte Ausgrenzung bei denen auch so ankommt. Wenn die das
umgekehrt mitmachen – das ist der Unterschied zwischen einem sozialen
Protest
und dem, dass sie einen Grund dafür zu haben meinen, warum sie so
schlecht
dastehen –, ist das nicht nur ein Riesenfehler, sondern der
Ausgangspunkt – was
als Stolz gekennzeichnet worden ist – für das Bedürfnis, zum
französischen Volk
zu gehören. Es sind eben keine Ausländer, die auf dem Standpunkt
stehen, dass,
wenn sie doch ausgegrenzt werden, sie dann auch gar nicht dazu gehören
wollen.
Ihr Stolz kommt gerade nicht aus dem Anderssein. Das ist der Fehler und
der
Grund dafür, dass sie gegen die Verhältnisse, gegen die Umstände und
vor allem
gegen die Obrigkeit antreten.
Es existiert nicht die Forderung nach Eingrenzung. Diese
eigentümliche Forderung nach Anerkennung ist etwas anderes als der
Anspruch,
dass z.B. mehr Streetworker geschickt werden; noch nicht einmal der Ruf
nach
mehr Arbeitsplätzen. Es ist gar nicht so, dass sie mit erfüllbaren
Forderungen
antreten. Sie geben der Enttäuschung eines Standpunkts, eines Anspruchs
Ausdruck, den sie für berechtigt halten, den sie aber von allen Seiten
für
nicht bedient sehen. Nicht einmal vom Staat erwarten sie diese
Bedienung, in
diesem Land nicht als Abschaum, sondern als anerkannte Mannschaft
herumzulaufen, deswegen werden sie selber so zerstörerisch. Dies heißt
eben von
ihrer Seite nicht, sie wollen doch bloß brave Franzosen sein, sondern
sie
wollen als ein selbständiger und anerkannter Nationalismus genommen
werden.
— Deswegen hat
doch diese Randale auch den Charakter von Rache und genügt sich darin
selbst,
dass man einmal Gegengewalt ausgeübt hat. Das ist auch der Grund, warum
der
Staat nichts anderes kennt, als sie einzusperren.
Diese Abteilung ist das Einfachste, dass der Staat das als einen
Verstoß gegen sein Gewaltmonopol nimmt und nicht duldet. Es ist richtig
verkehrt, bei dieser Sorte Aufruhr, Aufbegehren, das erkennbar ziellos
und mit
keinen Forderungen, geschweige denn erfüllbaren, verbunden ist, eine
politische
Zielsetzung zu unterstellen.
— Das
Interessante ist doch, welche Übersetzungsleistungen die machen, dass
sie zu
dem Anspruch kommen, anerkannt zu werden.
Diese fehlende Anerkennung ist (mehr der Standpunkt,) das,
was sie empört. Darin steckt schon, dass sie eine Minderheit von Leuten
sind,
die doch auch hierher gehören. Viel mehr als dieser Standpunkt: „Der
Staat kann
uns doch nicht wie Dreck behandeln!“, ist gar nicht erkennbar als
Beweggrund.
Diesen Standpunkt, der metaphorisch als Rache benannt worden ist,
machen sie so
geltend, dass die andere Seite ihn wahrnimmt. Das ist dann auch die
Grundlage
für die übertriebene Übersetzung, dass sie auf sich aufmerksam machen
wollen.
Das ist wie eine Rationalisierung der Randale, dass dies deren Zweck
sei. Man
muss sich einmal mit dem Gedanken anfreunden, dass das wirklich ein
zielloses
Aufbegehren von abgeschriebenen Leuten ist.
Das hat auch einen Inhalt, was in Rache ausgedrückt ist: Sie
stehen auf dem Standpunkt ihrer so begriffenen Alltagserfahrung, dass
ihnen der
Staat bloß als Gewalt gegenübertritt, von dem erwarten sie nichts.
Ingesamt ist
das doch nicht neu; neu ist nur, dass es jetzt die Form eines
kollektiven
Aufruhrs annimmt. Dieser Aufruhr hat seine lokalisierte Form in den
Ghettos,
die Polizeiobjekte sind. Dem widmen die sich, und auf der Ebene
begegnen sie
der öffentlichen Gewalt. Das ist kein positives Forderungsprogramm.
Psychologisch ist das der Stolz von Abgeschriebenen.
