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Zur Rolle Arafats beim palästinensischen Staatsgründungsprojekt

Nachtrag zur Separatismus-Debatte vom 4. Oktober ("Wir sind das Volk!")

Zuvor eine Frage zu Moral und Sittlichkeit

- Es geht mir um den Unterschied der beiden Begriffe Moral und Sittlichkeit. Im letzen GEGENSTANDPUNKT 304 gibt es im Artikel zu Italien, S. 65, ein Beispiel. Dort ist aufgezeigt, wie Berlusconi mit seinen Kritikern umgeht. Er stellt sich gut dar, wirft gegen seine Kritiker den Begriff Kommunismus in die Waagschale, geht in seinen Medien gegen sie vor und sogar soweit, dass er die Gesetzeslage verändert, und dann kommt der Satz: "Also säubert er den Justizapparat von den entsprechenden Figuren, dekretiert als Gesetz, dass Gesetze ihm grundsätzlich nichts anhaben können, und macht sich so die Justiz auch als moralische Anstalt zurecht, die in seinem Sinne fungiert." Wie ist es da gemeint. Eine Überlegung von mir dazu: Er selber macht sich als Kommunistenbekämpfer zurecht. Wenn er das als obersten Wert setzt und dann schaut, dass die Gesetze dem gemäß gemacht werden, ist das dann das Moment der Moral? Normalerweise ist es doch so, der Staat setzt sein Recht und der politisierte Bürger subjektiviert dieses Recht und geht auf seine Mitmenschen so los, dass er überall weiß, was gerecht ist. Damit betrachtet er gar nicht mehr die Gesetzeslage als solche, sondern als moralischen Wert und misst daran die Taten seiner Mitmenschen. Im Artikel geht es dann weiter: "Mit der sittlichen Aura, die er sich dabei verleiht, diskreditiert er in aller Grundsätzlichkeit einen Standpunkt, der ihm und der politischen Linie, die er dem Land verordnet, womöglich noch mit irgendwelchen sozialen Bedenklichkeiten kommen könnte." Mir geht es hier um den Begriff der sittlichen Aura, also die Sittlichkeit. Meine Überlegung dazu ist: Bei Sittlichkeit geht es ja immer um Sollen, Wollen, um Neigung und Willen. Dies fällt bei Berlusconi in seiner Art, wie er mit dem Recht umgeht und sich in Italien geriert, zusammen. Das heißt, der Wille und die Neigung von Berlusconi erhalten Gesetzeskraft. Wenn einer als sittlich dargestellt wird, z. B. jemand, der heiratet oder Geld verdient, dann geht immer die Pflicht und das, dass man es will, da auf, insofern ist das Tun sittlich.
Eigentlich ist Moral nur Sitte auf Latein. Die mores ist auf Lateinisch die Sitten. Moral bezeichnet eine affirmative Haltung zu den Sitten, wobei Sitten nicht nur Traditionen und Gebräuche sind, sondern zu den Gebräuchen - die sind damit durchaus auch gemeint -, den Sitten einer Gesellschaft gehört noch die Bedeutung dazu, dass die auch sein sollen, dass das, was die Gesellschaft treibt, in Ordnung ist; dass man sich danach richten soll; dass das nicht alles schlechte Angewohnheiten sind, sondern dass in den Sitten der Gesellschaft so etwas wie eine Norm verwirklicht wird. Sittlichkeit ist die subjektive Haltung dazu, dass man damit übereinstimmt. In dem Artikel wollten wir das nicht groß von Moral unterscheiden. Moral ist die positive Stellung zu geltenden Normen. Mit der sittlichen Aura ist nicht mehr gemeint als das: Er präsentiert sich als Anwalt dessen, was in Italien zurzeit als politischer Anstand gilt, was sich gehört.
Das zweite Angebot für heute Abend - und das betrifft den gerade angesprochenen Gegenstand - ist nicht unser, sondern das real existierende Rätsel: Wie kann es sein, dass der Chef der größten Kriegsmaschinerie, der gerade heftig damit beschäftigt ist, den Nahen Osten und den Rest der Welt ziemlich gründlich umzugestalten, und dabei über nicht wenige Leichen geht und intern seine Klassengesellschaft mit ein paar neuen praktischen Richtlinien ausstattet, was die Verteilung von Reichtum und Armut betrifft, eine Wahl gewinnt, die Zustimmung seines Volkes kassiert mit Gott und family values? ‚Family values' ist so ein Inbegriff von schlechten Sitten, die in der bürgerlichen Gesellschaft als unglaublich gut gelten; in Amerika schon gleich. Wie passt das zueinander, wo es doch erst einmal nicht dasselbe ist: Einen Krieg führen und öffentlich seine Familie liebkosen?
Sittliche Aura ist von Haus aus ein bisschen was anderes als der emphatische Begriff Sittlichkeit, nach dem hier gefragt wird. Mit Aura ist gesagt, dass sich Berlusconi dort für sein Treiben einen Rechtfertigungstitel der höchsten Art verschafft, dass er so etwas wie das Sittengesetz der Gesellschaft exekutiert. Das ist jetzt von dem Adjektiv moralisch nicht groß unterschieden.
- Nach dem alten Gegenstandpunkt ‚Moral, das gute Gewissen der Klassengesellschaft' ist die Moral die Anerkennung der geltenden Normen, obwohl sie nicht zu den eigenen Interessen passt. Moral ist nicht nur das Abholen von guten Sachen, von Normen, sondern es ist ein Fertigwerden mit der Differenz zwischen dem, was man eigentlich an Bedürfnissen und Interessen verspürt, und dem, was sich gehört.
Zwang gegen sich selbst gehört zur Moral auch dazu. Der Grund dafür liegt aber nicht einfach in dem Gegensatz zwischen Pflicht und Neigung, sondern in den Widersprüchen der Bedingungen, die der Verwirklichung des eigenen Interesses in der bürgerlichen Gesellschaft gesetzt sind. Deswegen gehört zur Sittlichkeit immer, dass man Sitten exekutiert, indem man sich auf die objektiv existierenden Bedingungen des eigenen Nutzens einlässt. Wenn der Mensch brav arbeiten geht, verfolgt er seinen eigenen Nutzen, aber für diesen Nutzen sind Bedingungen gesetzt: Dienst an der Sache des Unternehmens, die mit seinen eigentlich verfolgten Zwecken laufend in Widerspruch geraten. Die Moral affirmiert die Bedingungen gerade dort - da wird sie überhaupt als Moral merklich -, wo die in Gegensatz zu dem eigenen Interesse geraten.
Pflicht und Neigung sind zwar Kategorien, die selber in die Moral gehören. Es ist der Widerspruch in der Moral selber, den der Mensch sogar kennt und betätigt, die eigenen Interessen in eine Neigung zu verwandeln, die den Pflichten gegenübersteht. Das Interesse dissoziiert sich dann in Neigung contra oder in Übereinstimmung mit den Pflichten.
Ausgangspunkt sind immer die objektiven Bedingungen, die den Interessen der Menschen gesetzt sind. Erstens existieren sie als Ensemble von Sachzwängen und besitzen zweitens den Charakter von gültigen Bedingungen, von anerkannten Umständen, die Anspruch auf Zustimmung erheben. Das Subjekt soll die als Instrumentarium seiner Freiheit begreifen und akzeptieren. Der Mensch soll auch den ganzen Sittenkodex, die moralischen Vorschriften nicht als Gegensatz zu seinem Interesse verstehen, sondern sein Interesse dem gemäß einrichten. Er soll die objektiv gesetzten Bedingungen als Hilfsmittel seiner Freiheit begreifen. Das ist der Anspruch der Moral. Relevant ist es natürlich immer dort, wo es nicht zusammenpasst. Solange es zusammenstimmt, hat er ja mit der Einhaltung der guten Sitten kein Problem.
Nun zum Arafat, der hat ja auch eine sittliche Aura, und nicht zu knapp.

Arafat

Eine unsittliche Aura hat er noch dazu; da merkt man gleich die Relativität des Sittengesetzes, je nach dem zu welchem Staat es gehört.
Ein Einstieg geht darüber, was der israelische Minister bezüglich der Beerdigung des noch gar nicht gestorbenen Menschen gesagt hat: "In Jerusalem werden Israels Könige begraben und nicht arabische Terroristen." Dann regt sich die ganze palästinensische Welt auf und sagt: "Die eigentlichen Terroristen sind ja die Israelis und das ist unser großer Raïs, unser Präsident und Chef, unser leibhaftiges Sittengesetz. Wenn man den irgendwo begräbt, dann dort, wo uns alles heilig ist." Man kann aber auch an die politische Seite der Sache erinnern. Laufend liest man jetzt Kommentare zum Schicksal der Palästinenser und zu den Leistungen und Fehlleistungen von Arafat, in denen ständig aufgewärmt wird, er habe eigentlich den größten Fehler seines Lebens begangen, als er das Angebot von Camp David abgelehnt hat, bei dem er sich bloß noch mit Barak hätte einigen brauchen, dann hätte er seinen eigenen Staat gehabt. Dass er das ausgeschlagen hat, sei der große Fehler gewesen. Seitdem gehe es mit den Palästinensern bergab und man sehe daran, dass sich Gewalt nicht lohnt. Das ist ja auch der Standpunkt der Israelis: "Deren Gewalt darf sich nicht lohnen." Die Richtung der Überlegung, die man damit einschlagen würde, wäre: Was ist denn an dieser Diagnose, das sei sein größter Fehler gewesen, dran?
