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Jour fixe München 2.5.2005
Münteferings Kapitalismus-Schelte
Vorlage:
Frühling 2005: Ein Standort im Fieber der Kapitalismuskritik
Was erlauben Müntefering?
So weit ist es also ganz ohne Zutun der unbelehrbaren marxistischen
Betonköpfe gekommen, dass die nächtliche Nachrichtensendung
im Land der Dichter und Denker - noch vor den Meldungen über
die neuesten Leichen in den befreiten Gebieten der arabischen
Welt - zugeben muss: "Deutschland stand am 1. Mai im Zeichen
der Kapitalismus-Kritik." Das sitzt, hat aber auch Luft.
Denn am 1. Mai 2005 ist nur der Mai gekommen und kein Klassenkampf
ausgebrochen, der das Ausschlagen der Bäume zur
zeitgeschichtlichen
Nebensache degradiert hätte. Der "Tag der Arbeit"
- bei dem schon immer fraglich war, ob er nun mehr an 1890 oder
an 1933 oder überhaupt an beides oder gar nichts anknüpft
- wurde dieses Mal von seinen Veranstaltern als Nachtrag und
Fortsetzung
eines Vorfalls inszeniert, der sich erst neulich zugetragen hat;
der also im Gedächtnis einer überalternden Nation gerade
noch präsent war.
Der Vorfall - nur zur Erinnerung - ging so: Franz
Müntefering,
ein amtierenden Mann der politischen Macht, von der Regierung
ausdrücklich zur Publikumsbetreuung der Regierungspartei
eingesetzt, drückt öffentlich seine Enttäuschung
aus über Kapitalisten. Seinen mutigen Schritt weiß
er zu rechtfertigen, gleich und hinterher. Mit ihren Reformen
habe die Regierung zielstrebig die Geschäftsbedingungen im
Lande verbessert, insbesondere allerhand für die Senkung
der Kosten getan, die angewandte wie unbrauchbare Arbeitskräfte
den Unternehmen, wie der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung
bereiten. Dadurch habe sich die regierende SPD gerade bei ihren
Wählern unbeliebt gemacht, weil ihre verantwortungsvolle
Sorge um das Wachstum der Wirtschaft zu ihrem Nachteil ausgelegt
worden ist. Der Respekt der Regierung vor den unverzichtbaren
Diensten der kapitalbesitzenden und -investierenden Minderheit
(von Diensten, die sich nur mit ordentlichen Gewinnen, internationaler
Konkurrenzfähigkeit und so Zeug erledigen lassen) hat ihr
den Ruf eingetragen, "Kapitalinteressen" vorgehen zu
lassen und über die Belange der nicht so gut Verdienenden
zu stellen. Diesen Eindruck zu korrigieren hält Müntefering
für seine Pflicht und erläutert sein und der SPD
Verständnis
vom gut regiertem Allgemeinwohl. Er erneuert die Lesart des rechten
Gebrauchs der politischen Macht, nach der sich nach "sozialer
Marktwirtschaft" zu streben gehört. Deshalb stellt die
Sozialdemokratie nie die Interessen der einen Klasse von Bürgern
über die der anderen, schon gar nicht der meisten. Sie
"vermittelt"
und gleicht aus, was das Zeug hält - und das hat sie auch
mit der Agenda 2010, Hartz etc. getan. Die Verbilligung aller
Abteilungen des lohnabhängigen Volkes wurde und wird vollzogen,
da sie dem Wachstum der notleidenden "Wirtschaft" auf
die Sprünge hilft - einem Wachstum, das wir in Gestalt
zusammengezählter
Gewinne alle brauchen. Die Maßnahmen sind keine Parteinahme
für Kapitalisten, sondern die unvermeidliche Anerkennung
jener "Sachzwänge", die die Marktwirtschaft bereit
hält - und zu nichts anderem als zur politischen Gestaltung
eines Standorts mit Marktwirtschaft drauf hat sich die SPD gemeldet.
Die Unterstützung der gesetzlich zum Wirtschaften
ermächtigten
Unternehmer ist laut Müntefering eine "Vorleistung"
der Politik, die sich von der genesenden Wirtschaft im Gegenzug
die "Schaffung von Arbeitsplätzen" verspricht,
weil sie dem Volk genau dies "Arbeitsplätze" -
versprochen hat. Und jetzt, da sich beim Nachzählen herausstellt,
dass es mit dem sozialdemokratischen Dreiecksgeschäft nichts
ist, klärt der PR-Manager der Regierungspartei die Schuldfrage.
Als hätten er und die Seinen je an den Lehrsatz geglaubt,
dass Gewinne Arbeitsplätze vermehren - vom Preis der Arbeit
ist unterdessen höchstens noch so die Rede, dass sich manche
wünschen, man sollte davon leben können - ermittelt
er Ungeziefer und schlägt ganz leise nationale Standort-Töne
an, die ausbaufähig scheinen ...
*
Seitdem ist in Deutschland der Teufel los. Die einen geben sich
ganz schlau und kümmern sich herzlich wenig um das, was
da veranstaltet wird, weil sie durchschaut haben wollen, warum
und wozu der Parteiführer so gestrig-grob daherredet. "Wahlkampf!"
rufen sie in die Runde und in ihrem Computer das Politbarometer
ab, um in Erfahrung zu bringen, ob der Auftritt beim Stimmvolk
verfängt. Die anderen wollen eine Rückkehr zur
Kapitalismus-Kritik
nicht ausschließen, so etwas wie eine Renaissance jenes
Bestandteils unserer politischen Kultur verzeichnen, der aus dem
demokratischen Paradies vertrieben schien. Damit provozieren sie
Urheber und befreundete Verfechter der Kapitalisten-Schelte gleich
zu zwei heftigen Bekenntnissen. Das eine gilt ihrer fraglosen
Liebe zur Marktwirtschaft, das andere ihrer tiefen Abneigung gegen
Auswüchse des Kapitalismus. Die dritte Patientengruppe lässt
sich damit aber nicht mehr erreichen, geschweige den beschwichtigen.
Sie hat längst beschlossen, im Namen und zum Wohle des Standorts
jegliche Kapitalisten- und Kapitalismuskritik für unzulässig
zu erklären und die amtierenden Sozis für untragbar.
Mit äußerst feinsinnigen Argumenten wie dem, deutsche
Politik dürfe Kapitalisten, die überall nach
Investitionsmöglichkeiten
suchen um Arbeitsplätze zu schaffen, nicht abschrecken noch
hinausekeln aus Deutschland, das an Kapitalmangel und sonst nichts
leidet, sind sie gleich zur Stelle gewesen. Und nicht nur den
Segen arbeitswütiger Spekulanten wissen sie zu preisen, auch
den Fluch arbeitsplatzvernichtender Gewerkschaften verstehen sie
zu tadeln. Der Chef der freisinnigen Partei sagt hemmungslos an,
wozu er die gebrauchsfertigen Instrumente politischer Macht verwenden
will, so ihn der Wähler lässt - er hat vor, mit der
gewerkschaftlichen Landplage aufzuräumen. Gegenüber
solchem Eifer in einer "Kapitalismus-Debatte", die die
braven deutschen Bürger mit einem Feuerwerk von Kritik und
Gegenkritik unterhält, wirken gesetzte Unternehmer ganz zahm
und sachlich, wenn sie ihr Einkommen rechtfertigen (wg. Leistung)
und darauf hinweisen, dass sie die von ihnen erwarteten Wohltaten
nur verströmen können, wenn sie ordentlich Gewinne machen
und sich der weltweiten Konkurrenz erwehren ...
*
Tröstlich ist immerhin eines an der aufgeregten Diskussion,
wie es mit dem Standort Deutschland weitergehen soll bzw. - und
das ist nicht nur für die Elite auf dem Podium dasselbe -
wie er von wem geführt gehört: Eine lebendige Demokratie
sind wir schon. Der Aufschwung, den die Wirtschaft nicht hinkriegt
findet zumindest in einer anderen Disziplin statt. Die Kunst der
Kritik jedenfalls hat ein irres Wachstum zu verzeichnen.
Und dabei handelt es sich, auch wenn sich die Vertreter unserer
Eliten naturgemäß etwas lautstärker und leitkulturell
bemerkbar machen, um echte Volkskunst.