Nicht einmal so etwas wie eine Berechtigung zum Randalieren
liegt hier vor. Wenn man das wirklich einmal ernst nimmt, dann war das
das
Anliegen der ersten Gewerkschaften: Sich vom Staat ein Streikrecht, ein
Recht
auf Zuschlagen, Betriebssperren, Leute behindern zu erkämpfen. Denen
hier zu
unterstellen, sie wollten vom Staat ein Recht erkämpfen, widerspricht
dem, dass
sie im Staat den Feind sehen, von dem sie nichts Gutes wollen, sie
wollen ihm
schaden. Mehr als dieses Negative, nicht als Dreck behandelt werden
wollen, ist
da nicht drin. Aus Achtung vor sich selbst in dieser trostlosen Lage
greift der
Mensch zur Gewalt. Das kann jederzeit, an jeder Stelle aus einem
solchen Grund,
mal ein falscher Satz, mal eine Polizeiaktion, normalerweise die
Kombination
aus beidem, geschehen. Solch eine Provokation war auch hier der
Auslöser. Der
Tod der beiden Jugendlichen hat höchstens die Qualität eines Auslösers,
nicht
die eines Grundes. Ein solcher Auslöser ist ziemlich beliebig; er zeigt
nur,
dass solche Auseinandersetzungen mit der Staatsgewalt schon laufend
unterwegs
sind. Dass das jetzt in das Fahrwasser kommt: „Wir hören nicht eher
auf, als
bis das Arschloch Sarkozy zurückgetreten ist“, ist nicht verwunderlich.
Aber
hier ist keine Bewegung zur Absetzung von Sarkozy angetreten. Man darf
nicht
gar so sehr ein Rätsel daraus machen, dass nach lauter gesitteten
Jahrzehnten
hierzulande – von London bis Berlin machen sich die Politiker Sorgen
über
mögliche Nachahmungstaten – oder im Nachbarland so ein zielloser
Aufruhr von
Abschaum stattfindet. Abschaum jetzt richtig als terminus technicus für
das,
wie die kapitalistische Gesellschaft und ihr ordentlicher Staat die
Überbevölkerung einordnet und behandelt. In Frankreich und England sind
solche
Unruhen immer wieder einmal unterwegs; hier bei uns erschrecken sie
etwas.
Was ist nun aus dem zu lernen? Was vermeldet die hiesige
Seite dazu? Erstens: Vorsicht! Sie haben offensichtlich ein gediegenes
Bewusstsein, dass die hier geschaffenen Zustände solche Taten anderswo
zum
Vorbild machen können. So reden sie über ihre eigenen
Verelendungsübergänge.
— Bei uns kommt
gleich die Komponente dazu, dass es sich doch hauptsächlich um
Ausländer
handelt. Bei uns wird gleich ein Vorsitzender eines deutsch-türkischen
Vereins
herangezerrt.
Bis dahin haben es ja unsere Nationen gebracht, dass das
Subproletariat zu einem großen Prozentsatz auch gleich als Volksgruppe
ausgegrenzt ist. Deswegen überschneidet sich die Thematik immer gleich.
Das Projekt des Integrierens und der Entschluss, Vorkehrung
gegen Randale zu treffen und die im Keim zu unterdrücken, sind für
einen
Innenminister schon zwei verschiedene Sachen. Beckstein vermischt dabei
auch
gern verschiedene Sachen. Was es in Deutschland an
Parallelgesellschaften gibt,
ist auch unter Verdacht, aber unter Islamismus und Terror. Das ist aber
gar
nicht die Quelle der Randale in Frankreich.
Jetzt ist die französische Nation per Aufruhr mit dem
massenhaften Elend in ihren Vorstädten konfrontiert. Dann auf die Idee
zu
kommen, dass dies daran liege, dass man die Sozialarbeiter
zurückgezogen hat,
ist ein Zynismus sondergleichen. Als ob ein Sozialarbeiter das Elend
beheben,
diese faux frais der Gesellschaft ungeschehen machen könnte. Ein
solcher
Einwand ist eine Verharmlosung der tatsächlichen Gründe. Der
Sozialarbeiter ist
nur dazu da, dafür zu sorgen, dass die Leute in ihrem Elend die
Schnauze
halten. Das sind die Berichte bei uns: Diese Architektur, dieser
Wohnungsbau,
alles Beton, Hochhäuser, grauenhaft. Es gibt nichts Brutaleres als den
Standpunkt des sozialen Friedens, wenn er sich darauf richtet zu sagen:
„Na
wenn wir so viel Elend haben, wie kann man dann den sozialen Frieden
sichern?“
Dann folgen nur Bekenntnisse dazu, dass soziale Betreuung nichts als
eine
Befriedung ohne einen guten Grund ist – ohne guten Grund für
diejenigen, die da
befriedet werden; aber mit einem guten zynischen Grund des Staates. Der
will
sie gut und ruhig verstaut haben, gerade weil sie für nichts gut sind.
