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jour fixe 25.7.05
Zum Schuldenerlass der G8 und zur Krise Europas
- Zu dem Artikel über den Schuldenerlass für die HIPCs
(Highly Indebted Poor Countries - Hochverschuldete Arme Länder)
in GS 3-99. Da ist ausgeführt, dass die Länder nichts
haben, keinen eigenen Kapitalismus zustande bringen, im Gegenteil,
sie bieten einige Bodenschätze und Früchte, die ihren
Wert nur auf dem Weltmarkt erhalten. Der Abtransport dieser
Reichtümer
ist einerseits irgendwie geregelt. Ich habe mir das so gedacht,
dass da irgendwelche Clans oder Häuptlinge mit Waffen oder
Geld bestochen sind, so dass die diesen Abtransport regeln. Ansonsten
- das ist im Artikel ja ausgeführt - braucht es diese Staaten
nicht mehr mit ihrer Gewalt, d.h. die Gewalt, die diese Staaten
haben und mit der sie ausstaffiert worden sind, sollen sie reduzieren
und für sie kein Geld mehr ausgeben. Jetzt habe ich das Problem,
wie dieser Abtransport der Rohstoffe so einfach geregelt ist.
Ohne Gewalt geht dies doch i.d.R. auch nicht ab.
Kennt sich da jemand aus und kann ihm weiterhelfen?
- Wenn es um Bodenschätze geht, werden von den Regierungen
mit Unternehmen Lizenzverträge geschlossen. Es werden
Verhältnisse
festgelegt, welchen Anteil die Unternehmen von ihrem Gewinn sozusagen
als Steuer abführen müssen. Auf diese Art und Weise
ist die Ausbeute dort legalisiert.
- ... und multinationale Konzerne heuern eine Privatarmee,
Söldner,
an und sorgen so für den gewaltsamen Abtransport.
Gibt es noch mehr dazu zu bemerken?
- Dieser Gedanke, dass diese Staaten ohne Gewalt auskommen müssen,
ist doch nicht das Ziel oder die Vorgabe. Das bisschen Gewalt
soll schon weiter reduziert werden, weil sie ja keine Kriege und
Gewaltaktionen nach außen mehr führen sollen, aber
der innere Frieden ist doch nach wie vor nur mit polizeilicher
und militärischer Gewalt zu gewährleisten.
- Dem Artikel habe ich aber entnommen, dass das doch sehr stark
reduziert werden soll, weil dafür von den Imperialisten kein
Geld mehr fließen soll. Mir leuchtet ein, dass der Abtransport
der Rohstoffe aufgeteilt und geregelt ist z.B. durch solche
Privatarmeen.
Wenn man aber von Lizenzen spricht, setzt man doch auch ein bisschen
Staatsgewalt voraus. Der Artikel sagt aber doch auch, dass diese
Gewalt schon abgebaut werden soll. Das heißt, dass sie vom
Imperialismus dafür eben kein Geld mehr erhalten. Wenn das
andere geregelt ist, ist dies ja auch überflüssig.
- Mir ist der Gedanke gar nicht verständlich, wieso dort
überhaupt keine Gewalt mehr sein soll. In dem Artikel steht
doch, dass eine Eigenmächtigkeit der Staaten beim Gebrauch
ihrer Gewalt unterbunden wird. Die Finanztransaktionen werden
u.a. an diese Bedingung geknüpft. Die Imperialisten mischen
sich in deren Souveränität ein und sagen, mit welcher
Art von Gewalt sie was bewerkstelligen sollen. ‚Keine
Eigenmächtigkeit'
heißt vor allem gegen außen.
- Verbilligen sollen sich die Staaten, so heißt es da,
außerdem durch einen Verzicht auf Waffen und Soldaten.
- Ja. Ein Staat gewinnt seine Souveränität, indem er
eine Gewalt aufrecht erhält, die den Ausschluss anderer Staaten
von seinem Hoheitsgebiet garantiert. Und auch das ist nicht ganz
weg, sondern wird in die Vorstellungen über regionale
Friedensherstellungsprogramme
der Imperialisten eingebunden; Beispiel die Afrikanische Union
oder Südafrika. Lizenzierte Gewalt heißt es da auch.
Der Gebrauch der Souveränität hängt von den
verschiedenen
Mitteln dafür ab, dazu gehören die Finanzen.
- Lizenziert heißt doch dann wohl, dass die westlichen
Institutionen sich vorbehalten zu beurteilen, was an Gewaltmitteln
für die nötig ist und was da als
verhältnismäßig
gilt. Es heißt nicht, dass Soldaten und Waffen vollkommen
verschwinden, sondern nur, dass sie relativ weniger werden.
Ich weiß nicht, ob bei dem ganzen Hin und Her klar ist,
was für ein Verfallsstadium in der Staatenwelt die Initiative
der G7 bzw. G8 da betreut und begleitet, was das für eine
Neuerung ist, Staaten als hochverschuldete, arme Länder zu
definieren und so auch zu behandeln. Davon handelt ja
hauptsächlich
der Artikel, was für eine Kategorie von Staat damit
Imperialismus-offiziell
definiert wird. Dieses Definieren, dass ist in dieser Runde schon
klar, ist keine theoretische Angelegenheit sondern eine Setzung
der international agierenden Großmächte. Das ist etwas
Neues gegenüber dem, was früher einmal als ‚Entwicklungsland'
auf dieselbe Art definiert worden ist, oder was es inzwischen
als ‚Schwellenland' gibt. Es ist eine neue Kategorie, bei
der man den Artikel auch nicht so verstehen soll, ganz Afrika
sähe jetzt so aus, sondern es sind innerhalb Afrikas verschiedene
Verfallsstadien von dem, was einmal eine Zeit lang mehr oder weniger
als Staat funktioniert hat, und eine Statuszuweisung und -zuschreibung
an diese verfallenden Staatsgebilde seitens der versammelten
Weltmächte.
Um das geht es eigentlich. Das ist dann nicht so sehr die Frage,
wie viele Waffen und Soldaten dort noch unterwegs sind, sondern
überhaupt, was für eine Sorte Staat dort eigentlich
noch sein soll. Und das ist unterschiedlich, gerade wenn man es
von der Frage her aufmacht wird, wie in solchen Ländern noch
der Rest von Welthandel funktioniert, für den diese im
fortgeschrittenen
Verfallsstadium begriffenen Staaten gerade stehen. Je nachdem
wie diese Staaten noch beieinander sind und um was für einen
Rohstoff es sich handelt, ist das sehr unterschiedlich. Da gibt
es einen Staat, der seine Ölquellen noch unter Kontrolle
hat, mit Shell und anderen Großunternehmen seine deals macht
und nebenher im Nigerdelta immerzu einen halben Bürgerkrieg
unter Kontrolle halten muss, in den sich dann die Privatarmeen
von Shell auch einmischen, und es gibt - man bekommt das so aus
den Zeitungen mit - den umgekehrten Fall, dass eine Ölgesellschaft
ihre Förderstätten gleich mit einer eigenen Privatarmee
umgibt und sich von daher gewissermaßen aus der
Zuständigkeit
eines Staates ausklinkt. Aber in Südafrika z.B. funktioniert
es anders, da funktioniert der Staat ja noch ganz proper. Hingegen
gibt es im Kongo Gebiete, wo die Staatsgewalt fern ist; dort gibt
es den Fall, dass teils von den Nachbarländern entsandte
oder gesponserte Rebellenorganisationen sich über den Abbau
von Mineralien, die dann auch anders beschaffen sind, finanzieren.
In diesem ganzen Durcheinander gibt es dann von der UNO beauftragte
Ordnungskräfte, die einmal Reißaus nehmen, wenn irgendwo
geschossen wird, und dann wieder einmal zuschlagen und eine Art
von Ordnung um eine Stadt herum stiften. Das sind alles so Beispiele
für die Hauptsache, die dieser Artikel behandeln sollte,
nämlich wie von oben herunter, vom Standpunkt der globalen
Finanzwirtschaft herunter, mit einer Regelung von
Verschuldungsverhältnissen,
wie sie in den Büchern der Weltbank und des IWF notiert werden,
wie von dieser Ebene herunter Statuszuweisungen an verfallende
Länder erfolgen und welchen Stellenwert es hat, wenn dann
die ganze politische Aufmerksamkeit, die diesen Ländern gilt,
über den Gesichtspunkt ‚Armutsbekämpfung' läuft.
Diese Kombination ist bei dem schottischen G 8-Gipfel der Haupttrumpf
gewesen: Schuldenerlass - das ist nun einmal eine Sache der
internationalen
Finanzwirtschaft - und das mit der Maßgabe, dass in diesen
Ländern Armutsbekämpfung stattfinden soll. Das
Verhältnis,
die Zusammengehörigkeit dieser beiden Sachen, was darin für
ein Beschluss über die Adressaten dieser Offerte,
hauptsächlich
die Länder in Afrika, ergeht, das sollte dieser Artikel
erklären.
- Beim letzten Jour Fixe hieß es, gäbe noch Ergänzungen
zu diesem Artikel.
Die soll es geben, denn jetzt haben die G8 selber ihr ganzes Treffen
in Schottland eben nach Maßgabe der britischen Regierung
unter das Motto gestellt: Es muss Ergänzungen geben,
Fortsetzungen,
Einlösungen dessen, was wir seit 1996 dort betreiben, oder
was der IWF seit 1995 vorgeschlagen und in die Wege geleitet hat.
Das ist die Sache, es gibt ein paar Fortsetzungen, vielleicht
sogar ein paar Fortschritte, die es wert sind, auf den Begriff
gebracht zu werden.
- Ich wüsste nicht, was da grundsätzlich noch dazukommen
soll. Diese Aufklärung darüber, dass die finanzpolitische
Souveränität dieser entschuldeten Staaten ihnen abhanden
kommt und dass das aus Gründen passiert, die dann aber auch
wieder die Fiktion ihrer Souveränität notwendig macht
als ... aufscheinende Restschuldner - ist es das, um das es jetzt
geht?
Das geht in die Richtung. Es gibt da Fortschritte in dem, was
in dem letzten Punkt dieses Artikels schon angesprochen ist, und
das schließt an diese Frage an, wieweit man von Seiten der
imperialistischen Macher die Souveräne dieser Länder
überhaupt noch als politische Subjekte und Adressaten in
Betracht zieht.
- Das Argument, dass da fiktive Souveränitäten für
die Restschulden gebraucht werden, geht ja von dem Grund aus für
die Schulden, nämlich der Solidität des Weltfinanzsystems.
Und wenn das nicht mehr der Fall ist, dann ist ja da eine Änderung
eingetreten.
- In Bezug auf die Solidität des Weltfinanzsystems sind
die Länder, um die es da geht, einfach peanuts.
- Aber das ist doch ein Widerspruch: Vorher war es notwendig,
jetzt nicht mehr. Dass es das gibt, dass sie die entschulden,
damit sie als Subjekte in den Büchern stehen bleiben ...
Nein, die Entschuldung heißt ja, dass sie als Schuldner
dann möglichst auch keine Rolle mehr spielen. Deswegen gibt
es ja dann die ganzen Überlegungen - es mögen ja wirklich
Promille dessen sein, was sonst im Weltfinanzsystem so herumgeistert,
aber da sind die Kapitalisten und ihre Betreuer sehr pingelig.
Wenn die etwas an irgendeiner Stelle streichen, gibt es sofort
eine Konkurrenz darum, wer die Lasten trägt; und wenn es
bloß 1 Mrd. geteilt durch 8 potente Staaten ist, bringen
die es immer noch fertig, sich darum zu streiten, oder wenn sie
beschließen, was jetzt eben eine Fortsetzung der alten
Initiativen
in Schottland war, dass die internationalen Finanzagenturen IWF
und Weltbank ihre Kredite für gewisse Länder, die bestimmte
Kriterien für die Entschuldung erfüllen, streichen.