Das hat zunächst einmal "damit zu tun", dass Kritik
immer aufkommt, wenn Leuten etwas nicht passt. Wer nicht auf seine
Kosten kommt, ist nicht nur zu Klagen aufgelegt, sondern auch
zu Anklagen und Einwänden. Insofern ist Kritik sehr wohl
unterschieden von betrübten Mitteilungen des Typs, man fühle
sich angesichts der Umstände nicht wohl (das praktische
Gefühl,
mit dem sich auch das Wetter verdammen lässt, was gar nicht
geht); auch von der Meldung, die eigenen Bedürfnisse und
Interessen würden schlecht bedient. Unzufriedenheit mag als
Ansporn zur Kritik taugen, sie selbst ist noch keine. Wer kritisiert,
gibt kein ärztliches Bulletin heraus und auch keine Antwort
auf die Frage "Wie geht's?". Er befindet nicht über
sich, sondern über das Zeug, das ihm zu schaffen macht.
Kritiker stellen den Antrag auf und bekunden den Willen zur
Veränderung
- und zwar der Dinge, die sie für missraten halten; auch
der Werke anderer, die ihnen zum Nachteil gereichen. Deswegen
sind sie nicht nur zu Urteilen über die Welt bereit, sondern
sogar auf eine solide Kenntnis dessen angewiesen, was sie
stört. Schon deswegen, weil sie sonst von den Objekten ihres
Ärgers Dienste verlangen, die diese partout nicht hergeben..
Dergleichen hat sich als zu respektierende Einsicht immerhin so
durchgesetzt, das sich niemand auf die Kritik der Natur verlegt.
Auf dem eigentlichen Feld der Kritik - da, wo man es mit veritablem
Menschenwerk zu tun hat, das so oder anders einzurichten geht,
leisten sich Kritiker, also alle, nach wie vor den Luxus, lauter
verfehlte Beschwerden in Umlauf zu bringen. Die gerade ausgebrochene
Ära der Kapitalismus-Kritik mit ihren - auch berechnend
vorgetragenen
- Irrtümern und ihrer volkstümlichen Ahnungslosigkeit
zeigt, was da alles geht. Finden wir irgendwie echt nicht so gut.
Diskussion
Der Vorlage ist zu entnehmen, dass wir der Auffassung sind, dass
wir nicht umhinkommen, diese aktuelle politische Kultur zu
kommentieren.
- Eine Frage zu dem Punkt, wie es vorkommt, dass Müntefering
meint, er habe auf eine Vorleistung eine Kritik geleistet und
die Wirtschaft müsse jetzt tätig werden. Wie ist das
hier gemeint? Ich denke, er selber weiß, dass durch seine
politischen Maßnahmen keine Arbeitsplätze geschaffen
werden.
Dieser Überlegung wird ein paar Zeilen später sogar
Rechnung getragen. Hier ist es tatsächlich wörtlich
gemeint. Der Mann hat etwas veranstaltet, er hat nämlich
gesagt, alle anderen Gründe, die ich kenne und die ich vielleicht
mit meiner Partei auch einmal vertreten habe, die sonst im Umlauf
sind, für Agenda 2010 oder die verschiedenen Hartz-Programme,
das ganze Verbilligungswesen von Leuten im Land usw., von den
Gründen will ich jetzt einen Moment lang nichts wissen, sondern
ich erkläre ab sofort diese Taten, dieses Aufräumen
im Sozialstaatswesen, für eine Vorleistung, die die Regierung
dem Unternehmerlager gegenüber erbracht hat, wodurch die
Unternehmer eine Pflicht auf sich geladen haben, immer dann, wenn
sie Geld haben, auch mal wieder etwas für Arbeitsplätze
zu tun.
- Gemeint ist dies als moralische Verpflichtung der Unternehmerschaft
...
Ja. Das war für ihn die Grundlage dafür, dass er dann
die Enttäuschung darüber hat heraushängen lassen.
Die aufgeworfene Frage hängt an dem Witz von dem
Dreiecksgeschäft.
Behauptet ist nicht, Müntefering kritisiere die Kapitalisten;
behauptet ist auch nicht, Müntefering kritisiere die Kapitalisten
nicht; auch nicht, er meine es nicht ehrlich. Dies
Dreiecksgeschäft
ist eine Berechnung, von der man nicht sagen kann, sie sei erlogen
- was gesagt wird kann erlogen oder geheuchelt sein -, aber die
Berechnung, von der hier behauptet wird, dass sie wirklich stattfindet,
ist nämlich das Dreiecksgeschäft: Die SPD als
Regierungspartei,
die dies bleiben möchte, mit Wählern, von denen sie
laufend zu hören bekommt, dass die enttäuscht sind und
sie nicht mehr an der Regierung haben wollen; dieselbe SPD im
Verhältnis zur Wirtschaft, für deren Interessen, die
ein ganzes Stück weit deckungsgleich mit denen der Nation
sind - Kapitalwachstum ist halt das Lebensmittel der Nation -,
sie sich durchaus bemüht haben, sie in möglichst vielen
Punkten, wenn nicht in allen, zu erfüllen, ihnen Vorschub
zu leisten - dazu sage ich, dass das überhaupt die Berechnung
war, die zu dem Übergang der Kapitalistenschelte geführt
hat. Man kann es sich ganz einfach machen und sagen: "Liebe
Wähler, wir merken, ihr fallt ab von uns. Neulich, 2002,
haben wir zusammen mit den Grünen von euch mehrheitlich noch
eine Stimmenabgabe bekommen. Man hört so läuten, dass
wir dies nicht mehr bekommen. Da tut ihr uns Unrecht." Jetzt
kann er schlecht sagen: "Wenn wir euch 20 % ärmer machen,
ist das doch nur zu eurem Besten." Dann könnte er gleich
wieder nach Hause gehen. Das hat er nicht sagen wollen, aber gesagt
hat er: "Es war gemeint zu eurem Besten. Nämlich über
den kleinen Umweg, dass wir als Regierung das Geschäft der
Wirtschaft verbessern, erleichtern helfen, denn die leidet auf
ihre Art Not, und darüber springt für euch - wenn es
der Wirtschaft besser geht - was raus." Dieses Versprechen
hat sich, wie in der Vorlage gesagt, nur auf Arbeitsplätze
erstreckt, also nicht Saus und Braus... Arbeitsplätze pur,
sans phrase, ohne irgendetwas dabei, was für sich schon eine
Gemeinheit ist. Man könnte ja auch einmal sagen, gegen Sklaverei
im alten Rom ist eigentlich nichts zu sagen, die haben immerhin
einen Arbeitsplatz gehabt und einen sicheren dazu. Im Moment ist
man eigentlich bloß noch zu schlechten Scherzen aufgelegt,
weil sie einem immer dargeboten werden.
Weiterhin ist damit angedeutet, dass für diese Sorte Kritik,
Kapitalistenschelte, die da veranstaltet worden ist, noch bevor
dieser Zirkus zum Fortsetzungsroman gedeiht, tatsächlich
nur dieses Dreiecksgeschäft, diese Berechnung, wie ich sie
charakterisiert habe, die Erklärung liefert. Bevor man den
Kapitalismus einmal richtig kritisiert, gibt es nämlich noch
sehr viele Varianten, ihn falsch zu kritisieren. Er hat sich hier
die gewählt.
- Das mit dem Dreiecksgeschäft verstehe ich nicht. Die
Reformen der Regierung betrafen doch im Wesentlichen den Umgang
mit den freigesetzten Leuten, den massenhaft anfallenden Arbeitslosen,
und die sozialen Leistungen. Ich sehe dies nicht als eine Leistung
für das Kapital zum Schaffen von Arbeitsplätzen.
Was du meinst, darauf kommt es überhaupt nicht an. Und auf
das, was ich meine, vielleicht noch weniger. Der Witz ist, dass
das die Selbstdarstellung und Begründung der Partei war und
ist. Es geht übrigens nicht nur um die Verbilligung der Unkosten,
als die plötzlich der Sozialstaat aufgetaucht ist. Über
das Scharnier ‚Lohnnebenkosten' hat auch die Regierung
ausdrücklich
für einen niedrigeren Preis der Arbeit Sorge getragen. Über
Veränderungen der Steuergesetze soll das Investieren erleichtert
werden. Dann hat er sich, weil er Geld gebraucht hat, bei der
Mineralölsteuer bedient, was die Auto fahrenden normalen
Leute eher merken als die Kapitalisten. Das alles stand unter
der Überschrift: Wirtschaftsförderung, Aufschwung
erleichtern,
Gewinnemachen und darüber, die Gewinne zusammengezählt,
Wachstum, das ist die Aufgabe der Zeit. Man soll bloß nicht
fragen, ob der je daran geglaubt hat - das war das veröffentlichte
politische Programm.
