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Zum Aufruhr bei Opel in Bochum 

Zur "Intrige gegen Angela Merkel" - Kopfpauschale

- In Bochum streiken Arbeiter und zwar wild. Die Republik hat Verständnis auf der einen Seite, auf der anderen spricht sie in Gestalt von Clement eine Warnung aus. Dazu kommt die von den Zeitungen genauso breit getretene Eigenart des Streiks, dass da Arbeiter nichts gegen das Kapital sondern gegen andere Arbeiter durchsetzen wollen. Es ist ja wohl selbstverständlich, dass, wenn Bochum bestreikt wird, sich das Kapital, also GM, zweimal überlegt, ob dann in Bochum überhaupt noch weiter produziert wird. Es existiert eine Ahnung, was es in einer Situation, in der die Arbeitsplätze über den ganzen Globus verteilt von den Kapitalisten verglichen werden, heißt, einen Arbeitskampf zu führen. Das wird öffentlich verhandelt. Es entsteht der Eindruck, dass die Macht des Kapitals mit der leichten Schlagseite besprochen wird, dass hier das amerikanische eine deutsche Fabrik platt machen will. Auf der anderen Seite wird die Ohnmacht der Arbeiter auch nicht verschwiegen, weil feststeht, dass der internationale Vergleich der Löhne, also der Lebensmittel der Arbeiter, das Konkurrenzmittel des Kapitals ist. Gestern in der Talkshow der Sabine Christiansen haben zum Schluss alle gemeint, ja so sei es. Alle meinen, man müsse es irgendwie probieren, damit es mit dem Standort Deutschland etwas wird, aber einfach sei es nicht. Es kommt in keiner Weise mehr die Botschaft auf, dass das, was da in Frage steht, irgend etwas für die Arbeiter wäre. Stattdessen geht es um den Standort Deutschland.
Das letzte ist ja eine Annäherung an ein Urteil über die öffentliche Besprechung. Stimmt denn die Wahrnehmung dieser Alternative, dass für die Leute nichts rauskommt und man stattdessen an den Standort Deutschland denken muss?
- Die Arbeiter verlangen auf jeden Fall, dass keine betriebsbedingten Kündigungen vorgenommen werden. Dies würden sie als einen Erfolg verbuchen.
Diesem Anliegen kann man auch noch nachgehen.
- Bei der Forderung nach dem Erhalt von Arbeitsplätzen, fällt auf, dass da überhaupt keine materielle Forderung mehr mit beinhaltet ist. Sie ist pur ‚Arbeitsplatz', ohne mit der Forderung, dass man mit dem Lohn, den man dafür bekommt, irgendetwas anfangen könnte.
An das wird einfach nicht gedacht. Im Gegenteil, und das geben manche bei den Interviews auch zu verstehen, dass sie zu Abstrichen beim Lohn bereit wären. Die Forderung der Unternehmensleitung von 20 % über Tarif auf 10 % unter Tarif, das müsste schon einmal auf alle Fälle drin sein, ist selber noch mit keiner Arbeitsplatzgarantie verbunden. Dagegen sagen dann andere, dass das zu weit geht. Ist das denn richtig zu sagen, anstelle von materiellen Forderungen bloß noch Arbeitsplatz?
- Die Forderung nach dem Arbeitsplatz fällt zusammen mit der Existenzsicherung.
Das ist die materielle Forderung, die im Land noch übrig ist. Man darf nicht unterschätzen, dass sich in der öffentlichen Wahrnehmung und auch weitestgehend bei den Betroffenen selbst der Materialismus auf den Zugang zu einem und die Verwendung für einen regulären Arbeitsplatz zusammengekürzt hat. Angesichts der Drohung, die im Raum steht, bis in einem Jahr die Hälfte und ab 2010 der Rest, angesichts des allgemeinen Bewusstseinsstandes, Alternativen, schon gleich im Ruhrgebiet, gibt es nicht, und angesichts der allgemein durchgesetzten Kenntnis dessen, was das spätestens nach einem Jahr für einen durchschnittlichen Arbeitnehmer heißt, nämlich Hartz IV, Sozialhilfe, angesichts dieser durchgesetzten Fakten schrumpft das Anspruchsniveau des deutschen Proletariats auf Verwendung für einen regulären Arbeitsplatz zusammen. Das ist schon das non plus ultra. Deswegen gibt es auch die Alternative nicht: Standort Deutschland statt etwas Materielles für die Arbeiter. Dies haben sie in den letzten drei bis fünf Jahren geschafft; es ist einer der Erfolge auch der von oben angesagten Wende in der Republik, dass das jetzt durchgesetzt ist. Damit ist auch der Mensch jetzt abgefunden mit seinen Bedürfnissen. Das ist jetzt eher nur eine Beobachtung der öffentlichen Selbstverständlichkeiten und noch kein Urteil über das, was da abgeht, weder über die Forderung, noch über die öffentliche Behandlung, noch über den Umgang der Herrschenden, Staat und Kapital, mit solchen Forderungen.
- Wenn dieser Materialismus der Leute, wenn sie einen Arbeitsplatz fordern, darauf zusammengeschrumpft ist, dann ist eine Qualität dieser Stellung zu dieser Ausbeutung, dass sie sich die Ohnmacht als Realismus angeeignet haben. Auf das, was das Kapital ihnen diktiert, reagieren sie, sie stellen sich darauf ein.
Wie findet man das bei denen in Bochum?
- In diesem Fall gerade nicht. Sie haben doch noch ein Druckmittel in der Hand, nämlich den sachlichen Zusammenhang der Betriebe. Sie können andere GM-Betriebe lahm legen, das nutzen sie in ihrem Streik aus.
So bauen sie sich jedenfalls auf, dass sie wegen dieses Zusammenhangs Detroit Druck machen können. Aber auch das ist erst einmal die Wiedergabe dieses Standpunkts. Sollte man die auffordern, so weiter zu machen?
- Ich verstehe die Differenz von vorhin nicht. Lohnarbeit war immer schon das einzige Lebensmittel der Arbeiter, wo ist jetzt das Neue?
- Wenn man um Lohn kämpft, dann ist das immerhin noch die Bezweiflung dessen, das der gezahlte Lohn ein Lebensmittel ist. Es wird vom Lohn verlangt, dass er ein Lebensmittel ist. Wenn um einen Arbeitsplatz gekämpft wird, dann ist längst gegessen, dass Lohn pur das Lebensmittel ist, unabhängig von seiner Höhe. Es ist also nicht mehr die Frage, ob der gezahlte Lohn ein Lebensmittel ist.
- Wenn jetzt nur noch die Forderung nach einem Arbeitsplatz aufgestellt wird und nicht mehr nach Lohn - die Forderung nach Lohn heißt ja immer nach mehr Lohn - dann kann man das doch nicht dagegen ausspielen, dass sie jetzt nur einen Arbeitsplatz wollen aber keinen Lohn mehr brauchen. Wenn einer seinen Arbeitsplatz erhalten will, ist doch unterstellt, dass er verinnerlicht hat, dass der Arbeitsplatz seine Lebensgrundlage ist.
- Der Arbeitsplatz als solcher trennt sich von dem, was ein Lebensunterhalt vom Arbeiter ist. Er ist nicht mehr der Grund.
Oder andersherum ausgedrückt, beides fällt zusammen. Der Lohn verträgt keine Kritik, keine Korrektur mehr. Ein Kampf um mehr Lohn ist ein Kampf um die Korrektur des Lohnverhältnisses. Das andere ist einer um die Rettung des Lohnverhältnisses schlechthin, wo an allem, was der Arbeiter davon hat, sogar noch Abstriche angeboten werden. Das ist schon als Unterschied festzuhalten. Natürlich kann man sagen, dass auch bisherige Lohnkämpfe - das ist ja gerade der Fehler des gewerkschaftlichen Kampfes - in nichts anderes gemündet sind als in die Aufrechterhaltung des Verhältnisses, zu dessen Korrektur man vorher angetreten war. Deswegen hört es mit den Lohnkämpfen auch nie auf. Das ist das Trostlose an Lohnkämpfen, nur gibt es dabei durchaus auch Fortschritte. Ob der Ansatzpunkt für eine proletarische Gegenwehr, und dass die stattfindet, ist ja nicht zu bestreiten, in dem Willen besteht, eine Korrektur an dem Verhältnis zwischen Lohn und abverlangter Leistung zu eigenen Gunsten anzubringen, oder ob der eine Korrektur dem Kapital zugesteht, bloß damit man überhaupt dieses Lebensmittel noch behält, ist ein Unterschied. Das ist ein erster Hinweis auf die Traurigkeit dieser Forderung. Dazu gibt es noch einiges zu sagen gerade im Kontrast zu dem, dass sie ja immerhin auftrumpfen und sagen: "Um das geltend zu machen, haben wir eine Macht. Wir können uns von Bochum aus nicht nur selber lahm legen, sondern ziemlich viel von General Motors noch dazu."
- Die Belegschaft denkt, sie könne bei GM ganz viel lahm legen, und machen bei allen Opel-Werken einen Aktionstag, der kein Streik, sondern so ein Rumgelatsche ist. Die Bochumer gehen davon aus, dass sie als Bochum-Belegschaft das Werk in Rüsselsheim wegen Materialmangel still legen muss. Dabei denkt sie nicht daran, dass es im Bereich ihrer Notwendigkeit ist, entweder einen Streik bei sich auszuweiten, oder ihn von vornherein für verloren zu erklären. Dass es also so etwas gibt wie eine praktische Solidarität der GM-Belegschaft, hier in Deutschland oder sonst wo, die die Bochumer Belegschaft braucht, wenn sie einen so seltsamen Kampf für ihre Arbeitsplätze durchführen muss. Sie betrachtet offenbar selber ihre Aktion symbolisch, statt dass sie sie als echte Machtprobe nimmt und sich überlegt, wie sie diese durchführen muss, um einem Konzern wie GM die Forderung aufzumachen, dass er bei seiner Konzern-Neuordnung eine gewisse Rücksichtnahme auf die Proleten nimmt. Entweder überwindet ein gewerkschaftlicher Kampf die Konkurrenz der Arbeiter, oder er ist verloren.
