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Zur amerikanischen Kriegswirtschaft, zum Bush-Besuch in Europa
und
zu den Demokratisierungsforderungen an die Staaten im Nahen Osten
- Nachfrage zur letzten Debatte über die Kriegswirtschaft
und dem zugehörigen Artikel im GEGENSTANDPUNKT,
3-02, Krise
und Kriegswirtschaft in den USA, S. 89ff:
Unter II., 3) erklärt der Artikel, dass der Krieg für
die kapitalistische Wirtschaft ein Schaden ist einerseits, weil
Reichtum und Reichtumsquellen zerstört werden und die Aussichten
auf zukünftige Bereicherung. Andererseits ist es ein Schaden,
weil der Staat sich rücksichtslos dagegen verschuldet, was
seine Ökonomie hergibt. Die Ausführungen unter III.
sind soweit klar. Nicht klar geworden ist die Bestimmung der
amerikanischen
Verschuldung unter 3) wenn es heißt:
"Auf nationaler Ebene leidet der ‚abstrakte' Reichtum
mitsamt seiner nationalen Ausprägung, der Währung, unter
dem Krieg. Und das, obwohl er durch Waffengewalt so unmittelbar
gar nicht umzubringen ist. Denn genau genommen ist es sogar so
... dass der Krieg den Eintritt des kapitalistischen Schadensfalls,
den er verursacht, suspendiert. Er höhlt zwar das kapitalistische
Vermögen der Krieg führenden Nation aus; die verbittet
sich aber, solange sie im Krieg ist, jede finanzkapitalistische
Kritik ... unterbindet also die Aufdeckung der zunehmenden
Fragwürdigkeit
all der Anspruchstitel ... die ihre Regierung in Umlauf gebracht
hat ... Der errungene Frieden ist daher der eigentliche
ökonomische Schadensfall einer kapitalistischen
Kriegswirtschaft."
(111)
Damit komme ich nicht zurecht, weil der Fall des Dollars doch
stattgefunden hat. Und das ist die Art und Weise, wie die
Überprüfung
stattfindet. Zwar wird nicht die Frage aufgemacht, ob er überhaupt
werthaltig ist, aber es wird befunden, dass er im Vergleich zu
anderen Geldern weniger wert ist.
"Ohne an den wundervollen Sachgesetzen ihrer Marktwirtschaft
etwas zu ändern ... verfügt der Staat, formvollendet
nach den Regeln einer Kapital-freundlichen Budget-Gestaltung, die
Emanzipation seiner Finanzmacht und des durch diese initiierten
allseitigen Geldverdienens von eben diesen Sachgesetzen, auf denen
sein etatmäßiges Herumwirtschaften beruht. Die
Zerrüttung
seiner ökonomischen Basis durch seinen Krieg soll deren Leistung
nicht mindern, vielmehr umgekehrt die militärische Leistung,
die er zu Stande bringt, alle ökonomische Zerrüttung,
die er mit seiner Kriegsführung anrichtet, ungeschehen
machen. Es ist als wollten Bush und seine Antiterrorkrieger
den strategischen Welterfolg, den sie sich vorgenommen haben und
zu erkämpfen gedenken, an die Stelle des kapitalistischen
‚Wertgesetzes' setzen und eben diesem ‚Gesetz' genau
dadurch gerecht werden." (120f)
Die Frage ist nicht, ob das geht - es soll schließlich keine
Prognose sein. Als logische Bestimmung der Sache klingt es so,
als würde sich das ausschließen. Das ist das Problem.
Es sollte noch einmal erklärt werden, wie die ökonomische
Schädigung durch die militärische Leistung, den Kriegsschaden
ungeschehen machen soll. Umgekehrt verstehe ich nicht, wie das
militärische Programm, das an die Stelle des Wertgesetzes
gesetzt werden soll, diesem gerecht werden soll.
Zusammenfassend: Wie geht es, dass die USA zugleich ihre Wirtschaft
und damit die Qualität ihres Geldes in doppelter Weise
schädigen
(durch Krieg und rücksichtslose Verschuldung), die Mechanismen
der Weltwirtschaft samt Währungsvergleich in Kraft bleiben
und zugleich der Schadensfall, den sie wie anfangs beschrieben
produzieren, "nicht zugelassen wird"?
Dass der "Frieden der eigentliche ökonomische Schadensfall
ist" (S. 111, a.a.O.) ist im Fortgang des Artikels eine allgemeine
Aussage darüber, wie kapitalistische Staaten im Krieg verfahren.
In der Anwendung auf den Antiterrorkrieg der USA modifiziert sich
das ein wenig. Zunächst ist das gemeint, wie z.B. die klassische
Finanzierung der letzten zwei Weltkriege gelaufen ist. Einerseits
hört der Staat das kapitalismuskonforme Abrechnen, Verbuchen
von Schulden nicht auf. Die haushaltstechnischen Rechnungsweisen
und die Anerkennung der Ansprüche des Finanzkapitals ist
das eine. Er verbittet sich nur für die Dauer des Krieges
die Einreichung seiner Schulden, also dass er dafür in irgend
einer Form gerade steht. Heutzutage übersetzt sich das Problem,
das der Staat mit seinen Schulden hat in einen internationalen
Vergleich der Schulden der verschiedenen Staaten. Der zitierte
Artikel war zum Auftakt dieses Krieges geschrieben. Jetzt hat
man die Fortsetzung vor sich. Nun muss man sich vor Augen führen,
wie die USA mit ihrem Staatshaushalt verfahren. Dabei kommen sich
widersprechende Sachen zusammen. Das eine war in unserer letzten
Diskussion Thema: die Rücksichtslosigkeit in Sachen Verschuldung.
Es wird einfach dekretiert, dass alles so weiter läuft wie
bisher. Nur die Verschuldung wird auf 80 Milliarden erhöht
für den Einsatz des Militärs (einfach beantragt und
bewilligt) und kommt auf dieses Doppeldefizit der USA drauf. Das
nimmt sich der Staat sozusagen von seiner kapitalistischen Basis
und von seinen Gläubigern in der Welt. Er kennt anscheinend
das Problem gar nicht, dass da irgendwer ihm mit einer Rechnung
begegnen könnte, dass sich das jetzt nicht mehr lohnen würde,
nicht mehr so weiter gehen könne, sein Kredit damit überzogen
wäre. Sogar die Höhe der Zinsen, die er dafür zahlt,
ist die Festlegung nach allen möglichen kapitalistischen
Gesichtspunkten, die der Chef seiner Nationalbank trifft.
Das ist eine Inanspruchnahme des amerikanischen Kredites in aller
Welt im Sinne von Zugriffsmacht auf fremdes Geld, das man sich
leiht, das man auch verbrieft, mit Zinsen anwachsen lässt,
also in wachsendes Finanzkapital für die Gläubiger
verwandelt.
Das ist der Ausgangspunkt, dass man merkt, wie selbstverständlich
die USA ihre Verschuldung für diesen Krieg steigern. Worauf
verlassen sie sich dabei?
Einerseits verlassen sie sich dabei auf die durchgesetzte Macht
ihrer Währung, auf die Masse der Schulden, die sie in die
Welt gesetzt haben und dass am Ende die Gläubiger vom Schuldner
abhängig sind, dass einfach das Verhältnis so ist, dass
sie sich das leisten können. Andererseits ist mit dem schon
angesprochenen Dollarverfall gesagt, dass das Überprüfen
nicht unterbleibt, sondern nebenher stattfindet. Es wird von
ostasiatischen
Nationalbanken in die Welt gesetzt, dann halb und halb widerrufen,
wieder erneuert, dass sie sich schon überlegen könnten,
aus dem Dollar auszusteigen. "Umschichtung der Währungsreserven"
ist der Titel dafür; "man könne seine Reserven
auch zu einem Teil in Euro aufstocken", ist ein Moment von
Misstrauen, ein Moment von Kritik des berechnenden Standpunkts,
wie gut das überhaupt noch ökonomisch ist, was man den
USA seit Jahrzehnten hemmungslos abnimmt. Andererseits macht das
den USA unglaublich wenig Eindruck. Worauf verlassen sie sich
dabei?
In dem Zusammenhang heute verlassen sie sich auf eines sicher
nicht: dass ihre Wirtschaft wächst, dass ein 3 bis
5%iges Haushalts- und Zahlungsbilanzdefizit sowieso wieder ihrem
Wachstum nützt und sich dann quasi wieder von selbst ausgleicht.
Zumindest verlassen sie sich nicht einfach darauf. Dass
sie einerseits darauf setzten, dass ihre Schulden nur ein schlappes
Prozent ihres Staatsprodukts sind, dass die ganze Welt also die
anderen Staaten aus ihren ökonomischen Gründen Schlange
steht nach ihren Staatspapieren, ist die eine Hälfte der
Rechung. Die andere Hälfte ist, dass die Welt aus amerikanischer
Sicht in eine Lage gebracht ist, in der sich aus ganz unökonomischen
Gründen Nachfragen nach der Solidität des amerikanischen
Reichtums verbieten. Ein Staat, der gerade dabei ist die ganze
Weltordnung, die Verfassung ganzer Regionen, Asien bis
Afrika, aufzumischen, etablierte staatliche Ordnung dort in Frage
zu stellen - dermaßen mit einem Neuarrangement der ganzen
Staatenwelt, nicht bloß der äußeren sondern auch
der inneren Ordnung, beschäftigt ist und auch sein Militär
dafür mobilisiert hat - der verbittet sich damit die Frage,
was das Geld, das er in die Welt setzt, von ihm her wert ist.
- Die von den USA herausgegebenen Schuldenpapiere werden anerkannt
und darauf werden Zinsen gezahlt. Da verbieten sie doch nichts.
Das Rätsel kommt daher, dass nach einem Mittel gefragt wird,
zu dem Amerika aus gutem Grund nicht greift, weil das Verhältnis
auch so funktioniert, weil so spekuliert wird. Die Frage nach
einem Verbot ist einerseits berechtigt, andererseits unberechtigt,
weil man ja sieht, dass Amerika sich diese Schulden einfach leistet
und sich darauf verlässt, dass seine Schulden in der Welt
wirken. Nun kann man sich fragen, warum sie wirken, warum sie
genommen werden. Es kann nicht in der ökonomischen Verwendung
dieses Geldes liegen. Es reicht offenbar, dass man in diesem Geld
einen verlässlicheren Geschäftsartikel hat als
in einem anderen. Das Argument kommt auch in dem Artikel, dass
offenbar darauf gesetzt wird, wenn Amerika so unterwegs
ist, macht es sich nicht abhängig sondern hat ein Gewaltprogramm
und ein ökonomisches Zugriffs- und Neuordnungsprogramm. Es
setzt mit seiner Macht Geschäftsbedingungen. Dann wird eben
darauf spekuliert. Dann erübrigt sich die Frage, was sie
denn verbieten.
- Wenn den Ansprüchen derer, die mit den amerikanischen
Titeln handeln, Recht gegeben wird, ist damit klar, dass das weiter
geht. Mit dem Ausmaß des Programms wird klar, dass auch
das Ausmaß der Schulden wachsen wird. Dass die Titel für
die Spekulanten weiterhin brauchbar sind, hängt mit der Gewalt,
die dahinter steht zusammen. Mit der Macht, mit der sie (die US-Gewalt)
vorgeht, wird ihr auch zugetraut, dass niemand anders das je in
Frage stellen kann, dass sie so weiter macht.
