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Zur Flutkatastrophe im Indischen Ozean

- Hat das irgendeine imperialistische Bedeutung, dass Amerika seine Hilfsaktionen der UNO unterstellt hat? Oder hat das nur eine moralische Bedeutung, für den Staat, die Nation Amerika, die ihr Image pflegen kann, ohne ein Problem des Verschenkens von Einflusssphären dabei zu haben?
- Da höre ich die grundsätzliche Frage heraus, was eigentlich los ist, wenn eine Großmacht hilfsbereit wird. Damit sollte man anfangen.
- Ist es aktuell nicht auch eine Lage mit besonderen Merkmalen?
- Die Frage hat schon die allgemeine Vermutung unterstellt: mit Hilfsgütern Einflusssphären sichern. Wie soll das gehen? Wasserflaschen und Lazarette hinfahren ist etwas anderes, als mit Soldaten hingehen und einen Statthalter installieren. Offensichtlich stellen sich dabei die Nationen selbst gegeneinander auf.
- Amerika hat sich dabei in einem formellen Akt "untergeordnet unter das UNO-Mandat" (SZ-Schlagzeile). Was war damit gemeint?
- Zunächst gab es eine Südostasien-Gruppe unter Führung der USA mit der Teilnahme Japans, Australiens usw., die in der ersten Woche mit 17.000 Soldaten den Haupt-Flugeinsatz geleistet hat. Nach einer Woche, nachdem alles geregelt war, äußerte sich der US-Außenminister, hat den Oberbefehl an die UNO übergeben. Das war eine Allianz der dortigen Anrainerstaaten ohne die Europäer, die sich dort offiziell zuständig erklärt haben, in großem Stil Fluggerät vorzubringen.
- Bevor man fragt, wer sich wem unter welchen taktischen Gesichtspunkten unterordnet, sollte geklärt werden, inwiefern es etwas anderes ist, wenn Nationen Krieg führen und Statthalter einsetzen oder wie jetzt im Katastrophengebiet Wasserflaschen abwerfen und trotzdem untereinander konkurrieren. Wie werden da Einflusssphären gesichert, ohne Statthalter einzusetzen?
- Noch davor sollte man überlegen, dass das europäisches und Welt-Urlaubsgebiet ist, Zehntausende europäische Leichen angefallen sind, für die die Saaten hier zuständig sind. Entsprechend der Masse der dort hinreisenden Urlauber betrachten sie sich als zuständig für "ihr Urlaubsland" wie sie andere Staaten als "ihr Ölland" betrachten. Bei dem Interesse stoßen sie auf die anderen Staaten.
- Vor der Konkurrenz unter den Großmächten wurde einem mitgeteilt, dass die Katastrophe eine Dimension hat, bei der die Frage ansteht, ob die Ordnung in der Region noch so weiter geht, wie bisher. Ausgemalt wurde das damit, dass die große Anzahl der Toten Seuchen hervorruft. Bevor also die Konkurrenz losgeht, gilt das Augenmerk der imperialistischen Staaten der Wiederherstellung genau der Zustände, die im Grunde genommen dafür gesorgt haben, dass zweihunderttausend Leute hopsgegangen sind. Gegen die Leistung hat man doch etwas. Die Staaten vor Ort sind nicht in der Lage, die Zustände wiederherzustellen. Also soll von hier aus dafür gesorgt werden. Die Toten schreiben sie der Natur zu, wiewohl sie das Dementi liefern. Frühwarnsysteme haben arme Länder nicht.
Wenn die Sorge wäre, dass Thailand oder Indonesien zusammenbrechen, dann könnten sie ja gleich wieder heimfahren, denn es bricht dort ja nichts zusammen.
- Was soll aber die Ausmalung, die betroffenen Regierungen sind mit der Lage überfordert?
- Die Aussagen der einzelnen Länder sind unterschiedlich. Indien z. B. hat ausländische Eingriffe zurückgewiesen mit der Behauptung, dass sie erstens selbst kompetent genug sind und zweitens reich genug, auch noch anderen zu helfen. Und heute wurde in der SZ vorgerechnet, dass die ökonomischen Schäden geringer zu bilanzieren sind, als die Auswirkungen des Sars-Virus, das in den Zentren grassierte, während jetzt bloß Küstenstreifen betroffen sind.
Wenn man die politische Dimension dieser Sache anspricht, muss man nicht so tun, als müssten wir eine ermitteln, entdecken. Alle Zeitungen sind voll mit Überlegungen zur politischen Dimension dieses Ereignisses.
- Deswegen muss es nicht wahr sein.
Aber wenn so etwas Drastisches an die Wand gemalt wird wie, der Imperialismus fürchtet um die Stabilität einer ganzen Region, braucht es schon Anhaltspunkte.
- Die Börse hat auf dieses Ereignis gelassen reagiert.
Die hat sowieso andere Kriterien. Das wäre die Frage nach der kommerziellen Dimension. Es ist auch ein Stück politische Ökonomie davon betroffen - offenbar nicht übermäßig, wenn man die Börse als Kronzeugen nimmt.
- Ich habe die Sorge um die Stabilität daraus geschlossen, dass im Verlauf der Bestandsaufnahme die Opferzahlen immer höher wurde und sich daraus die Sorge um die Sicherstellung der Stabilität ableitet.
Das ist deswegen nicht nachvollziehbar, da der Schwenk zur Eskalation der Opferzahlen dadurch zustande kam, dass in für die Weltpolitik und für die Weltwirtschaft völlig uninteressanten Gegenden nach und nach massenhaft Opfer entdeckt worden sind. Dieses Faktum liegt quer zu der ausgeführten Vorstellung, das, was die imperialistischen Nationen antreibt, sei die Sorge um die Stabilität der Region. Dass solche Überlegungen angestellt werden, soll nicht bestritten sein. Aber bisher wurde in der Diskussion kein Interesse auf die Frage verwendet, wie sich diese Naturkatastrophe ausnimmt, wenn Staaten sich darum kümmern. Sondern ihr wolltet gleich schon Gesichtspunkte ermitteln, nach denen sich die einen und die anderen mehr oder weniger und wie darum kümmern. Wenn man schon bei der Frage ist, ist nichts von einer Sorge um die Stabilität der Region zu entdecken. Gerade wenn man das Land mit den meisten Opfern nimmt, kann man an dem letzten Wahlkampf in Indonesien durchaus Sorgen um die Stabilität, Brauchbarkeit, Funktionalität des ganzen riesigen Landes Indonesien entdecken; ebenso an dem letzten Bürgerkrieg der jetzt so betroffenen Provinz und an dem Interesse, das zeitweise im Umkreis der Wahl in diesem großen Land unsere imperialistischen Nationen genommen haben. Da steht auch die Beobachtung, wie sie mit Separatismus fertig werden, nicht bloß für die Frage, ob diese Provinz politökonomisch und weltwirtschaftlich brauchbar bleibt oder wieder wird, sondern dann steht diese Frage dafür, was man in Indonesien überhaupt für einen Staat vor sich hat; wie man mit dem umgehen kann; wie weit dessen Funktionalisierbarkeit reich; was man dort für Figuren hat, wie renitent, wie umgedreht, wie islamistisch, wie brauchbar die sind. Das sind alles Fragen der Abteilung: Benutzbarkeit der Welt mit der Hauptabteilung: Wie stabil sind die Staaten dort. Aber im Zusammenhang mit dieser Welle und ihren Folgen widerspricht schon die Tatsache, dass die Größe des Unglücks erst nach und nach mit Helikoptern entdeckt worden ist dem, dass da wirklich etwas an der Brauchbarkeit und Stabilität dieser Länder wackelig wird. Was da wackelig wurde, deren "Industrie", Naturkulisse für die europäische Tourismusindustrie zu sein, hat die Tourismusmanager zehnmal aufgeregter als die Politiker werden lassen, und andererseits sind sie auch wieder sehr cool. Sie haben ja den Rest der Welt zur Verfügung, um umzubuchen.
- Was man dauernd hört, ist, dass vor allem Indonesien hoch verschuldet ist und man sich überlegt, wie man mit diesen Krediten umgeht. Es wird an Zinsaufschub gedacht und überlegt, ob der Schaden darüber nicht auch Wirkungen auf die Geberländer hat.
Das wäre ja noch schöner, wenn wer weiß wie viel kaputt geht, diese Länder viel aufzuräumen haben und die Gläubiger sagen, das sei ihnen egal. Das gehört in die Abteilung der polit-ökonomischen Dimension dieser Katastrophe.