Diese Kriterien sind auf der einen Seite eine besonders hohe
Verschuldungsquote
gemessen an ein paar Parameter wie Bruttosozialprodukt, Staatshaushalt
und Exportsumme, und zweitens müssen sich diese Länder
durch überprüfte Programme zur Armutsbekämpfung
qualifizieren. Dann sollen auch IWF und Weltbank ihre Forderungen
streichen. Aber das geht nur, wenn die Subjekte dieser Institutionen,
die Nationen, die das Kapital dieser Institutionen zeichnen,
beschließen,
wie das geht. An dem Punkt sind sie dann wieder furchtbar scharf
drauf, dass das eine Ordnung hat, bei der keiner von ihnen den
anderen übervorteilt - das ist also eigentlich eine Affäre
unter ihnen. Das ist die Hauptstreitfrage, was die
finanzwirtschaftliche
Seite dieses Schuldenerlasses angeht: Wie regeln wir das untereinander?
Wie legen wir uns wechselseitig darauf fest, dass wir die, selbst
wenn es Peanuts sind, gerecht aufteilen. Das ist die Seite.
- Dann ist diese Einigung, dass man das untereinander regelt,
schon eine Stabilisierung? Dass es unter den Weltfinanzmächten
passiert, sozusagen unter Ausschluss der betroffenen hochverschuldeten
Länder. Die spielen keine Rolle mehr.
Dafür spielen die sowieso nur gewissermaßen als Material
eine Rolle. Das andere ist aber, dass das zugleich eine Vorgabe,
ein Auftakt ist zu - jetzt nenne ich es einmal in vielen
Anführungszeichen
- "Ordnungspolitik" für diese Staaten. Und diese
Ordnungspolitik, also das, was diese Staaten jetzt machen sollen,
steht unter dem großen Vorzeichen "Armutsbekämpfung".
- Ich entnehme dem Artikel, dass es dementsprechend auch gar
kein richtiger Schuldenerlass ist. Die Spitze der Schulden, die
die haben und die unwiederbringlich sind, kommt weg. Ansonsten
sind die Schulden, die sie noch haben, gerade ein Mittel dafür,
ihnen unter dem Titel "Armutsbekämpfung" vorzuschreiben,
was sie in ihrem Staat zu tun und zu lassen haben.
Ja, und was haben sie da zu tun und zu lassen? Mit dem Schuldenerlass
auf dem Kölner Gipfel von 1999 und den Kriterien dafür,
wann ein Staat reif ist, um seine Schulden erlassen zu bekommen,
sind ganz ausgefuchste Regelungen festgelegt worden, wie viel
von den Schulden dann erlassen werden: Die Sustainability (die
Erträglichkeit), die Aushaltbarkeit der Schulden, die ein
Land hat, war da das Kriterium. Also nicht einfach auf Null, sondern
eine Reduzierung auf das Maß, bei dem man diesem Land zutraut,
sie weiter zu bedienen. Dabei ist dann auch wieder furchtbar
herumgeschoben
worden; es sind Verhältnisse für maßgeblich
erklärt
worden, bei denen dann z.B. eine zukünftige Exportfähigkeit
dieser Länder in Anschlag gebracht worden ist, die viel zu
hoch bemessen war gegenüber dem, was diese Länder bis
dahin gebracht hatten. Und jetzt, nach fünf Jahren, stellt
sich heraus, sie war auch zu hoch im Verhältnis zu dem, was
diese Länder inzwischen fertig gebracht haben. Gleneagles
war in dem Sinn auch eine Überprüfung dessen, wie sie
mit dem leben können, was sie damals als Schuldenerlass groß
inszeniert haben - eigentlich die alte Misere, von der sie auch
als Gläubiger einmal ein bisschen Abstand nehmen wollten,
sich nicht immer mit neuen Pleitestaaten herumschlagen zu müssen,
sondern denen einen neuen Status zu verpassen, dass sie einerseits
ihre Schulden wieder bedienen können, aber andererseits auch
nur soviel Schulden zugestanden kriegen, wie sie damit leben
können.
Das war damals die Idee. Aber nicht die Idee, diese Ländern
verschulden sich und wir schauen, dass sie die Zinsen zahlen,
sondern man stellt sich vor, wie viele Zinsen diese Länder
zahlen können, und bemisst danach den Kredit, den man ihnen
gibt. Dann haben sie wieder Verhältnisse und Projektionen
in die Zukunft zugrunde gelegt, die wieder alle nicht aufgegangen
sind. Dies sich einmal einzugestehen und zu sagen: "So bringt
das nichts. So kriegen wir keinen gescheiten Status für diese
Länder hin. Das bleiben dann ewige Vorzimmerkreaturen für
unseren Schuldenerlass. Mit denen haben wir immer von neuem als
Bankrotteure zu tun", das war die selbstkritische Einsicht
im Vorfeld dieses jetzigen Gipfels.
- Dazu kommt noch, dass die sich mehrheitlich gar nicht für
diesen Schuldenerlass qualifiziert haben.
Eben weil auch die Kriterien so bemessen waren. Man hatte bei
der Kriterienbemessung darauf geachtet, dass es nicht gleich so
viele sein sollen, es solle alles im Rahmen bleiben usw.
Weil zuvor gesagt worden ist, dass dort einbringliche von
uneinbringlichen
Schulden unterschieden werden. Vorsicht, das ist eine Definition.
Es geht erst einmal darum, das als Standpunkt geltend zu machen:
Es müssen sich doch uneinbringliche von einbringlichen
unterscheiden
lassen, indem wir diesen Ländern eine bestimmte Schuldenlast
weiterhin aufnötigen und eine andere erlassen. Aber die Wahrheit
ist das überhaupt nicht. Es wurde bisher die ganze Zeit
darüber
geredet, wie die selber damit umgehen, dass das eine Setzung ist.
Erstens, es stehen immer mehr Länder nach diesen Kriterien,
nicht bloß objektiv, tendenziell auf der Matte. Sie haben
70 Kandidaten zusammengezählt; ein Teil davon hat, so heißt
es, das Verfahren soweit durchlaufen, dass man bei ihnen neu und
endgültig entscheiden muss, wie mit ihren Schulden umgegangen
werden soll. Zweitens, nicht bloß nimmt die Zahl zu, sondern
sie bilanzieren auch, wie erfolgreich oder nicht erfolgreich ihr
bisheriges Verfahren gewesen ist. Auf die Frage, ob ihre Schulden
einbringlicher geworden sind, lautet die Antwort: Nein. Also ist
auch da Handlungsbedarf fällig. Ich will sagen, dass das
eine der Automatismus ihrer damaligen Entscheidung ist, dass praktisch
immer neue Staaten für dieses neue Verfahren angemeldet sind;
das andere ist das, was mit denen ist, die neulich angestanden
und zum Teil schon entschuldet worden sind: Hat sie dieses Verfahren
in den Status der berechenbaren Schuldner zurückbugsiert?
Es ist also insofern eine Fortschreibung von Setzungen neben dem,
dass die Verhältnisse sich selber auch fortschreiben. Dass
sich hier imperialistische Problemlagen akkumulieren, ist die
Grundlage, und die Fortsetzung oder auch das Neue an Gleneagles
ist, zu sagen: "Wir haben es offensichtlich mit einer solchen
Welt dauerhaft zu tun, reicht dafür unser bisheriges
Instrumentarium?"
Das wurde zuvor schon als Status ausgedrückt. "Wie regeln
wir das so, dass auch diese Länder verlässlich einsortiert
sind in unser Kreditsystem und unser politisches Betreuungswesen?"
Dazu stehen im alten Artikel schon lauter Grundsätze drin,
an denen das jetzt überprüft wird. Ich sage das jetzt
deswegen noch einmal so methodisch, damit das nicht so rauskommt,
dass die an denen eine rationelle Unterscheidung vorgenommen
hätten.
Sie haben an denen eine Unterscheidung geltend machen wollen,
die vom Standpunkt eines imperialistischen Beschlusses ergangen
ist: "So behandeln wir die, und das soll Effekte erbringen."
Und da muss man genauso wie bei der Frage, wie die ihren
Rohstofftransport
regeln, den Standpunkt, der hier geltend gemacht wird, von den
Effekten und Wirkungen, die das erzeugt, erst einmal trennen.
Wenn die das Ideal aufmachen, dass das ohne falsche, nicht lizenzierte
Gewalt gehen muss, dann sagt der Artikel dazu, dass das ein Stück
Freisetzung von Gewalt ist.
- Früher wurde unterschieden in arme Länder, noch ärmere
Länder usw. Dies wurde beobachtet: LCD, LLCD und jetzt HIPC
usw. Da haben sie einen Schlussstrich gezogen und sagen, dass
sie etwas Neues machen, indem sie anfangen, sie zu entschulden.
Dann kommt diesen Gegenstück der Armutsbekämpfung. Was
hat diesbezüglich der neue Gipfel ergeben außer dem,
dass sie sich jetzt darauf einschießen, denen wieder einige
Schulden zu erlassen und ihnen Vorschriften zu machen?
- In punkto Armutsbekämpfung gibt es den kleinen Fortschritt,
dass die G 8 das gar nicht mehr in den Händen der Regierungen
ansiedelt, sondern auf die NGOs umschwenkt.
Das war ja der Schluss schon im letzten Artikel. Man muss einfach
einmal zur Kenntnis nehmen, dass dies mit diesen Ländern
Jahr für Jahr so weiter geht. Und jedes Jahr treffen sich
die Oberimperialisten und ziehen Bilanz. Das Bemerkenswerte ist,
diese ganze Initiative, die jetzt noch unterhalb der
allerunentwickeltsten
Länder diese hochverschuldeten armen Länder definiert
hat, konstruiert Umgangsweisen mit einem Status von Ländern,
bei dem die Vorstellung, dass sie aus diesem Status herausgeholt
würden - was ja noch bei "Entwicklungsland" die
Konnotation und praktisch verfolgte Perspektive war -, einfach
entfällt. Wenn sich einmal ein Land da irgendwie herausarbeitet,
ist das ok, aber ansonsten hat man Jahr und Jahr mit dieser Verelendung
in weiten Teilen Afrikas zu tun, und dazu stellen die sich. Dies
nicht von dem Standpunkt aus: "Oh Gott, was haben wir da
angerichtet", sondern: "Was finden wir dort vor, wie
gehen wir damit um und wie stellen wir uns sachgerecht dazu?"
Das Eine, was man sich einmal klar machen muss, ist, was das für
eine Stellung zu diesen Ländern ist, wenn man
Armutsbekämpfung
zu dem ganzen offiziellen Programm für diese Länder
erklärt. Das Andere ist, was das überhaupt heißt,
Länder als hochverschuldet zu definieren. Man kann ja auch
von den USA sagen, dass sie gemessen an diesen Kriterien für
diese HIPCs allemal darunter fallen. Ob bei denen die Quote zwischen
Staatsverschuldung und Export stimmt, so wie sie dies von Uganda
verlangen, ist doch schwer zu bezweifeln. Bloß, der entscheidende
Unterschied ist - das merkt man sogar bei Eichels Haushalt -,
ob dieselbe Summe, die einem Staat oder überhaupt einem
ökonomischen
Subjekt geliehen wird, als Kredit gilt, bei dem man froh ist,
jemanden als Kreditnehmer gefunden zu haben, weil der ihn bedient
und man dessen Rückzahlung gar nicht möchte, weil man
laufend die Zinsen einkassieren will, oder ob es den ernsthaften
Standpunkt dazu gibt, dass das Schulden sind, also eine Last,
wo schon die Definition lautet, dass das gar kein Kredit-,
Geschäftsverhältnis
ist, das auf Dauer funktioniert - das als Schuldenverhältnis
überhaupt so einzuordnen, ist schon mehr oder weniger die
Kundgabe oder das Eingeständnis, dass die überschuldet
sind und der Kredit bei denen gar keinen Nutzen mehr bringt. Es
ist bloß Last und nicht Nutzen. So wie bei uns in den gesitteten
Verhältnissen des Eichelschen Nothaushaltes immer noch
herumgerechnet
wird zwischen Verschuldung netto und Neuverschuldung und Investition,
hat man noch die Erinnerung daran, dass, damit es ein gescheites
Kreditverhältnis gibt, die Schulden produktiv werden müssen;
dann sind es eigentlich keine, sondern dann ist es mit der Last,
die wir unseren Enkeln hinterlassen, gleich auch ein produktiver
Vorteil. Wenn das nur noch Schulden sind, dann kippt da etwas
um. Und wenn jetzt ganze Länder unter die Rubrik
"hochverschuldet",
"arm" fallen, dann schauen die Gläubigernationen
immer noch, was sie zur Bedienung dieser Schulden aus denen herausholen
können. Aber gleichzeitig ist das polit-ökonomisch
maßgebliche
Urteil, dass sie eigentlich kreditunwürdig sind. Mit Kredit
als Geschäftsbeziehung zu denen ist es eigentlich vorbei.