Da scheint nicht sauber gedacht worden zu sein: Der Staat, der
sich selber verschuldet, ist nicht die Instanz, die selbst die
Warnung ausgibt: Ab jetzt bin ich nicht mehr kreditwürdig,
nehmt euch in acht! Dass er so (machtvoll) auftritt, ist kein
genereller Ausschluss dessen, dass ihm das Vertrauen entzogen
wird. Ein relativer Entzug des Vertrauens und ein Vergleich mit
anderen Reichtumsaufbewahrungsmöglichkeiten, der den Dollar
sinken lässt, findet statt. Zur Nachfrage nach administrativem
Einschreiten z.B. gegen die Rückgabe von Staatspapieren (Es
ist vielleicht schon vorgekommen, dass die Amerikaner den freien
Handel mit ihren Staatspapieren storniert haben.) muss man sagen,
dass der US-Staat diese Sorge zur Zeit angesichts mangelnden
Misstrauens
nicht hat. Andererseits ist zu bedenken, dass die Rede davon,
dass er sich Zweifel verbittet, schon den Inhalt hat, dass dieser
Staat durch sein massives Auftreten in der Welt klarstellt: Wenn
er es darauf anlegt (was er teilweise bereits tut), konkurrierende
Staaten mehr Schaden davontragen als er selbst. Das aktuelle Beispiel
dafür ist de Iran. Wenn die USA Drohungen gegen den Iran
aussprechen mit der Fortsetzung, dass man die Israelis schon mal
probehalber hinfliegen lassen könnte, falls man mit denen
nicht zu Potte kommt, ist das ein Stück Kriegserklärung
gegen diesen Staat. Wenn man das auf die ökonomische Waagschale
legt und zu dem Schluss kommt, wenn die Amerikaner jetzt auch
noch den Iran überfallen, dann overstretchen sie ihre Macht
entgültig, dann kann man Amerika allmählich vergessen,
wäre das bestenfalls ein Auftaktargument innerhalb der
Kalkulationen,
auf die Amerika dabei abzielt. Dem folgt dann ein anderes, viel
wuchtigeres Gegenargument: Wer hat in dieser Welt wie sie heute
beieinander ist, den Schaden, wenn man über den Iran einen
Boykott verhängt? Das ist jedenfalls nicht die amerikanische
Wirtschaft, die sowieso nur noch indirekt mit dem Iran kalkuliert
und Handel treibt.
- Irritiert hat mich die zweite Hälfte des Arguments.
Wenn es im Artikel heißt, dass sie den strategischen Welterfolg
an die Stelle des Wertgesetzes setzen und gleichzeitig damit so
tun, als ob sie "diesem ‚Gesetz' dadurch gerecht werden."
(S. 121, aaO.) Heißt dann die zweite Stelle, dass sie auch
klarstellen, dass sie ihre Gewalt einsetzten um für ihren
ökonomischen Erfolg zu sorgen? Das wäre das Umgekehrte
des gerade Gesagten, dass sie auf jeden Fall klarstellen, dass
den größeren ökonomischen Schaden die anderen
haben. Dann heißt das doch umgekehrt, dass sie klarstellen,
dass ihre Gewalt zum Einsatz kommt um ihren ökonomischen
Erfolg sicher zu stellen.
Bei dem Zitierten sollte man bedenken, dass das ironische
Formulierungen
sind: "Es ist, als wollte Bush ... den strategischen Welterfolg
... an die Stelle des kapitalistischen ‚Wertgesetzes' setzen",
denn das (Wertgesetz) kennen Bush und seine Condoleeza Rice sicher
nicht. Ausdrücken soll das, dass sie die Staatenwelt konfrontieren
mit einer Garantie ihrer unendlichen Kreditwürdigkeit. Diese
liegt in ihrem militärischen Erfolg. Man kann dazu gleich
in Klammern fragen, was denen dann das Genick brechen würde.
- Wenn sie sich nicht durchsetzen könnten.
Wenn sie vor aller Welt zugeben müssten, sie sind mit ihrem
Programm gescheitert, die Neuordnung der Welt ist misslungen.
Davon sind sie weiter weg denn je. Der eigene Erfolg in dem Sinn
verbietet die Nachfrage, was überhaupt die Geschäftsgrundlage
für den unendlichen Anspruch auf den der Kredit der ganzen
Welt ist, den Amerika hier mit seiner Verschuldung erhebt. Die
Frage ist nicht aus der Welt und wird immer wieder einmal gestellt
von einer Staatsbank, die sich für eine andere Währung
beim Einbunkern entscheidet. Aber insgesamt ist dem Dollar das
Vertrauen nicht entzogen, weil den USA das Vertrauen nicht entzogen
ist - schon auf Basis dessen, dass sie die Hauptwirtschaftsmacht
sind, aber nicht in der Erwartung, es lohne sich, weil sich damit
in den USA reichlich Geld verdienen ließe.
- Der Vergleich mit Yen oder Euro wird dadurch relativiert,
dass die USA als einziger Staat die Fähigkeit haben,
Geschäftsbedingungen
zu setzen und auch den anderen Staaten Bedingungen ihres Erfolges
zu setzen.
Das ist ein wichtiger Nebenaspekt der jetzigen Kriege steckt nicht
bloß darin, wer diesen Staaten ihre Existenzbedingungen
setzt, sondern die viel wuchtigere Frage, wer den Konkurrenten
die Bedingungen für ihr Geschäft setzt. So gesehen sind
die Ansprüche an eine Kriegswirtschaft heutzutage extrem
hoch. Aber warum? Weil sie von den USA diktieret werden für
ihre Sorte Kriegswirtschaft.
Ein Beispiel am Rande: Ausgerechnet von deutschen Journalisten
werden die Geschäftsreisen unseres Kanzlers, zuerst nach
China, dann jetzt ausführlich durch den Nahen Osten, wie
sein Bemühen um Russland als Geschäftspartner so scheel
angesehenen. Was hat das alles für einen strategischen Belang?
Klar ist, dass der deutsche Mittelstand seine Kröten verdienen
soll und die Fuchs-Panzer-Produzenten sollen etwas zum
Zusammenschrauben
haben. Dann kann man über den deutschen Arbeitsmarkt
räsonieren.
Aber im Zusammenhang mit der vorhin aufgeworfenen Frage hat das
alles auch seine Bedeutung. Da ringt eine Mittelmacht - Europa
und Deutschland als Haupt-Protagonist - um eigenständige
Garantien über-nationaler Geschäftsbedingungen. Es wurde
gesagt, dass die USA die einzigen sind, die Geschäftsbedingungen
diktieren können. Das ist ein freches und pauschales Urteil,
das in gewisser Weise Schröder und seine Genossen teilen,
um etwas dagegenzusetzen. Deswegen sind sie in aller Welt unterwegs.
Sie sind die letzten, die sich darauf verlassen, mit der WTO wäre
der internationale Freihandel geregelt und jetzt sollen die
Geschäftsleute
schauen, wie sie ihr Zeug verkaufen können. Die Staatsmänner
setzen selber zwar das Gerücht in die Welt, die Staaten
hätten
sich aus dem internationalen Handel herausgekürzt und seien
nur noch Standorte. Von wegen! Die Macher dieser Staaten sind
die letzten, die sich auf die Selbsttätigkeit des internationalen
Handels verlassen. Sie gehen mit den Fakten, die Amerika setzt
teils nach- teils voraushinkend um indem sie versuchen, eigene
Maßregeln in eigener Kompetenz zusätzlich zu den
Maßregeln
der WTO-Geschäftsbedingungen für sich festzuklopfen.
Es ist ein Dokument des Provinzialismus, der Dummheit der deutschen
Presse, dass sie vor lauter Hetze gegen die falsche Regierung,
vor lauter Borniertheit auf den Fetisch Menschenrechte, die Substanz
dessen ignoriert, wie heutzutage Menschenrechte funktionieren,
wie heutzutage Weltpolitik funktioniert. Sie bucht es einfach
unter "bloß Kommerz", "Geschäfts-Kanzler"
ab, als wäre er bloß der Büttel von Krupp oder
Siemens. Sie merken nicht, dass man dafür Weltmacht sein
muss und das ist die Front, an der Schröder herumwirkt. Wenn
Schröder jetzt in den Nahen Osten reist, weiß er und
macht sich nichts darüber vor, was im Nahen Osten alles
durcheinander
kommt, wenn die USA mit ihrer Demokratisierungsforderung gegen
Saudi Arabien und Ägypten weiterhin Druck machen, in Syrien
die Szenerie aufmischen usw. Er weiß, dass mit dem
internationalen
Kräfteverhältnis und mit der Zugriffsmacht, die Amerika
entfaltet, auch alle Geschäftsbedingungen in mehrerlei Hinsicht
verwandelt werden, sowohl, dass viel nur noch über amerikanische
Genehmigung und sehr viel gar nicht mehr läuft, weil diese
Länder nicht mehr funktionieren. Der Tsunami ist ein Klacks
im Vergleich dazu, was aus der Tourismusindustrie wird, wenn der
Nahe Osten von den Amerikanern weiterhin so aufgemischt wird.
Es ist auch ein Treppenwitz der Weltgeschichte, dass die
Tourismusindustrie
die halbe Geschäftsgrundlage ganzer Staaten ist.
So viel zu der Rede in dem Artikel, dass es sich der Staat verbittet
etwas Verbotsmäßiges ist allemal in petto, aber steht
derzeit nicht an. Die Entfaltung amerikanischer Macht ist für
sich ein Argument.
Handfeste Verbote liegen immer dann vor, wenn Amerika sagt, dass
laufende Geschäfte ihre Kriegszwecke stören. Darum
kümmern
sich die betroffenen Nationen. Nicht umsonst sagen sie, dass sie
sich an der Iran-Politik beteiligen müssen, weil die USA
das Land im Visier haben. Wenn man sich daran nicht beteiligt,
ist man pur das Opfer amerikanischer Gewalt. Das Opfer der
amerikanischen
Verbote ist man schon. Also kämpft man um Einfluss bei der
Festsetzung von Geschäftsbedingungen. Sonst ist man als Konkurrent
machtlos. Das ist eine Weise anzuerkennen, dass Amerika sich von
Geschäftserträgen frei gemacht hat. Auch beim Irak ist
es eine Art und Weise, um Einfluss zu kämpfen, wenn man sagt,
jetzt wo der Krieg vorbei ist, müsse man beim Aufbau helfen.
Beim Iran ist der Anlass der Vorlauf eines Kriegsprogramms. Auch
andere Ländern kommen in die amerikanische Schusslinie.
Überall
geht es wie selbstverständlich jenseits normaler Streits
und Ausnutzung von Konkurrenzbedingungen um eine ganze
Konkurrenzordnung
dessen, wie Staaten auszusehen haben, die für einen selbst
Geschäftssphäre sind. Es ist anerkannt, dass man heute
so konkurrieren muss, weil sonst kein Geschäft mehr sicher
ist.
Das Beispiel Iran lohnt sich in verschiedener Hinsicht zu betrachten.
Von Seiten der USA gibt es auch administrative Maßnahmen,
die Konkurrenten in ihrem Iran-Geschäft zu schädigen.
