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Zur Flutkatastrophe im Indischen Ozean
- Hat das irgendeine imperialistische Bedeutung, dass Amerika
seine Hilfsaktionen der UNO unterstellt hat? Oder hat das nur
eine moralische Bedeutung, für den Staat, die Nation Amerika,
die ihr Image pflegen kann, ohne ein Problem des Verschenkens
von Einflusssphären dabei zu haben?
- Da höre ich die grundsätzliche Frage heraus, was
eigentlich los ist, wenn eine Großmacht hilfsbereit wird.
Damit sollte man anfangen.
- Ist es aktuell nicht auch eine Lage mit besonderen Merkmalen?
- Die Frage hat schon die allgemeine Vermutung unterstellt:
mit Hilfsgütern Einflusssphären sichern. Wie soll das
gehen? Wasserflaschen und Lazarette hinfahren ist etwas anderes,
als mit Soldaten hingehen und einen Statthalter installieren.
Offensichtlich stellen sich dabei die Nationen selbst gegeneinander
auf.
- Amerika hat sich dabei in einem formellen Akt "untergeordnet
unter das UNO-Mandat" (SZ-Schlagzeile). Was war damit gemeint?
- Zunächst gab es eine Südostasien-Gruppe unter
Führung
der USA mit der Teilnahme Japans, Australiens usw., die in der
ersten Woche mit 17.000 Soldaten den Haupt-Flugeinsatz geleistet
hat. Nach einer Woche, nachdem alles geregelt war, äußerte
sich der US-Außenminister, hat den Oberbefehl an die UNO
übergeben. Das war eine Allianz der dortigen Anrainerstaaten
ohne die Europäer, die sich dort offiziell zuständig
erklärt haben, in großem Stil Fluggerät vorzubringen.
- Bevor man fragt, wer sich wem unter welchen taktischen
Gesichtspunkten
unterordnet, sollte geklärt werden, inwiefern es etwas anderes
ist, wenn Nationen Krieg führen und Statthalter einsetzen
oder wie jetzt im Katastrophengebiet Wasserflaschen abwerfen und
trotzdem untereinander konkurrieren. Wie werden da Einflusssphären
gesichert, ohne Statthalter einzusetzen?
- Noch davor sollte man überlegen, dass das europäisches
und Welt-Urlaubsgebiet ist, Zehntausende europäische Leichen
angefallen sind, für die die Saaten hier zuständig sind.
Entsprechend der Masse der dort hinreisenden Urlauber betrachten
sie sich als zuständig für "ihr Urlaubsland"
wie sie andere Staaten als "ihr Ölland" betrachten.
Bei dem Interesse stoßen sie auf die anderen Staaten.
- Vor der Konkurrenz unter den Großmächten wurde
einem mitgeteilt, dass die Katastrophe eine Dimension hat, bei
der die Frage ansteht, ob die Ordnung in der Region noch so weiter
geht, wie bisher. Ausgemalt wurde das damit, dass die große
Anzahl der Toten Seuchen hervorruft. Bevor also die Konkurrenz
losgeht, gilt das Augenmerk der imperialistischen Staaten der
Wiederherstellung genau der Zustände, die im Grunde genommen
dafür gesorgt haben, dass zweihunderttausend Leute hopsgegangen
sind. Gegen die Leistung hat man doch etwas. Die Staaten vor Ort
sind nicht in der Lage, die Zustände wiederherzustellen.
Also soll von hier aus dafür gesorgt werden. Die Toten schreiben
sie der Natur zu, wiewohl sie das Dementi liefern. Frühwarnsysteme
haben arme Länder nicht.
Wenn die Sorge wäre, dass Thailand oder Indonesien
zusammenbrechen,
dann könnten sie ja gleich wieder heimfahren, denn es bricht
dort ja nichts zusammen.
- Was soll aber die Ausmalung, die betroffenen Regierungen
sind mit der Lage überfordert?
- Die Aussagen der einzelnen Länder sind unterschiedlich.
Indien z. B. hat ausländische Eingriffe zurückgewiesen
mit der Behauptung, dass sie erstens selbst kompetent genug sind
und zweitens reich genug, auch noch anderen zu helfen. Und heute
wurde in der SZ vorgerechnet, dass die ökonomischen Schäden
geringer zu bilanzieren sind, als die Auswirkungen des Sars-Virus,
das in den Zentren grassierte, während jetzt bloß
Küstenstreifen
betroffen sind.
Wenn man die politische Dimension dieser Sache anspricht, muss
man nicht so tun, als müssten wir eine ermitteln, entdecken.
Alle Zeitungen sind voll mit Überlegungen zur politischen
Dimension dieses Ereignisses.
- Deswegen muss es nicht wahr sein.
Aber wenn so etwas Drastisches an die Wand gemalt wird wie, der
Imperialismus fürchtet um die Stabilität einer ganzen
Region, braucht es schon Anhaltspunkte.
- Die Börse hat auf dieses Ereignis gelassen reagiert.
Die hat sowieso andere Kriterien. Das wäre die Frage nach
der kommerziellen Dimension. Es ist auch ein Stück politische
Ökonomie davon betroffen - offenbar nicht
übermäßig,
wenn man die Börse als Kronzeugen nimmt.
- Ich habe die Sorge um die Stabilität daraus geschlossen,
dass im Verlauf der Bestandsaufnahme die Opferzahlen immer höher
wurde und sich daraus die Sorge um die Sicherstellung der
Stabilität
ableitet.
Das ist deswegen nicht nachvollziehbar, da der Schwenk zur
Eskalation
der Opferzahlen dadurch zustande kam, dass in für die Weltpolitik
und für die Weltwirtschaft völlig uninteressanten
Gegenden nach und nach massenhaft Opfer entdeckt worden sind.
Dieses Faktum liegt quer zu der ausgeführten Vorstellung,
das, was die imperialistischen Nationen antreibt, sei die Sorge
um die Stabilität der Region. Dass solche Überlegungen
angestellt werden, soll nicht bestritten sein. Aber bisher wurde
in der Diskussion kein Interesse auf die Frage verwendet, wie
sich diese Naturkatastrophe ausnimmt, wenn Staaten sich darum
kümmern. Sondern ihr wolltet gleich schon Gesichtspunkte
ermitteln, nach denen sich die einen und die anderen mehr oder
weniger und wie darum kümmern. Wenn man schon bei der Frage
ist, ist nichts von einer Sorge um die Stabilität der Region
zu entdecken. Gerade wenn man das Land mit den meisten Opfern
nimmt, kann man an dem letzten Wahlkampf in Indonesien
durchaus Sorgen um die Stabilität, Brauchbarkeit,
Funktionalität
des ganzen riesigen Landes Indonesien entdecken; ebenso an dem
letzten Bürgerkrieg der jetzt so betroffenen Provinz
und an dem Interesse, das zeitweise im Umkreis der Wahl
in diesem großen Land unsere imperialistischen Nationen
genommen haben. Da steht auch die Beobachtung, wie sie mit Separatismus
fertig werden, nicht bloß für die Frage, ob diese Provinz
politökonomisch und weltwirtschaftlich brauchbar bleibt oder
wieder wird, sondern dann steht diese Frage dafür, was man
in Indonesien überhaupt für einen Staat vor sich hat;
wie man mit dem umgehen kann; wie weit dessen Funktionalisierbarkeit
reich; was man dort für Figuren hat, wie renitent, wie umgedreht,
wie islamistisch, wie brauchbar die sind. Das sind alles Fragen
der Abteilung: Benutzbarkeit der Welt mit der Hauptabteilung:
Wie stabil sind die Staaten dort. Aber im Zusammenhang mit dieser
Welle und ihren Folgen widerspricht schon die Tatsache, dass die
Größe des Unglücks erst nach und nach mit Helikoptern
entdeckt worden ist dem, dass da wirklich etwas an der Brauchbarkeit
und Stabilität dieser Länder wackelig wird. Was
da wackelig wurde, deren "Industrie", Naturkulisse für
die europäische Tourismusindustrie zu sein, hat die
Tourismusmanager
zehnmal aufgeregter als die Politiker werden lassen, und andererseits
sind sie auch wieder sehr cool. Sie haben ja den Rest der Welt
zur Verfügung, um umzubuchen.
- Was man dauernd hört, ist, dass vor allem Indonesien
hoch verschuldet ist und man sich überlegt, wie man mit diesen
Krediten umgeht. Es wird an Zinsaufschub gedacht und überlegt,
ob der Schaden darüber nicht auch Wirkungen auf die
Geberländer
hat.
Das wäre ja noch schöner, wenn wer weiß wie viel
kaputt geht, diese Länder viel aufzuräumen haben und
die Gläubiger sagen, das sei ihnen egal. Das gehört
in die Abteilung der polit-ökonomischen Dimension dieser
Katastrophe.
