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Zu den Demokratisierungsforderungen an die Staaten im Nahen
Osten, Fortsetzung
Wir haben uns das letzte Mal an Klarstellungen zum Stand des
Imperialismus
und zum Stand des amerikanisch-europäischen Verhältnisses
versucht. Gibt es dazu Fragen? Nützlich wäre es, wenn
jemand etwas Weiterführendes dazu zu sagen hätte.
- Die zur Kanzler-Reise in den Nahen Osten gebrauchte Formulierung,
er wolle "Pflöcke einschlagen um eine deutsche Position
festzuklopfen in Erwartung dessen, dass die USA mit ihrem
Anti-Terror-Krieg
eine neue Weltordnung etablieren wollen. Dieses Moment der Konkurrenz
kann ich dem, was man mitgeteilt bekommt, nicht entnehmen. Es
ist nichts anderes als das, was die Deutschen schon zu Zeiten
des Ost-West-Gegensatzes betrieben haben, nämlich mit Staaten,
die durchaus auf Seiten des Westens stehen, zum Teil in Absprache,
zum Teil in Konkurrenz zu den Amerikaner Waffen und anderes Gerät
verkaufen.
Was wird denn als Aktion der deutschen Regierung von dir erwartet,
zu der man sagen könnte, das sei etwas anderes als das, was
man von deutscher Außenpolitik gewohnt ist? Man wird noch
längere Zeit von Seiten deutscher Außenpolitiker nicht
hören, man müsse endlich das Joch der Amerikaner
abschütteln
und Europa zum Entscheidungszentrum der Weltpolitik machen, deswegen
den NATO-Vertrag kündigen und Amerika seine Beziehungen abspenstig
machen. Wenn man nur darauf schaut, unter welche Verträge
sie ihre Unterschrift gesetzt haben und mit welchen Phrasen sie
das verkauft haben, wird man auch in nächster Zeit keinen
großen Unterschied in der deutschen Freihandelspolitik der
letzten 40 Jahre entdecken. Der Unterschied liegt im wesentlichen
darin, in welcher Welt das stattfindet. Bei dem
Erdgas-Röhren-Geschäft
in den 80er-Jahren hätte man sich auch naiv stellen können
und es damit abtun, dass eben Mannesmann Röhren verkauft
und der zuständige Kanzler damit angeben kann, weil es
Arbeitsplätze
schaffe. Die Transaktion als solche (man verkauft Röhren
und das ist eine Transaktion, damit man vom Käufer Erdgas
geliefert bekommt) ist eine kommerzielle. Wir haben damals aber
etwas anderes darüber vermeldet, wofür das damals stand
(was bei der obigen Nachfrage sicher als Vergleich im Kopf war).
Die Erläuterung, was das damals weltpolitisch bedeutet hat,
war sicher nicht aus dem Vertragstext zu erschließen, dem
Stundenplan einer Kanzlerreise, einem Außenministertreffen
... Sondern die Bedeutung eines mehr oder weniger bewusst eingesetztes,
aber sicher so wirkendes Instrument deutscher Ostpolitik mit
Zersetzungsabsicht
ist aus dem damals stattgefundenen Zusammenhang herauszubekommen.
Insofern erscheint die Rückfrage zur Nahost-Reise des Kanzlers
naiv, wenn man fragt, was daran anderes dran sein soll als dass
der Kanzler als Trendsetter des deutschen Osthandels fungiert,
wie er es schon immer macht.
- Er steht auch in Geschäftsbeziehungen zu Staaten, zu
denen die USA ein anderes Verhältnis haben, die aber durchaus
auf der Seite gegen den Anti-Terror-Krieg eingeordnet sind. Da
ist die - vielleicht naive Frage aufgekommen, was der Unterschied
ist zwischen dem Verkauf von Panzern an Saudi Arabien vor 20 Jahren
und jetzt.
Dann sollte man versuchen, die Frage zu beantworten und nicht
mit der Tendenz zu stellen, es sei nirgends ein Unterschied zu
sehen. Der Unterschied liegt nicht in den Panzern, nicht in dem
deutschen Interesse, Waffen zu verkaufen und über Waffen
Einfluss zu gewinnen. Aber Saudi-Arabien heute und das ganze Umfeld
ist nicht mehr dasselbe wie vor 20 Jahren, als es ein Frontstaat
an der Seite Amerikas gegen den Irak war. Heute ist der Irak
amerikanisch
besetzt, als dauerhafter Stationierungsort amerikanischer Truppen
vorgesehen. Die Sache ist eingereiht in einen praktisch in die
Wege geleiteten Weltkrieg der USA, einer neuen Ordnung der Staatenwelt
unter dem Gesichtspunkt: Terroristennester ausmisten. Es sind
im Zuge dieser Neuordnung der Welt außerordentlich kritische
Ansagen von amerikanischer Seite an die Adresse Saudi-Arabiens
ergangen. Das ist nicht mehr der Bündnisgenosse für
die Okkupation des Irak. Es sind im Gegenteil Töne laut geworden,
das wäre so etwas wie eine Alternative. Dieses Land wird
mit Demokratisierungsforderungen aus Amerika behelligt. Das ist
etwas Neues in dem Verhältnis und aktuell haben wir uns
vorgenommen
zu klären, was das alles heißt. Das Land wird seit
dem Attentat auf die Türme von New York unter Druck gesetzt
als Vaterland von Terroristen. Das Land wird in einer Weise unter
Druck gesetzt, dass ihm eine zweiseitige Anzeige in der FAZ (einer
"Gesellschaft gegen den Terrorismus") nicht zu teuer
ist, dem deutschen Publikum bekannt zu machen, dass sie total
gegen den Terrorismus sind. (Eine einzige Peinlichkeit, dass sie
in der Anzeige Tschetschenien mit Tschechien verwechselt haben.)
Das sind alles nur Indizien dafür, dass es nicht stimmt,
dass Saudi-Arabien, das ganze Umfeld im Nahen Osten, dasselbe
wäre wie vor 20 Jahren. Das Ganze hat einen neuen Stellenwert
bekommen zu dem auch gehört, dass es nicht mehr der 100%ige
Verbündete der USA ist, sondern von den USA bestenfalls als
75%iger Verbündeter schwer korrigiert werden muss im Hinblick
darauf, dass er bei der Demokratisierung der gesamten arabischen
Welt eine produktive Rolle spielt. Was das heißt, das ist
zugegeben noch nicht geklärt. Aber dass das ein Posten in
der strategische Umräumung der gesamten Staatenwelt ist,
muss in Rechnung gestellt werden, wenn man sich fragt, was heute
die Bedeutung eines Kanzler-Besuchs in der Region ist. Wenn einem
dabei einfällt, dass deutsche Politiker schon lang durch
die Welt reisen, sollte damit ein Anstoß zur Beantwortung
dieser Frage gegeben werden, wenn einem dabei einfällt, was
der große Unterschied zu früher sein soll, und nicht
in dem Sinn gefragt werden, dass das eigentlich dasselbe sei.
- Als Antwort schließe ich aus dem Gesagten, dass der
Kanzler im Unterschied zu den Amerikanern eine eher konservative
Position einnimmt. Er will an der Bedeutung Saudi-Arabiens nicht
groß drehen. Es wurde ihm auch vorgeworfen, dass er die
Menschenrechtsverletzungen nicht angesprochen hat. Daran kann
man schon ein Moment von Unterschied zur Beurteilung der Region
durch die USA entdecken.
Und das Ganze bekommt mehr Inhalt, wenn man sich umgedreht mit
der Frage befasst, was jetzt der revolutionäre Standpunkt
der USA in Bezug auf diese Länder ist. Damit wären wir
bei dem Thema: Wenn Amerika die Demokratisierung als zwingenden
Imperativ für die ganze Welt, speziell für den Bereich
zwischen Marokko und Pakistan, und noch einmal spezieller für
die Golfregion ausgibt - was heißt das? Wenn sich einer
mit den Stichworten "USA" "Demokratisierung"
"Naher Osten" Googel-suchend über die Jahre 45
bis 88 ins Internet begibt, dann wird er im Material ersaufen.
Er wird viele Äußerungen finden, wo er gar nicht merken
kann, inwiefern die anders sind als das, was Bush heute von sich
gibt. Trotzdem ist es nicht mehr dasselbe. Auch wenn unterstellt
ist, man findet auch da schon den Standpunkt der Amerikaner, sie
stünden für Demokratie und sorgten dafür, dass
Saudi-Arabien zu einem Vorposten der freien Welt wird. Die Frage
wäre, welchen Inhalt dieser Anspruch auf solche Länder
hat, die man doch eigentlich als Verbündete der USA kennt
- was ist da los, wenn von den Amerikanern regelrecht
umstürzlerische
Demokratisierungsforderungen (mit einer Wucht, dass man auf Seiten
der angesprochenen Staaten lauter Aktivitäten bis hin zur
o.g. Anzeige beobachten kann, die zeigen, dass diesen Ländern
das nicht egal ist, wie sie von amerikanischer Seite angemacht
werden.) gegen diese Staaten erhoben werden? Es ist nicht bloß
der Anspruch, diese Ländern sollen demokratisch werden. Der
Iran und dessen kleinerer Verbündeter Syrien (einem der -
wenigstens von Israel so behandelten - letzen Hauptfeinde des
israelischen Staates) bekommen von amerikanischer Seite die Forderung
überstellt, ihre Politik total umzustellen und gleichzeitig
wird deutlich gemacht, dass von den Regimes, die jetzt an der
Macht sind, eine befriedigende Umstellung im dem Sinne, wie Amerika
das meint, gar nicht erwartet wird. Man stelle das auch noch in
Rechnung, dass der Anspruch, für neue innenpolitische
Verhältnisse
in der arabischen Welt zu sorgen, einhergeht mit einem gelaufenen
Krieg im Irak. Der ist noch gar nicht zu Ende. Gleichzeitig einher
geht das mit einer Kriegsansage (in Anführungszeichen, denn
ein Einmarsch ist nicht in Aussicht gestellt) gegen zwei wichtige
Staaten in der Region. Darüber gehen die Nachbarn auch nicht
damit hinweg, es beträfe sie nicht, weil es nebenan ist.
In ihrem Umkreis schlagen die USA mit einem satten Krieg hinein,
stiften ein Durcheinander mit Zügen eines Bürgerkrieges.
Und sie sagen, dass es mit diesem Krieg noch nicht getan ist,
sondern das stünde in zwei weiteren Ländern auch noch
an. Wenn das alles bedacht wird, um auf den Begriff zu bringen,
was Amerika mit dieser Region vor hat - wird es erst lustig, den
o.g. Gedanken einzubeziehen, dass der Kanzler gegenüber
Saudi-Arabien
einen eher konservativen Standpunkt einnimmt. Die einen sagen,
sie wollen das Regime stürzen und die Deutschen sagen, sie
wollen ihren Transrapid vom Oman bis Bahrein fahren lassen. Es
wird schon irgendwie zusammenpassen. Ein bisschen Friktion ist
da auch.
- Die amerikanische Definition dieser - größtenteils
diktatorischer - Staaten hat geheißen, dass von denen nur
eine scheinbare Stabilität ausgeht. Das amerikanische Urteil
heißt also, dass diese Machteliten herrschen ohne Legitimation
aus ihrer Gesellschaft. Die amerikanische Lesart, dass die Region
durch Demokratisierung Stabilität erhalten soll, ist
kontrafaktisch
- wie wir festgestellt haben, weil sie eine Revolutionierung der
Region betreiben.
