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Zur Flutkatastrophe in New Orleans und zur
Bundestagswahl
Von unserer Seite
gibt es zwei Vorschläge oder Anträge. Zum einen ein paar
Überlegungen
zur
UNO-Reform, die letzte Woche angeblich gescheitert ist. Das andere, was
mehr
den Charakter eines Antrages hat, ist, ob jemanden etwas zu diesem
Wahlergebnis
einfällt. Wir haben uns ja, entgegen dem Ratschlag, in der
jetzigen
Nummer, GS
3-05, ziemlich ausführlich um die Vorbereitung der Wahl
gekümmert und
hatten
mehr so formell vor, zum Antritt eines neuen Kompetenzteams, das
Deutschland
endgültig aus allen Drangsalen erlöst, ein paar Bemerkungen
zu machen.
Jetzt
ist es gestern doch sehr bunt dahergegangen, und es zeichnet sich ab,
dass da
in den nächsten Wochen noch einige demokratische Schönheiten
passieren
werden,
so dass wir dann vielleicht ja doch, wenn wir genug Anregungen
zusammenkriegen,
wieder so eine Abfolge von kurzen Anmerkungen, Artikelchen,
kommunistischen
Beschwerden über das, was da jetzt abgeht, hinbekommen. Gibt es
sonst
noch
Wünsche?
- Die Flut in New Orleans.
Also fangen wir
damit an. Sag’, was dir dazu eingefallen ist.
- Das eine ist, dass
das ein sehr normaler
Ablauf eines Hurrikans war, und die sind damit auch sehr normal
umgegangen: Die
Leute werden gewarnt, aufgefordert, entweder das Gebiet zu verlassen
oder alles
zu verrammeln. Die Besonderheit von dem Hurrikan war, dass seine Folgen
größer
waren als sonst bei den dort üblichen Hurrikanen. Das war der
erste
Unterschied.
Um das gleich einmal
anzumerken. Wenn man sich vorstellt, man möchte dort jemanden
agitieren, dann
kannst du dir die Einleitung sparen. Man muss doch niemandem
erzählen,
dass es
Hurrikane dort alle paar Wochen gibt. Sondern jetzt ist doch das, was
den
Gegenstand der Befassung ausmacht, die Katastrophe, die über New
Orleans
hereingebrochen ist. Also fangen wir mit der gleich an. Dann kommt der
zweite
Punkt.
- Alle
möglichen
Betroffenen haben Hilfe
erwartet, die nur sehr zögerlich kam.
Das war eigentlich
der Inhalt der Katastrophe, dass so viele so massiv betroffen waren,
weil diese
Stadt abgesoffen ist, und - was hat sich herausgestellt? Du sagst, die
Hilfe
kam zögerlich. Gut, aber was lernt man jetzt daraus oder was soll
man
damit
jetzt theoretisch anfangen?
- In den Medien
wurde doch festgehalten,
dass die Behörden dort einfach versagt haben.
Ja, das hat man
ausgiebig erfahren, bis hin zum Bush haben sie alle versagt. Das
Urteil, sie
haben versagt, war einhellig. So einhellig, dass man sich dem Urteil
schon
allein deswegen nicht anschließen mag. Wenn allen klar ist, dass
die
Behörden
versagt haben, dann gibt es entweder nichts weiter hinzuzufügen,
also
braucht
sich der Kommunist auch nicht weiter Gedanken zu machen, oder es steckt
doch
noch in der Diagnose vielleicht irgendein Haken drin.
- Sagen kann man
doch nur etwas zu dem
Zweck, den man hat und verfolgt, ob man dabei einen Fehler macht. Es
fällt auf,
dass das Ausmaß des normalen Elends dort ziemlich gigantisch ist;
in
der Gegend
soll sich eine halbe Million Paupers aufhalten. Zweitens, dass
offensichtlich
so ein Damm bricht, obwohl dort andauernd Hurrikans erwartet werden. Es
scheint
also ziemlich egal zu sein, ob solch ein Damm hält oder nicht; so
genau
werden
sie das wohl nicht geprüft haben. Und das Dritte ist, wenn die
Hilfe
nur
zögerlich erfolgt, dann halt deshalb, weil sie sich offensichtlich
nicht darauf
einstellen. Eine Nation, die sonst mit Hightech Krieg führt,
hält dies
damit
offensichtlich nicht für so wichtig.
Aber ich habe jetzt
von dir noch nichts gehört, was ich nicht ungefähr in
sämtlichen
Zeitungen von
den linksliberalen der Bundesrepublik bis zu der total
proamerikanischen aus
Zürich ungefähr 35-mal gelesen habe.
- ... sie haben sich
offensichtlich das gar
nicht vorgenommen, woran die Amerikaner angeblich versagt haben sollen.
Was soll damit
gesagt sein?
- Dass da in der
Bewältigung das falsche
Urteil (enthalten ist), dass es Aufgabe und Zweck der dortigen
Behörden
war,
dafür zuständig zu sein.
Aber das kann man
nun schlecht leugnen, dass der Zweck einer Deichbehörde ist, die
Deiche
in
Ordnung zu halten, und von einer Rettungsbehörde der Zweck ist,
die
Rettung zu
organisieren. Vielleicht wollte der vorherige Vergleich mit anderen
Hurrikanen
ja darauf hinaus, an dem Vorfall ist weniger das Ereignis der Witz,
sondern auf
was für Voraussetzungen das Ereignis trifft. Das macht doch die
Katastrophe.
Und die werden aufgedeckt. Was sind nun die Voraussetzungen? Dass es
dort viele
Arme gibt, auch das schreibt die Neue Zürcher Zeitung bei Bedarf
in
dicken
Buchstaben auf. Aber wie nimmt der bürgerliche Verstand das, und
was
muss man
dem entgegensetzen? Ich habe auch nichts gegen den Tenor, wenn der
angeschlagen
werden sollte, in New Orleans ist ein Hurrikan, und massenhaft arme
Leute
geraten in Not, dass man dann den Tenor anschlägt: „Na was denn
sonst!“
Aber
jetzt kommt dann erst das Entscheidende. Man kann nicht sagen: „Na was
denn
sonst! Das wäre ja noch schöner, wenn eine Deichbehörde
sich um die
Deiche
kümmern würde.“, ab da geht man dann in die Irre, sondern bei
dem „was
denn
sonst“ muss dann auch etwas Knallhartes kommen.
- Es ist halt
hinterher nicht störend, weil
es vorher auch nicht störend war.
Hinterher hat es ja
gestört.
- Kann es nicht
sein, dass es da erst
größer bemerkt wird?
- An den Reaktionen
unmittelbar nach der
Katastrophe kann man den Übergang sehen von der Naturkatastrophe
zu
dem, was
Bush und die amerikanische Regierung dann als eine nationale
Katastrophe
betrachtet haben, worin die eigentlich ihr Versäumnis gesehen
haben.
Die
Beschwerde von Paupern von dort war ja nicht nur: „Wir sind am
untergehen und
brauchen Hilfe“, sondern es hat sich für sie sofort die Frage
aufgemacht, ob
sie gegenüber der Regierung überhaupt als amerikanische
Staatsbürger
gelten
oder doch nur Abfall für die sind.,
Gut, da ist ja etwas
dran. Aber es sollen doch jetzt nicht anlässlich der Katastrophe
die
Opfer
kritisiert werden. Oder ist das der Vorschlag: „So blöde Opfer
haben
wir ja
lange nicht gesehen!“
- Dadurch, dass
jemand zum Opfer wird, wird
er auch nicht klug.
Nein. Ich halte ja
auch nichts von denen, die dann herumjammern und sagen: „Jetzt hat uns
Herr
Bush im Stich gelassen.“
- Ich wollte darauf
hinaus, worauf Bush
meinte, reagieren zu müssen. Was die mitbekommen haben und im
Urteil
der
amerikanischen Öffentlichkeit ist, ist, dass da ein Großteil
von Leuten
ist,
die laufen im Land herum, haben die amerikanische
Staatsbürgerschaft
und werden
de facto behandelt, als wären sie so etwas nicht. Das, was zu den
anerkannten
Aufgaben der Gesellschaft gehört: Katastrophenschutz mit
Evakuierungen,
Notunterkünften, zugehöriger Verpflegung und medizinischer
Versorgung,
das
alles ist nicht passiert, und es sind auch tagelang keine Anstalten
gemacht
worden, dies in die Wege zu leiten. Daraus haben die dort im Gegensatz
zur
hiesigen Presse nicht den Schluss gezogen, dass da jemand etwas
versäumt hat,
sondern ihnen ist eingefallen, dass das, was ihnen als amerikanische
Staatsbürger
zusteht, ihnen vorenthalten wird: „Also gehören wir überhaupt
zum
Staatsvolk?“
Diese Überlegung
gefällt mir nicht besonders gut, denn warum wird jetzt ewig auf
den
Betroffenen
rumgeritten. Die hatten Durst, sind verdurstet, haben sich beschwert
und Schilder
hochgehalten: „Help“. Ich möchte keine Kritik, die in die Richtung
geht: Einer,
der auf dem Dach sitzt mit Wasser drum herum, und ein Schild mit „Help“
hochhält, der pocht darauf, dass er als amerikanischer
Staatsbürger die
Zuwendung seines Präsidenten verdient. Der will erst einmal
bloß
gerettet
werden. Lasst doch einmal am besten diese Opfer beiseite. Oder man
zieht aus
denen, wer da zum Opfer geworden ist, mal einen Schluss - aber jetzt
nicht auf
die Psychologie der Opfer.