Von diesen demokratischen Zynismen gibt es noch mehr.
Beckstein: „Das gibt mir doch Recht in meiner
Terrorpräventionspolitik.“ Das
ist auch eine zynische Ausnutzung der Vorfälle für sein wirklich anders
gelagertes Anliegen. Der französischen Regierung wird sicher nicht zu
Unrecht
nachgesagt, dass sich das Kabinett wechselseitig belauert, wie sie ihre
Positionen im Kampf um das Präsidentenamt verbessern.
Sachlich wird ja durchaus die Reihenfolge eingehalten. Der
Ruf nach mehr Sozialarbeitern ist das Eine, der praktische,
beschlossene
Übergang zum Einsatz von Polizei und Gewalt das Andere. Ex cathedra
wurde
verkündet, dass das erst einmal ein Ordnungsproblem ist, das man mit
Staatsgewalt
angeht, und nicht, dass man etwas an sozialer Betreuung versäumt hätte.
Man
hätte die Aufmuckenden durch vermehrten Einsatz von Sozialarbeitern
davon
abbringen können, ist ein schäbiges, nachgelagertes Ideal, aber kein
gültiger
politischer Standpunkt, der zu irgendeiner Generalkorrektur führen
würde. Mit
dem wachsenden Ausmaß des Elends und der Überbevölkerung wächst nicht
die
soziale Betreuung durch Sozialarbeiter.
Dass der Staat sich einmal dafür entscheidet, Sozialarbeiter
zu schicken und mehrere Ganztagskindergärten einzurichten, und ein
andermal ein
Sprengkommando schickt, um z.B. Hochhäuser abzuräumen, was es auch
einmal
gegeben hat, hängt von der staatlichen Entscheidung, welche
Konfrontationen er
wie einschätzt und angehen will, ab. Es gibt eine ganze
Eskalationsleiter beim
staatlichen Umgang mit seiner Überbevölkerung, so wie auch diese
Überbevölkerung offenbar eine wachsende Tendenz zeigt, das ist nicht
bestritten. Es gibt Varianten des repressiven Umgangs mit dieser
Bevölkerung.
Es ist ein schlechter Gesichtspunkt, die Ohnmacht zum Grund
zu erklären, für falsche Machtbeweise, für Randale, die die dort jetzt
ausüben.
Es ist ein komischer Gesichtspunkt, die Tauglichkeit von einem solchen
Zirkus
zu beurteilen. Auf die Idee kommt man doch nur, wenn man es gut findet,
dass
sich dort überhaupt irgendetwas rührt. So ist es aber hier nicht, dass
sich
endlich Leute einmal nichts mehr gefallen lassen. Dann braucht es
übrigens auch
erst die Überlegung, was man denn für seinen Zweck Richtiges anstellen
könnte.
— In Frankreich
gibt es einen neuen Bericht zur Integration, der die ganze staatliche
Ausländerpolitik kritisiert. Danach sei z.B. die Verfrachtung der
Zuwanderer
aus den Maghrebstaaten in die Trabantenstädte keine Lösung. Kann es
dann nicht sein,
dass der Staat von sich aus eine andere Überlegung anstellt, wie mit
der
Ausländerfrage umzugehen sei.
Diese Frage ist jedoch von der Randale zu trennen. Wenn es
einen Zusammenhang gibt, dann gehört er in die Abteilung demokratischer
Zynismus, so einen Aufruhr als guten Grund für eine andere
Ausländerpolitik zu
verbuchen.
Wie kommt überhaupt das Elend in den Blick? Dahin gehört das
Argument, sie produzieren es. Und dann widmen sich in Frankreich wie
auch sonst
überall Staat und Öffentlichkeit der Frage, wie das Elend hier so aus
dem Ruder
laufen konnte. Die Vorbilder dafür sind mehr die Rassenunruhen in den
USA.
