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"Wir sind das Volk!"
Nachdem jetzt auch Günther Grass das Volk sein will, soll
einmal auf den Begriff gebracht werden, was das Volk für
ein Ding ist. Zur Eröffnung soll auf eine gewisse Paradoxie
in dieser Demonstrationswelle der letzten Wochen aufmerksam gemacht
werden. Es gibt einen Protest betroffener Menschen gegen diese
neue Sozialgesetzgebung; es gibt dezidiert unter dieser Parole
"Wir sind das Volk!" eine Demonstration der Widerspenstigkeit;
es wird öffentlich Einspruch eingelegt dagegen, dass das
so über die Bühne geht; die Betroffenen treten ideell
den Regierenden, die diese neuen Gesetze machen und durchsetzen,
auf die Füße - was machen sie eigentlich geltend mit
diesen Parolen? Wir können das in verschiedene Richtungen
hin verfolgen. Sie machen so etwas wie den Anspruch auf Arbeit
geltend. Das ist eine der - fast möchte man sagen - sachlichen
Parolen oder einer der Hinweise, wenn man als Langzeitarbeitsloser
schon vor die harte Alternative größere Armut oder
Arbeit gestellt wird, dann möchte man doch wenigstens eine
Chance zum Arbeiten haben. Das wäre die eine Richtung - vielleicht
die einfachere, vielleicht auch die hier schon mehr besprochene,
in die man das verfolgen könnte. Die andere Richtung aber
wäre, sich einmal klar zu machen, was in dieser Parole ‚Wir
sind das Volk' für sich genommen steckt. Das soll ja
für sich sprechen. Man macht die Regierenden darauf aufmerksam,
dass es zu den Maßnahmen, die sie treffen, übrigens
auch noch Leute gibt, die da drunter leiden - in dem Sinn demonstriert
man Betroffenheit und Widerspenstigkeit -, man tritt ideell den
Regierenden mit ihren Gesetzen auf die Füße. Damit
ist die Parole ‚Das Volk sind übrigens wir' auch
schon fertig. Warum ist die fertig, was bringt die eigentlich
zum Ausdruck? Dazu möchte ich in Form von zwei Thesen, die
hier zu überprüfen wären, auf einen Widerspruch,
eben diese Paradoxie dieses Auftrumpfens hinweisen.
Eigentlich machen sie einerseits auf gar nichts anderes aufmerksam,
als dass sie die Betroffenen sind. Dass sie welche sind, die regiert
werden und den Regierenden zu bedenken geben, dass sie eben unter
dem, was die Regierenden machen, leiden. Wenn ‚das Volk'
das Attribut sein soll, in dessen Namen sie Protest anmelden,
dann melden sie überhaupt nichts anderes an, als dass sie
diejenigen sind, die regiert werden. Wenn jemand etwas anderes
aus der Parole heraushört, wäre dies Diskussionsstoff.
Weiter ist zu schauen, was da alles an Abstraktionen und
Idealisierungen
drinsteckt, wenn man sich so aufstellt. Die andere Seite dazu
ist, da bringen es Leute fertig, sich selber als diejenigen
vorzuführen,
die regiert werden, und das soll gleichbedeutend sein mit einem
Anspruch, mit einem Rechtsanspruch gegen die Regierenden, mit
einem Anspruch auf Gehör und auf Respekt. Fordernd treten
Leute auf mit dem Hinweis, dass sie die Untertanen von den anderen
sind.
- Sie machen doch auch deutlich, dass es auf sie ankommen sollte.
In welchem Sinn?
- Sie sind schließlich die Basis.
In welchem Sinn sind sie die Basis? Klar, das wollen sie anmelden.
Aber inwiefern kommt es denn auf sie an, wenn sie anmelden ‚Wir
sind das Volk'?
- Natürlich als Untertanen.
Natürlich, das ist ja gerade der Witz. Wenn die
Postbediensteten
sich öffentlich äußern und eine Demonstration
gegen die Privatisierung der Post machen und sagen: "Wir
sind die Postbeamten!", dann hat dies einen etwas
anderen Inhalt, als wenn Leute sagen: "Wir sind das Volk".
Das Gleiche gilt für die Lehrer, wenn die auftreten und sagen:
"Wir sind die Lehrer!" Was melden denn Leute
an, die darauf verweisen, dass sie das Volk sind?
- Dass sie das auch sein wollen und bleiben.
Gut, aber was wollen sie sein und bleiben?
- Da kommt nicht die Drohung vor, dass sie aufhören wollen,
das Volk zu sein.
Das wäre auch schon komisch. Wie hört man auf, Volk
zu sein?
- Es geht doch kein Mensch mit der Parole auf die Straße
‚Ich bin das Volk' und meint damit: "Ich bin Untertan
und das will ich auch bleiben." Sie sagen doch, dass das
Volk der Souverän sei und zu bestimmen habe.