- Woher kann man es hernehmen, dass es ein dezidierter Programmpunkt ist, dass sie die Solidarität der anderen GM-Arbeiter nicht gerne hätte.
- Der Plan, nach dem sie vor sich hin wurschteln, ist: Bochum streikt vor sich hin, will informiert sein, weil ganz speziell für Bochum die Drohung im Raum steht, dass das ganz Werk geschlossen werden soll, und ansonsten ist es die Organisation des Widerstands gegen die Entlassungspläne von GM getrennt vom Arbeitskampf eine Solidaritätserklärung aller Opel-Belegschaften, dass sie auf die Straße gehen und sagen: "GM, so könnt ihr doch nicht mit uns umspringen." Das ist doch erklärenswert.
- Meines Wissens haben andere Belegschaften doch sogar die Solidarität verweigert. Und jetzt wird gesagt, die sei gar nicht gefordert worden.
- Mir ist ein Aktionsplan bekannt zugunsten des Erhalts von Arbeitsplätzen im Rahmen des Plans von GM, der zwei komische Seiten hat.
Bei diesem Argument ist bisher der Widerspruch der Kampfaktion, der gerade benannt worden ist, zur Konkurrenzfrage nicht hergestellt worden, deshalb ergibt sich hier das Problem. Der Widerspruch ging in die Richtung: Man baut sich auf, droht dem Management mit einer Schädigung und verbindet das mit der Forderung nach besserer Behandlung. Dies ist insoweit erst einmal die Konstellation eines jeden Streiks. Aber das ist nicht die Konstellation von Bochum.
- Der Ausgangspunkt ist, dass GM sagt, ein gewisser Prozentsatz, wenn nicht gar ein ganzer Standort in Deutschland ist überflüssig. Die Grundlage, auf der die Proleten ihren Kampf führen können, nämlich ihr Gebrauch durchs Kapital, wird hier durch GM gerade negiert. Anders gesagt: Das, wozu sie streiken, ist, dass das Kapital den feststehenden Standpunkt relativieren soll, der Standort lohne sich nicht fürs Kapital. Das ist die Besonderheit. Getrennt von dem, wie man den Kampf führt, heißt es doch erst einmal, dass die Lage für sich den Widerspruch an sich hat: Die angedrohte Überflüssigkeit ist der Ausgangspunkt.
- Das Wenden dagegen, dass ein ganzer Standort zugemacht werden soll, ergab sich erst im Verlauf der Auseinandersetzung, denn erste Stellungnahmen von GM sprachen von Kürzungen überall. In Bochum gab man sich irritiert und fragte sich, ob vielleicht der Standort ganz zugemacht werden solle, und dagegen wollen sie sich auf jeden Fall wenden.
Hier muss etwas sortiert werden. Es ist ein fatales Ziel zu sagen: "Wir wollen Arbeitsplätze retten.", als Antwort auf die Ansage: "Die brauchen wir nicht mehr." Das ist das Gesuch: "Braucht uns doch weiterhin entgegen euren Berechnungen, rechnet doch noch einmal nach! Korrigiert eure Berechungen so, dass dabei herauskommt, wenn wir Zugeständnisse machen, könnt ihr uns vielleicht doch noch gebrauchen." Das ist ein bescheuertes Ziel, das die eigene Ohnmacht schon zum Ausgangspunkt für die eigene Forderung macht. Man möchte die Rechnung, nach der man abgewickelt wird, für sich günstig beeinflussen. Dies hat notwendigerweise den Charakter eines Angebots, nützlicher zu werden für das Interesse des anderen, damit der seine Kalkulationen noch irgendwie ändert. Bei dem in Bochum ist das Interessante, dass sie meinen, ein Eck zu erwischen, wo sie tatsächlich dem Unternehmen Druck machen können, nicht dadurch, dass sie ihm ein Angebot machen, sondern dadurch, dass sie ihm Schaden androhen. Das ist wie eine Ahnung davon, das Kapital lässt sich nicht durch Angebote beeindrucken, sondern nur durch Gegenmacht, die es schädigt. Das ist das Widersprüchliche zu einer Forderung: "Wir wollen euch schädigen, damit ihr mit uns besser rechnet, damit ihr eure Rechnung mehr zu unseren Gunsten gestaltet." Das bestreitet noch nicht einmal die Rechnungen selbst, sondern nur gegen wen sie ausfallen. So wird der Übergang zu der Frage der Konkurrenz zwischen den Belegschaften deutlich.
Was ist der ganze Ausgangspunkt des Vorgehens von GM?
- Der Konzern ist insgesamt in der Krise. Auf dieser negativen Grundlage sortiert der Konzern seine Standorte durch. Ausgangspunkt ist die negative Gesamtbilanz, der Konzern ist als zu viel Kapital unterwegs.
Vielleicht ist da noch etwas zu verdeutlichen.
- Es wurde doch z. B. bei Sabine Christiansen gesagt, dass nicht nur der Standort Deutschland ein Problem hat, sondern der Autoverkauf geht insgesamt schleppend, auch in Amerika. Weltweit wirtschaftet der Konzern mit einer durchschnittlichen Rendite von 2 % und das sei vernichtend für einen Konzern.
Wofür steht dieses Argument?
- Der Standort Deutschland steht in der Konkurrenz der Automobilindustrie gar nicht schlecht da.
Haben die denn im Verlauf der Diskussion zugegeben, dass überhaupt so etwas wie eine kapitalistische Krise unterwegs ist?
- Nein. Gewerkschaftler haben z. B. auf hohe Exportzahlen verwiesen.
Der einzige, der das angedeutet hat, war der Sprecher von Opel: "Wir bauen erstklassige Autos. Aber was soll's, die Leute haben kein Geld, sie zu kaufen." Das war die einzige Andeutung in Richtung auf etwas Allgemeines, was da vorliegt. Alle anderen haben sich darum bemüht zu dementieren, dass irgend so etwas Ähnliches wie eine Krise stattfindet. Sie haben alle Krisensymptome, die benannt worden sind, auf Konkurrenzaffären zwischen den Kapitalen heruntergebracht. Das ist einerseits sehr sachgerecht, andererseits nicht ganz richtig.
Wie würdet ihr denn einem Bochumer Arbeiter seine Lage erklären, wenn der daher kommt und sagt: "In Detroit wissen sie noch nicht einmal, wo Bochum ist. Aber denen werden wir es zeigen, wenn wir nicht mehr arbeiten, steht demnächst ganz Europa still!" Würdet ihr ihm Recht geben?
- Es ist doch komisch, wenn Bochum geschlossen werden soll, dass die Arbeiter drohen, nicht zur Arbeit zu kommen. Dann könnte man ja sagen, dass sich beide Seiten einig sind.
Auf diese schlaue Idee ist in der gestrigen Sendung der Vertreter aus Amerika auch gekommen. Der ist darauf befragt worden, was denn der Streik in Bochum für einen Eindruck auf das Management in Detroit für einen Eindruck macht. Seine Antwort war: "Das ist doch klar. Die sagen, wir haben Recht. Die gehören abgewickelt. Die geben doch der Entscheidung - vielleicht war sie ja noch offen - Recht. Jetzt ist endgültig klar, Bochum muss zugemacht werden." Eins haben die Arbeiter ja immerhin noch erwischt. Eindruck macht man der anderen Seite nur, wenn man ihnen Schaden zufügt. Und da hätten sie gerade noch - sogar dieses noch ist bei ihnen durchaus präsent - einen Hebel in der Hand, nämlich dass, wenn Bochum nichts ausliefert, auch die anderen Werke ihre Autos nicht fertig stellen können.
- In anderen Fällen sind wir doch immer zu dem Schluss gekommen, dass die Leute ihre Konkurrenz untereinander verschärfen, damit der andere entlassen wird, obwohl längst klar ist, die Firma wird zugemacht. Wir haben das kritisiert und gesagt, die sollen gleich alles hinwerfen, solange sie noch ein Mittel in der Hand haben. Jetzt machen einmal welche etwas, jetzt ist es wieder nicht richtig.
Wir kritisieren im vorliegenden Fall das eigentümlich reduzierte Ziel; es ist eines, für das man eigentlich gar nicht kämpfen kann, wenn man sagt: "Bitte gestalte deine Rechnung so um, dass sie zwar in allen Parametern so bleibt, wie sie ist, aber dass ich darin besser fortkomme. Erhalte meinen Arbeitsplatz innerhalb deiner Rechnung." Dieses Ziel hat den Charakter eines Gesuchs.
Man kann auch zu dem Modus etwas sagen, wie sie ihre Aktionen durchziehen. Nämlich aus dem zu sagen: "Noch kann man die anderen lahm legen, noch können wir das Management in Detroit mit Schaden beeindrucken." folgt nicht : "Also wird das jetzt durchgezogen." Sondern es folgt bei denen eine andere Fortsetzung. Es folgt z. B. so augenzwinkernd die Fortsetzung: "Das ist übrigens gar kein Streik, wir nehmen hier nur unser Informationsrecht wahr." Was ist in dem Zusammenhang der listige Prolet für eine Figur? Was ist das für ein Rechtsproblem?
Die Gewerkschaft betont ihre Friedenspflicht, und die Arbeiter sind schlau genug - das hat man ihnen in einer halben Stunde erklärt, und so listig ist der Bochumer Prolet allemal - zu kapieren, dass man nicht Streik sagen darf, denn das sei verboten. "Sagt stattdessen, ihr nehmt euer Informationsrecht wahr." Was heißt das?
- Sie wollen keine Rechtsbrecher sein.