- Gegen die islamistischen Rebellen hat die indonesische Regierung
bisher schon Unterstützung von den USA erhalten mit Ausbildern
und Geld.
Das Interesse der USA an brauchbaren Verhältnissen dort und
der Beschluss, in dem inneren Konflikt in diesem Land Partei zu
ergreifen zugunsten der Zentrale gegen den Separatismus - das
sind so Interessen, die der Imperialismus hat und die er nach
seinen Kalkulationen so oder anders entscheidet.
- Die USA haben sich in der Region besonders für dieses
Moslem-Gebiet interessiert.
Wie bereits eingewandt, entscheidet die Verteilung von
Wasserflaschen
kaum eine Bürgerkriegsfrage. Jetzt sind sie zwar dort, aber
sie handeln nicht nach den angedachten Kategorien von Besatzung
und Statthalter.
- Es ist eine falsche Alternative: nicht ehrliche Hilfe sondern
Einmischung in fremde Angelegenheiten. Man muss auch nicht nach
einem verborgenen Interesse suchen. Alles ist eine Einmischung,
dafür kann jedes Beispiel stehen wie etwa das Versprechen
der indonesischen Behörden, dass alle Ausländer identifiziert
werden, aber nicht alle zurückgeflogen werden können.
Wie ist es dann richtig?
- Mir ist noch nicht klar, inwiefern es eine politisch verschuldete
Katastrophe sein soll. Warum gibt es dort keine Frühwarnsysteme?
Die hochindustrialisierten Länder Japan und Amerika, die
von häufigen Erdbeben betroffen sind, haben sich um solche
Frühwarnsysteme gekümmert, weil sie eben durch Schaden
klug geworden sind. Das ist kein Geheimnis. Die Tatsache, dass
sie das im indischen Ozean nicht haben, lässt nicht sofort
auf die Verwerflichkeit imperialistische Armuts- und
Reichtumsverteilung
schließen. Wegen der geologischen Seltenheit solcher Ereignisse
in anderen Weltgegenden hat man auch andernorts bisher auf die
Installation von Frühwarnsystemen verzichtet. Das Risiko
eines Abrutschens von Las Palmas (einer als instabil identifizierten
Vulkanflanke auf der Kanareninsel) hätte ähnliche
Konsequenzen,
wird aber für gering gehalten. Umgekehrt denkt man z. B.
im Hinblick auf einen möglichen Vesuv-Ausbruch schon an so
etwas. Die Ableitung, man merke die imperialistische Beschaffenheit
der Welt an dieser Flutkatastrophe und ihre Opfer seien eigentlich
keine der Natur, ist ein Holzweg.
- Wenn es Frühwarnsysteme und das dazu nötige
Kommunikationswesen
in dieser Region nicht gegeben hat, dann zeigt das auch, dass
diese Gegenden ökonomisch nicht so bedeutend waren, dass
man es für nötig gehalten hätte, das einzurichten.
Dabei ist dann der Ton darauf zu legen, dass der Zugriff der
Behörden
auf die Bevölkerung in diesen Zonen und der Zugang zu denen
gar nicht so beschaffen ist, dass da irgend eine Warnung etwas
Maßgebliches bewirkt hätte. Was nützt ein
Frühwarnsystem,
wenn bloß der Bürgermeister ein Handy hat und keiner
darauf hört. Dass diese Katastrophe so viele Opfer gefordert
hat, ist schon ein Indiz dafür, in welcher Verfassung diese
Länder mit ihren Küstenrandgebieten sind.
- Bei der Katastrophe des Tschernobyl-Kraftwerks war sofort
klar, dass die dort das falsche System haben.
- Der Schluss auf die Armut dort leuchtet mir nicht ein. Auch
in Kalifornien kommen bei Erdbeben viele Leute um. Ein Vorwarnen
passt doch nicht zu einem kapitalistischen Laden, wie der so
läuft.
Eine Evakuierung von San Fransisco ist in zwei Stunden nicht zu
machen.
Der Einwand ist schlecht, Kapitalismus zu denunzieren, er wäre
unfähig, Leute zu warnen. Gleichzeitig ist San Fransisco
ein Beispiel, was alles dafür in die Wege geleitet ist. Dass
sie das dann nicht schaffen, weil die Straßen verstopft
sind, ist eine andere Sache. Man kann nicht sagen: Kapitalismus
und Warnen passt nicht zusammen, wenn sie diese Warnsysteme in
Japan, in Hawaii gerade einrichten. Zu sagen, das wäre ein
Einfallstor der Kritik und die wird abgewürgt, sehe ich nicht
ganz so. Die Stimmen, man hätte sich in den betroffenen Staaten
Versäumnisse zu Schulden kommen lassen und das werfe ein
Licht auf die Infrastruktur in diesen Ländern, konnte man
auch mindestens fünfmal lesen. Klar kamen auch Vorwürfe,
das werfe ein Licht auf das schlechte System dieser Länder
- wie man es nimmt. Dabei darf man nicht ganz aus den Augen lassen,
dass es im Falle Tschernobyl ein Industriebetrieb, in dem anderen
Fall eine Verschiebung der Erdkruste war, was die Katastrophe
ausgelöst hat. Punkte der Kritik an den sozialen
Verhältnissen
in diesen Ländern tauchen jetzt allenthalben auf.
- Sicherheit ist im Kapitalismus immer mit Kosten verbunden,
mit einem lohnenden Kriterium. Kosten müssen immer gerechtfertigt
werden, und dort hat man offensichtlich nichts gefunden, das sie
rechtfertigt. Jetzt wirft die Öffentlichkeit diesen Staaten
Unverantwortlichkeit gegenüber ihren Hungerleidern vor.
Das gehört in die Abteilung, dass auch zu erfahren ist, dass
die Größe der Opferzahlen den mangelnden
Vorkehrungen
und Mitteln der betroffenen Staaten zuzuschreiben ist, solchen
Katastrophen in irgendeiner Weise zu begegnen. Ist das jetzt die
politische Dimension, dass man darauf schließen kann, dass
alles Geld kostet, und dass man darauf schließen kann, dass
die, die wenig haben, erst einmal an dieser Ecke sparen? Dass
es die falsche Ecke war, wenn dann die Touristen wegbleiben, merken
sie jetzt.
- Das kann es nicht gewesen sein, wenn die USA sich jetzt
einmischen,
wenn die EU sagt, sie müssen jetzt eine zivile Eingreiftruppe
aufstellen, die für solche Katastrophen gerüstet ist,
sich also insofern in Konkurrenz zu den USA stellen; Burma sagt,
es will auf gar keinen Fall Hilfe haben; Schröder gibt damit
an, wie viel wir gespendet haben; die anderen sagen, wir müssen
mehr spenden - was da für Sachen ablaufen, war mit politischer
Dimension gemeint.
- Die politische Dimension hat eine innenpolitische und eine
außenpolitische Seite. Nach innen steht jetzt fest, dass
der Deutsche ein barmherziger, guter Mensch ist, der 330 Millionen
gespendet hat, der sich aktiv darum kümmert, dass es unverschuldet
in Not geratenen Menschen in anderen Weltgegenden besser geht.
- Schröder hat das noch verschärft, als er sagte:
Wir Deutschen zeigen mit unserem Einsatz, dass wir friedlichere
Konzepte als militärische haben, um in der Welt für
Ordnung zu sorgen. Der Hilfseinsatz wird als Weltordnungsmethode
gleich in einen Vergleich zu den Methoden der USA gesetzt. Es
wird in dem Sinn thematisiert, dass die Deutschen das viel besser
können, keine falschen Kriege anzetteln...
Was ist der politische Nährwert von solchen Verlautbarungen?
Der innenpolitische Nährwert wurde schon angesprochen, aber
nur in Form eines Komplimentes vorstellig gemacht. Worin er besteht,
wenn der Kanzler seinem Volk auf die Schulter klopft - dazu müsste
man noch etwas sagen. Dann käme der nach außen.
- Der politische Nährwert nach innen besteht darin, dass
sich die Bürger, indem sie Opfer bringen, als gute Bürger,
als Nationalisten fühlen. Die politischen Taten, die sie
täglich deckeln, stehen außerhalb der Diskussion, und
sie verstehen sich als positive Staatsbürger, die hinter
diesem Staat (und seinen guten Taten für andere Weltgegenden)
stehen.
Die Phrase "So schlimm kann Hartz IV nicht sein, wenn so
viel zum Spenden übrig ist." erläutert das, was
der Kanzler in der Neunjahrsansprache explizit gesagt hat: "Das
ist nicht die Stunde, um über Hartz IV zu reden." Damit
ist das gesamte innere Verelendungsprogramm als Peanuts eingeordnet.