Das Europa nach dem Krieg ist für die USA das schöne
Exempel dafür: Da haben sie auch nach dem Krieg alles zerschlagen,
in Deutschland alle inneren Verhältnisse umgewälzt.
Und was ist daraus geworden? Eine stolze Bundesrepublik! Also
produktive Unruhe - eine Revolution, auf dass alles besser wird,
wäre die amerikanische Antwort auf den gerade
geäußerten
Einwand. Vielleicht bewegen wir uns damit zu sehr im Feld der
Ideologien.
- Das Urteil der Amerikaner, dass diese Staaten nur eine scheinbare
Stabilität gewährleisten, ist kein ideologisches Urteil
der Amerikaner, sondern die Kundgabe, dass die Region in ihren
Herrschaftsformen umgewälzt gehört.
- Stabilität ist doch kein Zweck.
- Das zielt darauf, dass diese Staaten nicht aufgrund ihrer
Verfasstheit, ihrer gesellschaftlichen Verhältnisse
Stabilität
ausdrücken, sondern nur aufgrund ihrer Machteliten und deren
Terror den Staat im Griff haben.
- Da wird es wirklich ideologisch: Welche Herrschaft ist so,
dass es zu keinem Terroraufstand käme? Wenn ein Diktator
sein Land im Griff hat, war das den Amerikanern oft genug in der
Weltgeschichte recht.
- Der Anspruch der Amerikaner ist, wenn die Herrschaft legale
Verhältnisse von unten nach oben installiert, loyale
Verhältnisse
zwischen Volk und Herrschaft installiert = Demokratie =
Stabilität,
dann gibt es keinen Antiamerikanismus in diesen Staaten.
- Was die für Demokratie halten, ist umgekehrt, dass sie
Demokratie dazu sagen, wenn die Verhältnisse passen. Dazu
braucht man sich nur die Wahlen im Irak anschauen.
Das Beispiel Irak einmal hergenommen: Sie haben einen Zirkus
veranstaltet.
Einen, der den meisten Anhang hat zu einem Vizekönig zu
erklären,
wäre eine leichte Übung gewesen; ihn aufzufordern, den
Rest zu unterdrücken und ihn zu beruhigen, dass er sich um
seinen guten Ruf nicht zu sorgen brauche, weil man schon sagt,
dass das ein Weg zur Demokratie sei. So war das südamerikanische
Muster der 60er und 70er Jahre. Sie haben etwas anderes gemacht.
Natürlich unter ihrer Maßregel haben sie einen
Parteienzirkus
eröffnet und richtig mobilisiert und überprüft
worden ist, was es in diesem Land an Staatswillen - Staat zu machen
- im amerikanischen Sinne gibt. Da haben sie einen Pluralismus
entdeckt - auf einmal gab es 85 Parteien, zur Wahl gestellt, lange
genug nachgezählt, bis die richtige Partei gewonnen hat -
dann sollen die sich zusammen raufen und einen auf Mehrheitsdemokratie
machen. An dem muss man sich orientieren, wenn die Frage zu beantworten
ist, was heute die Demokratisierungsforderung an so Staaten bedeutet
(nicht bloß Iran, wo es auf Umsturz zielt, sondern auch
Saudi-Arabien oder Ägypten, wo es die leichteste Übung
wäre zu sagen: Das ist eben ägyptische Demokratie).
Dieses Muster, das jetzt aber verworfen wird, haben sie lange
genug gebracht und zu dem Präsidenten wird Tyrann gesagt, als
hätte das alte Muster Verhältnisse geschaffen,
auf die nicht mehr Verlass ist.
- Die Amerikaner drehen das um, dass es wegen der Herrschaften
dort unten, wegen ihrer Verfasstheit dazu kommt, dass die Untertanen
auf Antiamerikanismus = Terrorismus kommen und nicht wegen ihres
imperialistischen Treibens und deren Funktionalisierung dafür.
Vielleicht müssen wir einmal einen Exkurs machen. Was ist
denn in den Staaten, staatstheoretisch, demokratietheoretisch
betrachtet, los, denen die USA jetzt nachsagen, dass dort eine
Tyrannei herrsche und sie die ganzen behaupteten Mängel
beherbergen,
die letztlich auch noch zum Terrorismus führen? Was ist das
Positive zu dem Etikett "keine Demokratie"? "Keine
Demokratie" sagt ja noch nichts, irgend etwas ist doch statt
dessen.
- Die Amerikaner kritisieren bei denen die vorhandene Zivilgesellschaft
als undemokratisch, sprich: Sie haben einen Nationalismus
hervorgebracht,
der antiamerikanisch ist. Die Amerikaner sind zu der Auffassung
gelangt, dass Demokratie nicht ausreicht als eine Bestätigung
der eigentlichen Herrschaft, sondern eine Zivilgesellschaft, eine
Öffentlichkeit dazugehört, die diesen demokratischen
Verlauf fortwährend legitimiert. Öffentlichkeit muss
her als andauernde Besprechung und Gutheißung demokratischer
Umtriebe und Sortierung der öffentlichen Meinung in Parteien,
die das System nicht radikal umstoßen wollen sondern sich
überhaupt einig sind im Herstellen einer demokratischen
Verfasstheit
der Gesellschaft und in der konkurrenzmäßig antreten.
- Dort gibt es eine Mannschaft, die ...(unverständlich)
in dieser Nation gültig macht, zum einen. Zum anderen gibt
es irgendwelche Oppositionelle, die nicht um eine alternative
Staatsbesetzung konkurrieren, sondern die die Staatsmacht an sich
reißen wollen mit dem Zweck einer Umkrempelung der gültigen
Staatsräson. Dies im Unterschied zu demokratischen
Verhältnissen,
in denen sie um die Macht konkurrieren, und wo sich alle, auch
die Opposition, im wesentlichen einig ist darüber, welches
Programm in der Nation vorgesehen ist.
Soweit weg sind diese Überlegungen nicht, dass die Amerikaner
glatt noch mit den Vorstellungen einer Zivilgesellschaft daher
kommen, der sie diese Länder angleichen wollen.
- Wenn man den Amerikanern einen Idealismus in Bezug auf die
Installation von Demokratie in solchen Ländern unterstellen
will, dann reduziert sich die Forderung nach Demokratie darauf,
dass dies erstens ein Instrument des Umsturzes ist, das von außen
praktikabel ist, und zweitens die auswärtige Intervention
per Akklamation durch das Volkes legitimiert.
Jetzt steht doch für Saudi-Arabien und Ägypten wirklich
keine Intervention von außen an. Für diese beiden
Länder
gilt ja auch nicht ein solcher Anspruch wie gegen den Iran: Die
Herrschaft muss weg. Und selbst wenn so etwas darin enthalten
ist, dass sie sie gründlich korrigieren wollen, gibt es doch
tausend Wege dafür, sie zu erpressen - man schaue sich nur
an, wie die Europäer unterwegs sind. Auch wenn man einem
Scheich eine moderne Eisenbahn verkauft, kann dies ein Hebel sein,
um ein bisschen diese Herrschaft auf sich zu verpflichten. Und
wenn man dann noch Panzer liefert, dann gleich. Das schöpft
nicht aus, was die Amerikaner dort allen Ernstes probieren. Jetzt
gab es ja schon den Vorschlag, dass sie dabei so etwas wie einen
prinzipiellen Stabilitätsgedanken haben. Sie haben auch ein
Anti-Terrorismus-Programm - bloß, wie ist denn die Brücke
vom Anti-Terrorismus-Programm zu so einer Forderung: "Wir
wollen quasi eine neue Grundlage für die Herrschaft in diesen
Ländern"? Wenn man einerseits von amerikanischer Seite
die Regierungen von Saudi-Arabien und Ägypten gar nicht
wegputschen
will, aber auf der anderen Seite schon so etwas angesagt ist wie
ein gewisser politischer Systemwechsel - eben in dem Sinn, da
habe eine politische Elite die Herrschaft ergriffen und
unterdrückt
alle Abweichler -, wie geht von da der Weg zu einem Pluralismus,
der aus verschiedenen Alternativen zu einer stabilen Staatsräson
führt? Dabei gibt es sicherlich idealistische Elemente, aber
es ist doch wirklich ein Interesse an einer Sorte politischen
Systemwechsels in diesen Ländern.
- Zwischen Syrien und Saudi-Arabien gibt es doch fundamentale
Unterschiede. Für die Amerikaner fällt es zusammen.
Nein, fällt nicht zusammen. Die Ansagen an Syrien sind viel
härter als gegen Saudi-Arabien.
- Der saudische Staat zeichnet sich dadurch aus, dass die im
Gefolge des ersten Weltkrieges an die Macht gekommene Herrscherfamilie
die entscheidenden Schlüsselpositionen im Staat besetzt hat,
das Ölgeschäft, die Geschäfte mit dem Bau usw.
betreibt. Dieses System ist "stabil"; mit ihrem Geheimdienst
sorgt die Prinzenfamilie dafür, indem sie die ökonomischen
und Machtquellen unter sich aufgeteilt hat. In Syrien hat es von
Haus aus einen ganz anderen Staatszweck gegeben. Dort wurde ein
Revolution gemacht und das Baath-Regime eingerichtet, die Ökonomie
wurde verstaatlicht, damit aus dem arabischen Nationalismus ein
arabischer Internationalismus und so eine ordentliche Front gegen
Israel und den Imperialismus wird. Wie auch bei uns in der
Öffentlichkeit
besprochen, wird beides unter dem Gesichtspunkt "Macht und
Herrschaftseliten" subsumiert, die sich Staat und Volk schnappen
und die Ressourcen unter sich aufteilen; so ist das Bild einer
Diktatur mit damit zusammenhängender Korruption, Miss- und
Staatswirtschaft fertig.
Gut, aber es ist eben nur ein Bild, mit dem wir wirklich im Bereich
der ideologischen Präsentation, der ideologischen Begründung
einer Kritik oder sogar Feindschaft sind. Wir kommen nicht darum
herum, es ein bisschen staatstheoretischer zu nehmen, vielleicht
dem nachzugehen, was wirklich dran ist - jetzt nicht bloß
als ideologische Chiffre, sondern als Programmpunkt -, wenn da
von Zivilgesellschaft herumgetönt wird. Zivilgesellschaft
ist ein ideologischer Titel, aber für was denn eigentlich,
und auf was trifft er dort? Was hat es für eine Bedeutung,
nicht bloß einen neuen Chef und nicht bloß eine neue
Nachfolgeregelung für den alten Chef sondern richtig eine
neue Sorte Gesellschaft zu fordern? Das macht ja das
"Revolutionäre"
an dem amerikanischen Ansinnen aus, dass diese Ländern eigentlich
eine politisch neu verfasste Gesellschaft brauchen.
- Es soll doch so etwas her wie, dass jeder Bürger dort
bei seinem alltäglichen Zurechtkommen sich ganz generell
aufgehoben sieht in den Machenschaften der Regierung, die einmal
mehr kritisch beurteilt, sie mache es nicht ordentlich, oder mehr
positiv beurteilt, der Bürger sich da aber bedient sieht.