Genau das ist der Witz. Jetzt ist das Streiken, das Schädigen der Kapitalseite in einem ordentlichen Rechtsstaat wie bei uns mit äußerst restriktiven Schranken umstellt. Das darf man nicht einfach, man muss es erst bei der Gewerkschaft anmelden, dann muss die Gewerkschaft das anmelden, dann ihre Forderungen so lange aushandeln, bis irgendeine Instanz das Scheitern erklärt, dann muss eine Urabstimmung her - bis dahin darf höchstens einmal ein Warnstreik gemacht werden, dessen Definition ist, dass er die Gegenseite nicht schädigen darf, schon gar nicht existentiell -, und dann darf man vielleicht loslegen. Das ist erst einmal unabhängig von den Leuten, die sich dort aufbauen; und auch unabhängig von den Gewerkschaften in der heutigen Lage, sind das die gesetzlichen und rechtlichen Schranken, mit denen ein Arbeitskampf umstellt ist. Die Schranke steht nicht einfach im Buch, sondern sie zieht Schadensersatzforderungen, Gerichte und sonst etwas nach sich. Was zeigt das? Daran ist zu erkennen, womit die Jungs sich anlegen, wenn sie für eine schlechte Forderung sich wenigstens daran erinnern, dass sie dafür der Gegenseite einen Schaden zufügen müssten, damit die überhaupt reagiert. Man merkt daran erstens, womit dieser wirklich geringfügige Aufruhr, diese Ahnung, womit man eigentlich als Prolet bloß etwas ausrichten kann, sich sofort anlegt. Das ist das, was Clement höflich ausdrückt: "Wir haben ja unendlich viel Verständnis, aber mit diesem muss man irgendwann auch einmal Schluss machen und denen sagen, dass das nicht richtig ist." Das ist die höfliche Ankündigung davon, dass, wenn dies so weiter geht, die Gerichte da entscheiden werden, dass da irgendwer regresspflichtig ist und sie dann wieder zur Arbeit verdonnert werden.
- Umgekehrt kann man auch sagen, das zeigt, dass die Streiks verrechtet sind und viele Hindernisse bestehen, damit die Arbeiter nicht streiken können. Das zeigt, dass die Arbeiter es in der Hand hätten. Das könnte man ihnen auch einmal sagen.
Sie hätten es in der Hand, bloß ist jetzt die Fortsetzung davon, dass die ja auch eine Ahnung haben, womit sie sich anlegen. Mit ihrem augenzwinkernden Hinweis auf das Informationsrecht geben sie ja auch kund, auf welche Schranke sie stoßen. Bloß, sie tun ja so - und das macht vielleicht das Angeberische aus - als wäre es keine, als könnte man die Schranke austricksen, wenn man nur lang genug Informationsveranstaltung dazu sagt.
An der Zielsetzung des Streiks merkt man erstens, dass sie keine übermäßige Ahnung davon haben, mit wem sie sich da überhaupt anlegen und um was sie überhaupt streiten. Jetzt ist sogar schon der Kampf um die Rettung des Arbeitsplatzes, die Bereitschaftserklärung, dass sie bereit sind, billiger weiter zu dienen, nichts, mit dem sie bei der anderen Seite landen können. Daraus könnten sie etwas über deren Rechnungen lernen. Zweitens: "Wenn ihr euch schon denkt, wir beeinflussen die Rechnungen darüber, dass wir die andere Seite schädigen, dann herzlichen Glückwunsch zur Entdeckung, dass es anders nicht geht. Aber merkt ihr, mit wem ihr euch da alles anlegt?" Von da aus wäre z. B. eine Fortsetzung in Richtung Solidarität der Belegschaft fällig. Vom ersten Punkt auch. "Deren Kalkulationen zu euren Gunsten beeinflussen" - da ist schon sehr verräterisch, wenn gleich im selben Atemzug kommt: "Und nicht nur hier, sondern auch anderswo." Dass dann mit so etwas wie "Jetzt bleiben wir auch glatt einmal drei Tage zu Hause" auch überhaupt nichts geregelt ist, das hat so etwas wie Theater an sich.
Sogar wenn es ein wilder Streik wäre, wäre etwas anderes fällig, als den nur durchzuhalten. Die Republik ist voller Beispiele über das jahrelange Durchhaltevermögen von Proleten in der Situation, und wie wenig ein Kapital, das Betriebe schließen will, sich von dem irgendwie irritieren lässt - nebenan in Rheinhausen hat es ein paar Jahre gedauert. Nach der Wiedervereinigung haben Grubenarbeiter einer Salzgrube einige Wochen ihre Grube besetzt, die ein nordamerikanischer Konzern zumachen wollte. Ihnen wurde furchtbar viel Verständnis entgegengebracht, nur hat es ihnen überhaupt nichts genutzt. Was hier in Bochum an den Tag gelegt wird, ist nicht mehr als eine blasse Ahnung. Sobald die daherkommen und sagen: "Das sind die in Amerika!", muss man ihnen sagen, dass ihre Rechnung schon danebengeht. Was soll denn das, Amerika zum Argument zu machen und nicht das Kapital. Das ist schon wieder bloß ein Standortargument.
Denen wird doch nicht bloß der Staat als Adressat entzogen, sondern denen steht sogar der Staat als Adressat vor Augen - mit Hartz IV. Aber was ihnen nicht klar ist, ist, inwiefern sie den Staat als Feind haben, der an der Stelle für die Arbeitspflicht einsteht.
- Das Störende ist doch, dass sie mit ihrer List so zufrieden sind.
Ja, als hätten sie damit die Rechtslage ausgetrickst. Dabei haben sie sich bloß auf sie eingestellt. Solange ihnen gar nichts übrig bleibt in der heutigen Lage in der Bundesrepublik, als sich vor dem Recht zu fürchten, bleibt ihnen etwas anderes gar nicht erspart, wenn sie einmal solch eine Demonstration abziehen wollen, als sich ein Alibi zu verschaffen. Es ist immer derselbe Widerspruch, wenn man einmal eine Demonstration gegen den Staat erst bei der Ordnungsbehörde anmelden muss. Von dem Kaliber ist das: "Wir machen ja gar keinen Streik, sondern nur eine Informationsveranstaltung." Bloß muss man dann wenigstens wissen, was man da tut. Darauf stolz zu sein, ist einfach dumm.
Für ihre Lage heute kann ihnen niemand eine Hilfestellung bieten, das ist erst einmal der Ausgangspunkt der Sache. Jeder, der sich hinstellt und sagt: "Wir wüssten ein Rezept.", der lügt.
Vor dem Vorschlag einer Revolution wäre erst einmal die Einsicht fällig, dass die überhaupt nötig ist. Dazu sollen ein paar Elemente zusammengetragen werden.
Es sind schon zwei Wege eingeschlagen worden. Der eine ist darüber gegangen, dass man nicht sagt, er solle durchhalten, wenn man das Ziel kritisiert. Also wird es schon ohne das nicht gehen. Das andere ist aber, gleich zu sagen: "Ihr habt doch sowieso keine Chance", ist nicht ganz in Ordnung, weil es schon noch ein paar Argumente gibt. Wenn man sich für die Erhaltung des Standortes Bochum stark macht, hat man mit dem Konzernbeschluss, Bochum zumachen zu wollen, eigentlich seine Mittel vertan. Wenn man sich aber auf den Standpunkt stellt: "Wir konkurrieren jetzt nicht auch für den Erhalt des Standortes Bochum.", sondern die Betroffenen des GM-Konzerns schließen sich irgendwie zusammen, dann sieht es schon ein bisschen anders aus. Dann ist es nämlich nicht gleich Bochum gegen Rüsselsheim und mit Rüsselheim gegen Trollhättan in Schweden, sondern dann könnten sie sich einmal auf den Standpunkt stellen: "Ach so, wir sind alle betroffen." Das wären dann so Übergänge, zu denen man nicht gleich Revolution sagen muss, aber warum kommt das nicht zustande? Warum ist das so ein Idealismus, übrigens einer, den sie selber schon wissen und deswegen auch nicht richtig in Erwägung ziehen, weil sie übrigens selber so denken. "Wenn es uns nicht so unmittelbar beträfe, sondern die in Rüsselsheim, wäre es schon einmal nicht ganz so schlimm." Sie denken schon selber konkurrenzmäßig. Also muss man das auch noch kritisieren und sagen: "Deswegen schlagt ihr euch die paar gewerkschaftsmäßigen Mittel des Zusammenschlusses, des Kampfes von vornherein aus der Hand. Das hängt mit am Ziel. Wenn ihr euch schon aufstellen wollt, dann wisst ihr, womit ihr euch anlegt, dann wird es wohl ohne eine Kritik, ohne eine Korrektur eurer eigenen Konkurrenzstellung zu dieser Sache nicht gehen, weil ihr sonst gleich einpacken könnt."
Da gibt dann ein Argument das nächste, und denen wird dann sehr schnell schwindelig. Denn dass die als Belegschaft von GM saumäßig zusammenhalten und billig schuften, damit statt des Astra der Golf aus dem Markt fliegt, ist ja auch nicht die Botschaft, die wir gerne los werden möchten. Mit der nächsten Verallgemeinerung von GM landet man bei der gesamten deutschen Autoindustrie. Dazu möchte man ihnen auch nicht einreden: "Aber wenigstens rettet den deutschen Standort." In letzter Instanz kommt man dann schon dahin, dass unter einer Revolution nicht viel auszurichten ist. Bloß darf man nicht so tun, als wäre das das, was die gerade im Moment brauchen, wenn sie sagen, sie haben Angst um ihren Arbeitsplatz. Den rettet ihnen keiner. Den rettet ihnen weder die Großzügigkeit von GM, wenn sie ihn noch irgendwie ergattern, weil die Großzügigkeit gleich als eine angekündigt ist, die gegen die Gesetze des Marktes und des Geldverdienens nichts ausrichten kann. Gegen das Verluste-Machen hilft weder ein Argument noch Menschenfreundlichkeit. Die von der Christiansen angerufenen Schicksale gibt es doch nur, weil überhaupt erst einmal nicht an sie gedacht wird. Umgekehrt, wer an die Schicksale denkt, hat damit sein Leben lang zu tun.