- In der SZ stand der Satz: "In der Person von Arafat liegt das Scheitern des palästinensischen Staatsgründungsprojekts begründet." Sie sagen damit, dass er nach wie vor als Symbolfigur und auch als Propagandist dieses Staatsprojektes, das nicht er, sondern die Amerikaner einmal auf den Weg gebracht haben, gesehen wird und als jemand, der den Rest von Anspruch aufrecht erhält. Von daher bestimmt sich die Debatte so, dass, wenn der endlich einmal weg ist, man dann ganz befreit neue Pläne für die Zukunft der Palästinenser machen könne.
Wie soll das verstanden werden? Soll das in die Richtung gehen, dass jetzt die Hoffnung besteht, dass man einen Palästinenserstaat ohne Arafat besser hinbringt, oder, dass man jetzt den ganzen Staatsgründungswillen losgeworden ist?
- Das Letztere.
Das kann man dem eigentlich nicht entnehmen. Ich glaube ja nicht, dass das Staatsprojekt eine amerikanische Erfindung ist - das verlangen die Palästinenser schon lange, aber dass das mit dem Tod von Arafat erledigt wäre, ist in den Kommentaren, die sagen: "Dessen Tod eröffnet neue Chancen", gerade nicht enthalten. Es wird ja eher so getan wie, dass es neue Chancen für einen Kompromiss gibt, bei dem auch die Palästinenser das bekommen, was ihnen zusteht. Die Eingangssentenz der SZ macht Arafat zum Vorwurf, er hätte die Staatsgründungssehnsucht der Palästinenser in den Sand gesetzt, und jetzt, wo er weg ist, könnte es vielleicht wieder einmal neu losgehen. Das Stichwort ist das palästinensische Projekt, für das Arafat zeit seines Lebens gestanden hat; das ist der Gegenstand, den es zu behandeln gilt, wenn man überhaupt etwas Sinnvolles zu diesem bevorstehenden Todesfall sagen will.
Bei dem zuvor Gesagten ist gerade der Witz verpasst. Es ist doch schon etwas Komisches zu sagen, ausgerechnet der oberste Repräsentant eines Programms wäre die Störung des Programms. Das ist doch zumindest erklärenswert.
- Das muss doch daran liegen, für welche Eigenschaften eines palästinensischen Staates diese Symbolfigur steht. Es war doch klar, Arafat will Sachen, denen die Israelis nie zustimmen.
Gut, was will er denn für Sachen? Die erste Eigenart ist, dass diese Staatsgründung ewig nicht zustande kommt. Man hat doch mitten im 20. Jahrhundert eine Reihe von Staatsgründungen erlebt: Kroatien ist völlig neu entstanden, sogar die "Ehemalige jugoslawische Republik Mazedonien" darf jetzt - in Amerika - einfach "Mazedonien" heißen. Israel, Bosnien-Herzegowina sind gegründet, von Weißrussland und der Ukraine einmal ganz abgesehen; drei baltische Staaten sind gegründet. Warum kriegen die Palästinenser das nicht fertig?
- Der palästinensische Staat soll auf einem Stück Land gegründet werden, das von den Israelis als Staatsgebiet beansprucht wird.
Ein erster Einstieg. Wie unterscheidet sich dieses Verhältnis von dem Standpunkt der jugoslawischen Zentralregierung: "Ihr könnt doch nicht einfach in einer Provinz, die bisher immer Kroatien geheißen hat, einen Staat gründen. Das ist doch unser gemeinsames Staatsgebiet. Das passt doch nicht zusammen, Jugoslawien als Gesamtstaat, und dann wollt ihr auf unserem Gelände einen Staat gründen."
- Jugoslawien war die unterlegene Macht, während Israel zusammen mit den Verbündeten die überlegene Macht in der Region ist. Israel kann seiner Behauptung, dass Palästina Siedlungsgebiet ist, mit seiner militärischen Überlegenheit Nachdruck verleihen. Das konnte Jugoslawien nicht, weil die Nato dagegen war.
Das ist ja fast noch das Übereinstimmende: Das Kräfteverhältnis war eindeutig. Im Falle Israels hat es für dessen Staatsgründung, im Falle Jugoslawiens hat es für die Staatsgründung Kroatiens ausgeschlagen. Das ist der Hinweis darauf: Ob es gelingt oder nicht, darüber entscheidet allemal das militärische Kräfteverhältnis.
- Der wesentliche Unterschied ist, dass im Falle Jugoslawiens die kroatische Staatsgründung eine war, bei der die Mannschaft des neuen Staates in den Gesamtstaat eingegliedert war und sich davon lösen wollte. Der Anspruch der Zentralgewalt war nicht, sie loszuwerden, sondern dass sie weiterhin Teile des gesamten Staatsvolks bleiben. Bei Israel und Palästina ist die Situation so, dass dort eine Mannschaft auf dem israelischen Gebiet einen Staat gründen will, das Israel als sein Gebiet beansprucht, und weiterhin besteht Israel darauf, dass diese Leute dort nichts zu suchen haben. In Israels völkisches Projekt passen die Palästinenser gerade nicht rein.
Warum passen die eigentlich nicht rein?
- Weil der israelische Staat festgelegt hat, dass die Identität des israelischen Bürgers in seiner Glaubenszugehörigkeit liegt, im Judentum.
Wenn man Glaube so weitherzig auffasst, wie die Juden das auffassen, ist da etwas dran. Sie wollen einen Judenstaat gründen. Dann ist man sofort bei der Frage, wer ist denn alles ein Jude. Das ist ja nicht so säuberlich sortiert, wie man sagen kann, wer ein Katholik ist. Wer ein Katholik ist, das ist kirchenrechtlich eindeutig festgelegt. Bei den Juden gibt es konkurrierende Auffassungen innerhalb des Judentums selbst. Und fromm sind die nicht alle. Man muss nicht unbedingt glauben, um eingebürgert zu werden.
- Ich habe das so gemeint, dass jeder Jude auf der ganzen Welt eigentlich ein israelischer Staatsbürger ist.
Das ist eine Sammlungsbewegung all der Juden, die dort ihren Staat gründen. Wenn man über die Palästinenser redet, kommt man aus noch härteren Gründen als den bisher genannten nicht darum herum, über die zionistische Besiedlung dieses Gebiets zu reden.
- Aus diesem zionistischen Anspruch, diesem Wahn, dass es ein von Gott verheißenes, heiliges Land gibt, dass von Juden besiedelt werden soll, heraus hat sich der Begriff Palästinenser überhaupt erst definiert. Es gab auf diesem Gebiet Leute, die zur Verwirklichung dieses Wahns nicht gepasst haben, die keine Juden waren, etwas anderes sein wollten, sich jedenfalls nicht eingefügt haben. Damit entsteht die Identität des Palästinensers, Opfer des zionistischen Staatsgründungsprojekts auf diesem Gebiet zu sein. Dadurch ist deren nationales Projekt überhaupt erst zustande gekommen.
Zu dem zionistischen Projekt würde ich nicht unbedingt Wahn sagen, denn Überbau und Projekt hat schon auch noch seine Reihenfolge. Aus den in der Welt verstreuten Juden ein Staatsvolk mit einem eigenen Land, unter einer eigenen Herrschaft und als komplette Volkswirtschaft gründen, das war das Projekt. Das Religiöse mischt sich sofort mit ein bei der Entscheidung, dass das dieses Land sein soll. Etlichen sozialistischen Zionisten wäre es wurst gewesen, wo man diesen Staat gründet. Aber dazu hätte man wiederum die Juden nicht zusammenbekommen, wenn man es in Tunesien oder sonst wo gemacht hätte. Und dieses Land besiedeln und zum eigenen Staatsgebiet machen, was hat dieses Projekt mit der ortsansässigen Bevölkerung angestellt, was waren die vorher?