Das ist das Stück moralische Aufrüstung, eine drastische
Relativierung all dessen, über das man sich im Lande beschweren
könnte. Das grenzt an ein Kritikverbot zu sagen: "Es
ist jetzt nicht die Stunde, angesichts dieser Katastrophe irgendwelche
Rechnungen aufzumachen." Die Betroffenheit durch die Katastrophe
wird ausgenutzt als moralisches Kritikverbot an dem, was alles
an politischen Machenschaften unterwegs ist. Und die positive
Seite ist das Kompliment, dass im Vergleich zum Rest der Welt
wir Deutschen wieder einmal großartig sind - die Nation
mit den größten Spendierhosen. Das ist eine Ermunterung
des Nationalismus, ungefähr in dem Sinn, wie wir das letzte
Mal das Verhältnis zwischen öffentlich und privat besprochen
haben. Ein Beitrag zur Patriotismusdebatte ist es außerdem.
Das ist der Nährwert nach innen. Das ist auch ansteckend;
es ist ein aberwitziges Schauspiel, dass überall, wo Leute
sich zu einem Vergnügen treffen, dieses erst einmal durch
eine Spendenaktion gerechtfertigt wird. Der schönste Treppenwitz
ist der Einfall der CDU: Die Auftritte von Merkel im
schleswig-holsteinischen
Wahlkampf nicht abzusagen, stattdessen bei jeder Wahlkampfveranstaltung
Spenden einzusammeln. Was merkt man daran? Dass das zu einem
moralischen
Imperativ verselbständigt worden ist.
Jetzt etwas zur außenpolitischen Dimension des Falles. Es
ist doch seltsam, dass alle sowieso virulenten Fragen der Weltpolitik
jetzt angesichts dieses Unglücks sofort wieder auf dem Tapet
sind. Es kann nichts auf der Welt passieren, sobald es groß
genug ist, tauchen die Fragen auf: Wie steht Europa zu Amerika,
wie Amerika zur UNO? Wie steht der deutsche Militarismus zum deutschen
Zivildienst? Wie steht der deutsche Außenminister mit seinem
Kampf um einen ständigen Sitz Deutschlands im UNO-Sicherheitsrat
in der Welt da, findet er dafür Verbündete oder nicht?
Bekommen die Amerikaner ihre Kreuzzugs-Eskapaden - also diese
rhetorischen Ausflipper, wofür ihr Kampf gegen den Terrorismus
eigentlich gut sei - wieder eingefangen? Macht Amerika wieder
einen guten Eindruck unter den Muslimen dieser Welt? Lauter Fragen,
die sowieso völlig unabhängig von diesem Unglück
ständig auf der weltpolitischen Tagesordnung gewälzt
werden, sind mit einem Unglück alle wieder da. Das ist erst
einmal der Witz. Das Abstoßende an dieser Weltöffentlichkeit
ist, dass sie gleich mit der größten
Selbstverständlichkeit
auch ein solches Unglück zum Material für alles das
degradiert, was sowieso in den höchsten Etagen der Weltpolitik
verhandelt wird. Das ist der Aberwitz, und dann kann man sich
fragen, was das für einen Beitrag dazu liefert. Was leistet
jetzt die Vereinnahmung auch noch dieses Unglücks für
das, was sowieso laufend Stoff der Weltpolitik ist?
Dass der Transport von Wasserflaschen etwas anderes ist als ein
Besatzungsregime, ist klar, aber Imperialismus funktioniert sowieso
nicht bloß mit Gouverneuren und Besatzungsregimen. Imperialismus
fängt nicht erst da an, wo er jetzt im Irak gelandet ist.
Auf der Welt ist schon einfach deswegen nichts unpolitisch, weil
die Subjekte der Weltpolitik, die Staaten, sich darum kümmern.
Und sobald die sich darum kümmern, tun sie dies nach den
Maßstäben und unter den Gesichtspunkten, die sie sowieso
laufend vor Augen haben. Das ist jetzt zu besichtigen, und das
ist die eigentliche Schweinerei.
- Europa und insbesondere auch Deutschland haben ziemlich bald
begonnen, Hilfe zu leisten, dies aber mehr ‚unauffällig'
im Hintergrund und nicht wie Italien, das sich ganz groß
in den Vordergrund gespielt hat. Dies zeugt von der Sicht, dass
die dortigen Regionen Einflusssphären sein sollen, ohne schon
gleich irgendetwas Bestimmtes mit ihnen vorzuhaben.
Das würde ich noch der ersten Abteilung zuschlagen. Dort
sterben die Leute, und die politische Dimension der Sache ist
sofort auf dem Tisch, nämlich z. B. das Denken in
Einflusssphären.
Ist das unser Einsatzgebiet? Dies wird in der Presse gleich sehr
parteilich ausgebreitet mit einer gehässigen Stoßrichtung
gegen die anderen und mit der impliziten oder expliziten Aufforderung
an die eigene Seite, sie sollte mehr dafür tun: Wo die meisten
Touristen herkommen, da ist doch wohl unser Einfluss. So geht
imperialistisches Denken. Dies ist jedoch noch kein Beitrag zu
der Frage, ob es denn nun einen Nährwert für das Gewinnen
von Einflusszonen hat, wenn die Staaten diese wunderbare Konkurrenz
ums Helfen beginnen. Schon der Auftakt zu sagen, hier müssten
alle zusammenstehen, wird schon vom nächsten Kommentator
entlarvt - und zwar zu Recht - als Auftakt zum Konkurrieren. Der,
der als Erster sagt: "Wir müssen alle zusammenstehen.",
hat schon gewonnen, weil, wenn sie dann zusammenstehen, sind sie
ihm gefolgt. Die politische Dimension der Sache ist gar keine
Frage, sondern sie steht jedem als das Eigentliche vor Augen.
Dann kommt das, was anfangs als unsere Frage abgelehnt worden
ist, sehr zu Recht, nämlich ob sich das angesichts der
Größe
des Unglücks und der Notwendigkeit der Hilfe überhaupt
gehört.
Bei dem Stand der jetzigen Diskussion soll noch einmal auf den
Einstieg zurückgekommen werden. Diese Sorte Gedanken, ob
nämlich der Imperialismus tatsächlich von dem betroffen
ist, was das Erdbeben im Indischen Ozean bewirkt hat, ob da
Stabilitätsfragen
durcheinander gekommen sind, auf die es die Staaten, die darüber
befinden, schwer ankommt, diese Fragen kommen mir wie ein Stück
Verharmlosung vor. Der Ausgangspunkt, den der Imperialismus nimmt,
ist sehr unabhängig davon; er geht von dem eigenen Anspruch
aus, dass alles, was in der Welt passiert, Material seiner
Zuständigkeit
ist. Die Definition dieser Zuständigkeit ergibt eigentlich
die Betroffenheit, für die auch die Politiker ihre
Bevölkerung
auffordern, im Namen Deutschlands Geld zu spenden für Leute
- wie es denen geht, das interessiert hier weiter gar nicht außer
für diesen Aufruf. Und dieser Aufruf besteht erst einmal
darin, die Bevölkerung, deren Spenden und Betroffenheit als
Material des Rechts auf Zuständigkeit für diese
Verhältnisse
zu funktionalisieren. Dabei kommt als Erstes heraus, selbst
Naturereignisse
und die Leichen, die darüber anfallen, sind Material des
Rechts auf Zuständigkeit und damit natürlich auch gleich
Material der Konkurrenz um die Zuständigkeit. In Berichten
war ein Vergleich zu lesen von diesem Erdbeben mit Kriegsniederlagen,
also mit der Ohnmacht der betroffenen Staaten, wie als wenn sie
eine Niederlage erlitten hätten. Ob sie wirklich irgendeiner
Ohnmacht überführt sich, ist wirklich egal, das ist
erst einmal die Sicht.
Das gilt sogar dafür, dass die Opferzahlen ein Indiz für
die Beschaffenheit der Länder sind. Eine Kritik am
kapitalistischen
System wird nicht daraus, jedoch eine an der Unfähigkeit,
der Unfertigkeit, der Betreuungsbedürftigkeit gewisser
Länder,
auch daran, dass Indien z. B. das Maul zu voll nimmt, wenn es
behauptet, es habe die Lage im Griff. Die Inder sind auch nicht
besser, denen fällt sofort bei ihrer Katastrophe ein, was
das wohl über einen Anspruch auf einen Sitz im Weltsicherheitsrat
aussagt. Die sind auch nicht besser als Fischer, der einen Teufel
tut, zu verkünden, dass Deutschland seine Hilfe in irgendeiner
Weise auf seinen angestrebten ständigen Sitz im Weltsicherheitsrat
berechnen könnte, weil er sowieso weiß, dass alle Welt
es darunter subsumiert, und weil er es gar nicht schlecht findet,
wenn er sich mit expliziten Ansprüchen zurückhält
und stattdessen einfach Führungsmacht in Europa praktiziert.