- Ich habe
bloß
zitiert, was einige Leute
in die Kameras hinein geäußert haben.
Dann lass’ sie das
halt äußern. Andere haben herumgejammert: „Wo ist meine
Tochter?“ Das
ist es
übrigens auch gar nicht, worauf Bush reagiert hat. Wenn man das
darüber
herleiern will, liegt man nicht ganz richtig. Worauf Bush reagiert hat,
ist
doch offen herauserzählt worden. Die Nation hat ihm übel
genommen, dass
sie
hier öffentlich, weltöffentlich versagt. Neulich noch haben
sie
Katastrophenbewältigung beim Tsunami durchexerziert:
Katastrophenbewältigung
ist ein Leistungsausweis der Nation. Wenn sie dort so offenkundig
versagt, dann
liegt das Urteil „versagen“ vor. Auf das Urteil steigt der ein und sagt
„Das
ist nicht zu leugnen, aber das kann Amerika nicht auf sich sitzen
lassen.“ Und
dann rollt eine Riesengeschichte an. Dass die Ehre der Nation
angegriffen war,
da habe ich nichts dagegen, wenn man darauf gehen will. Aber da kommt
Bush ganz
ohne das Gejammer der Opfer aus. Es ist die Besichtigung von
außen:
„Was ist
denn da los? Wir denken, wir sind in Amerika, und die Leute hängen
herum wie
Neger in der Dritten Welt.“ Das hat den Stolz Amerikas beleidigt.
- Ich habe an so
etwas gedacht, dass die
von Seiten der Regierung tatsächlich die Sorge haben, dass es da
ja
tatsächlich
großteils Neger sind, die dort sitzen. Jetzt fehlte bloß
noch eine
Ohrfeige
eines Polizisten aus Los Angeles an einen schwarzen Jugendlichen und es
geht
wieder los.
Wenn man das nimmt -
da ist es doch auch ohne Ohrfeige ziemlich losgegangen. Man hat von
einem
Aufruhr am dritten Tag gehört
- Die haben doch in
der Form des Dementis
von der Regierungsseite die Rassenfrage brühwarm hereingebracht.
In Amerika verknüpft
sich, einfach, weil es dort so ist, die Besichtigung eines durch die
Katastrophe offenbar gewordenen sozialen Elends sofort mit der
Hautfarbe und
der Rassenfrage. Aber dann muss man einmal etwas dazu sagen, was daran
verkehrt
oder skandalös ist. Ja, das ist so, aber dass die sich da extra so
aufgeführt
hätten, damit sie keine Rassenunruhen in Los Angeles bekommen,
halte
ich für
eine von der Sache wegführende Nebenüberlegung. Die hatten
dort erst
einmal
damit zu tun, dass, kaum war die öffentliche Ordnung
zusammengebrochen,
immer
noch Leute übrig waren, die offenbar zwei Sachen gemacht haben:
Die
einen haben
einfach versucht zu überleben, und die anderen haben die paar
kärglichen
Gelegenheiten ergriffen, sich etwas unter den Nagel zu reißen.
Die
Übergänge zur
Schießerei liegen in Amerika offenbar furchtbar nah. Das
wäre
vielleicht noch
eine Richtung, die Überlegung zu verfolgen. Deswegen war ja auch
eine
der
ersten Reaktionen des Staates, die Leute, die sich aufs Trockene
gerettet
haben, erst einmal einzusperren. Das war die erste Hilfeleistung,
worüber sich
sogar die Süddeutsche Zeitung mit ihrem bedenklich
antiamerikanisch
gestimmten
Reporter empört hat. Aber jetzt sind wir schon bei dem Umgang mit
dem
Versagen
und dabei, wie der amerikanische Staat das Urteil, er hat hier versagt,
aufnimmt, um ein gigantisches Dementi zu starten - bis hin zu dem: „Wir
errichten diese wunderbare Stadt wieder, dazu ist uns nichts zu teuer“
und der
coolen Auskunft von Bush: „Es kostet so viel, wie es halt kostet.“
Vorhin waren wir
eigentlich noch bei einer anderen Sache. Dieses Urteil, dass die
Behörden
versagt haben, ist nicht falsch, aber ist das die richtige
Kennzeichnung
dessen, was sich dort an Katastrophe präsentiert hat?
- Warum ich vorhin
den Vergleich mit den
normalen Hurrikanen angestrengt habe. Wenn die die Leute aufgrund der
drohenden
Wettersituation auffordern, das Gebiet zu verlassen, ist zu lesen, dass
das die
Leute tun, die ein Auto haben, die aber keines haben oder keine
Verwandten
außerhalb, die bleiben. Das waren dann auch genau die, die vom
Hurrikan
betroffen waren. Das ist offenbar das Normale, dass die, die
können,
die
verlassen das Gebiet, die, die meinen, sie hätten irgendetwas zu
verteidigen,
bleiben vielleicht noch, und die, die gar nicht wegkönnen, bleiben.
Dann sag’ aber
einmal jetzt etwas zu dem Normalfall.
- Normal ist schon
komisch. Ein bisschen
südlich ist vor zwei Jahren ein Tornado über die Insel
gefegt, da sind
eine
Million Leute evakuiert worden und niemand ist zu Schaden gekommen.
Also ‚normal’
- die sind organisiert weggeschafft worden, obwohl es auf Kuba nicht so
viele
Autos gibt. Das ‚normal’ trifft auf eine Gesellschaftsform, die
tüchtig
Armut
schafft und die dort sitzen lässt. Und dazu gibt es dann
Katastrophenpläne.
Oder eben auch sehr
schlechte oder gar keine. Aber das ist doch erst einmal das Witzige,
wozu
bisher immer gesagt worden ist: Da kommt ein Hurrikan und
anschließend
eine
Regierungsaufforderung, und die, die ihr nicht nachkommen können,
bleiben halt
dort, und das ist doch normal. ‚Normal’ ist doch da nicht der Begriff
der Sache
- oder wenn, was ist denn dann da der Normalfall? Was zeigt sich da? Da
kann
man dann schon sagen: „Da zeigt sich die Normalität Amerikas“,
aber
dann muss
man zu der schon auch sagen: „Da zeigt sich die Normalität einer
Klassengesellschaft, die in ihren Städten einen Pauperismus und
eine
Überbevölkerung erzeugt. Und es wäre ja noch
schöner, wenn der
Kapitalismus in
Amerika erst eine Überbevölkerung erzeugt und sie in den
Vorstädten von
New
Orleans abstellt, sie dort physisch und psychisch verwahrlosen und
verkommen
lässt, und dann, kaum kommt ein Sturm, sie wie rohe Eier
behandelt.“ So
herum
passt es doch zusammen. Dieser Sturm mit seinen katastrophalen
Auswirkungen,
mit denen vorher so niemand gerechnet hat, dass die Deiche brechen, die
Stadt
absäuft und alle bis zum Hals im Wasser sitzen, der deckt etwas
auf. Er
deckt
nämlich den amerikanischen Normalfall auf, drastisch. Aber der
Normalfall ist
doch nicht dadurch charakterisiert, dass man sagt, das sei doch alles
normal.
Normal ist dort offenbar, dass dort Leute nichts zählen, wenn sie
nichts haben.
Aufgedeckt wird das Ausmaß des Pauperismus, der Verarmung und der
Verwahrlosung. Das kann man, wenn man erst einmal von den Opfern
sprechen will,
ruhig einmal zusammennehmen: Dass die zu borniert in Bezug auf das, was
auf sie
zukommt, waren, zu indolent, wie man es halt von einer pauperisierten
Übervölkerung kennt; so ist eine ausgegrenzte
Überbevölkerung
beisammen. Damit
erst den ganzen Skandal anzusetzen: „Und dann wird ihnen nicht gescheit
geholfen“, ist wie die Ablenkung von dem, was die Katastrophe erst
einmal
aufdeckt. Das merkt man übrigens auch an den Konsequenzen. Ja,
jetzt
die ganze
Bewältigung der Konsequenzen - an eines geht sie doch gar nicht
ran,
nämlich an
den hier schon angesprochenen Normalfall. Bevor man darüber
jammert,
dass die
Konsequenzen so schlecht bewältigt worden sind oder man die Deiche
nicht
ausreichend geschützt hat, möchte man einmal anmerken, um wen
oder was
herum
diese Deiche überhaupt gebaut worden sind, so dass ihr
Zusammenbruch
gleich
diese Riesenkatastrophe nach sich zieht, und was in diesen Städten
offenbar der
Normalfall ist, der ewig nicht auffällt, weil, solange kein Wasser
in
den
Straßen steht, die Leute sich damit irgendwie einrichten.