- Das liegt doch nicht daran, dass sie sich die Notwendigkeit dieser Kostenkalkulation zu Eigen machen und daraus einen Schluss ziehen und zu Kritikern werden, sondern dass sie sich in lauter Schuldfragen herumtreiben. "Warum ist das Modell xy zu spät entwickelt worden? Warum kennen die uns in Detroit nicht?" Das sind lauter Schuldfragen, für die sie sich engagieren und in denen sie die Fehler entdecken, die jetzt zu diesen Schicksalen geführt haben. Das sind falsche Deutungsweisen, so als würde sie nicht in Deutschland leben mit 5 Millionen Arbeitslosen. Die Notwendigkeit, warum Arbeit überflüssig gemacht wird, warum zu viel Reichtum da ist, die wäre erklärenswert. Das Verhältnis von Arbeitgeber zu Arbeitnehmer nehmen sie als das wahre Verhältnis; die einen haben die Pflicht, Arbeitsplätze zu stiften, die anderen, notfalls auch zu schlechteren Konditionen täglich anzutreten. Sie tun so, als könnten sie es sich leisten, sich in der Welt zu bewegen.
Ich nehme das als einen der Fehler, die man dabei kritisieren muss. Noch einmal zum Anfang zurück. Da wurde festgehalten, die Arbeiter kämpfen gegen betriebsbedingte Kündigungen. Was ist das für eine Forderung, als Prolet einen Kampf anzetteln und dazu einen Terminus aus dem Arbeitsrecht zitieren? Als gehe es darum: "Wir wollen nur Kündigungen, die nicht weh tun." Dafür steht dieser Fetisch ‚betriebsbedingt', weil ja niemandem gekündigt, sondern bloß niemand ersetzt wird. Ein Zynismus; alle Zeitungen stehen voll davon, dass so viele Arbeitslose keinen Arbeitsplatz finden, und dann ist betriebsbedingte Kündigung, dass also ein Arbeitsplatz entfällt und keiner von den Arbeitslosen da irgendwie draufkommt, die menschliche Art, Gesundschrumpfung des Kapitals abzuwickeln.
Die Forderung der Gewerkschaften, dass aber keine betriebsbedingten Kündigungen sein sollen, ist eine Defensive und beinhaltet die Einsicht, dass sich der Betrieb gesundschrumpfen muss - "Dies aber bitteschön so, dass es uns nicht weh tut." Die Arbeitslosen sind mir deshalb eingefallen, weil sie dem ganzen Rest der Menschheit immer einfallen als welche, die einen Arbeitsplatz brauchen. Die profitieren davon, wenn ein Prolet aus irgendeinem Grunde seinen Arbeitsplatz verlässt, weil er z. B. stirbt. Wenn aber jetzt jemand sagt, dass auf diese laue Tour die Belegschaft abgeschmolzen werden soll, macht er klar, dass hier keinerlei Chance für irgendwelche Arbeitslosen geschaffen wird.
- Dieser Gedanke will so etwas wie das Überflüssigmachen von Arbeitskraft, das Nicht-mehr-Brauchen von Arbeitskraft nicht zur Kenntnis nehmen, dass das ein generelles Vorgehen des Kapitals ist und jetzt in der Krise insbesondere täglich zu sehen ist. Sie tun so, als wäre das kein Problem, wenn alles nur schön ohne das ‚betriebsbedingt' abliefe.
Und du kannst umgekehrt genauso gut sagen: Davon, dass das alle Welt registriert, geht die Sache aus. Das ist ja auch kein Geheimnis, und es wird offen angesagt: "Wir müssen uns von 10.000 Mitarbeitern trennen." Und dann ist das die Öffnungsklausel, wo man denkt, dann tut es nicht weh, dann hat es ja jeder selber in der Hand, ob er zu denen gehört, die fliegen, oder ob er zu denen gehört, die drin bleiben.
- Da ist auch Moment von Konkurrenz in dem Gedanken unter den Arbeitern, denn wenn man einen Arbeitsplatz für ein Gut hält, dann ist es nicht unsolidarisch, zu sagen, Hauptsache, meiner nicht, und wenn der dann wegfällt, denkt er ja auch nicht an die Kollegen, die dann einen haben könnten.
- Noch mal zu dem Punkt von vorher, wo es darum ging, das Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer sei das Natürlichste und man könnte auch weiterhin gut damit zurecht kommen, da gibt es immer den Vergleich mit Karstadt und der wird im Fall Opel beiden Seiten, Kapital und Arbeitnehmern, als tolles Beispiel vor Augen geführt, wie man das zur Zufriedenheit aller drehen könnte: Karstadt hat eine Arbeitsplatzgarantie gegeben, das sei überhaupt das Allerwichtigste, dann hat es natürlich jede Menge Opfer und Einbußen gegeben, das muss man halt in Kauf nehmen, das Wunderbarste war, dass überhaupt nicht dafür gestreikt werden musste. Was sagt man da dagegen?
- Bei Karstadt soll das Tolle sein, dass sie nicht betriebsbedingt kündigen, also manche Rechtsmöglichkeiten nicht anwenden. Gleichzeitig prüft Karstadt, ob er bis 2005 die ersten 10.000 Leute entlässt... Also von wegen kein Schaden, das dementiert der Betrieb selber.
- Warum fällt dir jetzt als Hauptschaden der Arbeitsplatzverlust ein, wo du doch vorher die ganzen anderen materiellen Schäden genannt hast, die die bei Karstadt akzeptiert haben, die Sonderzahlungsstreichungen, dass es das Weihnachtsgeld nur noch in Form von Warengutscheinen gibt, damit sie den Schrott da kaufen können - das ist doch auch schon ganz schön happig.
Eben. Das sind doch alles Belege für die Unvereinbarkeit der Interessen beider Seiten. Jetzt wird der Opel-Belegschaft offen angekündigt: Maßstab für euren Lohn ist der Lohn, der in Polen gezahlt wird. Das geht zwar nicht von heute auf morgen, aber macht euch mal mit dieser Perspektive vertraut. Jetzt wissen die doch, wie man in Polen lebt und bilden sich was darauf ein, wie sie hier leben und dann soll es völlig unverständlich sein, ihnen die Unvereinbarkeit ihrer materiellen Lebensinteressen mit den Geschäftsinteressen ihrer Anwender klar zu machen? Wenn sie das nicht kapieren, kann man eh nichts machen, dann braucht man ihnen aber auch gar nicht erst zu sagen, was sie für welche sind - das ist ja dann nur üble Nachrede. Aber wenn, dann muss man daraus ein Argument machen: Dafür, dass ihr euch nützlich machen dürft für dieses Unternehmen, sollt ihr von dem, mit dem ihr bisher über die Runden gekommen seid - und ihr wisst selber, es war nicht übermäßig üppig - noch so und so viel Prozent Abstriche machen und es ist euch offen angesagt, dass das erst der Anfang ist. Was braucht ihr denn eigentlich noch? Die Repräsentanten dieses Standorts kündigen ihrer nationalen Gesamtbelegschaft seit 5 Jahren und seit 2 Jahren unter dem Titel "2010" ganz offiziell von Regierungsseite an, dass es so nicht mehr weiter geht. Könnt ihr euch nicht wenigstens mal klar machen, was nicht mehr so weiter geht - dass das euer bisher gewohnter Lebensstandard ist, auf den ihr so stolz seid. Glaubt ihr wenigstens jetzt, dass es eine leichte Differenz zwischen eurem Interesse und den Notwendigkeiten des Standorts gibt? Oder glaubt ihr lieber an das triste Ding, dass hier in Deutschland niemandem gekündigt wird. Das wäre die eine Schiene und die andere wäre: Wenn ihr sogar nur wenigstens das wollt, also sogar für diesen trostlosen Zweck, müsst ihr noch kämpfen, und sobald ihr irgendetwas anzettelt, was auch nur entfernte Ähnlichkeit mit einem Kampf hat, habt ihr gleich die ganze Staatsgewalt mit ihrem Recht am Hals. Merkt ihr eigentlich, wie es hier zugeht? Unter welchen Bedingungen ihr hier existiert? Euch interessiert das ja normalerweise nicht. Ich glaube auch nicht, dass die besonders rechtstreu sind oder dass sich einer unabhängig von der jetzigen Lage im Arbeitsrecht kundig gemacht hat, ab wann er streiken darf. Wahrscheinlich halten sie auch die Polizei für ihren Freund und Helfer und legen sich nur mit ihr an, wenn sie sie daran hindert, bei Schalke zu schlägern. Aber dem Menschen klar zu machen, in welch engen Grenzen er befangen ist, sobald er auf dieser Welt für sich selber etwas bewerkstelligen will, - darauf kann man ihn auch aufmerksam machen. Um das, was vorher schon angedeutet wurde, noch einmal explizit zu machen: Wenn so etwas überhaupt eine Chance haben soll, dann kann es nur darüber gehen, dass man sich in größerem Stil zusammenrottet. Es ist albern, wenn sich ein Prolet in Bochum im Fernsehen hinstellt und sagt: "Wir bräuchten nur mal zusammen auf die B 1 gehen, dann liegt das ganze Ruhrgebiet lahm!" - Das schafft der Morgenverkehr von ganz allein.
Ein Zwischending wäre auch, ihnen die Ekelhaftigkeit dieser verständnisvollen Grußadressen klar zu machen. Was das für ein Gestus ist: "Ich habe für dich Verständnis" - da braucht man noch nicht einmal Psychologie studiert zu haben, um die Ekelhaftigkeit einer solchen Geste zu durchschauen, wobei ich weniger den Bäcker mit den Brötchen meine, sondern solche Typen wie Clemens oder die Christiansen oder die "Westdeutsche Allgemeine", die immer so voller Krokodilstränen ist. Oder die "Bild"-Zeitung, die sich wahrscheinlich da regional einklinkt - es wäre mal interessant, die Hessenausgabe und die Ruhrgebietsausgabe zu vergleichen, ob die den Rüsselsheimern dasselbe erzählen wie den Bochumern.