- Gegen die islamistischen Rebellen hat die indonesische Regierung bisher schon Unterstützung von den USA erhalten mit Ausbildern und Geld.
Das Interesse der USA an brauchbaren Verhältnissen dort und der Beschluss, in dem inneren Konflikt in diesem Land Partei zu ergreifen zugunsten der Zentrale gegen den Separatismus - das sind so Interessen, die der Imperialismus hat und die er nach seinen Kalkulationen so oder anders entscheidet.
- Die USA haben sich in der Region besonders für dieses Moslem-Gebiet interessiert.
Wie bereits eingewandt, entscheidet die Verteilung von Wasserflaschen kaum eine Bürgerkriegsfrage. Jetzt sind sie zwar dort, aber sie handeln nicht nach den angedachten Kategorien von Besatzung und Statthalter.
- Es ist eine falsche Alternative: nicht ehrliche Hilfe sondern Einmischung in fremde Angelegenheiten. Man muss auch nicht nach einem verborgenen Interesse suchen. Alles ist eine Einmischung, dafür kann jedes Beispiel stehen wie etwa das Versprechen der indonesischen Behörden, dass alle Ausländer identifiziert werden, aber nicht alle zurückgeflogen werden können.
Wie ist es dann richtig?
- Mir ist noch nicht klar, inwiefern es eine politisch verschuldete Katastrophe sein soll. Warum gibt es dort keine Frühwarnsysteme?
Die hochindustrialisierten Länder Japan und Amerika, die von häufigen Erdbeben betroffen sind, haben sich um solche Frühwarnsysteme gekümmert, weil sie eben durch Schaden klug geworden sind. Das ist kein Geheimnis. Die Tatsache, dass sie das im indischen Ozean nicht haben, lässt nicht sofort auf die Verwerflichkeit imperialistische Armuts- und Reichtumsverteilung schließen. Wegen der geologischen Seltenheit solcher Ereignisse in anderen Weltgegenden hat man auch andernorts bisher auf die Installation von Frühwarnsystemen verzichtet. Das Risiko eines Abrutschens von Las Palmas (einer als instabil identifizierten Vulkanflanke auf der Kanareninsel) hätte ähnliche Konsequenzen, wird aber für gering gehalten. Umgekehrt denkt man z. B. im Hinblick auf einen möglichen Vesuv-Ausbruch schon an so etwas. Die Ableitung, man merke die imperialistische Beschaffenheit der Welt an dieser Flutkatastrophe und ihre Opfer seien eigentlich keine der Natur, ist ein Holzweg.
- Wenn es Frühwarnsysteme und das dazu nötige Kommunikationswesen in dieser Region nicht gegeben hat, dann zeigt das auch, dass diese Gegenden ökonomisch nicht so bedeutend waren, dass man es für nötig gehalten hätte, das einzurichten.
Dabei ist dann der Ton darauf zu legen, dass der Zugriff der Behörden auf die Bevölkerung in diesen Zonen und der Zugang zu denen gar nicht so beschaffen ist, dass da irgend eine Warnung etwas Maßgebliches bewirkt hätte. Was nützt ein Frühwarnsystem, wenn bloß der Bürgermeister ein Handy hat und keiner darauf hört. Dass diese Katastrophe so viele Opfer gefordert hat, ist schon ein Indiz dafür, in welcher Verfassung diese Länder mit ihren Küstenrandgebieten sind.
- Bei der Katastrophe des Tschernobyl-Kraftwerks war sofort klar, dass die dort das falsche System haben.
- Der Schluss auf die Armut dort leuchtet mir nicht ein. Auch in Kalifornien kommen bei Erdbeben viele Leute um. Ein Vorwarnen passt doch nicht zu einem kapitalistischen Laden, wie der so läuft. Eine Evakuierung von San Fransisco ist in zwei Stunden nicht zu machen.
Der Einwand ist schlecht, Kapitalismus zu denunzieren, er wäre unfähig, Leute zu warnen. Gleichzeitig ist San Fransisco ein Beispiel, was alles dafür in die Wege geleitet ist. Dass sie das dann nicht schaffen, weil die Straßen verstopft sind, ist eine andere Sache. Man kann nicht sagen: Kapitalismus und Warnen passt nicht zusammen, wenn sie diese Warnsysteme in Japan, in Hawaii gerade einrichten. Zu sagen, das wäre ein Einfallstor der Kritik und die wird abgewürgt, sehe ich nicht ganz so. Die Stimmen, man hätte sich in den betroffenen Staaten Versäumnisse zu Schulden kommen lassen und das werfe ein Licht auf die Infrastruktur in diesen Ländern, konnte man auch mindestens fünfmal lesen. Klar kamen auch Vorwürfe, das werfe ein Licht auf das schlechte System dieser Länder - wie man es nimmt. Dabei darf man nicht ganz aus den Augen lassen, dass es im Falle Tschernobyl ein Industriebetrieb, in dem anderen Fall eine Verschiebung der Erdkruste war, was die Katastrophe ausgelöst hat. Punkte der Kritik an den sozialen Verhältnissen in diesen Ländern tauchen jetzt allenthalben auf.
- Sicherheit ist im Kapitalismus immer mit Kosten verbunden, mit einem lohnenden Kriterium. Kosten müssen immer gerechtfertigt werden, und dort hat man offensichtlich nichts gefunden, das sie rechtfertigt. Jetzt wirft die Öffentlichkeit diesen Staaten Unverantwortlichkeit gegenüber ihren Hungerleidern vor.
Das gehört in die Abteilung, dass auch zu erfahren ist, dass die Größe der Opferzahlen den mangelnden Vorkehrungen und Mitteln der betroffenen Staaten zuzuschreiben ist, solchen Katastrophen in irgendeiner Weise zu begegnen. Ist das jetzt die politische Dimension, dass man darauf schließen kann, dass alles Geld kostet, und dass man darauf schließen kann, dass die, die wenig haben, erst einmal an dieser Ecke sparen? Dass es die falsche Ecke war, wenn dann die Touristen wegbleiben, merken sie jetzt.
- Das kann es nicht gewesen sein, wenn die USA sich jetzt einmischen, wenn die EU sagt, sie müssen jetzt eine zivile Eingreiftruppe aufstellen, die für solche Katastrophen gerüstet ist, sich also insofern in Konkurrenz zu den USA stellen; Burma sagt, es will auf gar keinen Fall Hilfe haben; Schröder gibt damit an, wie viel wir gespendet haben; die anderen sagen, wir müssen mehr spenden - was da für Sachen ablaufen, war mit politischer Dimension gemeint.
- Die politische Dimension hat eine innenpolitische und eine außenpolitische Seite. Nach innen steht jetzt fest, dass der Deutsche ein barmherziger, guter Mensch ist, der 330 Millionen gespendet hat, der sich aktiv darum kümmert, dass es unverschuldet in Not geratenen Menschen in anderen Weltgegenden besser geht.
- Schröder hat das noch verschärft, als er sagte: Wir Deutschen zeigen mit unserem Einsatz, dass wir friedlichere Konzepte als militärische haben, um in der Welt für Ordnung zu sorgen. Der Hilfseinsatz wird als Weltordnungsmethode gleich in einen Vergleich zu den Methoden der USA gesetzt. Es wird in dem Sinn thematisiert, dass die Deutschen das viel besser können, keine falschen Kriege anzetteln...
Was ist der politische Nährwert von solchen Verlautbarungen? Der innenpolitische Nährwert wurde schon angesprochen, aber nur in Form eines Komplimentes vorstellig gemacht. Worin er besteht, wenn der Kanzler seinem Volk auf die Schulter klopft - dazu müsste man noch etwas sagen. Dann käme der nach außen.
- Der politische Nährwert nach innen besteht darin, dass sich die Bürger, indem sie Opfer bringen, als gute Bürger, als Nationalisten fühlen. Die politischen Taten, die sie täglich deckeln, stehen außerhalb der Diskussion, und sie verstehen sich als positive Staatsbürger, die hinter diesem Staat (und seinen guten Taten für andere Weltgegenden) stehen.
