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Jour fixe München 4.4.2005

Zum Tod des Papstes

Vorlage

Ein Fest des aufgeklärten Fundamentalismus

Die "größte moralische Führungspersönlichkeit" unserer Zeit ist gestorben. Dieser Papst, ein großer Papst, für den "der Mensch im Mittelpunkt" stand, hat eine Ära geprägt. Und die Menschen dazu, ob katholisch oder nicht. Selbst Atheisten haben ihn verehrt, dabei war er gar nicht für die, sondern "ganz für seine Kirche da". In der waren viele seiner Verehrer anderer Meinung, was ihm aber auch nicht weiter geschadet hat. Mit seinen Gegnern in der Kirche ist er ebenso hart umgegangen wie mit Kommunisten. Er war außerdem "der erste Medienpapst", das hatte seinen Preis: ein stiller Tod blieb ihm verwehrt, weil er selbst hauptdarstellerisch deutlich machen wollte, "dass Tod und Leiden Teil unseres Lebens sind" ...

0. Es ist eine Sache, sich die Welt moralisch zurechtzulegen, moralisch sein zu wollen und sich so zu geben; ein Welt- und Menschenbild zu kultivieren, das zu der Entdeckung führt, dass mancher sich gar nicht so benimmt, wie es sich gehört, und schließlich den Christlichen Glauben mit seinen schönen Textbausteinen, einer Gemeinde und einem Kirchenjahr, in dem dasselbe passiert wie im letzten, als den passenden Kanon für die eigenen Ein- und Vorstellungen zu empfinden.

1. Eine ganz andere Sache ist es, mit oder ohne ausgeprägten eigenen Glauben, mit und ohne Bekenntnis die Leistung zu loben, die ein gerade Verstorbener an der Spitze der katholischen Weltkirche hingelegt hat und darüber den Menschen dienstbar gewesen ist.

2. Das ist eben der Unterschied zwischen den verstaubten Feuerbach- und Marx-Zitaten (die waren von der Symbiose von Hirten und Schafen im Jammertal einfach nicht begeistert) und dem elitär-distanzierten Lob eines Hirten, dem sie nachsagen, er habe unheimlich lang das geliefert, was die Menschenherde an Orientierung so braucht.

Es kam folgende E-Mail:

"Menschen weinen minutenlang vor laufender Kamera, Staatsführer aller Nationen äußern tiefste Bestürzung, Polen steht tagelang still. Schwarz-rot-goldene Fahnen auf Halbmast usw. usf. Gefühlsduselige ZDF-Spezial-Sendungen tragen auch nicht gerade zur Klärung der Fragen bei, die sich einem weniger "besoffenen" Menschen stellen mögen. Warum braucht es einen Papst? Was macht der Oberchrist, wenn er um die Welt reist als gäbe es bald keine mehr (...und auch sonst den ganzen Tag)? Warum sind sich afrikanische Sluminsassen und dt. Bundespräsis auf so merkwürdige Art einig in ihrer Beurteilung (der "Bedeutung") der Lage - und wieso legt die Presse hier enormen Wert darauf das deutlich zu machen? Wieso sind alle Regierenden, und die die's werden wollen, so scharf darauf den Ring zu lutschen, der jetzt zerstört werden wird? Worin bestehen die 'Lebensverdienste' des verblichenen Papstes, die jetzt alle beschworen aber nie benannt werden? War's die Ächtung des Kommunismus, oder das Kondomverbot für Afrika? Auf diese und weitere von euch sicher noch zusätzlich aufgeworfene Fragen würde ich mir im nächsten GS einige Antworten erhoffen."

Einige von den angesprochenen Fragen, da bin ich mir sicher, darf man nicht darauf runterbringen, er solle sich nicht so blöd anstellen. Es ist schon merkwürdig, der Mann stirbt langsam vor sich hin und dann endgültig, und nicht nur die Bild-Zeitung, auch die Süddeutsche Zeitung trägt ihre neun Seiten zu dem Thema bei. Es ist ja nicht bloß die Frage, ob es nicht auch kürzer ginge. Es ist die Frage: "Was ist, aus der Sicht einer bürgerlichen Redaktion, das zu bemeisternde Objekt?" Es ist in einer Zeitung oder im Fernsehen ein Ausdruck von Wertschätzung in dem Sinn, es ist so wichtig, das hängt so hoch, es steht eine Zeit lang über allen anderen interessanten, also interessierenden Dingen, die es noch auf dem Globus gibt, dass das ganz vorneweg und ausführlich und immer noch mit einem Nachtritt Thema ist. Insofern sind die Fragen nicht einfach aus der Luft gegriffen. Man kann es auch gleich abkürzen und sagen: "Wir wollen einmal das Bedürfnis ermitteln, das solche Anstrengungen gebiert, wie sie jetzt bei der Befassung mit diesem Papstwechsel, diesem Todesfall festzustellen sind." Übrigens stimme ich nicht mit dem Brief überein, dass die nicht benennen würden, worin seine Verdienste bestehen - bloß, das scheint offenbar nicht ganz einfach zu sein.

Es geht dann schon um so schwierige, immanent anmutende Fragen wie: "Wie steht es denn jetzt mit der Bedeutung der Werte, die unter anderem und an oberster Stelle der Papst der Menschheit immer gepredigt hat, die dann an verschiedenen Gegenständen manchmal zur totalen Zufriedenheit der Einwohner des Westens ausgeartet ist, an anderen Stellen durchaus Widerspruch hervorgerufen hat?" Nehmen wir das Beispiel des Kondom-Verbotes für Afrika. Es gehört sich nicht, sagt er, obwohl verschiedene, auch mit Autorität versehene Instanzen sagen, dass es schon besser wäre, denn mit Aids und den vielen Kinder... Da war die Menschheit einschließlich Teilen der katholisch-gläubigen Menschheit nicht so sehr glücklich drüber. Es hat also Widersprüche gegeben. Manchmal hieß es: "Das ist halt ein Erzkonservativer." Es ist dann nicht mehr um Glaubensfragen gegangen. Wenn auf der einen Seite der Glaube steht, und die Leute ihn haben, und sie sich auf der anderen Seite in einer Welt bewegen, in der es Geld gibt, Ausbeutung, Arbeitslosigkeit, Ehestreitigkeiten und Aids und noch vieles andere dazwischen, wie steht der Christ mit seinen Werten zur Welt? In solchen Fragen, die dann der Papst kommentiert oder dazu Empfehlungen ausspricht - Fatwa nennt man das -, in solchen Angelegenheiten sagt er: "Hier ziemt es sich für einen, der glaubt, das zu tun und das andere zu lassen." Das stürzt zwar durchaus einige seiner Glaubensbrüder in Gewissensnöte, weil er ihnen mit ihrem bisschen Verstand, den sie aus ihrer Erfahrungswelt, der Welt des Zurechtkommens in dem Zeug, sich erarbeitet haben, locker mitteilt, dass es von Vorteil, von Nutzen und sogar als Liebe zu verzeichnen wäre, wenn man im Beispiel der Verhüterli Abstand davon nähme. Da ist eigentlich nichts dagegen zu sagen, und jetzt kommt der Trottel aus dem Vatikan und sagt: "Im Namen des Glaubens ist das verwerflich." Auf alle Fälle haben sich Stimmen dagegen geregt. Es waren Fragen, die betreffen das Verhältnis von Christ und Welt. Inwieweit taugt der Glaube über die Einstellung interpretierend zu all dem, was man mitmacht - mitmacht in dem Doppelsinn: Was man erlebt und wozu man sich hergibt - über die Einstellung hinaus als Leitfaden in Bezug auf das, wofür man eintritt - richtig als Entscheidungsgrundlage für: "Das stünde an. Das liegt im Bereich meiner Wahl. Ich kann wählend reflektieren, ob ich es so oder anders mache." Und dann sage ich: "Aufgrund meiner Grundüberzeugung unterlasse ich das heute." Der Glaube will Leitfaden für das Tun, für das Handeln werden, wie andere Moralvorstellungen das auch tun. In solchen Fragen ist es öfters zum Zerwürfnis gekommen zwischen der offiziellen Meinung des Vatikans und dem, dass das inkriminierte Prinzip aufgrund der praktischen Notwendigkeiten, die sich eingestellt haben, schon längst in der Welt ist. Diese Prinzipien sind schon unterlaufen in der Welt; man kann es fast ironisch sagen, der Markt hat sie erzwungen, es sind Möglichkeiten, die es für die Lebensbewältigung gibt, die käuflich sind. Und der Papst behauptet sich noch fortdauernd. Jetzt rennen die Leute durchaus mit Glauben bestückt in einer Welt herum, in der sie praktische Handreichungen haben für die Bewältigung des ein oder anderen Alltags- oder Lebensproblems, und der Papst sagt: "In solchen Fragen gibt es Grundsätze, die das nicht zulassen." Solche Themen, aus dem Bereich Christ und Welt, bilden die Abteilung, zu der es heißt: "Na ja, er hat uns auch schon manchmal genervt. Er wollte uns schon manchmal Sachen einschenken, die nicht mehr in die heutige Zeit passen."