Fortsetzung der Kredit- und
Krisentheorie
Es wird unterstellt, dass der Derivate-Artikel aus GS 2-95
gelesen worden ist. Beim letzten Mal sind wir bis zu den fertigen
Verhältnissen
des Aktienkapitals gekommen. Damit keine Unklarheiten bleiben, soll nur
noch einmal
wiederholt werden, die Dividende ist der Ausgangspunkt einer Bewertung
dieser
Eigentumspapiere. In die Kursbewegung der Aktien geht darüber hinaus
ein
allgemeines Vergleichswesen von allen möglichen Anlagen ein. Darin
besteht das,
was beim letzten Mal mit ‚Aktien sind kapitalisierte Eigentumstitel’
gesagt
sein sollte. ‚Kapitalisiert’ heißt, sie werden wie ein Kapital
behandelt, das
Gewinn einbringt. Ab da ist dann der Kurs das Interessante an der Aktie
und die
Dividende ein Element dieses Interesses. Das ganze Aktiengeschäft
besteht dann
im Gewinnmachen beim Kaufen und Verkaufen von Aktien und nicht im
Einstreichen
einer Dividende. Dies ist der Ausgangspunkt für Derivate.
Bei diesen Derivaten findet ein eigentümlicher Übergang
statt. Die Börse erfindet sich neue Objekte für das Bedürfnis oder den
Geschäftssinn am Kaufen und Verkaufen an der Börse, die mit Aktien im
Elementarsinn, mit Staatspapieren nichts mehr zu tun haben. Da werden
Kursbewegungen von Währungen, von Rohstoffen usw., gegen die sich davon
abhängige Kapitalisten versichern, zu Objekten einer Spekulation, die
sich vom
Inhalt dessen, was da eigentlich gehandelt wird, löst und sich pur auf
die
Differenz dieser Kontrakte im Verhältnis zu den Preisbewegungen dieser
gehandelten Waren richtet. Und auch dort findet der Fortgang statt,
dass wegen
dieser Differenz darüber die Kontrakte selber einen Kurs bekommen, bei
dem
nicht mehr auf diese Differenz, sondern auf den Kurs dieser Kontrakte
spekuliert wird. Am Ende lässt sich jeder Index (allgemeine
Börsenindizes wie
DAX, Dow Jones oder speziellere wie TecDax oder Nasdaq usw.) zum
Handelsgegenstand einer solchen Spekulation auf Differenzen zwischen
der
Kursbewegung und einer erwarteten Kursbewegung, auf die man jetzt
setzt, also
wettet, an der Börse machen. Dies gehört zur theoretischen
Vorgeschichte
dessen, was die Hedge-Fonds mit dem nicht zuletzt auf diese Art und
Weise
akkumulierten Finanzkapital anstellen.
Es folgt jetzt eine
Verständnisfrage zum ‚Kapitalisieren’ und was in dem Artikel gemeint
ist mit
‚umgekehrte Optik’. Damit ist nochmals die Frage gestellt, wie viel ein
zinstragendes Papier eigentlich wert ist. Wenn man einen Schuldschein
mit einem
festgeschriebenen Zins besitzt, erscheint die Sache klar. Dies wird
schon
anders, wenn man diesen Schuldschein mit dem festen Zins selber
verkaufen will,
weil man auch Geld braucht. Der Käufer prüft nun nicht einfach, was auf
dem
Schuldschein draufsteht, sondern u.a. dessen Laufzeit, und wie er sein
Geld
vielleicht stattdessen besser anlegen könnte. Dies Letztere wird nun
entscheidend. Der Verkaufswert eines zinstragenden Papiers wird jetzt
durch den
Vergleich mit anderen Anlagemöglichkeiten flexibel. Das wird noch
drastischer,
wenn auf dem Papier gar kein Zins mehr draufsteht wie z.B. bei den
Aktien. Dort
steht nur, dass der Besitzer das Recht hat, aus dem Gewinn eines
Unternehmens
einen Anteil entsprechend der Menge der insgesamt existierenden Aktien
zu
kassieren. Dann besteht die Frage, wie viel denn solch eine Aktie wert
ist,
wenn man noch gar nicht weiß, ob und wie viel Gewinn überhaupt
ausgeschüttet
wird. Von dieser Summe, die an die Aktionäre möglicherweise verteilt
wird, kann
man dann zurückrechnen, wie viel man als Aktieninhaber an Einkommen,
eben diese
Dividende, bekommt. Von der kann man dann, verglichen mit anderen
Anlagemöglichkeiten,
rückrechnen, wie viel die eigene Aktie wert ist. Insofern ist der
Vergleich
einer möglichen Dividende mit dem festen Zins eines anderen Wertpapiers
ein
Argument, um überhaupt den Wert eines Aktienpapiers zu ermitteln. Damit
hat man
jetzt schon zwei flexible Größen vorliegen, nämlich zum einen den
Vergleich mit
anderen Geldanlagen und deren Rendite und zum anderen eine Vermutung
darüber,
wie groß die Gewinnausschüttung der Firma, deren Aktien man in Händen
hält,
wohl ausfallen wird. Das, was für ein Wertpapier hinzulegen ist, damit
sich
dessen Kauf rentiert, bestimmt sich aus einem ganzen Bündel von
unsicheren
Faktoren: Dem vermuteten Gewinn der Firma im nächsten Jahr und wie viel
sie
davon ausschüttet, wie viel im übernächsten Jahr, was ja auch mit von
der im
Jahr zuvor getätigten Investition, die nicht als Gewinn ausgeschüttet
worden
ist, abhängt.