Sie waren Mitglieder von Trümmern des osmanischen Reiches unter Treuhandverwaltung der Briten und Franzosen. In dem Fall der Briten. Die Nordgrenze war dabei die Grenze zwischen dem heutigen Israel und Syrien. Sie waren Hintersassen von türkischen und sonstigen Großgrundbesitzern, Untertanen einer Kolonialobrigkeit, die die osmanische Herrschaft beerbt hat, national überhaupt nicht zugeordnet - dies schon allein deswegen, weil es Nationalstaaten in dem Sinn dort noch gar nicht gab. Es gab dort Einteilungen des osmanischen Reiches und jede Menge Tradition bis 2000 vor unserer Zeitrechnung zurück, aber nationalstaatliche Zuordnung, auch nur so etwas in Analogie zu den Kroaten innerhalb des jugoslawischen Staatsverbandes, Bürger eines funktionierenden Staats, eingeteilt in eine Provinz mit einer eigenen Schrift für das Serbokroatische, hat es in dem Sinn nicht gegeben. Es gibt übrigens einen bemerkenswerten Reflex dieses Umstands in der Behandlungsart der ortsansässigen Bevölkerung durch die israelische Hauptmacht. Es gibt bis heute einen klaren israelischen Standpunkt, wenn die Palästinenser bei der Flüchtlingsfrage an die Israelis die Frage richten: "Wo sollen wir denn hin?", der diesen Ausgangspunkt der ganzen Sache sehr deutlich reflektiert.
- Sie bekommen dann zur Antwort: "Geht zu eueren arabischen Brüdern."
Ja, die Antwort lautet: "Ihr habt doch nicht bloß einen Staat, sondern ganz viele arabische Staaten." Die ganze arabische Welt sei so etwas wie das Auffangbecken, die adäquate Heimat, die Heimstadt der Leute, die nun einmal zufällig bei ihnen sind. Das hat das Moment von Wahrheit, dass die Palästinenser, die sie damals vorgefunden und zum größeren Teil vertrieben und auf das, was eine Zeit lang Westjordanland geheißen hat, zurückgedrängt haben, dass die national gar nicht zugeordnet waren. Es war eine arabischsprachige Mannschaft, die unter Kolonialherrschaft dort existiert hat. Dass die überhaupt den Status eines eigenständigen Volks bekommen haben, ist das Werk der israelischen Konkurrenz um dieses Land. Zumindest ist das die eine Hälfte der Volkwerdung der Palästinenser. Die andere Hälfte, die notwendigerweise dazugehört, ist, es hat sich ja auch wirklich - außer eine Zeit lang Jordanien - kein Staat bereit erklärt, sie als seine Staatsbürger zu akzeptieren.
- Wenn die in Jordanien in Lagern wohnen, sind sie als Staatsbürger gerade nicht akzeptiert.
Ja eben. Sie sind ja explizit von den Nachbarstaaten in Flüchtlingslagern aufbewahrt worden, um gegen die israelische Landnahme den Rechtstitel der Rückgewinnung in Form von Rücksiedlung der Flüchtlinge aufrechtzuerhalten. Das war der andere, der von der arabischen Seite geleistete Beitrag dazu, dass einmal wirklich nachzuvollziehen ist, wie ein von außen verhängtes kollektives Schicksal dieser Mannschaft innerhalb eines halben Jahrhunderts volksbegründend gewirkt hat. Über Jahrzehnte ist es zu einer gültigen weltpolitischen Realität geworden, dass die Palästinenser ein arabisches Volk außerhalb der real existierenden arabischen Nationalstaaten darstellen; also nicht so Untertanen zweiter Klasse des Haschemitenkönigs von Jordanien, auch keine staatenlose Masse, die dann letztlich in der Gesamtheit der arabischen Untertanen aufgeht, sondern definiert als ein Kollektiv, das eben mit den Israelis um dasselbe Siedlungsgebiet konkurriert und diese Konkurrenz mit Pauken und Trompeten verloren hat. Damit ist schon ein Zweites über den Staatsgründungswillen der Palästinenser gesagt.
In dem Maße, in dem sie sich als palästinensisches Volk konstituiert haben, ist in den letzten 50 Jahren die Verwandlung eines Kollektivs von Opfern in ein staatsgründungswilliges Volk abgelaufen - mit einer fatalen Hypothek belastet, dass nämlich das, was sie zu einem Volk mit Staatsgründungswillen gemacht hat, ihre Behandlung durch die Israelis und die anderen arabischen Nationen, dass das zugleich die Gründung eines Staats, wie sie ihn sich vorgestellt haben für dieses Volk, ausgeschlossen hat. Sie sind gleich als Volk mit einem frustrierten Staatsgründungswillen unterwegs. In dem Maß, wie der Staatsgründungswille entstanden ist, hatte er nicht bloß so wie z. B. bei den Kroaten diesen alten Gesamtstaat vor Augen und sich als Separatisten betätigt, sondern er betätigte sich gleich vom Standpunkt der verlorenen Konkurrenz zur zionistischen Staatsgründung. Das macht die eigentümliche Opferrolle, diese Gleichung von Opfer und Palästinenser aus.
- Die Palästinenser haben doch von Anfang an darauf gesetzt, dass die Parteilichkeit anderer Staaten für sie ihnen zum Erfolg verhilft. Sie haben damit kalkuliert, dass die Parteilichkeit so weit geht, dass das, was ein kriegerisches Programm ist, auch tatsächlich stattfindet. Sie waren immer von den Kalkulationen der anderen abhängig.
Eben weil sie als Opfer angetreten sind. Als Opfer sind sie zu einem Volk geworden, wobei man jetzt noch eins dazusagen muss. Eine dritte Partei gehört schon auch noch dazu, damit aus den Palästinensern dieses trostlose Volk geworden ist. Erstens gehören die Israelis dazu, die sie als arabische Masse aus ihrem Staatsverband sehr praktisch ausgegrenzt haben. Zweitens gehört dazu eine arabische Welt, die sie ihrerseits aus ihren nationalen Staaten ausgrenzt. Aber damit sie sich wirklich als Volk begreifen, aufmachen und einen Staatsgründungswillen entwickeln, gehört noch eine dritte Partei dazu. Die ist dann das Subjekt all dieser Berechnungen.
Zu den Arabern ist auch noch zu sagen, dass die sich auch gleichzeitig hinter deren Willen gestellt haben. Sie haben sie selber nicht haben wollen, sondern waren auch für einen Staat Palästina. Jordanien hat eine Sonderrolle gespielt und hat zwischendurch gedacht, sie würden Palästina mitnehmen.
Dazu, dass es einen palästinensischen Staatsgründungswillen gibt, gehört als Drittes immerhin noch so etwas wie die PLO. Also eine Organisation, die nichts anderes im Sinn hat, als die Gleichung von Befreiung aus der Opferrolle und Nation-Werden. Damit erst hat man die drei Agenten dieses weltgeschichtlichen Gesamtfehlers beieinander. Wenn, dann könnte man erst da eine Analogie zum Judentum ziehen. Dass die politischen Repräsentanten eines Kollektivs von Opfern, definiert durch ihre Feinde, nichts anderes im Sinn haben als den Schluss: "Na, dann wollen wir so etwas Ähnliches wie unsere Feinde auch selber werden. Wenn die israelische Staatsgründung uns drangsaliert, dann wollen wir selber das bessere Israel, nämlich ein arabisches Israel, ein Palästina werden.", dass sie diesen Willen artikuliert, dem Volk vorgetragen, dafür Beifall einkassiert haben, das vollendet erst das Gesamtkunstwerk, das die Palästinenser als Volk darstellen. Von daher erklären sich auch die Berechnungen, deren Subjekt die Palästinenser heutzutage sind und deren Hauptrepräsentant Arafat ist.
Wir haben jetzt die Personnage vor Ort, also die Palästinenser als Produkt der israelischen Landnahme und der arabischen Reaktion darauf, der feindseligen Ausgrenzung ihrerseits, indem sie daraus einen Rechtstitel gegen Israel machen, und die PLO, die daraus das Projekt verfertigt hat, die Konkurrenz mit dem zionistischen Staat aufzunehmen und gewinnen zu wollen - von wegen die seien bescheiden gewesen: Bis neulich stand noch in ihrem Programm, die Israelis ins Meer treiben zu wollen.
- Ist diese Situation erst seit dem 6Tage-Krieg so, seit 1967? Bis dahin hat doch das Westjordanland zu Jordanien gehört. Vielleicht waren die Palästinenser dort auch so etwas wie Bürger zweiter Klasse.
- Das Westjordanland ist ja auch Resultat eines Krieges. Das haben sich, nachdem die Staatsgründung durch Israel feststand, die Jordanier geholt.
Die erste Auseinandersetzung war um 1948 herum. Israel hat da seinen Staat ausgerufen, und die arabischen Nachbarn und eben die Palästinenser haben dagegen gekämpft. Mit der Ausrufung des Krieges hat Israel das ihm von der UNO zugewiesene Gebiet ausgeweitet. Während des Waffenstillstands sind die Jordanier als Schutzmacht in das Westjordanland gegangen und haben sich dann aber auch mit der PLO herumschlagen müssen, die die Israelis wieder heraushaben wollte. Die Gründung der PLO war auch gleichzeitig gegen die Jordanier gerichtet. Nach 1967 ist die PLO auch nach Jordanien gekommen. Im ‚Schwarzen September' ist König Hussein von Jordanien dann gegen die Palästinenser vorgegangen.