- In dem Artikel zu
dem Hurrikan in Kuba
vor zwei Jahren hieß es, dass die Presse darauf verwiesen hat,
dass die
Leute
wegen Castro dort mit Gewalt weggeschafft worden seien, also eine
Vergewaltigung der Leute vorgelegen habe. Jetzt kommt dieser
Gesichtspunkt in
der bürgerlichen Presse her, wie man das den USA unter die Nase
reiben
kann. Da
gibt es doch ein Land direkt vor eurer Haustür, das weiß,
wie man mit
solchen
Katastrophen umgeht. Zu der Erklärung, warum sie jetzt diesen
Gesichtspunkt
anlegen, fällt mir zunächst einmal Häme ein.
Jetzt würde ich
vorschlagen, bevor man jetzt das Urteil selber beurteilt, dass man
einmal den
sachlichen Gehalt dieses Urteils selber nimmt. Die Bevölkerung in
Kuba
ist ja
sicher nicht viel besser dran als die Paupers von New Orleans, aber ihr
Staat
legt auf sie ganz anders Wert. Der schreibt sie nicht einfach als
Überbevölkerung ab, die sich gefälligst um sich selber
kümmern soll,
aus dem
dann herauskommt, dass sie in ihrem Elend verkommen. Der kubanische
Staat, das
ist das Totalitäre, Bösartige, die Freiheitsberaubung usw.,
packt sie
am
Schlafittchen und schafft sie woanders hin oder animiert die Nachbarn,
sich
darum zu kümmern - was ja eines der größten Verbrechen
ist, dass die in
Sicherheit kommen. Das würde ich aber auch noch kombinieren mit
dem
Ersten. Ja,
zu einem Staat, der solch eine Sorte Pauperismus und
Überbevölkerung
schafft
und sich im Normalfall in der Weise darum kümmert, dass er sagt:
„Haltet die
Schnauze und schaut, wie ihr durchkommt“, und das ist ja das, was diese
Katastrophe aufdeckt, zu dem Staat passt es auch, dass er die Sorge,
sich vor
einem Hurrikan in Sicherheit zu bringen, den Leuten selber
überlässt
und sich
nicht darum kümmert, ob die das überhaupt schaffen. Das
würde ich auch
erst einmal
als Charakteristikum der amerikanischen Klassengesellschaft
nehmen,
die einem
da vorgeführt wird. Und an das kann man dann die Überlegung
mit den
Negern
dranhängen.
- In Kuba mögen
sie
ja auch in armseligen
Verhältnissen leben, aber der Unterschied ist schon einmal, dass
die
Art und
Weise, wie die informiert und organisiert sind, dazu führt, dass
sie
gar nicht
so Opfer werden. Da weiß jeder genau Bescheid, was man zu tun
hat. Das
ist als
gesellschaftlicher Zweck mit den genug beschränkten Mitteln,
über die
sie
verfügen, organisiert.
Wenn man will, kann
man das als Gegenbild nehmen, um zu verdeutlichen, was das heißt,
wenn
die
Paupers der kapitalistischen Gesellschaft in den Genuss einer
schrankenlosen
bürgerlichen Freiheit kommen. Dann kommt nämlich nicht so
etwas heraus,
wie es
gerade von Kuba wiedergeben worden ist. Von daher würde ich dann
auch
die
Urteile aufrollen, was denn jetzt ‚Versagen’ heißt.
- An der Ecke
hießt
es ja, dass es so viele
nicht miteinander kommunizierende Einsatzstellen gab, dass es deswegen
im Chaos
endete.
Und was sagt man
jetzt dazu?
- Es wiederholt sich
halt immer an der
Stelle, wenn man sagen würde, sie hätten den Zweck, dass das
alles
bestens
funktioniert. Wenn der amerikanische Staat ganz andere Sachen über
den
Globus
handlet und managet und in null Komma nichts Einsätze fliegen
kann,
dann ist es
doch grad komisch, dass es an der Stelle nicht klappen soll. Es
heißt
doch,
dass es in dem Sinne gar nicht angelegt ist, dass dies eins a laufen
soll.
Das ist offenbar das
Faktum, dass man darauf gar nicht eingerichtet ist. Jetzt möchte
man ja
ein
Urteil darüber fällen. Und es werden ja laufend in unserer
Öffentlichkeit
Urteile darüber gefällt z.B. das: „Ja was ist denn das, in
der ganzen
Welt
schicken sie ihr Militär herum und können mit
millimetergenauen Bomben
Bagdad
zerstören, aber millimetergenau ein paar Wasserflaschen abwerfen
ist
offenbar
nicht drin.“ So redet ja unsere Presse darüber. Das Faktum ist
erst
einmal, ja,
sie waren ziemlich desolat organisiert und der Größe der
eingetretenen
Katastrophe von vorn bis hinten nicht gewachsen. Was zieht man jetzt
für ein
Urteil daraus? Das ist ja zunächst einmal der Tatbestand, den Bush
selber so
hersagt.
- Das ist ja gar
nicht der Zweck in diesem
Staat, so etwas zu organisieren. Gerade dort unten in der Ecke, wo der
Kapitalismus alle Formen der Armut geschaffen hat ..., war eine solche
Katastrophe ja vorprogrammiert. Sie sind ja vor Jahren schon darauf
hingewiesen
worden, dass man dort etwas tun müsse, sonst würde es zu
einer solchen
Katastrophe kommen. Das war dem Staat aber offensichtlich egal. Das
heißt, auch
angesichts dessen, dass dort ein Großteil seiner Paupers sitzt,
dass
auf die
erst einmal geschissen ist. Man hat es darauf ankommen lassen. Das
Wichtigste
war halt, dass das Kapital, das sich dort angesiedelt hat, seinen
Reibach
machen kann, inklusive aller gebauten Kanäle, um das Öl
abzutransportieren.
Spätestens da merkt
man, die Kategorie Zweck ist schon immer brauchbar, bloß kommt
man mit
der dem
Geschehen nicht so ganz bei, weil alles, was dort an Geschäft
gelaufen
ist, ist
ja auch hinüber. Das kann man dem amerikanischen Staat nicht
nachsagen,
dass
ihm die Geschäftstätigkeit dort unten wurscht gewesen
wäre. Aber da
läuft ja
jetzt erst einmal nichts, und sie verbuchen täglich wer weiß
wie viel
Verluste,
und die Rückversicherungen raufen sich die Haare.
- Es gibt eine
Sortierung in den
amerikanischen Bundesstaaten. In denen dort unten läuft
geschäftsmäßig
am
wenigsten. Der amerikanische Staat hat alles so organisiert, dass er
den Schutz
der Voraussetzungen für ein Geschäft vor Katastrophen den
einzelnen
Regionen
überlässt. In Bundesstaaten, in denen viel an
kapitalistischer
Reichtumsproduktion läuft, gibt es auch mehr Mittel, und weil sie
die
Quelle
dieser Mittel haben, haben sie auch das Interesse und sorgen in einer
ganz
anderen Art und Weise vor. Man kann es auch mit Japan vergleichen, wo
es
ähnliche klimatische Verhältnisse gibt. Dort gibt es einen
anderen
Standpunkt.
Was dort an Industrie existiert, befindet sich halt an den Küsten,
und
die
Leute werden gezwungen, im Verlauf des Jahres Übungen
durchzuführen,
deshalb
gibt es dort regelmäßig weniger Tote. Ich meine, es ist eine
Besonderheit des
amerikanischen Staates, diesen Verhau zuzulassen, und deswegen kommt es
auch zu
diesem so genannten Chaos in den Zuständigkeiten, weil es eben den
Regionen
überlassen wird.
Was ist jetzt dein
Urteil über diesen ganzen Scheiß?
- Ich meine, es ist
die Konsequenz davon,
dass ein Staat sagt: „Es kommt mir darauf an, was an kapitalistischer
Reichtumsproduktion läuft. Und die Voraussetzung dafür zu
schützen
mache ich
auch davon abhängig, was in den einzelnen Regionen läuft.“
Ich weiß nicht, ob
man das so sagen kann, dass das wie eine bewusste Entscheidung ist: „Da
schiebt
sich nichts, das ist mir wurscht.“ Es ist doch noch ein bisschen
schlimmer. Was
schützt denn der Staat? Vielleicht macht er es sogar so, dass er
besichtigt,
was dort für Werte sind. Aber jetzt sind die ja auch mit
draufgegangen.
Angeblich können sie jetzt ja ihre Baumwolle und ähnliches
Zeug nicht
mehr
verschiffen, der Ölpreis explodiert. Ich komme nicht ganz zurecht
mit
dem
Urteil: Da schiebt sich nichts und deswegen hat er alles so schlampen
lassen,
weil sich ja jetzt zeigt, auch alles, was sich da geschoben hat - und
das ist
nicht unwichtig, bis hin zum Benzinpreis in ganz Amerika und sogar bei
uns -
...
- Es wäre eine
Übertreibung zu sagen, dass
sich da nichts schiebt. Ich meine erst einmal, es ist so organisiert,
dass es
Sache der einzelnen Bundesstaaten ist, keine der zentralen staatlichen
Organisation. Es stellt sich dabei heraus, dass jedes Dorf seinen
eigenen Plan
hat, oder auch keinen.