In dem Sinn werden sie als polit-ökonomische Subjekte
abgeschrieben,
das ist die eine Aussage des alten Artikels. Das schleppt sich
eben so fort und es wird quasi immer selbstverständlicher,
dass immer mehr Staaten diesen Status haben, als polit-ökonomische
Subjekte, denen man Kredit gibt in der Sicherheit, dass der bedient
wird und dies eine solide Geschäftsbeziehung ist, ...
(auszufallen).
Auf der anderen Seite, was ist denn das Ökonomische, die
ökonomische Erwartung an die? Da ist die Direktive
Armutsbekämpfung
so fatal aufschlussreich. Das ist nämlich wie die Ergänzung,
Armutsbekämpfung ist das Gegenteil von Kapitalakkumulation.
- Ein agitatorischer Vorschlag an dem Punkt. Die Feststellung
heißt doch, diese Länder taugen nichts für die
Weltfinanzordnung, für das Weltfinanzsystem. In der SZ gab
es einen Artikel von einem Ugander, der gesagt hat: "Bitte
helft uns nicht." In dem Sinne: lasst uns in Ruhe, dies schon
mit lauter blöden Argumenten. Diese Vorstellung heißt
doch auch, dass sie nicht mehr behelligt werden wollen. Das, was
jetzt hier zu sagen ist, ist, dass dieses nicht stattfindet, trotz
ihrer Untauglichkeit.
Sie werden weder wirklich aus ihrem Schuldverhältnis entlassen,
auch bei diesen Entschuldungsinitiativen sind, wenn sie 100 %
in Anschlag bringen, diese nur 100 % von irgendeinem Teil dieser
Schulden. Jetzt in dem Fall der Entschließung in Schottland
sind es 100 % der IWF- und Weltbank-Schulden, aber nicht die
bilateralen
Schulden. Es gibt auch noch einen Streit darum, ob es auch noch
die Schulden bei der Afrikanischen Entwicklungsbank zu 100 % sind.
Dann kommt sofort die Frage auf: Wenn wir diese Schulden streichen,
kommen dann diese Länder einfach so allein zurecht? Funktioniert
dann das, was es noch an Handels- und Ablieferungsbeziehungen
oder rudimentären Geschäftsbeziehungen mit diesen
Ländern
gibt, überhaupt noch? Von einer Bank werden die jedenfalls
keinen Exportkredit mehr bekommen. Wie geht man mit diesen
Zuständen
dort um? Da ist eben bemerkenswert einmal die Anspruchshaltung:
"Wir definieren, was die an Schulden aushalten können",
die ist mit dem 100 %-igen Schuldenerlass überhaupt nicht
ausgestorben. Ein Teil dieser Initiative von Blair ist ja: "Wir
probieren noch einmal etwas mit Geldgeschenken und Krediten an
diese Länder, um sie dann in 15 Jahren in den Stand zu versetzen,
dass sie dann garantiert keine Entwicklungshilfe mehr brauchen."
Das beruht aber alles auf einer Definition dieser Länder,
die die eigentlich als kreditwürdige und insofern
geschäftsfähige
Subjekte der Weltwirtschaft abschreibt. Jetzt wird die Weltwirtschaft
um den Status von Ländern bereichert, die eigentlich nicht
mehr geschäftsfähig sind. Und jetzt ist die interessante
Frage, wie man mit denen umgeht. Der Hauptteil dieser Frage, um
den auch die ganze moralische Aufregung um diesen Schottland-Gipfel
gekreist ist, ist, welche Aufgabe menschlicher Natur schreiben
wir, trauen wir diesen Ländern noch zu, legen wir ihnen nahe,
nötigen wir ihnen auf. Und da ist es nicht einfach so, dass
dann die Regierungen ignoriert werden. Es gehört z.B. zu
dieser Entschuldung dazu, dass für jeden Dollar Schulden,
der ihnen erlassen wird, die irgendeinen fiktiven Fonds bei sich
aufmachen und sagen, dass in dem Fonds der fiktive Gegenwert der
Dollars in ihrer Muschelwährung enthalten ist. Mit diesen
Muscheln soll dann die Armut bei ihnen bekämpft werden. So
etwas müssen die vorlegen. Sie müssen Dokumente vorlegen,
in denen sie glaubwürdig nachweisen, dass diese Summen bei
ihnen existieren. Diese Dokumente sind bei der Weltbank und den
internationalen Finanzagenturen zu hinterlegen. Ab dann werden
alle möglichen Vorkehrungen getroffen: Die Weltbank soll
Kontrollmechanismen entwickeln, mit denen man dann prüft,
ob es diese Fonds auch tatsächlich gibt und wie in diesen
Ländern damit Armut bekämpft wird. Das ist wie ein
Qualitätsmanagement
für Haushalte, die den Tatbestand eines hoffnungslosen Falles
erfüllen, und wo im Wissen, dass dies hoffnungslose Fälle
sind, ernsthafte Menschen sich ein Qualitätsmanagement ausdenken.
Das sind dann auch entsprechend aus. Es sind Listen von der Weltbank
mit 18 Punkten in unverständlichem Englisch, die darlegen,
worauf man alles achten muss.
"(7) Tabelle 1 - Beschreibung der Indikatoren für
Ausgaben-Verfolgung und benchmarks
Zusammensetzung des gesamten Budgets"
Man merkt schon, dass es sich hierbei nicht um einen Haushalt
handelt, den dann die SZ abdrucken kann mit 35 Posten und aus
dem deutlich wird, wie viel welches Ministerium bekommt, sondern
es ist erst einmal eine Überprüfungsaufgabe, bei diesem
Budget zu ermitteln, wie es überhaupt zusammengesetzt ist,
was überhaupt als Einnahmen verbucht wird und was von den
Ziffern zu halten ist, in denen sie ihre Ausgaben aufschreiben.
"2. Beschränkungen, Transaktionen außerhalb
des Budgets vorzunehmen"
Sie gehen gleich davon aus, dass das, was diese Länder in
ihre Budgets hineinschreiben, bloß die eine Hälfte
ist; die Haupthälfte verschieben sie untereinander.
"3. Verlässlichkeit des Budgets als Führer zum
outturn (Produktion, Ausstoß - Ergebnis?)"
Ob das überhaupt etwas taugt, um zu ermitteln, was an staatlicher
Geschäftstätigkeit da stattfindet.
"4. Daten über Geberfinanzierung"
Offenbar ist noch nicht einmal klar, wer denen alles etwas schenkt.
Da gibt es offensichtlich keine Stelle, die das zuverlässig
zusammenzählt, was die katholische Kirche an Misereor abliefert,
was die Weltbank an Kredit gibt, was das Berliner
Entwicklungshilfeministerium
in Straßen investiert und was vielleicht noch nebenher der
Außenminister an Flugzeugen mitbringt usw.
"5. Klassifikation der Budget-Transaktionen"
Es gibt sicher genug Leute, die sich in diesem Vokabular auskennen
und wissen, was davon zu halten ist.
6. Identifizierung der Armut-reduzierenden Ausgaben"
Es ist dann wichtig, einmal herauszubekommen, welche Ausgaben
überhaupt unter eine von den Imperialisten operativ zu
definierende
Rubrik "Armut-reduzierend" fallen.
"7. Qualität der Vorhersagen mehrjähriger Ausgaben
8. Niveau der Zahlungsrückstände
9. Qualität der inneren Rechnungsprüfung
10. Verwendung von Überblicken über die Verfolgung
von Ausgaben"
Erst einmal ist die Verfolgung von Ausgaben ein Problem und dann
die Verwendung von Überblicken über das...
"11. Qualität der Abgleichung von fiskalen und Bankdaten"
Also nicht nur das, dass es überhaupt einmal geschehen muss,
sondern dass man sich über die Qualität des Vergleichs
Auskunft verschafft.
"12. Rechtzeitigkeit der Budgetberichte"
So ein Zeug ist etwas Absurdes. Man versucht da Kriterien einer
soliden bürgerlich-stattlichen Haushaltsführung auf
das Geschäftsgebaren von Staaten anzuwenden, denen man zuvor
die Qualität eines weltwirtschaftlichen Subjekts aberkannt
hat und denen man damit auch attestiert, ein seriöser
Haushälter
sind diese Souveräne dort auf alle Fälle nicht.
Haushälter
sind sie nur in dem Maße, wie man auf sie aufpasst, wie
eigentlich ihr Haushalt anderswo kontrolliert, überprüft
und gelenkt wird. Und denen wird dann die Aufgabe gestellt:
"Bekämpft
gefälligst die Armut." Dazu sagt der Artikel, dass das
heutzutage sehr fortgeschrieben wird, dass das ein reines
Negativprogramm,
ein reines Abbruchprogramm ist. Soweit die Souveräne noch
Adressaten von so etwas sind, sind sie eben Adressaten solcher
Imperative: "Gebt Rechenschaft über jeden Dollar, der
doch noch zu euch fließt!" An der Stelle setzt dann
die Funktion der NGOs ein: Dass dann sowohl zur Überprüfung
dessen, was der Staat macht, wie auch gleich als Ersatz für
staatliche Institutionen NGOs als Akteure gesucht und für
eine Kooperation aufgebaut werden. Mit welchen Folgen, dass ist
dann auch schon wieder ein offenes Geheimnis. In irgendeinem Land,
ich glaube es war Uganda, haben sie herausgefunden, dass es, seit
sie dieses wunderbare Programm laufen lassen, 30000 NGOs gibt.
Und da ist klar, dass 20000 davon nur Gangsterbanden sind, die
das als Weg ermittelt haben, an irgendwelches Entwicklungshilfegeld
zu kommen. Jetzt brauchen sie sich nicht erst ein Ministerium
zu grapschen, um darüber an Entwicklungshilfe zu kommen,
sondern, da das Ministerium Adressat eines hochoffiziellen Misstrauen
ist, bekommen sie direkt in ihren Verhandlungen mit z.B. dem deutschen
Entwicklungshilfeministerium einmal eine Million zugeschustert.
Man muss dann nur zusehen, dass, wenn der Kommissar aus Berlin
kommt, irgendein Potemkinsches Dorf im Busch steht, von dem man
sagen kann: "Hier haben wir unseren Frauen aber die Beschneidung
erspart." Also in dem Sinn ist Armutsbekämpfung ein
Programm, das Armut als Dauerzustand dieser Gesellschaften unterstellt.
Das einzig Erlogene ist, dass Bekämpfung noch ein Moment
von Überwindung, so ein halbes Versprechen enthält.
Vielleicht ringen sie sich zu dem nächsten Punkt der Ehrlichkeit
durch und nennen es dann nur noch Armutsbetreuung. Das wäre
schon ein bisschen ehrlicher, nicht besser, denn das ist das,
was dort passiert. Aber schon das Programm Armutsbekämpfung
für einen Staat in der heutigen Weltwirtschaft ist, wie wenn
man die Bundesrepublik auf die Bundesagentur für Arbeit reduzieren
würde; und dann kommt die FDP und will die auch noch abschaffen.
So wird mit diesen Staaten umgegangen; sie sind nur noch BfA und
die Imperialisten sind der Westerwelle und plädieren auf
Abschaffung.