Deswegen ist die Rolle dieser dritten Partei wichtig. Die Mannschaft, das arabische Kollektiv, das von den Israelis mit ihrer Landnahme drangsaliert und großenteils in den Flüchtlingsstatus versetzt worden ist, hat die Konkurrenz um dieses Land als seinen Staat aufgenommen und das zu seinem Programm gemacht. Das war deren Beitrag dazu, dass es jetzt ein palästinensisches Volk gibt. Sie waren bis 1967 auch nicht zufrieden damit, als Anhängsel des Beduinenkönigs von Jordanien von ihm mitregiert zu werden. Die PLO wollte nicht das Reich des jordanischen Königs vergrößern.
Jordanien war zufrieden mit dem Gebiet um Israel herum. Auf dem Westufer sind die Palästinenser von den Jordanien nicht als jordanische Staatsbürger willkommen geheißen worden, ganz abgesehen davon, was ein jordanischer Staatsbürger ist. Das ist ja auch etwas ganz anderes als ein Arbeitslosenempfänger bei uns. Von daher kann man sich jetzt die Logik der palästinensischen Berechnungen klar machen. Dabei ist sofort klar - das ist jetzt ein Fortgang und nicht ein auch noch -, dass alle Schutz- und Betreuungsmächte dieses nahöstlichen Zirkus da ins Spiel kommen. Wie ist dann die Berechnung der PLO gegangen?
- Sie versuchen die Feindschaft, die die Araber mit Israel haben, für die eigene Sache zu nutzen.
Der Ausgangspunkt ist der, der vorhin gesagt worden ist, dass sie allein überhaupt nichts zustande gebracht haben; allein waren sie erst einmal nichts als Opfer mit einem großen Ehrgeiz. Damit kann man auf der Welt nicht viel anrichten. Man braucht Mittel, um überhaupt das Kollektiv zu erhalten, ihm seinen Staatsgründungswillen einzupflanzen und die Staatsgründung zu betreiben. Der Staatsgründungswille der PLO hat sich feindlich gegen Israel aufgetan, aber dazu, dass dieser feindliche Wille nicht einfach virtuell geblieben ist, eine bloße Idee, hat er Unterstützer gebraucht und gesucht. Unterstützer Nummer eins, die arabischen Nachbarn. Eine trostlose Berechnung. Was ist der Widerspruch solch einer Berechnung?
- Diese Berechnung beinhaltet, dass die jeweiligen arabischen Staaten aus ihrem jeweiligen nationalen Interesse sich für ein fremdes nationales Interesse, nämlich einen palästinensischen Staat, auch noch stark machen sollen.
So, es gab bei denen ja Gründe dafür, Israel Feind zu sein. Aber die sind nicht einfach identisch mit dem Projekt, einen schönen starken Palästinenserstaat dort aufzumachen. Mit ihrem Staatsgründungswillen haben die Palästinenser in ganzes Nest imperialistischer Widersprüche hineingestochert. Die Araber waren ja selber nicht die mächtigen Nachbarn, die dort über irgendetwas hätten entscheiden können, sondern sie waren aufgespalten zwischen den damaligen großen Betreuungsmächten des Weltgegensatzes der Nachkriegszeit. Deswegen auch die palästinensische Berechnung. Die hatte erstens die arabischen Nationen zum Adressaten als Helfershelfer für ihren antizionistischen Kampf. Aber in dem Moment, in dem sie sich an die Araber gewendet haben und sofort damit konfrontiert waren, dass die gar nicht eines Sinnes waren - es gab totale Gegensätze zwischen denen -, sind sie sofort bei der viel höheren eigenen Adresse gelandet, nämlich bei den USA, dem Westen, und der sowjetischen Seite mit ihren jeweiligen Interessen in der Region. Dieser Widerspruch begleitet dieses Staatsgründungsprojekt von Anfang an. Das eine Moment, den Staatsgründungswillen überhaupt bemerkbar zu machen, ist in dem Fall wie in jedem Fall, Unruhe stiften. Die, die das nicht leiden können, sagen dazu Terrorismus; die, die es leiden können, sagen dazu Befreiungskampf. Die Sache und die Berechnung sind dieselbe: Einen Staat gründen dadurch, dass man die staatliche Hoheit, die es gibt, angreift, dass man sie möglichst der Unwirksamkeit überführt, das ist das Elementarprojekt einer jeden Mannschaft, die einen Staat gründen will. Gewalt ist es in jedem Fall. Zugleich können sie aber diese Gewalt nur ausüben und sie auch nur betreiben mit Blick auf die Ordnungsmächte, die darüber thronen, als Angebot, eine neue Ordnung zu schaffen, die denen besser passt; also richten sie ein Zerstörungswerk an den vorhandenen Mächten mit Blick auf die maßgeblichen Mächte an, um sich denen als die bessere Ordnungsmacht zu empfehlen. In dem Widerspruch war und ist die PLO-Politik bei allen wechselnden Konstellationen von Anfang an geblieben. Es ist nicht so, als ob dieser Widerspruch nicht auflösbar wäre, die Israelis haben es ja geschafft, ihn aufzulösen. Wenn die stärkste Macht sich auf deren Seite stellt, dann hat irgendwann diese Mischung aus Terrorismus und Friedensangebot Erfolg. Pech für die Palästinenser, dass sie diese Macht nicht für ihr Projekt gewonnen haben. Aber das ist ein Pech, das einen Fehler hat. Die Palästinenser sind insgesamt ein Missgriff der Weltgeschichte, eine unerwünschte Nebenwirkung von ganz anderen Sachen.
Vom heutigen Stand stellt man sich immer so vor, dass es schon so etwas wie ein Autonomiegebiet der Palästinenser gäbe und sich zwei Territorien gegenüberstünden. Das war bis zum Oslo-Abkommen überhaupt nicht der Fall. Die Palästinenser waren immer Terroristen sowohl gegenüber Israel als auch den Ländern, in denen sie jeweils gerade waren, von denen aus sie jeweils kämpften. Sie waren Terroristen für die Jordanier genauso wie für die Libanesen. Mit ihrem Kampf haben sie jeweils die Berechnungen dieser Länder gestört, gleichzeitig waren sie auf deren Unterstützung angewiesen.
Die Palästinenser hatten für ihr Staatsgründungsprojekt gar keine andere Wahl, als sich den Mächten, die es gab, als Dienstleister, als Helfer, als funktionelles Element in deren Auseinandersetzung mit Israel anzubieten. Das Resultat war, dass sie auf die Rolle reduziert worden sind, die sie in den Berechnungen dieser Nachbarstaaten für deren Feindschaft gegen Israel spielen sollten. Das hat im Falle des Libanon oder Jordaniens ein ziemliches Gemetzel gebraucht, um sie auf diese Rolle zu reduzieren. In anderen Fällen, in Syrien, ist es ein Stück weit konform gegangen, da war ihre Unterstützung gleichzeitig ihre Funktionalisierung. Das Ideal der Palästinenser war eine Zeit lang, dass sie der Katalysator einer panarabischen Sache seien. Sie führen gewissermaßen über ihre Feindschaft gegen Israel die Araber zu der großen Gesamtnation zusammen, die die Araber doch eigentlich immer werden wollten. Sie sind die Katalysatoren für das, was Israel ihnen immer auf den Kopf zugesagt hat: "Ihr seid doch Araber, eure Heimat reicht von Marokko bis Irak, geht doch dorthin, es ist doch alles euer arabisches Land." Gleichzeitig war Israel als der Vorposten gewisser imperialistischer Interessen der Hauptakteur bei der Unterbindung aller arabischen Einigungsversuche. Und auch das gehört in das Schicksal dieser trostlosen Mannschaft der Palästinenser hinein, dass sie in ihrem Versuch, die Araber im Kampf gegen Israel zu einen, zum Opfer der Uneinigkeit, der divergierenden Interessen der nationalen Berechnungen und der untereinander feindseligen nationalen Berechnungen der arabischen Staaten geworden sind.
- Weil sie sich zum Mittel der Feindschaft der arabischen Staaten zu Israel gemacht haben, haben sie in dem Maß, in dem diesen diese Feindschaft ausgetrieben worden ist, auch ihren Rückhalt verloren.
Insofern sind sie bis heute die abhängige Variable in ihren Konjunkturen des Stellenwerts, den sie für andere gehabt haben. Das gilt auch für die letzte Intifada, das macht auch deren Trostlosigkeit aus.