Die andere Seite. Anlässlich der Auseinandersetzungen mit den Arabern mit ihrem Allah ist laufend die Forderung auf dem Tisch, die sollen Staat und Kirche trennen. In unseren Heften gibt es Formulierungen, die dies zu fassen versuchen: Bei uns ist Religion zwar nicht bedeutungslos, aber Glaube, Religion als eine Fassung des Moralisierens Eingeborener oder Fremder, von Bürgern halt, sind Privatsache, aber sie sind nicht verknüpft und Leitfaden der politisch Mächtigen, der Handelnden, derer, die die politische Herrschaft ausüben. Das ist auseinandersortiert; dann gibt es Formulierungen wie: Privatsache. Da merkt man, dass das ein gutgemeinter Versuch ist, das einmal so auszudrücken, der aber spätestens mit der Kampagne jetzt widerlegt ist. Was ist denn da Privatsache, wenn man seinen für gutes Geld erworbenen Gong wegschmeißen muss, weil er wochenlang nicht gilt? Es gibt zwar nach wie vor Börsen, Fischer-Skandale usw., aber alles wird eine Zeit lang relativiert. Dann ist es doch keine Privatsache mehr. Jetzt stehen die Zeitungen voll mit Auskünften meist wichtiger Leute, von Autoritäten des weltlichen Lebens: Reichen, Schauspielern, Politikern. Die werden befragt und verteilen Noten an den Papst. Wozu eigentlich? Sollen sie doch ihre privaten Noten verteilen - nein, sie verteilen sie schon wieder ans Publikum, damit man wirklich nicht versäumt, was einem da mit dem toten Mann entgangen ist. Von wegen also Privatsache! Die vierte Gewalt zettelt unter Zuhilfenahme auch der ersten, derer, die regieren und das Sagen im Land haben, eine Kampagne an, die ihr sehr wichtig ist und die darüber geht: Es ist diesem Mann immer eine begründete Wertschätzung entgegengebracht worden, und jetzt, im Angesicht seines Todes, erneut und erst recht entgegenzubringen. Da kann man doch nicht sagen, die Trennung von Staat und Kirche sei bei uns prächtig gelungen und Glaubenssachen seien Privatsachen. Das Land wird also überzogen, die Frage heißt: Womit?

Nächster Witz. Was dürfen denn die Fundamentalisten mit ihrem Allah nicht? Sie dürfen sagen, er sei der Größte, das ist erlaubt; sie dürfen sich fünfmal täglich hinknien. Was sollen sie denn unterlassen, was ist bei ihnen das Verkehrte mit ihrer Religion? Ja wenn sie zu Demut, zur Ordnung und zum sittlichen Benehmen führt, ist sie dort hinten genauso recht wie hier. Wenn sie sich aber anmaßt, politischer Leitfaden für die Ausübung von Herrschaft, auch für den Sturz von Herrschaft zu sein - z.B. in den USA zwischen den beiden Türmen -, dazu darf sie nicht herhalten. Jetzt lest einmal unter dem Gesichtspunkt die seitenlangen Kommentare der letzten Tage: Den Papst loben sie dafür, dass er mit Glauben nach Polen gezogen ist - die haben dort ja schon selbst ihre Madonnen gehabt, und die Christen sind keine Arbeiteraufständler in dem Sinn gewesen, der Papst hat nicht die Arbeiter und ihre Interessen vertreten, sondern hat sie eingewickelt in ein nationalistisch, polnisches, katholisches Zeug, dass einem damals schon schlecht geworden ist. Jetzt schreiben sie eiskalt hin: Der Glaube war als wichtige flankierende Maßnahme, nicht als fünfte Kolonne, sondern als richtige Kampfabteilung unterwegs, war der Anknüpfer an das polnische Glaubenswesen; der Export von Glauben und Werten, die dazu gehörten und immer westlich sein sollten, war die Bewaffnung Nummer zwei des Westens für die Mobilisierung von Leuten dort, die mit ihren Oberen unzufrieden waren. Sie haben kein Problem damit, dass das doch das Muster ist, das wir den Allahmännern verbieten. Auch hier: Warum geht das so? Was ist eigentlich die Wertschätzung, die dem Glauben und, stellvertretend für ihn, - das ist eigentlich schon die Auflösung - der öffentlich befolgten Moralität da das Wort geredet wird anlässlich des Papstes. Was hat der geleistet? Wenn ich mich bei einer Zeitung melde, weil ich dort gedruckt haben will, dass der und der ein feiner Max sei, die mich fragen: "Inwiefern?", und ich antworte: "Der hat vielleicht eine Orientierung unter die Leute gebracht", würden sie mich ins Irrenhaus stecken. Genau das Muster funktioniert aber beim Papst. Da kann ein Kanzler Schröder sagen: "Dieser Mann hat die Menschheit herumorientiert, dass es gescheppert hat, und so etwas braucht's!" Der braucht in dem Moment noch nicht einmal zu sagen, inwiefern und worauf hin der Papst da orientiert hat, und mit was für Argumenten. Offenbar sind solche Kürzel für den heutigen Verstand gute Zusammenfassungen der Leistung, die die Kirche als immer noch lebendige und wiederbelebte Spezialabteilung bürgerlicher Moralität zu leisten imstande ist. Es ist sonst nicht unser Geschäft, dieses hier unter Punkt 1 und 2 Versuchte. Eigentlich hätte man drei Punkte draus machen müssen. Es ist eine Sache, wenn sich jemand moralisch betätigt; er hat seine Lebenserfolge und Misserfolge; er hat Maßstäbe, die andere gesetzt haben, die andere herstellen und täglich ändern: Die Geschäftsordnung in der Wirtschaft, im Schulleben, im Eheleben und Eherecht. Die Maßstäbe dessen, was da erlaubt und verboten ist, werden immer von anderen gesetzt und verändert. Der Mensch bekommt also immer mit, was sich gehört und nicht gehört. Wenn er dies subjektiv auch so auffasst: "Also dann weiß ich, was sich gehört.", und blickt in seine Nachbarschaft, dann entdeckt er überall Leute, die haben entweder Erfolg, ohne dass sie tun, was sich gehört, oder sie haben Erfolg, weil sie immer tun was sich gehört, oder sie tun immer was sich gehört, sind aber die größten Aschlöcher und kommen zu nichts. Wenn sie einen Faulenzer unter den Arbeitslosen entdecken wollen, finden sie ihn: Immer Anstand und Erfolg, wechselseitig überkreuz und durcheinander gebracht, ein Kritikwesen über die ganze Welt ausgebreitet und dann am Schluss noch über sich selbst: "Ich bin ja auch ein Sünder und fehlbar." Wer das macht und gar noch zum gläubigen Christen wird, dem kann man sagen: "Schön doof. Eine Eigenleistung, die zu deinem Schaden gereicht, die du sogar als kritisches Umherspähen in der Welt und als selbstkritischen Umgang mit dir verstanden haben willst. Die aber genau das Gegenteil ist. Die nichts und niemanden kritisiert, sondern einfach teils Selbstgerechtigkeits- teils Gerechtigkeitswahn ist in einer Umgebung, die den gut brauchen kann. Es ist nämlich ein Weg des Zurechtkommens in deinen Umständen, die dir ganz und gar nicht behagen." Dann habe ich die Doofen abgehandelt.

Zweitens finden sich dann welche und sagen: "Die Betreuung solcher Doofmänner übernehme ich gern. Ich werde Pfarrer oder mehr davon." Eigentlich hätte man die zweite Abteilung noch einschieben müssen. Es sind Leute, die ein eigener Stand geworden sind, sind aber von der weltlichen Gesellschaft merkwürdigerweise mit Autorität ausgestattet. Autorität nicht in dem Sinn, wie sie ihn im Kirchenapparat in der Hierarchie dort genießen, sondern im Sinne der Anerkennung. Und das Dritte, das steht hier unter Punkt 2, ist das heutige Lehrstück, das wir dieser Tage auch schon wieder ohne zu murren über uns ergehen lassen: Dass eine bürgerliche Öffentlichkeit mit den modernsten Mitteln nichts besseres zu tun hat, als quasi diesen zweiten Stand in den höchsten Spitzen seiner Hierarchie für die Leistung zu loben, nämlich die vom ersten Punkt, die Doofmänner laufend mit Nahrung zu versorgen. Diese weltlichen Säue, diese intellektuellen Öffentlichkeitsarbeiter kommen jetzt daher und sagen: "Das ist gut so."

Nehmen wir den Bundespräsidenten Horst Köhler: "Seine menschliche Wärme hat fasziniert, seine spirituelle Kraft hat überzeugt." Könnt ihr so etwas auflösen?

Es ist eine verschwiemelte, aber doch, es ist eine Anspielung auf die moralische Betreuung von Menschenkindern. Was kann man sich unter "spirituelle Kraft" vorstellen? Kann er Kopfrechnen? Das sind die Fragen. Es geht um Leistungen auf dem Feld, wo man steht und Eindruck macht. Da braucht man nicht zu sagen: "Dadurch, dass er einen Brocken Wissen verzapft hat, sondern dass er Einfluss genommen, Eindruck gemacht hat." Spirituelle Kraft sonst kann es nicht sein.

- Wenn du von Anhänglichkeit gesprochen hast, dann ist man doch bei der Abteilung unten. Köhler steht mehr für die andere, schon erwähnte Abteilung des Lobs der Leistung des Papsts. Wenn der von spiritueller Kraft spricht und davon, dass er das geschafft hat, die Menschheit zu überzeugen, dann ist das doch das Interesse, was da zum Ausdruck kommt, dass so etwas als Leitlinie für die Menschheit existiert, und er spricht zugleich auch eine Zufriedenheit mit der Wirkung, die der Papst hat, damit aus.