Eben, alle haben Widerspenstigkeit im Sinn. Nur, und das ist jetzt
gerade der Witz, unter welchem Gesichtspunkt?
- Sie haben die Vorstellung, dass alles für sie eingerichtet
ist.
Wie kommen sie denn darauf?
- ... es ist ein Idealismus, der in der Demokratie gestiftet ist.
Sie bewegen sich entlang des Widerspruchs der Demokratie, dass
es eine Herrschaft des Volkes über das Volk und für
das Volk ist. Bei dem Moment der Herrschaft, bei dem immer der
Gegensatz, Gewalt unterstellt ist, soll das Subjekt der Herrschaft
und das Objekt, das der Herrschaft unterworfen ist, ein und dasselbe
sein. Es stellt sich implizit auf beide Seiten. Sie meinen die
Maßnahmen der Herrschaft dadurch zu blamieren, dass sie
durch diese negativ betroffen sind. Die Regierung sei ihrer
eigentlichen
Funktion gar nicht gerecht geworden.
Das steckt ja alles darin, indem man so auftrumpft. Aber was ist
der Gesichtspunkt, unter dem Leute, die sich als Volk bezeichnen,
meinen, ihre Regierung ihnen gegenüber auf Wohlverhalten
festlegen zu können? Im letzten Beitrag wurde gesagt, dass
dies so eine Machenschaft der Demokratie sei. Das mag schon sein.
Aber die Leute machen doch jetzt keinen demokratischen Akt, sie
melden noch nicht einmal ein, sie seien der Wähler.
Die Kategorie Volk ist noch ein bisschen anders beschaffen als
die des Wählers.
- Und die des Postbeamten. Der kann wirklich eine
Abhängigkeit
anders herum geltend machen. Der kann eine Abhängigkeit der
Post AG von sich und seiner Leistung festhalten. Umgekehrt, Volk
ist für sich selbst die abhängige Kategorie. Die klagen
von ihrer Abhängigkeit her ein. Der Inhalt ihrer Widerspenstigkeit
ist die Abhängigkeit.
So ungefähr war meine These. Das gilt es noch zu beweisen.
- Volk steht als abhängige Größe zum Staat, die
auch in dem Sinne nicht kündbar ist. Der Titel Volk ist ja
kein Anspruchstitel, da gibt es keine Drohung, keine Sorte
Verweigerung.
- Einen etwas seltsam gearteten Anspruch gibt es schon, nämlich
darauf, dass die Regierenden ihre Verantwortung wahrnehmen und,
wenn sie das tun, dass dann so etwas wie ein
Entsprechungsverhältnis
von Volk und Regierung herauskommen müsste. Dann müsste
auch die Betroffenheit, die sie jetzt geltend machen, nicht sein.
Sie nehmen die Betroffenheit als Indiz für schlechtes Regieren.
- Es fehlt doch immer noch, womit die denn drohen, selbst wenn
es nur in der Vorstellung passiert. Sie meinen schon, dass sie
mit einer Differenz zum Staat, zu den Regierenden eine Gefahr
sind.
Ja, und inwiefern? Womit kann ein Volk drohen?
- Allein damit, dass es den Gehorsam aufkündigt.
Das ist interessant. Damit hat man fast schon den Begriff des
Volkes. Was ist denn dann das Volk, wenn seine einzige Waffe
gegenüber
den Regierenden darin besteht zu sagen: "Passt bloß
auf, sonst gehorchen wir nicht mehr!"?
- Normalerweise wäre dies eine Systemfrage. "Entweder
es ändert sich jetzt etwas, oder wir putzen euch weg!"
Eine Alternative wollen sie aber gar nicht durchsetzen.
Da muss man noch etwas schauen, wie das in der Parole selber
drinsteckt.
Das Witzige ist doch bloß, dass es wie der Begriff des Volkes
ist, den sie mit der Drohung hersagen. Wodurch ist ein Volk als
Volk konstituiert, wenn seine ganze Drohung, die es gegenüber
den Herrschenden aussprechen kann, darin besteht zu sagen: "Passt
bloß auf, sonst gehorchen wir womöglich nicht mehr!"?
... Was ist überhaupt der Inhalt von Volk, wenn der angemeldet
wird? Als Hilfe kann man sich klar machen, von welchen Sachen
da erst einmal alles abgesehen ist. Dafür stand der Hinweis
auf die Postbeamten.
- Die konstruieren doch ihren Einspruch, als wäre er parallel
zu den Postbeamten. Der Ausgangspunkt von ihrem Protest ist doch,
dass sie keine ökonomische Nützlichkeit haben. Sie
können
sich ja schlecht aufs Transparent schreiben ‚Wir sind die
Überflüssigen'. In Talkshows usw. zählen
sie ihre Funktionen auf, worin sie als Volk einen Gesichtspunkt
haben, den der Staat berücksichtigen sollte. Eine klassische
Funktion lautet: "Wir können die Kinder nicht mehr
großziehen."
