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Beurteilung der Regierungskrise
Vorlage:
"Regierungskrise" - Versuch einer Beurteilung ohne
fürsorgliche Einmischung
0. Eine amtierende Regierungsmannschaft büßt das
Vertrauen der Stimmbürger ein. Von Klassenkämpfen wird
sie nicht gebeutelt; ihre Not besteht "nur" darin, dass
sie ihre meinenden und wählenden Nationalisten nicht zufrieden
stellt. Dabei deckt sich ihre Definition der Probleme,
welche eine gute Regierung zu bewältigen hat, mit der Sicht
der enttäuschten Bürger und deren organisierter Vertretung.
Der Konkurrenz zwischen Regierung und Opposition um die Gunst
des Volkes liegt eine solche Einheit der Nation zugrunde
- eine Einheit, die auf einer betrüblichen Wahrnehmung aller
Beteiligten beruht: Staat und Volk sind in einem miserablen Zustand.
1. Die Maßstäbe, denen sich die Diagnose verdankt,
sind nicht die von Neu-Guinea. Die (Selbst-) Kritik gilt einer
Nation, in der Elite wie Fußvolk daran gewöhnt sind,
dass das Zusammenwirken der verschiedenen sozialen Charaktere
zu wachsendem Reichtum führt, der sogar den
minderbemittelten
Ständen einen ansehnlichen Lebensstandard abwirft, jedenfalls
gemessen an Neu-Guinea und anderen kommunistischen, der Armut
verfallenen Ländern. Auch der "politischen Klasse"
ist das Wachstum zum Vorteil gewesen; aus den ökonomischen
Erfolgen, die der "Standort" im Verkehr mit der übrigen
Staatenwelt erzielte, wussten sie ihre politische Macht
zu mehren und Einfluss auf das auswärtige Regieren und sonstige
Geschehen auszuüben. Die wirtschaftlichen Leistungen ihrer
Nation befähigten ihre Führung zu weltweiter Einmischung,
sie veranstalteten allerlei Initiativen zur Erschließung
von Reichtumsquellen außerhalb ihres angestammten
Zuständigkeitsbereiches.
Und was die Sicherung dieser Errungenschaften betrifft, ließen
sie als beliebter Bündnispartner in den unvermeidlichen
Gewaltfragen
nichts anbrennen - ihre Rolle wuchs mit ihren Mitteln...
2. Diese Nation kann und will von einer Überproduktion
von Kapital nichts wissen. Wenn sie von/mit einer Krise des Wachstums
heimgesucht wird, kennen die Verantwortlichen sofort die Ursache:
Die nationale Wirtschaft ist nicht mehr konkurrenzfähig.
Jedes Geschäft, das anderswo gemacht wird und wächst,
ohne dass es den nationalen Bilanzen zum Segen gereicht, bezeugt,
dass es am Standort an Leistung fehlt - an eben der
Leistung, die das Wachstum ausmacht. Deswegen heißt gutes
Regieren schlicht Herstellung der Rentabilität von Kapital
im eigenen Land, welche das Synonym für Wettbewerbsfähigkeit
ist. Die Politik erklärt sich - mag sie bis dahin noch
so erfolgreich gewesen sein - schuldig, die von ihr verfügte
Geschäftsordnung ist ein Sündenregister, der Staat ein
Steuerbelaster und Lohntreiber. Wenn die regierenden und kandidierenden
Standort-Verwalter für sich werben, indem sie sich als radikale
Förderer der effektivsten Ausbeutung aufspielen; wenn das
ABC der kapitalistischen Rentabilität, das sie täglich
vorbuchstabieren, schließlich auf billige Arbeit
zusammengekürzt ist, hilft ein Hinweis auf den Grund ihrer
Konkurrenznöte garantiert nichts. Obwohl er stimmt: Dahin,
dass sie jetzt als Opfer einer "Billiglohnkonkurrenz"
tätig werden müssen, um die Arbeitslosigkeit zu
bekämpfen, hat sie ihre eigene "Strategie" gebracht.
Sie und ihre geschätzte "Wirtschaft" haben durch
ihre weltweite Mission im Interesse ihres Wachstums die Standorte
ins Leben gerufen, an denen sie nun das wachstumsförderliche
Maß an Armut entdecken. Und die "Heuschrecken"
aus dem Kreditgewerbe sind ihnen deswegen nicht weiter unangenehm
aufgefallen, weil die ihre Unterscheidungskunst zwischen lohnender
"Beschäftigung" und unbrauchbarer Lebensart in
anderen Breiten und zugunsten der einheimischen Bilanzen ausgeübt
haben.
Jetzt hat also die Politik in den abendländischen
Zivilgesellschaften
alle Hände voll zu tun damit, die Globalisierungsgegner zu
widerlegen. Von wegen, die Globalisierung der Wirtschaft raubt
den ordentlichen Staaten dieser Welt die Fähigkeit zu "sozialen
Taten"!
3. Es kommt nicht nur vor, dass vorteilhafte
Erschließungsmaßnahmen
auf dem Weltmarkt in gar nicht mehr wachstumsdienliche
Konkurrenznöte
umschlagen, weil aus den "neuen Märkten" von gestern
"Standorte" geworden sind, deren Erfolge sich überhaupt
nicht in den Bilanzen der erfolgsgewohnten "Industrienationen"
hinzu addieren. Auch in den dringenden Aufsichtsfragen weicht
das Szenario des wechselseitigen Nutzens, den eine gemeinsam entfaltete
Ausübung von Gewalt verspricht, einer munteren Konkurrenz
von unvereinbaren Wegen und Zielen...
Diskussion
- Wie die Hälfte der politischen Klasse in Frankreich
agitiert habt, ist mir nicht klar geworden; dass sie eine Verbindung
hergestellt haben zwischen den sozialen Problemen, die Frankreich
hat und der Verfassung der EU. Man soll sich laut denen vorstellen,
dass Frankreich in sozialer Hinsicht nicht so verfahren würde,
wie es tut, wenn es nicht seitens der EU dazu gezwungen wäre.
So haben die argumentiert. Die Frage ist: Was ist das als politische
Position Frankreichs? Sie haben das ausgeführt, man könne
an Deutschland gut besichtigen, was passiert, wenn die Regierung
auf diesem sogenannten neoliberalen Kurs Europas setzt, dann hat
sie ihr Land voll mit Massenarbeitslosigkeit; es wird nicht besser
sondern schlechter. Und das Kapital wandert ab in die zur Konkurrenz
zugelassenen Billiglohnländer wie Polen.
Die Tatsache, dass die andere Hälfte dafür gestimmt
hat, ist ein Hinweis darauf, dass es einen gemeinsamen Nenner
geben muss. Das Angebot im Redebeitrag war, dass beide die
Größe
der Nation im Sinn haben. Ausgelassen wurde ein Verbindungsglied
der Argumentation (Ein Einwand, der nicht einfach hieß,
Frankreich verliere seine soziale Komponente. Zu Recht wurde darauf
hingewiesen, dass die Gegenargumentation von der Vorstellung lebt,
Frankreich für sich wäre sozialer, wäre staatlich
anders sortiert als unter den Zwängen einer EU-Verfassung.),
Frankreich verliere seine Souveränität; das Kommando
über seine Standortverhältnisse. Und das wurde
zusammengeschlossen
mit Neoliberalismus. Ohne dieses Zwischenargument ist das gar
nicht aufzulösen, dass man sagt, hier verliert die Nation
erstens Gestaltungsfreiheit und zweitens in die interpretiert
man dann etwas hinein, wofür die bisher gut gewesen sei,
was sie geleistet hätte und was Frankreich damit verliere.
Selbst wenn das Argument in Reinform auftaucht, kann es sich immer
durch die zitierte Diagnose belegen. Deswegen sollte diese Diagnose
beurteilt werden. Sie lautet: An Deutschland ausgedrückt
sieht man die katastrophalen Wirkungen des neoliberalen Kurses.
Arbeitslosigkeit nimmt zu, Kapital wandert ab in die (Billiglohn-)
Länder, die die EU selbst zur Konkurrenz zugelassen hat.
Der Staat selbst findet leere Kassen vor. Die Nation hat einen
weitreichenden Notstand.
Steht die Non-Sager-Fraktion in Frankreich mit ihrer Diagnose
allein? Halten Merkel, Müntefering oder Westerwelle die Lage
in Deutschland für besser? Ganz sicher nicht. Einzig
Bütikofer
würde dem widersprechen, denn er und die Grünen sagen,
dass sieben Jahre Rot-Grün eine einzige nicht abreißende
Erfolgsgeschichte waren. Alle anderen sind der Meinung, Deutschland
geht es so dreckig wie noch nie und es muss endlich etwas passieren,
und wenn es nur die Senkung der Unternehmenssteuer ist. Das ist
das Interessante daran, dass es nicht der böswillige Vorwurf
einer nörgelnden linken Fraktion oder französischer
Faschisten ist, sondern die Kontinentaleuropäer sind sich
alle ziemlich einig in ihrer selbstkritischen Diagnose, wie es
heute mit den entwickelten kapitalistischen Ländern, die
sich diesem Neoliberalismus oder der Schröder-Linie verschrieben
haben aussieht. Dem wäre nachzugehen, was an dieser Diagnose
dran ist. Davon handelt im Übrigen die Vorlage.
- Die EU selbst ist für sich nicht kompatibel mit Neoliberalismus.
Was war dazwischen?
Die Souveränität kann man immer dazwischen stellen.
Aber interessant ist, von welcher Ecke her jetzt verlorene
Souveränität als politökonomisches Problem
aufgemacht wird. Bei uns sind alle erleichtert, dass sie in Deutschland
keine Volksabstimmung gemacht haben. Warum? Nicht nur, weil sie
dem Volk auch zugetraut haben, dass es - aus welchen bornierten
Gründen auch immer - mit Nein stimmt, sondern weil sie dann
auch herausgefordert wären, selber kritisch in Bezug auf
Europa zu agitieren. Natürlich kann es sein, dass die Rechten
dann bloß auf die Bulgaren oder auf die Türken gedeutet
hätten, um zu sagen: Nie und nimmer dieses Europa. Aber man
weiß, dass unter anderem auch sehr heftig auf unsere neuen
polnischen Freunde gedeutet wird, die eine Menge von urdeutschen
Fleischern (von denen man nie gedacht hat, dass deutsche Fleischereien
so viel deutsches Volk beschäftigen) null Komma nix arbeitslos
gemacht haben. Ob das bezogen auf die Arbeitslosenziffern bis
zur letzten Stelle hinter dem Komma stimmt oder nicht, ist egal.