— Der
Unterschied ist jetzt so: Die Gewinnerwartung bei der Aktie ist selbst
Spekulation, sie ist – im Unterschied zu einem festverzinslichen Papier
– nicht
festgelegt.
Das kommt bei der Aktie erschwerend hinzu. Dann muss man
diese Unsicherheit mit einem Zins vergleichen, oder mit einer anderen
Aktie,
was man mit der verdienen könnte. Deswegen heißen diese Papier im
Unterschied
zu den festverzinslichen, die konservative Anlagen genannt werden,
Anlagen für
Geschäftemacher mit Fantasie; man muss risikobereit sein. Theoretisch
ist dies
gar nicht auflösbar. Spekulanten spekulieren; das ist ein praktisches
Geschäft;
dabei ergibt sich schon, wohin die Spekulation gerade läuft. Es hat
alles den
Charakter der Bewertung dieses Wertpapiers im Vergleich zu allen
Alternativen.
Deswegen ruht dieser Handel auch keinen Tag. Das ist der biedere
Ausgangspunkt
der Sache, weil sich die Spekulation trennt von dem, was die Firma
demnächst an
Gewinn austeilt. Zu der Hochrechnung des Gewinns auf die
zugrundeliegende
Hauptsumme sagt Marx, dass das ein fiktives Kapital ist, weil dieser
Vermögenswert nur aus der Gewinnerwartung abgeleitet ist. Über diese
noch
vergleichsweise solide Rechnung erhebt sich die Überlegung, was wird,
wenn dies
so weiterläuft wie bisher, wohl die eigene Aktie weiter wert sein.
Dass spekuliert wird, egal worauf, gibt eine
Börsenbewertung her. Spekulation auf die Bewegung eines Papiers ist mit
Risiko
verbunden. Daraus entsteht ein Bedürfnis nach Sicherheit. Ein
Hedge-Fonds
garantiert dem Spekulanten den Kurs von ‚übermorgen’ zum heutigen
niedrigeren
Preis (+ Gewinnbeteiligung des Fonds). Liegt der zukünftige Börsenkurs
über dem
vereinbarten, macht der Fonds Extra-Gewinn, liegt er drunter, muss er
was
drauflegen, schlimmstenfalls über die kassierten Gebühren hinaus.
Die Kursbewegung selbst wird wie ein Einkommen, wie ein
Gewinn betrachtet, den man wiederum zertifizieren kann. Die
Börsenbewegung der
Aktie, das Recht auf die Differenz eines Aktienkurses wird zu einem
Wertpapier
ernannt. Aus einer spekulierten Einnahme wird eine Hauptsumme fingiert
und
hochgerechnet, wie viel Zins diese abwerfen würde und diese Fiktion
wird in den
Handel gebracht. Kaum wird sie gekauft, ist sie zu Geld geworden. Wenn
es
schief geht, bleibt aber dann auch nicht die Hauptsumme ohne Zuwachs,
sondern
gar nichts, da die Hauptsumme nur eine hochgerechnete war.
Für solche Geschäfte sammeln Hedge-Fonds Geld ein, das sie
in eine Kapitalsumme hochrechnen und es dann ihren Kunden andienen.