Die Phrase "So schlimm kann Hartz IV nicht sein, wenn so viel zum Spenden übrig ist." erläutert das, was der Kanzler in der Neunjahrsansprache explizit gesagt hat: "Das ist nicht die Stunde, um über Hartz IV zu reden." Damit ist das gesamte innere Verelendungsprogramm als Peanuts eingeordnet. Das ist das Stück moralische Aufrüstung, eine drastische Relativierung all dessen, über das man sich im Lande beschweren könnte. Das grenzt an ein Kritikverbot zu sagen: "Es ist jetzt nicht die Stunde, angesichts dieser Katastrophe irgendwelche Rechnungen aufzumachen." Die Betroffenheit durch die Katastrophe wird ausgenutzt als moralisches Kritikverbot an dem, was alles an politischen Machenschaften unterwegs ist. Und die positive Seite ist das Kompliment, dass im Vergleich zum Rest der Welt wir Deutschen wieder einmal großartig sind - die Nation mit den größten Spendierhosen. Das ist eine Ermunterung des Nationalismus, ungefähr in dem Sinn, wie wir das letzte Mal das Verhältnis zwischen öffentlich und privat besprochen haben. Ein Beitrag zur Patriotismusdebatte ist es außerdem. Das ist der Nährwert nach innen. Das ist auch ansteckend; es ist ein aberwitziges Schauspiel, dass überall, wo Leute sich zu einem Vergnügen treffen, dieses erst einmal durch eine Spendenaktion gerechtfertigt wird. Der schönste Treppenwitz ist der Einfall der CDU: Die Auftritte von Merkel im schleswig-holsteinischen Wahlkampf nicht abzusagen, stattdessen bei jeder Wahlkampfveranstaltung Spenden einzusammeln. Was merkt man daran? Dass das zu einem moralischen Imperativ verselbständigt worden ist.
Jetzt etwas zur außenpolitischen Dimension des Falles. Es ist doch seltsam, dass alle sowieso virulenten Fragen der Weltpolitik jetzt angesichts dieses Unglücks sofort wieder auf dem Tapet sind. Es kann nichts auf der Welt passieren, sobald es groß genug ist, tauchen die Fragen auf: Wie steht Europa zu Amerika, wie Amerika zur UNO? Wie steht der deutsche Militarismus zum deutschen Zivildienst? Wie steht der deutsche Außenminister mit seinem Kampf um einen ständigen Sitz Deutschlands im UNO-Sicherheitsrat in der Welt da, findet er dafür Verbündete oder nicht? Bekommen die Amerikaner ihre Kreuzzugs-Eskapaden - also diese rhetorischen Ausflipper, wofür ihr Kampf gegen den Terrorismus eigentlich gut sei - wieder eingefangen? Macht Amerika wieder einen guten Eindruck unter den Muslimen dieser Welt? Lauter Fragen, die sowieso völlig unabhängig von diesem Unglück ständig auf der weltpolitischen Tagesordnung gewälzt werden, sind mit einem Unglück alle wieder da. Das ist erst einmal der Witz. Das Abstoßende an dieser Weltöffentlichkeit ist, dass sie gleich mit der größten Selbstverständlichkeit auch ein solches Unglück zum Material für alles das degradiert, was sowieso in den höchsten Etagen der Weltpolitik verhandelt wird. Das ist der Aberwitz, und dann kann man sich fragen, was das für einen Beitrag dazu liefert. Was leistet jetzt die Vereinnahmung auch noch dieses Unglücks für das, was sowieso laufend Stoff der Weltpolitik ist?
Dass der Transport von Wasserflaschen etwas anderes ist als ein Besatzungsregime, ist klar, aber Imperialismus funktioniert sowieso nicht bloß mit Gouverneuren und Besatzungsregimen. Imperialismus fängt nicht erst da an, wo er jetzt im Irak gelandet ist. Auf der Welt ist schon einfach deswegen nichts unpolitisch, weil die Subjekte der Weltpolitik, die Staaten, sich darum kümmern. Und sobald die sich darum kümmern, tun sie dies nach den Maßstäben und unter den Gesichtspunkten, die sie sowieso laufend vor Augen haben. Das ist jetzt zu besichtigen, und das ist die eigentliche Schweinerei.
- Europa und insbesondere auch Deutschland haben ziemlich bald begonnen, Hilfe zu leisten, dies aber mehr ‚unauffällig' im Hintergrund und nicht wie Italien, das sich ganz groß in den Vordergrund gespielt hat. Dies zeugt von der Sicht, dass die dortigen Regionen Einflusssphären sein sollen, ohne schon gleich irgendetwas Bestimmtes mit ihnen vorzuhaben.
Das würde ich noch der ersten Abteilung zuschlagen. Dort sterben die Leute, und die politische Dimension der Sache ist sofort auf dem Tisch, nämlich z. B. das Denken in Einflusssphären. Ist das unser Einsatzgebiet? Dies wird in der Presse gleich sehr parteilich ausgebreitet mit einer gehässigen Stoßrichtung gegen die anderen und mit der impliziten oder expliziten Aufforderung an die eigene Seite, sie sollte mehr dafür tun: Wo die meisten Touristen herkommen, da ist doch wohl unser Einfluss. So geht imperialistisches Denken. Dies ist jedoch noch kein Beitrag zu der Frage, ob es denn nun einen Nährwert für das Gewinnen von Einflusszonen hat, wenn die Staaten diese wunderbare Konkurrenz ums Helfen beginnen. Schon der Auftakt zu sagen, hier müssten alle zusammenstehen, wird schon vom nächsten Kommentator entlarvt - und zwar zu Recht - als Auftakt zum Konkurrieren. Der, der als Erster sagt: "Wir müssen alle zusammenstehen.", hat schon gewonnen, weil, wenn sie dann zusammenstehen, sind sie ihm gefolgt. Die politische Dimension der Sache ist gar keine Frage, sondern sie steht jedem als das Eigentliche vor Augen. Dann kommt das, was anfangs als unsere Frage abgelehnt worden ist, sehr zu Recht, nämlich ob sich das angesichts der Größe des Unglücks und der Notwendigkeit der Hilfe überhaupt gehört.
Bei dem Stand der jetzigen Diskussion soll noch einmal auf den Einstieg zurückgekommen werden. Diese Sorte Gedanken, ob nämlich der Imperialismus tatsächlich von dem betroffen ist, was das Erdbeben im Indischen Ozean bewirkt hat, ob da Stabilitätsfragen durcheinander gekommen sind, auf die es die Staaten, die darüber befinden, schwer ankommt, diese Fragen kommen mir wie ein Stück Verharmlosung vor. Der Ausgangspunkt, den der Imperialismus nimmt, ist sehr unabhängig davon; er geht von dem eigenen Anspruch aus, dass alles, was in der Welt passiert, Material seiner Zuständigkeit ist. Die Definition dieser Zuständigkeit ergibt eigentlich die Betroffenheit, für die auch die Politiker ihre Bevölkerung auffordern, im Namen Deutschlands Geld zu spenden für Leute - wie es denen geht, das interessiert hier weiter gar nicht außer für diesen Aufruf. Und dieser Aufruf besteht erst einmal darin, die Bevölkerung, deren Spenden und Betroffenheit als Material des Rechts auf Zuständigkeit für diese Verhältnisse zu funktionalisieren. Dabei kommt als Erstes heraus, selbst Naturereignisse und die Leichen, die darüber anfallen, sind Material des Rechts auf Zuständigkeit und damit natürlich auch gleich Material der Konkurrenz um die Zuständigkeit. In Berichten war ein Vergleich zu lesen von diesem Erdbeben mit Kriegsniederlagen, also mit der Ohnmacht der betroffenen Staaten, wie als wenn sie eine Niederlage erlitten hätten. Ob sie wirklich irgendeiner Ohnmacht überführt sich, ist wirklich egal, das ist erst einmal die Sicht.
Das gilt sogar dafür, dass die Opferzahlen ein Indiz für die Beschaffenheit der Länder sind. Eine Kritik am kapitalistischen System wird nicht daraus, jedoch eine an der Unfähigkeit, der Unfertigkeit, der Betreuungsbedürftigkeit gewisser Länder, auch daran, dass Indien z. B. das Maul zu voll nimmt, wenn es behauptet, es habe die Lage im Griff. Die Inder sind auch nicht besser, denen fällt sofort bei ihrer Katastrophe ein, was das wohl über einen Anspruch auf einen Sitz im Weltsicherheitsrat aussagt. Die sind auch nicht besser als Fischer, der einen Teufel tut, zu verkünden, dass Deutschland seine Hilfe in irgendeiner Weise auf seinen angestrebten ständigen Sitz im Weltsicherheitsrat berechnen könnte, weil er sowieso weiß, dass alle Welt es darunter subsumiert, und weil er es gar nicht schlecht findet, wenn er sich mit expliziten Ansprüchen zurückhält und stattdessen einfach Führungsmacht in Europa praktiziert. Das sind so die abgeleiteten Winkelzüge dieser Sorte, in Einflusssphären zu denken und gleich die Konkurrenz eröffnen
- Ich verstehe das mit dem Verharmlosen noch nicht. Auch wenn es nicht stimmt, dass dort unten vieles durcheinander kommt, dann wäre doch der Gedanke, dort unten dürfe durch die Katastrophe nichts von dem durcheinander geraten, was diese Regionen an Diensten für uns leisten, doch derselbe Standpunkt.