Z.B. der iranische Aufsichtsrat bei Krupp: Seit 40 Jahren, schon
seit Zeiten des Schah, hält der Iran ein beträchtliches
Aktienpakt der Firma Krupp und hat damit das Recht auf einen wichtigen
Posten. Jetzt gibt die amerikanische Regierung bekannt: Wenn dieser
Staat mit einem Vorstand in dieser Firma vertreten ist, können
wir die Firma Krupp nicht mehr zu Geschäften mit und in Amerika
zulassen. Die Firma hat verstanden, sägt diesen Vorstand
ab und ersetzt ihn durch einen Araber aus Oman. Das ist ein Unterpunkt,
an dem man studieren kann, wie Verbote praktisch laufen. Das ist
eine Art anzukündigen, dass die amerikanische Ordnungspolitik
in Bezug auf den Iran die Geschäftsbedingungen für den
Rest der Welt verändert. Da kann man dann wieder sagen, dass
das Mittel, das die Amerikaner dafür in der Hand haben nicht
Kriegsschiffe sind, die den Rhein hinauf fahren, sondern ihr Mittel
dafür ist das Interesse anderer Nationen an Geschäften
mit ihnen. Dabei rekurrieren sie auf die Macht ihres Marktes,
ihre kapitalistische Potenz. Wofür sie die in Anschlag
bringen, ist in dem Fall das Interessante. Man kann daran das
Verhältnis von ökonomischer Berechnung und strategischer
Ordnungspolitik studieren. Das zusammengefügt heißt
Kriegswirtschaft.
- Sie nehmen dabei eine Konfrontation mit Russland in Kauf.
- Von den USA ist vehement verlangt worden, dass Russland das
Atomkraftwert im Iran nicht bauen soll. Die Russen haben das für
sich so gedreht, dass sie quasi als Aufsichtsmacht der friedlichen
Nutzung fungieren, wenn sie sich die Brennstäbe wieder
zurückschicken
lassen.
Recht erinnert war vor ein paar Jahren die Forderung an die Russen
noch dass sie, wenn sie schon das Kernkraftwert liefern garantieren
sollen, dass der atomare Brennstoffkreislauf über sie läuft,
damit im Iran der Nutzung eines Brennstoffkreislaufes für
unerwünschte Zwecke vorgebeugt ist. Jetzt geht dieser Anspruch
weiter. Die Russen sollen nicht mehr (nur) haftbar gemacht werden
dafür , dass die Iraner sich keine eigenen Brennstäbe
besorgen können. Dass die Russen überhaupt eine
Lücke füllen, von der die USA wollen, dass sie aufrecht
erhalten bleibt, passt den USA nicht zu ihrer Feindschaftsansage
an den Iran. Dieser ordnungspolitische Schritt hat sofort Auswirkungen
auf Russland. Das hat auch seine umgekehrte Seite. Russland selbst
wiederum ist ein problematischer Partner, dem man diese Sorte
Geschäft nicht zugestehen will: Ordnungspolitik gegenüber
Russland.
- So wie die Konkurrenten Amerikas sich dabei in Szene setzen,
vertreten sie den Ordnungsgesichtspunkt der USA als eigenen. Die
Konkurrenz um Machtpositionen relativiert sich dabei an
der Art und Weise.
Es mag sein, dass sie dem Iran auch wieder Bedingungen setzten.
Aber der Unterscheid ist einer ums Ganze. Sie haben nicht den
Gesichtspunkt, der Iran wäre ihnen recht, bloß das
AKW, die Anreicherung sollten sie lassen. Die Europäer nehmen
den Standpunkt ein, mit den Amerikanern wäre man ganz einig.
Worin besteht die (vermeintliche) Einigkeit? Die Iraner sollen
alles ausschöpfen, was ihnen nach dem Non-Proliferations-Vertrag
zusteht, also die Entwicklung einer eigenen ("friedlichen")
Atomenergieindustrie. Nur der eine Punkt der Anreicherung ("Hanau
und Wackersdorf auf iranisch") soll nicht sein. Der Anspruch
der USA dagegen heißt: Dieser Staat, so wie er ist, gehört
weg. Die dortige Herrschaft passt nicht, mit der wollen sie abrechnen.
Die Europäer sagen zwar auch, ohne Mullahs wäre ihnen
der Iran lieber, gerecht gewählt sollte auch werden und die
Frauen sollten demnächst ihre Schleier ablegen ... aber man
verhandelt mit denen und konfrontiert sie nicht mit Erpressungen.
Die ganze Kunst der Diplomatie besteht darin, den Gegensatz zwischen
Europa und Amerika zuzuspitzen darauf, es wäre nur eine
Methodenfrage,
wie man ihnen die Sache mit der Urananreicherung ausredet. Die
Wahrheit ist, dass sich an diesem Punkt für die Amerikaner,
für die Europäer wie auch nebenbei für die Iraner
entscheidet, ob man mit diesem theokratischen Regime ins Geschäft
kommt oder ob man es abschaffen will. Das ist ein Unterschied
ums Ganze.
Man sieht es auch an der Debatte über die Methode: Amerika
schaut wohlwollend zu und sagt, dass sie das auch wollen. Jeder
probiert das mit seiner Diplomatie und sagt dazu: Natürlich
behalten wir uns alle Mittel vor. Das macht den Unterschied aus,
zu sagen, wenn unser Zweck dort nicht aufgeht, dann ist
selbstverständlich
Gewalt unser letztes Mittel. Die Europäer drücken es
diplomatisch genau andersherum aus, dass sie ohne Gewalt vorgehen
wollen. So drücken sie ihren anderen Zweck aus. So sagt man
das diplomatisch: Wir ersparen euch die Gewaltdrohung. (Europa
könnte sie so auch gar nicht aufmachen.) Wir ersparen euch
auch die der Amerikaner, wir bieten euch eine Überlebensgarantie,
wenn ihr auf unser Angebot eingeht. Das ist die europäische
Position. (Ob sie das in der Hand haben, ist eine andere Sache.)
Amerika sagt genau umgekehrt, dass man sich alle Mittel vorbehält
wenn der eigene Zweck nicht aufgeht und sie sind der Schiedsrichter
über die Anstrengungen, die Europa unternimmt.
Am Mittel wird das auch ausgedrückt. Die USA nehmen offiziell
den Standpunkt ein, dass der Iran eigentlich von seiner jetzigen
Herrschaft befreit gehört. Er gehört zu den Staaten,
von denen Bush gesagt hat, wenn dort eine Opposition unterdrückt
wird, dann sagt Amerika zu dieser Opposition, sie sei für
es die zukünftige Führung dieser Nation. Gerade
gegenüber
dem Iran ist im Unterschied zu Ägypten oder Saudi Arabien
eine Unversöhnlichkeitserklärung von amerikanischer
Seite unterwegs. Das ist am Ziel ausgedrückt. Wenn die
Europäer
einen Schulterschluss damit machen, sie probierten einen Wandel
durch Annäherung, was bei der Sowjetunion auch geklappt habe,
dann ist der verlogen.
- Mit dem Relativieren ihrer Konkurrenz war gemeint, dass die
Europäer sich in dieser Verlogenheit immer wieder von den
Amerikanern den Beurteilungsmaßstab setzen lassen müssen.
Das heißt aber, dass sie also damit konfrontiert sind, dass
sie laufend relativiert werden (nicht sie selbst relativieren
ihren Standpunkt). Ihr ganzes Bemühen ist ja schon die Antwort.
- Die einzige Konsequenz an der Stelle wäre doch, sich
aufzubauen und zu sagen: "Hier ist Schluss!"
Das ist eben nicht die einzige Konsequenz - man soll halt die
Welt so betrachten, wie sie ist. Da zeigt sich nämlich eine
andere Konsequenz, schon seit Jahren damit konfrontiert zu sein,
dass die Amerikaner ihre Kampfansage an die Verfassung des Iran
ernst meinen, auch genötigt zu sein, zur Kenntnis zu nehmen,
dass das eine neue Sorte Ordnungspolitik ist. Diese bedeutet nicht
nur für den Nahen Osten, aber jetzt an dem exemplarisch
durchexerziert,
dass alle Geschäftsbeziehungen zu dieser Region tangiert
sind. Darauf reagieren die Europäer. Jetzt kann man
sagen, dass deren Sehnsucht gerade in der erwähnten Alternative
besteht: "Ja wenn wir genauso stark wären wie die Amerikaner
und von vornherein klar wäre, dass, wenn wir sagen, der Iran
solle leben, jeder, der dem ans Leder will, die Finger von ihm
lässt." Tja, dann würden die Europäer anders
auftrumpfen.
- Übertreib' mal nicht. Man bekommt ja mit, wo sie es
probiert habe. Dabei denke ich an die Geschichte mit dem Irak-Krieg,
dort haben sie sich ja zu einem gewissen Schritt entschlossen.
Ja, und beim Iran haben sie sich zu einem Schritt ungefähr
vom gleichen Kaliber entschlossen. Es ist auch nicht gerade ein
machtvolles Veto zu sagen: "Euren Krieg machen wir nicht
mit." Aber es ist das Moment von Gegensatz, einen Gegensatz
ums Ganze, denen sie da eröffnet haben.
- Das stimmt doch gar nicht. Die Deutschen können doch
nur deshalb auf den Frieden setzen, weil sie sich auf die Gewalt
der USA verlassen können. Es ist doch Heuchelei, wenn sie
auf Frieden setzen.
Dann ist der Fortgang der Weltgeschichte verpasst worden. Die
Zeiten, in denen die Deutschen die Konjunkturritter der amerikanischen
Kriegsansage waren, weil sie sich mit einem Friedensversprechen
eingenistet haben, sind vorbei. Und zwar sind sie deswegen vorbei,
weil die Amerikaner ihre Kriegsansagen anders ernst meinen als
bisher, und jeder der sagt, er wolle es friedlich regeln, sich
in Gegensatz zu den Amerikanern setzt und nicht mehr der
Konjunkturritter
von denen sein kann.
- Die Deutschen begeben sich doch unter den Nato-Schutz.
Gegen wen denn noch ein Nato-Schutz. Die Zeiten sind vorbei, dass
der Nato-Schutz die Prämisse war, unter der die deutsche
Außenpolitik gehandelt hat. Die Nato ist nicht mehr die
Lebensgrundlage der deutschen Weltpolitik.
- Der Druck, den die Europäer auf den Iran ausüben,
auf den nuklearen Brennstoffkreislauf zu verzichten, speist sich
doch aus der Alternative, dass, wenn sie nicht darauf eingehen,
sie unter Umständen mit einem Krieg der Amerikaner bedroht
werden.
Ja, ich weiß bloß nicht, ob die Europäer von
sich aus ein verstärktes Interesse daran gehabt hätten,
den Iranern jeden atomaren Brennstoffkreislauf zu verbieten, oder
ob nicht deren Interesse viel eher gewesen wäre, was sie
jetzt ja auch betreiben, den geschäftsmäßig zu
ihrer Sache zu machen. Ihr Atomgeschäft mit dem Iran ist
doch einerseits zynisch und andererseits kläglich. Das eigene
Interesse, sich in die Atomwirtschaft der Iraner maßgeblich
einzuklinken und die damit auch unter Kontrolle zu halten, weil
man selber an der Anreicherung verdient, was jetzt eben die Russen
machen wollen, das den Amerikanern vorstellig zu machen als der
bessere Ersatz für das, was die wollen würden, ist doch
von A bis Z verlogen. Das hat eben nicht mehr den Charakter der
alten Ostpolitik: Im Rahmen einer gemeinsamen Konfrontation und
einer von den USA durchgezogenen atomaren Bedrohung machen sich
die Deutschen als Friedensfreunde ein extra Nest hinein und nutzen
die Erpressung gewissermaßen für ihre Politik aus.