Aber halt nicht so klar und genau, wie es unsereiner darin dann doch entdeckt. Das sind doch die gestanzten Ausdrücke für nichts anderes als dieses Eindruckswesen. Das kennt man aus Kunstrezensionen. Man geht aus einem Kino oder einem Theater raus und könnte sagen: "Das hat sie aber gut hingekriegt." Dann redet man über z.B. die schauspielerische Leistung oder so etwas ähnliches. Wenn man aber sagt: "Die ist faszinierend.", drückt man als Eigenschaft von dem Schauspielluder den Eindruck aus, den es auf einen selbst gemacht hat.

Schröder macht es anders: "Johannes Paul II. hat durch sein Wirken und seine beeindruckende Persönlichkeit unsere Welt verändert." Wer hat denn noch alles die Welt verändert?

- Na grad der Schröder selber.

Eben. Die ändern doch jeden Tag die Hartz-Gesetze. Jeder, der etwas zu melden hat, verändert immerzu die Welt, bloß die anderen Deppen haben sich darein zu fügen. Marx selber hat schon aufgeschrieben, dass das Kapital selber alles in seinem Sinn dauernd umwälzt. Kein Stein bleibt auf dem anderen.

Bush sagt gleich: "Die Menschheit haben einen Verfechter der menschlichen Freiheit verloren." Da soll man auch nicht fragen: "Was ist denn das nun schon wieder, die menschliche Freiheit? Wie geht denn die?" "Das ist doch abgemacht, das ist das über alles Gültige, das, wofür ich auch regiere." Das sind doch in dem Sinn keine Rätsel. Klar, der fängt jetzt nicht an und schreibt einen gescheiten Aufsatz für den GegenStandpunkt über ‚Freiheit, wie geht das?'. Wozu auch, der diktiert sie doch gerade über die ganze Welt. Da kann sich Bush hinstellen und sagen: "Das war einer von uns. Der hat ungefähr dasselbe im Kopf gehabt wie ich auch."

Putin ist noch lustiger und sagt: "Er war eine herausragende Persönlichkeit unserer Zeit, mit der eine ganze Ära verknüpft ist." Da fragt man sich auch wieder, wie hat es die Ära geschafft hat und wo der Knüpfer ist. Das sind Fragen über Fragen, nur steht andererseits die Antwort fest. "Der war wichtig, hat eine Rolle gespielt", zu mehr lässt der sich nicht hinreißen und redet nicht darüber, ob ihm alles recht war. Während bei Bush, Schröder und Köhler klar ist, dass es ihnen recht war und dass es gut so war.

Gorbatschow geht natürlich weiter: "Sein Tod ist ein riesiger Verlust für alle Menschen guten Willens." Manche sind noch härter. Der gemeinsame Nenner von allem ist, ihm Bedeutung zusprechen. Bei allen Stimmen, Berichten, Bebilderungen und Interpretationen seiner Leistungen steht eins fest: Die Bedeutung ist riesig und positiv dazu. Keiner hat etwas Schlechtes an ihm entdeckt. Umgekehrt: Die Bedeutung kann man auch auf sein eigenes Anliegen beziehen, eine ganz gemeine Übung. Klar, ein Präsident der Wirtschaft oder von der Mannschaft, die Polen erobert hat, bezieht ihn ein wenig mehr auf sein eigenes Handwerk.

- Denen ist schon gemeinsam, dass sie an ihm den Antikommunisten würdigen, dass er die Durchsetzung der Demokratie in diesen Ländern ins moralische Recht gesetzt hat.

Gut. Dann ist das gesagt. Dann kommt aber speziell noch ein deutscher Politiker und sagt dasselbe mit dem Zusatz: "Ohne ihn ist die deutsche Wiedervereinigung undenkbar." Da hat er also noch eine Spezialisierung in das Programm eingeführt. An das habe ich gedacht. Der allgemeine Nenner: Nicht Kommunismus, sondern Glauben und Überzeugung von Freiheit des Christenmenschen, ist allen geläufig. Und das ist schon schlimm genug. Das nächste ist, dass alle noch damit kommen, dass er irgendwie für alles Gute einen Anstoß gegeben habe. Tja, dann muss man aber erst das Gute kennen und zwar so genau wie die, die sich da äußern. Ist klar, dass, auch wenn schon darüber etwas gesagt worden ist, die Frage steht: Was fällt denen ein? Warum dieser enorme Rummel? Warum diese methodische Stellung zu den Ereignissen, zu seiner Bedeutung? Die Würdigung seiner Leistung ist die eine Abteilung. Bei dieser gibt es ein Abfallprodukt, das Leute, die von sich selber sagen, sie hätten es gar nicht so sehr mit der Welt des Glaubens, dazu bringt zu sagen: "Respekt, Respekt." Was ist das für ein Kunststück, methodisch zurückzutreten? Man redet über Glauben, Christ und Welt, Kirche und Kommunismus usw. - das sind handfeste Sachen -, und dann redet man doch nicht darüber, sondern kommt bei der Würdigung von Mensch und Amt darauf: "Das ist gut so.", ohne Anhänger des Papstes oder dieses Glaubens zu sein. Was sind das für welche?

- Grad so ein Mensch ist doch einer, der ganz ohne Inhalt so etwas wie eine Autorität will, Respekt vor ihr haben will. Im Falle des Papsts ist es halt so, der hat Autorität, und dem leistet er auch seinen Respekt ab. Dieses seltsame Bedürfnis, von Leuten gesagt zu bekommen, was richtig, was falsch ist, wie er sich zu benehmen hat - seltsam insbesondere deshalb, weil die Leute andererseits immer der Meinung sind, dass sie gerade hier bei uns doch nun wirklich frei seien und selber entscheiden könnten, was sie wollten.

- In der funktionalen Betrachtung geht es doch mehr darum, dass man Wert darauf legt, dass andere diese Stellung zur Welt, dass andere ein moralisches Gemüt haben.

Zu ‚anderen' kann man dann auch gleich ‚alle' sagen, dass ist dann auch schon gleich. Das Stichwort lautet also ‚funktional'. Das sind Leute, die machen jetzt ausnahmsweise einmal keine soziologische, politologische, kommunistische oder andere Theorie oder Ideologie auf, sondern reden über die Funktion, die ihnen an dem Zeug jenseits der Frage, ob sie etwas davon innerlich oder so haben, so gut gefällt.

- Und darüber ist so viel schon klar, dass das gute Funktionieren des Gemeinwesens hierzulande und sonst wo auf der Welt daran hängt, dass der Mensch sich als braver Bürger zur Obrigkeit stellt.

Das ist jetzt eine Behauptung, über die etwas nachzudenken ist. Das ist nämlich eine These, dass die den Tod des Papstes zum Anlass nehmen, den ungeheuren Bedarf an verkündeter, vermittelter und befolgter Moralität, den die Welt heutzutage hat, zu loben und dem nachzukommen. Der Beitrag eben ist in einem Punkt sogar schärfer, es gab da das ‚ohne nicht'. Die haben offenbar gemerkt, dass ohne eine anständige Portion von Moral, die immerzu unter die Leute gebracht wird und auf die dann auch gehört wird - also viel Anstandspredigten und in deren Gefolge halbwegs viel praktizierter Anstand -, das heutige Programm, sei es Hartz IV-mäßig, sei es weltkriegsmäßig, gar nicht mehr zu haben ist. Das war vielleicht früher ohne das auch nicht zu haben, aber jetzt verspüren die den Bedarf. Das war die Aussage.

- Das merkt man doch auch an dem Umgekehrten. Wenn Kritik am Papst geübt wurde, beispielsweise bei der Frage der Kondome, wäre doch das Naheliegende, den Negern zu sagen: "Hört bloß nicht auf diesen Trottel. Der will folgendes: ..." Sondern da ist den Leuten, die da den Papst kritisieren, klar, dass die Leute keinesfalls mit Argumenten behelligt werden, warum sie die Kondome nehmen und auf den Papst nicht hören sollen, dass sie eine Autorität brauchen, der sie gefälligst folgen. Jetzt in dem Fall zumindest eine, die sie nicht davon abhält, etwas zu tun, was der Sprecher für das Gemeinwesen für notwendig erhält. Man merkt da die elitäre Stellung, dass man mit diesem ungeheuren Moralbedarf allen anderen Leuten zumutet, dass sie folgen, gehorchen, aufgrund einer moralischen Autorität etwas tun, nicht aus einer Einsicht.

Fast ist damit die Spitze erreicht. Es wurde von ‚die' geredet, wer sind die?

- Welche, die es wichtig für andere finden, dass sie eine moralische Autorität haben, die ihnen zeigt, wo es lang geht.