- Das Argument war doch, dass es keinerlei tatsächlicher Beschädigung bedarf, um zu einer Souveränitätsfrage zu werden.
Ja, es ist als Gesichtspunkt gleich da, dass ist das Aberwitzige. Dann gilt gar nicht mehr der Gesichtspunkt, ob dort Sicherheit in Gefahr ist, sondern die ganze Lage schreit umgekehrt danach, dass wir uns für die Sicherheit dort zuständig machen. Nicht in der Weise, dass dort einmarschiert wird, sondern bezogen auf den gegebenen Fall und dessen Reichweite.
Wenn man gleich den Irak zum Vergleich hernimmt, muss man schon sagen, dass eine good-will-Aktion und eine Massenschlächterei schon zwei verschiedene Ebenen sind. Der Imperialismus fängt ja nicht erst da an, wo Soldaten schießen. Der Alltag der Weltpolitik ist nicht dauernd spektakulär. So ein Vorschlag wie der von Schröder, der fast so geklungen hat wie in der alten DDR: Die Jungen Pioniere von Görlitz übernehmen die Patenschaft für die jungen Indios in Guatemala Ciudad-Nord, nämlich Staat betreut Staat, Land betreut Provinz, Stadt macht Partnerschaft mit Stadt, Dorf mit Dorf, Schule mit Schule - so ein Vorschlag ist kein spektakulärer, kein gewaltsam durchgreifender, aber eben in seiner Vielzahl dann am Ende wirksamer Hebel der betreuenden Einflussnahme. Noch vor diesem süßen Vorschlag merkt man doch, wie viel Einfluss auf die Politik anderer Staaten die Benutzung fremder Strände als Erholungsgebiet für abendländische Touristen hat: Es ist eine Dependance der europäischen Tourismusindustrie. Dies hat einmal seine ökonomische Bedeutung für die Tourismusindustrie bei uns wie vor allem für die vor Ort. Die sind durch die Katastrophe mit der Kehrseite dessen konfrontiert, dass ihre nationale politische Ökonomie auf einem Luxussegment des proletarischen Konsums im christlichen Abendland beruht. Das ist auch eine Perversion des Denkens. Gleichzeitig gibt es durch die Selbstverständlichkeit, die niemand bestreiten mag: ‚Wenn viele Touristen umkommen, müssen die zuständigen Honorarkonsuln und Minister sich darum kümmern', natürlich gleich den Austausch zwischen den Machthabern hier und dort. Das ist ein Indiz für die Sorte Einfluss, die die Subsumtion dieser Länder unter die europäische Tourismusindustrie mit sich bringt. In dieser Ebene, in diesem Bereich ist das angesiedelt, was jetzt an Hilfe vom Standpunkt und mit der Perspektive, dass das der Auftakt für längerfristige Aufbaumaßnahmen ist, in die Wege geleitet wird. Natürlich ist es das dann auch, als was es laufend besprochen wird, nämlich ein nicht sehr wuchtiges, aber auch nicht unwirksames, Element im Konkurrenzkampf der Nationen darum, wie sie mit ihren Interessen anderswo verankert sind.
Das geht dann auch sehr schnell gleich über die Einflusssphäre, was man dort auf das Ergebnis dessen, was dort das Erdbeben angerichtet hat, draufsattelt und in Gang setzt. Das geht sofort so weit, wie Herr Fischer auch schon längst sagt: Deutschland appelliert an Indonesien und Sri Lanka, diese unsinnigen Bürgerkriege aufzuhören. Da wird gleich ein Kontrollgesichtspunkt aus deutscher Seite über die innenpolitische Verfasstheit dieser Staaten in die Welt gesetzt, dies mit dem Recht, dass man sich um diese Länder jetzt rührend kümmert.
Und dass sich da keiner vertut: Damit wird nicht für die Fortsetzung dieser Bürgerkriege Partei ergriffen. Das ist noch das moralisch Vertrackte an dieser Geschichte, dass sie wie immer in solchen Fällen auf Zustände deuten können, für die kein vernünftiger Mensch etwas übrig haben kann. Nur, wenn ein Politiker so etwas sagt, gilt wieder dasselbe wie für die ganze Einmischung in die Katastrophe: Was sind seine Gesichtspunkte dafür? Die ganze bürgerliche Presse ist damit befasst, die Gesichtspunkte der Einmischung - und wenn's nicht bei den eigenen Machthabern ist, dann spätestens bei denen im Nachbarland - herzuerzählen. Ich bin mir absolut sicher, französische und englische Kommentatoren, von den norwegischen ganz zu schweigen, die ja schon einmal Frieden in Sri Lanka gestiftet haben, sind überhaupt nicht davon begeistert, dass jetzt Fischer die Zuständigkeit für die Friedenstiftung in Sri Lanka übernimmt. Weil die nämlich nicht denken, dass das doch eine gute Tat ist, wenn die dort das Schießen aufhören, sondern weil die sofort denken, dort Frieden zu stiften bedeutet, man ist der Mentor, quasi der Platzanweiser, die akzeptierte lebende Gebrauchsanweisung für politische Gewalt in diesen Ländern und für deren Regierungen, und das ist von Interesse.
- Bei der Besichtigung spielt auch eine wichtige Rolle, inwieweit diese Region von Interesse ist bzw. inwieweit man da schon eingemischt ist oder nicht, dass man in der Größenordnung dort aufmarschiert.
Auch das kann man in Kommentaren unserer Presse nachlesen nach dem Muster: "Na ja, gut, das war jetzt eine ziemlich heftige Katastrophe, aber so viel Leute, wie dort jetzt auf einen Schlag gestorben sind, sterben in Afrika doch laufend. Und, wer interessiert sich, bitte schön, für Afrika? - Keine alte Sau!" Man kann dann selber gar nichts entlarven, man muss nur einmal den Finger darauf legen und sich nicht selber gleich in die Frage einmischen, wo die Deutschen hingehören und wo nicht, und dies schon gar nicht nach der Tour: ‚Wenn die Deutschen in Thailand eingreifen, sollten sie vorher auch schon in Mosambik eingegriffen haben', sondern dies ist eine Gelegenheit, sich wieder einmal klar zu machen, welche Gesichtspunkte dort mitmischen, sofort unterwegs und absolut selbstverständlich sind, sobald einmal irgendwo mehr als ein Dutzend Leute sterben.
Im aktuellen Fall wird in dem dortigen asiatischen Raum jetzt keine neue Konkurrenz eröffnet, da müssen schon größere Kaliber her wie z. B. der Antiterrorkrieg der USA. Das ist eine Neusortierung der Konkurrenz. Aber umgedreht, groß genug ist es schon, dass ihnen die Konkurrenz, wie sie sie schon laufend exekutieren, mit all ihren Facetten dazu einfällt. Und die fällt ihnen nicht nur ideell ein, sondern danach wird gehandelt.
- Die humanitäre Hilfe wird wie zu einer Art Kräftevergleich, welche Nation da mit welchen Potenzen aufwarten kann. Es ist dann auch kein Wunder, dass die Amerikaner mit ihren Kriegsschiffen und, wie sie dort herumkommandieren, gleich die effektivsten Mittel auffahren.
Und wir, das europäische ‚wir', brauchen eigentlich einen zivilen Hubschrauberträger.
- Das bewegt sich noch auf dem legitimatorischen Gebiet, wer zur Weltordnung befugt ist.