Das sei doch ein Dienst für den Staat, den sie bisher geleistet
haben. Mit der Verarmung ginge dieser Dienst nicht mehr. So
konstruieren
sie, parallel zum Postbeamten, man solle sich vorstellen, dass
auch das Volk eine ganze Reihe von Diensten für den Staat
erbringt, die nicht mehr gehen, wenn er auf seinem Programm beharrt.
Aber das hat doch nichts mit dem Postbeamten zu tun. Der droht
doch nicht damit, dass sein Dienst nicht mehr geht, sondern dass
er ihn nicht mehr verrichtet. Das ist doch ein Unterschied. Sie
drohen doch nicht damit, die Kinder nicht mehr erziehen zu wollen.
Sie sagen, es geht nicht mehr. Das ist ein Ausdruck genau für
etwas anderes, genau für das umgedrehte Verhältnis.
- Ich haben den Punkt nicht verstanden, wenn gesagt wird, dass
da von vielem abstrahiert wird. Klar ist, dass die nicht mit
Aufkündigung
drohen. Sie suchen nach einem Gesichtspunkt, unter welchem dem
Staat klar werden soll, dass seine Verarmung der Leute für
ihn negative Folgen hätte. Wie geht das damit zusammen zu
sagen, es sei eine Abstraktion?
Welches Interesse machen sie denn geltend, wenn sie sich als Volk
aufführen? Machen sie überhaupt ein Interesse geltend?
- Sie machen doch das Interesse geltend, dass alles Privatinteresse
aufgegeben ist und nur noch das zählen soll, was die
Identität
mit dem Staat ist.
Das geht nun sehr weit zu sagen, sie machen die Aufgabe jeglichen
Interesses geltend. Bleiben wir zunächst noch einmal auf
der Stufe vorher. Es gibt kein von ihnen geltend gemachtes
gesellschaftliches
Interesse, auf dem sie bestehen. Wenn sich eine streikende Figur
aufstellt, dann bezieht sie sich auf sich selber als Arbeiter,
als Belegschaft, die für den Nutzen einer anderen Seite nötig
ist, und verweist auf eine Interessenkollision, unter der man
leidet; es wird auf das eigene geschädigte Interesse verwiesen
und das des Gegners bekämpft. Jetzt sind es doch alles Leute
mit einem geschädigten gesellschaftlichen Interesse. Mit
‚gesellschaftlich' meine ich, was man auch politologisch
sozio-ökonomisch nennen könnte. Es sind entlassene
Lohnarbeiter;
vielleicht auch noch nicht entlassene, sondern welche, die noch
irgendwo herumfuhrwerken, Staatsangestellte, die um ihre Zukunft
fürchten, oder Privatangestellte. Die haben ja alle - und
das treibt sie ja auch eigentlich - als Privatleute ein bestimmtes
ökonomisches Interesse, das in dieser Gesellschaft seinen
Stellenwert hat. Aber an nichts von dem erinnern sie. Sie beziehen
sich auf eine Qualität an sich selber und auf ein Kollektiv,
das sie jenseits aller bestimmten gesellschaftlichen Interessen
sind. Das Negative steckt drin, wenn sie sich aufführen und
sagen: "Wir sind das Volk." Das ist ein allgemeineres
‚Wir' als das ‚Wir Lohnarbeiter haben die Schnauze voll
davon, wie wir hier behandelt werden!'.
- Das ist auch noch allgemeiner als das ‚Wir, die von Hartz
IV Betroffenen'. Als Volk ist auch die spezielle soziale Betroffenheit
wie bei Hartz nicht mehr da.
Jetzt einmal positiv gedacht, was bleibt als Bestimmung, die sie
geltend machen - das ist ja ein offensives, protestierendes
Geltendmachen?
Was ist der positive Inhalt nach all diesen Negationen von dem,
was sie da geltend machen?
- Gemäß dem Staatspapier bleibt, der Staat ist auf
den abstrakt freien Willen der Leute angewiesen. Das ist ja die
Wahrheit, darauf ist er ja angewiesen. Diese Sache wird organisiert
als abstrakt freier Wille. Ich komme deswegen darauf, weil das
ja auch eine Abstraktion ist. So ist das Kollektiv als Kollektiv
reell.
Und was ist der Inhalt dieses Kollektivismus? Mit abstrakt freiem
Willen hat man fast mehr die Form benannt als den Inhalt, den
es immerhin hat. Die Leute sagen ja selber nicht, zu was sie ihre
Zustimmung verweigern wollen. Genau genommen artikulieren sie
noch nicht einmal ernstlich die Drohung, sie würden überhaupt
die Zustimmung verweigern. Es ist ja auch keine Drohung, sie
würden
auswandern, oder sie würden einen neuen Staat aufmachen.