- Von der Seite des Westens betrachtet, weiß ich nicht, warum die sich für die Sache der Palästinenser stark machen sollten. Wenn der Westen konkurriert, dann doch, weil dort etwas zu holen ist, oder weil man sich einen militärisch starken Partner zum eigenen Bündnispartner machen will. Bei den Palästinensern sehe ich nichts Derartiges. Ich wüsste nicht, wie die Palästinenser vom Westen als Mittel benutzt werden könnten.
Dass von den Palästinensern außer ein paar Orangen nichts zu holen ist, ist klar. Deswegen, wenn es überhaupt ein imperialistisches Interesse an denen gibt, dann liegt dies auf einer anderen Ebene. Auf welcher Ebene das liegt, ist schon vorgegeben mit der Identität des palästinensischen Staatsgründungsprojekts, dass es definiert ist durch seine Gegnerschaft, durch seine feindselige Konkurrenz mit dem zionistischen Staatsgründungsprojekt, das jetzt als Israel stolz und mächtig dasteht. Alle Berechnungen mit den Palästinensern sind abgeleitet aus Berechnungen mit Israel und deren Verhältnis zur arabischen Welt insgesamt.
Der Zusammenhang - die Interessen an den arabischen Ländern insgesamt und was Israel da vorhat und wie es sich mit Unterstützung der USA da aufbaut - ist mir klar, aber mir kommen die Palästinenser wie ein moralisches Argument vor, das man da gegen israelische oder amerikanische Interessen ins Feld führt.
Da ist nichts Moralisches dran, wenn die Europäer die Palästinenser monetär unterstützen oder denen Flughäfen bauen, dann drücken sie so aus, dass der Frieden da noch nicht geregelt ist und gleichzeitig ihren Anspruch, dass sie Mit-Entscheidungsmacht sind dabei, wie dieses Verhältnis zwischen Israel und Palästina ausgeht.
Es ging um das Kräfteverhältnis zwischen Israel und der arabischen Welt. Erstens will man darauf Einfluss nehmen und zweitens will man darauf Einfluss nehmen, wer darauf Einfluss nehmen darf - ob es die USA sind oder die Sowjetunion oder damals auch Frankreich, das da seinen Einfluss geltend machen kann; dafür wurden die Palästinenser funktionalisiert.
- Es war die historische Leistung der demokratischen Sozialisten wie Kreisky und der blockfreien Staaten, dass der Anspruch auf Staatsgründung, den Arafat damals vor der UNO formulierte, dass so was zum ersten Mal in der Staatengemeinschaft als Dokument erscheint und dass das gegen die Amerikaner durchgesetzt wurde. Das sollte ein Beispiel dafür sein, dass es im Westen durchaus Tendenzen gegeben hat, gegen die USA so was zu erzwingen, was nicht nur in eine moralische Parteinahme für die Palästinenser mündet.
Das ‚gegen' stimmt nicht ganz, weil die Amerikaner ja auch die arabische Welt von der Sowjetunion loshaben wollten und nach deren Ende den Oslo-Prozess gemacht und die Friedensabkommen Israels mit Ägypten und Jordanien geregelt haben.
Man merkt, sobald man über Erfolge und Misserfolge des palästinensischen Staatsgründungsprojekts redet, redet man über ein ganz verdrechseltes Echo von Auseinandersetzungen ganz anderer Art, nämlich von imperialistischen Auseinandersetzungen über die Zuständigkeit für eine ganze Region und der Auseinandersetzung über den Stellenwert, den Israel als Feind der arabischen Nationen darin spielen sollte. Da durchkreuzen sich all diese Berechnungen - das Interesse des Westens an einer Beschränkung des gesamtarabischen Machtwillens, das Interesse an einer Spaltung der arabischen Welt in verschiedene Nationalstaaten, zugleich das Interesse an einer Abspaltung der Sowjetfreunde von dieser Allianz und von diesen ganzen Interessensbündeln her die Würdigung Israels als der Vormacht, die in der Region militärisch das Heft in der Hand behält, die also auch als Abschreckungsmacht gegen alle arabischen Nachbarn fungiert. In dieser komplexen Konkurrenz, die hauptsächlich zwischen der Sowjetunion und dem Westen getobt hat, die aber auch so ihre Unterabteilungen innerhalb des Westens hatte, das waren die determinierenden Punkte für die Karriere dieses Staatsgründungsprojekts in seinen ersten vierzig Jahren. Die Karriere seither ist nicht viel besser. Das hatte seinen Höhepunkt zu Zeiten, als die Berechnungen der USA mit dem Stellenwert Israels eine Tendenz hatten, Israel als einen nahöstlichen Staat unter anderen einzugliedern in eine befriedete nahöstliche Staatenwelt. Das war der Höhepunkt des Oslo-Prozesses und dass den Palästinensern so etwas wie ein Pseudo-Staat unter zionistischer Oberhoheit auf dem beanspruchten Gelände zugestanden wurde, das war die Konstellation, von der behauptet wird, dass Arafat da hätte zugreifen sollen, quasi als oberster Gefängnisleiter für sein Palästina unter israelischer Oberaufsicht. Das war ihm anscheinend zu blöd. Aber darüber ist die Weltgeschichte hinweggegangen bis hin zu einer neuen Aufwertung Israels als des einzigen verlässlicher Postens und einer wichtigen Abschreckungsmacht, die dort im Interesse der USA ihren Gang geht und das palästinensische Staatsgründungsprojekt zumindest derzeit zu einer Chimäre verurteilt, für die sich so gut wie keine Macht wirklich stark macht. Also mit dieser Doppelstrategie Terrorismus und Angebot können sie zur Zeit überhaupt nicht landen; das ist dann auch der Grund dafür, dass die Abteilung ‚Terror machen' den Charakter der Zweckbestimmung: wir machen uns unentbehrlich für eine neue Ordnung, wir stören die Ordnung so lange, bis wir zu ihrer Regelung wieder herangezogen werden, immer mehr verloren und der Standpunkt der Rache für die zugefügten Opfer ziemlich überhand genommen hat.
- ... wie geht der Übergang von dem Überlebenskampf, mit dem die Palästinenser durch das Siedlungsprogramm der Israelis konfrontiert worden sind, zu dem: Da muss eine Nation her? Sie hatten wohl eine Berechnung, dass man als Staat in einer Staatenwelt einen gewissen Respekt genießt, und sahen in einer Staatengründung eine Art Überlebensgarantie.
Ja, das ist das Affirmative, sie haben sich auf die Welt bezogen, wie sie ist und haben gesagt: in die wollen wir rein. Aber mit der Kategorie ‚Überlebensgarantie' ist das nicht richtig getroffen, denn sie haben ja nicht gesagt: "Wir machen einen eigenen Staat, damit wir in Ruhe gelassen werden", sondern: "Wir machen einen eigenen Staat und treiben die Israelis ins Meer, weil da gehören sie hin und dieses Land gehört uns und wird unser Staat." Damit haben sie als Opfer ein konkurrierendes Projekt aufgemacht, und das ist nie eine Überlebensgarantie.
- Den Übergang von: "Wir sind als Gesamtkollektiv Opfer", zu: "Es muss eine Nation her", muss man dann aber als Palästinenser gemacht haben.
Ja, deswegen habe ich vorhin Wert darauf gelegt: Dazu gehört noch eine dritte Partei, nämlich die PLO, die sagt: "Das ist ein nationaler Befreiungskampf, den wir hier führen." Es gab auch Phasen und Abteilungen innerhalb der PLO, die das Projekt eines Zweivölkerstaats, also ein einheitlicher Staat mit gleichberechtigter palästinensischer und israelischer Bevölkerung verfochten haben - auch das eine sehr staatsfromm gedachte Alternative zu einer palästinensischen Staatsgründung -, aber das war weder damals noch heute die Hauptkampflinie der Palästinenser. Gescheitert ist dies Projekt sowieso am völkischen Charakter des israelischen Staats; der hat zwar auch seine arabischen Bürger, aber die haben es nicht sehr gut, rein staatsbürgerlich betrachtet. Dann kann man zwar immer noch sagen, einem durchschnittlichen arabischen Staatsbürger in Israel geht es vielleicht noch besser als dem eingewanderten russischen Juden. Wenn man die materielle Lage ins Auge fasst, sieht die Sache sowieso anders aus, heutzutage schon gleich, aber unter bürgerrechtlichen Gesichtspunkten sind auch die in Israel eingemeindeten Araber nicht so ganz vollwertig. Zum Militär z. B. dürfen sie nicht und da kann man sich ja vorstellen, was da alles an Konsequenzen dranhängt: Man ist kein vollwertiger Bürger, wenn man für den eigenen Staat nicht sterben darf. Für Israel hat nie zur Debatte gestanden, die große Masse von ausgegrenztem arabischen Volk zum eigenen Staatsvolk zu machen. Das ist auch heute noch der schlagendste Einwand gegen die Annexion des ganzen Gebiets, weil dann die Frage ist, was man mit der Bevölkerung macht. Logischerweise müsste man sie vertreiben, sie sind prinzipiell der Zusammenarbeit mit der PLO verdächtig, aber vor allem gehören sie nicht zu einem Staatsgründungsprojekt, das die Heimstatt des jüdischen Volkes sein will; dieses Völkische gehört ja zur jüdischen Staatsräson, ist sein Ethos und Gründungsstandpunkt. Aber wir wollten diesmal ja über die Opfer schimpfen, die wie meist in der Weltgeschichte nicht besser sind als die Täter, jedenfalls dann, wenn sie aus ihrer Opferrolle immer nur den Schluss ziehen, so was wie die Täter wären sie schon lieber.