Die Frage nach dem Nährwert ist nicht so einfach. Das Erste, was besprochen worden ist, ist, ob es einen Nährwert für die Einflussnahme auf diese Länder hat. Ja, einen gewissen, begrenzten, aber so wie auch jeder Kommerz. Es läuft ja letztlich auf ein Stück Kommerz hinaus und ist ein Einstieg auf die Rekonstruktion des kommerziellen Umgangs mit diesen Ländern; so, wie jedes Stück Kommerz, politisch betrachtet, eine Einflussnahme ist. Was es für einen Nährwert hat, jetzt darüber eine Konkurrenz zwischen den Nationen zu eröffnen, ist sicher unterschiedlich zu bewerten. Für die Kompetenzstreitigkeiten innerhalb Europas hat es sicher einen gewissen Nährwert, wenn der Kanzler sagen kann, er hat einen Vorschlag gemacht, und die anderen schließen sich an. Dass das die Konkurrenz nicht erledigt, ist klar. Aber wenn man sich einmal vor Augen führt: Die Politiker sind doch so verrückt, dass sie alles, was sie treiben, nicht nur erstens treiben, sondern dies zweitens auch noch unter dem Gesichtspunkt tun, was dies für die Konkurrenz untereinander heißt. Jetzt meine ich nicht die parteipolitische, die sie dabei auch noch im Auge haben - das wäre auch noch ein kleines Nebenthema -, sondern für ihre Konkurrenz als nationale Führer. Es wird nichts davor verschont, unter den Gesichtspunkt gestopft zu werden, was das für das Kräfteverhältnis untereinander heißt. Dann wird es auch eine Rolle spielen, wenn der französische und der deutsche Außenminister unterwegs sind und in Europa mit ihren Vorschlägen ankommen. Es stellt sich dann die Frage, was davon die Kommission aufnimmt, was sie davon durchsetzt und wer dann hinterher wieder einmal der Federführende gewesen ist. Dafür sind dann auch die Finanzmittel, die eine Nation aufbringt, durchaus etwas Substanzielles - nicht bloß für das Eingreifen dort, sondern für die Frage, wer eigentlich die maßgebliche, federführende Macht in Europa ist. Und was heißt das jetzt für die Konkurrenz zwischen Europa und den USA und dann am Ende noch für den Stellenwert der UNO?
Das war ja die Einstiegsfrage. Dabei kam ja auch gleich der Hinweis, dass doch neulich dieses Thema beim Fall des Irak auch schon dran war. Das ist die Absurdität, es ist dasselbe Thema. Aber der Triumph der europäischen Zwergengemeinde: "Mensch, jetzt haben die USA glatt anerkennt, die UNO ist wichtiger als sie!", der ist lächerlich. Denn ob, wenn Amerika jetzt zu dem eigenen Einsatz des Flugzeugträgers sagt, dass die UNO da die Federführung haben kann, dies je bei den GIs ankommt, wenn sie mit ihren Hubschraubern herumfliegen, ist doch zu bezweifeln. Aber gut, das ist ein Signal, ein beschwichtigendes und berechnetes an die Kollegen anderswo. Es ist ein kleiner Beitrag dazu, denen demnächst wieder eine andere Rechnung präsentieren zu können. So verrückt läuft halt die Politik. Es gehört nicht in die Abteilung, wer sich in der Welt durchsetzt, sondern dahin: Es ist nichts davor sicher, von Politikern zum Unterelement ihres permanenten Geschäfts gemacht zu werden, um Einfluss und wechselseitige Beeinflussung zu rangeln. In diese Abteilung gehört es.
- Die Amerikaner wollen zu dem, was sie weltpolitisch machen wollen, doch auch ein Bild ihrer Politik pflegen. Sie treten immer so auf, dass sie im Namen der Menschenrechte und der Freiheit unterwegs sind, sie also tätig werden für etwas, was jedem Menschen gut tut.
Ja, darum sorgen sie sich. Und warum, was ist der Nährwert von diesem Bemühen? In welche Abteilung von Weltpolitik gehört diese Erzeugung eines Bildes der eigenen Politik hinein? Sie sagen ja selber, es handele sich um eine Agitprop, um ihr Image aufzubessern. Was ist die Absicht solcher Geschichten? Ob sie die immer erreichen, ist wieder eine andere Frage.
Die Richtung geht dahin, dass ihnen das die Zustimmung der anderen Nationen zu ihrer Politik einbringen soll. Es sollen Widerstände gegen ihre Politik entkräftet werden. Und das geht so weit auf, dass die anderen durchaus auch ein Interesse an dieser Zustimmung haben, aber aus ihren Berechnungen, die gar nicht zusammenfallen mit denen, aus denen von den USA die Zustimmung verlangt wird. Die Völker sollen vielleicht applaudieren, aber die Regierungen sollen zur Kenntnis nehmen, wenn ein Staat wie die USA darauf Wert legt, die eigene Politik in ein gutes Licht zu rücken, dass hier Zustimmung, Beifall, Unterstützung eingefordert wird. Der Alltag der Politik transportiert solche Ansprüche in der Form von Idealisierungen des eigenen Treibens. Dabei schlagen sie immer drei Fliegen mit einer Klappe: Die Regierungen wissen, woran sie sind; eine verrückte Weltöffentlichkeit wird damit betört; und die eigene Öffentlichkeit wird schon gleich betört, die immer ihre Führer bewundern will, wie tatkräftig sie Gutes tun. Das ist nun einmal der Sachverstand der Politik.
- Es hat den Vorteil, dass das Gute im vorliegenden Fall auch etwas Gutes ist.
Dann ist es immer besonders gut. Wenn man zu einem Krieg sagt, dass der das einzig Gute sei, hat das schon auch seine Überzeugungskraft, nämlich dann kann man auf den Bösen zeigen, den man gerade wegräumt. Aber auch das hat in gewisser Weise immer auch etwas Problematisches an sich - im Unterschied zum Helfen!
Jetzt sind wir bei einem anderen Thema. Vorhin wurde verboten, uns selber die Frage aufzumachen: Hilfe contra Berechnung. Darüber wurde ja schon die ganze Zeit geredet: Für Politiker gibt es gar nichts, was nicht Gegenstand ihrer Berechnung ist, und über die Art der Berechnung wurde einiges gesagt. Bloß darf man darüber nicht vergessen, dass es diesen Gegensatz zwischen Berechnung und Hilfe in der bürgerlichen Welt gibt. Da ist etwas Eigentümliches auffällig.
- Die pflegen den nämlich bis zum Erbrechen.
Einerseits, nämlich immer dann, wenn man den anderen ihre Berechnungen vorhält und sagt: "Ist doch bloß …" Dann wird ungeschminkt über alle Berechnungen berichtet, sie werden aufgezählt und dann kommt der Vorwurf: "Na das ist vielleicht eine Hilfe … Gut, sie überreichen Wasserflaschen, aber in Wirklichkeit wollen sie doch bloß den Allah widerlegen oder den Imam, der ihnen neulich erzählt hat, dass die Amerikaner Teufel seien." Das ist aber nur die eine Hälfte unserer Öffentlichkeit. Die andere steht, mehr oder weniger explizit, auf dem Standpunkt, bei dieser großen Katastrophe muss man dankbar sein für den Effekt und darf die schlechten Absichten der Beteiligten nicht zum Einwand machen. Das ist gerade in dem Fall ziemlich explizit gemacht worden. Einige Kommentare deutscher Journalisten hatten - auch gegen Deutschland; gar nicht bloß gegen die anderen, von denen man sowieso weiß, dass die auf den Platz im Sicherheitsrat spechten - den Tenor: "Aber wenn's hilft!" Das ist eine interessante Dialektik der moralischen Begutachtung, einerseits selbstlose Hilfe contra Berechnung in Anschlag zu bringen und andererseits über diese Öffnungsklausel: Effekt entschuldigt Absicht, die Sache moralisch wieder ins Lot zu bringen. Petra Lidschreiber hat in ihrem tagesthemen-Kommentar das alles aufgezählt und sagt dann: "Staaten handeln nie uneigennützig, aber das ist nicht verwerflich." Dieser Winkelzug des bürgerlichen Verstandes bedarf noch einer gewissen Aufklärung. Wie passt das zusammen, zwei einander entgegengesetzte Gedanken unmittelbar hintereinander aufzusagen?
- Weil sie ihre beiden "Nützlichkeiten" haben, die sind beide akzeptiert.
Dann bräuchte man aber den Gegensatz zwischen Berechnung und Moral gar nicht erst aufzumachen.
- Der Kommentar macht die Differenz auf, damit er sich nicht vorwerfen lassen muss, er sei so blöd, auf die Selbstlosigkeit hereinzufallen.