- Aber sie erinnern daran, dass das das Verhältnis von Staat
und Volk ist.
Damit es nicht tautologisch wird. Der einzige Inhalt von Volk
ist das Verhältnis zum Staat, das sie haben. Das ist nur
das: "Wir sind doch, bitteschön, die Basis vom Staat."
Nichts als das Verhältnis zur Herrschaft ist darin
ausgedrückt.
Ob da viel davon ausgedrückt ist: "Und das machen wir
freiwillig und möchten unseren freien Willen honoriert haben!",
das kann man sogar noch dahingestellt sein lassen. Da bekennen
sich Leute als Basis für Herrschaft, das ist eigentlich eine
Selbstbezichtigung: "Wir sind euere Manövriermasse."
Und das ist die Grundlage für den Respekt, den sie einklagen.
- Da fallen Form und Inhalt auseinander. Die Form ist der Protest,
das Widerspenstige, das Unzufriedene, das wird geäußert.
Im Inhalt des Protests wird die Abhängigkeit vom Staat
vorgetragen.
Mit Inhalt bin ich nicht einverstanden, denn der Inhalt, den sie
vortragen, ist: "Ihr seid gemein zu uns." Der Inhalt
ist schon ein Protest. Aber die Grundlage, der Gesichtspunkt dieses
Protestes
- Anders gesagt. "Man muss auf das Volk Rücksicht nehmen"
- wo ist da das Böse?
In dem "Ihr nehmt keine Rücksicht, das müsst ihr
eigentlich". Was ist die Grundlage für die Forderungshaltung,
die man als Volk vorträgt? Da hat man diese Paradoxie, dass
man selber überhaupt in einem Verhältnis zur Herrschaft
steht, nämlich als die Mannschaft, über die die Herrschaft
das Sagen hat. Dass man selber deren Manövriermasse ist,
wird vorgetragen als Grund dafür, dass die Obrigkeit
gefälligst
auf ihre Untertanen Rücksicht nehmen soll. Das ist das Paradoxe
an dieser Sorte Protest. Ein Volk hat keinen anderen Inhalt als
das Verhältnis zu einer Herrschaft. Gerade die machen ja
darauf aufmerksam.
- Die Grundlage ist doch die Tatsache, dass eine Regierung ohne
Volk nicht regieren kann. Aber der Ausgangspunkt des Protestes
sind doch konkrete Sachen. Jetzt verstehe ich noch nicht, wie
die diese Übersetzungsleistung machen von ihren Sorgen, die
sie tatsächlich haben, zu dem abstrakten ‚Wir wollen
gutes Regieren, das haben wir verdient, das steht einem Volk zu'.
Das gute Regieren heißt, Rücksicht auf uns zu nehmen.
Diese Übersetzung ist den Protestierern überhaupt kein
Problem und das gilt es aufzuklären, was mit dem Rechtstitel
Volk los ist. Wie bekommt man das hin? Erst einmal ist es doch
ziemlich paradox, die Herrschaft daran zu erinnern, dass man selber
die von ihr regierte Basis ist, um auf der Grundlage Respekt
einzufordern.
Was wäre die gerechte Antwort von Schröder auf die Parole?
- "Keiner bestreitet euch, dass ihr das Volk seid. Ihr habt's
begriffen, ihr seid das Volk und wir sind die Gewählten."
So ähnlich sagt er es sogar.
- Aber er sagt auch: "Ihr denkt euch Gerechtigkeit falsch,
da müsst ihr umlernen."
Zum Beispiel. Der denkt gar nicht daran, sich jetzt nach dem Volk
zu richten. Er sieht sich als befugter Kanzler dazu aufgerufen,
dem Volk jetzt zu erklären, wie und warum jetzt so, wie er
es tut, regiert wird, dass es falsch liegt, wenn es gegen seine
Regierungstätigkeit protestiert, und dass Protest schon gar
nicht das Recht eröffnet, sich praktisch zu widersetzen.
Der Kanzler sagt nicht bloß, es gibt kein Recht, sich praktisch
zu widersetzen, sondern er geht sogar so weit, dass er sagt, diese
Unzufriedenheit sei umsonst, sie gehör sich eigentlich nicht
für ein anständiges Volk. In dieser ganzseitigen Anzeige
in der SZ vom vergangenen Samstag, dem 2. Oktober, meldet sich
jetzt sogar die nationale Elite in Gestalt von Grass, Rogowski
und anderen Prominenten und vermeldet ebenfalls, dass sich
Unzufriedenheit
nicht gehört. Das ist eine Sumpfblüte, zu der es noch
einiger Ableitungsschritte bedarf.