Das sind so die abgeleiteten Winkelzüge dieser Sorte, in
Einflusssphären zu denken und gleich die Konkurrenz eröffnen
- Ich verstehe das mit dem Verharmlosen noch nicht. Auch wenn
es nicht stimmt, dass dort unten vieles durcheinander kommt, dann
wäre doch der Gedanke, dort unten dürfe durch die Katastrophe
nichts von dem durcheinander geraten, was diese Regionen an Diensten
für uns leisten, doch derselbe Standpunkt.
- Das Argument war doch, dass es keinerlei tatsächlicher
Beschädigung bedarf, um zu einer Souveränitätsfrage
zu werden.
Ja, es ist als Gesichtspunkt gleich da, dass ist das Aberwitzige.
Dann gilt gar nicht mehr der Gesichtspunkt, ob dort Sicherheit
in Gefahr ist, sondern die ganze Lage schreit umgekehrt danach,
dass wir uns für die Sicherheit dort zuständig machen.
Nicht in der Weise, dass dort einmarschiert wird, sondern bezogen
auf den gegebenen Fall und dessen Reichweite.
Wenn man gleich den Irak zum Vergleich hernimmt, muss man schon
sagen, dass eine good-will-Aktion und eine Massenschlächterei
schon zwei verschiedene Ebenen sind. Der Imperialismus fängt
ja nicht erst da an, wo Soldaten schießen. Der Alltag der
Weltpolitik ist nicht dauernd spektakulär. So ein Vorschlag
wie der von Schröder, der fast so geklungen hat wie in der
alten DDR: Die Jungen Pioniere von Görlitz übernehmen
die Patenschaft für die jungen Indios in Guatemala Ciudad-Nord,
nämlich Staat betreut Staat, Land betreut Provinz, Stadt
macht Partnerschaft mit Stadt, Dorf mit Dorf, Schule mit Schule
- so ein Vorschlag ist kein spektakulärer, kein gewaltsam
durchgreifender, aber eben in seiner Vielzahl dann am Ende wirksamer
Hebel der betreuenden Einflussnahme. Noch vor diesem süßen
Vorschlag merkt man doch, wie viel Einfluss auf die Politik anderer
Staaten die Benutzung fremder Strände als Erholungsgebiet
für abendländische Touristen hat: Es ist eine Dependance
der europäischen Tourismusindustrie. Dies hat einmal seine
ökonomische Bedeutung für die Tourismusindustrie bei
uns wie vor allem für die vor Ort. Die sind durch die Katastrophe
mit der Kehrseite dessen konfrontiert, dass ihre nationale politische
Ökonomie auf einem Luxussegment des proletarischen Konsums
im christlichen Abendland beruht. Das ist auch eine Perversion
des Denkens. Gleichzeitig gibt es durch die
Selbstverständlichkeit,
die niemand bestreiten mag: ‚Wenn viele Touristen umkommen,
müssen die zuständigen Honorarkonsuln und Minister sich
darum kümmern', natürlich gleich den Austausch zwischen
den Machthabern hier und dort. Das ist ein Indiz für die
Sorte Einfluss, die die Subsumtion dieser Länder unter die
europäische Tourismusindustrie mit sich bringt. In dieser
Ebene, in diesem Bereich ist das angesiedelt, was jetzt an Hilfe
vom Standpunkt und mit der Perspektive, dass das der Auftakt für
längerfristige Aufbaumaßnahmen ist, in die Wege geleitet
wird. Natürlich ist es das dann auch, als was es laufend
besprochen wird, nämlich ein nicht sehr wuchtiges, aber auch
nicht unwirksames, Element im Konkurrenzkampf der Nationen darum,
wie sie mit ihren Interessen anderswo verankert sind.
Das geht dann auch sehr schnell gleich über die
Einflusssphäre,
was man dort auf das Ergebnis dessen, was dort das Erdbeben angerichtet
hat, draufsattelt und in Gang setzt. Das geht sofort so weit,
wie Herr Fischer auch schon längst sagt: Deutschland appelliert
an Indonesien und Sri Lanka, diese unsinnigen Bürgerkriege
aufzuhören. Da wird gleich ein Kontrollgesichtspunkt aus
deutscher Seite über die innenpolitische Verfasstheit dieser
Staaten in die Welt gesetzt, dies mit dem Recht, dass man sich
um diese Länder jetzt rührend kümmert.
Und dass sich da keiner vertut: Damit wird nicht für die
Fortsetzung dieser Bürgerkriege Partei ergriffen. Das ist
noch das moralisch Vertrackte an dieser Geschichte, dass sie wie
immer in solchen Fällen auf Zustände deuten können,
für die kein vernünftiger Mensch etwas übrig haben
kann. Nur, wenn ein Politiker so etwas sagt, gilt wieder dasselbe
wie für die ganze Einmischung in die Katastrophe: Was sind
seine Gesichtspunkte dafür? Die ganze bürgerliche Presse
ist damit befasst, die Gesichtspunkte der Einmischung - und wenn's
nicht bei den eigenen Machthabern ist, dann spätestens bei
denen im Nachbarland - herzuerzählen. Ich bin mir absolut
sicher, französische und englische Kommentatoren, von den
norwegischen ganz zu schweigen, die ja schon einmal Frieden in
Sri Lanka gestiftet haben, sind überhaupt nicht davon begeistert,
dass jetzt Fischer die Zuständigkeit für die Friedenstiftung
in Sri Lanka übernimmt. Weil die nämlich nicht denken,
dass das doch eine gute Tat ist, wenn die dort das Schießen
aufhören, sondern weil die sofort denken, dort Frieden zu
stiften bedeutet, man ist der Mentor, quasi der Platzanweiser,
die akzeptierte lebende Gebrauchsanweisung für politische
Gewalt in diesen Ländern und für deren Regierungen,
und das ist von Interesse.
- Bei der Besichtigung spielt auch eine wichtige Rolle, inwieweit
diese Region von Interesse ist bzw. inwieweit man da schon eingemischt
ist oder nicht, dass man in der Größenordnung dort
aufmarschiert.
Auch das kann man in Kommentaren unserer Presse nachlesen nach
dem Muster: "Na ja, gut, das war jetzt eine ziemlich heftige
Katastrophe, aber so viel Leute, wie dort jetzt auf einen Schlag
gestorben sind, sterben in Afrika doch laufend. Und, wer interessiert
sich, bitte schön, für Afrika? - Keine alte Sau!"
Man kann dann selber gar nichts entlarven, man muss nur einmal
den Finger darauf legen und sich nicht selber gleich in die Frage
einmischen, wo die Deutschen hingehören und wo nicht, und
dies schon gar nicht nach der Tour: ‚Wenn die Deutschen in
Thailand eingreifen, sollten sie vorher auch schon in Mosambik
eingegriffen haben', sondern dies ist eine Gelegenheit, sich wieder
einmal klar zu machen, welche Gesichtspunkte dort mitmischen,
sofort unterwegs und absolut selbstverständlich sind, sobald
einmal irgendwo mehr als ein Dutzend Leute sterben.
Im aktuellen Fall wird in dem dortigen asiatischen Raum jetzt
keine neue Konkurrenz eröffnet, da müssen schon
größere
Kaliber her wie z. B. der Antiterrorkrieg der USA. Das ist eine
Neusortierung der Konkurrenz. Aber umgedreht, groß genug
ist es schon, dass ihnen die Konkurrenz, wie sie sie schon laufend
exekutieren, mit all ihren Facetten dazu einfällt. Und die
fällt ihnen nicht nur ideell ein, sondern danach wird gehandelt.
- Die humanitäre Hilfe wird wie zu einer Art
Kräftevergleich,
welche Nation da mit welchen Potenzen aufwarten kann. Es ist dann
auch kein Wunder, dass die Amerikaner mit ihren Kriegsschiffen
und, wie sie dort herumkommandieren, gleich die effektivsten Mittel
auffahren.
Und wir, das europäische ‚wir', brauchen eigentlich
einen zivilen Hubschrauberträger.
- Das bewegt sich noch auf dem legitimatorischen Gebiet, wer
zur Weltordnung befugt ist.