Das stellt dieses Moment von Loyalität dar. Bei der Frage
nach einer neuen Regierung soll so etwas hinein wie bei uns: Dann
wählt man die Alternativen, die aber im Prinzip dasselbe
machen, nur halt mit ihren alternativen Vorstellungen. Es soll
nicht so etwas geben, dass dadurch, dass Interessen ausgeschlossen
sind durch Machteliten, Diktatoren usw., sich etwas bildet wie
ein prinzipieller Gegensatz zu der jeweiligen Herrschaft, der
in bürgerkriegsähnlicher, terroristischer Form oder
sonst wie gewalttätig rummacht. Der Gedanke ist, dass dann
durch diese Loyalität Volk und Staat besser zusammenpassen.
Nehmen wir einmal das Moment her. Das ist die Beobachtung dieser
Länder, daher kommt der Vorwurf, dass das alles nicht
zuverlässig
sei, sogar Terrorismus ist von diesen Ländern zu gewärtigen,
das als Verdikt über diese Staaten mit ihrer inneren Verfassung,
heißt ja soviel wie: Dort gibt es nicht integrierte
Oppositionelle.
Dort gibt es Kräfte in der Gesellschaft - vielleicht ist
das überhaupt das Moment von Diagnose, von dem dieser aberwitzige
amerikanische Reformwille ausgeht -, die bleiben aus dem Konsens,
der in dieser Nation am Werk ist, draußen - warum? Weil
dort umgedreht ein Diktator, eben diese Elite, die sich die Macht
gegriffen hat, die ausschließt.
- Und da kommt bei Opposition immer gleich Staatsfeindschaft
heraus.
Ja, irgend so etwas in der Art. Und das muss doch nicht sein.
Jetzt wird glatt der Herrschaft angelastet, dass sie Gegensätze
in ihrer Gesellschaft beherbergt und die nicht integriert, sondern
durch Unterdrückung still stellt.
- Bei dem Witz von Diktatur und Opposition ist gleich Staatsfeindschaft
ist das Argument kein ideologisches der Amerikaner, wenn sie sagen:
"Da ist scheinbare Stabilität", weil Opposition
immer gleich Terrorismus gegen die herrschende Elite in diesem
Staat bedeutet.
Na ja, ob es immer gleich Terrorismus ist? Da muss man schon sagen,
dass der Staat so stabil ist wie die Kräfte, mit denen die
Regierung auf ihre revolutionären Umtriebe aufpasst. So
prinzipiell,
dass man sagt, Unterdrückung ist nie und nimmer stabil, gilt
das nicht; da könnte man auch manche Demokratie abschreiben.
Ohne Polizei funktioniert noch nicht einmal Amerika. Vielleicht
hilft es einmal, einen kleinen Exkurs zu machen, um sich zu
überlegen,
was denn die geniale Leistung der Demokratie ist, von der die
Amerikaner diagnostizieren, sie ist in der Region dort nicht vorhanden,
und von der sie wünschen, sie soll es dort geben, dann wäre
alles besser.
Was ist denn - wenn man so will - das Geniale an dieser Erfindung?
- Das Bequeme an der Demokratie ist, dass Kritik und Opposition
sich immer gleich vorzutragen haben als politische Alternative,
als Partei organisiert, die sich den Staatsalternativen zur
nächsten
Wahl präsentieren soll. Dieser Funktionalismus ist das
Bestechende,
was die Amerikaner sich mit ihrem instrumentellen Denken sich
wünschen, um in diesen Staaten die Ausreißer von Grund
auf auszumerzen.
Ja, sowohl die Ausreißer wie auf der anderen Seite eine
Elite, die ihre Herrschaft nach ihrem eigenen nationalistischen
Ermessen praktiziert, statt dass sie sie als Kompromiss, als
demokratischen
Konsens vieler rivalisierender Kräfte organisiert. Wobei
die Amerikaner sich dann gleich denken, dass, wenn letzteres der
Fall wäre, es dann für sie genügend Einfallstore
gäbe, um das demokratische Kräftemessen in solchen
Ländern
so zu lenken, dass der am Ende heraus kommende Kompromiss einer
in ihrem Sinne ist und nicht der nationalistischen Einseitigkeit
einer Führungsclique überlassen bleibt. Noch bevor man
sagt, dass das vielleicht eine absurde Rechnung ist, die nie und
nimmer aufgeht - dies erst einmal für sich.
- Du sprichst vom Standpunkt ihrer Einmischung und deren Wirkung.
Bevor man aber auf das Einmischungswesen geht - die Diagnose über
diese Länder. Der Witz ist doch, die Demokratie anerkennt,
dass es in einer Gesellschaft nicht bloß unterschiedliche,
sondern einander widerstreitende Interessen gibt. Sie erkennt
das sogar bis zu einem solchen Grade an, dass sie davon ausgeht,
wenn die Partei des einen Interesses regiert, ist die Partei des
anderen Interesses in der Opposition. Eine Demokratie geht davon
aus, dass diese Gesellschaft ein Zirkus von Interessensgegensätzen
ist. Aber das ist ja nur die eine Seite, von der die Demokratie
ausgeht. Was sie dann damit macht - das ist das Lustige, was bis
jetzt immer zurecht gesagt worden ist: Demokratie ist ein Synonym
für Stabilität. Wenn man es einmal so zusammen nimmt:
Demokratie und Rechtsstaat, die werden gewürdigt und
das zurecht als politisch-systematische Vorkehrungen, den Gebrauch
der staatlichen Macht der Willkür der jeweils Gewählten
nicht etwa zu überantworten, sondern zu entziehen. Das
ist der wirkliche Inhalt der Gleichung, die die Amerikaner letztlich
all diesen Staaten irgendwie überstülpen wollen. Zumindest
ist es ein Moment der Gleichung Demokratie = Stabilität.
- Der Staatszweck ist jeweils unabhängig vom Personal.
Wie gibt es so etwas?
- Warum sind die Amerikaner so sicher, dass der Staatszweck,
der unabhängig vom Personal feststeht, ausgerechnet ein
proamerikanischer
sein soll?
Vielleicht liegt darin ja die Absurdität des amerikanischen
Vorgehens. Wie kann es so etwas geben: Trennung von Staatsräson
und Herrschaft? Dass staatliche Gewalt und das Personal, das sie
ausübt, nicht zusammenfallen, sondern trennbar verbunden
sind, ist einerseits trivial, weil ein Staat allemal eine längere
Lebenserwartung hat als seine Chefs. Ein Führungswechsel
muss immer sein, und um den kümmern sich sowieso alle
möglichen
Figuren, dabei gibt es immer Rivalitäten. Es gibt doch gar
nicht diesen monolithischen Tyrannen, der diktiert, wo es lang
geht, und alles steht stramm. Das Personal und die staatliche
Herrschaft sind also einerseits immer trennbar verbunden, das
merkt man spätestens wenn der Alte stirbt und der Sohn drankommt.
Andererseits liegt durchaus ein Paradox drin, denn staatliche
Gewalt heißt doch soviel wie: Ein Gewaltmonopol ordnet die
ganze Gesellschaft. Und Gewaltmonopol heißt wirklich Monopol,
da ist ein politischer Wille an der Spitze - vielleicht nicht
der eines Mannes, aber zumindest der einer Partei oder seiner
Clique, des Führers. Das ist doch der Inhalt von Staat, dass
ein organisiertes Gewaltmonopol existiert, das auf eine
Entscheidungszentrale
hinorientiert ist. Insofern ist also Staatsgewalt und Personal
überhaupt nicht zu trennen. Das ist auch bei uns nicht zu
trennen. Solange die eine Koalition eben regiert, ist die dran
und entscheidet darüber, wie es mit Deutschland weiter geht
- zum großen Ärgernis der anderen, die deswegen schreien
und durch die Gegend jammern. Bei diesen zwei Seiten: Einerseits
ist es klar, das Personal ist in Bezug auf den Staat immer
auswechselbar
- das war auch unter Kaiser Wilhelm nicht anders -, andererseits,
wenn schon, dann ist Herrschaft auch wirklich Herrschaft, dann
gibt es einen Willen an der Staatsspitze und der setzt sich als
Regulativ für die ganze Gesellschaft durch, wie passt bei
diesen beiden Seiten die Demokratie hinein? Demokratie und Rechtsstaat
muss man vielleicht zusammennehmen, weil es eine Einheit ist.
Von daher ist zu sagen, Demokratie ist eine einzige Vorkehrung,
nicht bloß quasi einen Staatsapparat als solchen stabil
sein zu lassen und dann eine Herrschaft zu institutionalisieren,
die dann vier Jahre lang mit diesem Apparat machen kann, was sie
will - das ist ein Moment in der Staatsbürgerkunde, so zu
tun, als würde eine Regierung gewählt, damit sie vier
Jahre lang machen kann, was sie will, und anschließend macht
die bisherige Opposition, was sie will, und am Ende kommt ein
Zickzackkurs oder sonst etwas heraus. Das ist ja gar nicht die
Wahrheit der Demokratie, sondern die ist eine einzige Vorkehrung
dafür, auch den Gebrauch der Macht den wechselnden Mannschaften
und ihren parteilichen Willen gerade nicht zu überantworten,
sondern zu entziehen. Das eine Moment wurde vorhin schon gesagt:
Es wird zwischen Parteien eine Konkurrenz inszeniert, die verdammt
viel Einigkeit unterstellt. Demokratien organisieren eine Konkurrenz
um die Frage, wer es besser macht, und nicht darum, dass heute
einmal dies und morgen jenes gemacht wird, heute Sozialismus,
morgen Kapitalismus, übermorgen Faschismus und dann wieder
von vorn - sondern wer macht das, was bei uns läuft, besser.
Die Garantiemacht dafür, dass sich die Konkurrenz der politischen
Parteien um so etwas dreht, liegt gar nicht bloß in den
Gewohnheiten der Wahlkämpfe, sondern sie liegt in dem Moment
von Rechtsstaat, was dazugehört. Der Rechtsstaat schreibt
ein ganzes System von Kontrollen fest, dass gerade nicht der
gewählte
Chef mit seiner Willkür machen kann, was er will. Alles,
was Regierungstätigkeit ist, muss Gesetzesform annehmen.
Es muss erst einmal in die Verfassung passen, damit ist schon
verdammt viel festgelegt. Es muss den Prinzipien der bürgerlichen
Gesellschaft, wie sie sich in ihrer Verfassung darstellt mit Schutz
des Eigentums, Sozialem Rechtsstaat usw., genügen. Es gibt
die berühmten "checks and balances", die eine Regierung
daran hindern, einfach zu machen, was sie will. Dieses Kombinat
aus Pluralismus der Parteien, die sich um die Verwaltung eigentlich
eines staatlichen Ensembles bemühen, und einer Rechtsform,
die Ausreißertum verhindert, ist eine einzige organisierte
Vorkehrung dagegen, dass der Wechsel des Personals per se Wechsel
im Gebrauch der staatlichen Macht bedeutet. Wenn man das einmal
einordnet in die vorhin gesagte Doppeldeutigkeit: Einerseits ist
das, dass Herrschaft und Personal zwei verschiedene Sachen sind,
trivial, andererseits ist es paradox, weil der, der oben dran
ist, dann derjenige ist, der bestimmt, dann gehört die Demokratie
dort so hinein, dass sie gerade mit dem organisierten Wechsel
des Personals die Kontinuität nicht bloß des
Herrschaftsapparates
sicherstellt, sondern die Kontinuität auch dessen, wie dieser
Herrschaftsapparat gebraucht wird - dafür ist "Staatsräson"
ein bei uns gebräuchliches Wort.