Diese sind
oft Banken, welche einerseits im Fonds anlegen, andererseits selbst
solche
Geschäfte veranstalten. Man verleiht hier nicht Kapital und kriegt
einen Ertrag
(Zins), sondern es findet eine Umdrehung statt: dem Versprechen auf
einen
Ertrag muss ein Kapital zugrunde liegen, das einem Derivate-Kontrakt
Wert
verleiht. Dieses fiktive Kapital wird dann real, wenn es einer kauft.
Ein
Fonds, der eine Gewinnaussicht verbucht, verbucht dabei nicht nur eine
zu
erwartende Differenz als sein Vermögen, sondern auch die hochgerechnete
Kapitalsumme. Das Hochrechnen von Börsenbewertungen zu Erträgen
rechtfertigt
seinerseits das Hochrechnen zu Kapitalinvestitionen.
Beim Optionshandel wird ein großer Teil dieser Papiere gar
nicht mehr realisiert. Wer eine Option auf den DAX, den DOW JONES o.ä.
kauft,
will an der Veränderung dieses Index Geld verdienen.
Hedge-Fonds oder Private-Equity-Fonds beschränken sich nun
nicht mehr auf Derivate-Handel, sondern kaufen eine ganze Firma, um
diese neu
aufzustellen. Sie handeln nicht einfach mit Aktien, was ein Rückschritt
zu
ihrem Derivate-Geschäft bedeuten würde, sondern beschaffen sich eine
Aktienmehrheit. Die übernommene Firma wird dann nach dem Bedarf des
Fonds
zugerichtet. Er geht los auf die Differenz zwischen dem Wert, der in
dieser
Firma steckt, und dem Börsenwert. Was ist rauszuholen (Grundvermögen,
Pensionsfonds, Aktienbesitz,...)? Solche (stillen) Reserven einer Firma
zu
versilbern, sie zu zerschlagen, kann einen ordentlichen Ertrag bringen
für
einen Investor.
Beispiel Deutsche Börse: ein Hedge-Fonds übernimmt die
Mehrheit bei der Deutschen Börse, die gerade dabei ist, mit ihrer
„Kriegskasse“
die Londoner Börse aufzukaufen. Stattdessen besteht der neue
Mehrheitseigner darauf,
alle für den Aufkauf vorgesehenen Mittel in Gewinn zu verwandeln und an
die
Aktionäre auszuzahlen.
Die Berechnungen der Fonds-Manager beruhen immer auf dem
Verhältnis zwischen dem Börsenwert und dem Wert des fungierenden
Kapitals.
Einerseits kann die Veranschlagung eines niedrigen Börsenwerts aus der
Zerschlagung
eines Betriebs Gewinne realisieren, andererseits kann die Aufmöbelung
eines
Ladens, der den Börsenwert so verbessert, dass beim Verkauf mehr
rausschaut als
Einkaufspreis und Investition zusammen Ertrag bringen. Beides sind
Strategien
eines Finanzkapitals, das das Interesse des Wachstums einer Firma nur
insoweit
im Auge hat, wie dieses den Wert für einen Verkauf (positiv)
beeinflusst.
—
Was unterscheidet den Standpunkt des
Hedge-Fonds, einen
Betrieb zu sanieren, von dem Standpunkt eines fungierenden
Kapitalisten, seinen
Betrieb rentabler zu machen?
Von vorneherein ist das Achten auf einen Börsenwert
getrennt von der Rechnung des Unternehmers, der auf den Gewinn aus
seinem
fungierenden Kapital schaut. Der Unternehmer bemüht sich dauerhaft um
eine
Verbesserung seiner Position in der Konkurrenz innerhalb des
fungierenden
Kapitals. Wenn ein Fonds einen Betrieb rentabler macht, dann nicht,
weil er auf
den Profit aus der verbesserten Rentabilität aus ist, sondern dieser
Punkt zur
Verbesserung des Börsenwerts für den Verkauf der Firma beiträgt.
Beispiel Fusionen: Unternehmen fusionieren, um größer zu
werden, rationalisieren, nützen Synergieeffekte aus,..., um sich in der
Konkurrenz besser zu stellen. Dabei beziehen sie sich auf die Börse,
insoweit
alle Aktionäre zufriedengestellt werden wollen. Hedge-Fonds beziehen
sich
sofort und alleine auf den Börsenwert. Die Fragen lauten dann: Was
braucht man,
um fiktives Kapital an den Mann zu bringen, Wertpapiere zu schaffen?