Die Protestierer erinnern an die Unterordnung, die es gibt, das
ist noch eine Stufe elementarer als das, was die Demokratie daraus
macht. Deswegen machen wir hier an der Kategorie Volk herum. Diese
Kategorie und dieses Verhältnis: Man ist die Basis dieser
Herrschaft und als solche anspruchsberechtigt, das hat die Demokratie
nicht gepachtet. Das gibt es, seit Menschen bereit sind, sich
als Volk zu bezeichnen. Der Faschismus hat es ganz wunderbar ohne
Demokratie gekonnt. Der hat dieses Verhältnis von Volk und
Staat ganz exzessiv ausgereizt. Es ist eine fundamentalere Kategorie
als das, was die Demokratie - also die Fiktion, das Volk sei selber
die herrschende Figur - daraus macht.
In der Demokratie gibt es einen Widerspruch. Wie organisiert die
Demokratie die Übereinstimmung von Volkswille und Staat?
- Über die Wahlen.
Nein, das Kreuzchen ist das Resultat von etwas ganz anderem. Am
Ende steht die Ermächtigung, das ist klar; einer hat gewonnen
und der ist dann so lange ermächtigt, wie er eben dran ist.
Wenn betont wird, dass der Volkswille demokratisch abgerufen wird,
unterwegs ist und darüber entscheidet, wer die Herrschaft
hat, dann ist das die Übereinstimmung von Volkswille und
Herrschaft. Gerade wenn man das von dieser fundamentalen Ecke
her nimmt, dann hat die Demokratie einen hochinteressanten Widerspruch
an sich. Sie organisiert gerade die Übereinstimmung von Volk,
was wirklich etwas sehr Undifferenziertes ist, was bloß
die Bestimmung festhält, dass es sich um die unsrigen Untertanen
handelt, und Staatsgewalt. Dies organisiert die Demokratie als
Konkurrenz von Parteien, also mit einer Erinnerung an
unterschiedliche,
womöglich sogar gegensätzliche Interessen in diesem
Volk, die sich durchringen müssen zu einer Beauftragung einer
Mannschaft im Unterschied, vielleicht sogar im Gegensatz zu einer
anderen. Natürlich steht am Ende der Konsens der Demokraten
und die Herrschaft einer Regierung, die dann ermächtigt ist,
aber der Weg, den die Demokratie dafür institutionalisiert
als Konkurrenz von Parteien, nimmt gerade noch etwas anderes in
den Blick als diese ganz abstrakte Eigenschaft der Leute, die
sie als Volk haben. Sie werden in den Blick genommen als
unterschiedlich
Interessierte, unterschiedlich Denkende, auf unterschiedliche
politische Angebote Abfahrende, parteilich einzuordnende
Unterabteilungen
des Volkes. Sogar unterschiedliche Klasseninteressen sind historisch
der Ausgangspunkt der Parteienvielfalt, die die Demokratie
institutionalisiert.
Sie führt gewissermaßen die unterschiedlich interessierten,
vielleicht sogar mit gegensätzlichen Interessen ausgestatteten
sozialen Kollektive per politische Partei und Wahl und
parlamentarischen
Interessenausgleich und Mehrheitsentscheidungen auf den Weg von
einem einheitlichen Volks- und Staatswillen. Sie macht
gewissermaßen
die Übersetzung von Gesellschaft in Volk. Die Demokratie
ist nicht einfach Vollstreckung dessen, was im Volk drinsteckt,
sondern sie ist wie der institutionalisierte Übersetzungsprozess.
In der Demokratie spielt die Kategorie Volk noch eine ganz andere
Rolle, als wenn man sie erst einmal für sich in der elementaren
Bedeutung nimmt: Volk bezeichnet das prinzipielle Verhältnis
von Basis zu Herrschaft, wie es dies überall gibt. Man darf
dann dabei nicht damit operieren, dass Parteien doch eh alle dasselbe
wollen. Jetzt darf man doch gerade den Streit und das Angebot
von Verschiedenheiten, auch wenn die Verschiedenheiten überhaupt
nicht substanziell sind, nicht einfach wegwischen - das ist
übrigens
das, was Faschisten nie verstehen. Dass Klassengesellschaft zu
Volk wird, das ist die Leistung der Demokratie. Und damit man
das kapiert, muss man erst einmal für sich auch ins Auge
fassen, was Volk für eine eigentümlich abstrakte Kategorie
ist. Dass dem Volk das Regiert-werden gewissermaßen einen
Anspruch an die Regierung auf Fürsorge, auf Verpflegung der
Regierten bedeutet, das ist immer das Paradox: Gehorsam verpflichtet
denjenigen, dem der Gehorsam erbracht wird.
- Bei der Herstellung der Demokratie, des Zusammenhangs von Volk
und Staat ist etwas eigenartig, dass die Arbeiterklasse als
zustimmungswillige
Volksfraktion mit ihrem Interesse in diesem Staat, dieser Regierung
ankommt.