Das Absurde an dieser Konstruktion ist, dass die immer damit rechnet,
dass das, was Staatsräson ist und was da exekutiert wird,
der Stabilisierung bedarf. Da gibt es immerzu gesellschaftliche
Interessen, die bei der Exekution dieser staatlichen Ordnung auf
der Strecke bleiben, untergebuttert werden. Das ist die Regierungsform
für eine Gesellschaft der Interessensgegensätze, die
darauf beruht, dass all die verschiedenen gesellschaftlichen Fraktionen
mit ihren gegensätzlichen Interessen sich auf ein politisches
Ordnungssystem eingelassen haben, das von Gegensätzen in
dem Sinn nichts wissen will. Die Auflösung dieses Rätsels
ist banal: Das ist die politisch befriedete Klassengesellschaft.
Das ist gerade der Witz der Demokratie, sie leugnet nicht, dass
es Interessensgegensätze gibt, aber sie legt sie auf
Verfahrensweisen
fest, die gerade die Emanzipation der staatlichen Gewalt und ihres
rechtsmäßigen Gebrauchs vom Konflikt der Interessen,
die da verwaltet werden, sicherstellt.
- Die Stabilität ergibt sich doch genau dann - dies wurde
so dargestellt, dass auf der Ebene der politischen Elite
Parteialternativen
auftreten -, wenn das Volk als Wählerschaft in diesen Alternativen
Angebote für die eigene Unzufriedenheit sieht.
Ja, klar.
- Das ist die erwähnte notwendige Stabilisierung?
Das ist dasselbe von unten betrachtet, dass die Unzufriedenheit
eine Adresse findet. Eine Unzufriedenheit ist immer eine
Unzufriedenheit
mit der herrschenden Ordnung, mit dem, was der Staat gerade alles
regelt; die Unzufriedenheit mit Hartz IV ist eine Unzufriedenheit
mit dem Kapitalismus, wie er hier herrscht. Dieser Unzufriedenheit
Angebote zu machen, diese transformieren in eine Befürwortung
der Fortführung dieses Systems, das ist nach unten hin die
Leistung einer Demokratie oder ihres Parteienpluralismus. Man
kann es aber auch ohne die Massen unten für sich ausdrücken,
die Demokratie lebt doch von der Anerkennung von unvereinbaren
Interessen, weil sie eine Gesellschaft regiert, die ohne Kapital
und Arbeiter und ohne sonst noch einen Riesenzirkus von tödlich
miteinander konkurrierenden Knallknöpfen nicht auskommt.
Die Demokratie will die Gegensätze, weil sie sie braucht;
sie will keinen sachlichen Konsens in ihrer Gesellschaft herstellen:
"So wird's gemacht. Alle packen an." Sondern sie will
gerade einen Gegensatz von Kapital und Arbeit und am Ende auch
noch einen von Patienten und Krankenkassen oder von
Rentenversicherungen
und Rentnern... Das sind dann die Wurmfortsätze von lauter
Klassengegensätzen, die die Demokratie gar nicht infrage
stellt, sondern organisieren will, die sie also auch anerkennt,
einschließlich der Unzufriedenheit, die damit verbunden
ist. Es sagt keiner: "Hier wird aber gefälligst gejubelt!"
Und selbst wenn die Regierung sagt: "Jetzt wird einmal die
Schnauze gehalten!", fängt die Opposition das Stänkern
an.
- In der Diktatur ist eine Unzufriedenheit gleich sehr nahe
an einem Aufstand dran.
So, jetzt sage ich: "Nicht jede!" So wie ja auch manche
Unzufriedenheit Unterpunkte betrifft in einem Programm, und das
ist nicht die, von der vorhin geredet worden ist, es ist ja ein
Angebot an eine Unzufriedenheit, die sich eigentlich aus
antagonistischen,
d.h. einander widersprechenden und gleichzeitig nebeneinander
notwendigen Interessen ergibt. Das ist ja die Verrücktheit
der kapitalistischen Klassengesellschaft, dass sie gar keinen
Konsens in dem sachlichen Sinn haben will, weil sie ja einander
entgegengesetzte Interessen braucht. Sie braucht dann aber auch
eine Form, in der sie den Gegensatz eliminiert. Deswegen passt
zum Kapitalismus die Demokratie so wunderbar, weil sie ein Angebot
an die gegensätzlichen Interessen ist - so sind ja letztlich
historisch auch die Parteien entstanden - und weil sie gleichzeitig
die Festlegung ist all dieser gegensätzlichen Interessen
auf ein gemeinsames Werk, nämlich, den Staat, wie er ist
mit seinen ganzen Verwaltungsaufgaben, seiner Räson, seinen
Problemen, die sich aus der Klassengesellschaft eben ergeben,
den zu verwalten.
- Wenn man sich den Nahen Osten anschaut, dann sind die
Gegensätze,
die es dort gibt, die Unzufriedenheit, die dort unterwegs ist,
nicht diese Sorte Unzufriedenheit.
Eben. Was fehlt diesen Gegensätzen dort? Denen fehlt genau
das, was ihnen von Staats wegen vorenthalten wird, nämlich
ihre Anerkennung als für das Bestehen der Gesellschaft notwendig
und konstruktiv. Man wird keinen demokratischen Politiker finden,
der sagt: "Weil die Proleten ewig unzufrieden sind, schaffen
wir sie ab." Denn dagegen würden sich die Kapitalisten
schon wehren, wenn sie keine Proleten mehr fänden. Ein
"systemwidriges"
Interesse muss systemkonform gemacht werden, das schließt
Anerkennung und Unterbuttern und Einfügen - die Demokratie
ist eben der Modus der Einfügung - ein. Das ist der Witz
an der Stabilität der Demokratie, die hat etwas zu stabilisieren,
und das muss sie auch leisten, weil sie gegensätzliche Interessen
gleichermaßen braucht für den Erfolg des einen Interesses,
nämlich des kapitalistischen und des staatlichen, um das
es geht. Dafür braucht sie halt diese Mischpoke. Der
ägyptische
Staat braucht in dem Sinn die Muslimbruderschaft überhaupt
nicht. Die ist vom Standpunkt des Staates aus nur störend.
Wie sehr sie stört, ob sie überhaupt das Zeug hat, diese
Gesellschaft zu zersetzen, ist wieder eine andere Frage. Vielleicht
ist der Unterschied gar nicht so groß und man könnte
sie glatt auch mit hineinnehmen. Es hat ja in der Geschichte
Ägyptens
auch Versuche in diese Richtung gegeben; sie müssen auch
gar nicht alle scheitern. Bloß, Demokratie, weil die Amerikaner
gerade so darauf herumreiten, die täte Not, - daran möchte
ich zwischendrin einmal erinnert haben -, ist die Staatsform der
kapitalistischen Gesellschaft. Die setzt die Verrücktheit
voraus, dass eine Gesellschaft mit Interessensgegensätzen
so organisiert wird, dass diese gegensätzlichen Interessen
alle anerkannt und gleichzeitig auf Kooperation im Sinne des
kapitalistischen
Systeminteresses festgelegt werden. Wie leistet das die Demokratie?
Durch diese eigentümliche Organisation des Zusammenhangs
und der Trennung zwischen Personal und Sache, nicht bloß
in dem trivialen Sinn, es gibt den Staatsapparat und dann kommt
einmal diese und einander Mal jene Mannschaft, sondern auch, was
diese Mannschaft überhaupt zu erledigen hat, bis hin dazu,
was für ein Pluralismus von Rezepten es dafür gibt,
das liegt in der Verfassung dieser wunderbaren Zivilgesellschaft
fest, ist darin schon vorgegeben, und hat seine Verbindlichkeit
in dem politischen System zusammengesetzt aus Parteienpluralismus
und Rechtsstaatlichkeit. Rechtsstaat immer als Rückbindung
des Moments von Willkür, das im Parteienpluralismus drinsteckt,
an die Sache der Nation, die "erfolgreicher Kapitalstandort"
lautet. Wo gesagt wird, dass hier Demokratie fehle, gerade im
Nahen Osten, hat es etwas Richtiges an sich - so ideologisch der
Ausdruck auch ist - zu sagen, dass da eigentlich nicht nur die
Demokratie fehlt, sondern da fehlt die "Zivilgesellschaft".
Weil, was ist denn Zivilgesellschaft? Bei Marx kommt sie nicht
vor und zwar mit Recht, weil Zivilgesellschaft ein Titel für
die politisch befriedete Klassengesellschaft ist, wo alle
Interessensgegensätze
auf ein Nebeneinander von einmal mehr, einmal weniger erfolgreich
konkurrierenden, aber insgesamt allemal anerkannten Interessen
runtergebracht ist. Dazu kann man dann sagen: "Na ja, da
läuft alles sehr zivil und zivilisiert ab. Und da gibt es
ganz viele verschiedene Interessen, und die haben alle ihr
Recht." In dem Sinn muss man sagen: Dort, wo Demokratie
fehlt, gibt es nicht bloß eine Elite, die einfach zu machtgeil
ist, um von der Macht einmal ein Stückchen abzugeben so,
wie das Bild vom tyrannischen Despoten immer sagen will, sondern
da trägt die Herrschaft dem Umstand Rechnung, dass Einigkeit
des Volkes und staatswidrige oder oppositionelle Abweichungen
einen anderen Inhalt und eine andere Bedeutung haben als in
Demokratien,
weil sie in der Gesellschaft eine andere Grundlage haben. Das
sind nicht aufeinander angewiesene gegensätzliche Interessen,
die sich in Regierung, Opposition und sonst einen Parteienpluralismus
aufspalten, sondern es sind Interessen, die vielleicht alle dasselbe
wollen, Interessensgegensätze, wo jeder Chef einer Partei
haargenau dasselbe will wie der Chef der anderen Partei - das
sind nämlich die allerschönsten Gegensätze, wenn
einer genau dasselbe will wie der, der gerade dran ist, und der
einzige Mangel ist, er ist es nicht selbst. Vielleicht sind die
Interessensgegensätze, die es in diesen Gesellschaften und
Staaten gibt, ja zum Teil von solcher Art, dass also das, was
eine Demokratie nur immer zeitweise konzediert, nämlich dass
es einen Typ, einen Führer und dessen Klüngel gibt und
die sind jetzt einmal dran, das aber nur auf Zeit, und dann wird
sie wieder- oder auch abgewählt... Wenn das Parteien sind,
die sich allesamt - von ihren jeweiligen Standpunkten aus, aber
der Gebrauch der Macht liegt schon ziemlich fest - um die Verwaltung
des kapitalistischen Gemeinwesens bemühen, dann liegen die
Interessensgegensätze in der Gesellschaft außerhalb
der Konkurrenz dieser Führungscliquen. Da gibt es deren Konkurrenz
und deren Interessensgegensatz, aber die eigentlichen
gesellschaftlichen
Interessensgegensätze, um deren Befriedung und Verwaltung
es geht, die liegen außerhalb dieses Gegensatzes - der Gegensatz
von Kapital und Arbeit, der liegt außerhalb des Gegensatzes
von CDU und SPD. Deswegen können sie sich, wenn sie sich
rangeln, auch wieder vertragen. Aber wenn der Gegensatz zwischen
Regierung und Opposition - etwas blöd gesagt - der einzige
ist, den es gibt, und der einzige blöde Inhalt der ist: Wer
hat die Macht und deswegen die Verfügung über Macht
und Reichtum in diesem Land, also wenn dies nicht ein Gegensatz
ist in der Frage der Verwaltung der wirklichen Gegensätze
dieser Nation, sondern wenn das der einzige politisch zählende
Gegensatz ist, dann ist nicht bloß keine Demokratie da,
sondern dann ist Demokratie auch ein bisschen systemwidrig. Das
wäre so ungefähr - um es einmal auf unsere Verhältnisse
zu übertragen - ... die schönsten Gegensätze in
unserem Kapitalismus sind die, wenn sich zwei Erben um das Erbe
streiten. Wenn der Antagonismus an der Staatsspitze von der Art
ist, dann kann daraus genauso schlecht eine Demokratie machen
wie aus Erbstreitigkeiten.