Ich werde nicht ganz
schlau aus euren Überlegungen. Wieso reicht denn nicht einmal als
Erstes das
Urteil: Diese Katastrophe deckt etwas auf, und zwar an der Verfassung
der
amerikanischen Gesellschaft, an dem Ausmaß von Pauperismus, der
sich
dort in
den Städten sammelt. Dann kommt als Zweites: Spätestens in
dieser
Katastrophe,
die ja einiges darüber aufdeckt, wie die Leute dort
herumexistieren und
-
meinetwegen auch - was sie dem Staat bisher Wert waren, nämlich
verdammt wenig
Fürsorge - das bezieht sich aber jetzt erst einmal auf diesen
Bodensatz
der
Gesellschaft, nicht auf seine Reichtumsquellen, sondern auf das
Gegenteil, die
Überbevölkerung, die sich dort versammelt. Der Umgang mit
denen und
deren
Lebensverhältnissen ist dann auch entsprechend. Das wäre ja
auch
paradox, wenn
er erst einmal so viele Leute verkommen lässt, dann aber auch
darauf
achtet,
dass er um deren Elend herum bombensichere Deiche baut. Dann wäre
aber
das erst
einmal das Urteil, wie der mit den Leuten umgeht. Du wolltest schon
darauf
hinaus, wie er mit den Abteilungen seiner nationalen Reichtumsquellen
umgeht.
Ich weiß gar nicht, wo das hingehört und ob das an der
Stelle überhaupt
gerecht
ist. Das berührt zumindest ein anderes Thema - und vielleicht muss
man
ja auch
auf das kommen - Wie verhält sich eigentlich der Staat dort als
Schutzherr des
kapitalistischen Reichtums; wie gestaltet sich da das Verhältnis
zwischen
öffentlicher Hand und privatem Geschäft? Vielleicht hat da
der Staat
konsequenterweise auch da das Urteil, dass ihm eigentlich das Wachstum
nur in
dem Sinn angeht, dass er für eine gescheite Rechtsordnung sorgt
und das
Nötigste an Rechtssicherheit herstellt. Aber alles, was unter
Infrastruktur
fällt, ist für diesen Staat vielleicht schon mehr Objekt
privater
Initiative
oder jedenfalls, so, wie gerade erzählt, sehr nachrangig als
staatliche
Aufgabe. Dann kann man sagen - das ist dann schon mehr ein
hämisches
Urteil -,
dass er das jetzt davon hat, dass er seinen Kapitalismus so wenig
betreut.
- Dann kann man doch
auch hier sagen, dass
er in Bezug auf seinen Kapitalismus die Stellung einnimmt, so viel
mache ich,
alles Weitere ist zu teuer.
Ja, solche
Abwägungen macht ja ein kapitalistischer Staat. Man muss aber
unterscheiden.
Man merkt nicht bloß beim Umgang mit seinem Pauperismus, sondern
man
merkt
zweitens auch Symptome davon, wie sich der Staat zu all dem stellt, was
man
sonst seine Infrastrukturaufgaben nennt. Ob wir das groß
skandalisieren
sollen,
weiß ich nicht. Das würde ich am liebsten den Versicherungen
überlassen.
- Wenn man fragt,
worin denn das
Katastrophale und das Versagen der Behörden bestanden hat, muss
man
auch
darüber nachdenken, auf wen sich eigentlich die Sorge richtet. Wir
haben ja
schon gesagt, dass es die Leute nicht sind, möglicherweise ist es
etwas
Abstrakteres, nämlich die Sicherheit der Nation.
Was sagt der Aspekt
‚Sicherheit’ in dem Zusammenhang? Wo ist der zu entdecken?
- Negativ fällt
mir
auf, dass die Leute
durchaus die Sicherheit stören, wenn sie als Obdachlose
herumhängen,
Läden
ausräumen.
Bekommst du da einen
Zusammenhang mit unserer ersten Überlegung her? Alles noch unter
dem
Stichwort
‚normal’. Es ist sehr typisch für einen Staat, der solch einen
Pauperismus in
der Weise betreut, dass er ihn ignoriert und herumsumpfen lässt
und
schaut,
dass er nicht stört. Jetzt kommt eine Katastrophe und mischt
diesen
ganzen
Sumpf einmal auf, der Bodensatz wird hochgeschwemmt, versammelt sich in
diesem
Super Dome und krakelt herum, er hätte nichts zu saufen, und
andere
retten sich
auf die höchste Stelle der Autobahn und möchten auch, dass
man ihnen
irgendwie
Wasser beschafft - was ist an der Stelle die erste Reaktion des
amerikanischen
Staats? Sehr typisch.
- Für Ordnung
sorgen.
Die Leute werden
erst einmal ordentlich eingesperrt. Man verhindert, dass sie sich
einfach ins
Land hinein verbreiten.
- Das ist ja auch
die erste Sozialleistung
des Staates bei der Normalität, wenn es keine Katastrophen gibt.
Eben, das ist
normal. Das ist die Reihenfolge, in der der bürgerliche Staat sich
um
seinen
Pauperismus kümmert: Erstens wird durch die Katastrophe deutlich,
dass
es
dieses ganze Elend gibt; zweitens, dass der Staat es versumpfen
lässt,
drittens, dass, wenn es auffällt, der Staat als Erstes an die
Sicherheit des
Eigentums denkt und an das Überwachen der Leute; und viertens
kommt
dann
natürlich der Gesichtspunkt der Versorgung dazu. Zu diesem
letzteren
gab es den
Vorschlag zu schauen, nach welchen Gesichtspunkten der Staat das macht.
Zunächst haben wir den Gesichtspunkt ‚Sicherheitsbedenken’. Was
ist der
Gesichtspunkt für das ‚Versorgen’? Man braucht bloß Bush
zuzuhören, der
erzählt
zunächst den Gesichtspunkt und dann kommt die Versorgung.
- Dass die
amerikanische Nation aus lauter
großherzigen Individuen besteht, die sich darum kümmern
sollen.
Genau. Die Ehre der
Nation ist der Gesichtspunkt dafür. Und zwar als erstes ein
Kompliment
an die
Nationalisten, die ihren Volksgenossen eine warme Mahlzeit spendieren.
Sich um
die Armen kümmern sollen die, die ein bisschen mehr haben, das ist
dann
Privatinitiative. Und wenn das nicht reicht, dann kommt etwas ins
Rollen und
das ist sehr interessant. Dann kommt nämlich die Ehre der Nation
auf
der
nächsten Eskalationsstufe. Und dann zeigt die Nation wirklich, was
sie
kann,
wenn das Stadium erreicht ist und der Chef des ganzen Ladens Bedenken
hat, wie
sein wunderbares Amerika in der Welt dasteht, wenn die Kameras laufend
das ganze
Elend filmen und die ganze Welt sagt, dass es dort wie in der Dritten
Welt sei:
„Das kann doch Amerika nicht auf sich sitzen lassen.“ Das ist der nach
außen
gewendete Aspekt der Sache. Es gibt auch den nach innen gewendeten: „Er
muss
doch dafür gerade stehen, dass seine Nation funktioniert.“ Jetzt
wird
dort
überall drastisch anschaulich, dass sie glatt ihr Volk verkommen
lässt.
Unter
dem Gesichtspunkt, dass das an die Ehre der Nation rührt, kommt
dann
Einiges
ins Rollen. Dann hat er auf einmal 70.000 Mann der Nationalgarde
übrig
und
zieht sogar Truppen aus dem Irak ab, damit die dort die Plünderer
verhaften;
eine Armada von wassergängigen Lastwagen ist dann zur
Verfügung, über
die unser
Technisches Hilfswerk sich nur wundert. Dann besinnt sich auch der noch
so
kapitalistische Staat auf das nichtkapitalistische Mittel Nummer eins,
über das
er verfügt. Was wird das wohl sein?
- Vorher noch. Die
Ehre der USA, an der sie
sich gepackt sehen, ist aber auch gleichzeitig ein Gesichtspunkt, unter
dem
ausländische Staaten und deren Öffentlichkeit sie ebenfalls
packen.
Wenn Sri
Lanka, Kuba und Venezuela sich anbieten, Hilfe zu schicken, geht es
auch nicht
um die Würdigung, was solche Hilfe denn dort bewirken könnte,
sondern
um die
Blamage, die man den USA in der Situation bereiten kann. Das Elend der
Leute
dort wird auch von anderen als Material genommen, um die USA zu
blamieren.
Es kann ja sein,
aber das macht ja das Argument nicht besser, dass Amerika das von
vornherein
als solches nimmt. Wenn hier wegen solch einer Katastrophe und der
blöden
300.000 Neger in New Orleans die Überlegenheit Amerikas
plötzlich
infrage
steht, dann zeigt Amerika, was es kann.
- Auf diese
ausländische Reaktionen
reagierte die amerikanische Öffentlichkeit mit dem Standpunkt:
„Wir
sortieren
die Hilfsangebote. Wir sortieren und entscheiden, wem wir erlauben, uns
helfen
zu dürfen.“ Ähnlich wie nach dem 11.9. haben sie sich auf den
Standpunkt
gestellt, die restliche Staatenwelt danach zu sortieren, wie die sich
gegen
Amerika aufstellt.
Jetzt betrachten wir
aber erst einmal den amerikanischen Staat und nicht den ganzen Rest.