Zu dem ganzen Zirkus wie der ugandische Journalist zu sagen: "Gestehen
wir uns doch einmal ein: Das alles nützt uns überhaupt
nichts.", das ist wirklich keine Riesenerkenntnis, das ist
einfach die Wahrnehmung dessen, was sich dort abspielt.
- Das ‚das nützt uns nichts' ist die eine Seite der
Wahrnehmung, die andere Seite ist, dass damit die Imperialisten
immer noch als die eigentlich Zuständigen angesehen, auch
wenn es bloß ein bisschen Armutsbekämpfung ist.
Aber diese Zuständigkeit- das gehört ja auch mit dazu
-, die enthält soviel Verantwortungslosigkeit. Denn dafür
taugen diese Länder allemal noch, dass man erst einmal für
alles Elend, was sich in ihnen abspielt, die selber haftbar macht.
Dass man die Fiktion aufrechterhält: "Wir sind nicht
das Gesundheitsministerium von Kenia." Faktisch ist es so,
dass das, was dort an Gesundheitsdienstleistungen und sonst wie
passiert, völlig an den Arrangements hängt, die irgendein
Ausland trifft. Aber das hat nicht die Qualität eines bescheidenen
Kolonialismus, wo sich die Kolonialmacht für die Verwaltung
der ganzen Sache für zuständig erklärt. Sondern
zu diesem Verhältnis gehört dann auch diese Mischung
aus alles beaufsichtigen, aber für nichts die Verantwortung
übernehmen, sondern immer die Beaufsichtigten für alles
haftbar machen, was sich bei ihnen abspielt. Der große Titel
dafür heißt Korruption.
- Für kommt aus dem bisher Gesagten heraus, die Industrienationen
leisten sich einen Haufen Ausgaben, um sich moralisch rein zu
waschen. Denn es kostet ja viel mehr, was die dort machen, als
einfach nur Suppenküchen einzurichten.
Wie kommt man da auf das Reinwaschen von der Verantwortung?
- Es wurde doch gesagt, es geschehe, um den Regierungen vor Ort
die Verantwortung für die Verarmung zuzuschreiben.
Was heißt hier ‚um zu'? Das ist der Standpunkt, den
die dort exekutieren. Das ist nicht ein ‚Wir geben denen
Geld, damit die dann verantwortlich sind' oder so etwas. Man muss
sehen, wie sich die imperialistischen Führungsnationen zu
dieser Sorte Länder stellen: "Das ist ja interessant,
was es da in Afrika gibt. Was können wir mit denen anfangen?
Wir haben bisher etwas mit ihnen angefangen, wir haben ihnen sogar
Kredite gegeben, die wir jetzt abschreiben können. Die Abteilung
läuft nicht gut. Damit man die überhaupt noch in unsere
Weltwirtschaft einordnen kann, muss man denen einen neuen Status
geben, und den bekommen sie nur, wenn man jetzt einmal einen gewissen
Schlussstrich unter gewisse Schulden zieht." So werden die
eingeordnet. Und dann: "Was gibt es in diesen Ländern
noch? Eine Bevölkerung, eine Verelendung, die unter verschiedenen
Gesichtspunkten auch die erste Welt berührt." Die Haupttitel
sind: Seuchenbekämpfung und Terrorismus. Die Länder
möchte man ja nicht von der Weltkarte streichen, sondern
die gibt es. Im Prinzip möchte man auch mit denen etwas anfangen.
Und jetzt stellen diese Länder sich dar als eine einzige
Gesundheits- und Terrorismusgefahr. Das sind eher so die leitenden
Gesichtspunkte, die in Schottland zur Sprache gekommen sind. Was
bleibt dann also mit diesen Ländern anzustellen? Es braucht
eine Überwachung dessen, was in denen doch noch an Reichtum
zustande kommt und zu holen ist; das überantwortet man dem
Kriterienkatalog für Entschuldung. Aber es braucht ja auch
so etwas wie eine Betreuung des Landes, wie es dies nun einmal
gibt. Und dazu, wie diese Betreuung arrangiert wird, dazu wurde
etwas gesagt. Auch aus der Distanz: "Ja, das ist ein Land
für sich. Wir schauen, wie wir von außen das unter
Kontrolle bringen." Alle staatliche Autorität untergraben,
sich selber seine Ansprechpartner in dem Land heraussuchen - ein
schöner Titel, den die im Entwicklungshilfeministerium in
Berlin erfunden haben, heißt Dezentralisierung -; das ist
das Programm: "Wenn wir in solchen Ländern helfen",
da haben sie sich jetzt 13 herausgesucht, bei denen unter 3
verschiedenen
Gesichtspunkten geholfen wird, "dann machen wir das gleich
vor Ort mit Leuten, die sich dort auskennen und dort zuständig
sind." Das sind dann halt die lokalen Machthaber oder Organisationen,
die in diesen Regionen tätig sind. Das ist die Untergrabung
der staatlichen Autorität dort. Aber was sie mit der Untergrabung
der staatlichen Autorität ansonsten anrichten, an Zersetzung
des Zusammenhalts, das behandeln sie von vornherein als Sache
derer, die dort doch eigentlich zuständig sind.
- Was ist dann eigentlich der Irrtum bzw. welche Unterstellung
liegt vor, wenn Leute hergehen und diese Aktionen dort unternehmen.
Man könnte doch das ganze Geld durch die Anzahl der betroffenen
Leute teilen, den Gutmenschen-Standpunkt einnehmen und Almosen
verteilen und Suppenküchen einrichten. Dann würden die
dort nicht verhungern. Diese Rechnung steht ja wohl nicht an.
Liegt das daran, dass hier Staaten auf andere Staaten losgehen?
Was ist der Fehler von solch einem Bild des Almosenverteilens,
das ja gar nicht infrage kommt?
- Du nimmst nicht ernst, was die imperialistischen Nationen an
Maßstäbe an sie anlegen. Dass die dortigen Staaten
diesen Maßstäben nicht genügen, nehmen sie als
ein Urteil über diese Staaten. "Gutes Regieren bedeutet,
dass wir mit unseren Ansprüchen bedient werden." - so
verrückt diese Ansprüche von der materiellen Seite auch
sind: Also findet dort schlechte Regieren statt = Korruption;
also fließt Geld dorthin, bringt nicht die von uns erwartete
Wirkung; also läuft in dem Land, in der Regierung etwas schief,
es läuft etwas in die falschen Taschen; also sprechen wir
welche an, von denen wir wissen, dass die blöd (?
unverständlich)
sind, und kommen so auf die NGOs. Die bewegen sich in ihrem
Gedankengebäude
und nehmen es ernst...
- Es ist doch dann die Frage, worum es dann geht? Was ist der
Grund, weshalb so eine Vorstellung des Almosenverteilens so abwegig
ist?
Ich weiß gar nicht, ob die so abwegig ist. Armutsbekämpfung
läuft immer noch unter dem Gesichtspunkt, dass es etwas anderes
sein soll als Nothilfe. Die Nothilfe läuft ja so, wie eben
gesagt. Zurzeit ist der Niger aktuell; die verhungernden Babys
werden vorgezeigt und dann läuft so etwas wie eine große
internationale Suppenküche an. Das ist ja eine Abteilung.
Man muss das auch einmal zur Kenntnis nehmen: Das läuft Jahr
um Jahr, und darüber gewinnen auch solche Nothilfeaktionen
ihre Festigkeit, dass der Spiegel einen ganzen Artikel über
die Nothilfeindustrie machen kann. Danach gibt es schon fest etablierte
NGOs, die darauf spezialisiert sind, Hungersnöte wahrzunehmen,
zu ermitteln, wo die gerade laufen, zu skandalisieren, in die
Weltöffentlichkeit zu bringen, Spenden einzusammeln, Regierungen
mobil zu machen für zusätzliche Suppenküchen und
solang, bis der Regen fällt oder die nächste Ernte kommt,
so ein halbes Volk zu betreuen. Das gibt es inzwischen als fest
etablierten Geschäftszweig. Das ist das eine. Es gar nicht
so, als ob Suppenküchen nicht vorstellbar wären, als
Nothilfe sind sie durchaus im Programm. Das andere ist, das, was
unter dem Stichwort Armutsbekämpfung läuft, verfolgt
immerzu nicht bloß den Idealismus, sondern das Projekt:
Man will die Armen in ihrer Armut befähigen, allein zu
überleben
und von Nothilfe unabhängig zu werden. Deswegen ist das Jahr
2005 das Jahr der Mikrokredite. Das ist die Idee, Armutsbekämpfung
darüber, dass man den Armen irgendwo, mit Vorliebe den Frauen,
die sonst nur als Anhängsel von irgendeinem besoffenen Ehemann
verkommen, den Zugang zu einem Kleinkredit zu eröffnen -
20 Euro oder Dollar -, mit dem sie sich dann irgendetwas, z.B.
ein Bügeleisen, kaufen und dann eine Ich-AG mit Heißmangel
aufmachen können. Dieses Ideal, die Welt mit Ich-AGs auszustatten,
ist eine Variante von Armutsbekämpfung und folgt derselben
Logik, mit minimalen Mitteln den Leuten ein Überleben aus
eigener Kraft zu ermöglichen. Denn, wenn man sie
durchfüttert,
hat man sie ewig am Hals, und so etwas wie ein Wirtschaftswachstum
anzetteln, das dann die Massen ernährt, klappt ja noch nicht
einmal bei uns. Was überhaupt nicht heißt, dass nicht
inzwischen in Bezug auf Afrika Rechnungen angestellt werden -
ich weiß gar nicht, ob die nicht gelegentlich merken, wie
absurd und zynisch das ist -; die rechnen glatt aus, dass das
Wirtschaftswachstum gerade in den ärmsten Ländern bisweilen
am höchsten ist. Allen Ernstes kommt in amerikanischen
Regierungsverlautbarungen
vor, die Ärmsten seien die Lokomotive der Weltwirtschaft.
Jetzt haben die ungefähr ein Promille am Weltbruttosozialprodukt,
aber wenn dieses Promille um 3 % wächst, ist es besser als
bei uns. Das gehört in die absurde Abteilung, aber die absurde
Abteilung gehört zu dieser Betreuung notwendig dazu, weil
gerade diese Armutsbekämpfung nicht bloß das Ideal
verfolgt, sondern das Projekt, dass die allein mit ihrer Armut
über die Runden kommen können sollen. Gibt es also nicht
dazu irgendeinen Dreh, und der neueste Schlager ist eben dieses
Jahr der Mikrokredite.
- Es wurde vorhin gesagt, dass das ein Programm der Zerstörung
sei. Wenn man sich Armutsbekämpfung vorstellt, denkt man
doch, die Armut solle einmal vorbei sein. Jetzt ist dieser Gedanke
ja Auswuchs aus dem Schuldenerlass. Daraus kommt dann doch, dass
diese soziale Abteilung in den armen Ländern nur über
Kredite vom Westen finanziert ist und darüber erhalten wurde.
Wenn jetzt diese Kredite gestrichen werden und es jetzt auf
Armutsverwaltung
ankommt, dann ist es doch insofern ein Zerstörungsprogramm,
dass das Geld für Krankenhäuser, Schulen usw. gestrichen
und die Verantwortung in deren Hände gelegt wird, was heißt,
sie sollen selber schauen, wie sie zurecht kommen.
Man darf jetzt nicht die andere Seite übersehen, dass dann
über eine neue Kultur des Schenkens und der Einschaltung
von NGOs dann diese Betreuung weiter geht.
- Das wird dann aber doch geringer sein.
Über die Summen weiß ich nicht Bescheid. Aber das betrifft
nicht den qualitativen Witz. Man geht davon aus, dass es sich
als unmöglich erwiesen hat, diese Staaten zu befähigen,
selber einerseits ein Wirtschaftswachstum hinzukriegen, von dem
sie andererseits ihre Sozialabteilung abwickeln können. Beides
klappt nicht. Deswegen, Kredite in dem Sinn, dass sie damit ein
Wirtschaftswachstum hinbekommen, müssen jetzt einmal vorbei
sein. Schon vor zwanzig Jahren hat das angefangen mit der Kritik
an Mammutprojekten. Das war schon der Einstieg in das, dass für
diese Staaten der große Sprung nach vorn für diese
Staaten eh nicht infrage kommt. Das ist jetzt ausgereift bis zu
dem, dass man ihnen einen weltwirtschaftlichen Status verschafft,
der heißt: Sie sind eigentlich kreditunwürdig und nicht
so recht geschäftsfähig. Dann bleibt die andere Seite.