Aber dass Deutschland da (so Stoiber) "schlecht verhandelt"
beim neu ausgeweiteten Europa, und deswegen in Deutschland die
Arbeitslosigkeit wer weiß wie zugenommen hat, kann man schon
fast als Selbstverständlichkeit abrufen. Zur Zeit agitiert
zwar keine Partei in der Schiene im Unterschied zu Frankreich,
wo es eine Minderheit gegeben hat, die darauf gesetzt und
aufgewühlt
hat.
- Das ist die Öffnung der Arbeitsmärkte.
Schröder selbst mit seiner Dienstleistungsrichtlinie! Auf
wen wird da als Schuldigen gedeutet? Nie und nimmer auf den Markt,
der sonst immer für alles Gute zuständig ist. Es wird
nicht darauf gedeutet: Da seht ihr mal, was der Markt,
wenn man ihn freisetzt, wirklich anrichtet - er duldet nur
Billigdienstleister!
Die Agitation gegen die Dienstleistungsrichtlinie hat auch schon
den Zusammenhang hergestellt zwischen guten deutschen Betrieben,
die nicht zugrunde gehen dürfen dadurch, dass diese durchgeknallte
Brüsseler Kommission in ihrem neoliberalen Furor so eine
liberale Dienstleistungsrichtlinie beschließt. Das nur zur
Unterabteilung der Frage, wie eigentümlich die Non-Agitation
in Frankreich sei. An der ist nichts eigentümlich!
Wahrscheinlich könnte man jeden von denen gebrachten Gesichtspunkt
mit Zitaten von Chirac belegen (außer dass bei dem dann
immer noch kommt, dass Frankreich Europa ist und Europa Frankreich
und man diese Gleichung nicht aufdröseln darf), da er selber
etwas gegen diese Dienstleistungsrichtlinie hat und dagegen, was
seinen Bauern schadet. Das ist gemeint als Vorschlag, daran weiter
zu überlegen, was an dieser Diagnose dran ist.
- Für die ist es eins, zu sagen, die Nation ist bedroht
... sie kommen daher als Vaterlandsretter ... wenn der Mittelstand
bedroht ist ... Arbeitsplätze abgeschafft werden.
Das Nein ist auch eine sehr einsilbige Angelegenheit, bei dem
alles in einen Topf geworfen ist, wo jeder Mist mit hineingeworfen
werden kann wie dass irgendeinem Franzmann der Türke nicht
passt ... So verrückt ist dieses Nein, das nicht besser ist
als das Ja, das auch alles in einen Topf wirft. Jetzt war aber
schon der Übergang dazu gemacht worden, dass dafür in
Frankreich geworben wurde. Dafür haben sie eine Diagnose,
warum Europa im Argen liegt, aufgeblättert. Die haben wir
nacherzählt und es wurde darauf aufmerksam gemacht, dass
diese Diagnose überhaupt nicht bloß eine Sondermeinung
dieser Neinsager in Frankreich ist, sondern dass flächendeckend
alle Europäer die Sache ungefähr so ähnlich sehen.
Übringens sieht die Sache, was man sich mit Europa eingehandelt
hat, vom Standpunkt der Polen, die bei uns die
Unter-Heuschrecken-Abteilung,
die deutsche Arbeitsplätze auffressen darstellen, auch nicht
glanzvoll aus. Da kann man auch sagen, dass von der Jungfrau Maria
und dem danach benannten Sender und einem fanatischen Nationalismus
bis hin zur sozialen Frage, was aus den 20 % Arbeitslosen wird,
die man seit Angliederung an die EU hat, auch alles in einen Topf
geworfen wird. Auch da hat man das Phänomen, dass bei den
komplementären, bei denen, die nach Auskunft der hochentwickelten
Standorte innerhalb Europas ihnen so viel Schaden zufügen,
die Meinung über die ganze Veranstaltung auch nicht viel
besser ausfällt. Das nur am Rande zur Verbildlichung dessen,
dass das gar keine Sondermeinung ist, die sich in Frankreich Bahn
gebrochen hat. Die EU-Befürworter bei uns sind alle auf dem
Sprung, an bestimmten Punkten genau dasselbe genau so prinzipiell
auszudrücken. Deswegen sollte man nicht daran weiter denken,
welchen Fehler die machen, die dabei alles in einen Topf werfen
und die Souveränitäts- nicht mehr von der sozialen Frage
unterscheiden können. Wenn wenigstens einer sagen würde:
In dem vorgelegten Papier steht schon die Antwort!, dann wäre
das ein Einstieg in die Diskussion. Man denke in die Richtung
weiter, was an der verbreiteten Diagnose dran ist, und nicht
bloß,
was der Fehler ist (Opfer wird Täter oder Täter wird
Opfer; auf einmal leidet unser Staat; Schröder tut glatt
so, als wäre er ein arbeitsloser Fleischer ...; der jetzt
abgehakt wurde).
- Ein wesentlicher Teil des Notstandes, den sie unserer Nation
bescheinigen, wird immer so vorgeführt, dass gesagt wird:
Die Länder, die sich die EU mit der letzten Osterweiterung
geholt hat - dabei ist man von einem Nutzen für die potenten
Mächte in der EU ausgegangen. Jetzt konstatieren sie Konkurrenten,
die mit ihren Billigangeboten dafür sorgen, dass von uns
Kapital abwandert.
Soll das öffentlichen Stimmen bei uns in den Mund gelegt
sein, oder soll das ein Anfang zur Erläuterung der Lage sein?
- Es sollte ein Anfang zur Erläuterung der Lage sein,
dass das, womit man bei der Erschließung neuer Märkte
gerechnet hat, sich jetzt als negativer Effekt darstellt.
Daran weiter gedacht: Die politökonomische Wahrheit der
Osterweiterung
deckt sich nicht mit der Erwartung, mit der sie unternommen wurde.
Wie war die Erwartung? Sie ist in dem vorgelegen Papier apostrophiert.
- Das sind aber andere Maßstäbe. Es ist nicht die
Wahrheit, dass Rumänien ein direkter Konkurrent zu Frankreich
ist.
Das ist sicher nicht die politökonomische Wahrheit, jetzt
wäre Polen gewissermaßen als Nation insgesamt ein
gleichrangig
konkurrierender Standort zur Bundesrepublik Deutschland.
- Es stimmt aber, dass der Ertrag so, wie er erwartet war,
nicht eingetreten ist.
Was war denn der angepeilte Ertrag?
- Kapitalexporteur und dadurch Nutznießer davon zu sein,
dass die Kapital exportierenden Firmen und deren Staaten die
Nutznießer
dieser Märkte sind.
Man darf nicht sagen, da hätte nichts stattgefunden. Es gibt
dort etwas zu erschließen: Länder, Märkte,
Kundschaften,
die alle noch nicht kapitalistisch betreut sind, noch nicht in
unseren Kapitalkreislauf vereinnahmt. Die Vorstellung, dort hinzugehen,
sie herein zu nehmen in unseren Kapitalkreislauf mit allen Abteilungen,
die Karl Marx in DAS KAPITAL, Band II, aufblättert:
Produktionsmittel,
gegenständliche wie menschliche, Produktion, W', das dann
versilbert wird; den Überschuss wieder reinvestieren usw.
- Kapitalexport als Zuwachs des eigenen Kapitals, das sich dort
jetzt auch betätigen darf, hat in Bezug auf die Ostzone die
Metapher "blühende Landschaften" hervorgebracht.
In Bezug auf die Osterweiterung der EU hat es die Vorstellung
hervorgebracht, das ist die Ausweitung unseres Besitzstandes.
Die räumliche Ausweitung ist auch ein Zuwachs, von dem Kohl
schwadroniert hat: der größte Markt von Welt, 200 Millionen
zahlungsfähige Kunden. Wo gibt es noch so etwas? Die Frage
ernst genommen: Wo gibt es so etwas noch?
- In China.
Und schon ist das nicht mehr die gelbe Gefahr sondern die Kundschaft
für unseren Transrapid. Wofür China steht, kann man
in derselben Abfolge dazu nehmen. Da wiederholt sich in
größerem
Maßstab die Vorstellung, ein kapitalistisch im Aufbau
befindliches
Riesenreich - dass man das dem Mao zu verdanken hat, wird
menschenrechtlich
als hässlich abgebucht - den Nutzen nimmt man gerne mit,
denn sie führen sich anständig auf und bezahlen an der
Kundenkasse den Fahrpreis für den Transrapid. Und das ist
schon wieder eine Investition, mit der Vorstellung verbunden,
dass China ein riesiges Geschäftsfeld ist (Deswegen ist der
Kanzler alle Nase lang dort hingefahren und hat die Beziehungen
gepflegt.), wo sich unser Kapital mit seinen Drangsalen
gesundstoßen
kann. Darauf sei deswegen so herumgeritten, dass nicht der Gedanke
aufkommt, das Ganze sei von vornherein ein riesen Quatsch. Der
Weltmarkt als Erfolgsfeld für deutsches und im weiteren Sinne
auch für europäisches Kapital - das hat sich betätigt
bei der Annexion der DDR, bei der Osterweiterung, betätigt
sich in der Zeit der Erschließung des Weltmarkts, wo er
noch zu erschließen ist, wo nicht altgediente Ruinen des
Kapitalismus herumstehen, sondern aufstrebende Märkte. Gerade
weil das geklappt hat, gibt es ein Ergebnis davon, von dem man
nicht denken muss, das hätte alle überrascht. Zumindest
Teile dieses Ergebnisses sind in den fast zehn Jahre alten
Besprechungen
der Globalisierung als Herausforderung durchaus mit einer
Nebenbedeutung
als einer Gefahr, die man bemeistern muss, schon enthalten.