Wenn man Volkstribun ist und sich bei den Leuten beliebt machen
will, erzählt man doch am besten Lügen, die die als
angenehm und als Versprechungen für sich auffassen können.
Von wegen. Da frage ich mich, was für Konstruktionen, Berechnungen
einem solchen Menschen durch den Kopf gegangen sind und meine,
da gibt es welche, die ich Ernst nehmen muss. Nämlich ein
Staat kann das Gewinnemachen erschweren und erleichtern, das kann
er wirklich. Gewinn ist nicht Marxsche Profitrate, sondern das
ist das, wenn alles rum ist und die Alte noch ihre Handtasche
in der Villa hängen hat, was dann noch übrig ist. Als
Staat kann man damit ganz verschieden umspringen. Da vergleichen
sich allen Ernstes Standorte, Nationen, Regionen, Gemeinden
rivalisieren
dabei sogar. Beispielsweise heißt es: "Kommt zu uns,
ihr bleibt 10 Jahre steuerfrei. Erst danach seid ihr wie die anderen.
Baut hier euer Werk." Das hat es schon immer gegeben. Es
kann aber auch heißen: "So etwas gibt es bei uns nicht."
Dann kommen die Beschwerden - in schlechten Zeiten schon gleich
- von Kapitalisten: "Uns wird das Investieren schwer gemacht."
Da ist das Moment, das ich nicht abstreiten kann, dass ein Standort
Kapitalisten besser und schlechter, leichter und schwerer verdienen
lassen kann. Dann benennt die Regierung aber lauter Um-zu's dazu,
wenn sie das macht. Sie merkt, dass die Wirtschaft wieder floriert,
und meint, der Staat solle so viele Erleichterungen auf die
Füße
stellen, wie diese in seiner Macht stehen. Jetzt kommen die Um-zu's.
Das hat Wirkungen. Erstens: Jetzt wird investiert, dass die Schwarte
kracht, und zweitens, wenn dies passiert, hat dies automatisch,
ebenso sicher die nächste Wirkung, nämlich dass die
von uns geschädigte Wählerklientel, die kleinen Leute,
eine Entschädigung dafür kriegt. Eine Wirtschaft, der
es gut geht, hat auch mehr für die Leute übrig. Jetzt
ist die Frage, wie viel er von dem geglaubt hat. Nur ist der Witz,
ohne dieses Um-zu ist nichts in diesem Programm gelaufen. Das
nenne ich ein berechnendes Dreiecksgeschäft, das die SPD
da über die Runden bringen wollte. Das ist nicht aufgegangen,
und Müntefering stellt sich hin und sagt: "Das
Dreiecksgeschäft
war in Ordnung, besser kann man es nicht meinen, man kann nichts
besseres versuchen als Regierung, aber es haben sich welche nicht
an die Vereinbarung gehalten. Die sind schuld, dass es nicht geklappt
hat. Nicht wir, die wir euch ein bisschen ärmer gemacht haben."
Er fordert den Ertrag für die Leute ein, die über das
ganze Sozial- und Lohnsenkwesen vom Staat geschröpft worden
sind. Die Vorleistungen sind eine Definition, die er den
Maßnahmen
jetzt zum Zwecke der Kapitalistenschelte unterschiebt.
Was hier behauptet ist: Wenn Theaterleute und Schauspieler den
Staat kritisieren, was werden die wohl auszusetzen haben? - Nix
cultura! Wie kritisieren Fußballspieler den Staat? - Zu
wenig Geld für das Stadion! Die haben ihren Maßstab,
sie kümmern sich nicht darum, wie Staat geht, um das Warum
und Wieso. Politiker, die das Kapital kritisieren, haben einen
Standpunkt, mit dem sie die Kapitalistenklasse oder den Kapitalismus,
wie es jetzt komischerweise heißt, tatsächlich zu
beschimpfen
wissen. Der soll hier aufgezeigt werden. Das ist die Behauptung,
dass das eine so hundsmiserable Kapitalismuskritik ist, dass es
eigentlich keine ist. Dies ist wohlunterschieden von so Sachen
wie z.B. bei der Christiansen: "Sie selbst sind doch einer,
der ..." - Ja was denn sonst. Bei der Sendung hat einer gesagt:
"Wenn der Kanzler nach Indien fährt zusammen mit einer
Entourage von Kapitalisten und Unternehmern, weiht er dort
Billiglohnbetriebe,
die uns Konkurrenz machen, ein." So lautete ein Einwurf.
Wofür steht das? - Schon wieder für eine Sorge um den
Standort, schon wieder die Umarmung dessen, den man kritisiert.
Keiner hat von dem inkriminierten oder kritisierten Gegenstand
überhaupt die leiseste Ahnung, sie haben ein Interesse daran.
Sie machen einen kurzen Abgleich und sagen, was ihnen nicht recht
ist. Mitten in diesem Streit geben alle, die im Land wichtig sind,
zu Protokoll, dass sie alle miteinander bekannt und befreundet
sind.
- Zum Inhalt der Schuldfrage. Erstens ist es eine Anerkennung
der Unzufriedenheit; gleichzeitig hält man daran fest, dass
die Verarmung eine sachliche Notwendigkeit war; drittens werden
jetzt einzelne Kapitalisten angeführt, von denen gar nicht
gesagt wird, dass sie für die Armut verantwortlich sind,
sondern es wird gesagt, wie man sich als Kapitalist dazustellen
habe.
Das ist vorgekommen, aber erst einmal haben sie eine
Unterlassungssünde
begangen. Sie bleiben die Gegenleistung für die Verarmung
schuldig, das ist doch der Vorwurf. So als wäre das abgemacht
gewesen: "Wir machen die Leute ärmer, dann müsst
ihr von den billigeren Leuten auch mehr einstellen." Fast
so als hätte man ausgemacht, dass sich dem keiner entziehen
darf. Jetzt ergeht der Vorwurf an Kapitalisten, die ihr Geschäft
machen und dadurch nicht bloß keine zusätzlichen
Arbeitsplätze
schaffen, sondern, obwohl sie jetzt besser verdienen, auch noch
Leute rauswerfen, also richtig gegen den Geist eines vorgestellten
Vertrages verstoßen. Das ist die Beschwerde. Vertrag in
Anführungszeichen, denn so meint es Müntefering auch
nicht, dass sie da etwas unterschrieben hätten. Aber er stellt
die Regierungspolitik so dar, als Vertragserfüllung von
Regierungsseite,
der auf Seiten der Kapitalisten sehr unzureichende oder sogar
entgegenwirkende Leistungen gegenüberstehen.
Die Vorstellung, dass man so etwas hindrehen müsste, war
sowohl in der SPD und ist nach wie vor in der Gewerkschaft lebendig.
Die Gewerkschaft ist in den letzten Jahren mindestens fünfmal
angetreten und hat gesagt: "Wir würden beim Weihnachtsgeld,
bei der Arbeitszeit und Flexibilität im Namen unserer Klientel
vieles aufgeben, wenn ihr dafür 120000 Einstellen sichert."
Beim Bündnis für Arbeit ist die Vorstellung immer wieder
aufgekommen, bloß merkwürdigerweise hat im Lager der
Kapitalisten keiner Interesse an so etwas.
- So etwas gibt es doch real z.B. als tarifvertragliche
Arbeitsplatzsicherung.
Unter dem Gesichtspunkt der Arbeitsplatzsicherung oder eines humanen
Abbaus von Arbeitsplätzen...
- Das ging immer mit Lohnverzicht einher.
- Das, was hier Dreiecksvertrag genannt wird, ging doch auf
der Grundlage der bewussten Unwahrheit, dass der eigentliche Zweck
des Kapitals sei, Arbeitsplätze zu schaffen, und das Gewinnemachen
nichts anderes sei als eine Bedingung, die nun einmal erfüllt
sein müsse.
Und wenn man selber diese Vorstellung nicht hat, muss man versuchen,
die ganze Welt davon zu überzeugen, damit die diese Vorstellung
wenigstens hat.
- Der Interesse der SPD bei dieser Kritik ist doch ihr Erfolg
bei den anstehenden Wahlen.