- Die Wirkung ist nicht eine, dass da irgend etwas Schönes und Großes passiert, sondern dass daraus folgt, dass geholfen wird. Es ist kein Maßstab der Wirkung von Hilfe, wenn z. B. die Leute gemütlich in ihren Häusern wohnen, sondern das bewirkt, obwohl Staaten doch berechnend sind, dass die Staaten trotzdem helfen. Jeder objektive Maßstab, was diese Wasseraufbereitungsanlagen bei 100.000 Menschen tatsächlich bewirken, fehlt, stattdessen geht es um die Glaubwürdigkeit, dass Hilfe stattfindet. Es liegt ein neuer Maßstab vor dafür, was wirkt; es nicht der: Was bewirkt Hilfe?, sondern: Bewirkt Hilfe die Glaubwürdigkeit des Helfens?
Ja, jetzt darf man bloß nicht sagen, dass bei dieser Frage nach der Glaubwürdigkeit das Problem der Quantität der Hilfe wegfiele. Denn wenn es nicht langt, gibt es auch die Kritik: "Es ist zu wenig." Es wird keineswegs ausgeblendet, dass ein Liter Wasser für 10 Durstige zu wenig ist, und es wird mehr Einsatz verlangt. Aber wenn es um Glaubwürdigkeit geht, dann ist doch die erste Abteilung eine Entkräftung der Glaubwürdigkeit: Diese Hilfe ist genau genommen gar keine Hilfe, denn bei Hilfe denkt jeder, dass die selbstlos ist, sondern sie ist doch ein Instrument für alle möglichen ökonomischen, imperialistischen und konkurrenzlerischen Berechnungen, ungefähr so wie es hier in der Diskussion auch eingeordnet wurde, anders als hier vielleicht nicht mit dem Standpunkt: das ist abscheulich, sondern: das ist normal (‚normal' können wir ja auch sagen, bloß, die Normalität hat eben so etwas Abscheuliches an sich); der Gegensatz zwischen Hilfe und Berechnung wird aufgemacht, wobei weder gesagt sein soll: Gott sei Dank kommt dann wenigstens dieser Effekt zustande, noch: das ist vielleicht eine Welt, in der sogar Verdurstende nur deswegen etwas zu trinken bekommen, weil die Machthaber untereinander eine Konkurrenz auszufechten haben, den Schluss könnte man ja auch aus dem Gegensatz ziehen.
- Die konstatieren den Gegensatz und bringen ihn nicht nur zum Verschwinden, sondern machen aus ihm richtiggehend ein Mittel zur Hilfe - das ist das, was man allgemein Realismus nennt. Jetzt ist die Welt so eingerichtet, dass es Konkurrenz zwischen den Staaten gibt und dass es genau so Hilfe für die Verdurstenden gibt, also braucht es die Konkurrenz der Staaten, also ist sie ein Mittel zur Hilfe.
Das ist jetzt in die eine Richtung hin übertrieben, aber vielleicht gibt es so was auch. Das Stichwort Realismus stimmt schon.
- Es wird versucht, die beiden Seiten zusammenzubringen: einerseits die Betroffenheit im Volk, die sich in Spenden dokumentiert und nicht unmittelbar dieselben Berechnungen wie die Herrschaft anstellt, und andererseits die offenkundigen Berechnungen der politischen Herrschaft, und zwar über den Dreh zu sagen: "So sind Staaten, so müssen sie auch sein."
Noch was zur Logik dieses Zusammenbringens, wenn das also in diese Konstellation gebracht wird: Staaten handeln berechnend, aber das ist nicht verwerflich und, wenn Hilfe dabei herauskommt, schon gleich nicht. Dann merkt man daran, was überhaupt an kritischem Gegensatz zwischen selbstloser Hilfe und Berechnung vorher aufgemacht worden ist. Hätten sie vorher einen Gegensatz zwischen Hilfe und Berechnung aufgemacht und wären diesen Berechnungen mal nachgegangen und hätten nachgefragt, worum es denen eigentlich geht, dann wäre man auf dieses Machtgerangel und auf das Gerangel um Einflussnahme und um eine auf die eigenen Bedürfnisse zugeschnittene Welt gekommen, auf die ganze Stufenleiter von Degradierung ganzer Staaten zum Wurmfortsatz der eigenen Tourismusindustrie bis hinauf zu den gröbsten imperialistischen Berechnungen - wer hört auf wen in der UNO ? -, dann hätte man all diese Berechnungen beieinander gehabt, und in dieser Aufzählung wäre keine Berechnung vorgekommen, die nicht in sich kritikabel ist, weil sie einen staatlichen Eigennutz nicht nur gegen andere Nationen, sondern auch gegen deren menschliches Inventar rücksichtslos vollstreckt. Wenn die den Inhalt der Berechnung ins Auge gefasst und den kritisiert hätten, dann wäre die Kritik auch nicht hinfällig, wenn dazu "aber immerhin Hilfe" gesagt wird, dann würde man nicht sagen "immerhin", sondern: Es ist die Obergroteske, dass sogar das Überleben von hilfsbedürftigen Leuten von dieser Sorte Berechnung abhängig ist - so würde daraus noch eine Kritik an den Bedingungen von Helfen. Dass Hilfe nur die abhängige Variable dieser Sorte Berechnung ist, das fügt an der Kritik an den Berechnungen noch eins hinzu. Wenn diese ganzen Berechnungen abgesegnet werden nach dem Motto: Das ist doch normal und nicht verwerflich, wenn Staaten ein bisschen auf das Ihre schauen, dann war der ganze Gegensatz zwischen Berechnung und Hilfe von anderer Art, dann ist gar nicht auf den Inhalt der Berechnung geschaut worden, sondern dann ist nur die moralische Unterscheidung getroffen worden zwischen ‚selbstlos' und ‚an sich selber denken', nur dieser abstrakte Gegensatz ist aufgemacht worden und nur dieser Gegensatz - die Tatsache des Berechnens - ist einen Moment lang gegen das Ideal der Selbstlosigkeit gehalten worden, um ihnen dann im Namen des guten Effekts die Tatsache, dass sie dabei an sich selbst gedacht haben, zu verzeihen. Nur dieser abstrakte Gegensatz ist aufgemacht und auf diese Tour leicht aus der Welt geschafft worden. Selbstlosigkeit ist immer nur die ideelle Umdrehung dessen, worauf es in der Welt der Konkurrenz ankommt. Und es ist selbst noch eine bürgerliche Betrachtung, bei jeder Hilfe den Verdacht aufzumachen, sie sei gar nicht selbstlos, und nachzufragen, ob sie wirklich selbstlos sei, um diesen Verdacht zu bestätigen. Die Skandalisierung, der Entlarvungsdrang und die Aufdeckerei, dass man diesen Politiker bei jener Berechnung erwischt hat, findet schon statt, und zwar bei den Staaten, die man als aufrechter Journalist sowieso nicht leiden kann, z. B. Burma - man weiß zwar nicht, wie viel Tote sie haben, aber dass sie verschwiegen werden, da ist man sich sicher, weil man diese Junta als Demokrat sowieso nicht leiden kann. Dabei wird allerdings nicht alles entschuldigt, z. B. bei China, das Subjekt des Weltgeschehens sein will und nicht mehr Entwicklungsland, da wird der Inhalt der Berechnung nicht durch den Hilfeeffekt entschuldigt. Da wird dann schon auf den Inhalt der Berechnung geachtet und nicht mehr durch die Hilfe entschuldigt - eben anders als bei ‚unseren' Politikern, da wird der Inhalt der Berechnung - immer das gleiche: das Fortkommen der Nation -, weil akzeptiert, nicht mehr thematisiert. Da wird der moralische Gegensatz von Hilfe und Berechnung mal kurz aufgemacht, um diesen Graben dann gleich wieder zuzuschütten: aber immerhin geholfen. Hier heiligt das Mittel den Zweck, und es macht das Helfen umso schöner, wenn es der eigenen Nation zu Ansehen und Einfluss verhilft.