Eine nationale Fähigkeit zur Lösung der Frage der
Armutsversorgung
kann man von diesen Ländern einstweilen auch nicht erwarten,
man will sie sich aber einfach selber auch nicht aufhalsen, also
werden Wege gesucht, die Armut so zu betreuen, dass sie sich selbst
erhält - sowohl ohne dort arrangierte staatliche Transfers,
weil es dort ja gar nichts gibt, von dem man etwas transferieren
könnte, als auch ohne dauernde Suppenküchen-Zufuhr aus
der ersten Welt. Das sind so die Projekte, die unter dem Titel
Armutsbekämpfung laufen. Das Ganze ist jetzt verbunden mit
einem Riesenaufwasch, wie schädlich eigentlich Entwicklungshilfe
immer nur gewesen ist.
Dahinein gehört das vorher Gesagte zu diesen Stellungnahmen
aus Afrika: "Verschont uns mit eurer Hilfe." Der Beitrag
hat es rationell genommen mit der Bemerkung: "Da sagt einmal
einer die Wahrheit, was dies dort bewirkt." Aber hergenommen
und zitiert wird er für etwas völlig Anderes, nämlich
für den Beweis, wie ungut es ist, diese Länder überhaupt
als Kreditnehmer und als welche, denen wir unsere Milliarden
nachschmeißen
müssen, zu nehmen. Also die Kritik an alles, was bisher unter
den vorgestellten Bedingungen freigebiger Kreditvergabe und unter
dem Ideal, dass man so wie bisher auf die Regierung setzen könne,
gelaufen ist, lautet: "Das ist alles fehlgelaufen, ist in
Korruption geendet, und das, was unter dem Titel Hilfe gelaufen
ist, hat bei ihnen Selbsthilfe verhindert." Das ist immer
das Grundmuster der Kritik, der Änderung des Verweises dran:
"Man muss die befähigen, das selber zu machen."
Und dass das eine Befähigung wäre, ein neues taugliches
Ordnungskonzept, mit dem gerade die in diesem Status wieder selbst
handlungsfähig gemacht würden, dieser Standpunkt wird
nie aufgegeben. Das hat die andere, politische Seite dazu, die
sagt: "Es war ein Fehler, immer bloß auf die Regierungen
zu setzen." Das sind dann keine Banditen oder Banden, sondern
lokale Ordnungsgrößen, mit denen man dann in Verbindung
tritt und sie als lokale, vor Ort verantwortliche Größen
nimmt und ihnen etwas überträgt. Das ist das Ideal,
man könne an der Regierung vorbei tätig werden, das
heißt einerseits NGOs, also wir, oder dort gibt es welche;
andererseits lokale Ordnungskräfte - na dass das die Banden
sind, von denen man gleich sagt, dass die es durcheinander bringen.
Dieser Gesichtspunkt wird zurückgestellt, und das sagen sie
auch explizit: "Dann darf man halt nicht so genau schauen,
was die gerade so alles anstellen." Das ist auch ein Beitrag
zum Ideal der Dezentralisierung der Korruptionsbekämpfung,
indem man genau die Ergebnisse des Herrschaftszerfalls dort wie
ein Moment von brauchbarer neuer Herrschaftsadresse nimmt, an
die man sich richtet. Das ist auch ein Beitrag zu der anfangs
gestellten Frage, wie das denn alles so geregelt wird. Ein anderer
Beitrag ist, dass man sagt: "Man muss in Afrika Rohstoffe
möglichst so fördern, dass Regierungen erst gar nicht
mit ins Spiel kommen, nämlich alles offshore. Das ist das
Schöne beim Öl und Erdgas, dass das alles draußen
im Meer liegt. Wenn wir das entwickeln, haben wir gleich gar kein
Problem mit störenden Verhältnissen." Das ist ein
solcher Fortgang.
- Jetzt haben einzelne Staaten auf dem Gipfel in Schottland gefordert,
und die Engländer haben dies auch zugesagt, dass die
Entwicklungshilfe,
die Afrikahilfe, verdoppelt werden sollte. Das heißt doch,
dass sie die Betreuung, den Umgang mit der Terrorismusfrage und
Aids, die Aufrechterhaltung einer Restnutzbarkeit Afrikas so
einschätzen,
dass ihnen dies teurer zu stehen kommt.
Wie die da immer rechnen. Ein Großteil dieser aufgedoppelten
Entwicklungshilfe geht erst einmal gar nicht in diese kaputten
Länder, sondern es sind Mittel für Investitionen
hauptsächlich
in Südafrika, was ja halbwegs als Staat mit einem
bürgerlichen
Erwerbsleben funktioniert, und in die nigerianische Ölwirtschaft,
in die Erschließung neuer Ölfelder. Das macht quantitativ
den größten Brocken von dem aus, was unter Afrika-Hilfe
läuft.
Das andere ist, das werden wohl schon auch so Rechnungen sein,
deren Logik ja auch ganz unbefangen benannt wird: wir müssen
darauf achten, dass dieser Kontinent nicht zum großen
Ansteckungsherd
wird für jeden Touristen, der da mal vorbeischaut, wir müssen
eine Aidsbekämpfung hinkriegen und wir müssen verhindern,
dass das Land ein einziger Terroristensumpf wird und dass sie
darüber nicht reden, heißt nicht unbedingt, dass es
den Gesichtspunkt nicht gibt. Inzwischen tritt China als Konkurrent
in diesem Kontinent auf; wie weit das für die Betreuung Afrikas
eine Rolle spielt, kann man noch nicht sagen, aber beim Sudan
ist es richtig breitgetreten worden, dass die Chinesen dort alles
verkehrt machen - während wir verzweifelt alles richtig machen
- eben dadurch, dass die denen unerlaubt unser Öl abkaufen.
Die Chinesen haben offensichtlich auch einiges vor auf diesem
Kontinent und sind nun mal nicht präsent auf dem G 8-Gipfel;
schließlich passen die G 8-(oder 71/2) Staaten wechselseitig
aufeinander auf, da gibt es intern diese Rivalitäten - Europa
gegen USA, innerhalb Europas England gegen Frankreich, wer ist
für welche Weltgegend wie sehr zuständig, wessen Soldaten
schauen wo nach dem Rechten, wo sind noch Kolonialisten aus Europa
unterwegs, die dann auch noch Betreuung genießen von ihren
Heimatländern usw., aber wahrscheinlich bahnt sich da auch
so etwas an wie eine Konkurrenz der G-Staaten mit der neuen
aufstrebenden
Weltmacht Nr.3, die eben mit einem anderen Anspruch und anderen
Angeboten an diesen Kontinent herangeht. Diese Mischung aus
Beweggründen,
was da alles mitspielt, muss man halt mal so zur Kenntnis nehmen,
welches Programm für Afrika da dahintersteckt, ist das
Entscheidende.
Wobei man das jetzt nicht so nehmen darf, die hätten das
Programm, die Staaten zu zerstören, worum es in der Diskussion
ging, war der Begriff der Politik, sie selber denken da natürlich
ganz anders, der Bush sagt nicht nur: die haben ein wunderbares
Wachstum und das zieht die Weltwirtschaft voran, sondern er sagt
auch: mit Afrika geht es vorwärts, neulich haben 5 Länder
südlich der Sahara astrein demokratisch gewählt und
das gibt Hoffnung. Und das gehört richtig in dieses Konzept
mit hinein: Demokratie als Mittel der Heilung dieser Nationen,
mit der Vorstellung, wenn mal die korrupten Machthaber damit rechnen
müssen, dass eine siegreiche Opposition sie ins Gefängnis
steckt, werden sie sich zusammenreißen, die Mittel, die
sie nicht haben, ordentlich verwalten und die Armut erfolgreich
bekämpfen; und vielleicht haben die Amerikaner dann auch
noch Geld übrig, ein freiheitliches Parteienwesen in diesen
Ländern zu fördern.
-- Es gehört doch sonst eigentlich nicht zu den Prinzipien
der Machthaber von Recht und Eigentum, was zu verschenken, aber
um die Demokratie da unten zu fördern, machen sie schon ein
paar Almosen locker.
Die Almosen sollen ja etwas bewirken - Stichwort Armutsbekämpfung
-, wenn man schon in diese Länder etwas reinsteckt, dann
soll es sie wenigstens dazu befähigen, in Armut zu überleben,
ohne dass man sie laufend füttert. Und die imperialistischen
Betreuer sind sich nicht zu blöd, zu denken, dass die
Förderung
einer von ihnen gesponserten Opposition in manchen Ländern,
wie oben schon erwähnt, ein Beitrag zur Armutsbekämpfung
sein kann.
Es ist doch nicht so bemerkenswert, dass die sagen, da unten braucht
es auch Demokratie, sondern bis zu welchen absurden Vorstellungen
über die Leistungen, die die Demokratie auch da unten
bringen könnte, sie sich versteigen - besseres Einhegen
der Armut z.B. Das Auffällige ist, dass sie sagen: der
Nationalismus
von denen - wenn es überhaupt einen gibt - ist uns nicht
recht, der fällt unter Korruption und Ambition, was im Land
ökonomisch läuft, ist uns nicht recht, das läuft
teils unter Verschwendung, teils unter: es geht sowieso nichts,
wie das Volk sortiert ist, ist uns nicht recht, um dann darauf
zu kommen, dass Demokratie genau das passende Hilfsmittel, die
passende politische Methode wäre, ausgerechnet das handlicher
zu machen. Da bleibt von der Demokratie als dem Weiß-warum
einer kapitalistischen Gesellschaft genau diese trostlose Seite
übrig: könnten wir nicht per Demokratie das Elend da
unten besser regeln? Dann fällt z.B. unter Demokratie, dass
es lokale Herrscher gibt, von denen man meint, sie so in das politische
Herrschaftswesen einbinden zu können, dass es für sie
- die Amerikaner - funktionaler wäre.
Zu dem Zynismus des Umgangs mit diesen Ländern gehört
auch, dass die Begutachtung selbst dieser hoch verschuldeten
Länder
unter dem Motto: wo lässt sich sogar noch aus dem Elend Geld
herausholen? nicht aufhört und das betrifft dann gar nicht
bloß die Rohstoffe, die man abtransportiert und anderswo
zu Geld macht, sondern der derzeitige Schlager ist Privatisierung
- man will also das, was es ökonomischer Tätigkeit in
diesen Ländern noch so gibt, zu einer Investitionssphäre
für freiheitlich agierende Konzerne machen, die das Verdiente
auch transferieren und da kommen sie zunehmend auf Wasser als
Geschäftsmöglichkeit, das zeigt schon, dass sie etwas
anderes einfach nicht mehr finden, es gibt vielleicht noch die
eine oder andere koloniale Eisenbahn, die dann privatisiert wird,
z.B. (so ein empörter Bericht eines Umweltfreundes) kauft
sich eine schottische Eisenbahn-Gesellschaft in Afrika eine
Eisenbahnlinie,
macht zwei Drittel der Strecke zu und erhöht auf dem letzten
Drittel die Preise, lässt dann auch bessere Züge fahren
und weil gleichzeitig die Fluggesellschaft bankrott geht, fahren
dann auch ein paar Beamte mit dem Zug und zahlen die Preise Ansonsten
stürzen sie sich auf das nun mal elementare Bedürfnis
nach Wasser unter dem Motto: wenn es das gibt, dann wird man doch
wohl auch dafür sorgen können, dass die, die das Wasser
brauchen, es kaufen und dann wird es wohl eine
Geschäftsmöglichkeit
für internationale Wasserkonzerne geben und prompt ist das
ein wichtiger Punkt in all diesen Vorgaben an die bankrotten
Länder,
dass sie da noch was privatisieren könnten. Und dann gibt
es Unternehmen, die sich da reinpflanzen und unter Umständen
das Wasserversorgungswesen einer Stadt sanieren, erst mal die
Slums abklemmen, den Rest sanieren und dafür Geld verlangen
und irgendein Geld werden sie dann schon ergattern - und wenn
es das von den NGOs und den Entwicklungshelfern ist, die in den
Hotels wohnen, das ist inzwischen auch ein offenes Geheimnis,
dass einen guten Teil des Geldes diese Institutionen für
ihr Personal verbrauchen, z.B. ein Berater, der den Afrikanern
erklärt, wie man die benchmarks der Weltbank erfüllt,
ist unter 5000 € nicht zu haben, aber der ist ja auch top-wichtig,
weil ohne den nichts an Armutsbekämpfung zustande kommt,
es kommt ja noch nicht mal der Fonds zustande, den die für
die erlassenen Schulden aufmachen müssen und aus dem dann
schon mal 5000 € weg sind für dessen Honorar.