... und die kraft ihres Amtes, ihres Berufes in der Öffentlichkeitsarbeit: Fernsehen, Presse usw., befugt sind, jetzt nenne ich einmal ein interessantes Wort aufzuklären, worum es geht. Jetzt vergleicht einmal mein Wortspiel die sind die Aufklärer, sonst würde man ja keine Zeitung kaufen, wenn nichts drin stünde, damit man es erfährt , diese Aufklärungsmannschaft verkündet einen Inhalt, der nichts weiter ausdrückt wie: Nicht Aufklärung, sondern das Gegenteil davon tut Not! Das brauchen die Menschen. Vor einem Jahr hat der Bundespräsident einen Generalangriff auf unsere Gemüter gemacht und behauptet, wir wären in einer Wissensgesellschaft. Da haben sie irgendwie einen Kurzschluss gehabt. Jedes kleine Kind steckt einen Stecker in die Wand, ein Kasten (Computer) fängt an zu flimmern und druckt Buchstaben - dann sagen sie: Daran sieht man, dass wir in einer Wissensgesellschaft sind. Dann wollen sie Nobelpreisträger züchten, eine Elite wollen sie haben, gute Unis und lauter so Zeug. Jetzt vergleicht dies einmal mit dem Vorliegenden: Nein, sie wollen auch noch ganz anderes Zeug haben. Das erleben wir jetzt. Sie behaupten, dass in diesem Laden noch ein ganz anderer Bedarf herrscht, über den "aufgeklärt" wird: Wertorientierung, Sinn, Bescheidenheit, an der richtigen Stelle der opfernde richtige Einsatz. Wie kommt so ein Mist zustande, dass dieser Darsteller, dieser Inszenierer im Vatikan dauernd interpretiert wird ("Wir haben dem beim Stottern, beim Sterbenskranksein zugeschaut. Und jetzt haben wir es gemerkt.") als einer, an dem man endlich erkannt haben will, dass Tod zum Leben gehört, oder Teil des Lebens ist? Das stimmt übrigens nicht, dann ist Schluss aber das ist nur eine wissenschaftliche Fußnote. Der vorherige Beitrag soll dahingehend zugespitzt werden: Es ergeht von der Mannschaft in dieser Gesellschaft, die dazu berufen ist oder sich selbst dazu berufen wähnt, aufklärerisch zu sein (in Presse, Funk und Fernsehen), ein eindringlicher Hinweis, dass das Gegenteil: Gegenaufklärung, das passende Lebensmittel dieser Gesellschaft mit ihrer Sorte Armut, Weltpolitik und Krieg ist. Die Beispiele dafür, woran man es sieht, dass es das braucht, sind leicht zu haben: Ein Bild, wo der Papst einmal ein kleines Negerkind gestreichelt hat - da hat man es - schon ist es auch noch bebildert. Das kann man so weit übertreiben, dass man sagt: Gott sei Dank gibt es solche Instanzen und solche Personen, die man dafür loben kann, ohne die man fast schon Angst haben müsste, dass wir verwahrlosen würden. Sonst würde man am Ende noch auf einen ganz anderen Trichter kommen und sagen: Das ist doch alles ein Krampf, dafür gebe ich mich nicht mehr her. Klar haben sie jetzt keine Angst vor einem Klassenkampf - den sehen sie nicht. Aber abstrakte Aufkündigung der Gewohnheit des Mitmachens haben sie immer im Visier, auch wenn sie gar nicht unterwegs ist.

- Die ganzen politischen Lobhudler sind die Nutznießer dieser Gewohnheit des Mitmachens.

Na klar. Sie haben kein Problem damit, ihre eigenen Werke, eigenen Vorteile und Leistungen auf die des Papstes und seine Unterstützung zu beziehen. Solche Mitteilungen gibt es haufenweise. Man kann darauf gefasst sein, dass bei dem nächsten stattfindenden Gemetzel, der nächsten Demokratisierung irgendwo ... sicher fällt einem ein zu sagen, das, was sie tun, sei im Sinne von Johannes Paul. Dazu sind sie sich garantiert nicht zu schade.

- Die Distanz, die ein normaler Bürger zum Glauben hat, hindert ihn nicht daran, die moralische Autorität dieser Figuren anzuerkennen. Ein praktizierender Christ ist heutzutage eher selten. Was ist dann die wirkliche Geltung, die Funktionalität, die Wirkung so einer Veranstaltung, die anlässlich des Todes des Papstes aufgeführt wird? Ist es das, was die Oberen wie in der Vorlage in Punkt zwei behaupten?

Nein - aufgepasst: Wie viel ist von den zugesprochenen Leistungen Wirklichkeit und wie viel erfunden? Davon braucht nichts zu stimmen! Z.B. bei der Frage, wie Polen gekippt worden ist, gilt es zu unterscheiden: Schlechte Erfahrungen sind eine Sache, prüfen, wer sie einem zufügt, die zweite. Drittens, die schlechten Erfahrungen deuten und daraus eine Bewegung machen, ist wieder eine andere Sache. Und bei der dritten Abteilung, der Deutung, was ihre Mission als aufständische Arbeiter in der Werft ist, ist erst der Papst und seine katholische Moralität nicht wenig zum Tragen gekommen. Das wurde zum Leitfaden einer Bewegung, bei der sicher zu Anfang auch revisionistisch gut erzogene Kommunisten kämpferisch unterwegs waren. Was denkst du, wie schnell die aus dem Geschäft draußen waren!? Da hat es welche gegeben - hinterher waren es Minderheiten - die nichts mehr zu melden hatten, als am Fabriktor die "Schwarze" Kreatur (Schwarze Madonna von Tschenstochau) hingehängt wurde. Da war die Linie dieser Bewegung fertig, ein neuer Nationalismus für Polen kreiert und der Anschluss an den Westen im Programm. Letzterer war damit zwar noch nicht vollendet, dazu hat es erst noch die Russen gebraucht. So ist es also nicht gemeint, dass der Papst Polen befreit hätte. Er ist mit vielen (vom Vatikan und sonstigen Regierungen bezahlten) Fotokopierern an die Leute dort herangetreten, hat sämtliche ideologischen Anknüpfungspunkte vorgefunden und bestärkt, wurde tonangebend, einerseits für die Kämpfer, andererseits für alle anwesenden Nationalisten. Die sind eben katholisch. Derselbe Erfolg stellt sich so nicht ein, wenn man in ein Land kommt, wo sie einen orthodoxen Glauben haben, oder mehr einen mit Allah ohne Jungfrau. Dann gilt der Papst als Fremdling, dann ist seine Moral nicht passend.

- Ist das dann eine Symbiose der spirituellen Autorität, die profitiert von den imperialistischen Gewaltmaßnahmen und umgekehrt dann die Gewalt, die Mächtigen, die ihre Interessen in der Welt durchsetzen, von diesen Deutungen profitieren?

Und vor allen Dingen: Wie geht das Profitieren? Dadurch, dass man Anhänger, die Schafe, findet, vorfindet oder erzeugt.

- Der Papst erfährt deswegen so große Wertschätzung, weil er es hingekriegt hat, eine so große Anhängerschaft hinter sich zu scharen.

- Hat der das wirklich oder behaupten das die Medien?

- Angerechnet wird ihm nicht, dass er lauter Gläubige hinter sich geschart hat, aber dass er als anerkannte moralische Instanz für große Massen auf der Welt war, hat er geschafft.

Er hat es also geschafft. Aus der Erfahrung, dass man geschunden wird (es sind Leute, die ein Bewusstsein, einen Willen haben), kann man sagen, das sei aber unfein. Oder man sucht sich die nächste Gelegenheit für einen Aufstand. Dann geht es darum, wie man das mit wem zusammen macht. Dann spielt die Deutung dessen, was einem zugefügt wird eine Rolle. Entweder deutet man es als Gerechtigkeit oder als ein Klassenverhältnis, das von der Staatsgewalt inszeniert und am Leben erhalten wird. An dem Unterschied geht das Weitermachen himmelweit auseinander. Bei diesem Deutungswesen ist der Papst überall beteiligt. Die Herrschenden - sagte vorhin jemand zu Recht - genießen das, dass der denselben Mist predigt, wie sie selbst. Ob der wirklich so identisch ist, werden wir noch besprechen. Die sagen einfach: Das ist sein Wertekanon und das ist auch der unsere. Nichts anderes wie Missionare in dem Sinn, wie der Papst meint, sind wir, wenn wir für die menschliche Freiheit überall eintreten. Ob das immer so stimmt, ist fraglich. Aber die wissen schon etwas von ihrer wirklichen Verwandtschaft.

- Hat er wirklich so viele Massen hinter sich geschart? Auf der einen Seite wird doch darüber geklagt, dass die Klöster leer stehen, die Pfarrer zum Messe abhalten fehlen -

und das Geld fehlt!

- Auf der anderen Seite werden für Millionen erwartete Anhänger in Rom Fußballstadien vorbereitet.