Es ist kein wichtiges Argument für die "überbordende Spendenfreudigkeit der Deutschen", dass da für Deutschland etwas zu gewinnen wäre. Jetzt geht es um das private Ethos, das da mobilisiert wird. Das ist ein Lob an das deutsche Volk, wie prächtig es ist. Und dass ein Nationalist dann auch gleich denkt: ‚Damit stehen wir Deutschen auch gut da', ist sicher richtig; dass also einer stolz darauf ist, wie viel die Deutschen spenden, das ist eine Sache. Ob der dann selber etwas spendet, ist eine ganz andere Frage. Was ist also der Grund für die Spendenfreudigkeit der Deutschen? Jedes Jahr passiert ja zu Weihnachten ein Unglück, was daran liegt, dass jede Woche etwas passiert und das, was zu Weihnachten passiert, ist besonders prominent, insofern war die Flut schon ein Knüller.
- Und es waren ja auch keine kriegerischen Afrikaner unterwegs, die ja auch immer selbst daran schuld sind, dass sie sich gegenseitig abschlachten, sondern es sind garantiert unschuldige Frauen und Kinder und unsere Deutschen dabei - das ist auch so ein Gesichtspunkt, wo der moralische Mensch sagt: die können nun wirklich nichts dafür.
Der moralische Mensch sagt: ‚Die können nichts dafür.' Was sagt denn der normale Mensch erst mal, wenn er das so vorgeführt bekommt, bevor er moralisch wird? Dass man denkt, wenn man das so präsentiert kriegt, da muss man doch irgendwas machen, damit die über die Runden kommen, ist doch normal. Ob man jetzt Unglücke dieser Dimension vorgeführt bekommt oder in der Nähe ein Unglück passiert und man den THW ruft - es hat doch etwas durchaus Normales an sich, zu denken, dass man doch eingreifen und helfen muss.
- Ein SZ-Journalist hat da wohl schon etwas getroffen, wenn er von der "kreatürlichen Betroffenheit" bei so einer Naturkatastrophe redet. Die Natur schlägt halt zu, aber man mag schon gar nicht mehr echt erschrocken sein angesichts dessen, wie das Ganze dann verhandelt wird - am ekelhaftesten bei diesen Gedenkgottesdiensten.
Da ist man dann ja auch nicht mehr erschrocken. Es gehört nun mal zur Psychologie des Erschreckens, dass das schnell vorbei ist, aber in der Zeit bis zu den Gottesdiensten hat schon eine Verarbeitung eingesetzt, wo es sich lohnt, sich klar zu machen, was da alles auf den Kopf gestellt wird (wobei man nur auf den Kopf stellen kann, was erst mal auf den Füßen stand). Es besteht ein Unterschied zwischen der unmittelbaren Betroffenheit, wenn man von der Katastrophe erfährt, und dem Herumzeigen von Urlaubsvideos 14 Tage später. Im ersten Fall ist man von der Nachricht menschlich berührt; man kann sich das auch gut vorstellen, das gehört für einen normalen Menschen schon auch dazu, man kann sich selber in die Situation hineinimaginieren und - sozusagen stellvertretend - einen Schreck bekommen und von der Größe des Unglücks berührt sein, ohne gleich zu denken, was waren das für Schweine, die nicht rechtzeitig gewarnt haben. Das ist eine Sache. Was ist, wenn 14 Tage danach überhaupt erst die Welle der Urlaubsvideos anläuft, was hat das für einen Nährwert, die jetzt immer vorzuzeigen? Mit der Betroffenheit, die man unmittelbar hat und gegen die man letztlich nichts machen kann, ist doch nach 14 Tagen etwas passiert; das wäre noch aufzuklären im Sinne einer Psychologie des bürgerlichen Individuums, wie das dann so weiter funktioniert.
Und noch einmal zurück zur unmittelbaren Betroffenheit: Wenn aus der Betroffenheit erst einmal das spontane Bedürfnis entsteht: Da muss Hilfe her! - Was wurde denn nach 14 Tagen aus diesem Bedürfnis - in unserer spendenfreudigen Republik?
- Man fühlt sich ohnmächtig angesichts der Naturgewalt und der Größe der Opferzahlen.
Das ist eine ideologische Deutung, die man noch obendrauf setzt.
- Wenn das unmittelbare Erschrecken vorbei ist, stellt man mit den Bildern sein eigenes, besonderes Verhältnis zu dem Unglück her und fühlt sich verpflichtet, diesem Entsetzen eine weitere Verlaufsform zu geben und zu spenden.
Da ist jetzt ein bisschen was vermischt worden. Es stimmt zwar, dass man sich anschließend ein Verhältnis dazu aufmacht, aber das erste ist, dass man nicht groß was aufzumachen braucht, es gibt einen Knall und man erschrickt und stellt keine moralischen Überlegungen an, ob einem der Knall ein Erschrecken wert ist, das passiert einem einfach und ist damit rum. Aber wenn man dann abhebt auf das Verhältnis, das der Mensch zu dem Unglück aufmacht - das ist ja fast wie: Man zahlt einen Preis in Form von Spenden. Preise zahlt man für ein Genussmittel. Und das ist die Katastrophe geworden: ein absolutes Genussmittel - immer wieder diese Sensation zu spüren. Es wird doch niemand in Katastrophenfilme abkommandiert, sondern dafür zahlt man normalerweise. Jetzt kriegen sie einen life, der wirklich passiert ist. Das ist die Umdrehung. Das Bindeglied heißt Sensation; dieses Wort kommt aus dem lateinischen Wort für ‚fühlen' und es bedeutet einerseits, dass man etwas fühlt und andererseits ist es zugleich die Sache, die man fühlt, die einem mal so richtig das praktische Gefühl aufwühlt und das ist ein Genussmittel ersten Ranges für den bürgerlichen Menschen, der dem Unglück einen Unterhaltungswert abgewinnt schon alleine darüber, dass es mal etwas absolut Unübliches ist. Und etwas Ähnliches passiert mit dem Impuls zu helfen; er wird reflektiert und wenn man diesen Impuls reflektiert auf die Lage, in der das alles stattfindet, kommt man auf ziemlich furchtbare Sachen, z. B. auf die Frage: Wenn schon in Geldangelegenheiten alles über die Staaten läuft, wieso müssen dann die Leute zusätzlich zu den Steuern noch was hergeben? Weil die Staaten sich eben ihre Ausgaben einteilen - übrigens eine Berechnung, die die Zeitungen ganz offen anstellen: Wenn Blair seinen Staatshaushalt strapaziert, dann muss er rechtfertigen, warum er das Geld nicht lieber in den öffentlichen Nahverkehr steckt, aber wenn jemand spendet, dann braucht man nichts zu rechtfertigen, dann ist das Geld einfach da. Dann wären auch Reflexionen angebracht, wofür das Geld eingesetzt wird; da käme man um eine Kritik der Absichten, die man dann nolens volens mit der eigenen Spende unterstützt, kaum herum. Da kann man durchaus noch der Meinung sein - dieser Meinung wäre ich in diesem Falle durchaus -, jeder Euro, den so ein Typ in Sri Lanka bekommt, wäre bei dem allemal besser aufgehoben als im deutschen Staatshaushalt und vielleicht auch besser als im Portemonnaie des Spenders - er hat das ja auch so entschieden und dagegen wäre auch gar nichts zu sagen -, aber bei derartigen Reflexionen käme die ganze Latte von Fragen auf den Tisch, die sowieso jeder aufmacht, ob das gespendete Geld überhaupt dort landet und, wenn es dort ankommt, wozu es dort dient. Da kann man dann zwar immer noch spenden, aber man hat dabei seine größten Bedenken. Die Verarbeitung des Spendenwesens, wie sie bei uns passiert, geht einen ganz anderen Weg.
- Derjenige, der spendet, hat doch die Vorstellung, dass der arme Teufel dort das Geld bekommt, aber das funktioniert alles gar nicht so einfach. Das sind ja auch alles Staaten, die privatwirtschaftlich organisiert sind, zumindest da, wo die Spenden hinfließen. Da wundert es einen nicht, wenn man im Fernsehen mitkriegt, wo die Gelder hinfließen: Ein Hafen wird wieder aufgebaut, Schulen, Waisenhäuser, Kindergärten, also alles öffentliche Einrichtungen. Das ist die Weise, wie das Geld zwischen Staaten schon immer geflossen ist. Aber dass die Leute, denen das Haus weggeschwemmt worden ist, Geld bekommen - wie soll das denn in solchen Staaten überhaupt funktionieren?