- Diktatur als Personal aufgefasst. Die Organisation eines
Staatswesens, welches seine Gegensätze innerhalb der herrschenden
Kaste hat, stimmt doch damit überein, dass das meistens die
Besitzenden sind.
Klar, aber jetzt gibt es in diesen Ländern - das wäre
jetzt die Fortsetzung für den Nahen Osten - nicht bloß
diese Sorte Streit. Den wird es bei den Saudis sicher schon ewig
geben, dass da die eine Hälfte der family mit der anderen
total über Kreuz ist und Mord und Totschlag herrscht -
buchstäblich
dann, wer kommt dran, eine riesige Intrigenwirtschaft. Das ist
- ironisch gesagt - deren Sorte von Demokratie.
- Wobei da die Personal- und Organisationsfrage des Staates
zusammenfällt.
Ja, in dem Fall fällt es zusammen und deswegen ist es dann
auch nicht einfach die Sache, bei der die ganz cool sagen: "Na
ja, ob ich jetzt die nächsten vier Jahre über Macht
und Reichtum verfüge oder jemand anders, das ist mir letztlich
wurst. Das überantworte ich dem Urteil meiner Untertanen.
Und wenn die sagen: "Hau ab!", dann haue ich halt ab."
Das lässt sich machen in einer Demokratie, in der die Konkurrenz
darum geht, wer diese wunderbar geordnete Klassengesellschaft
regiert. Dann ist man vielleicht nicht mehr der Monopolist des
staatlichen Willens, aber wie dieser monopolisierte staatliche
Wille zu gebrauchen ist, das hängt ja sowieso nicht
übermäßig
von dem jeweiligen Chef ab. Die Konkurrenz tobt darum, wer die
wirklichen Interessensgegensätze in der Gesellschaft verwaltet.
Und das ist gleich etwas anderes, wenn es zwar haufenweise
Interessensgegensätze
in der Gesellschaft gibt, aber eine staatliche Ordnung existiert,
die alle niederbügelt, eben in Form einer durchorganisierten
Hierarchie: Da wird dem Imam oder dem Stammesältesten oder
sonst einem Knallkopf gehorcht, ein Apparat, eine Sittenpolizei,
ein Geheimdienst passt darauf auf, dass auch alle stramm stehen,
und keiner von den Gegensätzen, die es innerhalb der Gesellschaft
gibt, bekommt Recht. Kein abweichendes Interesse wird als gültig,
und zwar bedingt gültig, weil potenziell konstruktiv
für den Staat, weil ja auch nötig für das
Funktionieren des Ganzen anerkannt, sondern die werden alle
durchorganisiert
von oben bis unten. Dann gibt es zwei Sorten, wie doch Gegensätze
entstehen. Die eine war eben das Thema: Wer profitiert denn an
der Spitze davon? Die andere Sorte ist, wenn sich an irgendeiner
Stelle dieser untergeordneten, gedeckelten, gleichgeschalteten
Interessen genügend Widerstand rührt, um die staatliche
Ordnung zu stören. Dann rührt sich eben dort eine Opposition
ohne die Perspektive, vom Staat Anerkennung zu kriegen, weil sie
ja auch nötig ist. So wie das Proletariat einmal Anerkennung
vom Klassenstaat bekommen hat, weil es ja auch nötig ist
für das Funktionieren des Ganzen - das war dann der Siegeszug
der Sozialdemokratie. Sondern wenn sich in so einem Gemeinwesen
ein Interesse rührt und den ihm zugewiesenen Platz verlässt,
dann kann es mit Anerkennung dessen, dass es im Prinzip auch nötig
ist und sich jetzt bloß wieder konkurrierend an den
Geschäften
des Ganzen beteiligen soll, nicht domestiziert werden. Das ist
dann eine Sorte Unzufriedenheit, die dann deswegen so leicht in
eine Alternative zum ganzen Staatswesen ausartet. Das ist dann
gleich ein Einspruch gegen die Staatsräson und ist
staatsfeindlich.
Umgedreht, vielleicht versteht sich das Interesse selber sogar
nicht einmal staatsfeindlich, aber von oben herunter betrachtet
ist das ein Anschlag auf die Gleichung zwischen Staatsräson
und führender Mannschaft, die diese jeweils herrschende
Präsidentschaft
nun gerade einmal durchgesetzt hat. Wo es richtig brisant wird
und bis in die Terrorismusecke geht, gehört beides zusammen.
Da gibt es abweichende Interessen, die den Stellenwert und die
Perspektive: "Vielleicht bekommt ihr auch einmal die Macht
und macht dasselbe weiter.", wie in der Demokratie nicht
erhalten, weil es sich nicht um Interessen handelt, die so konstruktiv
auf den Staat orientiert sind, die den als ihre Adresse nehmen.
- Es gibt doch auch Staats-"modelle" wie den Iran,
wo ein untergeordnetes Interesse als gottgefällig wieder
in die Staatsräson eingeordnet wird.
Aber schon in dem Stichwort "gottgefällig" hat
man einen Gesichtspunkt, der über die Ideologie hinausreicht
und der ein Gerangel von Alternativen ausschließt.
Denn dann gibt es welche, die den göttlichen Willen und das,
was sich gehört, wissen und vollstrecken, und denen ihre
Zuständigkeit zu bestreiten, geht nicht so einfach in der
Form einer Abstimmung, bei der sich dann herausstellt, wer Recht
hat.
- Man kann jetzt also sagen, dass es staatlich gesetzte Gegensätze
in der Gesellschaft gibt. Eine Gewalt, die Interessengegensätze
in die Welt setzt, die dann auch von ihr ausgehen und sich an
der Gewalt scheiden. Im Unterschied zum Kapitalismus, wo zwar
der Staat die gesellschaftlichen Gegensätze organisiert,
aber die ihm auch vorausgesetzt sind.
In solchen Gesellschaften wie Ägypten mit seinen Fellachen,
Zwischenhändlern usw. - und ein bisschen Kapitalismus,
Arbeitslose,
reiche Hofschranzen usw. haben sie ja durchaus auch - gibt es
auch Interessensgegensätze wie Sand am Meer, nur dass sie
diese prinzipielle Anerkennung nicht erhalten Da ist ein eigenes
Interesse, und obwohl es eigentlich zum System gar nicht passt
- nämlich wenn man dem proletarischen Interesse nachgibt,
macht es eigentlich den Erfolg des Kapitals zunichte - aber unter
dem Gesichtspunkt, dass, wenn es sich gehörig zurücknimmt,
es durchaus dazu passt, weil es ja auch sowieso unentbehrlich
ist - diese dialektische Sorte Interessensgegensatz, die zeichnet
eben eine kapitalistische Klassengesellschaft aus.
Interessensgegensätze
gibt es auch dort und durchaus auch unversöhnliche zwischen
den verschiedenen Fraktionen der Gesellschaft, aber zu denen stellt
der Staat sich nicht als Klassenstaat, der sagt: "Ok, eine
triadische Formel, drei Einkommensarten (Kapital, Bd. III, Kap.
48: Die trinitarische Formel: Kapital - Profit, Boden - Grundrente,
Arbeit - Arbeitslohn), alle werden verwaltet, und ich achte auf
die Konkurrenz, und darüber ist die Kooperation aller
antagonistischen
Interessen einschließlich der Dreiheit der großen
Klassen geregelt." Sondern da macht der Staat sich anheischig,
eine Ordnung zu verhängen, die die einen Interessen zunichte
macht, den anderen ihren Stellenwert im Ganzen anweist, aber keinem
dieser Interessen die Freiheit zugesteht, sich mit seinen
Konkurrenzmitteln
zu betätigen.
- Die Interessen sind doch auch ganz anders geartet. Es ist
eine ganz andere Interessenslage als in einer Gesellschaft, in
der ein ökonomischer Zusammenhang existiert, wo beide Seiten,
die gegensätzlichen Interessen, voneinander abhängig
sind, die Grundlage einer Gemeinsamkeit und eines gemeinsamen
Willens, sich als Interesse politisieren zu lassen.
So dass sogar die gedeckelten, die zurückgestuften Interessen
genau die Ordnung, die sie in ihre blöde Lage bugsiert, als
ihr Mittel anerkennen. Das ist doch der Kunstgriff von
Zivilgesellschaft,
der dem ganzen demokratischen Zirkus zugrunde liegt.
Es wird im Moment über verschiedene Interessen geredet, die
man auseinander halten muss. Einerseits gibt es solche wie z.B.
die der Moslembrüder. Der Staat ärgert sich
hauptsächlich
über die, weil sie in allen möglichen Berufsverbänden
sitzen und diese dominieren; das sind vor allem die Anwälte,
Ärzte usw. Jetzt würde man doch sagen, dass, wenn und
solange sie dort ihre Standesinteressen vertreten, könnten
sie doch eigentlich integriert werden. Aber jetzt machen sie gerade
in diesen Verbänden Propaganda für ein anderes,
nämlich für ein muslimisch und auf jeden Fall antiisraelisch,
antiamerikanisch orientiertes Staatswesen, und verbinden das
auch noch mit sozialen Fragen. Jetzt ist die Frage der Einsortierung.
Einerseits lässt sich dies integrieren, es bezieht sich auf
dieselben Interessengegensätze, wie es auch in einem Klassenstaat
ist. Andererseits existiert überhaupt nicht diese Gemeinsamkeit
oder die Vorstellung von den Interessen, dass sie sich unter dieses
Staatsprogramm einordnen müssen, um zum Erfolg zu kommen.
- Bei diesem ganzen Zinnober ist nicht vorausgesetzt, wie viel
die jeweiligen Interessen gelten, sondern das ist doch gerade
infrage gestellt, wenn Berufsverbände sagen: "Wir machen
uns zum Anwalt von Interessen, die sind wegen des Staates, für
den Staat ganz grundsätzlich falsch eingeordnet."
Hier liegt vermutlich ein Missverständnis vor. Diese
Muslimbrüder
sind ja keine extremistischen Anwälte oder so etwas, die
sagen: "Unser Anwaltsstand ist falsch eingeordnet."