Die Frage nach dem Nährwert ist nicht so einfach. Das Erste,
was besprochen worden ist, ist, ob es einen Nährwert für
die Einflussnahme auf diese Länder hat. Ja, einen gewissen,
begrenzten, aber so wie auch jeder Kommerz. Es läuft ja letztlich
auf ein Stück Kommerz hinaus und ist ein Einstieg auf die
Rekonstruktion des kommerziellen Umgangs mit diesen Ländern;
so, wie jedes Stück Kommerz, politisch betrachtet, eine
Einflussnahme
ist. Was es für einen Nährwert hat, jetzt darüber
eine Konkurrenz zwischen den Nationen zu eröffnen, ist sicher
unterschiedlich zu bewerten. Für die Kompetenzstreitigkeiten
innerhalb Europas hat es sicher einen gewissen Nährwert,
wenn der Kanzler sagen kann, er hat einen Vorschlag gemacht, und
die anderen schließen sich an. Dass das die Konkurrenz nicht
erledigt, ist klar. Aber wenn man sich einmal vor Augen führt:
Die Politiker sind doch so verrückt, dass sie alles, was
sie treiben, nicht nur erstens treiben, sondern dies zweitens
auch noch unter dem Gesichtspunkt tun, was dies für die Konkurrenz
untereinander heißt. Jetzt meine ich nicht die parteipolitische,
die sie dabei auch noch im Auge haben - das wäre auch noch
ein kleines Nebenthema -, sondern für ihre Konkurrenz als
nationale Führer. Es wird nichts davor verschont, unter den
Gesichtspunkt gestopft zu werden, was das für das
Kräfteverhältnis
untereinander heißt. Dann wird es auch eine Rolle spielen,
wenn der französische und der deutsche Außenminister
unterwegs sind und in Europa mit ihren Vorschlägen ankommen.
Es stellt sich dann die Frage, was davon die Kommission aufnimmt,
was sie davon durchsetzt und wer dann hinterher wieder einmal
der Federführende gewesen ist. Dafür sind dann auch
die Finanzmittel, die eine Nation aufbringt, durchaus etwas
Substanzielles
- nicht bloß für das Eingreifen dort, sondern für
die Frage, wer eigentlich die maßgebliche, federführende
Macht in Europa ist. Und was heißt das jetzt für die
Konkurrenz zwischen Europa und den USA und dann am Ende noch für
den Stellenwert der UNO?
Das war ja die Einstiegsfrage. Dabei kam ja auch gleich der Hinweis,
dass doch neulich dieses Thema beim Fall des Irak auch schon dran
war. Das ist die Absurdität, es ist dasselbe Thema. Aber
der Triumph der europäischen Zwergengemeinde: "Mensch,
jetzt haben die USA glatt anerkennt, die UNO ist wichtiger als
sie!", der ist lächerlich. Denn ob, wenn Amerika jetzt
zu dem eigenen Einsatz des Flugzeugträgers sagt, dass die
UNO da die Federführung haben kann, dies je bei den GIs ankommt,
wenn sie mit ihren Hubschraubern herumfliegen, ist doch zu bezweifeln.
Aber gut, das ist ein Signal, ein beschwichtigendes und berechnetes
an die Kollegen anderswo. Es ist ein kleiner Beitrag dazu, denen
demnächst wieder eine andere Rechnung präsentieren zu
können. So verrückt läuft halt die Politik. Es
gehört nicht in die Abteilung, wer sich in der Welt durchsetzt,
sondern dahin: Es ist nichts davor sicher, von Politikern zum
Unterelement ihres permanenten Geschäfts gemacht zu werden,
um Einfluss und wechselseitige Beeinflussung zu rangeln. In diese
Abteilung gehört es.
- Die Amerikaner wollen zu dem, was sie weltpolitisch machen
wollen, doch auch ein Bild ihrer Politik pflegen. Sie treten immer
so auf, dass sie im Namen der Menschenrechte und der Freiheit
unterwegs sind, sie also tätig werden für etwas, was
jedem Menschen gut tut.
Ja, darum sorgen sie sich. Und warum, was ist der Nährwert
von diesem Bemühen? In welche Abteilung von Weltpolitik
gehört
diese Erzeugung eines Bildes der eigenen Politik hinein? Sie sagen
ja selber, es handele sich um eine Agitprop, um ihr Image aufzubessern.
Was ist die Absicht solcher Geschichten? Ob sie die immer erreichen,
ist wieder eine andere Frage.
Die Richtung geht dahin, dass ihnen das die Zustimmung der anderen
Nationen zu ihrer Politik einbringen soll. Es sollen Widerstände
gegen ihre Politik entkräftet werden. Und das geht so weit
auf, dass die anderen durchaus auch ein Interesse an dieser Zustimmung
haben, aber aus ihren Berechnungen, die gar nicht zusammenfallen
mit denen, aus denen von den USA die Zustimmung verlangt wird.
Die Völker sollen vielleicht applaudieren, aber die Regierungen
sollen zur Kenntnis nehmen, wenn ein Staat wie die USA darauf
Wert legt, die eigene Politik in ein gutes Licht zu rücken,
dass hier Zustimmung, Beifall, Unterstützung eingefordert
wird. Der Alltag der Politik transportiert solche Ansprüche
in der Form von Idealisierungen des eigenen Treibens. Dabei schlagen
sie immer drei Fliegen mit einer Klappe: Die Regierungen wissen,
woran sie sind; eine verrückte Weltöffentlichkeit wird
damit betört; und die eigene Öffentlichkeit wird schon
gleich betört, die immer ihre Führer bewundern will,
wie tatkräftig sie Gutes tun. Das ist nun einmal der Sachverstand
der Politik.
- Es hat den Vorteil, dass das Gute im vorliegenden Fall auch
etwas Gutes ist.
Dann ist es immer besonders gut. Wenn man zu einem Krieg sagt,
dass der das einzig Gute sei, hat das schon auch seine
Überzeugungskraft,
nämlich dann kann man auf den Bösen zeigen, den man
gerade wegräumt. Aber auch das hat in gewisser Weise immer
auch etwas Problematisches an sich - im Unterschied zum Helfen!
Jetzt sind wir bei einem anderen Thema. Vorhin wurde verboten,
uns selber die Frage aufzumachen: Hilfe contra Berechnung. Darüber
wurde ja schon die ganze Zeit geredet: Für Politiker gibt
es gar nichts, was nicht Gegenstand ihrer Berechnung ist, und
über die Art der Berechnung wurde einiges gesagt. Bloß
darf man darüber nicht vergessen, dass es diesen Gegensatz
zwischen Berechnung und Hilfe in der bürgerlichen Welt gibt.
Da ist etwas Eigentümliches auffällig.
- Die pflegen den nämlich bis zum Erbrechen.
Einerseits, nämlich immer dann, wenn man den anderen ihre
Berechnungen vorhält und sagt: "Ist doch bloß
…" Dann wird ungeschminkt über alle Berechnungen
berichtet, sie werden aufgezählt und dann kommt der Vorwurf:
"Na das ist vielleicht eine Hilfe … Gut, sie überreichen
Wasserflaschen, aber in Wirklichkeit wollen sie doch bloß
den Allah widerlegen oder den Imam, der ihnen neulich erzählt
hat, dass die Amerikaner Teufel seien." Das ist aber nur
die eine Hälfte unserer Öffentlichkeit. Die andere steht,
mehr oder weniger explizit, auf dem Standpunkt, bei dieser großen
Katastrophe muss man dankbar sein für den Effekt und
darf die schlechten Absichten der Beteiligten nicht zum
Einwand machen. Das ist gerade in dem Fall ziemlich explizit gemacht
worden. Einige Kommentare deutscher Journalisten hatten - auch
gegen Deutschland; gar nicht bloß gegen die anderen, von
denen man sowieso weiß, dass die auf den Platz im Sicherheitsrat
spechten - den Tenor: "Aber wenn's hilft!" Das ist eine
interessante Dialektik der moralischen Begutachtung, einerseits
selbstlose Hilfe contra Berechnung in Anschlag zu bringen und
andererseits über diese Öffnungsklausel: Effekt entschuldigt
Absicht, die Sache moralisch wieder ins Lot zu bringen. Petra
Lidschreiber hat in ihrem tagesthemen-Kommentar das alles
aufgezählt
und sagt dann: "Staaten handeln nie uneigennützig, aber
das ist nicht verwerflich." Dieser Winkelzug des bürgerlichen
Verstandes bedarf noch einer gewissen Aufklärung. Wie passt
das zusammen, zwei einander entgegengesetzte Gedanken unmittelbar
hintereinander aufzusagen?
- Weil sie ihre beiden "Nützlichkeiten" haben,
die sind beide akzeptiert.
Dann bräuchte man aber den Gegensatz zwischen Berechnung
und Moral gar nicht erst aufzumachen.
- Der Kommentar macht die Differenz auf, damit er sich nicht
vorwerfen lassen muss, er sei so blöd, auf die Selbstlosigkeit
hereinzufallen.