Bei diesen Erinnerungen gilt es festzuhalten, dass hier wieder beim Lob über seine Wirkung eine gewisse Falschmeldung mit einzieht. Die katholische Kirche leidet an Problemen, die deuten auf etwas anderes hin, als dass Scharen von immer mehr Menschen in die Kirchen strömen. Wenn sie jetzt den Papst betrachten, merkt man, wie primitiv Eiferer, die Werbefachleute für Moral, sind. Wenn der Papst überall in die Welt hingeflogen wurde, sind dort jeweils viele Menschen zusammengelaufen. Sie machen ein Bild: Immer wo der war, waren Gläubige zuhauf. Das waren organisierte Massenveranstaltungen (dass es organisiert war, traut sich offenbar keiner zu sagen)! Sonst fahren gläubige Leute alle fünf Jahre, die einen zu Ostern, die anderen zu Pfingsten, wieder andere zu Weihnachten nach Rom, das ist so Brauch. Jetzt wollen sie alle zu dem Zeitpunkt, wenn getrauert wird. Da kommt schnell eine Million zusammen. Man merkt, dass ihnen selbst diese Fälschung nicht zu plump ist zu sagen: Der Papst hat es verstanden ... auch die Jugend wäre nach ihm verrückt. Es laufen schon solche herum, aber die man so in der Tram trifft, die haben anderes im Sinn. Also auch hier dieselbe Frage, die vorhin aufkam. Der Grundgedanke des Papst-Lobes ist dessen "aufklärerische" Aufgabe, moralische Betreuung der Menschheit, die nichts anderes will und danach seufzt, dass die von ihm organisiert wird, denn das hält uns alle zusammen - und die Welt in diesen schweren Zeiten, wo es so viel Durcheinander, Kriege, usw. gibt. Wenn man sich dann im Überschwang der Lobhudelei so richtig warm läuft, dann dichtet man dem Papst Leistungen an, die beim genauen Hinschauen gar nicht stimmen. Die Geschichte (der erwiesenen Falschaussagen) setzen sie fort darin, zu sagen, man wünsche sich einen Nachfolger, der dasselbe können müsste. Er solle glaubensbrüderschaftliche Erfahrung mit den Gläubigen haben. Wie soll das ein Kardinal anstellen? Er geht doch nicht jeden Abend einen Trinken ins Wirtshaus. Der liest seine Messe im Kölner Dom ...

- Das war doch schon vom Gesicht her ein Heuchler. Er muss so erscheinen, es klappt auch, weil er auf ein Bedürfnis trifft, das er bedient.

Diese internen Angelegenheiten (treffen zwar zu, aber) gehen keinen Menschen etwas an. Wenn ein Mensch dieses Programm (anderen einen Glauben beibringen) zum Beruf hat, wenn er also immer von der Gutheit der Welt, der Werke Jesu und Mariens kündet, selber Ausfluss dessen ist, dass das gelebt gehört, dann schlägt sich die Heuchelei an ihm nieder (Es gibt kaum Ausnahmen, höchstens, wenn es nicht gerade Sport treibende Diakone sind, und selbst denen merkt man es an.). Weil es ein Verstellungsprogramm ist, schlägt sich das bis in die Physiognomie nieder. Bei jedem Menschen, wenn er älter wird, schlägt sich da etwas nieder. Aber damit dem Papst zu kommen, er wäre eine hässliche Heuchlerfratze - da bin nicht einmal ich darauf gekommen. Denn es sollte heute der öffentliche Zirkus besprochen werden, welches Urteil über die heutigen Zustände herauskommt, wenn so etwas läuft. Es meldet sich in all dem Blätterwald keine Gegenstimme. Es gibt keinen, der ein wenig ketzerisch reinhaut und zur Mäßigung aufrufen würde.

- In einem SZ-Kommentar wurde am Papst gelobt, wie gut er "Zeichen setzen" konnte, wie gut er als Schauspieler war.

Da denkt man womöglich, der Kommentator wäre auf dem richtige Weg, es als Vorwurf stehen zu lassen, dass der Papst ein guter Schauspieler war und zu fragen, warum und wozu das. Aber sie haben es doch wieder geschafft, das ins Positive zu verklären, dass es die Schauspielerei braucht, um die Zeichen zu setzen, die gebraucht werden. Schauspielern fängt damit an, dass man sich in die Rolle einlebt und sie nachspielt. Von ihm her gesehen ist es eine Verstellung. Wenn man es sich aber zum Beruf macht und sich immerzu verstellt, dann wird man auch so. Der Papst war kein Schauspieler für den Film, wo er einmal den Guten, einmal den Bösen machen musste. (Es gibt auch Schauspieler, z.B. Anthony Perkins von Psycho, die am Ende das sind, was sie spielen, es nicht mehr auseinanderhalten können.)

- Trotz der Feststellung, dass der Papst ein Schauspieler ist, gibt es keinen Zweifel an der Glaubwürdigkeit seiner gepredigten Moral.

Das ist das von der Botschaft gebotene Auftreten, dann hat es nicht mehr das Odium im Sinne des Tuns als ob sondern für einen guten Zweck so tun - schon ist der Makel weg. Da denkt man zuerst, sie seien auf den Trichter gekommen, wenn sie ihn einen Schauspieler nennen. Dann könnten sie ihn als schlechten verurteilen. Nein, sie sagen er sei ein guter, weil er genau im Sinne der Botschaft seine Grimassen gemacht hat. Man muss wissen - vielleicht ist einem das nicht (mehr) so vertraut: Der Mann hat täglich und überall, wo er hinkam, Leute gesegnet. Was ist das für ein Vorgang?! Wenn das zur Gewohnheit würde, in der Gegend herumzulaufen und fremde Leute zu segnen. Da verkommt man schon selbst auch ein wenig.

- Die genannte methodische Stellung zu dem Ereignis sollte man noch genauer besprechen. Es ist nicht so, dass sich das klassenmäßig so verteilt, dass die Oberen die Funktion des Glaubens loben als etwas, das gut ist für das blöde Volk ... und die Unteren die Gläubigen sind. Damit soll das extra impertinente Anti-Aufklärungsprogramm der Aufklärungs-Mannschaft nicht runtergemacht werden. Aber die methodische Stellung zu dem Ereignis eint die oben und unten, dass auch die unteren Gläubigen nicht nur von sich aus auf Trost aus sind wegen schwieriger Zeiten. Es ist sehr durchgesetzt zu sehen an den Massen auf dem Petersplatz - eine Sphäre des Genusses daran, dass man da versammelt ist, es eine Heiligkeit gibt, man selbst ein Empfinden dafür hat, dass das von ungeheuerer Wichtigkeit ist, was etwas anderes ist als hinzulaufen, weil man arm und geschlagen ist und der Glaube Not tut.