Das ist in Bezug auf den Iran wie auch den Irak nicht mehr der
Fall. Das war zum letzten Mal, aber das war zugleich auch die
Scheidelinie, und auch da ist es ja schon anders gelaufen, auf
dem Balkan. Da haben die Deutschen den Krieg schon mitgemacht
und sind mit dem Vorbehalt dahergekommen, dass sie aber keine
Bodentruppen stellen wollen. Und wie das ausgegangen ist, ist
jetzt ja zu besichtigen.
- Das Verhältnis ist doch umgedreht. Die Verhandlungen
mit dem Iran werden überhaupt nur darüber zu einer
europäischen
Option, dass die USA ein Interesse an der Beseitigung dieses Regimes
haben, was von den Europäern so nicht geteilt wird. Sie suchen
deshalb nach diplomatischen Wegen und Mitteln, dies abzuwenden.
Ja, das amerikanische Ziel wird nicht geteilt.
- Es ist doch für Europa eine ärgerliche Ausgangslage,
dass Geschäfte mit dem Iran unter einem amerikanischen
Genehmigungsvorbehalt
stehen.
Um den Begriff der heutigen Lage klar zu machen, muss man noch
daran denken, dass es Genehmigungsvorbehalte gegen Geschäfte
mit der Sowjetunion auch gegeben hat: Dieses historische
Erdgas-Röhren-Geschäft
und die Intervention der USA. Dort war das ‚Model': Eine
gemeinsame Feindschaft und innerhalb der gemeinsamen Feindschaft
der Versuch, eine eigenständige Politik zu betreiben, die
an der Drohung von amerikanischer Seite schmarotzt hat, sie also
quasi mitgenommen hat und in deren Schutz Angebote gemacht hat
an die damalige sowjetische Seite. Da war die Konformität,
dass man auf der selben Seite der Front steht und diese zwischen
Ost und West klar war und man wusste, auf welche Seite man gehört,
die Prämisse. Auf der Grundlage hat man versucht, eine
eigenständige
Politik zu machen. Diese Prämisse fehlt heute. Die Feindschaften,
die die USA ansagen und auch exekutieren, sind nicht gemeinsame
Sache des Westens. Die anderen Verbündeten der USA versuchen
sich da einzuklinken und ihre Art von Weltordnung dagegen zu behaupten.
Das ist die Prämisse für alle Einigkeit, die sie dann
suchen.
- Deutschland hat sich doch auf die Seite der USA und hinter
den Anti-Terror-Krieg als neuen Zweck gestellt. Deswegen gibt
es doch eine Gemeinsamkeit, die gerade bestritten wurde.
Ja, ich halte das für eine große Heuchelei. Natürlich
haben sie überhaupt nicht die Position zu sagen: "Den
Anti-Terror-Krieg halten wir für falsch und wir machen dagegen
eine andere Sorte Weltordnung auf." Diese direkte Konfrontation
mit den USA liegt nicht in der Macht der Europäer. Und man
kann in soweit auch sagen, antiwestliche, antikapitalistische,
antiimperialistische Umtriebe in wichtigen Regionen der Welt
bekämpfen,
das ist durchaus auch europäisches Anliegen. Da gibt es durchaus
ein Moment von Interessensidentität. Aber das hat nicht mehr
den Charakter der alten Weltkriegskonfrontation, dass sie auf
derselben Seite der Front stehen. Die europäische Sicht ist
von dem Bewusstsein geprägt, das, was die Amerikaner mit
ihrem Anti-Terror-Krieg auf der Welt anrichten, macht unseren
Ordnungsanspruch und im Gefolge unseres Ordnungsanspruchs auch
unsere Geschäftsinteressen kaputt. Die gilt es zu retten.
Der erste Schritt der Rettung heißt, die direkte Konfrontation
mit den USA vermeiden, aber die Konfrontation mit den USA vermeiden
ist nicht mehr dasselbe wie gemeinsame Sache machen.
- Ich meine, dass es dennoch ein Moment von Erinnerung ist
an dieses Verhältnis im Kalten Krieg. Vielleicht ist es so
gemeint: Das diplomatische Gewicht der Europäer in Fragen
der Verhinderung von Nukleartechnologie im Iran kommt doch
tatsächlich
daher, dass sie sich dem Iran darstellen als die Adresse, die
den USA vorgeschaltet ist und die, von iranischer Perspektive
aus, so etwas ist wie dieselbe Partei, mit der sie aber besser
ins Geschäft kommen können; dieselbe Partei, die aber
diese unmittelbare Feindschaft so nicht teilt.
Ich glaub eben bloß nicht, dass der ganze Zirkus um den
Iran in letzter Instanz zu fassen ist als ein Kampf gegen die
Ausbreitung der Atomwaffe. Wenn man das als die Sache nähme,
wenn man das so nehmen könnte, dass es ein gesamtwestliches
Interesse gibt, die Verbreitung von Atomwaffen zu unterbinden
- das ist gewissermaßen die substanzielle Einigkeit zwischen
den USA und Europa -, dann geht alles die Schiene, wie es zuvor
eingeordnet worden ist. Dann müsste man sagen, dass das wirklich
die gemeinsame neue Front ist, die die Europäer mit den Amerikaner
verbindet, und dass im Interesse, die Weiterverbreitung von Atomwaffen
zu verhindern, die Amerikaner mit einer Kriegsdrohung operieren
und die Europäer, die wirklich dasselbe Ziel: Nonproliferation
von diesen Massenvernichtungswaffen, erreichen wollen, sich da
einklinken, sie einerseits unterstützen und andererseits
ihr Extrasüppchen kochen. Dann hätte man richtig die
Analogie, oder sogar eine adäquate Fortsetzung der Konfrontation,
von der die Existenz der Nato die gewissermaßen realexistierende,
dauerhafte Erinnerung ist. Ich denke bloß, das trifft nicht
mehr die Lage. Es ist nicht mehr das substanzielle gemeinsame
Interesse des Westens: Nirgends neue Atomwaffen. Sondern es ist
ein neues amerikanisches Interesse, die Welt neu aufzuräumen,
sie überall mit, wie sie sagen, demokratischen Regimen
auszustatten
und all denen, die da auf der falschen Seite sind, den Zugriff
auf Massenvernichtungswaffen jedweder Art zu versagen, aber nicht
nur das, sondern sie auch ökonomisch in ihrer Entwicklung
zu behindern und solange fertig zu machen, bis der regime change
stattgefunden hat. Wenn man das als amerikanische Prämisse
nimmt, merkt man, das nonproliferation von Atomwaffen dem total
untergeordnet ist. Dann unterscheiden die Amerikaner nämlich
sehr genau, wem es konzediert wird, bei Pakistan drückt man
sogar ein Auge zu, den Israelis hilft man sogar dabei, den Indern
wird es auch zugestanden - alles unter einer ganz anderen strategischen
Prämisse, nämlich: "Wir sortieren die Staatenwelt
auf uns zu." Anti-Terror-Krieg ist dann die Prämisse
und nicht nonproliferation. Und dieser Anti-Terror-Krieg, das
ist ein amerikanischer Zugriff zur Ordnung der Welt, der überhaupt
nicht gemeinsame Sache zwischen Amerika und Europa ist. Die
Europäer
versuchen sich da einzuklinken, um ihre Position, die überhaupt
nicht in der amerikanischen Neuordnung der Welt aufgeht, die sich
durch die amerikanische Neuordnung der Welt an jeder Ecke bestritten
sieht, zu retten. Das bedingt sowohl das vorbehaltvolle Mitmachen
wie das Dagegenhalten, und in dem Bereich zwischen der Berechnung
der eigenen Potenzen und der Prämisse der amerikanischen
Übermacht so viel Widerstand gegen die amerikanische Neuordnung
der Welt leisten, wie man überhaupt zustande bekommt. Das
scheint mir die heutige Auseinandersetzung viel näher zu
bestimmen.
- Mir kommt es im Rahmen des Bush-Besuchs so vor, dass die
Europäer schon die alte Lesart aufrecht erhalten wollen,
dass es um eine Arbeitsteilung ginge. Die Amerikaner würden
die Waffen vorhalten und die Europäer wären für
die diplomatische Erpressung zuständig. So wollen sie es
gerne haben. Aber die Zurückhaltung merkt man doch an mehreren
Stellen. Wenn ein ständiger Sitz im UNO-Sicherheitsrat nicht
wenigstens in Aussicht gestellt wird, dann sind sie eben doch
keine Partner. Und wenn sie davon reden, dass es in der Nato multipolar
zugehen solle, sagt Bush, dass ein Pol doch wohl reiche, da wir
doch die gleichen Werte haben. So merkt man an vielen Stellen,
dass diese gewünschte Lesart der alten Arbeitsteilung für
die Amerikaner nicht gültig ist.
Vielleicht trifft es die Sache sogar besser zu sagen, dass die
Amerikaner die alte Lesart gerade aufrecht erhalten wollen. Von
amerikanischer Seite war es doch gerade das alte Gütesiegel
der Nato, dass sie total unipolar war, das war doch das Ideal
einer stabilen Koalition der Willigen.
- Mit der Lesart meinte ich: "Wir sind doch eure Partner,
der europäische Pfeiler. Wir machen es ein bisschen auf die
andere Weise, dass wir friedlicher mit den Nationen verhandeln
und dabei die Drohung in der Hinterhand haben.'" Die Amerikaner
sehen dies aber nicht so, dass die Europäer ihre partner
in leadership sind. Sie meinen, die Nato bleibt, wie sie ist,
daran gibt es nichts zu ändern.
Ja, eher in die Richtung denke ich. Und das gleichzeitig, während
man sagt: "Aber natürlich sucht man sich, wenn es Einspruch
gibt, für seine Kriege immer noch die Koalition der Willigen.
Die Nato soll das im Prinzip sein und wenn nicht, dann stiftet
man sich seine eigenen Koalitionen." Aber auch von der
europäischen
Seite ist es doch kein ernsthafter Antrag gewesen, ob man nicht
die alte Nato behalten könne. Schröder hat doch genau
andersherum gesagt: "Die Nato muss einmal wieder..."
- er drückt es zwar mit "wieder" aus, aber was
er da ausdrückt, ist das neue Ideal, man könnte aus
der Nato so etwas wie ein Gremium der dauernden Einflussnahme
auf Amerika machen, für die politische Debatte um Ziele,
wo gerade Amerika sagt: "Wenn, dann ist die Nato genau andersherum,
das Ziel steht fest. Es ist das Verpflichtungsinstrument für
alle anderen." So, das ist das Sachliche. Eingebettet ist
es in eine Redeweise: "Wie einig man sich wäre, ..."
und zugleich sagen sie dazu: "...wenn man alle Differenzen
hintan stellt." Jetzt haben sie das ja sogar noch gleich
dazu gesagt, das muss unsereiner ja nicht entlarven. Die
Öffentlichkeit
ist schon irgendwie besoffen, wenn sie sagt, da sei ein neuer
Geist unterwegs gewesen, weil die selber anführen, wie dieser
Geist aussieht und auf welcher Grundlage der zustande kommt. Dass
das genau die Weise ist, die jetzt am Iran debattiert worden ist
- dazu noch eine Bemerkung.