Ja, sie schaut auf den Misserfolg, der sich bei den Wählern
anbahnt, und teilt deswegen schon wieder diesen mit, dass nicht
sie etwas verbaselt hat, sondern das in diesem Dreiecksgeschäft
welche gekniffen haben. Wenn also jemand mit der SPD unzufrieden
ist, dann trifft er den Falschen.
Aus dieser Vorlage kann man mehr das Eine betonen und auf die
Kapitalisten losgehen, oder man nimmt mehr die nationale Seite
und geht auf die internationalen Lumpen los, die keine Heimat
haben. Bild und Spiegel stricken gleich, nicht gleich faschistisch
heftig, an diesem faschistischen Argument herum.
- Müntefering formuliert also nicht allein eine Unzufriedenheit
der SPD, sondern der Nation.
Ja. Deswegen ist ja auch die Nation mit der SPD unzufrieden. Das
ist ja das, worauf er stößt.
- In der SZ im Feuilleton gab es einen Artikel von einem Thomas
Steinfeld mit Argumenten, die eigentlich ziemlich gut erschienen.
Ist hier zu sagen, dass ein blindes Huhn auch einmal ein Korn
findet?
Das gibt es doch. Man möchte bei dem Schreiber schon einmal
herausfinden, ob er nun für oder gegen das System ist. Man
bringt es aber nicht heraus. Der Verdacht geht mehr dahin, dass
er einer von der Sorte ist, die mit Wahrheitsbestandteilen sehr
dafür sind. Das kann sein. Aber dann darf man nicht, weil
man diesen Verdacht hat, über die paar richtigen Stellen
herziehen. Für Empörung sind wir schon auch, aber für
eine moralische Kritik sind wir nicht zu haben, weil sie verkehrt
ist. Zu einer moralischen Kritik wollen wir das Menschengeschlecht
lieber nicht anhalten. Die sollen sich Rechenschaft darüber
ablegen, warum wie was geht, und nicht immer den Beleidigten markieren.
Der Schreiber trifft die Ebene, in der sich alles abspielt; auch
die Verstellungsleistungen trifft er, die es braucht, um so zu
tun, als hätte man bisher gemeint, Kapitalismus wäre
dies und das, und jetzt ist man bass erstaunt, dass es womöglich
ganz anders ist, und schimpft deswegen. Diese Touren erwischt
halt der Mann.
- Die von der SPD abgefallenen Wähler durchschauen ihn
doch.
Was durchschauen die denn?
- Dass die Regierung doch das Kapital auf Kosten der Leute
fördert.
- Du meinst also, sie nehmen den Standpunkt ein, dass Müntefering
nicht glaubwürdig ist?
Das stimmt ja auch. Dies Durchschauen ist ein wenig überladen,
ein großes Wort. Sie trauen ihm halt nach wie vor nicht.
Wenn einer wirklich der Meinung ist, dass Kapitalisten des Typs,
die jetzt unser Land beherrschen, welche sind, der Masse seiner
Landsleute schaden, und sich mit denen gemein macht, dann sagt
er zu diesen Landsleuten wenigstens halblaut einen Rat, der
heißt:
"Kämpft Klasse! Fegt sie hinweg, wo ihr sie trefft!"
Der sagt doch nicht auf diese plumpe Art: "Mich könnt
ihr beruhigt weiter wählen." Die Oppositionen sind doch
ganz anders. Wenn das Argument lautet, er sei doch selber einer,
der nichts Besseres zu tun hatte und hat, als ein kapitalistisches
System zu verwalten und auf die Rechnungsweisen des Kapitals mit
seiner ganzen politischen Macht einzugehen, dann muss auch
herauskommen,
dass er selbst unser Feind ist. Wer so etwas ernst meint, der
zettelt doch kein Techtelmechtel zwischen sich als Gewähltem
und den anderen, die zum Wähler degradiert sind, an. Der
sinniert doch nicht für 2006 auf ein Wahlspektakel, sondern
hat ein tiefes Manko auf der Welt festgestellt, dem sich mit allem
Einsatz beizukommen lohnt. So ginge das Durchschauen.
Zu Punkt 2. Kaum ist der Zirkus losgetreten, heißt es: "Da
sind wir aber gespannt, ob die Leute jetzt auf den abfahren, weil
er ein paar Kapitalisten gescholten hat." Was ist das für
ein Interesse? Dann hat man wieder eine neue Beschäftigung.
Nicht einmal so etwas erzeugt einen Zweifel gegenüber dem
Berufsstand des Journalisten. Auch wenn die ersten Ergebnisse
zeigen, dass die Beliebtheitskurve Münteferings nicht gestiegen
ist, ist eines doch klar, vorstellen können sie sich dies
auch wieder, dass mit solchen Inszenierungen die Machtfragen im
Land entschieden werden. Offenbar ist es dann so.
Das Hauptargument der von der SPD Abgefallenen ist ein Zwischending
zwischen dem, etwas kapiert haben wollen, und dem vertretenen
Argument, dass er von sich und dem Versagen der SPD ablenken will.
- Das ist so billig. Von Freund und Feind kam die Redewendung,
dass Müntefering die Parteiseele getroffen habe.
Flankiert wird dieses zentrale Theater: Heuschreckenkapitalisten
lösen nicht ein, was wir von ihnen erwartet und den Massen
versprochen haben, das eintritt, wenn wir die Kapitalisten und
ihr Wachstum so befördern, durch einen anderen Obersozi,
der sagt: "Man muss die Gehälter von Topmanagern vom
Aktienkurs abkoppeln, weil sonst..." Ja was denn? "Die
sind so scharf auf schnelle Bewegungen des Aktienkurses nach oben
und verlieren die langfristige Strategie des Unternehmens aus
den Augen." Jetzt übernehmen sie für die
Unternehmensführung
auch noch das Sorgerecht, kaum sind sie zumindest dem Schein nach
zum Kritisieren aufgebrochen. Dann komme wieder andere und meinen,
dass hier doch bloß eine typisch deutsche Neidkultur vorliege.
Schon hat man eine neue Debatte. Dann gibt es von Müntefering
selbst einen gestanzten Satz: "Er wolle ja bloß gesagt
haben, dass nicht der Mensch für die Wirtschaft, sondern
die Wirtschaft für den Menschen dazusein habe." Einmal
ernsthaft mit diesen beiden Alternativen befasst, kann man gleich
ins philosophische Seminar einsteigen. Es ist eine Sache, den
Schaden, der einem zugefügt wird, zu registrieren und zu
sagen: "Warum hat da wer dies mit mir angestellt, woher hat
er die Macht? Bin ich vielleicht eine abhängige Variable
bei ihrem Interesse?", aber zu sagen: "Verarscht.",
da muss man die ganzen Um-zu's usw. zumindest nachträglich
für bare Münze genommen haben, um dann politisch
enttäuscht
zu sein.
Im letzten Punkt ist einiges über Kritik behauptet. Ist das
bekannt, dass das Kritik ist? Was hat es mit dem Stichwort oder
der Manier ‚Betroffenheit' bei irgendwelchen gesellschaftlichen
Konflikten an den Tag zu legen oder auszusprechen, auf sich?
- Das erste ist, dass ... (unverständlich) ... man zeigt,
dass man etwas nicht aushält. Das ist noch unentschieden,
ob dies an einem selbst liegt oder aber an der Sache.