Globalisierung
war doch einerseits das Stichwort für dieses Ausdehnungs-,
für dieses Zugriffsbedürfnis über alle bisherigen
Grenzen hinaus; war der Titel für Zuwachs, Erweiterung. Wenn
man dort hin geht, dann ist das, was man dort macht mindestens
1:1 vielleicht sogar mit einem Multiplikator ein Zuwachs an eigener
Wirtschaftsmacht. Dass das auch seine problematische Ecke hat,
ist nie verschwiegen worden. Es ist immer daher gekommen unter
dem Gesichtspunkt: Globalisierung als Herausforderung. Ja an wen
denn und inwiefern?
- Nun ist aber die Osterweiterung weniger unter dem Titel
Globalisierung
erörtert worden, sondern als ziemlich exklusives Zugriffsrecht
der Deutschen auf die neuen Ost-Länder, und das auch in sehr
einseitiger Richtung von hier nach z.B. Polen und nicht umgekehrt.
Die einzige Gefahr, die man gesehen hat, hat man mit dieser
"Freizügigkeit",
sieben Jahre verschoben. Globalisierung und eine wie eben genannten
Gefahr war bei der Osterweiterung weniger Thema und auch nicht
die Erwartung.
Dann beschränke mal die Osterweiterung im engeren Sinn und
würdige die beiden genannten Seiten. Natürlich war da
die Vorstellung: Das ist ein Betätigungsfeld für uns,
Opel macht ein Werk in der Tschechei auf und in Polen und das
ist ein Zuwachs für Europa. Dass das nicht die ganze Wahrheit
ist, wurde auch schon gesagt. Das ist nicht gering zu achten,
dass sie gleich die "Freizügigkeit" als Gefahr
so ernst genommen haben, um sie auf sieben Jahre zu stornieren.
- Nicht nur die "Freizügigkeit", sondern all
das, was Verheugen aushandeln sollte: Sie durften nicht mit einem
extrem niedrigen Besteuerungsniveau, nicht mit extrem niedrigen
Löhnen antreten. Also in dem ganzen Regelwerk, das ausgehandelt
werden musste, ging ein, dass man verhindern musste, dass die
Bedingungen des Beitritts denen ermöglichen, sich als Konkurrenten
aufzustellen.
Vorsicht: Da ist schon damit gerechnet worden, dass sie sich als
Konkurrenten aufstellen.
- Also: dass sie sich nicht mit einseitigen Vorteilen als Konkurrenten
aufstellen.
Ja. Nun überlege man an dem Punkt "Steuern" weiter.
Beschränken wir es auf die Osterweiterung und die EU, denn
das war ja auch die Frage nach dem Nein in Frankreich. Da gab
es gerade von deutscher Seite hässliche Töne, das hätte
man gerne, dass diese Ostländer, gewitzt, wie diese Schwejks
von Staats wegen ein Steuer-Dumping veranstalten und sich dann
von uns aus der EU-Kasse ihre Infrastrukturverbesserungen finanzieren
lassen, die sie sich nicht leisten können. Das waren so
Vorläufer
zu diesen Schlachtern aus Polen. Was fällt uns dazu ein
(außer,
dass es ein nationalistischer Vorwurf ist, was eh klar ist)?
- Es ist ein widersprüchlicher Vorwurf. Es kann nicht
sein, dass es wirklich stört, dass hiesige
Großschlächterei-Kapitalisten
billige Arbeitskräfte kriegen.
Das kann man genau so gut über die Steuern sagen. Es ist
hierzulande jedem Kapitalisten recht, wenn er irgendwo weniger
Steuern zu zahlen hat. Das gibt es sogar als Regierungsanliegen
bei Verhandlungen mit anderen Nationen, dass man dort darauf
drängt,
dass eigene Unternehmungen Steuernachlässe, -befreiungen
für Fristen oder überhaupt eingeräumt werden. Daran
merkt man die feste Überzeugung, dass Wachstum des eigenen
Kapitals in einem anderen Land dem eigenen Kapital und der eigenen
Nation als Heimat dieses Kapitals natürlich auch zugute kommt.
Das ist nicht einfach ein Irrtum. Es hat sich bewährt im
Aufwachsen aller imperialistischen Länder zum Ausnutzen und
Ausbeuten der ganzen Welt. Es war doch eine Erfolgsschiene, von
einer Zentrale in Frankfurt aus die Ausbeutungsverhältnisse
in der ganzen Welt zu dirigieren und die Ergebnisse in der Schweiz,
Frankfurt oder sonst wo zu bilanzieren. Irgendwo ist es nicht
die ganze Wahrheit. Dieser anderen Hälfte müsste man
jetzt nachgehen. Eine Zwischenüberlegung sei eingeschoben:
Was haben denn dann die Deutschen und die anderen europäischen
Länder mit dem Steuer- und Lohndumping der osteuropäischen
Länder gemacht? haben sie es verboten?
- Sie haben durch entsprechende Regelungen dafür gesorgt,
dass ihnen das zugute kommt.
Der Ausgangspunkt war: Unser Kapital dort hin und jede Steuer,
die man ihnen erlässt, ist eine gute Steuer, denn das erleichtert
uns die Eroberung dieser Ex-Kommunistischen Sphäre. Dann
ist irgendwann die Beschwerde aufgetaucht - die reflektiert schon
den Standpunkt: Das sind gar nicht unsere Anlagesphären.
Mit dem Kapital, das dort angelegt ist, das national
zusammengezählt,
machen die glatt uns Konkurrenz. Das ist nicht nur ein Zuwachs,
sondern der Zuwachs dort enthält auch Elemente des
Abzugs bei uns. Das war die Entdeckung vor ca. 10 Jahren,
wo dann die Diskussion aufkam, dass man sich Steuer- und Lohndumping
in Europa nicht einhandeln wollte. Wie heißt dann die praktisch
Antwort unserer Regierung auf diesen Befund?
- Billiglohn-Patriotismus
- Entsendegesetz - diese Regelungsversuche, dass hierzulande
die Flut von Billiglöhnern gestoppt wird.
Ich hoffe, er hat mit dem Stichwort Billiglohn-Patriotismus etwas
anderes gemeint, nämlich nicht die Abwehr des Billiglohns
von dort, sondern der Billiglohn bei uns ist zur patriotischen
Pflicht geworden. Dasselbe bei den Steuern: Die Steuerpolitik
der Bundesregierung hat nicht darin bestanden, unerbittlich
darauf zu drängen, dass in Polen die Steuern für das
Kapital unerbittlich hoch gehen.
- Es wurde geschildert, dass die Osterweiterung ein Erfolg
für das deutsche Kapital ist. Umgekehrt, wenn polnische Arbeiter
hierher kommen, ist es auch für das deutsche Kapital perfekt
- sie stellen sie ein. Wem passt es nicht? Der Gedanke an die
Arbeitslosigkeit lässt kritisch werden. Wo ist das Abzug?
Dazu braucht man nur den Politikern zuhören.
- Für die steht fest, dass die Billiglöhner der Nutzen
des Kapitals, nicht der Nutzen der Nation sind.
Die nationale Abrechnung trennt sich an dem Punkt von der Abrechnung
des Kapitals. Genau so wie umgekehrt, dass sich das Kapital durchaus
einmal zu Tode wächst und durch sein Wachstum im Osten eine
Krise hinlegt, die dann nicht nur auf Ostbetriebe beschränkt
bleibt, dass dann ein Minus-Wachstum stattfindet. Wie registriert
denn so etwas eine national abrechnende Regierung? Was ist die
Stellung einer kapitalistischen anständigen Standortregierung
zu einer kapitalistischen Krise?
- Dann müssen sie eben bessere Bedingungen schaffen für
ihre Kapitalisten
Bessere als anderswo! Es ist nie und nimmer die Diagnose: Es war
mal wieder insgesamt zu viel. Sondern: Es war zu viel vom Guten
am falschen Ort und deswegen bei uns zu wenig von dem Guten. Krise
heißt für die nie: zu viel Wachstum gewesen. Sondern:
zu viel Wachstum am falschen Ort, z.B. in Polen, in der Slowakei...
und dann der falsche aber vom Regierungsstandpunkt redliche
Rückschluss
darauf, dass dann bei uns zu wenig Wachstum gewesen ist und die
Suche nach den Bedingungen dafür, warum bei uns das Wachstum
zu wenig war. Für Europa muss man sagen, dass sie nicht einfach
auf die anderen los gegangen sind und deren Fabriken mit Vorschriften
zu bombardiert hätten, dass sie nicht mehr exportieren
dürfen.
Das machen sie nicht einmal bei chinesischen Textilfabriken, obwohl
sie da jetzt schon 3 Cent Steuer auf jedes T-Shirt drücken.
Die Antwort heißt: Wenn dort Wachstum stattfindet und dem
entspricht ein Minus-Wachstum bei uns, dann müssen wir bei
uns die Bedingungen dahingehend verbessern, wie sie dort schon
ganz prima sind. Was fällt ihnen da ein? Lohn, Steuern, Abgaben.
Das geht so weit dass man jetzt erfährt, dass der Spargel
deswegen so billig ist, weil die deutschen Bauern die Sozialabgaben
für ihre polnischen Erntehelfer nicht bezahlt haben. Dazu
sagt die Regierung auch nicht: Ab sofort wird der Spargel einen
Euro teurer und wir schicken das alles den Sozialkassen in Warschau.
Sie haben sinnreich ausgehandelt, dass bis zum Datum des Abschlusses
der Spargel-Ernte die Sozialregelung mit Polen ausgesetzt wird.
Die Bauern müssen erst danach Sozialabgaben an Polen
abdrücken.
Das ist ein Beispiel dafür, von der Billigarbeit aus Polen
zu profitieren. Der Schluss ist noch allgemeiner: Die Antwort
auf die Konkurrenz von dort heißt: Dann machen wir es ebenso.
Wie ist solch eine programmatische Ansage von Merkel zu deuten,
die lautet: "Wenn wir in Deutschland teurer sind," damit
hat sie den Lebensstandard des Proletariats gemeint, "dann
müssen wir auch um soviel besser sein wie wir teurer sind."