Ich habe es bisher nicht für nötig gefunden, (du tust es jetzt) mit einer Negation anzufangen: was man nicht denken soll bei dem Ganzen. Einer, der Moral pur predigt, den Menschen in den Mittelpunkt stellt, sich dabei den christlichen Menschen denkt, der ist wirklich sein ganzes Leben lang ein klassenloser Agitator. Unwichtig ist diese Negation nicht. Sie kommt noch zur Sprache. Es gibt ein Verdienst des Papstes, dass er, nachdem der Kommunismus abgedankt hat, immer wieder mal den Herrschenden des Westens die Leviten gelesen hat, der letzte übrig gebliebene Kapitalismus-Kritiker war, der in der Öffentlichkeit eine Wucht hatte. Manchmal ist dem glatt die Armut zu viel geworden und er sagte es auch noch von Rom aus. Am Beispiel Polen, als die Sache soweit hingekriegt war, dass Walesa sogar Staatschef war ... ist der Papst mal wieder hingefahren und hat ihnen gesagt, sie sollten nicht den Konsummätzchen des Westens erliegen. Denselben Leuten, die er vorher aufgehetzt hat, sagte er dann, sie sollten die Freiheit nicht missbrauchen wie die dort drüben. Bei dem Gedanken zu bleiben, dass er bei dieser Aufgabe ein Moralist bleibt, und offenbar scheint das auch den Methodikern, den Lobhudlern dessen, dass es viel Bedarf an moralischer Betreuung in der Welt gibt, auch klar zu sein, dass es ihnen auf Ewigkeit erspart bleibt, von Klassenverhältnissen zu reden, in Täter und Opfer zu unterteilen. Die exekutieren ihre moralischen Urteile an allem und jedem durch. Sie kennen gute und nicht anständige Unternehmer. Die kennen welche, die entlassen, wenn sie dazu gezwungen werden, und andere, die entlassen aus lauter Lust und Freude. Die kennen Staatsmänner, die Verfehlungen begehen - sie knüpfen dabei an an das geläufige, einzig genehmigte Muster der freiheitlichen Kritik, wie sie umläuft. Angenommen, in einem Brief als Mitteilung an die New Yorker Presse, die das dann veröffentlicht, weisen wir nach, dass der Imperialismus Amerikas, wie er heute so und so vonstatten geht, das und das bewirkt, auf folgenden Grundsätzen, Regeln usw. beruht; dass er das neu macht im Vergleich zu früher, schlimmer ... Wenn das an die Weltöffentlichkeit kommt, tritt dann etwa der amerikanische Präsident zurück? Nein. Wird ihm aber nachgewiesen, wie bei Clinton erlebt, zwischen Tür und Angel ein nacktes Weib herumgezerrt zu haben, wackelt der Posten ganz anders. Man denke daran, wie Fischer jetzt kritisiert wird; wenn dazu noch Reisekostenpauschale und Flugbereitschaft kommt, stürzt man einen Minister locker. Wenn man aber sagt, was seines Amtes ist, was er tut, dass er die Charaktermaske eines Innen- oder Außenministers von diesem oder jenem ist - deswegen tritt kein Minister zurück. (Diese Kritik gibt es gar nicht und wenn, würde sie anders verlaufen, denn die ist kein Rücktrittsgesuch, was der Inhalt verbietet.) Diesen Anschluss der Glaubensmoralität an eine Welt, in der moralische Beurteilung von jedem in seinem Stand, das Auseinanderhalten, ob er sein Amt gemäß seinem Stand erfolgreich und anständig zugleich verwaltet, das Muster kann man auch mit einem Arbeitslosen durchmachen, mit einem Vizekönig. Das ist das geläufige Muster einer Kritik. Wahrscheinlich täuscht ihr euch jetzt bei dieser kurzen Bemerkung darüber, was das alles einschließt, welche Maßstäbe öffentlicher Kritik bei uns Einzug gehalten haben. Wenn man an das Grundmuster "Christiansen" denkt, wo man beobachten kann, dass man eine Woche lang eine ganze Umwälzung der Sozialgesetzgebung kritisieren kann und diskutieren, ob die das schaffen, ob die das ehrlich meinen. Das ist die Freiheit der Kritik, wie sie wahrgenommen wird. Was ein Sozialstaat ist, will keiner wissen. Also nicht die Spezialität der Glaubensbotschaft, in der alles vom Moralismus auch das Moderne erst einmal eingepackt ist, als etwas auffassen, das extern auf eine bürgerlich sittlich geordnete Gesellschaft trifft, also den Glauben hier für einen externen, guten, nützlichen Zusatz halten. Das mag die Frucht des alten Israels, der Zufallsgeschichten des Jesus von Nazareth, von dem man heute noch nicht genau weiß, ob er es wirklich war oder nicht, sein, aber das ist egal. Die Erfolgsstory des Christentums ist da, wir wissen, dass es erst einmal eine weltliche Macht geworden ist ... Jetzt ist dieser Glaube immer noch passend. Das ist eigentlich ein Wunder: Vor 2000 Jahren Lehrsätze aufstellen darüber, was sich gehört, und dann sollen die im Internet auch noch in Ordnung sein. Das wird keinem Marx zugebilligt. Bei denen gilt: Was lange währt, ist erst recht gut. Der Grund für das Währen ist der moralische Bedarf, der dieser Gesellschaft selbst entspringt und gezüchtet wird, die Art und Weise des bewusstseinsmäßigen und leitfadenmäßigen Zurechtkommens mit dem, was man auszuhalten hat, das Übernehmen der Maßstäbe, dauernd Verstöße gegen sie bemerken und daran herummoralisieren; so zu tun, als wenn alles gerecht und ordentlich zuginge, wenn alle sich gerecht und ordentlich verhalten würden. Dann würde all das Ungemach nicht eintreten, das eintritt wegen des Systems, wie es ist. Das ist der Boden, auf dem das Christentum als Spezialität der moralischen Auffassung noch lange lebt. Als solches kann es getrost klassenlos argumentieren, wenn die Reichen beschimpft werden, sie sollten es nicht übertreiben. Das ist leicht zu haben. Z.B. angesichts der jüngsten Meldungen der Deutschen Bank ... schwarze Zahlen ... sie kündigen gleichzeitig 6000 Entlassungen an, wo gerade ein Politiker sagt, die Arbeitslosen dezimieren zu wollen. Dann gibt es garantiert nicht wenige Pfarrer, die dann, wenn sie schon einmal 50 Leute vor der Kanzel haben, die Geschichte von Jesus erzählen, als er die Zinseintreiber aus dem Tempel jagte. Das machen die immer und haben auch mal die Börsianer im Visier, aber immer unter dem Gesichtspunkt, dass die ihres Amtes nicht korrekt walten. Es ist auch eine Erziehungsfrage wenn z.B. der Papst für Moralisten, ob ganz gläubig oder nur distanziert gläubig, ab und zu seine Sorte Kritik gegen eine höhere weltliche Instanz loslässt, die hätte gefehlt und so ginge es nicht. Dann fühlt sich eine ganze Welt sturzzufrieden, denn sie haben es schon immer gesagt, dass das Lumpen wären. Jetzt wird es von ihrer moralischen Autorität auch noch bekräftigt. Das ist doch schön, da lebt es sich dann ganz anders. Wenn es noch so zuging wie früher, als es noch MSZ- und MAZ-Redaktionen usw. gab, würden wir uns laufend überlegen, was wir für Aufgaben haben, wenn dieser Tod schon so eine so große Festivität ist, wenn es darum herum so einen Zirkus gibt, wie damals beim Papst-Besuch. Dann macht man einen Aufsatz darüber: Wie geht Glauben? Die Leute scheinen es nicht zu wissen, wir schon, weil wir gelernt haben, also sagen wir es ihnen. Als nächstes macht man etwas über die Kirche als Gemeindeorganisation, wie das Ding ist, wie es ist, welche Alternativen es gibt, dass das auch nichts Gemütliches ist, auch wenn es Pfadfinder gibt. Dann überlegt man, was die demokratische Öffentlichkeit daran für eine Aufgabe entdeckt hat, was hinter dem Lob eigentlich steckt - was heute Thema der Diskussion ist. Das ist ein Analysieren, Sortieren, Erklären. All solche Bedürfnisse sind einem ganzen Berufsstand von Journalisten und Bücherschreibern in einem fertigen 21. Jahrhundert fremd. Die kennen solche Bedürfnisse nicht. Das ist heute Aufklärung, das ist heute Wissensgesellschaft. Es gibt einen ganz anders gelagerten Funktionalismus der Religion. Der führt ein Schattendasein im Fach Soziologie. Die sagen nicht, ob Glauben in Takt ist oder in Ordnung geht oder nicht, sondern die sagen einfach: Ja, das braucht es. Das ist der Funktionalismus der Soziologie. Die sagen, dass die Gesellschaften Normen und Werte haben. Manchmal büxen die Leute aus, halten sich nicht daran. Wenn sie dann eine Richtschnur haben, quasi eine Bibel im Kopf, oder so etwas ähnliches - insofern hat Religion diese und jene Funktionen. Was dem Gläubigen verboten ist, seinen Glauben an Jesus oder Maria aus einem Nutzen für das eigene Fortkommen abzuleiten, machen die Soziologen: Der Glaube leistet etwas, dann sollen sie auch daran glauben, dann soll es die Kirche, die Religionsfiguren, auch geben, denn dieser Glaube hilft, die Gesellschaft zusammenzuhalten. Den Gedanken drücken sie aus mit viel lateinischen Wörtern, mit Syn- und Ergo-. Etwas von diesem Gedanken steckt auch in der aktuellen Aufklärungsmasche: Das tut unserer Welt gut, wenn es solche gibt wie den Papst und welche, die sich von ihm einnehmen lassen. Man darf nicht einmal mehr fragen inwiefern oder wozu das gut ist, wenn gilt: damit es geht. Und wenn dann einer sagt, es stimme gar nicht, dass der Dahingeschiedene ein Loch hinterlasse oder die Hinterbliebenen jetzt ärmer seien, dann stimmt das auch noch. Lügen tun sie auch noch wie gedruckt.

Ist das Argument verstanden?

Anlässlich des Todes des Papstes vermelden berechnende, analysierende Journalisten unserer Tage ihren Bedarf nach moralischen Autoritäten, wie der Tote einer war, an und erzählen den Leuten, dass dieser Bedarf bei allen von uns existiert, wir so etwas brauchen. Allein das ist ein Kunststück.

- Es hat etwas gegeben, was man für eine Kritik am Papst halten könnte, dass er nicht auf die Bedürfnisse der modernen Gesellschaft eingegangen wäre, Stichwort Kondome. Im letzten Spiegel war ein Artikel über den Küng. Der warf dem Papst vor, eine Reihe von Widersprüchen der Kirche durch seine Kirchenführung in der Art verschärft zu haben, dass er, obwohl er die moralische Instanz der Welt ist, den Bedürfnissen der modernen Gesellschaft, besonders bezogen auf die Sexualität, nicht gerecht würde. Es gäbe in dieser Gesellschaft ein Bedürfnis nach einer bestimmten Sorte Moralität und dieser wird der Papst nicht gerecht. Dazu fällt mir ein, dass das Verhältnis von Moral der Gesellschaft und der der Kirche nicht deckungsgleich ist, denn die katholische Kirche selbst hat nicht das Selbstverständnis, die Moralinstanz des Kapitalismus sein zu wollen.

Doch!

- Sie sieht es umgekehrt. Sie beurteilt die Gesellschaft als Bedingung für ihre Art, Moralismus und Glauben zu predigen.

Das schließt sich nicht aus.

- Wenn ein Katholik Kritiker der Armut wird, dann nicht, weil ihn die Armut stört, sondern weil ihn Formen der Verelendung stören, dass ein ordentliches, religiöses Leben nicht mehr möglich ist.

Das Zwischenargument heißt: Dann geht den Leuten die Würde verloren. Dann können sie nichts Zivilisiertes machen wie z.B. Beten.

- In der Abteilung wird dann der Papst zum Kapitalismuskritiker.

Mit den Ausführungen bin ich einverstanden, außer mit der Disjunktion: Sie will nicht die passende Moralität des Kapitalismus sein sondern sie versteht sie als Bedingung. Das schließt sich nicht aus sondern aneinander an.

- Gegenargument: Als es den Kommunismus noch gab, war es klar, dass er zur Kirche feindlich steht. Von der Kirche aus gesehen gab es nur den einen Grund zur Feindschaft, dass ihnen von den Kommunisten der Kampf angesagt worden ist. In der ganzen Abteilung Hebel-Wirtschaft und in der Einrichtung der Ökonomie hätte die Kirche ihren Platz gehabt und hatte ihn auch.

Die Ablehnung der Kirche war - mit gar nicht so guten Argumenten übrigens - von Staats wegen angesagt.