Ja, das sind die Leistungen der Demokratie. In der Kategorie Volk
findet eine Anerkennung von Interessen gerade nicht statt. Das
einzige Interesse, was mit Volk eingeklagt wird - das heißt
jetzt nicht, was sich die Protestierer dabei denken, sondern was
ist der Gehalt dieser Kategorie -, ist: "Wir sind eure Basis."
- Der Gehorsam verlangt seine Bedienung durch …
… durch eine anständige Herrschaft. Anders herum
ausgedrückt:
Was konstituiert denn ein Volk? Nimm Volk jetzt als Singular und
denk das nationale Attribut davor. Da ist dann gleich klar, dass
diese eigentümliche Kategorie, dieses eigentümliche
Verhältnis zwischen Herrschaft und ihrer Basis, nicht
zusammenfällt
mit dem Verhältnis zwischen Klassengesellschaft und
Ordnungsgewalt.
Es ist ja immer ein Volk neben dem anderen, was konstituiert da
ein Volk? Die Rechten sind ja sofort dabei, bei der Parole ‚Wir
sind das Volk' gleich den Vornamen dazuzusagen, das deutsche Volk.
Das ist ja gar nicht soweit weg von dieser Kategorie.
- Man könnte ja auch denken, dass die mit ihrem Protest im
Namen des Volkes - und das ist nun einmal ein sozialer
Protest von gewissen Fraktionen des Volkes - gerade von dieser
großen Abstraktion "deutsch" ein Stück weit
zurücktreten und sagen: "Unser Gehorsam besteht in unserem
Dienst" oder "in unserer Dienstbarkeit." Also nicht
"deutsch" betonen, sondern die Dienstbereitschaft,
von der der Staat doch lebe.
Es mag ja sein, dass der Ausgangspunkt ein sozialer Protest ist.
Aber was ist los, wenn der soziale Protest sich nicht als sozialer
meldet, sondern mit dem Ehrentitel: "Wir sind die Basis unserer
Herrschaft! Ohne uns ist Berlin nichts; Schröder kann einpacken,
wenn es uns nicht gäbe." Da ist der soziale Protest
in einen Volksprotest übersetzt. Und über diese
Kategorie ‚Volk' geht es jetzt; wir sind noch eine Stufe
genereller: Was konstituiert denn eigentlich ein Volk? - Da kommt
man auf etwas ganz Blödes, nämlich nichts anderes als
die Tradition der Herrschaft.
- Das ganz Missverständnis kommt doch nur deswegen zustande,
weil der herkömmlich Demokratiebegriff eine Täuschung
ist. Über die wirtschaftliche Seite wird doch bei einer Wahl
gar nicht entschieden.
Trotzdem spielt gerade bei einer demokratischen Wahl, das, was
die ökonomische Seite genannt wird, also die Reflexion auf
die materiellen Interessen der verschiedenen Bevölkerungsgruppen
eine sehr große Rolle. Gerade darin spielt sie eine große
Rolle, weil die Parteien Angebote machen, wie jeder Betroffene
sein materielles ökonomisches Interesse in einen
Gemeinwohlstandpunkt
übersetzen soll. Das ist das Diskursive, das Vermittelnde,
das Vereinnahmende an der Demokratie. In der Kategorie Volk wird
nichts vereinnahmt, da sind die Leute schon eins und einig. Es
braucht, damit die Leute ein Volk sind, keine bestimmte Handhabung
der eigenen Interessen. Da gehört nichts weiter dazu, als
dass sie einer Obrigkeit untergeben sind.
Gerade weil die Leute, die zum Protest antreten, merken, dass
doch ein erheblicher Teil von ihnen gar nicht gebraucht wird,
kommen sie gar nicht mit dem Anspruch daher: "Ihr braucht
uns als Arbeiter." Sie finden sich als Arbeitslose vor; sie
finden in ihrem Status der Arbeitslosigkeit nichts zu fordern;
sie machen aber auch nicht den Schluss zu sagen: "Dann kritisieren
wir einmal diesen Status der Arbeitslosigkeit, das System, das
uns arbeitslos macht." Dann wäre übrigens die Parole:
"Wir sind überflüssig gemachte Lohnarbeiter und
lassen uns das nicht gefallen!" Das wäre eine soziale
Frage und man wäre sofort bei einem sozialen Gegenstand.