Vielleicht ist noch eines wichtig, wenn man die Notwendigkeit des Gegensatzes zwischen proletarischem Interesse und Kapitalinteresse klar machen möchte. Da kommt man natürlich auf all die Winkelzüge einer Argumentation, die die Vereinbarkeit der beiden Seiten behauptet, und zu den Behauptungen einer Vereinbarkeit in der jetzigen Lage gehört die ganze Argumentation, die drauf geht, das Management hat Fehler gemacht, womöglich noch deshalb, weil es amerikanisch ist. Das ist ein vielstufiges Argument, wo man gleich mehrere Idiotien entkräften muss: die nationale - es liege nicht am Kapital, sondern an dessen Nationalität; da hilft vielleicht der Verweis auf VW, wo der Standpunkt ist: wenn wir die Leute heute um 30 % billiger machen - das ist ja angesagt -, dann lösen wir das Problem jetzt statt erst dann, wenn es da ist und die Verbilligung um 30 % mit Entlassungen einhergeht - auf das reduziert sich ja dann dieser ganze nationale Unterschied, von all diesen Ekelhaftigkeiten der Betreuung einmal abgesehen, die da jetzt unterwegs sind. Aber das härtere Management-Argument waren so Sachen, die in Richtung des Unterschieds zwischen Krise und Konkurrenz gegangen sind. Wie sieht dieses Verhältnis aus? Was geht da zur Zeit ab in der kapitalistischen Welt?
- Die sagen doch: Krise kann es nicht sein, man sieht doch, dass VW schwarze Zahlen schreibt, also kann es keine allgemeine Lage sein. Dabei merkt man doch an dem, worum Konzerne konkurrieren, dass es Krisenkonkurrenz ist. Die konkurrieren doch um ihren Bestand gegeneinander. Sie haben es doch selbst ausgesprochen: Entweder kommt der eine Konzern weg oder der andere, da gibt es ein ausschließliches Verhältnis. Also existiert gar nicht der Gegensatz: Krise oder Konkurrenz, sondern man merkt doch an dem, worum sie konkurrieren, dass es Krisenkonkurrenz ist.
- Und auch an den Mitteln merkt man es, wenn sie bei sich selber Überkapazitäten feststellen, also ein Teil davon zu streichen ansteht, dann wird ein Stück Kapitalentwertung von ihnen selber vollzogen.
Ich weiß nicht, ob du das meinst, das Gejammer: wir haben bloß 2 % Profit vom Umsatz. Jetzt mal davon abgesehen, dass das bei einem Umsatz von 150 Milliarden ja auch nicht ganz wenig ist, immerhin noch 3 Milliarden Profit bezogen auf das eingesetzte Kapital, und die Aktionäre können damit ja auch zufrieden sein, aber wenn das ein Gegenstand des Jammerns ist und wenn das auch noch verbunden wird mit Überkapazitäten, die sie in aller Welt noch mitschleifen und die sich nicht rechnen, dann sind das schon Hinweise darauf, in was für eine Lage das Kapital sich weltweit hineingewirtschaftet hat. Es gibt auch noch ein paar andere Indizien - was ist denn los, wenn, wie bei Karstadt, eine Kaufhauskette vor dem Ruin steht? Da kommt man dann darauf: Wo es so ungemütlich ist, mag man auch nicht einkaufen. - Eine absurde Erklärung dafür, dass Karstadt vor der Pleite steht.
- Im "Spiegel" steht, Karstadt hat den Fehler gemacht, dass es bei ihm alles gibt. Positives Gegenbeispiel Kaufhof: Der hat es mit und in seinen Galerien gemütlich gemacht. Eine andere Idiotie: Sich auf das Kerngeschäft konzentrieren ist einerseits gut, andererseits gefährlich, weil da nur noch das Lohnende übrig bleibt und wenn sich das dann auch nicht mehr lohnt, dann geht gar nichts mehr.
Das sind Verrücktheiten entlang der Konkurrenz unter Krisenbedingungen: Man übersetzt diese in lauter fehlerhafte Strategien- diese Besserwisserei ex post, bei dem, der auf der Strecke bleibt, sucht man im Nachhinein nach den speziellen Gründen, wieso der statt einem anderen auf der Strecke geblieben ist. Dagegen müsste man sagen, dass in der kapitalistischen Konkurrenz allemal der Vorteil des einen der Nachteil des anderen ist, schon gleich in so einer Situation, wo am Kaufmannskapital sichtbar wird, wie sich das Aufkippen der Überakkumulation verallgemeinert. Es ist ja ein Stück Verallgemeinerung des Widerspruchs zwischen Warenangebot und Kaufkraft, der in der Krise besonders auffällig wird.
Die Verwandlung von Krisenlage in Konkurrenzauftrag der Unternehmen ist so produktiv, weil sie die Grundlage für das Argument ‚zu hohe Kosten' ist: wenn die Belegschaft bei uns so teuer ist, dann können wir ja nicht erfolgreich sein. Dann kommen noch x andere Argumente von ‚Missmanagement' bis ‚Ein Auto verkauft man heute nur, wenn man noch einen Tausender drauflegt'. Es hilft ja alles nichts; denn, wenn man sich in der Konkurrenz bewähren will, dann ist Krise gleichbedeutend mit: In der muss man sich auf Kosten anderer durchsetzen. Und dann kommt das automatisch, nämlich, dass dafür der Betrieb nicht ordentlich gerüstet ist, und dann muss er sich eben rüsten. Deswegen laufen Management-Fehler immer darauf hinaus: Die Belegschaft muss "es ausbaden", d. h., es verantwortlich mittragen.
Das ist das Argument, das an der Stelle hingehört. Da reden sie über scheußliche Verkaufsräume und was ist die Lösung? Dass die, die dort verkaufen, weniger Geld kriegen - das hebt die Stimmung in dem Laden. Das ist der Irrsinn mit den Konkurrenzstrategien, die die einen verpasst haben sollen, während die anderen die in ihnen enthaltenen Chancen ergriffen hätten. Dann wird furchtbar rumgerechtet, aber die Lösung ist immer dieselbe: Die Leute sind zu teuer.
Noch mal zu den Streikenden in Bochum: Man sollte nicht zu verständnisvoll an die hinreden, ob sie nicht merken, womit sie es zu tun haben, weil die ein sehr klares Bekenntnis zu den Grundsätzen der Konkurrenz ablegen, die mit ihnen veranstaltet wird. Sie rufen nämlich nach einer besseren Konkurrenzlage mit ihnen und für ihren Standort. Das ist das Angebot - das ist praktisch noch ein Beitrag zum Anfang: was ist denn der Unterschied zwischen einer Lohnforderung und dem Angebot, für die Rettung von Arbeitsplätzen sind wir zu Verzicht bereit? Sie verstehen sich selber als Konkurrenzgröße ihres Unternehmens und bieten sich auch als eine solche an, während einer, der Lohn fordert, etwas anderes macht: der sagt, die Konkurrenz, die mit ihm veranstaltet wird, korrigiert er ein Stück und das muss das Unternehmen aushalten, die machen genug Profit und er braucht das Geld und fordert es, egal, was die da für Fehler machen. Das ist was anderes, als zu sagen: "Wir wollen doch wenigstens unseren Standort retten, dafür sind wir bereit, folgende Abstriche hinzunehmen." Die lassen sie sich dann noch vom Unternehmen vordiktieren und dann treten sie damit in Konkurrenz zu anderen Standorten und machen sich zum Material dieser Konkurrenz und dafür streiken sie im Zweifelsfall.
- Man ist ja auch in der Lage, dass die Firma sagt, sie hat Überkapazitäten, das ist nicht aufrechenbar gegen Lohnverzicht...Woanders werden sie entlassen. Aber es ist ja nicht die Rechnung, Arbeitsplätze erhalten, weil man damit das einspart, was die Firma wieder rentabel macht...
Das lebt immer davon, dass man rechtzeitig das Verallgemeinern aufhört. Also wenn man dann sagt: "Wenn dann wenigstens in Bochum oder" - im nächsten Atemzug - "in Deutschland die Arbeitsplätze gerettet werden, dann ist es schon okay." Das war noch eine Klarstellung zu dem, was der Widerspruch am Kampf um den Arbeitsplatz ist. Das ist schon eine Einverständniserklärung damit, dass man die Manövriermasse der anderen Seite ist und dass das auch militant geht, ist der Scherz bei Bochum.
- Ein Argument fehlt mir noch zu dem Ideal der Vereinbarkeit der Interessen, das ist ja in vielen Beispielen gesagt worden, wie das aussieht. Es geht immer davon aus, dass es nicht der Angriff auf die Arbeiter sei …
Jedes Ideal lässt sich doch negativ erhalten als Vermeidung der ganz großen Schäden. Schadensminderung als Interessensausgleich, das ist heutzutage die große Parole.
- Da fällt mir noch ein Unterargument von dem Peters bei "Sabine Christiansen" ein: Die Löhne müssen runter, war da Thema, und er sagte, dass der Lohnkostenanteil nur 14 % der Gesamtkosten ausmacht. Die Antwort war: "In den Zuliefererteilen - die zahlen wir ja auch -, da sind 50 % Lohnkosten drin." - Peters' Erwiderung: "Wenn Sie so wollen, ist überall Lohn drin." Wurde gekontert mit: "Genau deswegen muss der Lohn überhaupt gesenkt werden."
Wenn man so will, ist das angewandte Arbeitswertlehre von Marx.