Mit "besser" hat sie produktiver gemeint, Lohnstückkostensenken
senken durch Produktivität, die das Kapital mit den Leuten
veranstaltet. Wenn wir Deutschen schon teurer sind als die Polen,
dann müssen wir auch um soviel besser sein.
- Das verstehe ich nicht. Die polnischen Löhne betragen
ein Fünftel von den hiesigen. Wie soll das denn gehen? Sollen
die Löhne so gedrückt werden?
Soll ich jetzt als Frau Merkel antworten? Dann sagt sie genau
den eben zitierten Satz... Also, was ist mit diesem Satz angesagt?
- ... besteht so oder so darauf, dass der Lohn und die Arbeit
haftbar gemacht werden für das nationale Wachstum und das
deutsche Kapital. So oder so, weil, ob die Arbeit produktiver
gemacht wird als sonst wo..., das ist die Frage, aber jedenfalls
steht fest, der Lohn muss haftbar dafür gemacht werden.
Wenn gesagt wird, dass der Lohn haftbar gemacht werden muss,
dann ist man ist man über das labbrige ‚so oder so'
schon hinaus.
- So denken die doch auch. Ob dies durch eine andere Zusammensetzung
von Maschinen und Arbeit geleistet wird, ist gar nicht so sehr
die Frage.
Nein, die Antwort ist viel zu höflich. Wenn die sagt: "Wenn
wir um so viel teuerer sind, müssen wir auch um so viel besser
sein", und du kommst gleich darauf, dass Besser-Sein eine
Frage der Maschinerie ist, die sich durchaus auch nach Polen
exportieren
lässt - wohin sie auch schon längst exportiert ist -,
wo bleibt denn da das Besser-Sein, was bleibt denn dann von der
Ansage übrig?
- Dass der Lohn runter muss.
Ja eben. Das ist eine knallharte Ansage der Lohnsenkung als Programm
für Deutschland. Im Klartext heißt es: Nachdem dass
wir also nicht mehr so viel besser sind als die da drüben,
weil das Kapital dort schon hingegangen ist und ganz Polen und
die Slowakei erschlossen hat, hört es sich jetzt allmählich
auch auf mit dem Festhalten an unseren alten Löhnen. Das
ist kein so oder so, sondern es ist ein eindeutiges Plädoyer
für das, was sie andernorts ja auch als Klartext fordert:
"Wir brauchen in Deutschland einen Billiglohnsektor."
Und dass das nicht bloß ein Sektor ist sondern ein Einstieg
in ein Absenken des Lohnniveaus, kann man im nächsten Atemzug
von ihr auch noch hören.
Der vorherige verständnislose Einwand: "Wie soll denn
das gehen?", sollte dadurch irritiert sein, dass das inzwischen
schon in Gewerkschaftskreisen beinahe schon als offizieller Einwand
gegen die Lohnsenkungspolitik der Unternehmen rangiert. Daran
ist nämlich etwas abzulesen. Der Vergleich ist nicht mehr
weltfremd. Mit 345 € im Monat sieht sich auch ein Pole nicht
übermäßig gut bedient, und das ist heutzutage
die Schranke zwischen Armut und Sozialhilfe - bei uns.
Es ist der kleine Unterschied, ob man sagt: "Das ist doch
nie hinzubringen", oder ob die Problemstellung: "Ja
wie bringen wir das hin", der Stachel dafür ist zu sagen:
"An der Front müssen wir ständig arbeiten."
Es liegt doch gerade der Auftrag vor, nicht Ruhe zu geben.
Daran kann man studieren: Das ist die Antwort auf die Diagnose:
"Wir wollten Anlagesphären und haben konkurrierende
Standorte geschaffen." Das ist die moderne Analogie zu: "Wir
haben Arbeiter gerufen, und es kamen Menschen." Und die Antwort
darauf heißt: "Jetzt haben wir den Salat, wir haben
uns eine Konkurrenz ins Haus geholt, die so wirklich nicht beabsichtigt
war." Aber nachdem, dass es sie gibt, sie gibt auf Initiative
der Osterweiterer, also der Politik, die das gemacht hat, ist
dieselbe Politik um eine Antwort nicht verlegen. Und die Antwort
heißt nicht, selbst wenn das ginge: "Zurück auf
Los. Raus mit denen." Die klägliche Sehnsucht nach so
etwas steckt vielleicht in dem französischen Nein drin. Das
Gegenteil ist die Antwort der Politiker: "Nein, gut, jetzt
haben wir uns diese Konkurrenz eingebrockt, jetzt ist die Nation
faktisch und in der Diagnose der Politiker Opfer ein
Billiglohnkonkurrenz."
Und was macht ein anständiger Politiker daraus? Ideologisch
macht er den Weg vom Täter zum Opfer, praktisch macht er
ihn umgekehrt. "Wenn wir jetzt schon über Billiglohn
und Preisgabe von sozialen Errungenschaften in Europa konkurrieren,
na bitte schön, da haben wir Einiges zuzusetzen. So viel
Sozialstaat, wie wir zusammenstreichen können, haben andere
noch nicht einmal geträumt. So viele Autobahnen muss man
erst einmal haben, auf denen man Maut erheben kann." Nicht
schöner als ein hoher Lebensstandard, dann kann man viel
wegstreichen. Das sollen jetzt nicht bloß Floskeln sein
sondern Hinweise auf das, was man dauernd in den Zeitungen ließt:
Dass in zahllosen Firmen der Republik laufend verhandelt wird,
was die Belegschaft dort an Lohn und Freizeit hergibt dafür,
dass man sie überhaupt noch weiter benutzt. Das ist die
Realität
von dem, dass es ein Vorteil ist, mit dem errungenen Lebensstandard
des Proletariats in die Billiglohnkonkurrenz hineinzugehen, denn
lange Zeit haben sie mit ihrer Produktivität den Vergleich
bestanden. Und wenn es dann heute nicht mehr auf die Produktivität
in erster Linie ankommt sondern pur auf die Frage, was kosten
die Burschen und Mädels, kann man von da aus an tausend Stellen
etwas abknapsen und die Kalkulation des Unternehmens verbessern.
Gleichzeitig ist klar, fertig in dem Sinn, dass jetzt ein unteres
Level erreicht sei, ist man damit so schnell nicht.
- Von jemandem aus der EU gab es die Bemerkung: "Die Deutschen
sollten sich mal nicht so anstellen. Sie sind doch in Sachen
Osterweiterung
die großen Profiteure." Meint er damit das deutsche
Kapital, dass sich damit gesundschrumpft? Mit leuchtet schon ein,
dass sich das Jammern der Politik auf die fehlenden Einnahmen
bezieht. Die 7 % Wachstum von Polen haben doch die Potenzen der
europäischen Staaten zustande gebracht, die dorthin gegangen
sind und die dortige billige Arbeitsmannschaft angewendet haben.
Der Kapitalexport hat dann die Form, dass hiesiges Kapital nicht
hier sondern dort angewendet wird. Dadurch kommt die Differenz
zustande. Insofern ist dies eine Besonderheit der Osterweiterung.
Vielleicht ist es keine Besonderheit der Osterweiterung.
- Wenn im Rahmen der Globalisierung heute ein Vergleich der
Produktionsstätten stattfindet, und man das Zeug heute weltweit
unter Bedingungen produzieren lassen kann, die früher nur
in den hochentwickelten Nationen möglich waren, dann ist
das für das Kapital allgemein eine positive Bedingung, wirf
aber für die Nationen neue Probleme auf.
Jetzt muss das noch sortiert werden. Das eine ist: Die ganze Welt
als Anlagesphäre. Das ist, was das Kapital betrifft, nicht
zu verwechseln damit, dass man eine Fabrik gerade so gut wie nach
Heilbronn auch in den afrikanischen Busch stellen könnte,
weil gerade auch unter der Besichtigung der Bedingungen der ganzen
Welt, alle möglichen Standortvor- und -nachteile zu Buche
schlagen, die verglichen werden. Im Falle Schwedens hört
man durchaus bei der Frage, wo General Motors sein nächstes
Saab-Werk ansiedelt - in Trollhättan oder in Frankfurt -,
dass so etwas wie eine Autobahn eine wichtige Rolle spielt als
Standortvor- oder -nachteil. Also, es ist nicht ganz die Wahrheit,
dass man jede Firma gerade so gut x-beliebig irgendwo hinstellen
könnte. Sondern gerade weil die Freiheit zum
grenzüberschreitenden
Investieren besteht, fängt jetzt das Besichtigen an. Das
fängt von Seiten der Firmen an, und es wird von den Staaten,
die die Heimatländer dieser Kapitalisten sind, wohlwollend
begleitet. Grundsätzlich wohlwollend erst einmal unter dem
Gesichtspunkt: Eine neu Anlagesphäre zur Erweiterung des
Geschäftes unserer Kapitalisten. Das ist vom Ausgangspunkt
her die schlichte Rechnung, die sich in solchen Metaphern wie
‚Blühende Landschaften in Ostdeutschland' und ‚Osterweiterung
für das deutsche Kapital, das ist doch klar' niedergeschlagen
haben. Wo liegt der Haken? Ab wann wird die Anlage von Kapital
in viel versprechenden Anlagesphären in der nationalen Abrechnung
zu einem Problem für das exportierende Land?
- Wenn es sich nicht um Kapitalexport im klassischen Sinn handelt,
also Export von Kapital aufgrund des Wachstums des Kapitals hier.
Kapital wächst hier und findet keine Absatzmöglichkeiten
mehr bzw. die Absatzmöglichkeiten werden immer schwieriger
und geht ins Ausland, findet dort neue Produktions- und
Absatzmöglichkeiten
- wenn dieses Wachstum existiert, wächst auch der Standort
Deutschland mit. Dann ist Kapitalexport kein Problem. Umgekehrt,
wenn das Kapital nicht wächst, sondern als Ersatz zur Produktion
hier ins Ausland geht, dann ist das nicht der klassische Kapitalexport
sondern, wie sie es heute nennen, Kapitalflucht.