Die Ausflucht - von diesem sozialen Problem her gedacht - anzumelden
‚Wir sind das Volk' reklamiert ein Verhältnis zur nationalen
Führung, das sogar noch Bestand hat, wenn man noch so
überflüssig
ist. Als Volk, als Basis derer, die in Berlin regieren, ist man
allemal noch mit dabei. Man bekommt zwar von den Kapitalisten,
die einen entlassen, den Arbeitsplatz weggenommen, man bekommt
vom Staat, der das dekretiert, die Arbeitslosenhilfe weggenommen,
wenn man zwölf Monate arbeitslos war, aber den Pass bekommt
man nicht abgenommen. Seine deutsche Identität als
Zugehöriger
dieses Volks, die bleibt und die machen sie geltend und sagen:
"Wir sind doch diejenigen, ohne die ihre gar nichts zu regieren
hättet." Dieses Bestehen darauf: "Ohne uns hättet
ihr gar nichts zu regieren. Eure Gewalt hätte gar keine Opfer,
wenn es uns nicht gäbe, also respektiert uns gefälligst!",
das ist das Paradox der Parole ‚Wir sind das Volk'. Das ist
der Einstieg in die Sache. Heutzutage nimmt sich das so naiv,
wie hier dargestellt, nicht aus. Aber das muss man sich erst einmal
als den Witz an dieser Sorte klar machen, ein soziales Anliegen
noch geltend zu machen, selbst wenn man sich keine soziale Anklage
mehr traut. Es ist ja keine soziale Anklage zu sagen: "Wir
sind das Volk, und ihr behandelt uns schlecht.", sondern
das ist das Einklagen: "Wir sind eure Basis, und ihr behandelt
uns nicht gut."
- Wenn das Volk nicht nur im Sinne einer abhängigen
Fußmatte
der Herrschaft wartet, sondern als das Zustimmende mit diesem
Wahlprozedere und den Parteien, ist das eine Illusion, dass der
Witz demokratischer Herrschaft auf dieser Zustimmung beruht -
die Notstandsgesetze lassen wir im Moment einmal weg -, oder nicht?
Mit Illusion kommt man der Sache gar nicht bei. Machen wir einmal
den Fortgang von dem Fußmatten-Argument zum Witz der Zustimmung.
Die Demokratie ist die Organisation wählerischer Zustimmung
zum eigenen Status als Volk, wobei man jedes Teil von
‚wählerischer
Zustimmung' für sich durchnehmen muss. Volk ist man sowieso,
da hat man nichts zu wählen, man gehört einfach dazu,
es sei denn, man wandert aus. Da ist man Basis und kann herumkrakeelen:
"Ich wäre übrigens auch das Volk". Man kann
sich auch etwas einbilden und sagen, man sei stolz, ein solcher
Volksgenosse zu sein. Man kann sich auch genieren und sagen: "Es
ist mir peinlich, ein Volksgenosse zu sein." - das ist alles
egal, man ist es jedenfalls. Man merkt schon, Volk zu sein ist
der Ausgangspunkt für das, was die Demokratie daraus macht.
Denn die organisiert jetzt das Verhältnis zwischen Basis
und Führung, das in Volk schon als prinzipielles,
gewissermaßen
ewiges Verhältnis drinsteckt. Die Demokratie organisiert
quasi als Unterabteilung wählerische Zustimmung zu denen,
die die Herrschaft ausüben. Auf die überhaupt nicht
wählerische Unterwerfung unter die Gewalt, der man angehört
- Staatsangehöriger heißt man deswegen ja auch -, pflanzt
die Demokratie die wählerische Zustimmung zu denen, die die
Gewalt ausüben, oben drauf. Wie geht das? Was bedeutet das
für die ersten zwei Silben von Demokratie - es heißt
ja nichts als Volksherrschaft auf Griechisch?
Jetzt kommen wir zu der Leistung von Demokratie. Die nimmt eben
nicht einfach undifferenziert das Volk und sagt: "Volk, da
ist doch wohl Zustimmung angesagt." Übrigens immer,
wenn die Obrigkeit ihre Leute daran erinnert, dass sie Volk sind,
will sie von ihnen gar nichts anderes als Zustimmung. Aber die
Demokratie nimmt sich ja die Freiheit, ihr Volk alle vier Jahre
daran zu erinnern, dass sie Wähler sind. Und Wähler
sind sie - das ist nicht einfach eine Illusion, jetzt gibt es
doch verschiedene Parteien. Es ist wählerische Zustimmung
gefragt, und zwar wählerische Zustimmung nicht zu der Frage:
"Wollt ihr diesen Staat, oder wollt ihr Eierkuchen?",
sondern innerhalb dieses Staates: "Wen wollt ihr, dass er
in diesem Gemeinwesen die Gewalt, der ihr sowieso untertan seid,
handhabt? Wer soll die Herrschaft machen? Wie soll sie dann aussehen?"
Das ist das, was die Demokratie auf dieses elementare Element
von Volk und Führung draufpflanzt, was sie daraus macht.
Wählerische Zustimmung wird Leuten abverlangt auf Basis dessen,
dass sie ganz ohne Wahl sowieso vereinnahmt sind. Wo kommt das
her, wo führt das hin? Ein Hilfsmittel dazu ist die Frage,
seit wann es das gibt.