Der Fall Iran ist doch nicht waldursprünglich, er ist die
Fortsetzung des Falls Irak, an dem das alles schon einmal exekutiert
worden ist. In dem Fall fing es genauso an, wie es jetzt mit dem
Iran läuft. Der erste Krieg war anders geartet, aber dann
hat es geheißen, man müsse die kontrollieren, da sie
Massenvernichtungswaffen hätten. Und die ganze Welt
einschließlich
Europa hat gesagt: "Genau, man muss die kontrollieren, wir
schauen nach, wir machen das zum internationalen Regime."
Derweil hat Amerika schon laufend gesagt: "Sie beaufsichtigen
die" und hat sie laufend bombardiert. Und am Ende wurde das
Regime gestürzt. Die Sache mit den Massenvernichtungswaffen
war sowieso erledigt als: "Na ja, es haben sich halt keine
gefunden." Und Europa hat sich an der Stelle gespalten. Der
ganze, vorher laut ausgesprochene Zweck: "Wir kontrollieren
den Irak, damit es dann wieder normal zugeht." - man erinnere
sich an die Franzosen, die irgendwann mit den Russen laut beantragt
hatten, dass man mit dem Irak auch wieder einmal normal verfahren
müsse, weil er kontrolliert sei, und von Amerika wurde laufend
erneuert: "Nein, es muss ein neues Sanktionsregime her."
- bis halt zum Krieg. Deswegen muss man beim Iran nicht so tun,
als müsse man jetzt ganz neu nach den Gründen suchen;
es liegt dasselbe Prinzip vor: Amerika nimmt sich einen Anlass,
um zu sagen, dieses Regime muss weg, und deswegen muss ihm die
Waffen weggenommen werden - so geht halt Diplomatie. Und Europa
sagt: "Ja ja, die Waffen muss man schon kontrollieren bzw.
man muss verhindern, dass die Atomwaffen kriegen. Aber das machen
wir, indem wir mit ihnen die Atomfrage regeln." Das ist vom
Standpunkt Amerikas eine Bestandsgarantie des Regimes, also
unerträglich.
- Noch zu klären ist, was das heißt, wenn Schröder
mit der Wirtschaftsentourage in den Golfstaaten
Wirtschaftsverträge
abschließt. Vorhin wurde dazu gesagt, er setze Pflöcke.
Wo doch den Europäern am Irak in aller Weise vorgeführt
worden ist, dass es auf ihr Interesse überhaupt nicht ankommt,
was rechnen sie sich dann bei diesen Geschäften bzw. dieser
Außenpolitik aus? Das, dass die Amerikaner die Europäer
wohl doch nicht so ganz übergehen können? Bush sagt
doch im gleichen Atemzug: "Macht man nur, aber bis August
müssen irgendwelche Verhandlungen da sein, wieweit die aber
erfolgreich sind, das entscheide ich." Parallel dazu fährt
Schröder hin und macht lauter Geschäftsverträge.
Das heißt doch, er rechnet sich aus, dadurch Bush die
Entscheidung,
dort einen Krieg zu führen, schwerer zu machen.
- Ich sehe dies mehr als Ausdruck eines Dilemmas, das diese
Unterimperialisten mit den Amerikanern haben. Die eine Seite,
beim Zerstören mitmachen und hinterher eh nichts gewinnen,
ist blöd. Die andere Seite, dort Geschäftbeziehungen
anzubahnen, von denen man nicht weiß, ob sie nicht morgen
verlorene Investitionen sind, ist auch so eine Sache.
Man muss bei den Sachen schon etwas differenzieren. Wenn der Kanzler,
kaum dass der Bush da war, einen Staatsbesuch in Teheran gemacht
und ausgemacht hätte, demnächst die Teheraner
Konsumgüter-
und Waffenmesse mit allem, was zu bieten ist, zu beschicken -
was so ungefähr die Russen machen - und iranische Fachleute
nach Hanau einzuladen, weil da noch etwas Eingemottetes zum Verkaufen
wartet, dann wäre dies ungefähr das, was gerade gesagt
worden ist, nämlich richtig ein offensiver Einspruch gegen
die Kriminalisierung des Iran durch die USA.
- Das ist dann also vergleichbar mit dem, was Putin gemacht
hat.
So ähnlich, der ist nicht hin, sondern er hat einen empfangen
und hat immerhin diesen Geschäftszweig festgeklopft und dazu
gesagt: "Das ist doch ungefähr das, wofür wir früher
verhaftet worden sind, nämlich dass wir, wenn wir denen schon
AKWs bauen, keinen eigenständigen iranischen atomaren Kreislauf
zulassen." Das ist auch schon eine Reverenz vor dem
Entwaffnungsanspruch
der USA, zugleich aber ein Geltendmachen dessen, dass man sich
mit der Neuordnung der Region, die die Amerikaner da in die Wege
leiten, nicht einverstanden erklärt. Die Europäer sind
damit auch nicht einverstanden, aber so einen Akt, wie ich ihn
jetzt an die Wand gemalt habe: Schröder fährt stante
pede nach Teheran, machen sie nicht. Schröder fährt
woanders hin, in eine Region, die nicht von einer amerikanischen
Kriegsdrohung betroffen ist. Er sagt zwar Saudi-Arabien und den
Nachbarländern an: "Auch ihr müsst euch demokratisieren",
das hat aber einen anderen Charakter als die Ansage an den Iran.
Darauf muss man schon ein bisschen achten, dass das nicht immer
überall dasselbe heißt. In diese Staaten, die von dieser
Neuordnung der Region mitbetroffen sind, aber jetzt nicht Adressaten
einer Unvereinbarkeitserklärung von amerikanischer Seite
sind wie gegen die Mullahs, fährt der Kanzler und macht was?
In erster Instanz hilft er seinen Kapitalisten, irgendwelchen
Krempel zu verkaufen. Aber die politische Botschaft, die damit
verbunden ist, und der strategische Zweck, für den er das
macht, sind schon so etwas wie ein eigenständiges
imperialistisches
Angebot an diese Länder: "Ihr könnt euch übrigens
auch auf uns orientieren, und mit uns fahrt ihr besser als mit
den Amerikanern. Und umgedreht, wir haben an euch ein Interesse,
das ist mit dem amerikanischen nicht deckungsgleich." Das
ist, als wörtliche Rede ausgedrückt, die Botschaft dieser
Reise. Und natürlich ist das ein Gegensatz zu den Amerikaner,
aber keiner, der als Gegensatz richtig propagiert würde.
Das wird man von den Europäern so schnell nicht hören,
da haben sie beim Irak-Krieg schon die Grenzen ausgetestet, bis
zu denen sie da gehen. Aber die Linie, die sie dort fahren, diese
Staaten auf sich zu verpflichten, die ist, was das Verhältnis
zu Amerika und dessen Weltordnung betrifft, durchaus dieselbe
wie die im Irak-Krieg.
- Soweit Geschäfte, ob im Nahen Osten oder in Europa,
in Dollar abgewickelt werden, dann ist das doch noch eine Stärkung
des Dollar und somit seine Beglaubigung.
Ja, nolens volens ein Stück weit, aber das, was eigentlich
Kriegswirtschaft bedeutet, dass sich die Amerikaner wie blöd
in der Welt verschulden und den Rest der Welt mit der
Selbstverständlichkeit
konfrontieren, dass ihnen das wegen ihrer Macht zusteht - ja,
wenn gesagt wird, dass die Europäer dem nichts entgegenzusetzen
haben, kann man dies auch positiv ausdrücken, dass dies den
Anspruch der USA beglaubigt. Aber alles, was in die Richtung zu
verstehen wäre, dass die Europäer das auch wollen, wäre
sicher verkehrt. Die Europäer sind gar nicht in der Lage
- und deshalb ist auch die Nachfrage nach einem diesbezüglichen
Interesse so gegenstandslos -, dass sie umgedreht den Amerikanern
die Rechnung aufmachen könnten: "Wenn ihr euch nicht
so benehmt, wie wir das gerne in der Nato ausgemacht hätten,
dann fliegt ihr aus folgenden Geschäften in der Welt raus."
Das ist einfach nicht ihre Lage auf der Welt. Sie haben ja gerade
einmal zu tun, dass sie mit den Amerikanern wieder in Sachen
Subventionierung
von Zivilflugzeugen klar kommen.
- Deswegen rüsten die Europäer ja auf, für diese
Konfrontation.
Das ohne Zweifel, sie wissen, was ihnen fehlt.
- Zur Festigung ihrer globalen Sicherheitsdefinitionsmacht
führen die Amerikaner Kriege, und dann hieß es im Artikel
zur Kriegswirtschaft der USA doch aber auch, dass sie damit auch
eine Monopolisierung der Geschäfte ins Werk setzen, vorbereiten,
im Irak auch schon machen. Das betrifft die Verbindung von
Geschäft
und Gewalt.
Die entscheidendere Verbindung ist, dass sie die konkurrenzlosen
Herren der Geschäftsbedingungen sind. Die Bedingungen
für das Iran-Geschäft - so wollte ich Schröder
auch eingeordnet haben: Er sieht sich damit konfrontiert, dass
die Demokratisierungsansage der USA an den ganzen Nahen Osten
auch Rückwirkungen auf die Bedingungen des Geschäftemachens
mit dieser ganzen Region hat. Dem amerikanischen Diktat der
Geschäftsbedingungen,
was nicht dasselbe ist wie Monopolisierung aller Geschäfte,
die Amerikaner sortieren die Staatenwelt und sprechen Kompetenzen
zu und ab, dem etwas entgegen zusetzen, einen eigenen Deal: "Wir
verkehren mit euch auf folgender Grundlage" - so wollte ich
das eingeordnet haben.
Wenn die Amerikaner sagen: "In den Irak kommt nur Halliburton",
ist so ein Endpunkt erreicht, wo jeder Stamokap-Mensch sagen
müsste:
"Genauso haben wir uns das immer gedacht." Aber das
ist dann die letzte Konsequenz von dem, wo ich meine, dass das
die prinzipiellere Fassung ist, die Bedingungen des Geschäfts
mit anderen Staaten festzulegen.
- Das ist doch der Weg zur Monopolisierung, kein Widerspruch.
Nein. Die Verfügung über die Geschäftsbedingungen
ist nicht erst dann imperialistisch ein Hammer, wenn auch kein
anderer mehr dort irgendetwas verkaufen darf. Über die Konkurrenz
befinden, hat man in allen Weltgegenden; gegenüber China
z.B. sagen die Amerikaner nicht, dass dort kein Transrapid gebaut
werden darf. Aber sie nehmen den Standpunkt ein: "Wir haben
heftige Anträge, was für eine Wirtschaftspolitik die
chinesische Regierung zu treiben hat, was für eine
Währungspolitik,
was sie mit ihrem Renminbi anzufangen hat. Und wenn sie das nicht
machen, dann können wir durchaus auch einmal in den freien
Handel mit dieser Nation eingreifen." Das Waffenembargo ist
der aktuelle Schauplatz für diesen Streit. Das geht in die
Richtung: "Wir wollen die Hoheit über die Bedingungen
des Geschäft mit diesem Land behalten." Dass mit der
Verfügung über die Geschäftsbedingungen dann
natürlich
auch für die Geschäfte, die von Amerika ausgehen, die
Weichen gestellt sind, das versteht sich von selbst. Aber in dem,
dass dann auch der Erfolg dabei rausschaut, geht dieser Zugriff
nicht auf. Die Zuteilung von Geschäftsmöglichkeiten
wie im Irak ist eine Besonderheit in einem besetzten Land, in
dem die amerikanische Botschaft die eigentliche Regierung ist.