Sondern es gibt in Ägypten eine Standesordnung, wie jeder
anständige Staat viele verschiedene kooperative Stände
hat, jeder hat sein Werk zu tun; es gibt eine staatliche Ordnung,
die das durchorganisiert, und da haben alle Interessensgegensätze,
die es da irgendwie gibt zwischen Handwerkern, Rechtsanwälten,
Lehrern Ärzten usw., im Sinne eines Ständestaates und,
unter Umständen, einer ständestaatlichen Kooperation
ihren Stellenwert. Aber das ist ein Stellenwert, den ihnen eine
staatliche Ordnung zudiktiert und die fällt mit der herrschenden
Macht zusammen. Die organisiert für die Verwaltung ihrer
Ordnung keinen Pluralismus - wo soll der herkommen? Der Pluralismus,
den es gibt, nämlich z.B. von Leuten, die dann als
Muslimbrüder
auftreten, der will nicht eine bessere oder andere, gescheitere
Verwaltung dieses - jetzt nenne ich es noch einmal so -
Ständestaates,
sondern er will überhaupt ein neues Arrangement darüber,
wie sich überhaupt diese Gesellschaft aufzuführen hat.
Der will meinetwegen die Hierarchie umsortieren. Der will auch,
dass man sich ganz anders aufführt, dass Frömmigkeit
einen anderen Stellenwert bekommt. Sie wollen überhaupt eine
andere Verfassung nicht nur im Sinne einer Schrift, die kein Mensch
kennt, sondern einer anderen gesellschaftlichen Verfassung, wie
die Kooperation und die Konflikte zwischen den verschiedenen
Abteilungen
der Gesellschaft geregelt sind. Das geht nicht aus davon, dass
sie sagen: "Unser Berufsstand hat zu wenig Stellenwert", sondern:
"Insgesamt die Ordnung, für die diese Regierung
einsteht, und diese Partei passen uns nicht."
- Insofern ist es doch quasi ein Missbrauch der Stellen, die
sie in dieser Funktionsordnung dort einnehmen, um für etwas
ganz anderes zu agitieren als für das, wofür diese vorgesehen
sind.
Das ist vom existierenden Staatswesen ein Missbrauch ihrer
Standesrechte,
und vom Ideal einer Demokratie her wäre es ein Missbrauch,
weil man den Staat kippt.
Das ist ungefähr wie das, was man der NPD in Sachsen nachsagt.
Das Traurige ist ja, dass dort Honoratioren dafür sind. Die
wollen einen anderen Staat, und das Gemeine ist, dass ehrenwerte
Mitglieder unserer Gesellschaft sich dafür stark machen.
Da hat man eine Analogie.
Es soll hier keine Rekapitulation eines Demokratiekollegs gehalten
werden. Es sollte nur daran erinnert werden, die Demokratie ist
eine sausolide Art, Klassengesellschaft zu organisieren und auf
der Basis einer verbindlichen Staatsräson einen Pluralismus
zuzulassen. Dort, wo man immer nur negativ sagt, dass Demokratie
fehle, da sind nichtintegrierte Interessengegensätze unterwegs.
Und jetzt kommt das Interessante, wenn die Amerikaner Demokratisierung
für diese Länder fordern, dann sind sie auch nicht einfach
dafür, sämtliche unterdrückten Interessengegensätze
in diesen Ländern freizugeben. Sie sind nicht dafür,
dass ab morgen die Muslimbrüder und sonst jeder Fanatiker
in Ägypten und Saudi-Arabien - dann wäre man ja gleich
beim Bin Laden - als Partei fröhlich weitermachen. Den Musterfall
hat man einmal bei dem Imperativ "Demokratie bei den
Palästinensern!".
Man will ja gar nicht Offenheit in dem Sinn: "Na, jetzt lassen
wir alle, die bisher von Arafat unterdrückt worden sind oder
die es sonst noch in der Gesellschaft gibt und die sich bloß
mit Gewalt haben zu Worte melden können, zu einem fröhlichen
demokratischen Dialog zu." Wenn die "Demokratisierung"
sagen, dann geht das auf eine Sorte Staat, deren Führung
Pluralismus echt nicht verträgt und zwar nicht, weil die
so bös oder "Schurken" sind - das ist ja immer
die ideologische Konnotation bei den Amerikanern, sondern wie
diese Gesellschaft von oben runter verfasst ist, verträgt
sie einen freien Pluralismus nicht.
...Das heißt, dass Rechtsstaatlichkeit eingeführt werden
muss und Freiheit der Konkurrenz als Basis davon, das heißt,
dass von diesen Ländern gefordert wird, dass alle an der
politischen Konkurrenz teilnehmenden Parteien Einwendungen unterlassen,
die irgendetwas korrigieren wollen an den Ergebnissen der freien
Konkurrenz, an den Ergebnissen, die der kapitalistische Reichtum,
den es ja da unten gibt, anrichtet in diesen Ländern. Das
müssen ja keine Kritiken an der kapitalistischen Art der
Reichtumsproduktion in diesen Ländern sein, sondern
Korrekturversuche.
Gegen die haben die Amerikaner doch was, deswegen sind doch eine
ganze Reihe von Gegensätzen, die besprochen worden sind,
die es in den Ländern gibt, keine der Art, wie beim freien
Wählen durchaus positiv unterstellt wird, wie die Gegensätze
in einer Klassengesellschaft, wo beide Seiten wissen, dass sie
voneinander abhängig sind.
Jetzt muss man bloß besser unterscheiden zwischen dem, dass
wir so einen Zwischenakt gemacht haben, ein paar Prinzipien
nachzusteigen
und zu klären, was eigentlich positiv los ist in so Ländern,
von denen man immer nur erfährt, dass sie keine Demokratie
haben. Die haben ja was stattdessen und es ist nicht so, dass
die keinen Interessenspluralismus und keine antagonistischen Interessen
hätten, bloß der Kunstgriff, die zu integrieren,
demokratisch
anzuerkennen und zugleich auf eine Verwaltung des Systems ihrer
Konkurrenz zu verpflichten, ist dort nicht am Platze. Damit der
Laden überhaupt funktioniert, agiert die Regierung mit
Nichtanerkennung
abweichender Interessen, mit einer Ordnung, die sie gegen abweichende
Interessen vollstreckt. Damit gibt sie natürlich neuen
abweichenden
Interessen überhaupt Nahrung. Das war vorhin noch das eine
Moment: wenn ein Staat dermaßen verfasst ist, dann gibt
es natürlich erst recht den Gegensatz zwischen denen, die
sich um die Führungspositionen in diesem Staat rangeln, eben
deshalb, weil durch die sterbliche Natur des Menschen Herrschaft
und Personal sowieso sehr trennbar verbunden ist, deswegen ist die
Ermordung immer noch die beste Art des regime change; da
ändert sich nichts, außer der Person, die es macht.
Solche Gegensätze sind auf einmal die politisch brisantesten
in Ländern, wo sich bei der Unterordnung und Einordnung aller
sozialen und ökonomischen Interessen der Staat machtvoll
durchsetzt und überhaupt nichts anderes zulässt, als
dass jeder an seinem Fleck seinen Dienst tut. Dann gibt es noch
das andere, dass von diesen unterdrückten Interessen eine
Unzufriedenheit ausgeht, die sich dann politisierende Figuren
zunutze machen, die überhaupt ein ganz anderes Arrangement
der gesellschaftlichen Interessen wollen. Dem Mubarak zum Beispiel
geht es darum, eine Ordnung von oben herunter zu verhängen,
eine gesellschaftliche Ordnung in dem Land durchzusetzen, die
er und seine Figuren als Inhaber des Gewaltmonopols im Griff haben
und wo sie versuchen, sich davon nichts abhandeln zu lassen und
die ganze Unzufriedenheit dort ist nicht die Basis einer konstruktiv
rivalisierenden Partei, sondern sie ist einerseits unterdrückt,
weil sie sich in diesem System nicht gehört, weil das eben
von oben runter auf die Art durchorganisiert ist und keine Alternativen
kennt außer denen, die von oben konzediert werden und die
auf der anderen Seite der Nährboden ist für Figuren,
die sagen: man müsste eigentlich ganz Ägypten, ganz
Saudi-Arabien von Grund auf ganz anders organisieren und die dafür
nicht zuletzt so einen absoluten Bezugspunkt wie ihren Gott haben.
Auf die beziehen sich doch die Amerikaner, wenn sie Demokratie
fordern und dem Mubarak vorwerfen, er würde keinen Pluralismus
zulassen, eigentlich nur ganz formell. Die wollen doch gar nicht,
dass die Muslimbrüder oder sonst wer noch mehr zu sagen hat
im Staat, sondern die wollen nur einen Staat haben, der nicht
so von oben runter durchorganisiert ist, wie der Mubarak das macht,
sondern sie wollen einen nach ihrem Muster demokratischen Staat
haben. Jetzt beziehen sie sich darauf, dass er Interessen
unterdrückt,
da fühlen sich die Muslimbrüder auch gleich angesprochen,
weil sie diejenigen sind, die am meisten unterdrückt sind,
obwohl die Amerikaner gerade die überhaupt nicht ins Recht
setzen wollen - im Gegenteil, sie wollen gerade Alternativen zu
einem kapitalistischen Programm haben, das sie dort erst einmal
installieren müssen, und dafür müssen die von
außen
erst mal finanziert werden, damit es sie überhaupt gibt.
Die Opposition ist sowieso ein zusammengewürfelter Haufen
von amerikanischem Gezücht, das den Mubarak am westlichen
Staat-Machen misst, aus den Muslimbrüdern und den
unterdrückten
politischen Gegnern Mubaraks.
- Darum greifen ja die Amerikaner auch ein und konstruieren
sich eine Opposition gemäß ihren Zielen - echte Liberale,
die denen Mores lehren und klarstellen, was der Inhalt von
Zivilgesellschaft
ist, dass man die Kritik abtrennen muss, die man am Ergebnis dessen
hat, wenn der Reichtum des Kapitals das Entscheidende ist, was
aus dem Land wird und dass man es abtrennt, was der Personalwechsel
für die Herrschaft bedeutet, das müssen sie von solchen
Parteien ja auch beigebracht bekommen.
Und jetzt muss man an dieser Stelle der Diskussion das amerikanische
Programm und seine Effekte ein bisschen unterscheiden. Das
amerikanische
Programm will auf der einen Seite nicht einfach alle politischen
Gegensätze, die es in einem Land gibt, freisetzen und sagen:
jetzt tummelt euch mal schön; dazu ist viel zu klar, dass
es in den Gegensätzen politischer Art, die es dort schon
gibt, viel Unbrauchbares am Werk ist. Sie wollen aber auch nicht
bloß Demokratie dem Scheine nach inszenieren, wie sie es
ja auch durchaus können - siehe Afghanistan, wo sie einen
Typen durchsetzen und dann pro forma eine Wahl inszenieren, das
hätten sie beim Mubarak ja auch schon: einen durchgesetzten
Typen, der vorentschiedene Wahlen organisiert. Sie wollen aber
auch nicht die Variante, dass der Potentat zu seinem Gefolgsmann
sagt, dass er jetzt die Opposition machen soll, also diesen Schein
von Alternative inszenieren, der nur pro forma die Unzufriedenheit
mittels einer 3,5%-Partei auffängt, sondern sie verfolgen
einen Pluralismus ohne Rücksicht auf die klassengesellschaftliche
Grundlage, also einen politisch domestizierten Kapitalismus
als Grundlage der Demokratie, und zwar einen Pluralismus, der
eine Leistung bringt, nämlich Konsens zu produzieren und
aus dem dann ein Regierungswille erwachsen soll, bei dem Modell
im Irak kann man ja verfolgen, was sie da probieren. Ein Pluralismus,
der mit seinem demokratisch programmierten Konsens das ganze
Gemeinwesen
sowohl hinsichtlich seiner staatlichen Verwaltung als auch der
Einstellung des Volks in Richtung Amerika-Freundlichkeit verschiebt,
der zumindest, negativ gesprochen, einem antiamerikanischen
Nationalismus
vorbeugt, der so was wie: eine Partei setzt ihren Nationalismus
durch, nicht zulässt, weil es eine andere Partei gibt, die
dann sagt: so auch wieder nicht. Da kommt dann erst das Argument,
dass die Amerikaner davon ausgehen, dass sie in dem Parteienpluralismus
sie genug Finger drin haben, dass die ihnen gewogenen Parteien
einen antiamerikanischen Nationalismus unterbinden können.