Zumindest kann man das leicht hingerieben bekommen, meistens mit
Vergleichen. Mitten in einer Auseinandersetzung um Arbeitszeit
und Lohn - auch in der modernen heutigen Fassung dieses Zirkus
- wird nicht mehr die Verhandlungsführung der Gewerkschaft
oder das Interesse der Unternehmer auf den Begriff gebracht, in
Augenschein genommen, untersucht und abgelehnt, sondern es wird
plötzlich zurückgekehrt zu: "Ich stehe früh
um 5 Uhr auf, fahre 60 km mit dem Auto usw. ..." Dann braucht
bloß noch einer bei der Diskussion dabei zu sein und sagen:
"Ja die in Indien wären schon zufrieden, wenn nur ein
Auto hätten." Da liegt dann das Moment vor: "Wir
wissen schon, dass es ihnen durch diese Abstriche nicht mehr so
gut geht." Dann wird es eine Diskussion, bei der sie doch
über sich reden und eine Demo durchführen." Diese
Demonstration hat meistens zu beweisen, dass man das Recht hat,
sich überhaupt zu beschweren und aufzubegehren. Dann kann
man es aber doch lieber gleich machen. Dass einem Einwände
zustehen, dieser Moralismus ist da am Dampfen. Das hat ja Abwandlungen,
den Eltern-Spruch "Wenn du wüsstest, was wir mitgemacht
haben" kennt wohl jeder und irgendwann ist man dann darauf
gekommen, zu antworten "Ja, hättest du es eben nicht
mitgemacht". Mit dieser Kontrollfrage sollte gesagt sein:
es gibt ‚lustige' Phänomene, die in Mode gekommen sind
- da sind Leute zum Streiten und Kritisieren unterwegs und dann
versprechen sie sich ausgerechnet von der Darstellung ihrer
Betroffenheit
etwas, statt sich mit dem kritisierten Gegenstand oder der kritisierten
Partei zu befassen, um zu wissen, was es damit auf sich hat, um
sie dann korrekt aufs Korn zu nehmen. Statt dessen jammern sie
über ihren unguten Status - das ist die Peinlichkeit bei
solchen Veranstaltungen. Kein Wunder, dass ein Drittel der
Bevölkerung
in den modernen Ländern Fälle für den Pfaffen oder
den Psychiater sind, denn die sind ja zuständig für
dieses ewige Herumgezerre an sich selber und dem eigenen
Mitgenommensein.
- Steinbrück hat in einem Interview die kongeniale Antwort
auf diese Kritik vom Standpunkt der Betroffenheit aus gegeben,
indem er sagt, das Problem sei die Legitimation des Gewinns,
des Geschäftserfolgs, das müsste rübergebracht
werden, dass der ordentlich zustande gekommen ist.
Klar, wenn alle Welt fragen darf und soll nach der Leistung eines
Unternehmens oder eines Unternehmers, da wird nicht in Arbeit
pro Zeit gerechnet - das ist keine Physik, die die treiben - ,
sondern irgendetwas Gutes nach den landläufigen
Beurteilungskriterien
wird es schon sein, an dem die Leistung gemessen und für
gut befunden wird, das ist dann schon mal 1 Million wert. Der
Steinbrück gehört zu den Leuten, die - wenn die SPD
angegriffen wird, dass sie das Kapital verschreckt und Standortchancen
vergibt -versuchen, laufend zu verdolmetschen, wie die Kritik
auf jeden Fall nicht missverstanden werden sollte: man hat nichts
gegen die Marktwirtschaft, aber es gibt Auswüchse und dann
kann man sich darum streiten, was ein Auswuchs ist.
Ich kann den Gedanken nicht ganz nachvollziehen, das, was
Steinbrück
gesagt hat, sei ungefähr das gleiche wie das Argument mit
der Betroffenheit. Da gibt es noch ein paar Argumente dazwischen;
vorher wurde gesagt, bei Betroffenheit ist erst mal unentschieden,
an welcher Seite man dann weitermacht und der Fehler, bei Betroffenheit
zu bleiben, also bei sich, wurde jetzt behandelt, nämlich
das eigene Leid und dass man sich deswegen zu Wort meldet, zu
legitimieren. Den Streit kann man ewig weitertreiben unter dem
Motto: geht es dir überhaupt so schlecht, dass du das Recht
hast, dich zu beschweren? Dann kann der eine sagen: mir geht es
sehr schlecht und ich habe ja auch so viel geleistet, dass ich
ein Recht habe, mich über das, was mir angetan wird, zu beschweren
- so was trägt Stunden der Diskussion, bis man es leid ist.
Aber wenn man betroffen ist, kann man die Debatte ja nach der
anderen Seite hin fortsetzen und fragen, woran das liegt, womit
man sich der Objektivität zugewandt hätte und dahin
gehört die Rechtfertigung vom Steinbrück oder sogar
eine bestimmte Manier der Rechtfertigung als Antwort auf eine
objektive Frage und was da alles an Argumenten unterwegs ist,
ist das Interessante. Zum Beispiel der Einfall von vorher - wenn
einer sagt, der Müntefering sei ein Heuchler, dann hat er
schon mal was durchschaut -, was ist das für eine Diagnose?
Einer sagt, die Leute werden von der Regierung schlecht behandelt
und wenn der Müntefering sagt: das liegt nicht an uns, sondern
an den Kapitalisten, dann zu sagen: der heuchelt, was ist das
für eine Ursachenanalyse? Das ist doch eine, wo die Merkel
gleich einsteigen kann mit "Taten und Worte stimmen bei dieser
Regierung nicht zusammen"; ist das dann wirklich gemeint?
Wenn der ernstlich gemeint hätte, er hätte mit den
Kapitalisten
einen deal gemacht und jetzt lässt die Seite der Kapitalisten
zu wünschen übrig, wäre es dann irgendwie in Ordnung?
Schon bei der Absurdität von Dreieckgeschäft, um die
es vorher ging, hakt ja dieses Durchschauen: Müntefering
ist ein Heuchler, aus. Bei der Untersuchung: warum ist es denn
so trostlos, wie es läuft, ist schon beim ersten Gedanken
wieder der Aussetzer da: man befasst sich noch nicht einmal mit
der Behauptung von Müntefering, sondern man hält es
für eine erschöpfende Antwort auf dieses ganze Theater,
wenn man sagt, dass man ihm nicht glaubt. Der Unsinn dessen, was
man da nicht glauben will, wird schon gar nicht zum Thema. Das
wäre eine nächste Variante, dass die Frage aufgeworfen
wird, wie es mit dem deal steht; mal angenommen, man glaubt dem
Müntefering, stimmt es dann, das die Kapitalisten etwas schuldig
geblieben sind? Kaum ist diese Frage aufgeworfen, wird sie schon
sehr beschränkt, und zwar vom Müntefering selbst: nein,
nicht die Kapitalisten, dann ist man bei dem weiten Thema
‚Auswüchse'. Er will ja gar nicht allen Kapitalisten
vorwerfen, dass sie Heuschrecken-mäßig seien, sondern
er will eine Besonderheit ausfindig gemacht haben, die der SPD
das Leben schwer macht mit ihrer Fürsorge für die Unternehmer
als Mittel dafür, den Arbeitslosen etwas Gutes zu tun - dieser
Logik könnte man noch ein bisschen nachgehen. Man merkt
nämlich
bei der ganzen öffentlichen Debatte, dass spätestens
an dem Punkt: eigentlich ist es doch der Beruf des Kapitals, mit
seinen Gewinnen Arbeitsplätze zu schaffen, mit allen kritischen
Fragen Schluss ist. Diesen Lehrsatz hat bisher noch keiner in
Zweifel gezogen - am ehesten zweifelt noch der Kommentar in der
SZ daran und fragt, ob das nicht ein bisschen blauäugig sei,
weil das Kapital eben das ihre tun; er lässt aber auch offen,
ob nicht unter einem höheren volkswirtschaftlichen Gesichtspunkt
es die List der kapitalistischen Vernunft ist, dass die zwar nur
das ihre wollen, aber Arbeitsplätze dabei herauskommen,
spätestens
da hört die kritische Nachfrage auf. Da wäre mal die
Frage angebracht: ist das eine vernünftige Erwartung, was
ist ihr Inhalt, was ist in diesem Postulat schon alles eingeschlossen?
- ... "Kapitalismuskritik" halte ich nicht für
angebracht, der Müntefering entdeckt doch kein Prinzip, von
dem er sagen würde: hier wird so gewirtschaftet und dann
kommen dabei Heuschrecken heraus, er will ja gar keinen Zusammenhang
herkriegen, sondern anders herum: er setzt auf diese wunderbare
Prinzip... bloß ohne Heuschrecken.
Dann ist das hinsichtlich Kapitalismuskritik sogar eine Anti-Kritik,
es ist die Legitimation des behaupteten kapitalistischen Normalfalles,
dem sich gewisse Ausreißer versündigen.
... Man kann schon sagen: wo bleibt da die Kapitalismuskritik,
das ist doch eine Charakteren-Kritik, aber der Kapitalismus kommt
doch als eine Bedingung vor für diese Charaktere, die ihnen
die Freiheit gibt, sich so oder so zu betätigen... So hintenherum
kommt der Kapitalismus doch vor.