Ich warne vor der Vorstellung von ‚klassischem Kapitalexport'
und irgendetwas anderem. Was ist denn der ganze Unterschied zwischen
dem ‚klassischen' dem anderen? Der Effekt, ob es klappt oder
nicht, ob es wächst oder nicht - der Erfolg ist der ganze
Unterschied. Wenn der Erfolg so ausschlägt, dass sich das
Kapital gerade mit seiner Expansion in eine Krise hineingewirtschaftet
hat, dann ist vom Ausgangspunkt her der Export nicht etwas anderes
gewesen, sondern dann ist der Export einer der Hebel für
eine weltumspannende Überakkumulation. Einer der Hebel. Das
ist doch der Witz, dass auch die Kapitalvernichtung heutzutage
nicht mehr das erratische Produkt eines Konkurrenzkampfes ist
- das ist es schon auch noch -, aber dass heutzutage auch
Kapitalvernichtung
in die strategische Planung von Unternehmen hineingehört,
auch von denen, die den relativ teureren Standort in Frankfurt
z.B. zumachen und den relativ billigeren in Gleiwitz oder sonst
wo ausbauen. Aber dass dann in den nationalen Abrechnungen dieses
Gegeneinander entsteht, ein Gegeneinander sogar, von dem die andere
Seite, z.B. die polnische, auch sagt: "Dieses Wachstum bei
uns beschert uns mehr Kosten als Vorteile.", das liegt dann
nicht einfach an Besonderheiten der Osterweiterung, sondern das
ist ein Symptom der Krise, in die sich das Kapital hinein
gewirtschaftet
hat, gerade mit seiner erfolgreichen Expansion in neue
Anlagesphären.
Diese jetzige Billiglohnkonkurrenz, die unsere jetzigen und
demnächst
Regierenden so tapfer versprechen, sie anzuzetteln, sie glanzvoll
durchzustehen, und sie zu gewinnen, diese Sorte Konkurrenz jetzt
so aufzunehmen ist natürlich ein Stück Krisenkonkurrenz.
Das ist die Antwort darauf, dass dieses feuchtfröhliche Erobern
und ‚Ausdehnung bedeutet Zuwachs' nicht aufgegangen ist.
Und zwar als erstes geht sie in der nationalen Abrechnung nicht
auf. Eichel sagt doch jeden Tag, was der Maßstab für
Erfolg ist: Kein Haushalt geht mehr auf.
Dabei darf man nicht vergessen, dass ein Staatshaushalt immer
schon eine Option auf die Zukunft, auf das Wachstum in der Zukunft
ist. Es ist doch kein ehrliches "Diese Jahr können wir
so viel ausgeben", sondern "Wir leisten uns so viel,
weil das ja Wachstum bewirkt". Also stellen sie daran auch
fest, dass es nicht eintritt. Man darf es nicht verrätseln,
woran die das merken. Es sind diese billigen Argumente: An den
nutzlosen Arbeitslosen, dass Arbeitslose nicht Begleitung von
guten Haushaltsdaten sind, sondern dass alle Posten nicht mehr
stimmen und zugleich die Anforderungen an den Haushalt wachsen;
was die Nation sich eigentlich alles leisten können müsste,
sich aber jetzt nicht leisten kann.
Unser Ausgangspunkt war die Diagnose der Lage. Es gibt noch ein
paar andere Facetten, die gerade unter nationalistischen
Gesichtspunkten
zur Sprache kommen, aber eine politökonomische Realität
in diesen Nationen treffen. Wie man diese politökonomische
Realität würdigt, liegt nie so sehr an dem, was da eigentlich
kapitalistisch gerade gemacht wird, sondern ob es erfolgreich
ist, oder in einem Misserfolg mündet, der dann womöglich
auch noch national zu Buche schlägt. Dabei soll an die
Heuschreckengeschichte
von Müntefering erinnert werden. Was ist die aufgespießte
Sache? Was für eine Kapitalistenstrategie hat er im Visier?
- Die Wahrheit ist, dass er Bedingungen für das erfolgreiche
Wachstum des Kapitals bereitstellt, und seine Erwartungen, wie
das Kapital diese hierzulande nutzt, nicht erfüllt bekommt.
Speziell in diesem Fall, was ist da die nützliche Bedingung
gewesen, die er als Gesetzgeber mit hat zur Verfügung stellen
helfen? Vor fünf Jahren ist es noch als Kompliment an die
rotgrüne Regierung durch die Presse gegangen, dass sie endlich
einmal die Deutschland AG aufknacken, dass sie das abschaffen,
dass es sich für Banken eher lohnt, Fabriken zu erhalten,
statt sie zu verkaufen. Diese Entflechtung der grauenhaften Deutschland
AG, wo ganz wenige Konzernherren alles im Griff haben, und als
Öffnung des nationalen Kapitals für ausländische
Investoren ist die Steuererleichterung für Firmenverkäufe
gelobt worden. Dieselbe Maßnahme wird heute angegriffen
als steuerliche Privilegierung von Kapitalexport, denn, was ist
aus dieser wunderbaren Erleichterung des Firmenverkaufs geworden?
Auf das bezieht sich diese Heuschreckenlegende von Müntefering.
- Vaterlandsloses Geschäft.
Das ist der Vorwurf, aber was ist die Sache? Wie wird denn da
Geld verdient?
- Laut den Schlagzeilen werden gut florierende Firmen von
amerikanischen
Kapitalisten aufgekauft und dann...
Dann kann man ja einmal kurz die Technik erzählen, die sie
jetzt so angreifen. Die Firma wird gekauft, mit welchem Geld?
Mit geliehenem Geld. Wer hat die Schulden für das geliehene
Geld? Die gekaufte Firma. Man fragt sich, warum wir das nicht
längst schon selber machen: Mit Schulden, die dann die gekaufte
Firma hat, eine Firma kaufen. Das ist in dieser
Geschäftsphäre
dort offensichtlich üblich. Man hat z.B. eine Firma für
eine Milliarde gekauft; die Firma hat dann eine Milliarde
zusätzlich
Schulden; das heißt für die Firma auch, dass der bankrotte
Teil die Schulden bekommt; den besseren verkauft man; der bankrotte
geht bankrott und man hat daran verdient. Woran hat man dann eigentlich
verdient? Ein Stück Vernichtung von Kapital ist da nicht
einfach in Form eines Bankrotts passiert, sondern sie ist zum
Gegenstand einer Strategie geworden, an der noch jemand verdient
hat. Für die Investoren ist dies eine Gewinn bringende Abwicklung
von Kapitalvernichtung. Das ‚Filettieren' ist eine Unterscheidung
in abzuschreibende Teile und in rentabel zu verkaufende. Das ist
auch so ein Beispiel dafür, dass, solange dies Teil eines
allgemeinen Wachstums ist, sich das Problem der Kapitalvernichtung
gar nicht stellt. Auch die schlimmste Heuschrecke schmeißt
nicht etwas weg, was befriedigend wächst. Aber wenn Minuswachstum
zu verkraften ist, also wenn Kapitalvernichtung ansteht, gibt
es inzwischen Techniken, auch das geschäftlich abzuwickeln.
Der Witz ist aber nicht die geschäftliche Abwicklung, sondern
dass Kapitalvernichtung ansteht, weil sich das Kapital mit seinem
Wachstum in eine Krise gewirtschaftet hat. Es gehört auch
in diese betrübte Diagnose hinein, was in Frankreich angeblich
droht und in Deutschland zu besichtigen ist.
- Müntefering denkt doch so, dass dieses kaputt gegangene
Kapital eigentlich gutes ist, das nicht kaputt zu gehen bräuchte.
Eben, warum? Weil es deutsches ist, diese süße Familie.
Es ist immer die Leistung des Kredits, dass es an ihm hängt,
ob etwas als lohnend weiter geführt wird, oder als nicht
lohnend vernichtet wird dadurch, dass der Kredit entzogen wird.
So findet Entwertung statt. Aber hier geht es doch darum, dass
ist jetzt Strategie, Gewinnstrategie, die von Banken, Investmentfonds
zu ihrer Gewinnmethode gemacht wird, und nicht: "Wir haben
faule Kredite, um die wir uns kümmern müssen",
und dann bekommt der eine einen und der andere nicht und geht
kaputt. Der Kredit fällt halt die Entscheidung. Anders ist
auch gar nicht feststellbar, was sich lohnt und was nicht. Wenn
alles am Kredit hängt, ist eben der das Subjekt davon. Hier
ist es jetzt darum gegangen, in welcher eigentümlichen Form
dies heute gemacht wird, und warum und wie wird das zum Politikum.
Der sachliche Ausgangspunkt Münteferings ist die Frage, wie
seine Partei dasteht und wem man die Schuld für die Arbeitslosen
in die Schuhe schiebt. Hier sollte nur auf die Phänomene
u.a. aufmerksam gemacht werden, auf die er sich bezieht.
Müntefering
ist ja gar nicht daran gelegen, solche Fälle zu erklären
und dann noch womöglich zu sagen: "Da haben wir Scheiß
gebaut, als wir neulich erlaubt haben, dass die Firmen so billig
verkauft werden können." Aufgegriffen wurde es nur,
um zu sagen: Eine der Sachen, auf die er da verweisen kann, ist
diese neue Art, Kapitalvernichtung zu organisieren. Und da ist
nicht die Art das Bemerkenswerte, wie man das organisiert, sondern
dass das ein Indiz für die Krise ist, an der sie alle laborieren.
Und alle, sowohl die Kapitalisten wie erst recht die Nationen,
laborieren daran unter Konkurrenzgesichtspunkten. Kein Politiker
stellt sich hin und sagt: "Na ja, das ist halt die übliche
Scheiße im Kapitalismus, alle paar Jahre war es wieder zu
viel." Sondern jeder stellt sich hin und sagt: "Dort
Wachstum, bei uns nicht, was ist denn da los!?" Dann gibt
es die eine Hälfte der Antwort: "Dort sind sie irgendwie
zu frech, die Chinesen z.B. machen alles zu billig." Aber
viel interessanter ist die zweite Hälfte, die fragt: "Wo
liegt es bei uns im Argen?" Alles das, was jetzt als Leiden
der Nation, als Auswirkungen der EU besprochen wird, das sind
Ergebnisse der gemachten Politik. Einer Politik, von der man nicht
sagen kann, dass sie schiefgegangen sei. Sondern ihr Erfolg hat
Konsequenzen, die dann der Nation Drangsale bescheren und neu
angegangen werden.