Der Witz ist: ihr Programm heißt nicht einfach, sie wollen
einen neuen, Amerika-freundlichen Diktator, sondern eine Maschinerie,
die immerzu einen für sie brauchbaren pluralistischen Konsens
generiert.
Das kam mir zu schnell auf die Funktionen davon, kann man nicht
- jetzt auf den Inhalt bezogen - sagen: Demokratie und Rechtsstaat
als Prinzipien, auf die sie sich festlegen lassen? Weil die Amerikaner
doch gleich mit ihren Wahlen kommen und dass die Menschen- und
Freiheitsrechte und die Frauenfragen wie bei uns behandelt werden;
deswegen legen sie ja auch die unterschiedlichsten Parteien -
im Irak die Schiiten und Sunniten - auf die Verfassung, bzw. vorher
formell, damit sie überhaupt teilnehmen dürfen, auf
den Pluralismus fest.
Das ist jetzt so ein eigentümlicher Punkt. Das, worauf die
Amerikaner die festlegen - rechtsstaatliche Normen etc. - das
ist ja der Formalismus und nicht der wirkliche, substanzielle
Inhalt einer demokratisierten Zivilgesellschaft. Was das Letztere
betrifft, die kapitalistische Gesellschaft - das ist ja in ‚Rechtsstaat
und Demokratie' an einer Stelle untergebracht, aber so, als wäre
es ein Nebenpunkt, Stichwort Menschenrechte und ökonomische
Freiheiten, die Sicherheit des Eigentums und insbesondere des
ausländischen. Das ist der härteste inhaltliche Punkt,
wo in die Staatsräson, um die sich der zukünftige Pluralismus
herumgruppieren soll, in diesen vorgegebenen Konsens, ein die
Gesellschaft bestimmendes Kapitalinteresse, implantiert wird,
eben in dieser rechtsförmlichen Gestalt einer Vorschrift,
dass Eigentum nicht diskriminiert werden darf, schon gar nicht
national.
- Also dass der Nationalstaat den abstrakten Begriff des Eigentums
sichert, also nicht seine Wirtschaft, sondern das Prinzip Eigentum
soll frei gelten und die Partei dieses Prinzips sind wir.
Aber nicht bloß: die Partei dieses Prinzips sind wir, sondern
das soll feststehen jenseits dessen, was sich die Parteien dann
als Programm ausdenken. Das ist wie der Versuch, um es mal
staatstheoretisch
wieder an das Vorherige anzuknüpfen, den Gegensatz, auf dessen
Organisation es ihnen ankommt, nämlich die Herrschaft ihres
Eigentums in dem Land, zur Prämisse machen, zum Gegenstand,
um dessen mehr oder weniger gute Verwaltung sich die Konkurrenz
der Parteien drehen soll. Der Witz ist nur, der Versuch, wie sie
ihn in Ägypten eben starten, geht ja drauf, mal als erstes
Pluralismus zu sagen und dann bei der Frage: welcher soll es denn
sein, wer soll da ausgeschlossen und wer soll eingeschlossen sein?
da mit rechtsstaatlichen Normen daher zu kommen, quasi mit der
Selbstverständlichkeit, ein Pluralismus braucht natürlich
einen Rechtsstaat und in der Frage, welche Rechte, kommt dann
zum Zuge, man möchte die Herrschaft des großen Eigentums
in diesem Land sicherstellen und das als Gegenstand außerhalb
der Parteienkonkurrenz festlegen, nämlich als das Ding, um
dessen optimale Verwaltung die Parteien zu konkurrieren haben;
dann darf der Pluralismus wirklich herrschen; bzw., dann kommen
noch andere Gesichtspunkte dazu: antiamerikanisch darf es
natürlich
nicht sein, aber das gehört noch in die formelle Ecke, aber
wie vorher gesagt wurde: sie legen inhaltlich was fest und das
ist das Substanzielle und zugleich gehen sie davon aus, dass sie
bei der Frage: welche Parteien gibt es dann und wer meldet sich
mit welchen Erfolgsaussichten zu dieser pluralistischen Konkurrenz?
dann ihre Finger drin haben.
- Noch mal zu dem: sie legen inhaltlich etwas fest. Diese Staaten
sind ja keine Feinde des Eigentums.
Aber unter Umständen sind sie welche der Herrschaft des
ausländischen
Eigentums.
... deswegen gibt es erstens immer die Forderung nach Privatisierung
und das zweite ist die Öffnung nach außen.
Es gibt eine Diskrepanz zwischen dem: was ist denn die Absicht
der amerikanischen Forderung? In welche Richtung zielt ihr Druck
und was richtet dieser Druck in diesen Ländern an? Das erste,
was er anrichtet, ist natürlich die Zersetzung der Ordnung,
die es da gibt, woraus die Amerikaner auch kein Geheimnis machen
und sagen, dass das produktiv ist: wenn man eine schlechtere Ordnung
zersetzt, kann nur etwas besseres rauskommen.
Mit dem letzten Punkt wären wir wieder bei der Sache: dass
man sich klar macht, dass das kein blödsinniger Idealismus
ist, sondern das ist schon amerikanisches Programm: einen politischen
Systemwechsel in diesen Ländern einführen; und noch
mal, was es nicht ist: es ist nicht Freiheit für jeden, der
dort etwas Abweichendes will, denn was es dort an Opposition gibt,
ist Terrorismus, der der allerböseste ist. Es ist aber auch
nicht einfach Inszenierung eines demokratischen Scheins, der so
etwas wie ein bisschen Stabilität produzieren könnte,
sondern es ist ein wirklicher Systemwechsel in Richtung Pluralismus.
Die wesentlichen Konditionen von Pluralismus und warum die Amerikaner
daran interessiert sind, heißt Offenheit in Sachen Menschenrechte
und eins der wichtigsten Menschenrechte ist das des Eigentums,
und das andere ist: Pluralismus als Einfallstor für Techniken
der Manipulation, Techniken der politischen Einflussnahme, des
Aufbaus von alternativen Führern, wozu sich der Bush ja in
seiner Inaugurationsrede bekannt hat: ‚Allen denen, die heute
in einem diktatorisch regierten Staat aufstehen als Opposition
und Menschenrechte einfordern, sagen wir: wir sehen in euch die
zukünftigen Führer der Nation und das sagen wir als
welche, die auch Mittel haben.' So hat er sich ja aufgebaut und
die, die in diesen Staaten aufstehen und die bisherige Sorte Herrschaft
bestreiten und einen politischen Systemwechsel in Form von freien
Wahlen und einem zulässigen Pluralismus fordern, nimmt Amerika
erst mal für sich als fünfte Kolonne in Anspruch und
schaut dann schon, dass sie die unter die Kontrolle ihrer
Stichwortgeber
kriegt. Da genügt es unter Umständen, wenn ein ganz
gewichtiges, punktuelles außenpolitisches Interesse die
Einheit stiftet, wie jetzt im Libanon. Wenn man da eine Mannschaft
hat und die lässt sich gegen Syrien aufregen und das passt
gerade haargenau in die amerikanische Syrienpolitik rein, dann
ist das das Bindeglied zu den Parteien, denen man per Pluralismus
Erfolg verschaffen will. In der Konstellation kommt es dann gar
nicht so darauf an, dass die die Frauen- und Eigentumsrechte sichern,
sondern da wird eine Opposition hochgezogen, auf deren antisyrische
Einstellung man Sachen aufbaut, die in dieser Einstellung eigentlich
gar nicht enthalten ist, nämlich ein Großangriff auf
das syrische Regime insgesamt.
- Eine gewisse Amerikafreundlichkeit ist ja schon dadurch gestiftet,
dass der Erfolg im Land von der auswärtigen Protektion
abhängt.
Klar. Irgendwer muss ja diese blitzsauberen Fahnen mit der Zeder
drauf gestrickt, auf jeden Fall gesponsert haben. - Jetzt steht
noch der eine Zwischenschritt an: das, was die Amerikaner dort
wollen und in die Wege leiten, ist eine Sache und das, was sie
in diesen Staaten anrichten, ist nicht ganz dasselbe. Im Irak
ist ihnen das ganze Volk keineswegs zugelaufen und in den anderen
Ländern zersetzt der geforderte Pluralismus die herrschende
Ordnung erst mal bloß und ausgerechnet die dort unterdrückte
militant Amerika-feindliche Minderheit wird vielleicht nicht gerade
Staatspartei, aber ausgeschaltet wird sie auch nicht und der
Mechanismus,
der solche abweichenden Abteilungen vom Volk in Schach gehalten
hat, also die Geheimdienste und die Unterdrückungsapparate,
finden sich angegriffen - das ist das Paradoxe an dem amerikanischen
Vorgehen; zum Beispiel Syrien, da hält der syrische Staatsapparat
den Amerikanern viele Terroristen vom Leibe und die Aufbewahrung
von palästinensischen Abweichlergruppen bedeutet doch auch
deren Neutralisierung. Amerika tut also so, als sei der Assad
absolut unnütz für die Sache Amerikas und Israels in
der Region. Der Angriff auf die syrische Regierung untergräbt
aber nicht bloß die Momente, wo die syrische Regierung mit
ihrem Nationalismus dem amerikanischen entgegensteht, sondern
er untergräbt natürlich auch diese Leistung. Das sind
alles Unterexempel zu dem, was Israel ganz drastisch macht und
wo auch hier mancher Kommentator draufgekommen ist, zu sagen:
man kann nicht ewig die palästinensische Autonomiebewegung
kurz und klein hauen und dann von ihr verlangen, dass sie die
Terroristen zügelt. In dem Fall, wo es so drastisch ist und
weil der Judenstaat in Europa dann doch keine so gute Presse hat
wie in den USA, fällt das denen schon mal auf. Aber im Prinzip
ist das Muster dasselbe: Herrschaften, die ihren Dienst durchaus
auch im Sinne von Amerika getan haben, mit der Perspektive, die
generiert jetzt automatisch einen proamerikanischen Konsens, angreifen,
entmachten, stiftet bis auf weiteres ein Durcheinander, das auch
die proamerikanischen Leistungen nicht gerade fördert. Aber
dass es die Leistung nicht fördert, ist vom europäischen
Standpunkt aus noch das wenigste; die Entmachtung oder
Machtverschiebung,
die die Amerikaner da anzetteln, durchkreuzt alles das, was die
Europäer in diesen Staaten für sich mit den Regierungen
dort eingerichtet haben, was sie fortführen wollen und was
sie auf einem anderen Weg sichern wollen als über den, den
die Amerikaner jetzt einschlagen. Nicht, als ob die Europäer
nicht auch in der Lage wären zu sagen: eine pro-europäische
Demokratie ist uns lieber als ein eigensinniger arabischer
Nationalismus,
bloß haben die nicht die amerikanischen Mittel und die
imperialistische
Frechheit der USA, zu sagen: und jetzt machen wir in dem Sinne
eine Revolution in dieser ganzen Region und selbst, wenn sie beides
hätten, hätten sie ja damit zu tun, dass die Amerikaner
schon unterwegs sind. Mit denen haben sie es auf alle Fälle
zu tun, mit all den Interessen, die die Europäer in diesen
Ländern haben und gesichert haben oder von denen sie bislang
geglaubt haben, die wären ihnen sicher, da wären
Herrschaften,
die wären ihnen in der Frage der Öllieferungen, in der
Frage der Ablieferung von Kredit und Geld, im Einkauf von Waren,
Waffen und dual-use Gütern, in der Frage der Investitionen
und durchaus auch in Fragen der strategischen Kooperation - wie
ordnen wir diese Region? - gewogen. Klar waren sie schon immer
die zweite Geige hinter den Amerikanern, aber als diese konnten
sie die amerikanische Kooperation in dieser Gegend durchaus auch
für sich ausnutzen. Aber alles, was sie da aufgebaut haben,
wird durch die neue amerikanische Umsturzpolitik in Frage gestellt;
das sehen die Europäer wohl genauso. Das ist die Situation,
die solchen Aktionen wie der Kanzlerreise in den Nahen Osten heute
so einen Stellenwert verleiht. Das ist nicht der Reise anzusehen,
sondern dem, was in der Region gerade passiert, in die er reist.