Das ist ein singulärer Fall. Aber das Prinzip waltet doch
nicht bloß dort. Man merkt es übrigens an den Reaktionen
der Europäer. Diesen Monopolanspruch der Amerikaner auf
Geschäftsbedingungen,
den fürchten sie. Und den sehen sie schon am Werk,
wenn die Amerikaner jetzt bloß an irgendeiner Stelle sagen,
dass sie da gerne eine Demokratie hätten.
Und zwar völlig zu Recht. Aber nicht deswegen, weil dann
Amerika hinterher belohnt und bestraft - das war im Fall Irak.
Das Prinzip ist viel weitreichender und genereller als das "Wir
regeln nachkriegsmäßig unmittelbar politisch zugeteilte
Geschäfte"; es ist die Festlegung der Souveräne
und damit der Beziehungen und der Brauchbarkeit für die eigenen
Konkurrenzinteressen.
- Das war doch auch das Argument für die Gültigkeit
des amerikanischen Weltgelds unter diesen Bedingungen, aber jetzt
nicht mit dieser Monopolisierung von Nutzen, sondern mit Stiften
oder Beaufsichtigen von Geschäftsbedingungen.
An dem ganzen merkt man auch die andere Seite, die auch in diesem
alten Artikel drinsteht. Diese Sorte amerikanischer Politik, diese
Art, die eigene Hoheit über die weltweit gültigen
Geschäftsbedingungen
zu renovieren, untergräbt natürlich auch die Quellen
des amerikanischen Wachstums. Jetzt haben sie durchaus schon die
Europäer als Gegenspieler. Auch dafür steht der Besuch
des Kanzlers in den arabischen Ländern. Das ist kein Affront,
den ein Besuch im Iran dargestellt hätte, aber es ist die
Konsequenz, die dieser Mann zieht, weil er sie für nötig
hält, durchaus entgegen den von Amerika gesetzten Fakten
- jetzt kann man wieder zurecht sagen, durchaus unter Ausnutzung
dessen, was die Amerikaner dort aus- und anrichten, aber auch
entgegen dessen, worauf die Amerikaner eigentlich hinaus wollen
- , deutsche und europäische Interessen im Verkehr mit diesen
Staaten festzuschreiben. Es ist ein Sicherungsbedürfnis,
das ihn dort hintreibt, das Deutschlands politische wie
ökonomische
Geschäftbedingungen in der Welt betrifft, die sieht er offenbar
in Gefahr und das durchaus zurecht.
Man kann es auch einmal umdrehen. Vom Standpunkt Amerikas aus
waren die früheren Manöver Deutschlands in Bezug auf
den Osten, in Bezug auf die DDR und Russland, im Prinzip nützlich,
weil sie Aufweichungsveranstaltungen waren. Was da an
Ost-West-Geschäft
gelaufen ist, stand einerseits unter dem strategischen Vorbehalt
und war andererseits ein Beitrag zur Zersetzung des Ostblocks
und deswegen auch gebilligt und geduldet. Das, was jetzt stattfindet,
ist vom Standpunkt Amerikas aus kein Beitrag mehr, es ist
erkenntlich Konkurrenz zu ihren Ordnungsbedürfnissen.
Das ist der Unterschied, und das ist das, was zuvor als Heuchelei
in der Diplomatie - Diplomatie ist ja immer Heuchelei - gekennzeichnet
worden ist; aber in dem Fall ist es das bekunden gemeinsamer Zwecke,
ist es gerade die Lüge zu dem, das es diese Zwecke so nicht
mehr gibt, aber noch eine Welt, in der man gemeinschaftlich
herumfuhrwerkt.
Das ist der Unterschied. Gegenüber dem Osten war es klar,
dass man eine Gegend zersetzt und öffnet, die verschlossen
war. Was jetzt geschieht, ist ein Neuordnungsprogramm, also auch
eine Konkurrenz um eine Welt, in der sie alle unterwegs sind.
Das ist das Problematische dabei. Dass sie noch in Dollar zahlen,
wie zuvor eingewandt worden ist, ist erst einmal so, das ändern,
wäre an der Weltordnung etwas umzustürzen, wenn sie
das sagten. Es ist also immer die Frage, wo ist man wie unterwegs.
Erst einmal stellt sich die Frage nach Euro oder Dollar nicht.
- Mein Gedanke bezog sich nur auf die Anfangsfrage, die lautete,
Amerika nimmt Schulden über Schulden auf, wie geht das? Was
ist da die Sicherheit? Dazu sage ich, wenn auch die europäischen
Geschäfte, die politisch im Gegensatz zu den USA stehen,
in Dollar fakturiert werden, dann sichert das den amerikanischen
Dollar und deren Währung und beglaubigt insofern die
Kriegsausgaben.
Insoweit ist das Gesagte noch gewissermaßen die ökonomische
Seite des Verhältnisses. Aber die ist jetzt einmal gerade
nicht der Witz. Die ist nicht der Witz für die Entscheidungen,
die jetzt gefällt werden, in Bezug darauf, wie weit Amerika
noch kreditwürdig ist. Die Antwort der ganzen Geschäftswelt
lautet: "Eigentlich unendlich." Die Sicherheit, die
darin unterstellt ist, ist nicht mehr einfach die, dass sie es
so gewöhnt sind, alles so läuft und niemand dies
kündigen
will. Sondern es wird die Frage berührt, wer eigentlich die
Garantiemacht der Geschäftsordnung auf der Welt ist. Das
ist etwas Anderes als das ökonomische Argument, das Öl
weiterhin erst einmal in Dollar abzurechnen.
- Noch eine andere Frage zum Bush-Besuch. Dieser Besuch hat
als Voraussetzung von den Europäern in verschiedenen Fragen
aufgemachte Gegensätze zu den Amerikanern und hat zum Resultat,
dass man einerseits inhaltlich auf den gegensätzlichen Positionen
beharrt und trotzdem die Gemeinsamkeit, die in den Bündnissen
liegt, beschwört. Lässt sich das so klären, dass
die USA darum bemüht sind zu korrigieren, dass sie noch
während
des Krieges den Eindruck erweckt haben, dass alle, die nicht dafür
waren, als Feinde eingestuft wurden? Sind sie jetzt darum bemüht,
das Bündnis aufrecht erhalten und trotzdem gleichzeitig auf
der inhaltlichen Gegensätzlichkeit, die das Bündnis
ja sprengt, beharren zu wollen? Von Seiten der Europäer geschieht
eigentlich das Gleiche. Man beharrt auf der Gemeinsamkeit und
hält zugleich an den Gegensätzen fest, die diese
Gemeinsamkeit
gerade in Frage stellen. Es ist ein wirkliches Bemühen der
USA zu zeigen, dass es ihnen auf die Zustimmung ihrer
Bündnispartner
ankommt.
Letzteres ist sicher der Fall, es ist bloß nicht so, dass
das zwischendurch einmal nicht so gewesen wäre - Korrektur
dazu zu sagen, ist also nicht richtig. Das ganze Zerwürfnis
stammt doch daher, dass die Europäer nicht ja gesagt haben;
das ist es doch, was die Amerikaner den Deutschen so schlecht
verziehen haben, sie wollen doch von der ganzen Welt Zustimmung
haben, außer von denen, denen sie den Kampf ansagen, da
ist dann auch keine Zustimmung mehr genehm.
- Eine Veränderung hat aber doch schon stattgefunden,
nämlich, dass die USA bei der Vorbereitung und erst recht
bei der Durchführung des Krieges der Welt demonstrieren wollten,
dass sie ganz unabhängig von dieser Zustimmung ihr
Weltordnungsprogramm
durchsetzen werden, dass es in der Phase gerade darauf ankam,
zu sagen: wer nicht für uns ist, ist gegen uns.
Das ist doch die härteste Art, Zustimmung zu verlangen, die
gibt es bei Staaten eben nur so: wenn die USA von den Europäern
Zustimmung einfordern, dann hat das doch nichts anderes als Einordnung
in die Weltordnung der USA und Unterordnung unter deren Vorgaben
zum Inhalt.
- Der Kommentar in der SZ hatte aber zum Inhalt, dass es eine
Trendwende im weißen Haus gegeben und der Bush eingesehen
hätte, dass er von den Europäern und deren Zustimmung
abhängig ist - obwohl mir das jetzt auch etwas übertrieben
vorkommt.
- Er hat gesagt: unsere Zwistigkeiten sind Schnee von gestern
und wir sind Freunde fürs Leben, wir gehören zusammen
und das ist nicht ein Angebot an die Europäer, sondern die
Feststellung: ihr habt gefälligst mit den USA zusammen zu
gehen, er negiert doch alle Gegensätze. Was der Schröder
mit der Nato aufmacht, lehnt er doch ab und zur europäischen
Iran-Diplomatie sagt er: macht mal, aber die letzten Optionen
habe ich. Das war also gar kein Angebot, sondern die Feststellung:
wir gehören auf Biegen und Brechen zusammen, und zwar unter
meiner Ägide.
- Warum ist er dann überhaupt nach Deutschland gekommen?
- Natürlich will er mit den Europäern zusammen seine
Politik durchziehen und er braucht sie auch, das merkt man auch
an seinem Verweis auf die Bedeutung der Nato im Ost-West-Gegensatz,
dass sie sich da bewährt habe und dass man sich bei dem weltweiten
Demokratisierungsprogramm, das jetzt ansteht, auch gemeinsam
bewähren
werde.
- Aber da gibt man ja dem SZ-Kommentar recht, wenn man sagt,
der Bush braucht die Europäer.