Was ist
der Gesichtspunkt von Betreuung und Hilfe? Das erste Wort, das einem
Amerikaner
einfällt, ist: „Wir sagen ja alle You zu einander, sind alle
freundlich
und im
Übrigen ist es erst einmal Privatsache, dem Elend zu steuern.“
Wenn das
angesichts dieser Katastrophe eklatant nicht langt, das Fernsehen es in
Amerika
so offenkundig macht: „Was ist denn bei uns los, sind wir denn dieser
Katastrophe nicht gewachsen?“ und dann eine Kritik an der Regierung
daraus wird
unter dem Gesichtspunkt, dass das eine Schande für die Nation ist,
dann
braucht
man noch nicht einmal darauf zu schauen, ob sie mit Schande eigentlich
einen
ökonomischen Nachteil meinen. Schande ist eine Kategorie, die
nicht
davon
abhängig ist, wie viele Werte kaputt gehen und gerettet werden
müssen,
sondern
es ist die Herausforderung der öffentlichen Gewalt, wieweit sie es
schafft, in
ihrem Laden Ordnung wieder her- und sich als ordnungsstiftend und
leistungsfähig
darzustellen, wenn das Unglück und das bisherige Versagen so
groß ist,
dass
eben diese Riesenkatastrophe offenkundig wird. Und dann lässt
dieser
Staat sich
nicht lumpen, dann mobilisiert er seinerseits das Geld und das
Militär,
was er
hat. Er tritt dann zum Rest der Welt in ein sehr interessantes
doppeldeutiges
Verhältnis - nehmen wir es erst einmal von Amerika aus. Das eine
Moment
ist der
Anspruch: „Wir haben so viel geholfen, wo bleibt denn jetzt der Dank?“
Und wenn
der Dank kommt oder angeboten wird, kommt sofort die Überlegung:
„Ist
das jetzt
etwas, was wir dankend einkassieren, oder ist geholfen zu kriegen eine
Schande
für uns.“ Bei Einigen ist es sofort klar. Castro hat noch nicht
einmal
eine
Antwort bekommen. Bei den Europäern sagt man: „Schönen Dank,
schickt
sie uns
nur“ - bis dann einmal der BSE-Verdacht auftaucht. Der letzte Akt der
ganzen
Geschichte ist - die Verwüstungen der Katastrophe: Was ist denn
das im
Kapitalismus? Einerseits ein Schaden für die Versicherungen. Und
andererseits?
- Ein dickes Geschäft. Architekturbüros müssen doch
jetzt begeistert
sein, sie
dürfen einmal eine ganze Stadt wieder aufbauen - am besten auch
wieder
aus
Holz, dann hat man ewig zu tun.
Wenn man das
artikelmäßig denkt, ist man in dem Sinn mit Amerika fertig.
Dann habe
ich
nichts dagegen, noch einen Anhang zu machen mit dem, wie das bei uns
begutachtet wird. Das ist nämlich noch einmal ein Kapitel für
sich.
Die Rassenfrage
haben wir zwischendurch versumpft. Die Rassenfrage ist eine
Pauperismusfrage.
Das gehört auch mit zu den Künsten der Berichterstattung,
einerseits
das zu
sagen, dass es nicht eine Frage der Hautfarbe ist, sondern des Elends,
in dem
die Neger dort wohnen. Dann aber dreht sich genau diese Identität
um,
dann ist
nicht mehr der Pauperismus als solcher das Problem, sondern dass
ausgerechnet
die Neger so überproportional von ihm betroffen sind. So kann man
auch
die
Normalität des Kapitalismus skandalisieren, dass am Kapitalismus
überhaupt
nichts mehr kritisiert wird. Wenn man nicht sagt: „An den Negern sehe
ich, wie
viel Pauperismus der Kapitalismus macht“ - dann hätte man eine
Kapitalismuskritik -, sondern: „An den Negern sehe ich, in was für
einem
überproportionalen Ausmaß die schwarzhäutigen
Volksgenossen von dem
Pauperismus
betroffen sind. Ist das gerecht?“, dann hat man einen
wunderschönen
Skandal,
der mit dem Pauperismus selber null zu tun hat. Wenn alle Typen von
Hautfarben
schön gemäß ihrer gesellschaftlichen
Proportionalität von dem Unglück
betroffen
wären, dann könnte man offensichtlich gar nichts dagegen
sagen. Das ist
noch
das wichtige Zwischenargument zum Verhältnis von Pauperismus und
Rassismus. Das
Schöne bei unserer Berichterstattung ist zum einen die Wonne der
Katastrophenberichterstattung. Über Katastrophe als Genussmittel
brauchen wir
uns nicht zu verbreiten, das haben wir schon bei der
Tsunami-Katastrophe
gemacht. Das Feuilleton hat das gleich furchtbar kulturkritisch
genommen, als
Fall einer individualisierten Gesellschaft. Da hat keiner das Urteil
gelten
lassen, dass es doch mehr oder weniger normal ist für eine
exemplarische
kapitalistische Gesellschaft, sondern alle wollten die Besonderheit
herauskitzeln: „In Amerika ist der soziale Zusammenhalt so
individualisiert.“
Ein Hinweis darauf.
Es kann passieren, was will, die Führungsfähigkeit Amerikas,
seine
Werte,
werden immer einmal wieder in Zweifel gezogen. Und die Gelegenheit hat
man
jetzt auch hier genutzt. Wenn man erst einmal gesagt hat, dass Amerika
sich
selber die Demonstration seiner Unanfechtbarkeit, seiner
Führungsfähigkeit
schuldig ist, es beweisen muss, dass es zurecht die Weltmacht ist,
indem dass
es nicht im Innern als Ordnungsmacht versagt, dann gibt es noch ein
paar schöne
Fußnoten.
Jetzt sind wir fast
beim Wahlkampf. Das hat sich der Kanzler in der Diskussion mit Merkel
ja nicht
entgehen lassen, darauf hinzuweisen, wie wichtig es ist, dass man den
Staat
nicht verkommen lässt.
Die Betonung von
vorhin: „Die Opfer selber pochen doch darauf, dass sie als
amerikanische
Staatsbürger anständig behandelt gehören“, geht, so wie
wir es jetzt
besprochen
haben, völlig unter in dem Ehrengesichtspunkt des amerikanischen
Staates. Und
am liebsten würde ich es da auch lassen. Man kann natürlich
noch sagen,
dass
die Opfer die letzten sind, die durch die Katastrophe klug werden, aber
-
sollte man damit rechnen?
- Ich wollte damit
etwas zur
Rassengeschichte sagen. Der amerikanische Staat selber ist doch stets
bemüht zu
unterstreichen, dass es ein einheitliches amerikanisches Staatsvolk
gibt.
Zugleich ist er permanent dem Verdacht ausgesetzt seitens der
Minderheiten:
Neger, Moslems, Hispanics usw., dass sie eigentlich nur als Randgruppen
zählen
und gar nicht dazugehören sollen, also gar nicht gewollt sind. Es
gibt
dieses
Standardargument von Armeeangehörigen, die Neger sind und sich aus
den
Paupers
rekrutieren: „Überhaupt sind wir zu Hause in Amerika die, die
total im
Dreck
sitzen, und wir können jetzt mit der Waffe in der Hand die Profite
der
Weißen
verteidigen.“ Mit solchen Urteilen hat der amerikanische Staat zu tun.
Von
daher und von daher, wie sie die Condoleeza Rice öffentlich vor
die
Kameras
geschickt haben, meine ich tatsächlich, dass sie es für
nötig gehalten
haben,
ein öffentliches Dementi dessen zu machen, dass ihre Neger
für Bürger
zweiter
Klasse gehalten werden.
Das gehört zusammen.
Was wir gerade besprochen haben, dass das ganze Elend als Rassenproblem
aufgenommen wird, das ist die ganze Kritik. Und die Kritik wird
besänftigt,
zurückgewiesen, begutachtet vielleicht auch.
- Rice selber stand
vor der Kamera und
verteilte Care-Pakete und hat dann wirklich gesagt: „Völlig
unsinnig,
dass
Afroamerikaner hier weniger zählen, ich bin ja selber eine.“
Der Rassismus und
sein Dementi. Es ist ja nichts als ein Gerechtigkeitsplädoyer. Und
dann
ist er
das Musterbild dessen, dass es um die Gerechtigkeit des
Rassenausgleichs so
schlecht nun auch wieder gar nicht bestellt ist. Das ist wie der gute
Jude bei
den Deutschen. Das Dementi gehört selber mit zum Rassismus dazu,
zu der
Interpretation der Klassengesellschaft als einer Unterprivilegierung
besonderer
Gruppen.
- Insofern passen
die Opfer mit ihren
Äußerungen ja auch gut da hinein, weil es ja auch wirklich
der einzige
zulässige Beschwerdegesichtspunkt ist.
- Wenn eines der
Opfer sagt: „Zähle ich
überhaupt als Amerikaner, oder bin ich nur eine Art Hund?“, macht
es
einen
Fehler. Warum darf man das nicht sagen?
Das darfst du schon
sagen, aber ich würde es ungern zum Thema machen. Klar ist, sobald
man
in Not
ist, dass man seinen Anspruch als Patriot stellt: „Amerika darf doch
seine
Kinder nicht verkommen und verdursten lassen.“ Ja, das ist der
patriotische
Fehler, den die da nicht lassen. Wenn man die Opfer durchsortieren
wollte, käme
man noch auf ganz andere Typen als nur die Patrioten. Man kommt dann
z.B. auf
die, die sagen: „Um Gottes Willen, sobald der Staat kommt, geht es uns
an den
Kragen.“ Lieber selbstverantwortlich versumpfen, als sich von diesem
Staat
retten lassen - das war ja auch eine ganze Abteilung. Das gehört
mit in
die
Abteilung Verwahrlosung.