- Das war doch der Grund dafür, dass sich die Kirche in dem Systemgegensatz sehr eindeutig auf die westliche Seite geschlagen hat. Anders gesagt: Von dem, wie der Moralismus des Christentums geht, sehen sie im Kapitalismus, wie es ihn gibt, ihren Nährboden, wollen ihn von daher auch. Aber dass sie vom Programm her antreten und sagen: "Wir wollen überhaupt der moralische Überbau genau dieser Gesellschaft sein", das meine ich so nicht. Und von daher kommen auch Differenzen. Sie gleichen das, was sich an öffentlicher Moral und deren Änderungen so tut, mit ihrem Glauben ab.

Dieses "von daher kommen die Differenzen" lehne ich ab. Alles andere sind Überlegungen, die nur im Einzelnen einmal bedacht sein müssen. Wie sie angefangen haben mit Lenin, Oktoberrevolution, Aufteilung der Welt im bzw. nach dem Zweiten Weltkrieg und gesagt haben, dass sie Sozialismus machen, unter russischer Unterstützung und Führung usw., haben sie diese Sorte Staaten mit ihrer Sorte von ökonomischem System aufgemacht. Was denen klar war (und das ist erst einmal sehr, sehr wenig; die Leute, die dann Politik und öffentliche Erziehung gemacht haben, haben noch nicht einmal Feuerbach usw. gut gelesen), ist, dass die Religion, die Katholiken insbesondere, dieses Land allemal beim Kapitalismus, Imperialismus und Kolonialismus als riesige Rechtfertigungslehre begleitet und unterstützt haben. Das ist übrigens keine Lüge, aber die Moralität, über die hier heute geredet wird, haben sie überhaupt nicht ins Auge gefasst. Sie haben selber ihre eigene Moralität aufgemacht und fürs Mitmachen, für die Mitmacher gebraucht. Die haben die (religiöse) Moralität in dem Sinn genommen: Religion ist Rechtfertigungslehre der bösen Kapitalisten, Imperialisten, bis hin zum Missionar usw. Das war denen vorerst ausreichend, und sie haben die andere Facette, was Moralität als bewusstseins- und willensbildende Kraft ist in einer Gesellschaft, in der die Leute Schädigungen hinnehmen müssen, dennoch ihren Willen behalten sollen, immer wieder im Konkurrenzkampf antreten sollen ..., nicht betrachtet, geschweige denn analysiert. Wir reden aber darüber. Die Leistung dafür, dass der Laden hier so läuft, dass G' gemacht wird, dass akkumuliert wird, wieder Wachstum stattfindet, müssen täglich Millionen von Leuten funktionieren. Was dabei für sie heraus kommt, ist sehr oft nicht schön.

Wenn man etwas Gesellschaftskritisches zur Kenntnis nimmt, sei es aus der Literatur, irgendwelchen Berichten oder gleich aus eigener Erfahrung kennt, merkt man, dass das Leben in der hiesigen Gesellschaft für die meisten Leute eine Abstufung von Sorten der Armut, der Erniedrigung , des Verbrauchs von Körper- und anderer Kraft bedeutet. Das fordert den Leuten eine Einstellungsleistung ab. Wenn sie zugleich - das hier ist schließlich eine moderne und keine Sklavengesellschaft - alles aus freien Stücken, aus eigenen Berechnungen, aus Vergleichswesen unter dem Motto: welche Chancen habe ich? unternehmen sollen, dann ist entscheidend, wo sie wann was einkaufen, sie sollen sich mit ihrem Geld einteilen, sie sollen sich entscheiden, wo und wie sie arbeiten - dass diese Entscheidungsfreiheit tatsächlich andere diktieren, dass die Vergleiche, die sie untereinander anstellen als konkurrierende Arbeiter oder Mittelständler, dass gar nicht sie das Subjekt der Vergleicherei sind, heißt ja nicht, dass sie sie nicht mitmachen. Und da kommt Moralität ins Spiel, das ist die Einstellung, die Interpretation, die Deutung von allen guten und schlechten Ergebnissen dieser Mitmacherei, des sittlichen Benehmens, dieses sich den Maßstäben Fügens und für diese Moral gibt es Kanons: man kann sagen, es gibt edles und unedles Benehmen, man auch gleich sagen, man soll nicht stehlen, aber das ist noch etwas anderes wie Recht. Wer gesagt hat, er heiratet, der soll sich zusammenreißen, soll regelmäßig arbeiten gehen, soll nicht saufen, denn er hat ja seiner Frau versprochen, wir tun alles miteinander, damit unser Verhältnis gelingt. Es gibt kein Gesetz gegen das Schleifenlassen einer Ehe, aber jeder weiß, wenn er herumschaut, was in der Nachbarschaft so passiert: schau, wie die sich gehen lassen, ist ja auch kein Wunder. Moralität - man beurteilt die eigenen Miss- und Erfolge und die der anderen Leute laufend darauf hin: wie sind sie zustande gekommen? und kommt nie auf die Verhältnisse, die das erzwungen haben, sondern immer darauf: wer hat nicht sein Bestes gegeben? Wer hat es an der rechten Einstellung, am Willen oder an der Fähigkeit fehlen lassen? Sonst gäbe es das nicht, dass jeder Arbeitslose kennt, die Faulenzer sind und sich dann mit einem schäbigen: "aber nicht alle", aus der Affäre zieht. Moralität ist ein Beitrag zum Gelingen des sich Abfindens mit; an dem Laden nicht irre zu werden, aber immer an allem herumzunörgeln - von dieser Sorte Tour haben wir geredet, wo Christentum eine höchst offizielle ist, mit Kirchenleben und allem drum und dran und die höchst lebendig ist, weil sie einen weltanschauungs- und menschenbildmäßigen Beitrag liefert, der unausrottbar ist. Das moralisches Gebäude eines kirchlichen Welt- oder Menschenbildes - es gibt ein paar päpstliche Entscheidungen wie Sexualität oder Kondome, die zur Zeit immer wieder zitiert werden - , gerät durchaus in Konflikt mit Erfindungen und Neuerungen medizinischer, technischer oder anderer Art, die die Sittlichkeit einer Gesellschaft und das entsprechende mitmacherische Benehmen verändern und entdeckt lauter Zeichen des Verfalls - übrigens nicht gleich des Aufruhrs. Die Pille z.B. wird erfunden und zu einem Geschäftsmittel eines Pharmakonzerns, sofort wird erst mal rein funktional nachgefragt, wie es dann mit der Kinderproduktion steht. Die Kirche sieht aber darin sofort einen einzigen Sündenpfuhl und den Willen zur Versittlichung des Geschlechterverhältnisses, also zur Eheschließung - dem Dienst am Ganzen und des Ganzen für die Familie - in Gefahr. Es geht drum: warum divergiert ein einmal gültiges moralisches Weltbild mit seinen Ausformungen und Anwendungen auf die oder jene Probleme in Politik, Wirtschaft und Kultur, von dem, was die Leute, die ja auch keine Amoralisten sind, so treiben?

- Moralität ändert sich doch je nach dem, was Bedarf ist. Jetzt wurde doch beschlossen, dass Homosexualität nicht nur kein Verbrechen mehr ist, sondern vom Staat eine Rechtsform bekommen hat, die die Homosexuellen füreinander zuständig macht ... die berücksichtigt die entsprechende Form, die allgemein moralisch anerkannt ist. Aber die Moralität der Kirche ist eine andere wie die der normalen Öffentlichkeit, sie argumentiert doch mit dem höchsten Herrn und nicht auf der Ebene: was ist funktional für die Gesellschaft und wenn die Funktionalität nachgewiesen ist, bin ich dafür.

Das stimmt so nicht. Der Staat, bzw. der Gesetzgeber denkt funktional - hat z.B. gelernt, dass Homosexuelle die Gesellschaft nicht zersetzen und entsprechende Reformen gemacht, aber es gibt auch in der Kirche eine Modernisierung. Die vollzieht sich sicher nicht parallel zu dem, was gerade praktisch in einer Gesellschaft abläuft, aber die haben schon auch ihre Anpassung. Aber es gibt ja einen Glaubenskanon, die großen, wichtigen Dinge der Welt und an dem werden kleine Änderungen im Benimm der Menschheit gemessen, weil über die Marktwirtschaft mit ihren Erfindungen immer etwas anderes heraus kommt, da ist der Moralist der Kirche, zuletzt aber auch der Gesetzgeber immer mit scharfem Auge dabei zu prüfen, ob etwas nicht ein Fall des Ausscherens aus dem Mitmachen ist. Es braucht einige Zeit, bis sie merken, dass die Jugendlichen, auch wenn sonst wo gepierct, durchaus fähig sind, einen Kinderwagen mit Zwillingen zu schieben, also keine Absage, ein sittliches Verhältnis einzugehen, vorliegt. Die Modernisierung der Kirche geht sicher nicht so schnell und gründlich wie die der Gesellschaft und des Gesetzgebers - obwohl manche Reformen da auch so ihre Zeit brauchen, siehe der § 175 (der Homosexualität bis in die 70-ger Jahre zum Straftatbestand machte) oder dass bis in die späten 50-gerJahre ein Ehemann zustimmend unterschreiben musste, wenn eine Frau einen Arbeitsvertrag abschließen wollte - von der sittlichen Auffassung her war die Frau damals für die Familie da, der Mann auch, aber jeder auf seine Weise, so hat sich das überkommene Zeug in den Gesetzen niedergeschlagen. Da muss erst ein Wirtschaftswachstum und kapitalistische Blüte her, damit gesagt wird, dass man die Frauen auch in der Fabrik gebrauchen kann, so etwas muss eine Gesellschaft erst einmal zu spüren kriegen, bevor sie sagt: wir sind eine moderne Gesellschaft und es auch gleich eine Rechtsprechung gibt, die nach Gleichberechtigung ruft. Dann passt es alles wieder zusammen bis es einen neuen gesellschaftlichen Bedarf gibt und alles wieder gekippt wird. Es gibt eine Abschwächung des Lobs am Papst und das sind lauter Fälle, wo dieser mit seiner Prinzipienreiterei eine Veränderung des Umgangs der Leute mit ihren Pflichten und Obliegenheiten, Chancen und Niederlagen für kanonwidrig und prinzipienverachtend hält, wo die Gesellschaft einschließlich des Gesetzgebers gerade langsam lernt, dass sich mit einer Veränderung eine neue Sorte der Anpassung durchsetzt. Die Studentenbewegung soll ja auch einiges zur Demokratisierung und Verfreiheitlichung des öffentlichen Lebens beigetragen haben; manche der Leute, mit denen man damals demonstriert hat, halten es sich zugute, dass sie ein wenig an den alten Sitten gekratzt hätten, sodass es jetzt neue Sitten gibt. Mit ‚Sitten' sind jetzt nicht die ehrlichen Anpassungsleistungen gemeint, die nötig sind und die erbracht werden, sondern die Varianten im Umgang damit, dass man sich anpassen muss, dieses ‚für gut halten', die ganzen Selbstdarstellungskunststücke des sich Betragens usw.