- Ich habe mich gefragt, ob man als Zuhörer nicht auf die Idee kommen kann, sich die Frage zu stellen, warum eigentlich immer der Lohn zu teuer ist. Das ist sogar gekommen: Es gibt auch andere Sachen, die teuer sind - die Energie, das Autofahren... Untermalung des Standpunkts, dem da Recht gegeben wird: Das Kapital tut sich schwer beim Arbeitgeben oder beim Arbeitsplatzerhalt. Das ist doch per se die Unterstellung dieses Vereinbarkeitsideals, das Kapital sei schon interessiert, aber nicht in der Lage - das ist die ganze Botschaft. Das andere ist diese Sorte Vertrauen der Arbeiter, die Überzeugung, das müsste schon sein, dass das eigene Interesse doch zumindest eine Art Anerkennung finden müsste in dem Sinn, dass man wenigstens den Arbeitsplatz retten kann …
Wenn man sich mal an die Debatte gestern Abend bei Sabine Christiansen erinnert: Da zeugen doch sämtliche Einlassungen davon, was ein Arbeiterinteresse in dieser Wirtschaft zählt, die zeugen alle von der Trostlosigkeit einer Existenz als abhängige Variable von Berechnungen und man hat sofort mit dem Problem zu tun, dass alle Welt nur heraushört, das Arbeiterinteresse scheitert an falschen Berechnungen, wenn man die richtigen anstellt, ist es gut aufgehoben, das sieht man doch an den zufriedenen Porschearbeitern. [Porsche hat übrigens mittlerweile für die nächsten Jahre ebenfalls Einsparungen bei den Arbeitskosten angekündigt.] Dabei ist es ein Dokument davon, dass überhaupt jeder Redebeitrag von der prinzipiellen Unvereinbarkeit von Kapital- und Arbeiterinteresse zeugt; sowohl der Professor für Automobilwirtschaft, der offensichtlich seinen Lehrstuhl vor allem mit dem Wort ‚Lohnkosten' bestreitet als auch der Peters, der sagt, die Lohnkosten seien doch gar nicht das Hauptproblem, bestreiten diese Unvereinbarkeit, drücken aber mit ‚Lohnkosten' genau das aus.

Zur "Intrige gegen Angela Merkel" - Der Streit um die Kopfpauschale

Gerade erlebt man den Niedergang der CDU und da ist ja die Öffentlichkeit immer in ihrem Element, wenn sie Machtkämpfe beobachten, den Winkelzügen von Konkurrenten nachsteigen, sie vielleicht sogar befördern kann; rauskriegen und beobachten, am schönsten durch eigene Nachforschungen eine Intrige voranbringen, ist der Traum jedes investigativen Journalisten. Das ist die Seite der Öffentlichkeit in ihrer Begutachtung der Politik. Auf der anderen Seite hat es ableitungstechnisch etwas Befriedigendes an sich, wie der Streit um die Finanzierung des Gesundheitswesens vorangekommen ist: Wenn eine Sachfrage zwischen zwei Parteien strittig ist, dann beschäftigt sich die Öffentlichkeit, wenn auch unwillig, mit dieser Sachfrage und ist schon scharf darauf, die Personen hinter den Sachfragen auszumachen und atmet richtig auf, wenn sie sich nicht mehr mit dieser Frage befassen muss, sondern wenn sie sich mit der Frage befassen kann, ob die Merkel das durchsteht, ob es geschickt von ihr war, diese Frage so in den Vordergrund zu stellen, wo doch der Stoiber dagegen ist und ob sie an der richtigen Stelle die Machtfrage gesucht hat. In der nächsten Etage geht es dann drum: wer unterstützt sie dabei und wer nicht und was will der Merz, wenn er in dieser Lage seine Mitarbeit aufkündigt. Und wenn sie dann endgültig bei der Frage angekommen sind, ob es eine gewollte Intrige ist oder nur so ein Hin und Her, bei dem mal eine Intrige herauskommt, mal nicht, ist die Journaille endgültig in ihrem Element. Vielleicht kann man das aber mal umgekehrt betrachten, nämlich so: Was ist an dieser Gesundheitsreform die Sachfrage? Was liegt dem Streit zwischen dem Seehofer- und dem Merkel-Modell zugrunde?
Die Frage ist auch deshalb interessant, weil sie im Gegensatz zu manchen anderen Fragen für einen knallharten Führungsstreit in der CDU geeignet ist.
Das ganze Gesundheitswesen und seine Finanzierung ist keine Randfrage, bedeutet materiell was für die Leute - 165 € steht derzeit in der Debatte - und wird richtig wichtig gemacht darüber, dass das ein guter Wahlkampfstoff wäre, da einen Gegensatz zur Regierung beim Thema Bürgerversicherung contra Kopfpauschale aufzumachen. Warum gibt es diesen Streit und worum geht er? Man kann versuchen, es so auf den Begriff zu bringen: worum wird da gestritten? Was ist denn die Alternative zwischen den beiden Finanzierungsmodellen? Sie sagen selber, das sei ein Paradigmenwechsel, worin besteht er?
- Der Paradigmenwechsel liegt doch in der Gemeinsamkeit des Ausgangspunkts der beiden Modelle, dass die Arbeitgeber weniger an den Gesundheitskosten beteiligt sein sollen und der Streit geht darum, wie das, was an Nettolohn zusätzlich nötig ist, verteilt wird.
- Die eine Variante heißt doch, Kosten von den Arbeitgebern weg und verteilen auf die Gesamtzahl der Bürger vom Millionär bis zur Verkäuferin, das ist die Kopfpauschale, damit vergrößert sich die Basis der Einzahler und die Kosten liegen nicht mehr auf dem Lohn. Die Bürgerversicherung sagt, man müsste den sozialen Bedarf mit einbeziehen, also eine einkommensbezogene Bezahlung der Leistungen der Krankenversicherung, auch da will man weg von den Lohnkosten, aber die Nettolohnhöhe soll eingehen in das, was einer zahlen soll.
Wieso soll das vom Lohn wegkommen?
- Weil Lohn eine Kost ist.
Das ist die eine Seite, dass der Lohn zu hoch ist, kann man insgesamt und an den einzelnen seiner Bestandteile zum Thema machen und das, was als Arbeitgeberanteil an den Versicherungskosten firmiert, wird noch mal extra aufgeblasen, aber da ist ja ein Stück Ideologie auch mit dabei; das als Extrabelastung des Arbeitgebers zu verbuchen, ist eine Technik der Abrechnung. Man muss sich aber mal daran erinnern, wofür diese Technik der Abrechnung steht, um sich klar zu machen, was dieser vielbeschriene Paradigmenwechsel eigentlich ist, wo eben, wie vorher gesagt worden ist, die beiden Modelle zusammenfallen. Was war die Idee der alten Konstruktion, nach der der Arbeitnehmer einen Anteil von seinem Bruttolohn an die Krankenkasse zahlt und der Arbeitgeber denselben Betrag oben drauflegt?
- Ich weiß nicht, ob das die Idee war, die Wirkung war jedenfalls, dass bei Beitragserhöhungen auch der Arbeitgeberanteil stieg, sie also quasi einer Lohnerhöhung gleichkamen.
Ja, aber das gehörte zu den ungewollten Nebenwirkungen, nach denen man nicht rechtzeitig den Gesetzgeber gefragt hat.
- Der Lohn muss hinreichen, um das Geschäft eines Gesundheitswesens hier in der Republik zu tragen.
Das würde ich gerade nicht gelten lassen für die Konstruktion der Sache.
- Für die Wechselfälle des Lebens, wo Krankheit dazu gehört, kann der einzelne gar nicht aufkommen, weil er gar nicht genug Geld hat, um sich seine Gesundheit zu erkaufen. Und darauf basiert dann das ganze Geschäft, das das Gesundheitswesen ist. Sein Anteil wird ihm per Zwang vom Lohn abgezogen, er hat einzuzahlen in die Kasse und das kommt dann allen zu, die es brauchen.
Dieser Zwang war ein sozial mildtätiger Zwang, durch den die notwendige Gesundheitsversorgung den Leuten, die sie sich nicht leisten konnten, zugänglich gemacht wurde.
- Während jetzt bei den beiden Modellen die Aussage ist: Krankheit ist zu teuer, man kann auch schönfärberisch sagen: Die Gesundheit ist zu teuer, das kann sich diese Gesellschaft nicht mehr leisten. Wenn der einzelne also jetzt seine Gesundheit wiederherstellen will, muss er selber schauen, wie er das schafft; der Reichere kann sich versichern, der Arbeitslose eben nicht.
- Noch mal zu dem Argument vom Anfang, dass sich die Proleten die Gesundheit nicht leisten könnten, da ist doch das Lustige, dass man bei dem alten System so tut, als ob die Kapitalisten den Arbeitgeberanteil zuschießen; eigentlich ist das das Eingeständnis, dass Gesundheit mit dem Lohn nicht geht.
Das ist die Klassenlage der Arbeitnehmer und die mit dieser Klassenlage verbundene Armut ist kein Geheimnis, sondern sie ist der organisatorische Ausgangspunkt der Sache. Sie wird ins Auge gefasst unter dem Gesichtspunkt, dass sie die notwendige Gesundheitsversorgung der Menschen nicht hergibt. Mit Gesundheitsversorgung meine ich Arbeitsfähigkeit, die haftet nun mal am Individuum dran, an dessen Stabilität und an Äquivalenten für Verschleiß und an der Fähigkeit des Aushaltens, alles, was in unserer Gesellschaft da so drin ist; die Leute so zu stabilisieren, dass sie so herumlaufen können, wie sie es auch brauchen, für sich selbst und für ihren Lebensunterhalt usw. Das ist für eine ganze Mannschaft von Lohnarbeitern unerschwinglich, obwohl es damals bei der Einführung noch nicht so teuer war, auch insgesamt, volkswirtschaftlich. Die brauchen die Gesundheitsversorgung aber, und dann wird vom Lohn her was organisiert und man macht sogar nominell den Arbeitgeber dafür haftbar, dass er die Gesundheit seiner Leute verschleißt. Das ist die Idee des Arbeitgeberanteils: Er hat ja was davon, wenn sie immer wieder repariert werden oder die zum Aushalten notwendigen Kuren bekommen, wenn also denen ein notwendiges, aber unerschwingliches gesellschaftliches Gut zugänglich gemacht wird, die es sich nicht leisten können, schon gar nicht, wenn sie es brauchen; denn je nötiger sie es brauchen, umso weniger können sie es gleichzeitig verdienen. Diesen Widerspruch haben sie auch gleich noch ins Auge gefasst und, nach 100 Jahren Kapitalismus, mit der Lohnfortzahlung darauf reagiert. Was ist demgegenüber heute der Standpunkt des Reformwesens? Da muss man auch in Rechnung stellen: Daran herumreformiert wird ja seit Jahrzehnten.