-- In dem alten Gegenstandpunkt-Artikel ist ja auch darauf verwiesen
worden, dass es bezüglich des internationalen Finanzsystems
eine Art Garantie... ist, dass die entscheidenden imperialistischen
Staaten sich in der Frage einigen, bzw. die Glaubwürdigkeit
der Schulden, soweit sie noch als Kredite laufen, garantieren...
Eigentlich sind das Peanuts, aber durch die Fälle, die da
jetzt zunehmend vor der Tür stehen, werden die Schulden durch
das Streichen ja auch nicht weniger für die imperialistischen
Länder, weil sie die neuen Schulden, soweit sie sie
aufrechterhalten,
auch weiter bedienen müssen.
Genau, das begründet den wichtigsten Diskussionsbedarf auf
diesen Gipfeln, dass und wie sie das Schuldengewese untereinander
ausmachen. Da gab es ja auch rivalisierende Vorstellungen, wie
man das abwickelt und es gab heiße Diskussionen, wie man
das hinbekommt, ohne dass wir - da denkt jeder Staat an sich -davon
eine Last haben, die wir unseren Steuerzahlern nicht zumuten
möchten,
und darüber, dass keiner der Staaten, die sich da engagieren,
sich schlechter stellt als die anderen, also Schulden erlässt
und dann kann sich der andere Staat seine Schuldenbedienung dort
abholen in solchen Ländern und dass man gemeinsam Beschlüsse
fasst, wie die internationalen Finanzagenturen da zu Werke gehen.
Bei dem Gipfel in Gleneagles hat man das in der Form mitbekommen:
wenn da Schulden erlassen werden, wird irgendetwas gestrichen
und das muss aus irgendeinem Haushalt gegengebucht werden und
da gab es die verschiedenen Vorstellungen: soll man sich zu einem
Geschenk entschließen, es grant nennen und es wird aus den
Steuern bezahlt, das war die US-Variante. Oder der wunderbare
Vorschlag von Blair, jetzt eine Anleihe aufzulegen, dann hat man
jetzt das Geld, verschiebt per Abmachung mit den Zeichnern dieser
Anleihe die Rückzahlung und Verzinsung auf einen Zeitpunkt
in 15 Jahren und alles, was man ab da an Entwicklungshilfe zahlt,
bedient die Anleihe, die jetzt aufgenommen wird, weil die bis
dahin dermaßen segensreich gewirkt hat, dass man dann keine
Entwicklungshilfe mehr zu zahlen braucht. Diesen Vorschlag haben
andere etwas unseriös gefunden und gemeint, man müsse
dann eher Geld einsammeln, um damit den Schuldenerlass zu bezahlen,
z.B. bei den Fluggästen - wenn sie schon ewig herumfliegen,
können sie auch 5 € mehr pro Ticket als Flugbenzinsteuer
zahlen, was natürlich auf heftigen Widerstand der
Fluggesellschaften
und ihrer Lobby getroffen ist, aber daran merkt man, dass das
die heißen Fragen sind, wie man die Finanzierung zustande
kriegt. Eine Zeitlang hat sich der Schröder sogar mit der
Tobin-Steuer angefreundet, man könnte so eine Art Ehrenpfennig
auf die weltweiten Finanztransaktionen erheben, das gab natürlich
auch wieder ein Geschrei. Als ein Beispiel, wie die denken, ein
Zitat aus der Rede des US-Finanzministers Snow vor der Weltbank
am 19. April 2005: "Vom Privatsektor ausgehendes Wachstum
ist das effektivste Mittel zur Förderung nachhaltiger Entwicklung
und der Linderung von Armut. (…) Ressourcen aus der Privatwirtschaft
- sowohl auf nationaler als auch auf internationaler Ebene - lassen
die Rolle der traditionellen Entwicklungshilfe verblassen. Aus
der Perspektive internationaler Politik sind vor allem zwei Bereiche
für Entwicklungsländer viel versprechend: Handel und
Finanztransfers. (…) Eine Studie der Weltbank kam zu dem
Ergebnis, dass Länder mit vollständig erschlossenen
Finanzdienstleistungssektoren durchschnittlich um ein Prozent
schneller wachsen als andere Länder." Klar, Handel gibt
es immer irgendwie, womit auch immer man da handelt und wo Handel,
da auch Finanztransfers und wenn sich da private Firmen engagieren,
dann trägt das notwendigerweise zur Armutsbewältigung
bei und wenn Benin, Mali & Co. erst mal ein Finanzzentrum
haben, ist deren Wachstum nicht mehr aufzuhalten. So denken die
allen Ernstes, ob sie dann auch so handeln und eine Bank dahin
stellen, ist eine andere Frage, aber das zeigt, das wir über
den Begriff der Sache geredet haben und nicht darüber, was
die planen. Das ist ein Indiz für das vorher Gesagte, nämlich
dass damit ein neuer weltwirtschaftlicher Status, eine neue
Kategorie von Staat in der Weltwirtschaft definiert und
arrangiert wird.
-- Was haben die imperialistischen Staaten eigentlich gegen die
Sorte Armutsbekämpfung, die der Mugabe macht?... Soweit es
da unten noch eine gewisse Staatlichkeit und einen Gewaltapparat
gibt, ergeht doch an diese Länder die Aufforderung, sich
den Bedingungen gegenüber, unter denen überhaupt noch
Gelder für Armutsbekämpfung bereitgestellt werden, geneigt
und willfährig zu zeigen und da zeigt sich der Mugabe, erst
mit der Enteignung der weißen Farmer, aber auch jetzt, sehr
uneinsichtig und hält an seinem Programm fest.
Und da merkt man, es ist nicht das Verhältnis zur Armut,
sondern zur imperialistischen Welt, die diese ärgert und
es ist klar, er ist ein Störenfried und da bedeutet Demokratie
gleich dessen Entmachtung und andersrum, alles, was er zur Erhaltung
seiner Macht tut, ist ein Verbrechen.
Das Lustige ist, dass in deutschen Kommentaren darauf hingewiesen
wird, dass manche dieser Tartarenmeldungen doch vielleicht der
britischen Optik zu verdanken waren und die Sache nicht so ganz
getroffen haben. Da gibt es eben auch eine Rivalität zwischen
den Nationen, wer welchen Potentaten wie schlecht macht, im
großen
und ganzen sind nach wie vor die Amerikaner die
Regulierungsbehörde
für das Image von schlecht regierten Ländern.
-- Es wird doch sofort wieder durchsortiert, wer denselben Standpunkt
einnimmt gegenüber dem Land und dann fallen sofort Länder
wie China oder Südafrika, die sich etwas distanziert dazu
verhalten, gleich negativ auf; dass Südafrika den Standpunkt
hat, dass es nicht dazu da ist, den Mugabe gleich abzusetzen und
vor der US-Entmachtungsstrategie warnt, wird den Südafrikanern
als Versagen in ihrer Ordnungspolitik, die man von ihnen erwartet,
vorgehalten.
Über das, was der Mugabe wirklich vorhat, kommt vor lauter
hetzerischer Beurteilung nicht viel vor und die kennt wahlweise
das Argument: das ist ein neuer Pol Pot, weil er die Leute aufs
Land schicken will - womit sie nebenbei anerkennen, dass die in
der Stadt nichts zu beißen haben, was aber kein Grund sei,
sie aus ihren Slums vertreiben. Der andere Vorwurf ist, dass es
ihm nicht um den Umgang mit den Armen, sondern bloß mit
der Opposition geht, deren Nester er ausräuchern will. Andere
schließen beides zusammen zu: da sieht man es, die Opposition
würde sich ordentlich um die Armen kümmern, weshalb
der Mugabe zwecks Herrschaftssicherung diese niedermachen will
(Wenn er verbotenerweise Handel treibende Slumbewohner aus
Ordnungsgesichtspunkten
wegräumen lassen würde, das könne man schon verstehen,
aber es geht ihm ja bloß um die Opposition, die da ihre
Basis hat - so ein Zeitungsbericht). Warum er ein Störenfried
ist, kommt gar nicht mehr vor, sondern wird bebildert mit seinem
Umgang mit seinem Land und Leuten.
Die EU nach den Referenden in Frankreich und den Niederlanden.
Gibt es die Krise überhaupt, wenn ja, worin besteht sie?
Was hat das mit dem Referendum zu tun oder mit dem Gegenstand
des Referendums, der Verfassung?
-- Was die Krise der EU genannt, wird, hat seinen Grund darin,
dass es etliche Nationen gibt, die ziemlich fundamentale Zweifel
an der Sinnhaftigkeit des Projekts bekommen haben, das sie sich
mit der Verfassung eingehandelt haben. Das Projekt war, mit der
Verfassung einen Schritt in Richtung politische Union zu gehen,
und zwar so, dass sie - Frankreich, Deutschland, England - ein
Gefüge von Mehrheiten einrichten wollten, das sicherstellen
sollte, dass politische Themen wie: machen wir beim Irak-Krieg
mit oder nicht? die Staaten nicht mehr für sich entscheiden
können, sondern es sollte Debattengegenstand sein innerhalb
der EU und es sollte nach Mehrheitsverhältnissen entschieden
werden, wie man es damit hält. Von daher war das, was die
Franzosen, Deutschen und Engländer so vorangetrieben haben,
ein Gefüge von Mehrheiten zu errichten, das ihnen eine
Majorität
in der anstehenden Abstimmung hätte sichern sollen. Das ist
aber etwas anderes als ein einiger politischer Souverän,
denn es ist klar, dass politische Entscheidungen erst mal Gegenstand
des Streits zwischen den Nationen ist und die bleiben Nationen
und selbst wenn sie mit einem bestimmten Stimmenkontingent ausgestattet
sind, heißt das ja erstens nicht, dass sie sich fügen
müssen und zweitens, dass sie sich streiten, also um die
Stimmenmehrheit bemühen müssen. Der Widerspruch ist,
dass die Staaten der EU sich zu einem politischen Subjekt formieren
wollen bei gleichzeitiger Beibehaltung von lauter souveränen
Staaten und das schlägt sich nieder in dem Bemühen,
dass es um eine Stimmenverteilung geht, bei der sichergestellt
ist, dass die gewünschte Entscheidung herauskommt.
So ungefähr ist die Verfassung schon konstruiert, aber das
widerspricht ein bisschen dem, dass da ein Vorwärts-Projekt
gescheitert wäre. Die Verfassung, die noch vor dem Zerwürfnis
über den Irak-Krieg gestrickt worden ist und vor allem vor
dieser Dreier-Allianz, also dem Vorstoß, ob es nicht am
besten wäre, die drei Führungsmächte machen gemeinsame
Sache, ist gar kein Instrument für so ein Ansinnen, sondern
sie ist genau gut so ein Instrument zur Majorisierung der anderen
wie ein Instrument zur Mobilisierung der Gegenwehr der anderen
gegen die einen. Die Verfassung ist schon ein Kunstwerk mit Tendenzen,
das Funktionieren Europas besser zu gewährleisten mit einer
Stärkung gewisser Institutionen, mit einer Vereinfachung
von irgendwelchen Gremien, aber besser funktionieren heißt
ja nicht, dass da mehr zentral entschieden würde und die
einzelnen Staaten etwas aufgeben würden, heißt auch
nicht einfach, dass die Staaten, die sich zu Führungsmächten
der EU berufen sehen - einfach, weil sie die größten
sind und faktisch die Führungsmächte dieses Clubs -,
sich besser gegeneinander oder die anderen durchsetzen könnten,
sondern nach der Seite hin schreibt die Verfassung den Widerspruch
Europas fort, nämlich, dass da ein Ensemble von Staaten Leistungen
bringen soll in Sachen gemeinsamer Aktion, für die die beteiligten
Staaten die nötige Voraussetzung, nämlich die tendenzielle
Preisgabe ihrer Souveränität, nicht schaffen wollen.