Die haben eben in die imperialistische Welt geblickt und gesagt: "In der wird man nichts, es sei denn, man ist ein Staat." Dann haben sie sich selber aber als unterdrücktes Volk definiert und als solches hat es immer den Standpunkt: Wie wird man die Unterdrückung los? Also nicht Ausbeutung, sondern Unterdrückung als Volk. Da muss man sich aufstellen und schauen, wie man die Unterdrücker los wird, und das macht man, indem man einen eigenen Staat macht, weil man dann das richtige Staatsvolk im richtigen Staat ist. Das haben die Juden genauso gemacht. Dass sie tatsächlich in dieser Opferrolle waren und in vielen Staaten als "fremdvölkisches" Element ausgerottet worden sind, ist natürlich nie der Grund dafür, dass sie diesen Übergang selber machen, sondern dass sie sich diese Definition zu eigen machen und sagen: "Dann sind wir auch nur das, als was die uns behandeln. Wenn die uns als Juden vergasen, dann sind wir eben ein vergastes Judenvolk und das darf nicht sein." Diesen Übergang haben die Palästinenser offenbar auch hingekriegt, aus ihrer Opferrolle heraus zu sagen: "Daran, dass wir Opfer sind, merken wir, dass wir ein unterdrücktes Volk sind."
Ich wollte noch was sagen zu der Auffassung, die am Anfang verhandelt worden ist, dass mit Arafat endlich ein Störenfried dieses Prozesses wegkommt. Diese Auffassung hat etwas Gemeines, denn wenn etwas das palästinensische Projekt salonfähig gemacht hat, dann war es das Moment von Terror, das die Palästinenser ausgeübt, mit dem sie gewaltsam auf sich aufmerksam gemacht und zugleich an diese Gewalt die Berechnung auf die Mächte angehängt haben, von denen sie gewusst haben, dass es an denen hängt: die Sowjetunion, die USA, die wollten sie ja auch beeindrucken. Arafat hat es geschafft, vor die UNO zu gehen, und er hat da ausgedrückt, dass die Gewalt, die er ausübt, für diese Anerkennung gedacht ist; dass er die dann nicht bekommen hat und dass die Gewalt, die er gehabt hat, bloß so etwas wie eine Demonstration war, hat an den Berechnungen gehangen, die mit ihm angestellt wurden und an den Gewaltmitteln, die er bekommen hat oder auch nicht und vor allem an der israelischen Gegengewalt, durch die er schließlich als ohnmächtig entlarvt worden ist. Er hat die Anerkennung eben nicht bekommen, weil sich kein Staat hinter ihn gestellt hat. Ihm das vorzuwerfen und zu sagen, wenn er die Gewalt gar nicht ausgeübt hätte und jetzt noch abschwüre und sich so gleich den Berechnungen überließe unter dem Motto: Macht mit uns Palästinensern, was ihr wollt, dann käme auch sein Projekt zum Zuge, ist dabei die Gemeinheit. Man kann viel über den Arafat sagen, aber nicht, dass er diesen Prozess gestört hat.
Er hat ja auch mal den Friedensnobelpreis bekommen (zusammen mit Rabin und Peres), das ist eine schöne Klarstellung darüber, wer - von Mutter Teresa und solchen Figuren mal abgesehen - einen Friedensnobelpreis als Politiker verdient: Da muss man schon erst mal Terror machen, um für seine Beendigung belohnt zu werden. Das ist übrigens auch die Logik, nach der die Israelis jetzt sagen, dass man dem keinen Millimeter nachgeben darf, sonst anerkennt man ja die Produktivität des Terrors, den er macht.
- Der Mandela hätte vor 40 Jahren auch keinen Friedensnobelpreis bekommen. Da muss dann schon ein imperialistisches Interesse vorhanden sein, damit der ehemalige Terrorist zu Ehren kommt.
Und dass der aus seiner Gewalt was Produktives macht, wobei man auch wieder merkt, dass das gar nicht an ihm liegt, ob die Gewalt, die er exekutiert, in das Fahrwasser einer gescheiten Souveränität einmündet. Im Fall Arafat heißt das, dass er die Gewalt, die da jetzt unterwegs ist, gegen die Unruhestifter in seinen eigenen Reihen hätte richten müssen. Das war ja auch immer die Forderung an ihn, dass er die Richtigen fertig machen soll. Wenn er die fertig macht, beraubt er sich allerdings seines Mittels. Das ist die Drangsal oder die Dialektik der Grußadresse an die Imperialisten; das wird ja auch in allen möglichen anderen Zusammenhängen immer offener verhandelt als Methode eines gescheiten Imperialismus: Zuckerbrot und Peitsche, das liest man jetzt einmal pro Woche in der biederen NZZ über den Umgang mit dem Iran: Sie sollen den Iran mit der Peitsche der Drohung israelischer Bombenüberfälle erpressen und mit dem Zuckerbrot ‚angereichertes Uran' locken, damit sie auf einen eigenständigen Atomkreislauf verzichten, das ist so das Modell. Natürlich versuchen alle, die einen Staat gründen wollen, das anzuwenden, Unruhestifter und Angebot zugleich zu sein, und die Momente, wo der Arafat damit Anerkennung gefunden hat, sind eben der Auftritt vor der UNO und der Friedensnobelpreis. Israel hat die Überführung dieses halben Erfolgs in einen ganzen nicht zugelassen. Und eins ist sehr offensichtlich: die Parallelität des Abstiegs von Arafat in der Weltmeinung zu einem bloßen Hindernis des Friedens und der Wandel im Charakter des palästinensischen Widerstands selbst. Dass man ihn dafür verantwortlich macht, ist sicher ungerecht, dass beides zusammengehört, glaube ich schon, weil in dem Maße, wie die Perspektive, es könnte ein Staat daraus werden, der unter folgenden erfüllbaren Bedingungen Unterstützung findet, weg ist, ändert auch der Widerstand seinen Charakter: Dann werden die Momente der Berechnung und des Angebots an eine imperialistische Macht, die einem dann auch zum Erfolg verhilft, fadenscheiniger, und die Momente des Berechnungslosen, des Protests, nehmen dann überhand. Dass das dann nicht mehr einfach das Projekt eines palästinensischen Staats ist, sondern dass da im Hintergrund die Idee eines islamisch aufgemöbelten sittlichen Gemeinwesens dahintersteht, ist kein Wunder. Dem Jenseits zu einer Existenz im Diesseits zu verhelfen, gehört zu den brutaleren Errungenschaften der Staatsgründungsprojekte auf der Welt.
Das hat auch noch die zweite Seite, dass nicht nur die Perspektive zurückgestutzt ist, sondern auch die Mittel auf das, was wir Gegenwehr der Ohnmacht nennen. Israel hat es ja durchaus fertiggebracht, dass es keine Macht mehr gibt, die sich hinter die palästinensische Sache stellt; insofern sind das auch keine Kriegsaktionen mehr, was da jetzt läuft.
Es sind immer die zwei Seiten: was bringen sie selber zuwege und wie stellen sich die imperialistischen Adressaten dazu? Und die Vorgabe, die Arafat und seinem Renommee das Genick gebrochen hat, ist die der USA: Gegengewalt gegen etwas, das die Amerikaner als ihren Besitzstand betrachten, betrachten sie überhaupt nicht mehr unter dem Gesichtspunkt: Kann man die befrieden? Sie buchen sie vielmehr völlig unter Terrorismus ab und wollen sie fertig machen. Osama Bin Laden hat doch auch seine Berechnungen, z. B. in seiner Grußadresse vor der Wahl in den USA, diese salbungsvollen Einlassungen: ‚Weder hat euer Chef es in der Hand, liebe Amerikaner, ob ihr weitere Anschläge erleidet, noch liegt es in unserer Hand, sondern das liegt ganz bei euch.' Das ist von dessen Seite her wie ein Angebot: ‚Würdigt mal unseren Terror, würdigt uns als welche, die ihn auch lassen können, geht auf unsere Forderungen ein, dann finden wir schon einen Modus vivendi!' Dass er seine Anschläge als Unterstützung für die ohnmächtige Gegenwehr der Palästinenser begründet, wird ja auch in den europäischen Berechnungen aufgenommen, allerdings in der umgedrehten Wendung: Kann man dem Osama seinen Terrorismus nicht abkaufen, zumindest die Massenwirksamkeit seines Terrorismus, wenn man den Nahen Osten befriedet? Das sind alles Arten und Weisen, Terror zu würdigen. Und genau das Terror-Würdigen, also als eine Sache betrachten, die man durch Entgegenkommen abstellen kann - Osama Bin Laden hat ja durchaus auch seine Peitsche und Zuckerbrot - haben die Amerikaner sich und gemeinsam mit den Israelis in Palästina und überhaupt im Rest der Welt verboten.