Die Frage, wie sehr
kümmert sich der amerikanische Staat um seine Infrastruktur, habe
ich
abgewimmelt. Das finde ich als Thema nicht so übermäßig
interessant,
und sich
da jetzt hineindenken, wie in Amerika die Hierarchie der Schützer
der
Infrastruktur gestrickt ist, das können Liebhaber in der Zeitung
nachlesen.
- Angesichts der
Katastrophe bringen
Irak-Kriegs-Gegner das Argument vor, dass es unter anderem deshalb so
katastrophale Folgen gegeben habe, weil viele Mittel, die normalerweise
für die
Heimatschutzbehörde und den Katastrophenschutz gedacht waren,
abgezogen
worden
seien. Sie nehmen die Katastrophe für sich als ein weiteres
Argument,
warum
sich Amerika nicht im Ausland engagieren soll.
Da ist das Argument
mit der Blamage der Nation schon gelaufen. Und dann versuchen die mit
dem
Argument der Blamage das auf das zu richten, was sie schon immer im
Visier
hatten. Der sachliche Gehalt von dem geht auf in der Frage, welche
Prioritäten
so ein Staat hat. Wenn es ein Klassenstaat ist, dann ist seine erste
Priorität
bestimmt nicht, sich um die zu kümmern, die er erst einmal
verkommen
lässt. Und
das andere geht in die Abteilung, wie sich ein Staat seine
Staatsaufgaben
einteilt. Eine imperialistische Nation kann sich nicht um jeden
Maulwurfshügel
im Inneren kümmern.
- Mir ist der Gehalt
der Ehrenfrage, die
die Nation aufmacht, noch nicht klar. Nach außen hin ist es klar.
Mit
diesen
Werten, für die die Nation geradesteht, geht sie ja auf den Rest
der
Welt los.
Aber mit denen geht
sie ja auch auf ihre eigenen Bürger los. Das ist doch der
Gesichtspunkt
des
Patriotismus. „Schaut, was wir für eine großartige Nation
sind: Die
höchsten
Häuser, der schönste Präsident, die
genusssüchtigste Südküste - in
allen
Belangen Spitze bis hin zum Sport.“ Das ist dieselbe Frage wie: Warum
leisten
sich Nationen Sportidioten? Das ist nach außen hin die Angeberei,
aber
es ist
auch von Staats wegen die Angeberei nach innen. Eine Führung muss
ihrer
Gefolgschaft etwas bieten.
- Das sind doch die
Titel, mit denen sie
auf andere Nationen einschlägt.
Das sind sie auch,
nach außen. Und das will man ja auch dem Volk im Inneren
vermitteln.
Ich weiß
nicht, ob du jetzt an dem Punkt bist, wo ich dich darauf hinweisen
könnte,
warum die Nazis das Reichsparteitagsgelände so gigantisch
groß gemacht
und mit
so wunderschönen Gebäuden geschmückt haben. Warum haben
sie sich einen
Arno
Breker (Bildhauer, Grafiker, Architekt) geleistet? Angeberei kommt dir
jetzt
vielleicht zu menschlich und trivial vor, aber auf staatlicher Ebene
kann man
Repräsentation dazu sagen. Da gibt es Staaten, die leisten sich
dafür
ein
ganzes Königshaus - einschließlich Skandal, Witwen und
Waisen.
- ... auf die
Identität des amerikanischen
Staatsbürgers mit seiner großen Nation, die er da pflegt.
Alles, was unter
Patriotismus fällt und das Angebote-Machen für das
Klasse-Finden, dass
man
Amerikaner ist.
Jetzt ist es doch in
diesem Fall gar nicht so schwierig, den Gehalt davon anzugeben, weil er
ja
durchaus an diese Katastrophe angehängt ist, und der heißt:
„Wir haben
alles im
Griff.“ Und wenn daran Zweifel aufkommen - das merkt der an seinen
Umfragewerten -, dann muss er halt reagieren und beweisen, dass er
alles im
Griff hat, erstens nach innen und zweitens nach außen. Das ist da
die
Ehrfrage.
Insofern ist das sehr sachgerecht, dass alle sagen: „Bush sieht jetzt
aber sehr
schlecht aus“. Der ist doch zunächst einmal aus seinem Urlaub
nicht
gleich hin,
weil er gesagt hat: „Er hat alles im Griff. Was soll diese Katastrophe.
Die
trifft einen amerikanischen Präsidenten nicht.“ Dann ist er doch
hin
und hat
gesagt: „Das machen wir schon.“ Und dann ist er noch einmal hin und hat
gesagt:
„Das machen wir schon. Das ist nicht bloß eine dumme Geste, die
angegriffen
worden ist, sondern das machen wir jetzt zum Programm.“ Der hat aus
dem, wie er
dasteht, gelernt. Und wie steht er da ist nicht nur eine Dummheit,
sondern er
repräsentiert die Überlegenheit Amerikas.
Noch mal zu der
Rassismus-Frage von vorher. Das klingt zu sehr nach: der amerikanische
Staat
kümmert sich um den Rassismus-Vorwurf aus lauter Sorge darum, was
aus
dem
werden könnte. Wenn US-Soldaten, die im Irak Krieg führen,
sagen, sie
würden
ihren Kopf hinhalten für die Weißen, dann ist das von denen
kein
drohender,
potenziell staatskritischer Rassismus-Übergang, sondern das
Selbstbewusstsein
ihres Dienstes, den sie da ausüben. Soldat sein ist übrigens
eine der
Karrieremöglichkeiten für Schwarze in Amerika, auf der
anderen Seite
ist die
ganze schwarze Elendsmannschaft, und wenn Rice sagt: wir sind keine
Rassisten,
dann ist doch damit die Sache abgetan, und das ist dann ein Stück
Beweis, dass,
wenn sich dieser Staat überhaupt etwas vorwerfen lässt, dann
ist es
nicht die
Armut, sondern, ob er seine Bürger alle gleich behandelt, und
diesen
Vorwurf
weist er entschieden zurück. Also von daher ist es falsch zu
sagen, der
Staat
habe sich Sorgen um einen drohenden Rassenaufruhr gemacht. Sie haben
eben das
Ganze als Ordnungsfrage behandelt.
Zur Wahl:
Um mit der
Fernsehshow nach der Wahl anzufangen: Was ist der politische Gehalt des
stolzen
Sich-Aufführens des Kanzlers dort, denn es hat einen? Die eine
Reaktion, die
man z.B. bei Christiansen mitbekommen hat, ist: Die politische Klasse
und die
Börse sind ziemlich enttäuscht über das deutsche Volk,
das deren
Meinung nach
die Wahl versaut hat. Das erste Urteil über das Wahlergebnis ist:
Der
Wähler
hat seinen Beruf verfehlt und der ist, eine klare Ermächtigung
zustande
zu
bringen. Die Börse hat sozusagen von Berufs wegen ein immenses
Verlangen nach
Sicherheit: Wenn sie schon spekulieren, soll wenigstens die Politik
Verlässlichkeit bieten und bei dieser Aufgabe hat der Wähler
versagt.
Während
es einem Arbeitslosen egal sein kann, ob eine Regierung schnell
zustande kommt
oder nicht, weiß nicht nur die politische, sondern auch die
besitzende
Klasse
ziemlich genau, was sie von ihrem Staat will und braucht, nämlich
eine
Regierung, die ganz stabil die fälligen Reformen vorantreibt,
nämlich
Entlastung des Kapitals und Umverteilung so, dass der Reichtum besser
funktioniert, und das so schnell wie möglich. Und jetzt ist da der
Kanzler, der
sich furchtbar über das Wahlergebnis freut, und zwar nicht
deshalb, weil
er sich in seiner Agenda 2010 bestätigt sieht und darüber
freut, dass
die nicht
in Grund und Boden kritisiert worden ist, sondern er hat den
Moderatoren in dieser
Show um die Ohren gehauen, dass sie ihn schlecht geredet hätten,
ihn
quasi
abgeschrieben hätten, während der Wähler hinter ihm
gestanden sei.
Während der
Wahl (genauso wenig wie während der Talk-Show) ging es nicht um
die
Reformen,
sondern darum, wer besser führt, wobei sowieso alternativlos klar
war,
das die
Reformen sein müssen und gemacht werden. Dabei gibt es einen
Zusammenhang mit
der Unzufriedenheit mit der Agenda 2010. Es gibt eine Unzufriedenheit
darüber,
dass es so viele Leute trifft, da ist der Ausgangspunkt nicht, dass das
eben
sein muss, und deshalb bin ich dafür, sonst hätten sie dem
Schröder ja wegen
seiner Agenda zugejubelt. Aber wenn, dann haben sie ihm trotz der
Agenda
zugejubelt. Bei der Wahl im Mai hat er erst einmal die Zustimmung
seiner
Anhänger und seiner Partei nicht mehr gehabt. Zu sagen, alle Leute
sind
für die
Reformen und deswegen haben sie den Schröder als den
profiliertesten
Reformer
gewählt, ist nicht richtig. Der Ausgangspunkt war eine
Riesen-Unzufriedenheit
mit den Reformen, die er gemacht hat, wobei diese Unzufriedenheit ein
sehr
doppeldeutiges Ding war und ist: ob die damit unzufrieden sind damit,
dass es
ihnen ans Geld geht oder an die Sicherheit ihres Arbeitsplatzes, oder
ob sie
unzufrieden damit sind, dass es ihnen an die Sicherheit ihres
Arbeitsplatzes
und ans Geld geht und es kommt noch nicht einmal etwas Gescheites dabei
heraus
- das sind ja zwei ziemlich
gegensätzliche Gesichtspunkte, die die Wähler gar nicht so
unterschieden haben.