- Der Standpunkt ist doch: Nicht alle können sich die Wiederherstellung der Gesundheit leisten, z. B. für die Sozialhilfeempfänger gilt ein ganz anderer Maßstab, z. B. die zweiten oder dritten Zähne...
Da hast du jetzt gerade das Ding erwischt, wo eine Sortierung der Leistungen nicht nur ‚angedacht', sondern auch organisiert wird, also beim Zahnersatz, wobei die Maxime nicht heißt, die kriegen keinen mehr, sondern, das müssen sie extra versichern. Das ist - vielleicht: noch - nicht der Standpunkt: Wir sortieren nach sozialen Gesichtspunkten die Leistungen. Das wird der Effekt sein, aber wie man sich zu dem Effekt hinarbeitet, das muss man sich an der ganzen Kaskade von Gesundheitsreformen und den letzten Radikalvorschlägen klar machen.
- ... der Gedanke, es gibt arme Leute, die vom Lohn leben und sich deswegen, was in der Gesellschaft gesundheitlich geboten wird, nicht leisten können, ist damit gestrichen.
Das war die Idee der Einführung der Sache: Vom Lohn, den die Leute bekommen, können sie die Krankheiten nicht überstehen; das muss aber sein, also muss man den Lohn so organisieren, dass er das trotzdem hergibt. Was ist denn passiert, wenn heute der Standpunkt ist: Diesen Lohnbestandteil kann man dem Kapital nicht mehr zumuten. Das ist doch der Standpunkt: Die Lohnsumme ist überfordert, jetzt nicht beim Einzelnen, so dass man sie insgesamt hernehmen, versozialstaatlichen und umverteilen muss, sondern die umverteilte, vom Staat zurechtgemachte Lohnsumme gibt, weil das Kapital darunter leidet, die Gesundheitsversorgung der Betroffenen nicht mehr her. Das ist der entscheidende Wandel und interessant ist, was zwischen dem Ausgangspunkt und dem jetzigen Reformstandpunkt steht.
- Eine Konsequenz war, schrittweise, wie es mit dem Krankengeld gemacht worden ist, das Kapital aus dieser Verpflichtung zu entbinden. Mit der Bürgerversicherung wird der Unterhalt zum Anliegen der gesamten Gesellschaft gemacht und nicht mehr nur der Arbeiterklasse. Vorher war es so, dass die Arbeiterklasse sich selbst über diese Beiträge reproduziert hat...
So über "die Gesellschaft" zu reden, halte ich für fragwürdig - wer ist das denn wirklich? Aber du redest eigentlich über die Art der Umstellung auf diesen neuen Gesichtspunkt oder darüber, wie man diesen neuen Gesichtspunkt - die Lohnsumme ist eigentlich überstrapaziert - organisatorisch umsetzt, und das ist nicht der Witz: Jetzt geht es über die gesamte Gesellschaft und nicht mehr nur über die Arbeiterklasse. Damit schmeißt man auch wieder den Ausgangspunkt weg, was es eigentlich heißt, was da passiert sein muss, damit dieser neue Standpunkt einreißt, dass das Gesundheitswesen von der Gesamtsumme des Lohns nicht mehr zu bezahlen ist; mit dem, was die Arbeitskräfte dem Kapital samt seinem Arbeitskräftebedarf wert sind, ist das Gesundheitswesen nicht mehr wie bisher zu bezahlen. Wie kommt es zu diesem Standpunkt? Daran möchte ich vorher noch erinnern, bevor man sich immer gleich fragt, wie das organisiert werden soll, wer es dann bezahlen soll usw.
- Der Staat übernimmt doch die fiktive Rechenweise des Kapitals, zu sagen: Lohnnebenkosten sind Kosten, für die ich keine Arbeitsleistung erhalte, also kann man das Kapital nicht dafür haftbar machen, muss seinen Anteil wegnehmen und wie ist dann das Gesundheitswesen überhaupt noch finanzierbar?
Das ist also schon dezidiert der Standpunkt: Damit machen wir die Arbeit für das Kapital zu teuer. Andersrum ausgedrückt: Soviel Gesundheit, wie Gesundheitsversorgung heutzutage kostet, ist dem Kapital die Lohnarbeit nicht wert, dem muss man als Staat Rechnung tragen. Das heißt nicht: Dann streichen wir die Hälfte der Leistungen. Das ist in den beiden Modellen nicht vorgesehen, - wie man es z. B. in England unter dem Druck der Verhältnisse überlegt, ab wie viel Jahren ein Mensch noch ein künstliche Hüfte bekommt oder ab wie viel Jahren keine Bypass-Operationen mehr gemacht werden. Was nicht heißt, dass hier nicht auch in die Richtung gedacht wird, diese ganzen Berechnungen: Wie viel kostet der Sechzigjährige? Etwa so viel wie er einzahlt, aber schon die Fünfundsechzigjährigen kosten ein Mehrfaches - das sind schon Berechnungen, die irgendwie auf Ausschluss hingedacht sind. Aber das führt eigentlich weg von dem Hauptpunkt: Es liegt ja kein Perspektivenwechsel zwischen dem alten Standpunkt - wir müssen für das Proletariat notwendige Gesundheitsleistungen aus dem Lohn erschwinglich machen, obwohl es der eigentlich gar nicht hergibt und dann betrifft die Drangsalierung im wesentlichen die Lohnempfänger und nominell das Kapital mit seinem Zuschlag - und dem heutigen Standpunkt - insgesamt können wir dem Kapital einen Lohn, der gleichzeitig so viel vom Gesundheitswesen mitfinanziert, nicht zumuten. Da liegt der Aufbau eines enormen Gesundheitswesens dazwischen, das sich von dem schlichten: der Arzt untersucht und schickt den Patienten um ein Pülverchen zum Apotheker, schon sehr weit entfernt hat, nämlich zu einem wichtigen gesellschaftlichen Geschäftszweig geworden ist, und es ist klar, diesen Geschäftszweig aushungern steht nicht zur Debatte, dazu ist er viel zu wichtig. Alle Versuche, die Pharma-Industrie gesundzuschrumpfen oder die Krankenhauskosten wirklich zu senken, "scheitern an den Lobbys" wie es immer heißt - aber warum? Da muss man erst mal in Rechnung stellen: mit der Organisierung eines Gesundheitswesens auf Basis des alten Modells hat sich ein Kassenwesen entwickelt als Finanzquelle für einen Geschäftszweig, der sich um diese Grundlage - was gibt der Lohn an Gesundheitsversorgung eigentlich her? - überhaupt nicht mehr gekümmert hat. Dieser ganze Gesundheitssektor ist der Idee wie der Praxis nach eine einzige Abstraktion von seiner Geschäftsgrundlage - kein Arzt interessiert sich für die Gründe des Verschleißes, den er an den Symptomen seines Patienten bemerkt. Das ist ja das Produktive dieses ganzen Sektors für die Klassengesellschaft, dass die Frage, wofür der wiederhergestellt wird, den ganzen Geschäftszweig nichts angeht. Praktisch geht es ihn schon was an, wenn nach allem Möglichen geforscht wird: Äquivalente von Gesundheit, Mittel des Aushaltens, Arbeitsfähigkeit auch bei Beeinträchtigung der Physis, Kompensation von Verschleißsymptomen, so dass wenigstens noch die Selbsterhaltung durch eigenständige Arbeit gewährleistet ist, auf diese ganze Sorte Menschenfreundlichkeit ist es natürlich schon berechnet, aber die geht den ganzen medizinischen Geschäftszweig nichts weiter an; der fängt ja nicht mit der Frage an: "Wo gehen Sie arbeiten?", höchstens insofern, als der Arzt dann weiß, dass er bei dieser und jener Arbeit entsprechend mit den entstehenden Schäden umgehen muss. Ein riesiger Geschäftszweig hat sich aufgetan auf Basis einer Geldsumme, die im Wesentlichen aus dem Lohn abgezweigt worden ist, aber mit der Direktive, von der Herkunft dieser Geldsumme und vom Zweck der Gesundheitsversorgung in Sachen weiterer Lohnerwerb zu abstrahieren und nur noch das leidende Individuum ins Auge zu fassen, dem unterschiedslos geholfen wird - das ist ja sogar die Grundlage des Ethos dieses ganzen Geschäftszweigs. Kleine Unterschiede gibt es zwischen privaten und gesetzlichen Versicherungen, AOK usw., aber das sind nur Modifikationen an dieser Abstraktion, die im wesentlichen durchgehalten wird.
Das ist eine Eigenart Deutschlands, das diesen Idealismus durchgehalten hat, weil es sich lohnt, nicht nur für die Ärzte, sondern auch für die ganze Tablettenindustrie und Medizintechnik, die weltweit führend ist und die man natürlich nicht abwürgen will.