- Die Wirkung ist nicht eine, dass da irgend etwas Schönes
und Großes passiert, sondern dass daraus folgt, dass geholfen
wird. Es ist kein Maßstab der Wirkung von Hilfe, wenn z.
B. die Leute gemütlich in ihren Häusern wohnen, sondern
das bewirkt, obwohl Staaten doch berechnend sind, dass die Staaten
trotzdem helfen. Jeder objektive Maßstab, was diese
Wasseraufbereitungsanlagen
bei 100.000 Menschen tatsächlich bewirken, fehlt, stattdessen
geht es um die Glaubwürdigkeit, dass Hilfe stattfindet. Es
liegt ein neuer Maßstab vor dafür, was wirkt; es nicht
der: Was bewirkt Hilfe?, sondern: Bewirkt Hilfe die
Glaubwürdigkeit
des Helfens?
Ja, jetzt darf man bloß nicht sagen, dass bei dieser Frage
nach der Glaubwürdigkeit das Problem der Quantität der
Hilfe wegfiele. Denn wenn es nicht langt, gibt es auch die Kritik:
"Es ist zu wenig." Es wird keineswegs ausgeblendet,
dass ein Liter Wasser für 10 Durstige zu wenig ist, und es
wird mehr Einsatz verlangt. Aber wenn es um Glaubwürdigkeit
geht, dann ist doch die erste Abteilung eine Entkräftung
der Glaubwürdigkeit: Diese Hilfe ist genau genommen gar keine
Hilfe, denn bei Hilfe denkt jeder, dass die selbstlos ist, sondern
sie ist doch ein Instrument für alle möglichen
ökonomischen,
imperialistischen und konkurrenzlerischen Berechnungen, ungefähr
so wie es hier in der Diskussion auch eingeordnet wurde, anders
als hier vielleicht nicht mit dem Standpunkt: das ist abscheulich,
sondern: das ist normal (‚normal' können wir ja auch
sagen, bloß, die Normalität hat eben so etwas Abscheuliches
an sich); der Gegensatz zwischen Hilfe und Berechnung wird aufgemacht,
wobei weder gesagt sein soll: Gott sei Dank kommt dann wenigstens
dieser Effekt zustande, noch: das ist vielleicht eine Welt, in
der sogar Verdurstende nur deswegen etwas zu trinken bekommen,
weil die Machthaber untereinander eine Konkurrenz auszufechten
haben, den Schluss könnte man ja auch aus dem Gegensatz ziehen.
- Die konstatieren den Gegensatz und bringen ihn nicht nur
zum Verschwinden, sondern machen aus ihm richtiggehend ein Mittel
zur Hilfe - das ist das, was man allgemein Realismus nennt. Jetzt
ist die Welt so eingerichtet, dass es Konkurrenz zwischen den
Staaten gibt und dass es genau so Hilfe für die Verdurstenden
gibt, also braucht es die Konkurrenz der Staaten, also ist sie
ein Mittel zur Hilfe.
Das ist jetzt in die eine Richtung hin übertrieben, aber
vielleicht gibt es so was auch. Das Stichwort Realismus stimmt
schon.
- Es wird versucht, die beiden Seiten zusammenzubringen: einerseits
die Betroffenheit im Volk, die sich in Spenden dokumentiert und
nicht unmittelbar dieselben Berechnungen wie die Herrschaft anstellt,
und andererseits die offenkundigen Berechnungen der politischen
Herrschaft, und zwar über den Dreh zu sagen: "So sind
Staaten, so müssen sie auch sein."
Noch was zur Logik dieses Zusammenbringens, wenn das also in diese
Konstellation gebracht wird: Staaten handeln berechnend, aber
das ist nicht verwerflich und, wenn Hilfe dabei herauskommt, schon
gleich nicht. Dann merkt man daran, was überhaupt an kritischem
Gegensatz zwischen selbstloser Hilfe und Berechnung vorher aufgemacht
worden ist. Hätten sie vorher einen Gegensatz zwischen Hilfe
und Berechnung aufgemacht und wären diesen Berechnungen mal
nachgegangen und hätten nachgefragt, worum es denen eigentlich
geht, dann wäre man auf dieses Machtgerangel und auf das
Gerangel um Einflussnahme und um eine auf die eigenen Bedürfnisse
zugeschnittene Welt gekommen, auf die ganze Stufenleiter von
Degradierung
ganzer Staaten zum Wurmfortsatz der eigenen Tourismusindustrie
bis hinauf zu den gröbsten imperialistischen Berechnungen
- wer hört auf wen in der UNO ? -, dann hätte man all
diese Berechnungen beieinander gehabt, und in dieser Aufzählung
wäre keine Berechnung vorgekommen, die nicht in sich kritikabel
ist, weil sie einen staatlichen Eigennutz nicht nur gegen andere
Nationen, sondern auch gegen deren menschliches Inventar
rücksichtslos
vollstreckt. Wenn die den Inhalt der Berechnung ins Auge gefasst
und den kritisiert hätten, dann wäre die Kritik auch
nicht hinfällig, wenn dazu "aber immerhin Hilfe"
gesagt wird, dann würde man nicht sagen "immerhin",
sondern: Es ist die Obergroteske, dass sogar das Überleben
von hilfsbedürftigen Leuten von dieser Sorte Berechnung
abhängig
ist - so würde daraus noch eine Kritik an den Bedingungen
von Helfen. Dass Hilfe nur die abhängige Variable dieser
Sorte Berechnung ist, das fügt an der Kritik an den Berechnungen
noch eins hinzu. Wenn diese ganzen Berechnungen abgesegnet werden
nach dem Motto: Das ist doch normal und nicht verwerflich, wenn
Staaten ein bisschen auf das Ihre schauen, dann war der ganze
Gegensatz zwischen Berechnung und Hilfe von anderer Art, dann
ist gar nicht auf den Inhalt der Berechnung geschaut worden, sondern
dann ist nur die moralische Unterscheidung getroffen worden zwischen
‚selbstlos' und ‚an sich selber denken', nur dieser
abstrakte Gegensatz ist aufgemacht worden und nur dieser
Gegensatz - die Tatsache des Berechnens - ist einen Moment lang
gegen das Ideal der Selbstlosigkeit gehalten worden, um ihnen
dann im Namen des guten Effekts die Tatsache, dass sie dabei an
sich selbst gedacht haben, zu verzeihen. Nur dieser abstrakte
Gegensatz ist aufgemacht und auf diese Tour leicht aus der Welt
geschafft worden. Selbstlosigkeit ist immer nur die ideelle Umdrehung
dessen, worauf es in der Welt der Konkurrenz ankommt. Und es ist
selbst noch eine bürgerliche Betrachtung, bei jeder Hilfe
den Verdacht aufzumachen, sie sei gar nicht selbstlos, und
nachzufragen,
ob sie wirklich selbstlos sei, um diesen Verdacht zu bestätigen.
Die Skandalisierung, der Entlarvungsdrang und die Aufdeckerei,
dass man diesen Politiker bei jener Berechnung erwischt hat, findet
schon statt, und zwar bei den Staaten, die man als aufrechter
Journalist sowieso nicht leiden kann, z. B. Burma - man weiß
zwar nicht, wie viel Tote sie haben, aber dass sie verschwiegen
werden, da ist man sich sicher, weil man diese Junta als Demokrat
sowieso nicht leiden kann. Dabei wird allerdings nicht alles
entschuldigt,
z. B. bei China, das Subjekt des Weltgeschehens sein will und
nicht mehr Entwicklungsland, da wird der Inhalt der Berechnung
nicht durch den Hilfeeffekt entschuldigt. Da wird dann schon auf
den Inhalt der Berechnung geachtet und nicht mehr durch die Hilfe
entschuldigt - eben anders als bei ‚unseren' Politikern,
da wird der Inhalt der Berechnung - immer das gleiche: das Fortkommen
der Nation -, weil akzeptiert, nicht mehr thematisiert.
Da wird der moralische Gegensatz von Hilfe und Berechnung mal
kurz aufgemacht, um diesen Graben dann gleich wieder zuzuschütten:
aber immerhin geholfen. Hier heiligt das Mittel den Zweck, und
es macht das Helfen umso schöner, wenn es der eigenen Nation
zu Ansehen und Einfluss verhilft.
Es ist kein wichtiges Argument für die "überbordende
Spendenfreudigkeit der Deutschen", dass da für Deutschland
etwas zu gewinnen wäre. Jetzt geht es um das private Ethos,
das da mobilisiert wird. Das ist ein Lob an das deutsche Volk,
wie prächtig es ist. Und dass ein Nationalist dann auch gleich
denkt: ‚Damit stehen wir Deutschen auch gut da', ist sicher
richtig; dass also einer stolz darauf ist, wie viel die Deutschen
spenden, das ist eine Sache. Ob der dann selber etwas spendet,
ist eine ganz andere Frage. Was ist also der Grund für die
Spendenfreudigkeit der Deutschen? Jedes Jahr passiert ja zu Weihnachten
ein Unglück, was daran liegt, dass jede Woche etwas passiert
und das, was zu Weihnachten passiert, ist besonders prominent,
insofern war die Flut schon ein Knüller.