Und wie wird er dann aufgespießt? Wenn man schon sagt, irgendwer
wird schon daran denken, dass der Kapitalismus die Bedingung für
der Gemeinheiten der Arbeitgeber wäre - wie soll dann die
Fortsetzung dieses Gedankens gehen? Den Gedanken gibt es doch
gar nicht: Kapitalismus als ungute Bedingung für das soziale
Leben.
- Die obige Kapitalismuskritik landet doch immer beim Staat
als einem, der diese Freiheiten der Kapitalisten nicht angemessen
bändigt und in etwas Fruchtbares umsetzt, da kommt auch keine
Kapitalismuskritik heraus, sondern ein Lob bzw. in diesem Fall
ein Tadel des Staats heraus, der genau diese gemeinnützige
Aufgabe für alle doch in die Hand zu nehmen habe.
- Den Schlenker, das ist ein gutes System, aber da muss man
aufpassen, weil man viel verkehrt machen kann, deswegen braucht
man verantwortungsvolle Leute, die damit umgehen.
Die Fortsetzung mag es auch geben, aber man braucht doch bloß
dem Müntefering zuzuhören, der ist doch im nächsten
Atemzug - und damit steht er nicht allein - bei einem Riesenlob
des Durchschnitts; er plädiert ja gar nicht für eine
Elite von Unternehmern, sondern die Aussage ist eher: unsere normalen
Unternehmer sind redliche Leute, deswegen heißen sie Mittelstand,
sind furchtbar beliebt und kriegen ihre Steuern erlassen. Die
Bösen sind die ‚auswärtigen' Ausplünderer
redlicher Betriebe, die, die sie kaufen, um sie wieder zu verkaufen
- also quasi eine Hedge-Fonds-Kritik, aber keine Kapitalismuskritik.
Es ginge ja auch, dass einer über die Hedge-Fonds auf die
Sache kommt, die da so gehegt, gepflegt und gehedgt wird und sagt:
Wenn das ganze kapitalistische Geschäft nur läuft, wenn
solche Spekulanten sich darum kümmern, dann liegt das vielleicht
gar nicht an den Spekulanten, sondern an dem Geschäft, um
das sie sich kümmern, aber der Übergang ist bei der
ganzen Diskussion nicht vorgekommen. Dafür gibt es einige
Varianten von Anti-Kritik: kaum hat der Müntefering "Heuschrecke"
gesagt, da wird kritisiert, das sei doch wie "kauft nicht
bei Juden!", quasi als sei die Kritik vom Müntefering
die Freisetzung einer neuen Unmenschlichkeit, denn wenn man schon
Menschen als Heuschrecken beschimpft, dann ist der Hitler nicht
mehr weit, und zwar nicht der nette aus den vielen TV-Serien,
sondern der böse. Plötzlich gibt es von der Ecke her
eine Kritik an der Nähe zwischen Demokratie und Faschismus,
sogar zu solchen Wahrheiten versteigen die sich in ihrer Anti-Kritik:
man darf den Kapitalisten nichts Böses nachreden. Das sind
Endpunkte der Debatte nach der anderen Seite hin.
- ... Man könnte ja auch fragen: wer hat denn die Hedge-Fonds
vor 5 Jahren zugelassen? Man hat doch erlaubt, dass die bei uns
stattfinden, dann könnte man auch fragen, welche Gründe
die damals dafür gehabt haben.
Genau, da wäre man bei dem System, das diese Hedge-Fonds
braucht, aber wenn die einmal geächtet sind, dann gleich
auf den Vorwurf zu kommen: Ihr habt sie doch erlaubt, ist dann
wieder die "Ich habe es durchschaut, ihr seid Heuchler"-Schiene.
Wenn einmal der Grundfehler erledigt ist und die Menschen haben
sich in ihn verliebt, dann gibt es viele Schienen für sie,
wie sie ihn weiterbetreiben und noch potenzieren können.
Hedge-Fonds, bzw. die Chefs davon, sind beschimpft worden; jetzt
sagt die Merkel zu einem SPD'ler und gleichzeitig Mitglied der
Gewerkschaft, der Aufsichtsrat in den Wohnungsbaugenossenschaften
war: Sie selbst haben doch so einer Kompanie die Häuser dieser
Genossenschaften verkauft. Das ist so eine Manier: es steht euch
nicht zu die zu beschimpfen, weil ihr mit denen auch Geschäfte
gemacht und für nützlich befunden habt. Der nächste
Schritt ist schon wieder anders gelagert und geht so: Ich kenne
3 bis 9 Fälle, wo deutsche Betriebe schon längst nicht
mehr existieren würden, wenn dieser oder jener Hedge-Fonds
sich dort nicht eingekauft hätte, also praktisch der Retter
war; klar existiert ein Teil der Betriebe nicht mehr, aber den
anderen Teil gibt es wenigstens noch. Die Kritik der Merkel war
so eine Art Entlarvung der Komplizenschaft, die man doch zugeben
und nicht die Fonds heuchlerisch beschimpfen solle. Die zweite
Tour beschwört so wie die FAZ die unbezweifelbar guten Dienste
der Fonds; wenn der Mensch sich schon so befangen in der Debatte
herumtreibt, dass er sagt: es ist gut, wenn auf der Welt die einen
irgend einen Betrieb kaufen, dann ist dem nicht mehr zu helfen.
Da wird dann nicht mehr gefragt: wieso soll ausgerechnet das gut
sein? Wo es doch schon nicht besonders gut ist, einen Betrieb
aufzumachen, aber ihn dann auch noch an einen wildfremden Menschen
verkaufen unter dem Motto: wer weiß, was sonst daraus geworden
wäre.
Das ist dann aber die passende Antwort auf den Standpunkt: Betriebe
aufmachen, Leute einstellen und dann Geschäfte machen, ist
in Ordnung, aber verkaufen, da fängt dann das Übel an.
Ich wollte auch noch demonstrieren, wie selbst die kindischsten
Überlegungen reüssieren als ernstzunehmendes Bedenk.
- Das Thema Antikritik von vorher wollte ich eigentlich gleich
an der Gretchenfrage ‚Arbeitgeber' abwickeln. Eine Teilnahme an der
ganzen Debatte inklusive ihrer Lügen und Ideologien ist nicht zu
haben ohne das Grunddogma "Kapital schafft
Arbeitsplätze"; nicht zulässig ist es allerdings,
dieses Dogma auch nur ansatzweise in Frage zu stellen, indem man
mal nachfragt: wer vernichtet eigentlich Arbeitsplätze? Beim
Schaffen gibt es ein Subjekt und wie ist es beim Vernichten?
Es gibt sogar in der gewöhnlichen Karriere von munteren
Jugendlichen
oder zum Protest aufgelegten Studenten einen Scheidepunkt - das
ist jetzt eine Ergänzung zu Punkt 3 (Kritik) -, an dem sich
der Mensch, die Gruppierung oder die Partei entscheiden muss:
will sie die riesige Stoffsammlung, woran sie im Namen ihrer Mitglieder
etwas auszusetzen hat, eins ums andere Mal herunterleiern und
je nach aktuellen Untaten der Gegner ergänzen oder den
Übergang,
der hier behauptet ist, machen zu: es braucht, um das, was einem
missfällt, was Schaden nach sich zieht, zu kritisieren, ein
Wissen darüber, wogegen man ist. Es kennzeichnet z.B. die
Geschichte revisionistischer Parteien, wo solche Anläufe
in der Geschichte der Arbeiterbewegung vorhanden waren, die aber
kläglich untergegangen sind. Das kennzeichnet auch Wendepunkte
in der alten Studentenbewegung bis heute.
Was bis jetzt noch nicht geklärt ist: wer hat damit angefangen,
diese kleine, durchaus berechnende Inszenierung vom Müntefering
- teils als Befürchtung, teils einfach feststellend - zu
übersetzen in: jetzt gibt es wieder eine Kapitalismuskritik
und -debatte. Es war wohl die Presse, denn die Missgunst der anderen
Seite, die am nächsten Tag aufgefahren wurde, schien dann
damit eher wieder rum.