Aber da merkt man doch nur, dass in so radikalen
entweder/oder-Kategorien
die Weltpolitik zur Zeit schon gleich nicht aufgeht. Wenn man
sagt, der Bush ist von den Europäern abhängig oder braucht
sie - was heißt das schon? Die Kapitalisten sind auch von
ihren Proleten abhängig. Das ‚brauchen' ist doch ein
in Anspruch nehmen und das war der Tenor dieses ganzen Besuchs;
dass diese Inanspruchnahme daher kommt als Versöhnungsgeste,
ist doch klar. Man will die Europäer einspannen und
funktionalisieren
und das enthält natürlich Momente von Angebot, Appelle
an den Eigennutz. Das war vorhin in der Debatte: die Europäer
sind doch die Letzten, die kündigen und sagen, die Amerikaner
sollen ihr Demokratisierungsprogramm doch alleine machen, sondern
sie versuchen sich mit ihrem Standpunkt, der dem amerikanischen
durchaus entgegengerichtet ist, in deren Politik einzuklinken;
sie reagieren auf die USA und sagen nicht einfach ein Veto dagegen
- vielleicht träumen sie, dass sie es könnten, aber
das ist nun mal gar nicht die Lage, deswegen kommt es ja bis dahin,
dass die Europäer Iran-Politik machen, die dann in einem
Punkt, nämlich, die Iraner sollen keine Atomwaffen bekommen,
sich so darstellt wie substanzielle Einigkeit mit den USA. Und
umgedreht sind die Amerikaner auch nicht in der Lage, dass sie
sagen: wir können euch nicht gebrauchen und deswegen ignorieren
wir euch in der Welt, weil die Europäer in der Welt von heute
eben gar nicht zu ignorieren sind. Noch nicht einmal Russland
ist einfach zu ignorieren, auch da fährt er hin, trifft sich
mit dem Putin und macht mit ihm etwas aus und gleichzeitig ist
sehr klar, wer da wem eine neue Perspektive zeigen will, wie sich
welcher Staat aufzuführen hat, da hat nicht der Putin den
Bush belehrt. Die Weltpolitik läuft eben nicht nach dem
Schematismus
ab: entweder setzt sich der eine durch oder der andere und es
gibt nichts dazwischen. Bei dem Vorstoß vom Schröder
mit der Nato-Reform, da haben die Europäer nicht gedacht,
dass die Amerikaner vielleicht darauf eingehen, sondern sie haben
ein Bedürfnis angemeldet, und zwar ein konträres und
das muss man anmelden, weil man schon weiß, dass der andere
‚nein' dazu sagt, deswegen meldet man es laut und deutlich
an, sagt dann dazu: ganz so war es nicht gemeint, interpretiert
es ein bisschen um und sagt dann: man ist sich mit dem anderen
einig, aber man wollte mal gesagt haben, dass die Nato so wie
bisher nicht weitergeht und damit ist dieses Thema doch in der
Welt und nicht vom Tisch. So geht Diplomatie - die Amerikaner
haben den Vorschlag vom Schröder im Vorfeld abgelehnt, der
Rumsfeld hat gleich arbeitsteilig gesagt, dass die USA sich die
Koalition der Willigen auch künftig vorbehalten, der Bush
kam dann mit: natürlich ist die Nato furchtbar wichtig, da
hat Herr Schröder (Gerhard!) völlig recht, aber eine
Reform mit Expertengremium braucht es nicht, die politische Beratung
machen wir doch schon. Was will man dazu noch an Aufklärung
sagen? Die deutsche Öffentlichkeit hat gemeint, dass der
Bush zugegeben habe, dass Europa wahnsinnig wichtig ist und dass
es sich mit den Amerikanern auch ziemlich einig ist, wenn man
mal die Differenzen beiseite lässt; es gab ja auch die Sorge
im Vorfeld, ob der Vorstoß des Kanzlers nicht einfach ein
machtloses Gerede sei. Der Zusammenschluss aus beidem ist nicht
schwierig: unter bewusster Zurückstellung des Inhalts wird
gelobt, dass die Amerikaner Europa den Respekt nicht versagen
konnten, aber der Sache nach bleiben die USA dabei, dass die Nato
ein festgelegtes Zustimmungsorgan sein soll und fordern dafür
Zustimmung ein. Nur die Staaten, die den Zweck der USA teilen
und unterstützen, können bestenfalls mit Rücksichtnahme
und Respekt rechnen, an diesem Standpunkt ist nichts korrigiert
worden.
Zur Psychologie der da gelaufenen Diplomatie: Der Bush kommt als
Wahlsieger und als erfolgreicher Irak-Besetzer und Veranstalter
einer Wahl dort, nach der er gleich von den Europäern forderte,
die Legitimität der US-Besatzung anzuerkennen ebenso wie
die Nato als das Instrument, das sie bisher für die USA war
und sich hinter sie zu stellen, eben weil die Europäer für
die USA wichtig sind. Die USA haben also nie gesagt, dass Europa
ihnen nicht wichtig sei und dass es auf Europas Zustimmung nicht
ankäme. Sie haben doch einen Krieg geführt und gesagt,
dass sie damit Zustimmung erzwingen auch von denen, die nicht
dabei waren, indem sie den Beweis führen, wie schlecht jemand
fährt, der sich nicht positiv an den Kriegen beteiligt. Das
war nach Europa hin das Programm, was auch laut und deutlich gesagt
wurde.
Jetzt darf man das wieder nicht so verstehen, als hätte der
Bush den Europäern die neue Weltlage diktiert. Eins weiß
der Bush allerdings auch: wenn die Europäer sich einig wären,
dann wären sie ein für ihn nicht so leicht zu ignorierendes
Hindernis für seine Weltpolitik: da fehlt dann der wichtigste
Mitmacher mit viel Einfluss in der restlichen Welt. Deswegen legt
er so viel Wert darauf, dass die mitmachen, lässt es aber
gleichzeitig nicht fehlen an der Fortsetzung der Spaltung der
Europäer - wen er besucht oder auch nicht, wen er einkassieren
will, wo er einen Keil hineintreiben will in die Front, die ihm
da gegenübersteht; das sind alles so die diplomatischen
Manöver.
Dazu zu sagen, er hätte irgendetwas eingesehen und merkt,
dass er so nicht weiterkommt, entspricht wohl dem Wunschdenken
deutscher Kommentatoren, zumindest einer Variante. Es gibt auch
andere Sorten von Kommentaren, z.B., dass der Respekt, den man
erfahren hat, nur diplomatisches Geplänkel ist und dass die
Europäer sich den richtigen Respekt nur mit Waffen erzwingen
können.
Vielleicht sollte man versuchen, sich dem ganzen Thema von einer
anderen Seite her zu nähern, deshalb jetzt der Vorschlag,
zu überlegen, welchen Inhalt, welche Bedeutung und welchen
Stellenwert die Demokratisierungsforderungen der USA an
die Staaten des Nahen Ostens haben. Syrien ist ein Beispiel, an
dem man sich einiges klar machen kann oder auch Ägypten,
das fällt nicht mit dem Iran und Syrien zusammen.
- Die Demokratisierungsforderung bedeutet doch, dass ein garantiert
USA-freundliches Regime an der Macht sein soll. Bei den einen
Ländern, da gehört der Iran dazu, ist aus der Sicht
der USA für die Demokratisierung erforderlich, dass das Regime
abtritt, weil von Grund auf mit Demokratie nicht vereinbar. Im
Fall Ägypten sind es Ansprüche an das Land, dass es
in seinem Inneren aufräumen soll im Sinne Amerikas.
- Das Pikante an Ägypten ist doch, dass es ein bis dato
befreundetes Land trifft, von dem man eigentlich nicht wusste,
an welcher Stelle es sich, wenn überhaupt, amerikanischen
Interessen in den Weg gestellt hat. Beim Iran und Syrien heißt
die Demokratieforderung wahrscheinlich, dass die Regierungen abtreten
sollen, Libyen hat ja in letzter Minute die Kurve gekratzt, nachdem
der Staat so verfasst war, dass die amerikanischen Interessen
berücksichtigt wurden. Aber Ägypten hat sich nichts
zuschulden kommen lassen und plötzlich fällt dem Mubarak
ein, dass er Wahlen zulassen muss, die anders geartet sind als
bisher - es gab ja irgendwelche Verfassungsänderungen,
wahrscheinlich
wegen dem, was die USA ihm angetragen haben. Die Frage ist, was
das - außer politologischem Schnickschnack - wirklich bedeutet,
dass sich in der ägyptischen Öffentlichkeit plötzlich
eine Opposition aufstellen darf, die den amerikanischen Vorstellungen
von freedom and democracy im Vorderen Orient mehr entspricht
Aber bevor der Mubarak diesen Schritt gemacht hat, gab es eine
heftigere diplomatische Auseinandersetzung mit den Amerikanern,
nämlich um eine neue Partei, die da entstanden ist - sie
heißt "Morgenröte" oder ähnlich, hat
zufälligerweise auch orange als Farbe - , da ist ein
Parlamentarier
oder Unabhängiger in die jetzige Nationalversammlung schon
hineingekommen, hat diese Partei aufgebaut, die hat sich dann
gegründet, wurde von Amerika auch sehr stark unterstützt.
Dieser Parteivorsitzende ist verhaftet worden, seitdem kritisieren
die USA die Regierung und versuchen, sie zu zwingen, den freizulassen.
Diese Partei zeichnet sich dadurch aus, dass sie eigentlich nichts
anderes fordert als westliche Werte, Marktwirtschaft und echte
Demokratie. Die Verstimmung hat sich daraus ergeben, dass, als
der ägyptische Außenminister in Amerika war, er andauernd
zu hören bekam, dass er mit der Partei anders umspringen
und den Vorsitzenden freilassen soll; die Rice hat deswegen sogar
einen Besuch in Ägypten abgesagt, der nach dem G-8 Treffen
stattfinden sollte. Umgekehrt hat Ägypten damit gekontert,
dass es ein Treffen der G-8 mit arabischen Vertretern von sich
aus abgesagt hat. Nach dieser Konfrontation hat Mubarak gesagt,
dass bei den nächsten Präsidentschaftswahlen im Herbst
mehrere Kandidaten zugelassen werden - das war nämlich auch
eine Hauptforderung der gesamten Oppositionsparteien. Bisher war
es üblich, dass das Parlament einen Kandidaten vorschlägt
und dann das wahlpflichtige Volk dem zustimmen muss. Dabei war
bisher vorgesehen, dass Mubarak noch einmal antritt. Insofern
ist das schon ein Angriff auf die bisherige politische Führung
dort, die nationaldemokratische Partei. Das Regime passt offensichtlich
den Amerikanern nicht und ein Grund könnte sein, dass Mubarak
erstens immer noch für einen arabischen Nationalismus steht
und zweitens für ein Arrangement mit dem Islam. Dies Arrangement
beinhaltet einerseits Unterdrückung, andererseits nutzt das
Regime den Islam aus als moralische Rechtfertigung seines Verhaltens
und als moralische Einflussinstanz auf andere arabische Länder
- es gibt z.B. diese Universität in Kairo, die sich für
Missionierung und für die Ausbildung aller islamischen Geistlichen
im sunnitischen Raum für zuständig erklärt. Der
erste Punkt ist wahrscheinlich der wichtigste, dass immer noch
festgehalten wird, dass es einen arabischen Nationalismus und
ein arabisches Interesse gibt gegenüber Israel und gegenüber
Amerika und das ist das Hauptärgernis, das von den Amerikanern
an den verschiedensten Sachen festgemacht wird, sei es Demokratie,
seien es die Menschenrechte, eine antiisraelische Haltung oder
dass der Terrorismus nicht ordentlich bekämpft wird.
- Das Arrangement ist auch so, dass die ägyptische Regierung
darum kämpft, dass die Einheit im Land von diesen Geistlichen
mit unterstützt wird und sie hängt auch davon ab.
Bisher hatte der Mubarak noch mit einer anderen Opposition zu
kämpfen, nämlich mit diesen Muslimbrüdern; die
hat er mal beschwichtigt, mal ist er repressiv gegen sie vorgegangen
- meist beides gleichzeitig.
- Dann ist doch die Lage die, dass der Islam mithelfen soll,
die Einheit der Nation zu begründen und dass andererseits
die Muslime eigene Vorstellungen darüber haben, wie der Staat
laufen soll. Da gab es vor längerer Zeit den Konflikt mit
der Geburtenkontrolle, die Mubarak wollte und wo die islamischen
Geistlichen sich quergestellt haben, woraufhin diese Maßnahme
auch wieder zurückgenommen wurde.