Der versucht eben, zu retten, was zu retten ist an Einfluss und
durchaus auch an Kommerz, an eingefahrenen Beziehungen, angesichts
dessen, dass Amerika dort eine Verschiebung probiert, die gar
nicht direkt zum Inhalt hat: wir machen den Europäern ein
Geschäft kaputt, aber weil sie viel prinzipieller zu Werke
geht, fürchten die Europäer zu Recht um die Grundlagen
ihres Geschäfts und schlagen sich mit Fragen folgenden Kalibers
herum: wen treffen wir dort morgen überhaupt an in diesen
Ländern? Was können wir mit den Potentaten dort ausmachen?
Wie lohnen sich übermorgen gute Beziehungen zum Scheich von
Oman, wenn man nicht weiß, ob der morgen von den Amerikanern
auf die Abschussliste gesetzt wird? Das beste Beispiel ist der
Iran, wo der Kanzler zu feige war, hinzufahren, weil, wenn er
hingefahren wäre, dann hätten die ihm Garantien gegen
die Entmachtungspolitik der USA abverlangt und da hätte er
passen müssen, bzw. vorgeben müssen, dass er das letztendlich
auch gar nicht will. Und die Mullahs hätten das wahr gemacht,
was die iranische Regierung zu der ganzen Atom-Offensive der
Europäer
sagt, nämlich, dass die nichts taugt mangels der obigen Garantien.
Und was man auch merkt: die Staaten dort zeigen Wirkung. Sie versuchen,
dem amerikanischen Vorstoß entgegenzukommen und dadurch
die Schärfe abzukaufen. Die sind mehr darauf aus, einen
Formalismus
von Demokratie bei sich einzuführen, der nichts kaputt macht
und den die Amerikaner billigen und da wäre es z.B. von
Saudi-Arabien
aus schon mal ein kleiner Teilerfolg, wenn das, was sie da
veranstalten,
von den Europäern als wunderbarer Fortschritt abgesegnet
würde. Obwohl auch die wissen, dass man sich von den
Europäern
gegenüber den Amerikanern eine wirkliche Garantie, dass das
jetzt genügt und sie so wieder genehmigt sind und dass man
so mit ihnen wieder strategisch und kommerziell ins Geschäft
kommt, nicht erwarten kann.
- Bani-Sadr, der ehemalige Präsident des Iran, vermisst
die Glaubwürdigkeit Europas, weil es nicht die
Sicherheitsgarantien
bieten könnte, die nur Amerika dort bieten kann.
Und wenn der sagt, dass nur Amerika die bieten kann, dann meint
er in Wahrheit eine Garantie gegen die Unsicherheit, die Amerika
ihnen ansagt - gegen wen denn sonst eine Sicherheitsgarantie?
Das wäre ja eine gegen den Iran selber. Man merkt eben hier
auch, dass die Europäer der amerikanischen Macht kein Veto
entgegenzusetzen haben. Das drastische Beispiel für alle
war ja der Irak-Krieg, wo die Europäer jetzt versuchen, den
Ausgang bzw. die jetzige Fortsetzung des Irak-Kriegs - dieses
terroristische Desaster - umzumünzen in einen Beleg, dass
ohne ihre Mithilfe den Amerikanern doch nicht gelingt, was sie
sich vornehmen. Also das ist der Versuch, noch einen gewissen
Machtbeweis plausibel zu machen, nachdem die Durchführung
des Irak-Krieges so drastisch dargestellt hat, dass die Europäer
keine Veto-Macht haben gegen die USA, wenn die einem Regime seine
Entmachtung ansagen, wobei die Saudi-Arabien-Affäre und die
ganzen Golfstaaten eine ganze Stufe unter dem liegt, dass einem
Regime seine Entmachtung angesagt wird und die Europäer
würden
sich anheischig machen, da ein Veto einzulegen. Da war der Irak-Krieg
der letzte Fall und da haben die Europäer verloren. Bei
Saudi-Arabien
und Co. sagen die USA eine Sorte Umsturz an und die Europäer
versuchen, sich da einzuklinken und konservativ, ohne das
amerikanische Vorgehen gleich als belanglos erklären zu
können,
im Hinblick darauf, was die Amerikaner alles aufmischen, selber
ihre Position zu retten. Allerdings ist es nicht richtig, zu sagen,
die Europäer agieren in Erwartung, dass die Amerikaner dort
was aufmischen, denn das findet schon statt; also da ist jetzt,
zwei Jahre nach dem Irak-Krieg, nichts mehr Erwartung.
Wenn man das Ganze, wie wir es besprochen haben, mal ein bisschen
demokratietheoretisch gegenüber stellt - was ist denn der
Witz an der Demokratie, wie die Herrschaft und Personal unterscheidet,
eben um das, was die Herrschaft zu tun hat, der Willkür des
Personals zu entziehen und nicht etwa zu überantworten.
Bei anderen Staaten, deren Staatsräson mit dem Standpunkt
der Führung zusammenfällt, gibt es ganz andere Probleme
bei der Regeneration dieser Führungsschicht, weil da mit
jedem Führungswechsel auch ein bisschen die Staatsräson
auf dem Spiel steht. Wenn man sich diesen Gegensatz zu Gemüte
führt, dann stößt man in einer funktionierenden
Demokratie wie der unseren ja laufend darauf, dass für die,
die den Staat machen, gar nicht der Witz ist, der Wechsel zwischen
ihnen und der Opposition ist eigentlich ein Mittel zur Stabilisierung
der Staatsräson, sondern von deren Standpunkt aus, auch wenn
sie dann hinterher dem Wahlsieger gratulieren und sich darauf
freuen, dass sie in vier Jahren wieder zum Wahlkampf antreten
dürfen, ist es immer ein bisschen so, dass der Staat nur
bei ihnen in den richtigen Händen ist und deswegen die
Machtergreifung
der jeweiligen Opposition schon ein bisschen an so etwas heranreicht
wie einen Putsch. So einen lupenreinen Demokraten, der sagt: mein
Rücktritt ist ein Beitrag zur Stabilisierung der Demokratie,
mein Rücktritt ist ein Beweis, wie gut die Demokratie auch
ohne mich funktioniert, ist nicht so ganz die Wahrheit. Ein Treppenwitz
ist in dem Zusammenhang, wie die Opposition sich gegen den Fischer
aufführt, denn es ist ein Unterschied, ob man jemandem nachsagt,
dass er einen Fehler gemacht habe und zwar einen ganz furchtbar
schlimmen oder wie das sonst der Oppositionstenor ist: sie können
es nicht und dann ist das ‚es' immer: eigentlich verfolgen
wir die gemeinsame Sache, sondern das geht da ja schon zwei Schritte
weiter: nämlich erstens, die verkaufen in Kiew das Vaterland,
die liefern es nämlich Verbrechern aus - das macht ja den
Reiz dieser ganzen Affäre aus, dass man auf ukrainische und
womöglich russische Mafia, Giftanschläge und derlei
anspielen kann mit dem wunderbaren Zusatz, dass die größten
Machos der Nation furchtbar betroffen Zwangsprostitution erwähnen,
das steht ja auch nur für das Verbrecherische und dass man
sich da ein Riesenverbrechen eingehandelt hat; das will ja nicht
den Unterschied zwischen Zwangs- und anderer Prostitution erklärt
haben noch zählt es nach, wie viele es wirklich betroffen
hat. Der zweite Schritt ist, nicht bloß zu sagen, dass der
Fischer da was zugelassen hat, sondern, dass das Absicht war,
unter dem Motto: bei diesen Multi-Kulti-Typen weiß man ja
nie, die wollen eigentlich das Vaterland verraten. Und dieser
Vorwurf des Vaterlandsverrats, den die CDU zur Zeit ja laufend
probiert, gehört seiner Logik nach eigentlich in die
undemokratische
Abteilung, wo eine Partei darauf beharrt, dass sie ganz untrennbar
als Partei mit dem Schicksal des Vaterlandes verbunden ist und
jede Entmachtung ihrer Partei auch das Unglück des Vaterlandes
ist. Diese Stoßrichtung: antipatriotische Gesinnung ist
bei uns an der Macht, ist der Tenor, seit die SPD den Wahlsieg
‚gestohlen' hat unter Vorspiegelung grauenhafter Sachen.
Wie wenig Demokraten die Demokratie passt, davon zeugt seit
geschlagenen
zwei Jahren jeder Leitartikel der FAZ. Was damit nicht gesagt
sein sollte, ist, dass wir jetzt auf dem Weg zur Anti-Demokratie
sind; was die Sache so schäbig macht, ist ja gerade wieder
das Demokratische daran: letztlich es ist dann von der CDU doch
bloß ein Winkelzug für die Wahl in NRW und die Vorbereitung
der nächsten Wahl. Man merkt da, wie nah die Demokratie mit
ihrem wunderbar institutionalisierten Machtwechsel an dem Standpunkt
undemokratischer Regime ist, dass nur ihrer Partei und sonst keiner
die Macht gebührt, weil sie mit dem Interesse der Nation
identisch ist.
Es gibt ja eine sachliche Verbindung: wenn sie mit dem Gang der
Nation so unzufrieden sind, dann wird die Konkurrenz auch so radikal
und gehässig, dass sie sagen: wir müssen dran. Das ist
dann auch die Ankündigung des Radikalismus, mit dem sie dann
regieren.
- Das ist bei denen dann auch der ganze Unterschied: dass die
dann dran sind, es gibt ja keinen Systemwechsel, sie streiten
um den Erfolg der Nation und nicht um die Verfassung der Nation.
Genau, sie kündigen ja nicht die Demokratie oder wollen das
Verfahren auflösen, das ist nicht im Visier, das wäre
dann die NPD; das ist der wirkliche Unterschied zwischen NPD und
CDU, aber der Impuls der Feindschaft ist absolut NPD-mäßig.