Es ist wichtig, festzuhalten, wenn etwas über die
Kapitalismusdebatte
geschrieben werden soll, dass es dabei weder um den Kapitalismus
noch um dessen Kritik gegangen ist - eher ging es vielleicht
darum, ob man den hochgeehrten Beruf des Kapitalisten, der der
Gesellschaft solche Dienste erweist, überhaupt kritisieren
darf. Wenn vom Kapitalismus heutzutage die Rede ist - meistens
heißt er ja Marktwirtschaft - und dann Gesetze der Konkurrenz
oder so etwas Ähnliches erläutert werden, dann gibt
es nur Lügen und Irrlehren, noch nicht einmal die Irrlehren
der Volkswirtschaft, sondern nur deren Quintessenz werden dann
über das System erzählt. Das ist Reden über den
Kapitalismus, das gibt es, aber diesmal war das nicht der Fall,
es wurde über etwas geredet, was als kapitalistischer Auswuchs
definiert worden ist. Dabei kommt es schon darauf an, wer
‚Kapitalismus'
und ‚Kapitalismuskritik' sagt; es ist eben ein Unterschied,
ob jemand, der links ist oder mal ein anderes Wort statt immer
nur Marktwirtschaft benützen will, im soziologischen Seminar diese
Worte in den Mund nimmt - das kümmert niemanden -
oder ob so was von der Regierungsstelle ausgeht, da schlagen offenbar
die Alarmglocken. Da merkt man auch, warum immer die Fragen oder
Anträge aufgemacht werden und Beratungen drüber stattfinden:
was erwarten wir von unseren Eliten, von unseren Päpsten,
von unseren Autoritäten usw.
Wenn man die Debatte selber einordnen will und klären, warum
sie aufgekommen ist, dann ist der Ausgangspunkt vorhin schon
vorgekommen
und er wirft ein Licht auf das, was in unserem Land in der
Öffentlichkeit
Interesse findet, nämlich, dass das ein Beitrag zum Wahlkampf
war, zu der heißen Frage: wie lange hält sich noch
Rot-Grün? Ist jetzt nicht in Nordrhein-Westfalen eine
Schicksalswahl?
Was fällt der Regierungspartei noch ein, um die Niederlage
dort abzuwenden? Das hat die Aufmerksamkeit für den
Müntefering
und seinen Versuch geschärft, im Hinblick auf dieses
Großereignis
- Großereignis jetzt gar nicht in bezug auf den Kapitalismus,
sondern auf das Schicksal der Partei und der deutschen Nation
und der Sozialdemokratie als Regierungspartei - Einfluss zu nehmen
und den Schaden, den die Leute im Lande erleiden, zu benennen,
den sowieso alle Welt benennt und der SPD in die Schuhe schiebt
und das Augenmerk wird darauf gerichtet, ob und wie die SPD irgendetwas
hinbekommt, um diesen schwarzen Peter loszuwerden; dies ist eine
- fast möchte man sagen, wenn man moralisch wäre -
schmachvolle
Art, das öffentliche Leben der Nation als permanenten Wahlkampf
zu begutachten, so ungefähr: jetzt haben wir die Visa-Debatte
ausgelutscht, jetzt schauen wir mal, wie die Kapitalismusdebatte
weitergeht - beides unter dem Gesichtspunkt: wie hält sich
die Regierung? Das ist der Gesichtspunkt, über den unsere
Öffentlichkeit einsteigt, sie bringt die Debatte mit auf
und fragt sich gleichzeitig, ob die länger dauert als der
Wahlkampf in Nordrhein-Westfalen.
- ...Es gibt Befürchtungen... - nicht, dass die Leute
aufstehen und sagen: jetzt ist Feierabend mit den Heuschrecken!,
sondern es gehört sich einfach nicht mehr, dass man in dieser
Debatte an ein geschädigtes Interesse erinnert wird...
Da muss man aufpassen; an Geschädigte zu erinnern, gehört
zum guten Ton, das macht die CDU doch tagaus, tagein, die lässt
doch weder an der Regierung ein gutes Haar noch lässt sie
ihr auch nur einen nicht gezählten Arbeitslosen durchgehen
- also über geschädigte Interessen, gerade der Arbeitslosen,
bekommt man doch jeden Tag die Ohren voll gegreint aus allen
Kanälen,
bloß, wofür das steht - und da kann man dann sagen:
zu dem Elend nicht mehr SPD, sondern Kapitalismus sagen, darauf
steigt unsere Öffentlichkeit ein, weil sie durchschaut, dass
die SPD von sich ablenken will und dann wird ein Skandal darüber
hochgezogen, der heißt: aber darf man gleich Kapitalismus
dazu sagen? Nein, das darf man natürlich nicht und dann ist
man in der Schiene des obigen Beitrags drin, dass man den Schaden
nicht dem Kapitalismus zur Last legen darf und selbst, wenn man
sagt, der weltweite Turbokapitalismus steckt dahinter, ist man
im nächsten Atemzug beim Staat und der Regierung, die das
zu wenig managt. Es ist ja nie der umgekehrte Gedanke: Wenn schon
eine ganze Regierungsanstrengung und ein ganzer Staat nötig
ist, damit beim Kapitalismus wenigstens ein bisschen was Gutes
für die Leute rausschaut, dann schaue ich mir jetzt mal den
Kapitalismus an - der Übergang findet ja nicht statt, sondern
allenfalls der: wenn schon der Kapitalismus über Leichen
geht, dann muss man schauen, was die Regierungen machen, ob die
da auch richtig agieren und schon ist der Kapitalismus so quasi
als Naturereignis abgehakt. Da merkt man: eine lebendige Demokratie
sind wir schon - der Endpunkt demokratischer Kritik ist, wenn
sie anfängt und aufhört mit der Begutachtung, ob die
Regierenden ihre Sache gut machen. Die stehen immer unter dem
Verdacht, die positiven Funktionen nicht richtig aus der Sache
rauszukitzeln; darauf steigt der Müntefering ein und sagt:
es ist der Beruf der Sozialdemokratie, im Kapitalismus für
idyllische Verhältnisse zu sorgen und dafür haben wir
euch ärmer gemacht - eben die Geschichte mit dem
Dreiecksgeschäft.
- Ein Politiker, der seine Nation als geschädigt vom
internationalen
Finanzkapital ansieht, das wie Heuschrecken über sie
herfällt,
...kommt normalerweise nicht auf theoretische Kapitalismuskritik...
... aber die Befürchtung, er lässt den Worten Taten
folgen - ein neues Börsengesetz, dass amerikanische Hedge-Fonds
nicht mehr in Frankfurt spekulieren dürfen - die ist doch
obsolet.
Die Funktion von dem Ganzen ist, dass welche schreien können:
das verschreckt das Kapital - egal, ob das Kapital wirklich erschrickt.
Wenn ein Politiker, der an der Macht und in der SPD so etwas sagt,
dann hetzt er die auf, die man endlich losbekommen hat, nämlich
die, die Kapitalismuskritik und Klassenkampf auf ihre Fahnen
geschrieben
haben, die waren - auch durch den Niedergang des östlichen
Kommunismus - stumm geworden. Der autorisiert quasi die, die zum
Schweigen gebracht worden sind, doch an ihrer Kapitalismuskritik
festzuhalten, vielleicht wieder etwas in die Richtung zu unternehmen.
Das ist eine Befürchtung, die so geheuchelt ist wie alles
andere auch, aber darüber wird die Verwerflichkeit dargestellt:
solche Unvorsichtigkeiten, Geschmacklosigkeiten und
Ungeschicklichkeiten
eines Politikers führen zu so etwas. Bei den Kapitalisten
dasselbe: wenn so etwas in Deutschland gesagt werden kann, was
soll da das internationale Hedge-Fonds-Wesen denken.
- Wahrscheinlich ist am Anfang schon geklärt worden, warum
der Müntefering das gemacht hat, aber mir ist noch folgendes
dazu eingefallen: Mit der Neugründung dieser Partei links
von der SPD, dass er da noch ein mögliches sich Abspalten
des Wahlvolks fürchtet.
Klar, und das sagt er fast schon selber dazu und alle Schlaumeier
sagen: das tut der Seele der Partei gut. Das ist doch das
Allerleichteste,
aufzuspießen, was er damit erreichen will. Es ist wirklich
nicht die Einleitung einer Debatte: Braucht die Nation eine neue
Wirtschaftspolitik? Das sagen sie sogar auch selber dazu: die
Debatte ist nicht gemeint, sondern das wird Bestandteil eines
neuen Grundsatzprogramms und kaum haben sie das gesagt - die Partei
kriegt ein neues Grundsatzprogramm - beeilt er sich, dazuzusagen,
dass ein Grundsatzprogramm etwas anderes ist als ein
Regierungsprogramm.