- Vorher wurde gesagt, dass der Terrorismus der Palästinenser sich im Lauf der letzten Jahre verändert hat. Das glaube ich nicht; sie machen das, wozu sie die Mittel haben. Dass sie nur noch in Selbstmordattentaten auftreten, liegt doch daran, dass ihnen die anderen Mittel entzogen worden sind.
Das glaube ich nicht, weil eine Strategie der Selbstmordattentate auch für Terroristen ein bisschen etwas Extravagantes ist; der normale Terrorist möchte das Ziel, für das er kämpft, schon auch selbst erleben.
- Wenn deren Ziel ist, wir wollen erreichen, dass diese Region inklusive Israel nicht befriedet ist, solange es keine Lösung für Palästina gibt, dann lohnt es sich, für dieses Ziel zu sterben, das war bei den Terroristen mit den Flugzeugentführungen genauso.
Entführung und eine Forderung aufmachen ist etwas anderes als diese Fakten setzen, und den Unterschied kann man nicht nur darauf reduzieren, dass denen die Mittel fehlen. Natürlich fehlen denen die Mittel, aber damit ändert sich auch der Zweck des Terrors, den sie ausüben, der heißt nämlich: ‚Wir demonstrieren, dass wir nicht einfach aufgeben.' Das zweite ist: Es trennt sich das Moment von Repräsentation eines Staatsanspruchs von dem Terror, der daneben ausgeübt wird - das fällt übrigens in der Person vom Arafat irgendwie noch zusammen. Jetzt heißt es ja schon: Was wird aus der kämpfenden Mannschaft, was wird aus den Pseudo-Staatsvertretern, die im Anzug herumlaufen? An dem Terror ändert sich schon etwas, es werden nämlich Verzweiflungstaten.
Es ist ein Unterschied, dem Terror zu begegnen mit dem Anspruch: ‚Wir befrieden das', oder mit dem Anspruch: ‚Wir rotten das aus'. Israel hat sich unter Scharon zu dem zweiten Standpunkt entschlossen, und das muss man in die Frage der Entmachtung und der fehlenden Mittel auch noch mit aufnehmen. Dann bekommt das für die, die weitermachen, durchaus ein Moment von ‚trotzdem', also mehr von Rache als von politischer Berechnung. Es war der Ausgangspunkt der zweiten Intifada, dass die Israelis gesagt haben, dass jetzt Schluss ist mit dem Friedensprozess, und da war am Anfang sicher die Berechnung: Wir stellen quasi die Waffengleichheit wieder her, wir lassen sie spüren, dass wenn sie den Friedensprozess kündigen, sie das teuer zu stehen kommt mit der Perspektive, dann lebt er wieder auf. Aber wenn sich das Jahr für Jahr aufarbeitet an der Gegenseite, die sagt: ‚Wir nehmen überhaupt nichts mehr auf, sondern wir machen euch fertig', und dann trotzdem und mit diesem Mittel der Opferung, also des Selbstmordattentats, dagegenzuhalten, das hat schon Momente von Verzweiflungsakt.
- Was sie aber demonstrieren, ist, dass der Wille der Palästinenser, sich Israel nicht zu unterwerfen, trotz der Haltung von Scharon nicht gebrochen ist.
- … Bei früheren terroristischen Akten ging es doch nicht darum zu demonstrieren, dass es einen noch gibt, sondern um irgendwelche Forderungen an die Gegenseite, also das waren doch operative Ziele so in etwa, wie bei einem normalen Krieg auch und das ist was anderes als die reine Verzweiflungstat, die weder Forderungen hat noch Angebote macht, sondern bei der man sich in einem Tel Aviver Café in die Luft sprengt.
Der Hauptwitz ist schon die Gegenseite, die sagt, sie lässt sich auf nichts ein, und solange das nicht eingestellt wird, haut sie einfach drauf. Das ist das Entscheidende, denn von der anderen Seite gibt es immer noch die Beispiele, dass die Hamas und die anderen radikalen Gruppen nach Ägypten gehen, Vorschläge für einen Waffenstillstand oder Friedensverträge machen, aber das geht immer von der Voraussetzung aus, dass die Israelis Zugeständnisse machen, aber es steht nun mal von vorneherein fest, dass die keine machen. Und noch was zu den Selbstmordattentaten als reine Verzweiflungstaten: Das sind eben die Waffen derer, die keine normalen Kriegswaffen haben.
Noch mal zu denen, die auf Berechnung setzen, auf einen Kompromiss, für den man den Terror dann wieder einstellt, wenn die tatsächlich mal so einen Deal hinkriegen würden, dann hätten sie einiges zu tun, diese Typen wieder einzufangen, also Typen, die sich im Namen von Allah mit dem Imperialismus insgesamt anlegen, die fängt man mit so einem Kompromiss, dass man so ein Stück palästinensische Selbständigkeit bekomme, so leicht nicht wieder ein. Das war ja auch die Crux für Arafat bei der zweiten Intifada. Da merkt man, das entgleitet den Berechnungen, mit denen es Arafat immerhin zu seinem Friedensnobelpreis gebracht hat, bei dem Selbstmordattentatswesen verselbständigt sich das Aufbegehren gegen den imaginären Gegner ‚gottlose imperialistische Welt' schon ein ganzes Stück von der puren Berechnung: Wir stören die Kreise der amtierenden Besatzungsmacht und hören damit auch mal wieder auf, wenn wir Selbstbestimmung seriöser Art bekommen. Die kriegen da wirklich noch einiges zu tun mit ihrer eigenen aufgehetzten Mannschaft, wenn je ein Verhandlungsprozess in die Wege geleitet werden sollte.
- Die Aussage von Journalisten, dass der Tod Arafats den Israelis im Augenblick ungelegen komme, hat also keine rechte Grundlage, weil das ja damit spekuliert, dass den Israelis an einem berechenbaren Verhandlungspartner gelegen sei, aber der Art und Weise, wie die sich auf den palästinensischen Widerstand beziehen, ist zu entnehmen, dass für sie der Terror nicht verhandelbar ist und ausgerottet gehört, für sie ist es deshalb auch egal, welcher Art der Widerstand ist.
Das Argument der Journalisten ist deshalb so albern, weil die Entscheidung, ob die Israelis mit einer anderen Führung anders verfahren oder nicht, die freie Entscheidung der israelischen Seite ist. Diese Journalisten versteigen sich ja zu der Vorstellung, Scharon hätte sich eine Falle gebaut mit seinen ständigen Anschuldigungen gegen Arafat, der sei kein Verhandlungspartner, und dieses wunderbare Argument sei ihm aus der Hand geschlagen, wenn Arafat tot ist, und er könnte dann nicht mehr wie bisher Verhandlungen verweigern. Das ist das Alberne, denn ob die Israelis sich dann weigern oder ob sie einen Versuch machen, wie weit sie die neue Führung in die Kapitulation hineinbugsieren, ist israelische Entscheidung, und das haben sie auch schon einige Male angekündigt, dass sie sich diese vorbehalten.
- Nach dem, wie die Debatte bisher gelaufen ist, ist es doch ganz egal, ob Arafat stirbt oder noch ein Weilchen lebt.
Für das Prinzip der Sache, so wie es jetzt besprochen wurde, hängt an der Person gar nichts, weil er der Repräsentant dieses Widerspruchs ist; wie wichtig oder unwichtig sein Ableben ist, liegt ausschließlich daran, was die Israelis daraus machen, was das für Wirkungen auf seine Anhängerschaft hat, ob die sich einem neuen Typen anschließen oder nicht, auch dafür ist entscheidend, was die Israelis daraus machen, wie die jetzt weiter verfahren.
- Das ist doch der diplomatische Popanz, den die Amerikaner und die Israelis - zur Zeit eh sehr miteinander im Reinen - aufgebaut haben, zu sagen, die Verhandlungen gehen nicht weiter seinetwegen. Jetzt kommt es darauf an, ob sie sich dazu entschließen, diesen Schein zu beerdigen oder nicht.