Die Kritik von Küng am Papst ist eine innerkirchliche, wenn er argumentiert, dass die nicht merken, dass der Kirche eine Modernisierung gut täte im Sinne von Gemeinde beieinander halten und wieder attraktiver machen, ohne dass die Grundsätze der Katholiken dabei kaputtgehen, während der Papst meinte, dass die Schäfleinvermehrung auf Kosten des Glaubens ginge - also ein innerkirchlicher Streit, an dem man sich nicht unbedingt beteiligen muss.

- Es fällt doch auf, dass die Glaubenssätze in dem höheren Dienst stehen, die Anpassungsleistungen der Leute zu erleichtern.

Besser wäre es, zu sagen: die Anpassungsleistungen für die Leute als sinnvoll hinzustellen - ich mache etwas, weil es sich so gehört. Die Moral ist ein Hebel der Unterwerfung, leichter wird dadurch nichts, z.B., wenn einer in die Schlacht zieht und sich sagt, dass er eine Mission erfüllt, an die er glaubt.

Der Fehler bei dem ‚erleichtern' ist, dass da eine Art abstrakter Wille unterstellt wird, sich all dem zu unterwerfen, der dann sagen täte: und dafür ist doch die Moral ein passendes Instrument, weil sie diesem Willen auf die Sprünge hilft. Umgekehrt, Moral ist dieser Wille, die gibt es nicht getrennt voneinander; wären sie nicht identisch, würde das ein Mitmachen bedeuten mit dem dauernden Bewusstsein dessen, dass es äußere Zwänge sind, denen ich mich füge und dass es davon Urheber gibt. Das wäre ein Bewusstsein, das sagt: ich weiß, wer die ganzen Gesetze macht und sie laufend ändert, ich weiß, dass es um ein Wachstum - und zwar auf meine Kosten - geht, dass es Sachzwänge gibt, die regelmäßig gegen mich ausschlagen, während die andere Seite immer die Sachzwänge zitiert und durchaus ihre Interessen an der Nation, am Verdienst usw. durchsetzt. Das wird mir eingebrockt und Zwang und Gewalt lauern da für den Fall meiner Nicht-Unterwerfung.

Das moralisierte Bewusstsein bildet die Gewohnheit des Mitmachens aus, berechnet nicht mehr äußere Zwänge und Alternativen, sondern denkt in viel ‚höheren' Sphären: was gehört sich? wo führt das hin, wenn das alle machen? usw. Und einer, der an den lieben Gott glaubt, macht das, was er so tut und treibt, mit seinem Glauben und nicht, damit es dann leichter geht. Die moralische Ausbildung des Willens ist die Grundlüge, es gäbe nicht äußere Zwänge, sondern gute Gründe, das zu tun, was man tun muss. Die Regeln des ‚muss', das überall existiert, muss einem bekannt gemacht werden mit x guten Gründen - der beste gute Grund heutzutage ist sowieso: es geht gar nicht anders.

Der Streit zwischen der Küng'schen und der päpstlichen Linie hat ihre Grundlage in der Sorge der Kirche um ihren Anklang bei den Leuten, um ihre Wirkung und das hat ja gleichzeitig mit ihrer Selbsterhaltung als Institution zu tun. Da ist es überhaupt nicht zu vermeiden, dass die sich in die Wolle kriegen. Küngs Linie, dass der Glaube dem heutigen Leben gerecht werden müsste, geht gegen die anderen, die sagen, dass sie diejenigen sind, die die Orientierung geben und kein Anpassungshaufen; die Qualität der Mission der Kirche steht hier zur Debatte und es steht der Erfolg bei Land und Leuten zur Debatte und beide kommen zu ihrem Recht.

Es gibt christliche Grundsätze - "üb' immer Treu und Redlichkeit" z.B. - , die passen sowohl ins alte Palästina als auch ins Mittelalter oder heutzutage. Deswegen gibt es ja die gerade besprochenen Scharmützel für die passende Moral heute, weil es ein paar unerschütterliche Grundsätze gibt und die sollen passend gemacht und nicht etwa aufgegeben werden. Auf eine eucharistische Feier mit gemeinsamem Oblaten-Essen konnten sich Katholiken und Protestanten jedenfalls nicht einigen wegen grundsätzlicher theologischer Bedenken: bei den Katholiken handelt es sich beim Abendmahl um "wahrlich Fleisch und Blut", für die Protestanten ist das Abendmahl mehr eine symbolische Feier. Mit ihren Grundsätzen wollen beide Kirchen die Leute betreuen, da merken sie, dass die Gesellschaft sich laufend ändert und auch auf dem Feld des Anpassungswesens und der dadurch entstehenden moralisch überholten und neuen Bedürfnisse. In dieser Gesellschaft wollen sie aber reüssieren, d.h., möglichst viele Gläubige heranziehen, denen sie bei deren Problemen Beistand leisten, einen Leitfaden bieten, also haben sie das Problem, wie sie auf das, was neu auf sie zukommt, reagieren. Und das Erstaunliche ist, wie viel da an Veränderungen vereinbar ist - es gibt Staaten mit ‚modernem' Scheidungsrecht neben Staaten mit quasi Scheidungsverbot, je nach den staatlichen Kalkulationen hinsichtlich der Kirche und den gläubigen Untertanen. Die Kirche ist also laufend damit befasst, ihre Grundsätze auf den neuen ‚Stoff' anzuwenden, da hat man allerdings zu tun. Dafür wird sie von einer Öffentlichkeit gepriesen als eine Institution, die die Welt schwer nötig hat und das ist schon erstaunlich, wenn man nur halbwegs hinschaut, was christlicher Glaube ist.

Noch mal zu dem, was vorher gesagt wurde, der Papst sei ein Heuchler und es klingt immer so wie: liegt da nicht ein Riesenwiderspruch vor zwischen einem ehrlichen Glauben und dem, was der Papst macht und den gibt es ja auch, weil der ja die Macht des Glaubens als Person repräsentiert - glauben tut er außerdem -; also die Repräsentation des Glaubens besteht in der Vorführung der Macht des Glaubens in seiner Person: auch er ein gläubiger Mensch - er gibt ja vor, dass sein ganzes Leben nur im Glauben besteht und darin liegt ein Stück von Lüge, weil sein Leben nicht im Glauben, sondern in der Repräsentation davon besteht, aber ein Riesenwiderspruch in sich ist das überhaupt nicht, es zeigt mehr das Elende am Glauben, dass er eben Macht über die Köpfe sein will und insofern auch die Figuren hat, die das berufsmäßig betreiben und die entsprechenden Berechnungen mit ihrem Glauben anstellen, so auch der Papst mit seinen Segens-Gesten. Dieses Vorführen des Glaubens ist also kein Widerspruch zu dem Glauben, den er praktiziert. Da ist es besser zu sagen: an den Pfaffen sieht man, wie elend dieses ganze Geschäft ist, sonst endet es dabei, dass man sagt, das gläubige Mütterlein, das in die Kirche geht und betet, ist einem recht, nur der Papst, den sie anbetet, ist einem unrecht - die beiden Seiten passen also schon zusammen. Der Papst gewinnt seine Macht aus dem Vorleben einer sittlichen, gläubigen Persönlichkeit, dabei liegt darin die Macht weniger als in der Anerkennung, die er bei den gläubigen Idioten bekommt. Die ganze Leidensgeschichte, die er da vorgeführt hat, ist auch ein Beweis, wie wenig Glaube mit Verstand und Argumenten zu tun hat, also abgesehen von der widerlichen Vorführung des Sterbens, wo es ja sonst auch Schamgrenzen gibt, aber dass die Kirche existiert und davon lebt, dass einer das vorführt, ist schon ein Beweis für besondere Verstandesleistungen, die da gefragt sind - eben gar keine Urteile, die der propagiert, die stehen alle fest, er appelliert an etwas Feststehendes und gewinnt darüber seine Anerkennung.