Dieser Widerspruch begleitet die Europa-Politik, seit es sie gibt
und über den führt auch die Verfassung nicht prinzipiell
hinaus, die fasst manches zusammen, schreibt manches fort und
verkündet vielleicht den einen oder anderen Idealismus und
klopft ein paar Prinzipien an irgendeiner Stelle fest und möchte
nach der Seite hin ein Beitrag sein - zumindest ist es von den
Befürwortern und Euro-Idealisten so gemeint -, irgendwie
das europäische Pseudo-Nationalbewusstsein zu befestigen,
aber der Vertrag selber ist eine Fortschreibung des Widerspruchs,
ein Arrangement zu formieren, ihm Leistungen abzuverlangen, die
es teilweise auch erbringt und die teilweise über das, was
die einzelnen Mitglieder an Souveränität an die
supranationale
Instanz abzutreten bereit sind, hinausführt. Und was ist
dann das Schlimme, wenn das Ding scheitert? Was macht dann die
Krise aus?
-- Von der Logik her ist es eine Bezweiflung des Konstrukts
überhaupt,
es ist eben keine Fortentwicklung, sondern eine Umgangsweise mit
dem Widerspruch. Wenn das nicht akzeptiert wird..., dann ist das
eigentlich ein Rückschritt.
Ja, jetzt sollte es halt mal die neueste Fassung des gemeinsamen
Projekts sein und wenn da so ein Chirac meint, dass er daraus
einen Triumph des Projekts machen kann, indem er das französische
Volk ein riesengroßes ‚Ja' dazu sagen lässt und
dann geht die Sache schief und die Grande Nation sagt ‚Non',
dann ist das für sich erst mal bloß das, könnte
man denken - damit hat man doch Erfahrung: wenn sie ‚nein'
sagen, beackert man sie ein Jahr lang, färbt was
blau-weiß-rot
und lässt einen Franzosen die Tour de France gewinnen und
schon sagen sie ‚ja', es gibt ja Beispiele dafür, dass
man auch so verfahren kann. Jetzt soll aber mehr daraus geworden
sein und vielleicht ist es ja so, dass Europa für sich jetzt
eine Krise ausgerufen hat, so, als wäre mit dem französischen
und dem holländischen ‚nein' zu dieser Fassung des gemeinsamen
Projekts dieses gemeinsame Projekt selber auf einmal in Frage
gestellt. Andererseits wird dann gleich angeführt, dass das
schon alles seinen Gang geht und wenn das nicht klappt, gibt es
ja noch das Abkommen von Nizza, zwar kein Schlager, aber damit
läuft es auch und man könnte ein paar wirklich wichtige
Sachen davon auch mal auf kaltem Wege in Kraft setzen, da merkt
man, dass so eine Katastrophe das fehlgeschlagene Referendum für
sich genommen dann auch wieder nicht ist. Wenn die aber eine richtige
Krise des Projekts ausrufen, dann ist die Frage, wo die Krise
herkommt, wenn nicht notwendigerweise aus dieser verlorenen Abstimmung,
vor allem aber ist die andere Frage, welche Krise es nun sein
soll. Was ist denn Inhalt der Krise, wenn es denn eine gibt?
-- Krise kann doch dann nur heißen, dass die jeweils nationale
Bilanzierung mit dem Stand des Projekts negativ ausfällt.
Und zwar nicht nur ‚etliche Nationen', wie vorher gesagt
wurde, sondern dann ist es schon so, dass mehr oder weniger die
Mitglieder des Clubs mit ihrem eigenen Projekt nicht mehr so richtig
glücklich werden und eben nicht wegen der paar Mehrheiten,
die jetzt ‚nein' dazu gesagt haben, sondern weil aus dem
‚nein' so etwas Gravierendes geworden ist - in dem Sinn steht
das Projekt ‚machen wir doch gemeinsame Sache' ein bisschen
auf dem Spiel. Nicht, dass jetzt alles widerrufen wird, was sie
bisher gemacht haben, aber so ein paar Töne in die Richtung
sind schon laut geworden, ausgerechnet die Italiener wollen ihre
schlappe Lira wiederhaben, statt unserem wunderbaren Euro, und
man zweifelt daran, ob diese Sorte des Zusammenwachsens überhaupt
gut ist; das alles sind Indikatoren dafür, dass die bisher
geltende Prämisse - das Zusammenwachsen Europas nutzt den
beteiligten Nationen - in Frage steht.
-- Wir haben uns schwer getan, den Gehalt dessen zu erfassen,
was negative nationale Bilanzierung heißt. Der Fischer hat
doch eine Rede gehalten zur Verteidigung der Verfassung und hat
immer so argumentiert: machen wir uns nichts vor, wir alle
europäischen
Nationen könnten politisch nicht so unterwegs sein wie wir
es sind, vom Nahen Osten bis ins ehemalige Jugoslawien, wenn wir
uns nicht zu dieser Union formiert hätten, also steht und
fällt diese Sorte imperialistischer Betätigung auch
mit dem, was wir geschaffen haben in Form der Union. Die nationale
Bilanz, die er zieht, ist also, dass sich die Union bewährt
hat als Instrument der imperialistischen Betätigung Deutschlands.
Das ist auch sicher ein Moment in der Bilanz, denn einfach eine
Absage an Europa, also Krise in dem Sinn, die Beteiligten kommen
zu dem Schluss: das Ganze war ein Irrweg, ist es zweifelsohne
nicht; die wissen schon, was sie an Europa haben, aber dagegen
gibt es offenbar eine andere Bilanz - gerade der Fischer, was
macht der denn sonst noch? Der war letzte Woche - abgesehen davon,
dass er Wahlkampf machen muss - in einer anderen Missionen unterwegs:
Er hat um Sitz und Stimme für Deutschland im Weltsicherheitsrat
geworben - nicht direkt ein Gegenprojekt zu Europa, aber jedenfalls
wollte er Sitz und Stimme nicht für Europa, wo er doch seinen
wunderbaren Rückhalt her hat, sondern für sich. Und
kein anderer als diese perfiden Italiener, denen wir unsere DM
geschenkt haben, intrigieren gegen uns. Das war jetzt etwas polemisch
formuliert, um zu verdeutlichen, dass dieser Geist, der gerade
durch Europa geistert, etwas anzeigt. So einer wie der Fischer,
der doch als deutscher Außenminister durchaus weiß,
was er an Europa und dessen bisherigen Leistungen hat, ist auf
der anderen Seite einer, der offensichtlich kein bisschen davon
aus geht, dass es einmal so etwas geben könnte wie einen
europäischen Sitz im Weltsicherheitsrat oder auch nur eine
organisierte Absprache, dass man sich darauf verlassen kann, dass
die Engländer und Franzosen, die schon drin sind, so etwas
vertreten wie ein europäische Position und das ist nur ein
Moment in der Bilanz, die zumindest gar nicht mehr eindeutig
ausfällt,
was Europa betrifft. In punkto imperialistisches Zusammenwirken
war ja gerade da - von der UNO angefangen bis zu den
Kriegsentscheidungen
im Irak - die EU eine Riesenenttäuschung; da ist es den USA
gelungen, die Europäer zu spalten und dagegen hätte
auch die Verfassung nichts genutzt. Umgedreht, dass die Ablehnung
der Verfassung zur Krise gerät, ist dann schon eher die
Nachwirkung
einer Bilanz, die in Rechnung stellt, dass es sehr zweifelhaft
ist, ob so etwas wie ein imperialistischer Konsens in Kriegs-
und Friedensfragen mit Europa, sei es von britischer Seite, sei
es von deutsch-französischer Seite aus, hinzukriegen ist.
In einem früheren Gegenstandpunktartikel (4/2002) ging es
auch schon um die Krise des europäischen Projekts angesichts
dessen, dass die USA mit ihrem Krieg Fakten setzen, an denen Europa
sich spaltet, natürlich auch gebührend darauf hinzuwirken,
das den Europäern auch so zu verdeutlichen und das zweite
ist auch nicht zu unterschätzen: was ist denn mit dem "plombier
polonais" , dem polnischen Installateur, der durch die
französischen
Zeitungen geistert und die Franzosen erschreckt, weil er angeblich
dem braven Franzmann die Arbeit wegnimmt, also so ähnlich
wie der polnische Fleischer in Deutschland, der ‚uns' sie
Arbeit wegnimmt? Was ist an diesem Schreckbild des polnischen
Billigarbeiters dran?
-- Man muss da bloß nehmen, was sie selber sagen. Wenn
die EU-Staaten erklären, dass das Tempo der Erweiterung zu
hoch war, dann erzählen sie das immer vom Standpunkt des
Nein-Sagers her - der kann das nicht begreifen, also hat er mit
‚nein' gestimmt - sie meinen aber nicht den Nein-Sager, sondern
ihre eigenen Taten. Sie sind selber unzufrieden mit deren Ergebnis,
also was sie mit der Erweiterung hergestellt haben, darunter fällt
dann auch der Pole. Das ist ein ideologisches Abfallprodukt von
dem, was sie selber als den großen Wurf, als das europäische
Projekt der letzten 5 oder 10 Jahre, ins Auge gefasst haben.
Und mit welchen ihrer eigenen Taten sind sie - neben dem eigenen
Tempo - dann unzufrieden?
-- Da muss man sortieren. Den Deutschen zum Beispiel hat die
Osterweiterung nicht das gebracht, was geplant war, nämlich
Wachstum durch Benutzung dieser Staaten.
Also Wachstum durch Zuwachs. Wer ist jetzt daran schuld, dass
das nicht aufgegangen ist?
-- Der Sache nach sicher nicht der polnische Billig-Klempner.
Es war ja zu erwarten, dass die auf dem europäischen Markt
als Arbeitskräfte unterwegs sein dürfen -
- was übrigens kein Argument dagegen ist, dass er es nicht
doch sein könnte, also dass die Staaten ihm das erlauben,
könnte ja ein Riesen-Missgriff gewesen sein. Das ist also
nicht das Argument dafür, dass diese arme Kreatur bestimmt
nicht diejenige ist, die das deutsche Wirtschaftswachstum ausgehebelt
hat.
-- Aber die Nationen bilanzieren jeweils für sich, dass
bei ihnen das nationale Wachstum ausbleibt, obwohl sie in ihren
Nationen fast identische Maßnahmen zur Senkung des Lohnniveaus
durchgesetzt haben. Und in dieses Szenario passt so eine
Feinbild-Figur,
die, vom aufgemachten Osten her einwandernd, deutsche oder
französische
Arbeitsverhältnisse total durcheinanderbringt - sie passt
so gut in das Szenario, weil sie den gekränkten Nationalismus
bedient.
Das ist die agitatorische Seite fürs Volk, aber was ist die
Bedeutung dieser Figur der Sache nach?
-- Der polnische Arbeiter steht dafür, dass sein Staat den
anderen Staaten Konkurrenz machen will und macht.
Und ob der Staat dann Erfolg hat oder nicht, kann man dahingestellt
sein lassen, aber dass viele Staaten, die sich einen Erfolg versprochen
haben, keinen haben, sondern sogar Misserfolge verzeichnen, hat
doch seinen Grund in der ziemlich umfassenden Wachstumskrise,
die die Konkurrenz zwischen den Nationen so schärft und die
ausschließt, dass gemeinsames Wachstum stattfindet.