Was will man denn jetzt noch hören? Soll jetzt explizit noch
einmal erklärt werden: und ich habe es übrigens
folgendermaßen
gemeint - fast sagen sie ja, wie sie es gemeint haben. Das ist
das, was dann alle zu großer Form auflaufen lässt und
dann können sie alle sagen: ich habe herausgefunden, er meint
es nur berechnend. Das ist noch das Primitivste in der Demokratie,
in jeder Äußerung die Berechnung ausfindig zu machen
und dann ist das Fatale: kaum hat man sie ausfindig gemacht, immer
noch die Entscheidung offen steht, ob man dafür oder dagegen
ist und wen man eigentlich wählen soll und da wählt
ein anständiger demokratischer Wähler sicher nicht den,
der ihm am naivsten und gutgläubigsten vorkommt, sondern
den berechnendsten Cleverle. Also von wegen die Berechnung ausfindig
zu machen, wäre auch schon die Kritik des vorgetragenen
Standpunkts.
Darauf steigen sie alle ein und was eigentlich der ganze Blödsinn
dieser Kritik ist, kommt nur noch in so einer verrückten
Form vor, dass man sich dem anschmiegt und quasi sagt: Ja, das
trifft meine Betroffenheit, aber ob ich dem das glaube.
Die großartige Frage mit ihren vielen Seitenästen -
dass das für den Wahlkampf berechnend vorgetragen worden
ist, ja klar, aber darf ein SPD-Politiker so eine Kapitalistenschelte
machen? - ist auch so eine Manier, viel Zeug zu vermuten und zu
erzählen, ohne zu klären, was er aus seinen niederen
Beweggründen an Dummheiten in die Welt gesetzt hat. Es gibt
eine Kritik am Müntefering, die sich nicht mit dem befasst,
was er gemacht hat.
- Der Westerwelle hat in den verschiedenen Talkshows, die es
zu dem Thema jetzt gab, gebetsmühlenartig wiederholt, dass
Deutschland wachstumsmäßig das Schlusslicht ist in
der EU, aber nach der Diskussion muss man ja sagen, das kommt
ausschließlich von der anderen Seite, also von der, die
sagt: da kommt man ja nie auf einen grünen Zweig, wenn man
mit so einer Schelte anfängt.
Es wäre was anderes, wenn die Regierung das sagen würde,
aber die beeilt sich doch, auf eine Prognose von 0,7% Wachstum
- und das ist nun mal der Hauptfetisch in einer kapitalistischen
Gesellschaft - einen draufzusetzen und zu sagen: nein, die ist
besser als die sagen. Von diesem Geschrei über Kapitalismuskritik
muss man richtig trennen, dass es natürlich laufend
Regierungstätigkeit
gibt und jetzt eine darauf abzielt, ausländischen zugereisten
Arbeitskräften das Leben schwer zu machen. Dass die
Mindestlohndebatte,
die es schon mal vor einem Jahr gab und die da ausgegangen ist
wie das Hornberger Schießen und aus der nichts gefolgt ist,
jetzt wieder auflebt und dass sich eine Gesetzesinitiative abzeichnet
(man könnte sich mal darüber unterhalten, was die praktisch
bewirkt), ist kein Zufall. Damals ist die Debatte aus dem Stanpunkt
erwachsen: o.k., wir senken den Lohn, aber wenn wir ihn schon
laufend senken, muss man dann nicht irgendwann mal das Problem
ins Auge fassen, ob die Menschen davon überhaupt noch leben
können. So ist es damals aufgekommen, dann ist es hin und
her gewendet worden mit dem Schluss: diese Frage aufzuwerfen,
ob man davon leben kann, ist eigentlich kontraproduktiv, wir lassen
mal die Finger davon - ob sie davon leben können, werden
die Gewerkschaften und ihre Mitglieder schon alleine regeln. Jetzt
kommt das Thema wieder auf und die Frage, wo man die Grenze ziehen
soll, auch und wieder die alte Front: die Gewerkschaft Nahrung,
Genuss, Gaststätten möchte einen Mindestlohn überhaupt
dekretiert haben, weil sie sich nicht traut, einen branchenspezifischen
durchzusetzen. Dass das jetzt wieder aufkommt, ist schon das Resultat
eines nationalen und von der Regierung so gesehenen Problems,
nämlich dass es eigentlich gar nicht um Mindestlohn für
Löhner geht, sondern um das Schicksal von Branchen, wo -
wie der Kanzler sagt - grundsolide deutsche Betriebe an der Konkurrenz
von auswärts zugrunde gehen, das darf nicht sein. Wenn die
Unternehmer das auch so sehen und mit den zuständigen
Gewerkschaften
national flächendeckende Tarifabschlüsse tätigen,
darauf können wir als Regierung einsteigen und das verbindlich
machen und dann dürfen die Billigheimer von außen nicht
mehr rein. Wie gesagt, die Regierungstätigkeit hört
ja nicht auf über dieser Kapitalismusdebatte und vielleicht
möchte der Müntefering es sogar wie eine Nutzanwendung
seiner Debatte verstanden haben, aber es hat vom Ausgangspunkt
und der Sache her nicht besonders viel miteinander zu tun -
höchstens
unter dem Gesichtspunkt, dass dann die Regierungspartei wieder
sagen kann: wir tun etwas für euch, was auch immer.
- ...Das hat ja auch die andere Seite, der Westerwelle sagt,
dass die Regierungspartei Deutschland mit flächendeckenden
Lohnregelungen kaputt macht.
Während die CDU dasselbe auch wieder als Vorwurf gegen die
Regierung, die hätte das eigentlich nicht erst jetzt im nachhinein
mit einer Zuwanderungsregelung und flächendeckenden
Tarifverträgen,
sondern schon im vorhinein mit der Freizügigkeit für
die Slawen im Osten anders steuern müssen. Es ist noch nicht
klar, was aus dieser Initiative wird, aber das muss man auseinander
halten; es ist nicht so, dass man sagen könnte: da sieht
man, wie substanziell die Kapitalismusdebatte ist.
Es ist doch komisch, sich die Frage zu stellen: wie ernst ist
diese Kritik gemeint, liegt da ein Zerwürfnis vor, wenn die
Beschwerde von Seiten einer Regierung kommt, die jahrelang nichts
anderes zu tun gehabt hat als zu sagen, sie weiß, wo der
Weg längs geht, was ihr ja auch berechnend als inkonsequent
vorgehalten wird. Da ist doch die Frage komisch, ob es jetzt ein
grundsätzliches Zerwürfnis gibt zwischen Staat und Kapital,
noch ohne dass man daran denken muss, was macht die Regierung
alles oder nicht, sondern was sie gemacht hat, ist doch ihr Bekenntnis
zur Freiheit des Kapitals und zur Globalisierung. Die Unzufriedenheit
war dabei der Motor für die Maßnahmen, die sie gemacht
hat und nicht andersherum, sie hätte die Maßnahmen
gemacht und jetzt ist sie abgrundtief unzufrieden und sagt: was
haben wir da angerichtet? Es geht doch gerade anders herum: die
Unzufriedenheit mit dem Standort war der Motor dafür, zu
sagen: wir setzen das Kapital frei und schaffen ihm neue Bedingungen
und jetzt kommt es daher, als ob die Regierung eine Erfolgsprüfung
an- und feststellt: hat nicht funktioniert und die Debatte wäre
so was wie das Wetterleuchten davon. Dieser falsche Gedanke liegt
dem immer zugrunde, wenn man sich fragt, wie ernsthaft hier ein
Dissens vorliegt.
Man kann sagen, der Ausgangspunkt ist die Unzufriedenheit erstens
mit der Vielzahl der Arbeitslosen, die ja auch ein Indikator für
mangelndes Wachstum sind und das reflektiert natürlich auf
die Regierungspartei eine Unzufriedenheit damit, dass ihr das
in die Schuhe geschoben wird. Wo setzt die Kritik vom Müntefering
jetzt da an? Natürlich bei dem allgemeinen Leiden und er
hat für dieses Leiden eine Erklärung: sie als Regierung
hätten nicht etwas falsch gemacht, sondern alles richtig
und die andere Seite bleibt den Ertrag, den man sich doch davon
versprochen hat schuldig - so als ob es ein deal mit den Kapitalisten
gewesen wäre. Das war der Ausgangspunkt überhaupt für
das, was da abgelaufen ist.