Und auch, wenn in Amerika diese Sorte Zwangsversicherung nicht eingeführt worden ist, sie haben mit dem Versicherungswesen, das für die Masse ihrer Bevölkerung teilweise vom Kapital bezahlt worden ist, auch ein solches Gesundheitswesen auf die Beine gestellt, und das ist jetzt einer der wichtigsten Geschäftszweige der USA bis hin zum Krankenhaus-Management und eigenen Krankenhäusern, mit denen sie die Menschheit beglücken, das sind auch Konzerne, die das betreiben. - Das Geschäft mit der Gesundheit hat sich zu einem 15%igen Anteil am Bruttosozialprodukt ausgewachsen, das ist gewissermaßen der Beitrag dieser praktizierten Abstraktionsleistung: Wir bekämpfen hier Krankheiten, und dabei brauchte man sich lange Zeit um das Geld nicht zu kümmern. Wenn sie mehr Geld brauchten, wurden die Beiträge zur Krankenkasse erhöht; den Rest erledigte das Verhandlungsgeschick der kassenärztlichen Vereinigung in ihrem Dauerkampf mit den gesetzlichen Krankenkassen. So gibt es einen ganzen Sektor, an den sich jetzt die Frage richtet: Wie lässt sich der eigentlich noch finanzieren? Und dann ist schon klar, das Ganze einfach dadurch zu finanzieren, dass man das für die Massen wieder zusammenstreicht, kommt deswegen nicht so einfach in Frage, weil man ja diesen ganzen Geschäftszweig nicht gesundschrumpfen will, der soll ja mit zum Wachstum beitragen.
- Es handelt sich also um eine staatlich garantierte Kaufkraft.
Ja. Jetzt ist das Gesundheitswesen ein Geschäftszweig für sich und, wo sonst der Konsument steht, steht da der Patient. In Bezug auf das, was die Arbeitskräfte ihren kapitalistischen Anwendern wert sind, ist die Verfügbarkeit, die Zugänglichkeit dieses ganzen ausgeuferten Gesundheitswesens ein Luxus, nicht in dem Sinn, dass den sich nur die reichen Leute leisten können, sondern in dem Sinn: Das ist für die armen Leute zu viel. So viel Aufwand, wie von den Subjekten von Arbeitskraft in die Reproduktion von Gesundheit der Klasse hineingesteckt wird, aus der sich das Kapital bedient, so viel ist diese Klasse dem Kapital gar nicht wert. Gewissermaßen wird die Arbeitskraft über Wert bezahlt oder anders ausgedrückt: der Zugang zur Gesundheitsversorgung ist aus dem Lohn bezahlt worden, das gehört nach allen technischen Definitionen von Marx zum moralischen Element im Wert der Ware Arbeitskraft, das gehört mit dazu, das hat so seine Geschichte, dass soundso viel Gesundheitsleistung und auch diese, von Grund und Zweck emanzipierte Gesundheitsversorgung, den Leuten zugänglich gemacht wird, also auch den Arbeitskräften, auch den ausgedienten, aber damit wird der Lohn mit einer Summe belastet, der Wert der Arbeitskraft in eine Höhe hinaufgetrieben, die sich nicht mehr rechnet, die dem Kapital zu teuer ist. Das ist quasi das Urteil: Dieses Quantum gesellschaftlicher Arbeit, das auf die Versorgung des Proletariats verschwendet wird, ist gesellschaftlich nicht notwendig. Normalerweise bleibt gesellschaftlich nicht notwendige Arbeit liegen, wird nicht gekauft und entwertet sich darüber. Über die staatlich organisierte Zahlungsfähigkeit wird das alles bezahlt, also dass das alles zu viel ist, kürzt sich nicht durch die Armut der Leute raus, sondern das muss wieder vom Staat veranstaltet werden; der muss geltend machen, dass die Leute eigentlich zu arm sind für das, was ihnen da zugänglich gemacht wird, aber ohne dass der Geschäftszweig leidet, und da tut sich auch der Politiker schwer, deswegen gibt es ja auch eine Serie von Unternehmungen - die haben auch schon ihre 15-jährige Geschichte -, die den Individuen die Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen durch Zuzahlung individuell teuer machen, auf diese Weise wird die individuelle Kaufkraft einerseits vereinnahmt für diesen Sektor, andererseits sorgt sie für Ersparnisse bei der Inanspruchnahme dieses Sektors. Das hilft allerdings nicht viel, die Zuzahlungen wachsen, das Gesundheitswesen insgesamt wird dadurch nicht billiger. Jetzt mussten schon diese drastischen Beschlüsse von diesem Jahr her, damit da angeblich eine Trendwende passiert ist - die 10 €, vieles wird von der Kasse nicht mehr gezahlt usw. -, aber vom Standpunkt der Politiker aus, die Quadratur des Kreises hinzubringen, nämlich die Lohnsumme zu entlasten und dabei die Geschäftsgrundlage des Sektors zu erhalten, sind das alles unzulängliche Maßnahmen, und auf der Grundlage dieses Problems erwachsen die verschiedenen Alternativen - ein unangenehmes Feld für den Politiker, weil er da immer was falsch macht. Interessant ist, dass sich dieser Versicherungsstandpunkt von der Merkel durchsetzt, warum Gesundheit so etwas anderes sein solle als ein Auto, für das auch alle mehr oder weniger das gleiche bezahlen. Wieso nicht für die Gesundheit? Es werden doch alle gleich krank. Das ist jetzt der Unterschied: Wen macht man dafür haftbar? Und da merkt man, die Gesellschaft ist darauf nicht die Antwort, sondern das ist gerade das Problem: Wen macht man für die gerade erwähnten politischen Absichten haftbar, wie kriegt man die garantierte Kaufkraft her, aber so, dass man gleichzeitig das Kapital von den Lohnkosten entlastet? Denn das führt auf das alte Problem zurück, dass sich der einzelne das nicht mehr leisten kann, weil man so viel von seinem Lohn abziehen muss, dass man schon hart an die Hälfte des neuen Mindestlohns herankommt - 165 € sind fast schon die Hälfte von 345 € Sozial"lohn"; mit diesem Problem schlagen sich die beiden Alternativen herum, wobei Bürgerversicherung nicht bedeutet, dass dann alle Bürger beansprucht werden, sondern das heißt, dass alles, was der Bürger - außer dass er Prolet ist - noch so einnimmt, z. B. als Sparbuchinhaber oder Vermieter, mit herangezogen wird, um über die Vergesellschaftung des Geldes diese Kaufkraft herzustellen, um so dem Problem beizukommen, dass der individuelle Lohn das nicht mehr hergibt. Und dazu steht das andere in Konkurrenz: Erst mal nehmen wir es allen weg, und zwar von dem, was sie von ihrem Lohn kriegen, und wenn dann nichts mehr übrig bleibt, dann sollen die sich als bedürftig melden und dann bekommen sie was. Das sind so die alternativen Lösungen, wobei das Merkel-Modell etwas ungemein Zeitgemäßes hat. Bei der Bürger-Versicherung sind die Beiträge immer noch Anteile vom individuellen Einkommen, und da ist dann der soziale Ausgleich automatisch mit enthalten; so wird das Kapital entlastet, die Geschäftsgrundlage des Gesundheitswesens bleibt erhalten und es hat immer noch seinen proportionalen Anteil an dem, wovon der Mensch so lebt.
- ...das verstehe ich nicht ganz. Das Argument von der CSU leuchtet mir fast ein, das entlastet doch das Kapital nicht, wenn der Staat was aus seiner Kasse hernehmen muss.
Dazu würde die Merkel Folgendes sagen: Der bisherige Arbeitgeberanteil wird ja nicht bloß ausgezahlt - klar, der Arbeitgeber ist das Geld los und der Prolet hat es -, aber es wird ja außerdem versteuert, er drückt also nicht bloß den Beitrag ab, sondern auch die Steuer, die er darauf zahlen muss und damit finanziert sich schon mal die Hälfte dieses Umschlags von selbst - das ist die berühmte Selbstfinanzierungskraft dieses Modells - und mit der anderen Hälfte geht man an die Reichen dran, aber nicht einfach an das Kapital in seiner Eigenschaft als produktiver Reichtum, sondern an die, die mit ihrem Geld eh nichts Besseres anzufangen wissen als es zu haben oder es zu verdienen - Manager, Politiker - , also die individuellen Einkommenssteuern werden dann belastet, nicht das Kapital. Das ist dann deren Lösung, dahinter steckt natürlich noch eine andere Lösung - deswegen ist die Merkel-Lösung ja so zeitgemäß: Wenn schon Abstraktion von der Klassenlage, dann auch gründlich, dann zahlt jeder dasselbe und wenn man dann noch auf arm und reich reflektiert, dann sind die Reichen damit konfrontiert, dass sie zwar weniger in die Krankenkasse zahlen müssen, dafür aber mehr an den Staat, der so einen Ausgleich stiftet. Auf der anderen Seite: Wer dann noch Geld braucht, um das bezahlen zu können, fällt in die Kategorie ‚bedürftig' und was das heißt, wird gerade an dem Hartz-IV-Gesetz durchexerziert: Das muss man dann erst mal beweisen, dass man bedürftig ist. Über die ganzen Kautelen und was man da alles an Nachweisen erbringen muss, um bedürftig genug zu sein, um einen Zuschuss zu seiner Krankenversicherung zu kriegen, hat man noch nichts erfahren, aber darüber, was es heutzutage heißt, Bedürftigkeit nachzuweisen, weiß der Alg-II-Empfänger inzwischen Bescheid - der bekommt es wahrscheinlich automatisch, weil er seine Bedürftigkeit nachgewiesen hat, aber alle, die bislang weniger als die 165 € in die Krankenkasse zahlen, müssen sich dazu bequemen, dem Staat ihre Bedürftigkeit nachzuweisen. Diese Reflexion steckt in dem Modell sicher auch drin, aber wesentlich war mir vor allem, zu sagen, warum die Politiker mit ihren Plänen zur Lösung dieses Problems so schlecht aussehen, und auch, welcher Paradigmenwechsel dahintersteckt, sollte angedeutet sein.