Woher
kommt der dafür erforderliche Ertrag? Aus der Eroberung und
Umgestaltung einer
Firma wird ein Ertrag produziert, auf den hin der Fonds Wertpapiere
ausgeben
kann. Jede Menge Anlage suchendes Kapital sammelt sich bei den
Hedge-Fonds, zu
denen diese dann eine Rendite erfinden müssen. Dies sind ungeheuerliche
Gewinnversprechen
auf noch viel ungeheuerlichere Summen sich in Hedge-Fonds ansammelnden
Geldes,
das in Kapital verwandelt werden will.
Ein Hedge-Fonds erwartet sich von der Zurichtung einer Firma
ganz andere Renditen als ein Unternehmer sie hinkriegt. Unabhängig von
der
Unternehmerstrategie kann der Eigentümer Hedge-Fonds den anvisierten
Reichtum
zu erzielen versuchen. Die Spekulation des Unternehmers, mit seinen
Mitteln
(Verbesserung der Rentabilität, Fusion,..) die Rendite des fungierenden
Kapitals zu verbessern, ist dem Hedge-Fonds zu gering (und zu riskant).
Beispiel Daimler: Statt auf ungewisse Neuentwicklungen auf dem
Automarkt
(Hybridauto) zu setzen, betrachtet ein Hedge-Fonds Daimler unter den
Gesichtspunkten
Entflechten, Aufteilen, Firmengelände verkaufen, Rest aufmöbeln, dann
mit
Gewinn an der Börse losschlagen. Das bringt einen ganz anderen, viel
höheren
Ertrag.
Zwischenbemerkung: Abwehrmaßnahmen gegen Übernahmen durch
Hedge-Fonds können sein: – Börsenwert hochtreiben (durch
rationalisieren,..) –
stille Reserven (z.B. Pensionsfonds) rechtlich gegen Übernahmen
absichern – den
prozessierenden Kapitalwert der Firma so organisieren, dass er dem
Zugriff
eines Hedge-Fonds entzogen bleibt.
Ein Hedge-Fonds macht sich nicht von den Renditen des
fungierenden Kapitals abhängig. Nur wenn er sich zum Subjekt der
fälligen
Entscheidungen macht, kann der Erfolg, die anvisierte Rendite, nicht
ausbleiben. Im Zweifelsfall achtet ein Fonds-Manager nur noch auf den
Börsenwert,
sich gegen den Unternehmergewinn entscheidend.
Das Treiben der Hedge-Fonds ist keine neue Erfolgsstrategie,
eine neue Konkurrenzstrategie jedoch schon, die darauf setzt, sobald
man sich
zum Eigentümer gemacht hat, mit der Schlagkraft seines Kapitals an der
Börse
einen Wert, und damit einen Ertrag, zu schaffen.
Neben der Zentralisation von Kapital, der Neuaufstellung von
Betrieben legen diese Fonds auch Kapital brach, tragen zur Entwertung,
letztlich zur Krise bei. Das Bestreben, ihre Finanzblasen haltbar zu
machen,
heißt nicht immer, dass dies auch gelingt. Dieses Firmenaufkaufen und
mit
Zerschlagung/Aufmöbelung Ertrag zu schaffen ist ein Geschäftsteil der
Hedge-Fonds neben anderen. Ansonsten wären die Fonds mangels Masse bald
fertig
mit dieser Sorte Werte schaffen.
Vergleich zum alltäglichen Geschäft von Banken: auch diese
bedienen sich im Sanierungs- bzw. Insolvenzfall so gut als möglich aus
dem
(nicht mehr) fungierenden Kapital, um ihre Kredite abzusichern und
ihren
Schaden so gering als möglich zu halten, um eventuell auf neuer,
niedrigerer
Stufenleiter die Produktion wieder aufzunehmen. Ein Hedge-Fonds wartet
nicht
bis zur Insolvenz eines Betriebs, übernimmt einen solchen nach
Abschätzung
eines zu erwartenden Gewinns, bedient sich und zieht sich wieder
zurück. Das
Eigentümerrecht des Kredits, das sich im Sanierungsfall gegen ein
Unternehmen
geltend macht, machen die Hedge-Fonds von vorneherein zu ihrer
Erfolgsstrategie.