- Und es waren ja auch keine kriegerischen Afrikaner unterwegs,
die ja auch immer selbst daran schuld sind, dass sie sich gegenseitig
abschlachten, sondern es sind garantiert unschuldige Frauen und
Kinder und unsere Deutschen dabei - das ist auch so ein Gesichtspunkt,
wo der moralische Mensch sagt: die können nun wirklich nichts
dafür.
Der moralische Mensch sagt: ‚Die können nichts dafür.'
Was sagt denn der normale Mensch erst mal, wenn er das so
vorgeführt
bekommt, bevor er moralisch wird? Dass man denkt, wenn
man das so präsentiert kriegt, da muss man doch irgendwas
machen, damit die über die Runden kommen, ist doch normal.
Ob man jetzt Unglücke dieser Dimension vorgeführt bekommt
oder in der Nähe ein Unglück passiert und man den THW
ruft - es hat doch etwas durchaus Normales an sich, zu denken,
dass man doch eingreifen und helfen muss.
- Ein SZ-Journalist hat da wohl schon etwas getroffen, wenn
er von der "kreatürlichen Betroffenheit" bei so
einer Naturkatastrophe redet. Die Natur schlägt halt zu,
aber man mag schon gar nicht mehr echt erschrocken sein angesichts
dessen, wie das Ganze dann verhandelt wird - am ekelhaftesten
bei diesen Gedenkgottesdiensten.
Da ist man dann ja auch nicht mehr erschrocken. Es gehört
nun mal zur Psychologie des Erschreckens, dass das schnell vorbei
ist, aber in der Zeit bis zu den Gottesdiensten hat schon eine
Verarbeitung eingesetzt, wo es sich lohnt, sich klar zu machen,
was da alles auf den Kopf gestellt wird (wobei man nur auf den
Kopf stellen kann, was erst mal auf den Füßen stand).
Es besteht ein Unterschied zwischen der unmittelbaren Betroffenheit,
wenn man von der Katastrophe erfährt, und dem Herumzeigen
von Urlaubsvideos 14 Tage später. Im ersten Fall ist man
von der Nachricht menschlich berührt; man kann sich das auch
gut vorstellen, das gehört für einen normalen Menschen
schon auch dazu, man kann sich selber in die Situation
hineinimaginieren
und - sozusagen stellvertretend - einen Schreck bekommen und von
der Größe des Unglücks berührt sein, ohne
gleich zu denken, was waren das für Schweine, die nicht
rechtzeitig
gewarnt haben. Das ist eine Sache. Was ist, wenn 14 Tage danach
überhaupt erst die Welle der Urlaubsvideos anläuft,
was hat das für einen Nährwert, die jetzt immer vorzuzeigen?
Mit der Betroffenheit, die man unmittelbar hat und gegen die man
letztlich nichts machen kann, ist doch nach 14 Tagen etwas passiert;
das wäre noch aufzuklären im Sinne einer Psychologie
des bürgerlichen Individuums, wie das dann so weiter funktioniert.
Und noch einmal zurück zur unmittelbaren Betroffenheit: Wenn
aus der Betroffenheit erst einmal das spontane Bedürfnis
entsteht: Da muss Hilfe her! - Was wurde denn nach 14 Tagen aus
diesem Bedürfnis - in unserer spendenfreudigen Republik?
- Man fühlt sich ohnmächtig angesichts der Naturgewalt
und der Größe der Opferzahlen.
Das ist eine ideologische Deutung, die man noch obendrauf setzt.
- Wenn das unmittelbare Erschrecken vorbei ist, stellt man
mit den Bildern sein eigenes, besonderes Verhältnis zu dem
Unglück her und fühlt sich verpflichtet, diesem Entsetzen
eine weitere Verlaufsform zu geben und zu spenden.
Da ist jetzt ein bisschen was vermischt worden. Es stimmt zwar,
dass man sich anschließend ein Verhältnis dazu aufmacht,
aber das erste ist, dass man nicht groß was aufzumachen
braucht, es gibt einen Knall und man erschrickt und stellt keine
moralischen Überlegungen an, ob einem der Knall ein Erschrecken
wert ist, das passiert einem einfach und ist damit rum. Aber wenn
man dann abhebt auf das Verhältnis, das der Mensch zu dem
Unglück aufmacht - das ist ja fast wie: Man zahlt einen Preis
in Form von Spenden. Preise zahlt man für ein Genussmittel.
Und das ist die Katastrophe geworden: ein absolutes Genussmittel
- immer wieder diese Sensation zu spüren. Es wird doch niemand
in Katastrophenfilme abkommandiert, sondern dafür zahlt man
normalerweise. Jetzt kriegen sie einen life, der wirklich passiert
ist. Das ist die Umdrehung. Das Bindeglied heißt Sensation;
dieses Wort kommt aus dem lateinischen Wort für ‚fühlen'
und es bedeutet einerseits, dass man etwas fühlt und
andererseits ist es zugleich die Sache, die man fühlt,
die einem mal so richtig das praktische Gefühl aufwühlt
und das ist ein Genussmittel ersten Ranges für den
bürgerlichen
Menschen, der dem Unglück einen Unterhaltungswert abgewinnt
schon alleine darüber, dass es mal etwas absolut Unübliches
ist. Und etwas Ähnliches passiert mit dem Impuls zu helfen;
er wird reflektiert und wenn man diesen Impuls reflektiert auf
die Lage, in der das alles stattfindet, kommt man auf ziemlich
furchtbare Sachen, z. B. auf die Frage: Wenn schon in
Geldangelegenheiten
alles über die Staaten läuft, wieso müssen dann
die Leute zusätzlich zu den Steuern noch was hergeben? Weil
die Staaten sich eben ihre Ausgaben einteilen - übrigens
eine Berechnung, die die Zeitungen ganz offen anstellen: Wenn
Blair seinen Staatshaushalt strapaziert, dann muss er rechtfertigen,
warum er das Geld nicht lieber in den öffentlichen Nahverkehr
steckt, aber wenn jemand spendet, dann braucht man nichts zu
rechtfertigen,
dann ist das Geld einfach da. Dann wären auch Reflexionen
angebracht, wofür das Geld eingesetzt wird; da käme
man um eine Kritik der Absichten, die man dann nolens volens mit
der eigenen Spende unterstützt, kaum herum. Da kann man durchaus
noch der Meinung sein - dieser Meinung wäre ich in diesem
Falle durchaus -, jeder Euro, den so ein Typ in Sri Lanka bekommt,
wäre bei dem allemal besser aufgehoben als im deutschen
Staatshaushalt
und vielleicht auch besser als im Portemonnaie des Spenders -
er hat das ja auch so entschieden und dagegen wäre auch gar
nichts zu sagen -, aber bei derartigen Reflexionen käme die
ganze Latte von Fragen auf den Tisch, die sowieso jeder aufmacht,
ob das gespendete Geld überhaupt dort landet und, wenn es
dort ankommt, wozu es dort dient. Da kann man dann zwar immer
noch spenden, aber man hat dabei seine größten Bedenken.
Die Verarbeitung des Spendenwesens, wie sie bei uns passiert,
geht einen ganz anderen Weg.
- Derjenige, der spendet, hat doch die Vorstellung, dass der
arme Teufel dort das Geld bekommt, aber das funktioniert alles
gar nicht so einfach. Das sind ja auch alles Staaten, die
privatwirtschaftlich
organisiert sind, zumindest da, wo die Spenden hinfließen.
Da wundert es einen nicht, wenn man im Fernsehen mitkriegt, wo
die Gelder hinfließen: Ein Hafen wird wieder aufgebaut,
Schulen, Waisenhäuser, Kindergärten, also alles
öffentliche
Einrichtungen. Das ist die Weise, wie das Geld zwischen Staaten
schon immer geflossen ist. Aber dass die Leute, denen das Haus
weggeschwemmt worden ist, Geld bekommen - wie soll das denn in
solchen Staaten überhaupt funktionieren?