- Es gibt eine Analogie zu dem Heuschreckenvorwurf. Zu dem
EU-Desaster in Frankreich und den Heuschrecken wird in den Zeitungen
schon fehlerhaftes Verhandeln in einer nationalen Not- oder Schieflage
vorgeworfen. Den Vorwurf gibt es, er begünstige auch noch
das, was er kritisiert.
Ist bekannt, in welche Abteilung das hineingehört?
- Es geht um die Frage der Regierungsfähigkeit. Der Erfolg,
den die Regierung gefälligst herzustellen habe, wird vermisst.
Und mangelnder Erfolg begründet in der Demokratie immer den
Vorwurf der mangelnden Führungsfähigkeit an die Regierung.
So wie die Regierung immer auf der Suche ist, an welchen Bedingungen
für unseren Erfolg fehlt es eigentlich in unserem Laden,
so hat jede Opposition darauf die stereotype Antwort: "Na,
die erste fehlende Erfolgsbedingung seid ihr."
- Solch ein Stern-Titel wie ‚Heuschrecken sind wir alle'
mit den einschlägigen Sachzwängen, dass sich der Konsument
statt im Fachhandel im Discounter seinen Kaffee kauft, weil er
sich Vorteile ausrechnet, unterscheidet sich doch schon von dieser
nationalen Stellung in Frankreich? Es gibt da doch Unterschiede,
wie das politisch gebraucht wird?
Wo bzw. in welcher Sphäre liegt da der Unterschied?
- Hierzulande wird auf Sachzwänge verwiesen, bei denen
man zwar auf viele Fehler aber nicht auf irgendeinen Schuldigen
verweisen kann.
Was kommt dann daraus, wenn man auf viele Fehler aber auf eigentlich
keinen Schuldigen verweist? Was ist dann die Botschaft?
- Die Botschaft war, dass man sich selber an der eigenen Nase
fassen solle, man solle seine Ansprüche zurücknehmen.
Gut, das ist die daraus folgende Moral. Erst einmal ist die
theoretische
Botschaft, es gibt keine Alternative. Es ist der
Schröder-Standpunkt:
"Zu dem, was wir machen, gibt es keine Alternative."
Das ist die Gratisgabe der rotgrünen Koalition, dass sie
nicht nur das alles gemacht hat, sondern dass sie die Vorstellung,
man hätte es auch irgendwie anders machen können, zu
einer Sektierermeinung von Lafontaine degradiert hat. Das haben
sie geschafft, denn von der CDU gibt es sowieso keine Opposition
dagegen, für die geht das alles ja immer nur nicht weit genug,
und die Partei, die traditionell immer zu diesem Ensemble
kapitalistischer
Sachzwänge die Ideologie vertreten hat, man könnte es
doch irgendwie auch anders arrangieren, menschlicher, behutsamer,
genau diese Abteilung im Parteienspektrum hat sich zur
Führungsmannschaft
der Alternativlosigkeit gemacht. In Frankreich hat sich die dortige
Sozialdemokratie über dieser Frage gespalten. Dies zwar in
der abgeleiteten Form, wie sie sich jetzt zur EU stellen sollen/wollen,
aber immerhin haben sie es ja gerade mit der Gleichung: Frankreich
= sozial, so sozial hininterpretiert, dass da eine Hälfte
der sozialistischen Partei noch den Standpunkt vertritt, zu dem
in Europa festgeschriebenen neoliberalen Kurs gibt es eine nationale,
in den Farben Frankreichs verfasste Alternative. Dagegen hat die
deutsche SPD den Standpunkt: Es gibt eine Alternative, außer
Kraft gesetzt. Er wollte ja seiner SPD den Ruf, sie stehe für
die sozialfreundliche Alternative innerhalb des Kapitalismus,
endlich einmal austreiben. Die Konstellation des jetzigen Wahlkampfs
ist ein Indikator dafür, wie erfolgreich er auch damit war.
Es ist eben nicht die halbe SPD davongelaufen, sondern nur Lafontaine
hat gekündigt. Und der ist durch diese Talk-Shows dermaßen
verschlissen, dass dies in gewisser Weise nur noch als hanswurstige
Meinung auftaucht. Wenn sich jetzt zwei Hanswürste zusammentun,
Gysi und Lafontaine, ist endgültig klar, wo die soziale Frage
heute hingehört.
- Aber die SPD hat doch schon vor Lafontaine Federn gelassen.
Die Mitgliederzahl ist doch ordentlich zurückgegangen.
Das ist eben der entscheidende Unterschied, ob eine Partei Mitglieder
verliert, oder ob sie sich spaltet. In einer demokratischen Partei
gehören zu einer gescheiten Spaltung eben nicht weglaufende
Mitglieder sondern eine Führerfigur. Das hat Lafontaine irgendwie
verbaselt, sich als solcher aufzubauen. Die SPD ist nicht spaltungs-
sondern nur noch schrumpffähig. Das wirft ein Licht auf diesen
Zeitgeist der Alternativlosigkeit, für den gerade der Stern
zitiert worden ist - zumindest eine Facette davon in dem Sinn,
dass wir doch alle Heuschrecken sind. Wo die kläglichen
Berechnungen
des Kunden, der immer gierig nach dem letzten Aldi-Angebot sucht,
oder um 6.00 Uhr aufsteht, um beim Lidl für 49 € eine
Fahrkarte zu kaufen, gleichgesetzt werden mit den Gewinnstrategien
von Hedge-Fonds. Um das in eins zu setzen, muss man auch schon
einen Schuss haben.- Wir haben das Paper bis zum ersten Satz von
Punkt 3 diskutiert. Gibt es noch Fragen?
- ...Wenn man sich mal vergegenwärtigt, welche Kapitalsummen
von diesen Hedge- und anderen Fondsgesellschaften hin und hergeschoben
werden...Wenn zum Beispiel von der Oppenheimer-Bank, der
größten
Privatbank Europas, in Projekte der als ‚Heuschrecken' gehandelten
Fondsgesellschaften investiert wird, dann gelten da Anlagebeträge
erst ab 5 Millionen Euro. Wenn man mit weniger als 5 Millionen
aufkreuzt, schicken die einen zur Sparkasse.
Das Interessante ist ja, die finden Investoren für diese
hochspekulativen Geschäfte und das ist selber ein Krisensymptom,
denn das ist die verzweifelte Suche des Geldkapitals nach einer
lohnenden Anlage auf Basis dessen, dass in den normalen
Geschäftssphären,
eben solchen, wie sie die Sparkasse abwickelt mit ihren Krediten
für den Mittelstand und sogar in denen, die eine Großbank
abwickelt als Hausbank von irgendwelchen Großfirmen, nichts
mehr Gescheites zu holen ist. Bei diesem Ausdruck ‚nichts
Gescheites' hat man natürlich immer das Anspruchsniveau von
geldgierigen Geldkapitalisten zu berücksichtigen, der Witz
ist aber auch da weniger deren Anspruchsniveau, was die Rendite
betrifft, sondern die Fehlanzeige auf der anderen Seite, wo auf
eine seriöse Art und Weise - seriös nach diesen
Sparkassenmaßstäben
- noch überhaupt Geld zu verdienen ist.
- Die Hedge-Fonds versprechen, dass sie an sinkenden Kursen
genauso verdienen; sie verdienen ja an Kursdifferenzen, ob die
Kurse nach oben oder nach unten gehen, ist eigentlich gleich und
deshalb bieten sie die Chance eines Geldkapital-Wachstums, das
an einem Kapital partizipiert, das schrumpft.
Ja, das ist deren Offerte und die Realisierung dieser Offerte
bringt derzeit die Hedge-Fonds in ihre berühmte Schieflage.
Das ist ja auch nicht gerade wenig, bei den 1000 Milliarden, die
die inzwischen eingesammelt haben, wenn dann innerhalb von drei
Monaten 2 % davon weg sind. Das gerade und das oben Gesagte mit
der Oppenheimer-Bank gehört theoretisch gesehen in die Abteilung
hinein, dass der Kreditüberbau seine eigenen Konjunkturen
der Geldschöpfung und -vernichtung vollführt, die nicht
mehr eins zu eins die Konjunkturen des Warenhandels und der
Akkumulation
P -P' abbilden, darauf zurückwirken, daraus herstammen, aber
in einem ziemlich absurden Verhältnis - ebenso, wovon vorher
schon die Rede war, dass Kapitalvernichtung zum Gewinngeschäft
für Abteilungen des Geldkapitals werden kann. Irgendwo fallen
dann schon die Opfer an, meistens in der Sphäre, in der P
und P' noch vorkommen; aus dem P' wird 0, die Kapitalvernichtung
findet schon statt, aber die haben Techniken in ihrem Finanzgewerbe,
das noch zu einer Geschäftsabteilung auszugestalten (aber
das soll jetzt nicht Thema sein).
- Zu dem letzten Satz von Punkt 3, wo es um die Aufsichtsfragen
geht: Inwieweit hängen die Konkurrenznöte der
Industrienationen
mit dem Selbstbewusstsein der jetzt eingemeindeten Nationen in
Sachen europäische Beiträge zusammen .... machen
eurostrategische
Überlegungen zunichte oder relativieren sie? Heißt
das, mit den neu hinzugewonnenen Nationen will man auch auf der
Welt etwas erreichen, bzw. den Amerikanern Paroli bieten oder
seine eigenen Vorstellungen umsetzen, denn da haben sie ja auch
ihre Nöte...Zum Beispiel Polen oder Tschechien nehmen sich
mit den wachsenden ökonomischen Potenzen die Freiheit heraus,
in Fragen, wo sie bisher gekuscht haben, sich auch aufzustellen.
Wie sehr die gekuscht haben, ist noch die Frage; zum Beispiel
im Irak-Krieg hatten sie ihre eigenen Positionen. Noch mal zu
Punkt 3: Wie hängt der erste Satz mit dem zweiten, der lapidar
mit dem ‚auch' mit dem ersten Satz verbunden wird, zusammen?