Das hat ja jahrelang so geklappt und war auch die Prämisse
für Objekte der Art: Wir machen Europa und wir machen Europa
immer größer. Konkurrenz als Modus des Wachstums gibt
es im Kapitalismus - eben in den Phasen, wo die Konjunktur
aufwärts
geht. Die Konkurrenz hört nicht auf, nur ihre Prämissen
werden anders, wenn das bisschen Wachstum in dem einen Land oder
auch nur das Überleben der polnischen Wirtschaft glatt gleich
auf Kosten des Wachstums in Deutschland geht. Schuld ist also
schon die Wirtschaftskrise, aber von einem gescheiten bürgerlichen
Politiker ist natürlich nicht zu erwarten, dass er die auch
so zur Kenntnis nimmt, sondern für die übersetzt sich
jedes Auf und Ab des Kapitalismus und seiner Firmenwelt in die
Konkurrenznot - ab und zu auch einmal in den Konkurrenzerfolg
- auf jeden Fall in eine Konkurrenzquerele ihrer Nation und dafür
steht dieser polnische Gastarbeiter. Das ist dann aber auch jenseits
von diesem Bild des polnischen Gastarbeiters der Grund für
die neue Rechnung, die sie angesichts von Krise und Krieg mit
Europa anstellen: Der Krieg dividiert Europa auseinander, bzw.,
dessen Veranstalter, die USA, und die Krise dividiert die Europäer
auseinander, die Krisenkonkurrenz, die jeden Staatsmann die Wahrheit
um die Ohren haut, dass der Erfolg der einen auf Kosten der anderen
geht. Die Zeiten, dass der Vorteil des einen die Geschäftschance
des anderen ist, sind einstweilen vorbei und auf Europa wirkt
das zerstörerisch. Es ist gewissermaßen das Pech dieser
wunderbaren Verfassung, dass sie ausgerechnet in einer Phase zur
Abstimmung steht, wo nicht nur das Volk sich daran stört,
dass ihm Krisenkonsequenzen erwachsen, sondern dass die Nationen
selbst in Gestalt ihrer Führungen mit ihrem Machwerk nicht
mehr so glücklich sind. Die Bilanzen mit Europa, die politischen
wie die ökonomischen, gehen zur Zeit überhaupt nicht
gut auf. Das heißt nicht: schmeißen wir es weg, es
war offenbar alles ein Irrweg - so was hat man bisher noch nicht
gehört, außer vielleicht bei den Briten, schon eher
geht es um ein Einfrieren des Erlangten und dafür zitieren
sie dann ihr verblödetes Volk - erst erklären sie ihm,
dass Brüssel an allem schuld ist und dann wundern sie sich,
wenn das Volk sagt: wenn Brüssel an allem schuld ist, dann
machen wir doch keine Verfassung draus.
Was die Ja-Sager angeht, die sind die andere Seite derselben Stellung
dazu; die sagen ja nicht, wir sind aus Überzeugung Europäer
statt Franzosen, sondern die sagen: gerade wenn die Bilanz so
schlecht ausfällt, ist die Verfassung ein Mittel, Einfluss
auf Europa zu gewinnen - auch ein Ideal, das ihre Politiker ihnen
vorgesagt haben. Ob das stimmt, ist eine andere Sache, aber es
ist auch ein Standpunkt im Umgang mit der Krise und die einen
haben dafür gestimmt und die anderen mit ‚nein'.
-- Bezeichnend ist, dass sie gleich den nächsten Gipfel
mit diesem kontroversen Thema belegt haben, wo der Blair gegen
die französischen Bauern geschossen hat.
Die Kontroverse, die sie da aufgemacht haben, ist interessant,
weil sie verschiedene Facetten hat; einmal ist es eine wichtige
Sache: wie verwendet man in Europa das Geld? Das ist wie im
Staatshaushalt
- die Macht der Regierungen ist das Geld und dann wird darüber
gestritten. Aber jetzt war es nicht nur eine Haushaltsfrage -
wie schichtet man das Geld hin und her? -, sondern die Eskalation
ging in einer anderen Form weiter, nämlich welcher?
-- Erst gab es doch den Nettozahler-Streit, die Briten wollten
nicht mehr so viel zahlen, was die Polen bis zu einem gewissen
Grad eingesehen und sich mit einer niedrigeren Zahlung abgefunden
hätten, aber die Briten haben den Übergang gemacht zu
sagen: nicht nur die Höhe, in der der Haushalt verabschiedet
wird, sondern wie er verfasst ist in seiner Einteilung, nimmt
er sich völlig falsche Ziele vor, mit denen die Wirtschaft
gefördert werden soll. Das war die Kritik: Europa ist kein
agrarisches Konglomerat, insofern ist es doch abwegig, einen
Großteil
des Haushalts für den Agrarsektor zu verwenden.
-- Dazu kommt noch: wenn der Blair sagt, Europa sei keine Agrarunion
und die Subvention der französischen Bauern sei sowieso untragbar,
moderne Industrien - wahrscheinlich die, die in England ansässig
sind -, müssen gefördert werden, dann ist das ein Punkt,
der nicht nur den ganzen Haushalt in Frage stellt, sondern für
Frankreich nicht verhandelbar ist.
Jetzt hat man also einen Streit der europäischen Nationalismen
in bezug auf den europäischen Haushalt, das hat eigentlich
alles so seine Ordnung, jetzt machen Nationen gemeinsame Sache
und streiten sich darum, wie die gemeinsame Sache aussehen soll
und das ist jetzt der Streit um das Geld, der begleitet die EU
auch solange es sie gibt - nur, jetzt ist der Haushaltsstreit
schon substanziell genug, weil da nationales gegen
Gemeinschaftsinteresse
steht, aber jetzt ist das ja noch zugespitzt worden. Der Blair
hat ja nicht einfach gesagt "We want our money back",
sondern, wenn unser money für französische Bauern ausgegeben
wird, dann liegt das ganze Projekt falsch, er hat also auf seine
Art eine Grundsatzfrage aufgemacht, bei der das Brisante war,
dass er sie in einer Form aufgeworfen hat, als müsse man
sich über zwei verschiedene Modelle Europas streiten: Wollen
wir aus Europa einen Kuhstall oder eine High-Tech-Firma machen?
Da haben sogar Franzosenfreunde in den Medien gemeint, dass sie
den Tonfall vom Blair zwar gar nicht leiden könnten, dass
er aber in der Sache recht hätte, wo man doch seinerzeit
in Lissabon beschlossen hat, dass man die stärkste
Wirtschaftsmacht
der Welt werden will und dazu gehören schon die Sachen, die
der Blair sagt. Das ist die Front, wie sie der Blair aufgemacht
hat: was soll aus Europa werden, das französische Modell
oder unseres? Hat sich auch gleich verknüpft mit Sozialmodell
und wer hat die meisten Arbeitsplätze und wo gibt es die
meisten Arbeitslosen. Die Frage: wie soll Europa demnächst
aussehen? wäre für sich keine Krise wert, einen Streit
schon, weil jede Nation wieder sehen muss, wie sie da drin vorkommt,
also nichts Neues, aber das hat nicht die Schärfe dieser
Kontroverse ausgemacht. Der Juncker war nicht deshalb so tief
beleidigt, weil er etwas gegen die Idee vom Blair über ein
modernes Europa gehabt hätte, wie auch der Blair letztlich
nicht einfach nur zur Diskussion stellen wollte, ob man das Ganze
nicht ein bisschen stromlinienförmiger machen könne.
-- Der Konter war doch, dass der Blair nur eine Freihandelszone
wolle, also rein ökonomische Berechnungen hätte, während
es doch der anderen Seite um die politische Vision ginge.
Was auch nicht wahr ist, denn wenn einer eine strategische Vision
von Europa hat als Rückhalt für Großbritannien
mit seiner Freundschaft zu den USA, damit sie endlich mal auf
gleicher Augenhöhe mit denen da drüben verhandeln
können,
dann ist das der Blair.
-- Da werden die verschiedenen Ebenen vermischt - die ökonomische
Auseinandersetzung und die Kalkulationen mit dem Projekt selber...
nach welchem Konzept es gehen soll: der englischen Variante, wie
oben gerade geschildert oder die Variante Frankreich-Deutschland.
Das sind die Varianten, da könnte man immer noch sagen, dass
das Diskussionen darüber sind, was aus Europa werden soll
- das allein ist noch keine Krise wert.
-- Eine andere Frage steht da doch auch im Raum, nämlich
ob sich Blairs England zur Führungsmacht aufschwingt.
Und was steckt hinter der Befürchtung? Jetzt ist Blair nun
mal ein halbes Jahr EU-Chef, sollen sie ihn doch machen lassen.
-- Aber die nationalen Bilanzen sehen ziemlich schlecht aus und
das ist der Auftakt zu einer nationalen Vorteilsrechnung, die
sich in der handfesten Auseinandersetzung bemerkbar macht, also
der Wille zur Einigung ist noch mal relativiert durch die Bilanz,
die die gerade gezogen haben, dass mehr für die eigene Nation
herauskommen soll.
Und dass das nicht herauskommt, das macht doch die Krise aus und
in dieser Kontroverse, die sich jetzt danach entsponnen hat: was
soll aus Europa werden? macht jede Seite ihre Sicht der Alternativen
auf. Da werden quasi Modelle gegeneinander gestellt, aber diese
Kontroverse über die Modelle verrät etwas anderes: wie
überhaupt die Bilanz aufgeht mit dem Zusammenschluss,
das scheint den Machern Europas derzeit ziemlich zweifelhaft
zu sein.
-- ...Erst mal hat es die EU doch geschafft, eine weltmarktfähige
Agrarindustrie hinzukriegen und die schlägt sich nieder als
bedeutender Posten in den Einnahmen ganzer Nationen. Wenn der
Blair jetzt dafür nichts mehr ausgeben mag, bestreitet er
doch, dass dieser Posten z.B. im spanischen Staatshaushalt als
Einnahme, überhaupt sein Recht hat im Gefüge der EU.
Das entweder-oder, mit dem der angetreten ist, war ein Stück
weit die Bestreitung eines nationalen Nutzens, den verschiedene
Staaten von dem Agrar-Posten haben. Er befindet diesen Posten
als schädlich, wenn er auf die Verwendung des knappen Geldes
schaut.
-- Normalerweise erwartet man von der neuen Präsidentschaft
ein Pro-Europa Zeichen, Blair hat aber dezidiert Anti-Einigkeit
mit seinem Modell an den Tag gelegt. Er hat das, was vorher als
Krise nach diesen Referenden besprochen wurde, noch einmal
bestätigt
und das war wohl auch ein Stück weit Zweck dabei.
Das, was an dieser Kontroverse, wo sie natürlich auf ihre
Art Modelle gegeneinander stellen, ihre Schärfe und
Unversöhnlichkeit
gegeben hat, ist die kritische Bilanz, die sie alle gezogen haben
und um die es vorher ging. Und diese Bilanz geht in den Kontroversen,
die sie da jetzt führen, eigentlich nicht auf, was man daran
merkt, dass beide Seiten eine ganz unterschiedliche Kontroverse
führen. Es ist ja gar nicht ein umstrittener Gegenstand,
auch wenn man sagt, de Agrarhaushalt ist der umstrittene Gegenstand,
aber den nehmen beide Seiten als etwas anderes; der Blair nimmt
ihn als Indikator für Rückständigkeit und die anderen
nehmen in als Unterpunkt in der zusammenwachsenden europäischen
kontinentalen Völkerfamilie. Insofern streiten sie nicht
über den gleichen Gegenstand, aber das nimmt von Schärfe
der Kontroverse ja nichts weg, weil in der unterschiedlichen Art,
wie sie auf die Perspektiven Europas zu sprechen kommen, sich
etwas anderes zeigt, nämlich schon so etwas wie eine Krise
dieses Projekts: der Zweifel, ob das überhaupt verträglich
ist mit dem Nutzen der jeweiligen Nation.