Das passiert ja auch nicht, bestenfalls wird es von der Katastrophenhilfe finanziert Die schickt das THW mit einer Wasseraufbereitungsanlage hin, das kostet eben Geld, muss finanziert werden, das erklärt der Staat für eine nichtstaatliche Zuständigkeit, dafür soll der Bürger extra gerade stehen, und der lässt sich nicht lumpen und, soweit jemand die Vorstellung hat und wenn einer denkt, er ernährt mit seiner Spende einen Betroffenen, dann ist richtig, dass er in der Regel falsch liegt, aber ist das wirklich der Gesichtspunkt für die Spendenbereitschaft? Die Staaten stehen jedenfalls auf dem fragwürdigen Standpunkt, dass sie hier eine Geldausgabe haben, für die sie die Mildtätigkeit ihrer Bürger gut mobilisieren können; und das können sie, weil angesichts einer derartigen Katastrophe jeder den Standpunkt hat, dass da mal eine ordentliche Planwirtschaft her müsste, dass da organisiert geholfen werden müsste und weil es die Planwirtschaft nicht gibt, ist das einzige Mittel, sie anzustoßen, das Geld, das dann das THW bekommt. Aber das ist der Ausgangspunkt dafür, dass das dann jetzt richtig organisiert wird - zu was hin denn eigentlich? Was ist denn, wenn die Leuchten der Volksmusik in Null Komma nichts ihr Programm umdeklarieren in eine Wohltätigkeits-Gala? Der spendende Bürger macht sich zum Parteigänger des Renommees seiner Nation; das Spenden verselbständigt sich zu einer Anstandspflicht. Für den anständigen Menschen gibt es laufend Kriterien, der muss ‚Guten Tag' sagen, muss höflich sein, darf nicht betrügen, soll sein Ehegespons gut behandeln, das sind die aktuellen Anstandspflichten, die der Mensch erfüllen muss, um ansonsten sein ganzes übriges Leben weiterzuführen. Deswegen hat man ja auch diesen Treppenwitz vor sich, dass das die Einleitung dazu ist, alles so weiter zu treiben wie bisher: Der Sportler betreibt Sport, aber bevor er seinen Ski in die Loipe setzt, lässt er erst mal reinschreiben: Sportler sind fürs Spenden da und hat irgendetwas für ebay gespendet, was dann dort versteigert wird und irgendeinem guten Zweck zufließt. Der Wahlkämpfer kämpft Wahl und vorweg sammelt er Spenden, und so von Volksliedsängern bis zu Fußballspielen, die dem Zweck der Spende gewidmet sind. Da rechtfertigt der moralische Mensch sein berechnendes Dasein durch die Erfüllung einer Anstandspflicht, mit der er sich gewissermaßen das Recht auf Vergnügen erkauft, in diesem Fall sehr drastisch das Recht auf Genuss dieses großen Unglücks, das einem wochenlang in bunten Bildern präsentiert wird. Zu dem hat sich das doch verselbständigt. Und wenn die Leute sagen, dass sie dorthin in Urlaub fahren, damit die Menschen dort etwas zum Verdienen haben - quasi aus dem Grund in Urlaub fahren, damit man dem Wirt was zusteckt -, das ist der Gipfelpunkt dieses verselbständigten Moralismus und da hat man auch die Denunziation des Ausgangspunktes so richtig drastisch. Der Bürger erkauft sich mit seinem Geld das Bewusstsein des Anstands, in dem er dann sein übriges Leben gestaltet.
Kleiner Exkurs: Wenn einem irgendetwas den Geschmack an dieser Sorte Ferienregion verdirbt, dann ist es der Unterhalt derer, die einen da bedienen. Jetzt zu sagen: "Genau deswegen fahre ich dahin, damit die meinen Dreck wegmachen dürfen und dafür Geld kriegen", ist schon ganz schön zynisch und verlogen. Wobei die Härte der Sache darin besteht, dass es sogar stimmt, dass die, so wie der Kapitalismus auf der Welt gestrickt ist, keine andere Chance für ihren Lebensunterhalt haben als die, Knecht in einem Touristenhotel zu spielen; das ist deren Lebenslage und das begründet Kritik an ihr. Sich dazu als zu einer Selbstverständlichkeit zu stellen und, damit die weiter funktioniert, würde man sich ein Vergnügen machen, das kombiniert den Zynismus - die haben keine andere Chance, also sollen sie diese haben - mit der Verlogenheit, man würde Urlaub machen für den volkswirtschaftlichen Effekt des eigenen Urlaubs.
Der Wiederaufbau, der jetzt so großherzig versprochen wird, wird seinem Namen alle Ehre machen. Das wird der Wiederaufbau genau der Verhältnisse, von denen immer wieder mal erwähnt wird, dass sie schon vor jedem Tsunami katastrophal sind: Fischer, die nichts als ihr Boot haben, sitzen, wenn das kaputt geht, auf einem Haufen Schulden, weil sie kein neues bezahlen können und ohne ein neues Boot auch nicht die Schulden, die sie für ihr altes machen mussten; oder in den Touristenrevieren, die ja für die dortigen Verhältnisse etwas Besseres sind, gibt es Dienstverhältnisse, die nicht einmal ver.di als Leichtlohngruppe konzedieren würde. Und es steht jetzt schon fest, dass spätestens ab Mitte des Jahres SPIEGEL und STERN mit Berichten über die "Veruntreuung unserer Spenden" aufwarten werden und darüber, wie viel davon wieder mal die Korruption genährt hat und dass alles in die falschen Kanäle geflossen ist. Das kann in einer funktionierenden Geldwirtschaft ja auch gar nicht anders gehen, als dass die Reichen, die ihr Hotel wieder aufmachen, ganz anders davon profitieren als die armseligen Kreaturen, die bestenfalls darauf hoffen können, als Hotelangestellte ein bisschen was davon abzukriegen - das steht doch jetzt schon fest und wird das glänzende Resultat dieses Wiederaufbaus sein. Es wird wirklich ein Wiederaufbau.
Wenn man nach dem Aufwand fragt, der den Leichen gewidmet wird (Einzelverpackung zwecks späterer DNA-Analyse u.a.m.), wo es doch wohl gescheiter wäre, ihn den Lebenden zu widmen, dann hat man gleich das eine harte Argument, nämlich das rechtliche (Notwendigkeit der Todeserklärung für die Versicherungen usw.). Das andere ist, dass zum Kodex des bürgerlichen Individuums ein gewisses Maß an Pietät gehört; es ist kein Zufall, dass Beerdigungsinstitute gerne so heißen, weil jenseits aller Gefühle - hat der Hinterbliebene den Toten gemocht; ist der Mensch traurig; hat er ihn nicht gemocht; ist er vielleicht insgeheim froh, dass der Störenfried weg ist …? - Ehrerbietung fällig ist, das ist dann die Pietät. Es wird zwar nie so geheuchelt wie bei einer Beerdigung, aber es wird immerhin geheuchelt. Denn das bürgerliche Individuum ist es sich schuldig, dass es selbst dann, wenn es froh ist, dass der Verstorbene nun nicht mehr stören kann, sich zur Ehrerbietung verpflichtet weiß.
Der Gesichtspunkt eines Bischofs ("Man muss den Toten ihre Identität wiedergeben.") und auch Fischers: "Jeder Tote braucht seinen Namen", ist ein ideologischer Unsinn, der da noch draufgesetzt wird. Das ist nicht die Pietät, wie die Römer sie erfunden haben: ein Pflichtbewusstsein gegenüber den eigenen Erzeugern oder gegenüber der eigenen Verwandtschaft - nämlich dass Liebe nicht einfach Liebe ist, sondern dass sie ein überdauerndes Verpflichtungsverhältnis gegenüber dem geliebten Menschen begründet, das die Generationen rauf- und runtergeht, weswegen in erster Linie die Verwandten dafür zuständig sind. Und das, was der Staat in seine Gesetze schreibt mit Erbfolge und Rente u. a. m., hat seine moralische Entsprechung in diesem Verpflichtungsbewusstsein gegenüber den geliebten Personen, das eben im Fall von Toten Pietät heißt. Wie all die Sachen, die in die Familie hineingehören, hat das immer seinen Anknüpfungspunkt an den Gefühlen von Leuten - natürlich möchte man, wenn der Lebensgefährte, den man noch mag, vom Wasser weggerissen wurde, wissen, ob er noch lebt oder nicht -, aber das ist nur der Ausgangspunkt für das, was sich dann in Sachen DNA-Analyse und Transfer in ein spezielles Grab auf deutschem Boden abspielt. Also diese alten biblischen Weisheiten wie: "Lasset die Toten ihre Toten begraben!", sind für das bürgerliche Individuum ein Zynismus.