--- Die Globalisierungsgegner sagen doch, dass die Nationalstaaten
gezwungen sind, wegen der Globalisierung von dem, was sie eigentlich
gerne hätten, nämlich die Sozialstandards zu erhalten,
Abstand zu nehmen, also quasi auch Opfer der Globalisierung
sind...Deswegen
sind sie auch der Auffassung, dass man sich hinsichtlich der
Billiglohnkonkurrenz
gegen die Neubeitrittskandidaten wenden muss.
Und da merkt man, dass mit dem, den Polen verbieten, sich Steuer-
und Lohndumping zu leisten und sich dann aus den EU-Töpfen
schadlos zu halten, so furchtbar viel gar nicht ist. Natürlich
die Initiative vom Kanzler, mehr als 1 % vom Bruttosozialprodukt
geben wir für den EU-Haushalt nicht her, geht schon in die
Richtung, dass man hier eine Bremse ziehen möchte hinsichtlich
der Selbstbedienung dieser Nationen aus EU-Töpfen, aber eine
Billiglohnkonkurrenz verbieten, ist ja gar nicht die Antwort der
hiesigen - wie sollten sie das auch machen? Sondern mit derselben
Sorte Konkurrenz kontern ist doch der Übergang, der seit
5 Jahren in Deutschland gemacht wird. Der Staat tritt dabei als
selbstbewusster Herbeiregierer auf; das ist in dem letzten Abschnitt
gemeint. Von wegen, der Staat ist machtlos, wie die
Globalisierungsgegner
meinen; er macht sich anheischig und hat quasi alle Hände
voll zu tun, die Ohnmachttheorie der Globalisierungsgegner
tatkräftig
zu widerlegen und das tut er spätestens dann, wenn er zu
Hochform in Sachen Gewaltanwendung und Machtentfaltung aufläuft,
wenn es ein neues Hartz-Gesetz gibt oder wenn es etwas
herumzumanipulieren
gibt an seiner bisherigen Sozialstaatsgesetzgebung. Die nächste
soziale Tat zum Beispiel, die die Merkel verspricht, ist, dass
dieser grauenhafte Kündigungsschutz endlich mal auf Betriebe
über 20 Leute beschränkt wird und dann steht gleich
schon wieder die FDP bereit mit ihrer "so was Labbriges"
-Kritik samt dem Vorschlag: am besten gleich weg mit dem
Kündigungsschutz;
oder: wenn 5 Millionen Arbeitslose nicht verschwinden, obwohl
es die Bundesanstalt gibt, dann lösen wir doch die Bundesanstalt
auf - das sind doch alles Vorschläge für ziemlich drastische
‚soziale Taten' und von denen ist vor Punkt 3 die Rede. Eine
neue Steuergesetzgebung, die eine Unternehmenssteuer durch eine
Mehrwertsteuer ersetzt - da zeigt der Staat, was er kann, also
ein ohnmächtiger Staat, den die Globalisierungsgegner bemerkt
haben wollen, ist solch ein Treppenwitz angesichts dessen, dass
ein Politiker nur anzukündigen braucht, dass demnächst
die Mehrwertsteuer teuerer wird und schon stellt sich das ganze
machtvolle Publikum darauf ein, dass es das demnächst zahlt.
Also wenn das nicht durchschlagende Anwendung staatlicher Gewalt
ist, dass schon auf eine Ankündigung hin das ganze Volk in
vorauseilendem Gehorsam kuscht und sich das WC-Papier noch zu
16 % MwSt. kauft, statt im Januar für 20 % . Dann gibt es
sogar eine eigene kleine Konjunktur, das ist doch auch ein Erfolg.
- Wenn das fertig ist, noch ein Problem vom Anfang her: die
Feststellung, dass die europäische Einigung oder zumindest
die Erweiterung eigentlich zu großen Teilen ein nationaler
Schaden ist, das ‚Nein' in Frankreich gepaart mit den Fortschritten
in der europäischen Einigung. Wie soll man das einschätzen?
Es besteht natürlich ein gewisser Widerspruch zwischen Chirac
und dem Wahlergebnis und bei anderen Regierungen könnte das
genauso sein, weil vorher gesagt worden ist, hier würde die
Regierung auch Schwierigkeiten kriegen, wenn die Mannschaft abstimmen
könnte. Die strategische Sichtweise des europäischen
Prozesses und andererseits das Feststellen der jetzigen
Krisenphänomene
und der Reaktionen darauf, wie hängt das zusammen?
Um das festzustellen, gehen wir an den Anfang der Debatte zurück,
wo das mit dem einen Topf zur Sprache gekommen ist, in den die
Europa-Gegner ebenso wie die -Befürworter alle Argumente
zusammenschmeißen und wo es drum ging, welche
politökonomische
Lage dem zugrunde liegt. In dem Ja oder Nein wird das alles doch
nicht politökonomisch auseinandergenommen, sondern da bekommt
alles, was da namhaft gemacht wird, sei es pro oder contra, einen
gemeinsamen Nenner, der vorhin schon gesagt wurde, nämlich
das Kriterium der Souveränität. Die ganze Leier von
eben, gewissermaßen rückwärts, wir haben sie jetzt
vorwärts gemacht bis zur Abwicklung der Krise und dem Punkt:
wie alternativlos stellt unsere Regierung die Krisenabwicklung
durch Billiglohnkonkurrenz dar. Jetzt von da aus wieder zurück
und die Sorgen der Globalisierungsgegner - Entmachtung des Staats
ist ja auch selber ein Indiz dafür - was eigentlich der gemeinsame
Nenner aller Sorgen bezüglich Europa ist, was dann auch der
harte Kern allen sozialen Problematisierens ist - auch wenn einer
diese drastische und alternativlose Billiglohnkonkurrenz, die
zur Zeit in Deutschland durchgesetzt wird, beklagt, dann mündet
das ja nicht in einen Aufstand dagegen, was das Kapital mit den
Leuten anstellt, sondern - der Müntefering und die
Globalisierungsgegner
stehen dafür - in die Frage: wie souverän ist eigentlich
noch unsere Nation? Wie gut kann sie sich in Europa gegen die
Kapitalisten durchsetzen? Und mit ihren Kapitalisten gegen die
Konkurrenz von auswärts? Mit Siemens gegen die Slowakei,
gegen Siemens in der Slowakei mit eigenen Steuergesetzen usw.
Wie steht es eigentlich um die souveräne Macht unserer Regierung?
Alle sozialen Fragen, die im Lauf der Diskussion
auseinandergeblättert
wurden vom Standpunkt der Politik und der politisch mitdenkenden
Bürger - die sind ja da das adäquate Echo -, münden
in die prinzipielle politische Frage: wie steht es um die
souveräne
Macht unserer Regierung, unsere Macht, förderliche Bedingungen
zu setzen? Das kann man als polemische Anfrage an die Regierung
richten und sie als diesbezügliche Versager geißeln.
Man kann sie aber auch als kritische Anfrage an die Nation richten:
wie steht denn Deutschland oder wie steht Frankreich heute in
der europäischen Welt da, sodass es sich glatt Konkurrenznachteile
gefallen lassen muss. Die Konkurrenznachteile werden registriert,
sie sind das Faktum, die Schlussfolgerungen gehen immer in die
beiden Richtungen: was haben wir falsch gemacht, was müssen
wir also besser machen, um in der Konkurrenz besser dazustehen
und wie ist es um unsere Macht, unsere Kompetenz bestellt, unseren
Vorteil zu erwirken, bei uns zuhause wie gegen andere? Das
schließt
die Frage: wie viele Vorschriften können wir anderen Nationen
machen? durchaus mit ein. Jetzt hat man sich mit Europa was
eingebrockt,
da kann man den anderen Staaten eigentlich nicht, so wie geplant,
Vorschriften machen; Europa ist kein Instrument für Deutschland
- das stellt sich gerade heraus und das hat sich der Waigel auch
anders gedacht -, dem Rest der Welt in Europa Vorschriften zu
machen. Europa verhindert durchaus auch deutsche Versuche oder
auch Versuche anderer Staaten, durch Grenzformalitäten,
Zollvorschriften
oder Erpressungen anderen Nationen quasi für ihren
Geschäftsverkehr
Vorschriften zu machen, so dass für den ordentlich nationalistisch
denkenden Politiker dieses Europa irgendwann die Frage aufwirft:
was lässt das eigentlich noch von unserer Macht übrig?
Und darauf bezieht sich der letzte Satz der Vorlage. Und da muss
man nicht so tun, als hätten die Deutschen diese Frage noch
nicht und die Franzosen in ihrem "grande nation"- Wahn
schon aufgebracht. Für die Frage steht der Schröder,
seit er an der Macht ist. Dieser Zweifel oder auch das Drangsal,
dass man es in Deutschland an Bedingungen hat fehlen lassen, um
in Europa die Konkurrenz der Nationen zu gewinnen, sind eindeutig
und von da kommen diese Sprüche mit der Billiglohnkonkurrenz,
der man als Nation standhalten müsse. Dieser Zweifel zieht
die generelle oder auch abstrakte Grundsatzfrage: was stellen
wir als Nation in Europa überhaupt noch da? nach sich.
- Aber die Verfassung war doch jetzt vom Projekt her gerade
ein Übergang dazu, in Europa ein politisches Gerüst
zwischen Führerschaft und Volk herzustellen, dafür stand
sie doch? Wenn der Fischer jetzt das ‚Non' kritisiert, dann
verweist er doch darauf, dass Deutschland und Frankreich mit der
Verfassung einen Schritt dahin machen wollten, sich als die politischen
Führungsmächte zu etablieren. Die Verfassungsgegner
in Frankreich haben gesagt, dass sie neu verhandeln wollen wohl
mit dem Ziel, dass die Verfassung so beschaffen sein soll, dass
man dann doch noch den anderen Nationen reinregieren kann. Mir
ist nicht klar, was aus dem Zweifel: was lässt Europa von
unserer macht übrig? folgt.
Was die Verfassung hergibt oder nicht, ist ihr selber sowieso
nicht zu entnehmen, deswegen kann man sie erst mal vergessen.