Ich möchte die Sache noch mal von dem Punkt her beleuchten,
der vorhin so stiefmütterlich als politologischer Schnickschnack
bezeichnet wurde, weil man sie in zwei Richtungen lesen kann;
die eine ist: wenn irgendwer Demokratie fordert, kann man sich
sicher sein, dass immer ein Interesse dahinter steckt, das sich
bestimmt auf alles andere, nur nicht auf die Demokratie als solche
richtet. Also wenn in einem Land jemand ‚Demokratie!' schreit,
dann steckt garantiert ein Interesse dahinter, dass in diesem
Land nicht zum Zuge kommt - ob es nun das der Arbeitslosen,
Kleinhändler
oder einer alternativen Clique ist, die meint, dass sich die Falschen
in der Nation deren Reichtümer angeeignet hätten und
jetzt wären sie mal dran. Irgendein Interesse dieser Art
steckt allemal dahinter, wenn eine Opposition sich als entrechtet
erklärt und nach der Chance ruft, sich der Macht bemächtigen
zu können. In dem Sinne ist es ja zumindest im Fall Syrien
und Iran sehr einfach und zu Ägypten wurde vorher einiges
Nötige gesagt. Hinter der Forderung nach Demokratie steckt,
speziell, wenn sie von außen erhoben wird, das Interesse
an einer überhaupt anders sortierten Regierung. Jetzt sollte
man die Gleichung aber auch mal andersherum lesen: was ist denn
los, wenn ein Interesse, das sich entrechtet vorkommt - durchaus
auch, weil es in einer Nation nicht zum Zuge kommt - nicht einfach
auf seiner Forderung besteht, sondern sich in die Forderung:
Demokratisierung
muss her! kleidet. Es gibt zum Beispiel genügend fromme Muslime,
die meinen, sie kommen in den Staaten des Nahen Osten nicht zu
ihrem Recht. Die machen aber nicht den Übergang zu sagen:
deswegen wollen wir Demokratie!, sondern die machen den Übergang
zu sagen: deswegen wollen wir, dass hier gebetet wird und alle
sich anständig verkleiden und die Sittengesetze des Koran
mal wieder in Kraft gesetzt werden. Das ist eine klare Forderung;
sie wollen die Moralisierung der Gesellschaft und das sagen sie
dann auch. Wenn der Bush eine Umpolung der ägyptischen Regierung
will, weil ihm deren arabischer Nationalismus nicht passt, dann
tritt er nicht auf und sagt, dass ihm der Nationalismus dieser
Regierung nicht passt und dass er für jemand anderen ist.
Es ist für die Amerikaner ja eine leichte Übung, auch
so aufzutreten - ganz Südamerika haben sie auf diese Weise
einmal durchsortiert, Putsche angezettelt und dann war eben ein
Neuer dran. Gegen den Allende haben sie nicht mit
Demokratisierungsforderungen
agitiert, sondern da war klar, der ist ein Sozialist und gehört
deshalb weg, bei Mossadegh im Iran vor fünfzig Jahren, war
es auch nicht anders. Jetzt hat man das Interessante - meinetwegen
politologisch Verdruckste - vor sich, dass das Interesse, das
die Amerikaner geltend machen in Bezug auf alle diese Staaten,
sich als Ruf nach Demokratisierung präsentiert. Warum das
und warum nicht direkt? Es gibt ganze Abteilungen, da kann man
sagen, dass ist die Grußadresse an die einheimischen
Demokratiefans,
das ist der Ehrentitel usw., aber über diesen politologischen
Ehrentitel hinaus hat diese Forderung vielleicht noch eine Substanz:
der Bush will sicherlich nicht einfach, dass in Ägypten 1000
Blumen blühen und jeder Dahergelaufene eine Partei aufmachen
darf, sodass es ein unübersichtliches Chaos an Winkeladvokaten
gibt, die sich als Parteigründer tummeln, sodass kein ordentliches
Parlament zustande kommt, der wird schon seine Figur im Auge haben,
aber vielleicht ist es ja so, dass die Forderung nach Pluralismus
für einen, der von außen bestimmenden Einfluss auf
das Innere eines anderen Landes nehmen will, so dumm nicht ist
- so, wie die Dinge heute liegen -, weil die Frage, wenn mal
Pluralismus
zugelassen ist, wer sich in demselben durchsetzt, zuallerletzt
von den einheimischen Wahlberechtigten entschieden wird, sondern
in viel vorderer Linie von denen, die auf diesen Pluralismus Einfluss
nehmen, die die Mittel haben und auch hemmungslos zur Anwendung
bringen, um in diesem Pluralismus ihre Leute nach vorne zu bringen,
die also überhaupt die Wahlalternativen zu den existierenden
Herrschaften puschen können. Vielleicht ist ja die Forderung
nach Pluralismus, wenn sie von außen erfolgt, gar nicht
nur verlogen, weil sich ein ganz anderes Interesse dahinter verbirgt.
Es steckt sicher das Interesse an genehmeren Figuren dahinter,
aber vielleicht ist es nicht so dumm, das in die Forderung nach
Pluralismus zu kleiden, wenn man sich selber zutraut, innerhalb
dieses Pluralismus herumzufuhrwerken und Entscheidungen voranzubringen,
zum Beispiel im Libanon: da ist natürlich klar, dass der
amerikanische Standpunkt ist: die Syrer sollen raus, was auch
immer damit gewonnen wird. Das positive Interesse ist: die wollen
eine Mannschaft an der Macht haben, die sich mehr bei ihnen die
Direktiven abholt, was in dem Land zu machen ist, und da ist
lustigerweise
der amerikanische Anspruch nicht nur, dass die syrische Armee
abziehen soll, sondern gefälligst auch der Geheimdienst -
ganz klar, welcher Geheimdienst dann dahin soll, weil ohne Geheimdienst
funktioniert ein Land ja überhaupt nicht. Aber das ist ja
jetzt gar nicht dumm, die obigen Forderungen zu übersetzen
in die Forderung: in diesem Land muss ein ordentlicher Pluralismus
her, denn das ist von vorneherein klar, wenn sich Alternativen
rühren zur bestehenden Regierung, dann sind die gegen die
jetzige Position der Regierung und deren Abhängigkeit von
Syrien, und wenn so eine Opposition Unterstützung braucht
und sucht, dann findet sie die auch und bekommt damit zugleich
einige Direktiven darüber verpasst, wie sie sich orientieren
soll, das findet im Libanon gerade statt. Es ist sicher falsch,
zu glauben, dass bloß ein paar antisyrische Faschisten von
sich aus auf die Straße gegangen sind (Faschisten deswegen,
weil die, die sich mit ihren alten Parteichefs rühren, im
letzten Bürgerkrieg auch hierzulande als solche apostrophiert
worden sind). Wahrscheinlich binden sie sich auch orangene Schals
um und sagen, dass die Regierung weg muss und die Syrer raus
müssen,
und das alles passiert sicher nicht ohne hilfreiche Unterstützung
von äußerer Seite, was Kugelschreiber und Wahlhilfe
betrifft. Kurz gefasst - Demokratisierung, im Klartext: politischen
Pluralismus, der Regierung vielleicht sogar mit ihrem beschränkten
Pluralismus entgegensetzen, scheint die moderne, von den Amerikanern
jetzt zielstrebig verfolgte Art des Regimewechsels zu sein. Also,
dass man beide Seiten dieser Gleichung beleuchtet: wenn eine unpassende
Regierung weg soll und es wird Demokratie gefordert, dann steckt
hinter dieser Forderung ein substanzielles Interesse, aber um
dieses Interesse voranzutreiben, wird die Demokratie-Forderung
als Mittel gerade heftig ausprobiert.
- Somit steht auch fest, dass die Demokratie frühestens
dann erreicht ist, wenn die jetzigen Machthaber abgewählt
sind, denn dass die die Mehrheit nicht verdienen, sieht man ja
schon daran, dass die anderen nicht zugelassen sind.
Der Pluralismus ist also von vorneherein einer gegen die regierende
Mannschaft und so gilt die Wette nicht, dass, wenn die sich unter
den neuen Bedingungen wieder eine Mehrheit verschafft, damit die
Demokratisierungsforderung auch erfüllt wäre.
- Aber es steht nicht unbedingt fest, dass es so laufen muss.
Der Mubarak kann das Etikett ‚good government' bekommen,
er muss halt den Oppositionsführer ins Recht setzen und ihm
dann gegebenenfalls in der demokratischen Öffentlichkeit,
die da dann ausbrechen soll, das Wasser abgraben.
Mag sein, dass es den Gedanken gibt, ein Mubarak mit seinem nationalen
Interesse ist als Übergangsfigur zu einer Figur des eigenen
Interesses immer noch besser als das große Chaos.
- Aber da setzt man von außen schon drauf, dass das Wahlvolk
von unten her dann dieser Sorte Herrschaft ihre Zustimmung gibt.
Und für diese Erwartung gibt es ja in allen Ländern,
denen so etwas bevorsteht, einen festen Posten und das ist die
Unzufriedenheit, die der Stellenwert dieser Staaten im Ensemble
des modernen Imperialismus bei der Bevölkerung erzeugt. Also
wenn auf die hohe Arbeitslosigkeit (in Ägypten) hingewiesen
wird und dass Mubarak seiner Jugend keine Angebote machen könne,
dann ist das der kleine Zynismus nebenher, dass sich die Amerikaner
mit ihrer Demokratisierungsforderung im Sinne einer Umsturzforderung
auf soziale Verhältnisse beziehen können, die die Integration
dieser Länder in die globale Marktwirtschaft herbeigeführt
hat. Das Beispiel, an dem das von A bis Z vor ein paar Wochen
durchexerziert worden ist, ist die Ukraine.
Beim Proletariat der westlichen Länder war die Übersetzung
des Klasseninteresses in eine Demokratisierungsforderung der
größte
Fehler; da haben sie nämlich der Revolution abgeschworen
mit der Heuchelei, ihnen ginge es nicht um das Klasseninteresse,
sondern um die wahre Demokratie, und das ist deshalb ein so schlimmer
Fehler, weil es der Abschied war von ihrem Klasseninteresse. Die
analoge Camouflage des eigenen Interesses durch die
Demokratisierungsforderung
findet heute auch statt, bloß dass weder bei der Timoschenko
in der Ukraine noch bei diesem ägyptischen Oppositionspolitiker
ein proletarisches Klassenverhältnis dahinter steckt, das
irgendwie einen Riesenfehler macht, sondern da kann alles Mögliche
dahinterstecken - die Geldgier von der Timoschenko genauso wie
die Unzufriedenheit von ein paar trostlosen Fellachen in Ägypten
oder auch gemäßigte Muslime mit ihrem Himmelswahn -
und das lässt sich unter Umständen funktionalisieren
für das Interesse derer, die ihnen die Mittel zukommen lassen.
Die Demokratisierungsforderung ist - per Zustimmung zu einer
alternativen
Herrschaft - eine Methode der Entmachtung gegenüber denen,
die gerade an der Macht sind, und da rechnen sich die Amerikaner
offenbar schöne Gelegenheiten aus und bringen ihre Mittel
- ihre Finanzmittel, ihre Fernsehstationen, ihre Geheimdienste,
die man ja sowieso schon unterwegs hat - in Anschlag, um in der
Frage, welche Alternative aufgrund der Unzufriedenheit ermächtigt
wird, ein entscheidendes Wort mitzureden. Nächstes Mal wird
an dem Thema weitergemacht.