Was mit Arafat auf jeden Fall untergeht, ist das, wofür er am Ende noch symbolisch gestanden hat, obwohl er faktisch gar nicht mehr dafür gestanden hat, nämlich, dass es einen respektablen, irgendwie erfolgreichen palästinensischen Terrorismus gegeben hätte, als Terrorist hat er angefangen und sich als Figur in den Friedensprozess hineinbegeben und da auch ein Stück weit Anerkennung bekommen, er steht für die Diplomatie, die die ganze Zeit stattgefunden hat und die die Israelis jetzt beerdigt haben. Er steht für die Verweigerung der Kapitulation, die übrigens auch von Israel verweigert wurde: Als Abbas am Ende seiner kurzen Amtszeit gesagt hat, er würde kapitulieren, hat Israel gesagt, dass das nicht in Frage kommt, denn es will die Palästinenser ja loswerden und nicht, dass sie kapitulieren und es dann wieder für sie zuständig ist.
- Noch eine Frage zu Arafat: Der Staatswille wird von den Israelis nicht akzeptiert, wird zusammengebombt, die Figur, die diesen Staatswillen repräsentiert, darf aber zwei Jahre in den Ruinen weiterleben. Wie kommt das zustande?
Die Israelis hätten ihn sicher lieber vorgestern als gestern aus der Welt geschafft, sind aber auch nicht ganz frei, weil es die Amerikaner gibt, die immer noch eine andere Berechnung haben hinsichtlich der Araber und Arafats, zumindest in dem negativen Sinn, dass dessen Liquidierung nicht übermäßig opportun ist, wenn man die Araber mal wieder für Demokratisierung und Marktwirtschaft, Ausrottung unedler Elemente, Antiterrorkampf einschließlich Beseitigung von Saddam Hussein, gewinnen will. Auch die Amerikaner teilen sich ja ihr Zuschlagen gegen alle des Terrorismus Verdächtigen in dem Sinn ein, dass sie Mitmacher in der arabischen Welt rekrutieren und da haben sie sich im Fall Arafats nicht einfach darüber hinweggesetzt, dass der ein Moment von Anerkennung der palästinensischen Sache repräsentiert.
Dass es das Konsequenteste wäre, Arafat umzubringen, so denkt die israelische Regierung schon, aber ihn einfach kaltzustellen, und zwar so gründlich, demonstrativ und weltöffentlich, dass er da eingesperrt sitzt und keinen Muckser mehr sagt, das ist ja auch eine Weise, die Sache zu behandeln und ad acta zu legen und sich darüber auch noch zu ersparen, ihn zum Märtyrer der arabischen Welt zu machen und unnötigerweise andere Berechnungen hintanzustellen. So wie sie ihn behandelt hat, ist das doch eine Weise, ein Terrorismusurteil zu vollziehen, einschließlich der moralischen Destruktion dieser Figur; das haben die paar Jahre sicher geleistet, vielleicht nicht gerade in der arabischen Welt und seinen erbitterten Anhängern, aber man merkt an der Kommentierung von der Figur, dass da in Europa schon einige Tendenzen erzeugt wurden. Man braucht auch nicht groß darüber zu spekulieren, ob und inwieweit Arafat als Person den Laden noch zusammengehalten hat. Für die Amerikaner war er jedenfalls kein Verhandlungspartner mehr, sondern wenn man etwas über den Arafat vermelden will, dann muss man ihn kennzeichnen als den Repräsentanten des Widerspruchs, den die Palästinenser als Volk in der Weltgeschichte darstellen; das wäre der Konter zu dem, die hätten es so gemütlich haben können und das hat ihnen der Arafat vermasselt.

Nachtrag zur Separatismus-Debatte vom 4. Oktober ("Wir sind das Volk!")

- Da wurde gesagt, dass es prinzipiell nicht möglich sei, den separatistischen Anspruch, also den Anspruch auf eine eigene Nationalität, zu befrieden. Mir ist nicht klar, warum das so sein soll.
Das Entgegenkommen, also Zugeständnisse von Rechten an Separatisten unter der Bedingung, dass dann aber auch mal Schluss sein muss, ist schon eine sehr windige Rechnung.
- Die ganze Einteilung der Nationenwelt in Ethnien ist doch eine ausgesprochen relative Angelegenheit. Wie die Staatenwelt in Nationalitäten gegliedert ist, ist doch Resultat von historischen Zufällen und Gewaltakten … Das ist in der Staatenwelt durchgesetzt, die Unterscheidung Einheitsstaat und föderaler Staat ist doch nichts anderes als eine mehr oder weniger gelungene Befriedung von Separatismen ... Einheitsstaat in Frankreich, da geht alles von der Zentralmacht aus, und dann gibt es Staaten, wo die Subnationen ihre Rechte haben wie in Deutschland.
Man darf aber da jetzt nicht draus machen, der Funktionalismus des bürgerlichen Staates sei das Resultat befriedeter oder niedergekämpfter Separatismen; Separatismus ist der Wille zum eigenen Staat unter Nationalstaatsverhältnissen. Die muss es aber erst mal geben, und dann muss es dahin kommen, dass eine Mannschaft sagt: ‚Wir sind im falschen Staat', und nicht nur, ‚Wir sind mit diesem und jenem schlechter gestellt oder hier in dem Staat läuft dies oder jenes verkehrt.' Dafür können dann Argumente wie ‚Ethnie' herhalten, aber der Grund für etwas sind sie nie. Aber die Debatte vorletztes Mal war doch: Warum sind die so schwer zu befrieden? Weil sie eben mit einem konträren, gegnerischen Staatswillen herumlaufen und sagen: "Dieser Staat unterdrückt uns."
Und dazu sollte das vorletzte Mal nur gesagt sein: Auch nur partiell diesen konträren Staatswillen ins Recht setzen, ist eine ausgesprochen schlechte Methode, ihn zu befrieden, denn durch Entgegenkommen wird er ins Recht gesetzt und möchte seinen Staat dann aber auch immer mehr und endgültig haben; wenn dieser Wille Ruhe gibt, dann war er als Wille zum eigenen Staat nichts wert, dann war es wirklich Folklore.
- In Südtirol haben sie in den 60er Jahren Bomben geschmissen und jetzt geben sie Ruhe.
Da ist ihnen aber auch einiges abhanden gekommen; nicht bloß sind ihnen Zugeständnisse gemacht worden, es war auch die Berechnung ihrer Unterstützer in Österreich, dass da jetzt mal Schluss sein soll. Außerdem war Südtirol nicht ein Hort des Separatismus, da gab es Vorkämpfer, die vielleicht sogar ein Moment von Respekt in der Bevölkerung gehabt haben, aber es ist ein Unterschied, ob es sich um eine ganze Mannschaft samt Führern handelt, die dann auch kämpferisch für ein eigenes Staatsprojekt werden, oder ob sie in einer Nation herumrumoren und sich dann vielleicht auch auseinanderdividieren lassen in welche, die sich ihr Projekt nicht abhandeln lassen wollen und welche, die mit einer eigenen Repräsentation im Staat mehr oder weniger zufrieden sind.
Der Kosovo ist so ein Fall mit einem gediegenen Mehrheitswillen, dass man ein eigener Staat werden oder auch mit den Albanern zusammengehen möchte und da steht demnächst die UNO-Entscheidung an, wie man mit diesem Land weiter verfährt. Bei denen ist völlig klar, dass jede Konzession sie in ihrem Staatswillen bestärkt und nicht in den serbischen Staatsverband zurückholt.
Die eigene Sprache (zwei Beispiele: in Katalonien werden etliche Schulfächer nur noch in der katalanischen Sprache und auf den Kanaren wird an der Schule inzwischen wieder die Pfeif-Sprache der Urbevölkerung der Guanchen gelehrt) als ein Moment des separatistischen Gedankens gehört erst mal in die Abteilung Sittlichkeit: Es ist nämlich eine Frage der herrschenden Sitten, und über das, dass man sich denen akkommodiert, lebt Nationalität, Zuordnung zu einer Herrschaft als Anliegen in den Menschen selbst. Am Ende ist dann die Tatsache, dass man sich in einer Sprache ausdrückt, die die Mehrheitsbevölkerung nicht versteht, der Hebel dafür, dass der Benutzer der Minderheitssprache sich als privates Individuum mit seinem Mitteilungsdrang einer anderen Obrigkeit als der eigenen zuordnet. Das ist das Brisante an dem ganzen Getue mit den "eigenen" Sprachen. Sprache ist ein wichtiges Moment in dem, was gesellschaftliche Sitte ist, und was auf der Ebene einen moralischen Zusammenhang zwischen den Individuen stiftet, das ist eines der Vehikel, das es den Führungsfiguren einer Gesellschaft erlaubt, immer mit einem großen ‚Wir' daherzukommen. Und es ist leider kein Zweifel, wer alles zu diesem ‚Wir' gehört. Kein Mensch fragt einen, ob man zu diesem ‚Wir' gehören möchte, aber der Köhler meint: "Wir wollen den 3. Oktober als Nationalfeiertag behalten." Das eigentlich Bemerkenswerte ist die politische Bedeutung des ganzen Sprachgeweses: Es ist ein Moment gesellschaftlicher Sitte und hat unversehens die größten politmoralischen Qualitäten.