Dieses ganze Rechten von beiden Seiten her - ist man jetzt dafür
oder dagegen? - lebt eigentlich von dem Zweifel, was Europa
für die Nation bringt und der Zweifel lebt sowohl da,
wo gesagt wird: in seiner bisherigen Verfassung bringt es Europa
nicht, es braucht eine neue Verfassung, damit unsere Nation besser
dasteht. Das ist überhaupt die kritische Idee, und zwar
völlig
unabhängig von den Bestimmungen, die irgendwo aufgeschrieben
sind oder nicht. Es ist mehr das generelle: nutzt uns Europa noch
zu wenig? Und die komplementäre Frage ist: ist Europa schon
dabei, uns zu schaden? Die sind so dicht beieinander, das ‚Ja'
und ‚Nein' verdankt sich demselben Geist, nämlich:
der politische Nutzen hat sich nicht eingestellt und dann kann
man fragen: hat er sich nicht eingestellt, weil wir schon zu sehr
entmachtet sind oder weil wir die anderen noch nicht genug entmachtet
haben? Und dann kann man sagen: für den einen Standpunkt
steht die Verfassung, für den anderen das ‚Nein' dazu.
Eine klare Auskunft darüber, was da als nächstes passiert,
gibt weder das ‚Ja' noch das ‚Nein', es ist noch ein
bisschen genereller. Von dem, wie die Krise zu einer
innereuropäischen
Konkurrenz gerät und gemacht wird, das ganze hat eine
übergeordnete,
abstraktere und prinzipiellere Etage und auf dieser prinzipielleren
Etage wird das ganze Herumrechten: wie bestehen wir die
innereuropäische
Konkurrenz? zu einer Neubelebung des Generalzweifels, der das
ganze europäische Projekt sowieso die ganze Zeit begleitet:
wie sehr ist der Zusammenschluss und wie viel Zusammenschluss
ist für unsere Nation von Vorteil oder von Nachteil? Das
ist eben dieser generellere Souveränitätstopf, in den
dann alles reingeschmissen wird und man wirklich nichts mehr groß
unterscheiden muss und wo dann die, die sagen: es ist noch zu
wenig unser Instrument und die sich einreden lassen, die Verfassung
wäre jetzt dafür geeignet ,aus demselben Geist heraus
kalkulieren wie die, die sagen: schon das Bisherige ist mehr ein
Instrument gegen uns als für uns gewesen.
- Es war auch ganz interessant, wie die Befürworter argumentiert
haben, nämlich dass es einen bleibenden Grund gäbe und
das wäre das Verhältnis zu den USA, wobei sie selber
sagen, dass sie da im Moment auch keinen Nutzen angeben können,
aber dieser negative Ausgangspunkt bleibt bestehen.
Und der gehört selber mit hinein in den innereuropäischen
Streit, wofür dieses Europa gut sein soll. Der Witz, auf
den der letzte Satz in der Vorlage aufmerksam machen will, ist,
dass es auch über diese Konkurrenzfragen um die Generalfrage:
wie steht es denn jetzt um unsere strategische Einigkeit als eine
aktionsfähige weltpolitische Körperschaft? auch nicht
mehr gut bestellt ist. Die Anwälte des ‚Ja' haben in
der Form ja auch ausgedrückt, dass sie ewig getröstet
haben: nein, ein Einheitsstaat wird es nicht - die größten
Verfechter der Einheit sind mit dem Trost hausieren gegangen,
es wäre ja bloß ein Vertrag zwischen souveränen
Staaten, aber es wird sichtbar, dass auf so eine muldenschleicherische
Tour eine Souveränität eben doch nicht zu begründen
ist. Die Franzosen haben die Bedenken: soll es um einen neuen
Souverän gehen und wo bleibt da Frankreich? eben antizipiert
- auch wenn das jetzt vielleicht eine Überinterpretation
dieses ‚Non' war.
- Warum wurde das Ganze als Plebiszit veranstaltet? Es ist
doch keine Wahl-Frage, keine Entscheidungsfrage für das Volk.
- ... vor einem Jahr gab es eine Umfrage, wo schon 60 % gegen
das ‚Ja' gestimmt haben...., sollte also eine Demonstration
sein, eine Akklamationsveranstaltung für das
Regierungsprogramm und für Chiracs Größe und Erfolg....
Das sind so die demokratischen Nebenberechnungen - damit beweist
sich Frankreich als europäische Führungsmacht. Klar
kann man sagen, das ist nur eine Demonstration und nachher sieht
dem Vertrag keiner mehr an, ob es das Parlament oder das Volk
abgesegnet hat, aber in der Konkurrenz der Mächte geht es
darum, was aus de Verfassung gemacht wird, wer sie wie gegen die
anderen einsetzen kann und deshalb zählt so eine Demonstration:
wir als Franzosen sind die Hauptakteure der europäischen
Politik, auch etwas - in diesen Kreisen zumindest. Und mit dem
‚Non' ist Frankreich desavouiert als europäische
Führungsmacht.
Die andere Seite ist, die fragen auch ihr Volk deswegen, weil
die Frage die Nation spaltet, weil sie sich selber in ihrer Politik
nicht so sicher sind, dass sie sagen: wir machen das und die Zustimmung
stellt sich automatisch ein, weil wir es machen - so geht ja
normalerweise
Politik: wir setzen uns durch und dann steht auch die Nation dahinter.
Das ‚Nein' wird nicht einfach besprochen als: jetzt schiffen
die Franzosen ab, sondern: jetzt ist in Europa wieder einmal so
etwas wie eine Grenze eingezogen, da scheitert etwas an Europa
und nicht bloß Frankreich in Europa, sondern damit ist auch
ein deutsches Programm kaputt. Deswegen wurde kurz nach dem Referendum
auch gleich gefragt, ob man da nicht gleich wieder neu abstimmen
kann oder in einem halben Jahr usw. Denen war klar, das, was
Deutschland
will, hängt an diesem ‚Ja' in Frankreich und das kommt
nicht zustande. Warum? Weil jetzt klar ist, wenn die ‚Nein'
stimmen, dann scheitert nicht bloß die Verfassung, sondern
so etwas wie eine deutsch-französische Achse der Dominanz
in Europa, das ist immer die Perspektive und insofern kann man
genauso sagen: die französische Nation steht zur Europa-Frage
neu und stellt die damit neu und dann geht es drum: wie stellt
man sich mit seiner Souveränität in Europa auf, für
oder gegen weitere Fortschritte? Das Besondere an Europa war,
dass es eine Regelung der Konkurrenz war, die nach dem jeweiligen
Nutzen nicht gefragt hat, weil der feststand, der war erst mal
gegeben, die ganzen Streitigkeiten haben sich immer deshalb erledigt,
weil alle Nationen irgendwann bis in die Konkurrenzfragen hinein
auf dem Standpunkt standen, dass sie darüber gewinnen. Das
ist nicht mehr gegeben, sondern sie konkurrieren als Standorte
gegeneinander und dann kommt die Frage auf, wer die
Konkurrenzbedingungen
in Europa diktiert, an den jede Nation ihren Erfolg hängt
und da ist Europa ein zwiespältiges Konstrukt, weil es
verpflichtet,
zugleich aber Rechte gibt. Jetzt streitet man über beide
Seiten und die einen sagen: wir nehmen die Rechte wahr, weil wir
sind die, die eigentlich Europa tragen und stellen fest und leiden
dran, dass sie anderen auch Rechte geben, das wurde ja auch an
der Verfassung damals besprochen. Von wegen da steht fest: Deutschland
und Frankreich kommandieren alle anderen. Das merkt man jetzt
schon an dem französischen ‚Nein', dass es so nicht
ist und dass das eine Verfassung auch gar nicht leisten kann:
ein friedlicher Zusammenschluss, wo die einen sich den anderen
unterwerfen und so bildet sich ein gemeinsamer Wille - diese Ideologie
ist wieder mal, und zwar gründlich, blamiert. Und das reicht
weiter als so Überlegungen, welche Berechnungen der Chirac
gehabt hat - er wird es sich schon so gedacht haben, dass er
sich ein Votum einholt und dann steht er in Frankreich gut da
und mit Frankreich in Europa, weil das französische Volk
die Verfassung bestätigt hat, was die anderen gefälligst
auch tun und sich dahinter stellen sollen. Aber daran merkt man
auch die Brisanz der Sache: die holen sich ja auch nicht bei jeder
Entscheidung das machtvolle Votum ihres Volkes ein, in so
Entscheidungen
hat es normalerweise nichts zu sagen. Aus demselben Grund macht
es Deutschland andersherum, weil die Regierung eine machtvolle
deutsche Verfassungsposition will, lässt sie nicht abstimmen,
weil diese Position durch eine Abstimmung bloß relativiert
wird; klar ist die Sorge: wenn man sie fragt, stimmen sie alle
mit ‚Nein', wobei die Wahrheit nicht ist, dass die Völker
aus dem Ruder laufen, sondern dass die Nationen Zweifel am Nutzen
dieser europäischen Fortschritte haben, dass sie das Volk
fragen, ist eben die demokratische Tour davon. Dass es genügend
politische Kräfte im Land gibt, die diesen Zweifel hegen
und deshalb das Volk hinter sich bringen.
Um den Zusammenhang vom Generellen zum Speziellen in der
wirtschaftlichen
Konkurrenz noch mal so zu bestimmen: die kritische Bilanz, wie
die Berechnungen mit Europa aufgegangen sind, die auf allen Ebenen
und auch überall nach denselben Maßstäben (davon
handelt der Punkt 2) angestellt wird - es ist wirklich derselbe
Maßstab, wenn Politiker oder Arbeitslose fragen: warum gibt
es bei uns so viele Arbeitslose? Da gibt es dann diese Bilanz
und über deren wirtschaftspolitische Seite wurde heute vor
allem geredet, aber dieselbe Bilanz hat ihre abstrakte, prinzipielle
Seite und die heißt eben: die Bilanz selber ist der realisierte
Zweifel, ob das Zusammenschmeißen der Souveränität
denn überhaupt der Souveränität der eigenen Nation
nützen kann. Das führt alles auf diesen Generalwiderspruch
zurück und ist eine Sabotage an der Idealvorstellung: zusammen
sind wir stärker - und bei dem ‚wir' denkt jeder an
sich; da ist die Lebenslüge der EU mal wieder als Lüge
auffällig geworden.