Die haben registriert, dass sie weniger Geld haben und die
Arbeitslosigkeit
außerdem noch steigt, und sind darüber empört.
Anschließend schließen sie gleich noch das Urteil
an: ja, wie
steht denn
Deutschland da, wenn ich als redliche Hausfrau weniger Geld habe? Das
sind die
Zusammenschlüsse, die der Wähler so macht, und da war das
deutsche Volk
erst
mal herzlich unzufrieden mit dem Schröder und jetzt steht er da
und
sagt: Die
haben mich bestätigt. In seinem arroganten Auftreten kam doch
heraus:
Denen
habe ich es gezeigt. Wem hat er was gezeigt?
--
Er hat doch gezeigt, dass er die
Führungsfigur für die Nation ist, und die Leute sehen es auch
tatsächlich so,
dass eine entschlossene Macht und ein entschiedener Führungswille
die
entscheidende Bedingung dafür wäre, dass das Schicksal der
Nation sich
wieder
wendet. Da wird die Macht verdoppelt in ihre eigene Voraussetzung
dafür, dass
sich etwas ändert. Die nehmen die Machthaber nicht als welche, die
etwas gegen
die Leute durchsetzen, sondern sie nehmen die als ganz methodische
Voraussetzung
dafür, dass es wieder anders werden kann.
So ungefähr, in der
Allgemeinheit, das mit Bedingung und der Verdopplung der Macht ist
schon viel
zu kompliziert. Noch einmal an dem Auftritt des Kanzlers festgemacht:
Wem hat
er was gezeigt und eingetränkt? Zum ersten Satz des gerade
Gesagten:
Das Volk
hat ihn beglaubigt - als was denn? Man merkte doch, dass Schröder
so
richtig
eine Front gegen die Öffentlichkeit aufgemacht hat unter dem
Motto: Ihr
schreibt mich alle schlecht, knallt mir Umfragen vor, in denen ich
abschiffe,
schreibt in allen möglichen Varianten über den ‚Kanzler auf
Abschiedstour’,
zerredet so ein unzertrennbares Verhältnis zwischen Volk und
Führer und
ich
habe bewiesen, dass es unverbrüchlich weiterbesteht. Die Front,
die er
aufgemacht hat, hatte also mit Reformen in dem Sinn nichts zu tun,
sondern: Ihm
ist nachgesagt worden, dass er erfolglos als Machthaber ist und das stört einen Politiker tödlich.
Das also
ist die Kompetenz, die ihm von der Öffentlichkeit abgesprochen
worden
ist, und
das hat er widerlegt und das hat die Arroganz in seinem Auftreten
ausgemacht.
Da merkt man, Kompetenz in der Politik ist, ein erfolgreicher
Machthaber zu
sein, beglaubigt von einem demokratisch gut geschulten Volk, das,
wenn es
angesagt ist, sein Kreuzchen macht. Kompetenz ist, Erfolg zu haben -
diese
elementare, alberne Gleichung ist da von denen zelebriert worden. Am
nächsten
Tag hat er in nüchternem Zustand das noch einmal wiederholt und
seiner
Partei
das Kompliment gemacht - nichts von wegen Solidarität, sozialer
Wärme
o.ä. in
der SPD -, sondern dass sie den Willen bewiesen hat, Deutschland zu
regieren.
-- Insofern stimmt
das Wahlergebnis ja
auch, dass Schröder wieder der anerkannte Führer der SPD ist,
an dessen
Position nicht gesägt wird.
Das muss man sehen,
das ist das Tückische, wenn es so hart auf hart geht: Wer ist vom
Wähler als
die Machtfigur beglaubigt? Wenn es so
abstrakt und prinzipiell nur auf das geht, dann werden auf einmal drei
Mandate
hin oder her elementar wichtig. Deswegen gibt es diesen Idiotenstreit:
Ist die
Union eine Partei oder zwei? Der Machtkampf setzt sich fort, gerade
weil der
Wähler nicht klar entschieden hat. Es geht drum, wer das Mandat
hat,
wer -
subjektiv gewendet - durch die Wahl seine Kompetenz als Machthaber
bewiesen
hat, wem deswegen auch das Regierungsbilden zusteht. Was man dem
Wähler
an der
Stelle sagen muss, ist, dass der Skandal nicht darin liegt, dass er
keine
klaren Verhältnisse geschaffen hat, sondern dass er sich zum
Erfüllungsgehilfen, zum Vollzugsorgan für den Machtkampf
seiner
Politiker und
für deren Dreistigkeit hergegeben hat. Noch einmal von diesem so
formellen
Triumph vom Schröder her überlegt (er hat allen gezeigt, dass
er noch
nicht am
Ende ist): Er tritt an gegen eine massenhafte Unzufriedenheit mit
seiner Politik.
Wie kommt es dazu, wie kriegt er es hin, dass er sich am Ende als
Triumphator
aufbauen kann. Daran merkt man: Alle Welt ist doch davon
überzeugt,
dass es
Reformen geben muss. Wie ist diese Überzeugung beschaffen, was hat
die
für
einen Inhalt? Die hat wenig den Inhalt: ich sehe ein, dass folgendes
Problem
vorliegt und man dazu folgendes unternehmen muss, sondern eher den: und
wer
setzt es durch? So wird - und das ist eine der Leistungen der
Demokratie - aus
einer Unzufriedenheit mit einer Politik eine vergleichende Zustimmung
zu ihrem
Macher gemacht. Man sollte meinen, dass, wenn man gegen eine
Politik ist,
man natürlich auch gegen den ist, der sie macht, das hat der
Schröder
ja auch
erlebt - er sollte weg nach den Wahlen im Mai. Das ist auch ein sehr
kurzsichtiges Urteil in der Demokratie: Wenn einem eine Politik nicht
passt,
kriegt man die Lizenz, ihren Macher abzuwählen und darin steckt
schon
die ganze
Verschiebung, weil dann wird die Unzufriedenheit mit der Politik zu der
Feststellung: Einer muss ja auf alle Fälle regieren, wer soll dann
der
Regierer
sein? So wird aus einer Kritik an der Politik, bzw. einer
Unzufriedenheit mit
deren Resultaten oder dem Auseinanderklaffen zwischen Versprechen und
Ergebnis
der Politik die Zustimmung zu einer Figur, die sie macht. Das war der
Einfall
vom Schröder mit der vorgezogenen Wahl und das hat er durchgezogen
bis
zu
diesem Auftritt gestern, nämlich den Wählern eine Frage zu
stellen, die
diese
ganze Übersetzung schon enthält: Wenn du unzufrieden mit
meiner Politik
bist,
willst du dann allen Ernstes, dass jemand anderes dich regiert? Und
dann ist es
egal, sachlich gesehen, wie der Wähler entscheidet, denn dann ist
dieser
demokratieförderliche Fehler ja schon passiert.
-- Der Schröder
hat
doch immer vehement
dieses Recht des Wählers verteidigt, den Mann oder die Frau zu
wählen,
und hat
der Merkel und den Meinungsmachern immer vorgeworfen, dass sie dadurch,
dass
sie sich als Sieger aufgeführt haben bzw. immer als solche in der
Presse
gehandelt worden seien, den Wähler seines ihm zustehenden Rechtes
beraubt
hätten... und das sei quasi ihr Verbrechen gewesen und andersrum
seine
große
Leistung, die Freiheit des Wählers vor den Meinungsforschern zu
wahren.
Also
die schöne Anklage war: Wer Merkel wählt, lässt sich von
den
Meinungsforschern
bevormunden.
Bevormundung ist
übrigens das einzige Argument des Kandidaten, der gerade unten
rangiert
in der
Meinungsforschungsskala, um dann dran zu arbeiten, sein Verlierer-Image
loszuwerden und anzutreten mit dem Anspruch: Wenn ihr mich für
einen
Verlierer
haltet, habt ihr unrecht. Und das hat der Schröder in seinem
Wahlkampf
mit
ziemlichem Erfolg durchgezogen. Dagegen Merkel - sie muss gegen
Schröder den
Beweis antreten, dass sie es besser kann. Wie macht man denn so was?