Das passiert ja auch nicht, bestenfalls wird es von der
Katastrophenhilfe
finanziert Die schickt das THW mit einer Wasseraufbereitungsanlage
hin, das kostet eben Geld, muss finanziert werden, das erklärt
der Staat für eine nichtstaatliche Zuständigkeit, dafür
soll der Bürger extra gerade stehen, und der lässt sich
nicht lumpen und, soweit jemand die Vorstellung hat und wenn einer
denkt, er ernährt mit seiner Spende einen Betroffenen, dann
ist richtig, dass er in der Regel falsch liegt, aber ist das wirklich
der Gesichtspunkt für die Spendenbereitschaft? Die Staaten
stehen jedenfalls auf dem fragwürdigen Standpunkt, dass sie
hier eine Geldausgabe haben, für die sie die Mildtätigkeit
ihrer Bürger gut mobilisieren können; und das können
sie, weil angesichts einer derartigen Katastrophe jeder den Standpunkt
hat, dass da mal eine ordentliche Planwirtschaft her müsste,
dass da organisiert geholfen werden müsste und weil es die
Planwirtschaft nicht gibt, ist das einzige Mittel, sie
anzustoßen,
das Geld, das dann das THW bekommt. Aber das ist der Ausgangspunkt
dafür, dass das dann jetzt richtig organisiert wird - zu
was hin denn eigentlich? Was ist denn, wenn die Leuchten der Volksmusik
in Null Komma nichts ihr Programm umdeklarieren in eine
Wohltätigkeits-Gala?
Der spendende Bürger macht sich zum Parteigänger des
Renommees seiner Nation; das Spenden verselbständigt sich
zu einer Anstandspflicht. Für den anständigen Menschen
gibt es laufend Kriterien, der muss ‚Guten Tag' sagen, muss
höflich sein, darf nicht betrügen, soll sein Ehegespons
gut behandeln, das sind die aktuellen Anstandspflichten, die der
Mensch erfüllen muss, um ansonsten sein ganzes übriges
Leben weiterzuführen. Deswegen hat man ja auch diesen Treppenwitz
vor sich, dass das die Einleitung dazu ist, alles so weiter zu
treiben wie bisher: Der Sportler betreibt Sport, aber bevor er
seinen Ski in die Loipe setzt, lässt er erst mal reinschreiben:
Sportler sind fürs Spenden da und hat irgendetwas für
ebay gespendet, was dann dort versteigert wird und irgendeinem
guten Zweck zufließt. Der Wahlkämpfer kämpft Wahl
und vorweg sammelt er Spenden, und so von Volksliedsängern
bis zu Fußballspielen, die dem Zweck der Spende gewidmet
sind. Da rechtfertigt der moralische Mensch sein berechnendes
Dasein durch die Erfüllung einer Anstandspflicht, mit der
er sich gewissermaßen das Recht auf Vergnügen erkauft,
in diesem Fall sehr drastisch das Recht auf Genuss dieses großen
Unglücks, das einem wochenlang in bunten Bildern präsentiert
wird. Zu dem hat sich das doch verselbständigt. Und wenn
die Leute sagen, dass sie dorthin in Urlaub fahren, damit die
Menschen dort etwas zum Verdienen haben - quasi aus dem Grund
in Urlaub fahren, damit man dem Wirt was zusteckt -, das ist der
Gipfelpunkt dieses verselbständigten Moralismus und da hat
man auch die Denunziation des Ausgangspunktes so richtig drastisch.
Der Bürger erkauft sich mit seinem Geld das Bewusstsein des
Anstands, in dem er dann sein übriges Leben gestaltet.
Kleiner Exkurs: Wenn einem irgendetwas den Geschmack an dieser
Sorte Ferienregion verdirbt, dann ist es der Unterhalt derer,
die einen da bedienen. Jetzt zu sagen: "Genau deswegen fahre
ich dahin, damit die meinen Dreck wegmachen dürfen und dafür
Geld kriegen", ist schon ganz schön zynisch und verlogen.
Wobei die Härte der Sache darin besteht, dass es sogar stimmt,
dass die, so wie der Kapitalismus auf der Welt gestrickt ist,
keine andere Chance für ihren Lebensunterhalt haben als die,
Knecht in einem Touristenhotel zu spielen; das ist deren Lebenslage
und das begründet Kritik an ihr. Sich dazu als zu einer
Selbstverständlichkeit
zu stellen und, damit die weiter funktioniert, würde man
sich ein Vergnügen machen, das kombiniert den Zynismus -
die haben keine andere Chance, also sollen sie diese haben - mit
der Verlogenheit, man würde Urlaub machen für den
volkswirtschaftlichen
Effekt des eigenen Urlaubs.
Der Wiederaufbau, der jetzt so großherzig versprochen wird,
wird seinem Namen alle Ehre machen. Das wird der Wiederaufbau
genau der Verhältnisse, von denen immer wieder mal erwähnt
wird, dass sie schon vor jedem Tsunami katastrophal sind: Fischer,
die nichts als ihr Boot haben, sitzen, wenn das kaputt geht, auf
einem Haufen Schulden, weil sie kein neues bezahlen können
und ohne ein neues Boot auch nicht die Schulden, die sie für
ihr altes machen mussten; oder in den Touristenrevieren, die ja
für die dortigen Verhältnisse etwas Besseres sind, gibt
es Dienstverhältnisse, die nicht einmal ver.di als
Leichtlohngruppe
konzedieren würde. Und es steht jetzt schon fest, dass
spätestens
ab Mitte des Jahres SPIEGEL und STERN mit Berichten über
die "Veruntreuung unserer Spenden" aufwarten werden
und darüber, wie viel davon wieder mal die Korruption genährt
hat und dass alles in die falschen Kanäle geflossen ist.
Das kann in einer funktionierenden Geldwirtschaft ja auch gar
nicht anders gehen, als dass die Reichen, die ihr Hotel wieder
aufmachen, ganz anders davon profitieren als die armseligen Kreaturen,
die bestenfalls darauf hoffen können, als Hotelangestellte
ein bisschen was davon abzukriegen - das steht doch jetzt schon
fest und wird das glänzende Resultat dieses Wiederaufbaus
sein. Es wird wirklich ein Wiederaufbau.
Wenn man nach dem Aufwand fragt, der den Leichen gewidmet wird
(Einzelverpackung zwecks späterer DNA-Analyse u.a.m.), wo
es doch wohl gescheiter wäre, ihn den Lebenden zu widmen,
dann hat man gleich das eine harte Argument, nämlich das
rechtliche (Notwendigkeit der Todeserklärung für die
Versicherungen usw.). Das andere ist, dass zum Kodex des
bürgerlichen
Individuums ein gewisses Maß an Pietät gehört;
es ist kein Zufall, dass Beerdigungsinstitute gerne so heißen,
weil jenseits aller Gefühle - hat der Hinterbliebene den
Toten gemocht; ist der Mensch traurig; hat er ihn nicht gemocht;
ist er vielleicht insgeheim froh, dass der Störenfried weg
ist …? - Ehrerbietung fällig ist, das ist dann die Pietät.
Es wird zwar nie so geheuchelt wie bei einer Beerdigung, aber
es wird immerhin geheuchelt. Denn das bürgerliche Individuum
ist es sich schuldig, dass es selbst dann, wenn es froh ist, dass
der Verstorbene nun nicht mehr stören kann, sich zur Ehrerbietung
verpflichtet weiß.
Der Gesichtspunkt eines Bischofs ("Man muss den Toten ihre
Identität wiedergeben.") und auch Fischers: "Jeder
Tote braucht seinen Namen", ist ein ideologischer Unsinn,
der da noch draufgesetzt wird. Das ist nicht die Pietät,
wie die Römer sie erfunden haben: ein Pflichtbewusstsein
gegenüber den eigenen Erzeugern oder gegenüber der eigenen
Verwandtschaft - nämlich dass Liebe nicht einfach Liebe ist,
sondern dass sie ein überdauerndes Verpflichtungsverhältnis
gegenüber dem geliebten Menschen begründet, das die
Generationen rauf- und runtergeht, weswegen in erster Linie die
Verwandten dafür zuständig sind. Und das, was der Staat
in seine Gesetze schreibt mit Erbfolge und Rente u. a. m., hat
seine moralische Entsprechung in diesem Verpflichtungsbewusstsein
gegenüber den geliebten Personen, das eben im Fall von Toten
Pietät heißt. Wie all die Sachen, die in die Familie
hineingehören, hat das immer seinen Anknüpfungspunkt
an den Gefühlen von Leuten - natürlich möchte man,
wenn der Lebensgefährte, den man noch mag, vom Wasser weggerissen
wurde, wissen, ob er noch lebt oder nicht -, aber das ist nur
der Ausgangspunkt für das, was sich dann in Sachen DNA-Analyse
und Transfer in ein spezielles Grab auf deutschem Boden abspielt.
Also diese alten biblischen Weisheiten wie: "Lasset die Toten
ihre Toten begraben!", sind für das bürgerliche
Individuum ein Zynismus.