Sie hat ja
den Nachteil, dass sie die Macht nicht hat, sie muss also mit den
besseren
Konzepten, die sie habe, argumentieren. Der Vorteil ist, die ganze
Nation ist
mit der Politik vom Schröder unzufrieden und ist bereit, ihm und
seiner
Partei
als den Verantwortlichen diese Politik übel zu nehmen. Merkel kann
sich
also
aufbauen als Alternative für die Unzufriedenheit mit der anderen
Politik, sie
steht vor der Aufgabe zu beweisen, dass sie die Kompetenz besitzt,
Deutschland
besser zu regieren als die anderen. Und da hat Merkel diesmal etwas
Interessantes ausprobiert, nämlich, Kompetenz allen Ernstes so zu
demonstrieren, als hätte politische Kompetenz etwas mit Wissen zu
tun,
und
einen Professor zu präsentieren, der sagt, wie Wirtschafts- und
Finanzpolitik
gemacht gehört; der stand also dafür, dass Merkel und ihre
Leute die
Sache
besser kann. Der Professor ist eingestiegen in die Schiene vom Merz,
wobei man
sich erst mal fragt, wieso Leute, die nur Steuern zahlen, aber
ansonsten mit
Steuerfragen nichts zu tun haben, mit der Aussage zu betören sind:
Bei
mir
passt das alles auf einen Bierdeckel. Die, die ihre
Steuererklärung
machen,
sind vielleicht dafür zu haben, die wissen aber andererseits
sofort,
dass eine
Steuererklärung, die 35 Seiten lang ist, ihnen nützt, weil
sie auch
wissen, was
sie da alles geltend machen können. Denen muss man das Angebot
machen:
Wir
streichen euch was, aber dafür bekommt ihr auch was, nämlich
so wenig
Steuern
aufgebrummt, dass sich noch nicht einmal das Steuerhinterziehen lohnt.
So ein
Angebot ist ein Symbol für Wirtschaftserfolg auf der einen Seite,
und
so taugt
es auch umgedreht als Symbol dafür: Der Schröder stellt sich
als die
ideelle
Gesamtkrankenschwester auf und moniert, dass die CDU der
Krankenschwester bzw.
ihrem Arbeitgeber ans Portemonnaie will unter dem Motto: Das ist der
Untergang
der deutschen Wirtschaft, da war dann die Wirtschaft auch gleich
mitbedient von
ihm. Diese Diskussion hat schon eingeschlagen, aber sie hat auch viele
Facetten: die wichtigste Facette ist, dass Schröder einen Punkt
erwischt hat,
wo der Normalmensch sich die Vorstellung machen konnte, dass die
Merkel-Regierung ihm noch mehr schadet als er es neulich der
Schröder-Regierung
übelgenommen hat. Das war der Ausgangspunkt, aber es stimmt nicht,
dass
dann
darüber eine sachliche Orientierung stattgefunden hätte: Bei
wem fahre
ich
besser? Die Retourkutsche der CDU war dann diese Giftliste vom Eichel,
wo auch
nicht vorkam, was die ist, sondern, dass es eine gibt. Appelliert wird
an den
schnöden Geldmaterialismus des Wählers, aber die Frage, die
er zu
entscheiden
hat, ist nicht: Welches Steuersystem ist für Deutschland besser
oder
gar für
mich, sondern, welcher der beiden Kandidaten verkörpert für
mich
glaubwürdiger,
dass er mir, meinen Lebensumständen, meiner Steuer, meiner Rente
und
Deutschland insgesamt besser bekommt? Die Sachdiskussion wirkte also
wie ein
Symbol für die Vertrauenswürdigkeit und Kompetenz der Person
- klar ist
das
immer der Appell an den Materialismus, aber er steht immer für
eine
Übersetzungsleistung.
Jetzt noch ein
anderer Aspekt, nicht als Rückblick auf den Wahlkampf, sondern im
Hinblick auf
die Koalitionsverhandlungen - es geht eigentlich um denselben
Zusammenhang -:
Jetzt hat der Wähler in seiner Unvernunft die wunderbare
Abgrenzung der
Lager
schwarz-gelb gegen rot-grün mit ihren furchtbar
gegensätzlichen
Programmen
aufgeknackt und sofort wird angekündigt, dass man als Demokraten
natürlich
miteinander verhandelt, bloß nicht mit den Linken. Daran merkt
man,
dass das,
was schwarz-rot-grün-gelb will, nicht allzu verschieden sein kann
-
NZZ-Journalisten, die sich durch die Programme gearbeitet haben, haben
das auch
bemerkt -, dass ziemliche Einigkeit herrscht hinsichtlich der
Verwaltung des
Standorts Deutschland. Das gilt allerdings nicht für die Linken,
die
sich mit
ihrer Gegnerschaft zu Hartz IV und den Einsätzen im Hindukusch aus
diesem
Konsens der Demokraten hinauskatapultiert haben. Angesichts der
marginalen
Unterschiede zwischen den Parteien fragt es sich, wieso sich diese
über
den
Wahlkampf hinaus so spinnefeind sind. Dass sich die Parteien
während
des
Wahlkampfes drastisch voneinander unterscheiden und den anderen nur das
Böseste
nachreden, nämlich dass sie Deutschland schaden, kennt der
Wähler und
weiß es
einzuordnen. Allerdings hat er nicht das abgeklärte Urteil, die
seien
irgendwie
alle intakte Verwalter der Nation und die Unterschiede sind eigentlich
belanglos. Sondern die Unterschiede, so wie die Parteien sie aufmachen
- die
wollen ja richtig eine dauerhafte Entzweiung im deutschen
Wählervolk,
weil sie
den Wählern ja vorstellen wollen: wir sind gut und die anderen
sind
böse, und
das ist nicht nur für die Dauer des Wahlkampfs so, sondern das ist
überhaupt
so. Sie wollen Stammwähler rekrutieren,
also welche, die sich die Meinung angewöhnt haben, dass die
einen gut
und die anderen schlecht sind. Aber auch bei den Parteien ist es so,
dass das
Image, das sie sich zulegen, und dass sie sich so abgrundtief
voneinander
unterscheiden, das steht ja für etwas; und wofür das steht,
das macht
der
Schröder mit seiner Arroganz und Merkel mit ihrer Gegenposition
klar:
es ist
für die eine Existenzfrage, wer am Drücker ist, und die
Sache, die der
Schröder
repräsentiert, wenn er sich so hinstellt, ist seine Beglaubigung
als
Machtmensch, als einer, der die Kompetenz hat, die Macht zu erobern und
zu
behalten, und dadurch beweist, dass Deutschland bei ihm in den
besten
Händen ist. Deswegen sind auch die Koalitionsverhandlungen mit
ihren
diversen
Sachfragen, wo man allemal dann einen Kompromiss findet, das Material
für die Machtfragen;
an ihnen wird die Machtverteilung entschieden.
-- Das hatten wir
schon einmal bei der
Debatte über die Visa-Affäre zum Thema gehabt, wo der Fischer
als
‚Landesverräter’ bezeichnet wurde ... so einer Figur, an deren
politischem
Werdegang auch das Misstrauen festgemacht wurde, Deutschland zu
überlassen, das
kocht da so ein bisschen hoch oder wenn der Beckstein sagt, dass er
sich eine
Zusammenarbeit mit dem Trittin nicht vorstellen könnte - da ist
doch
schon die
Erinnerung an den Gehalt von deren politischer Aussagen enthalten.
Dieser Machtkampf
wird den Wählern präsentiert in Form von unterschiedlichen
Orientierungen,
Konzepten und Ausrichtungen der Parteien. Sie bekommt von den Parteien
Inhalte
beigelegt - „wir als FDP können nie und nimmer mit den Sozis“ etc.
-,
aber was
ist der Grund dafür, dass sie jetzt nach der Wahl die Form von
Unvereinbarkeitserklärungen bekommen, wobei gleichzeitig gesagt
wird,
dass man
vorurteilsfrei über die Sache rede und wie man eine gescheite
Regierung
hinkriegt? Ihr Grund und sachlicher Inhalt ist die Machtkonkurrenz der
obersten
Figuren, aber darin geht sie nicht auf, denn es stehen sich ja Parteien
gegenüber und die wollen eine Entzweiung ins Volk hineintragen,
nämlich
Parteilichkeit für sich statt für die anderen. Die wird
erzeugt über
das
Kultivieren von Feindbildern - dem Personenkult für den eigenen
Führer
entspricht ja so eine Art Feindbild des anderen; in den verschiedenen
Presseorganen, zum Beispiel bei der FAZ bekommt man mit, dass diese
Redaktion
und eine große Leserschaft, die die FAZ repräsentiert, seit
7 Jahren
überhaupt
und seit 3 Jahren tödlich beleidigt sind, dass die Falschen
Deutschland
regieren. Gerade da, wo die FAZ an der Politik Schröders nichts
auszusetzen hat
in der Sache, ist sie besonders giftig, weil sie dann immer klarmachen
muss:
Diese wunderbare Politik macht der Falsche und schmückt sich
damit. Da
merkt
man eine Quelle, ein Grund für das, was gemeint war mit: Die
Parteien,
in dem,
wie sie die Wähler betören, wollen unterschiedliche
Orientierungen
erzeugen und
wach halten, sie wollen eine Entzweiung im Volk, die ihnen zugute kommt
bis hin
zur Schaffung von Feindbildern wie der oben erwähnte
‚Vaterlandsverräter
Fischer’.
-- Diese Art Streits
bekommen manchmal eine
Ernsthaftigkeit, wo die Grenze verschwimmt zwischen der Berechnung: man
will
ihn fertig machen, damit man selber drankommt, und der
tatsächlichen
Überzeugung: Wenn der weiter dran ist, dann geht es bergab.