- Es soll sich der freie Wille des Individuums betätigen
zur Beförderung seiner Interessen als Bourgeois, sich als
Citoyen zur Herrschaft stellen.
Das ist die lehrbuchmäßige Überschrift, was man
in dem Zusammenhang einmal so fassen kann: Die Aufforderung zur
wählerischen Zustimmung zu einer bestimmten Herrschaft, die
da ausgeübt werden soll, Personal und wie sie es macht, eine
Partei, die den Staat übernimmt, ist wie die Reflexion auf
die unterschiedlichen Interessenlagen der Klassengesellschaft
und zwar erst einmal eine affirmative Reflexion darauf. Affirmativ:
Die Vielfalt der Interessen wird nicht einfach verboten, sondern
sie wird anerkannt: "O. k., die staatliche Gewalt nimmt zur
Kenntnis und anerkennt und respektiert, es gibt in meinem Volk,
obwohl es als Volk eigentlich unterschiedslos Basis der Gewalt
ist, mehr oder weniger fundamentale, jedenfalls
Interessengegensätze.
Und die verbiete ich nicht einfach in der Frage, in welchem
Verhältnis
meine Basis zu mir steht, sondern die werden anerkannt und sie
werden zugleich bedingt anerkannt." Sie werden nämlich
anerkannt als guter Grund, eine Partei zu wählen, die dann,
wenn sie an die Regierung kommt, nichts anderes vertritt als die
Gewalt, die herrscht. Das meine ich damit, wenn ich sage: Die
Demokratie organisiert die Übersetzung der Interessen, die
sie prinzipiell anerkennt, in einen Modus Staat zu machen, also
überhaupt das Verhältnis Herrschaft/Basis zu regulieren.
- Vom betroffenen Interesse getrennt als politische Organisation.
Getrennt? Ich würde eher sagen, das vereinnahmend. Das soziale
Interesse wird hergenommen, um es in einen Parteiwillen zu
transformieren,
und der Parteiwille soll Staatswille werden. Und der wird Staatswille
nicht, indem er einfach den Staat dem Parteiwillen unterwirft,
sondern indem der Parteiwille das besondere Interesse, das er
anspricht, in einen Staatswillen übersetzt, in ein
Herrschaftsprogramm,
in eine Staatsräson einfügt, einführt.
- Das ist doch auch eine gewalttätige Angelegenheit, einen
Parteiwillen in einen Staatswillen zu übersetzen.
Wo liegt die Gewalt?
- Von diesem Standpunkt aus ist doch immer auch drin, das sich,
wenn man eine Partei aufmacht; deren Programm nicht immer gleich
deckt mit dem Staatswillen, nicht gleich einvernehmlich mit ihm
ist. Entweder ist die Staatsgewalt schon in der Lage, den Parteien
entsprechende Bedingungen aufzumachen, unter denen sie sich
betätigen
dürfen, oder es ist tatsächlich noch eine gewalttätige
Auseinandersetzung, so dass sich diese als gemeinsame überhaupt
erst konstituiert.
Historisch ist es das Zweite, dass ein Parteiinteresse sich
überhaupt
erst zum Staatsinteresse macht. Das war der historische Sieg der
Bourgeoisie - französische Revolution usw. Das hatte in den
verschiedenen Nationen verschiedene Verlaufsformen. Oder es geht
so herum, auf Basis einer durchgesetzten Staatsgewalt wird Stück
um Stück in dem Maße, wie sie sich als Anwälte
des Gemeinwohls bewähren, den Parteien, die die
gegensätzlichen
gesellschaftlichen Interessen repräsentieren, Zugang zur
politischen Gewalt gewährt. Das ist der deutsche Weg vom
Kaiserreich in die Weimarer Republik.
- In Russland ist ja auch so ein Programm unterwegs.
Wie verhält sich denn - ganz prinzipiell - mit dieser
Anerkennung
der Herrschaft? Sie hat es gar nicht nur mit einem unterschiedslosen
völkischen Haufen zu tun, sondern mit einer von
Interessengegensätzen
durchzogenen Klassengesellschaft, und sie kommt auch gar nicht
mehr damit aus, diese Gegensätze gewaltsam zu ersticken -
das waren so die historischen Einsichten der Staatsgewalt und
ihrer Repräsentanten. Sie bemerkte, dass es vielleicht auch
gar nicht der beste Weg ist, die Interessengegensätze, soweit
Gegensätze, einfach zu unterbinden und per Unterwerfung unter
den Staatswillen still zu stellen, sondern dass der Staatswille
sogar davon profitieren kann, dass er eine Konkurrenz der
unterschiedlichen
gesellschaftlichen Interessenlagen organisiert - eine Konkurrenz
nach Maßgabe dessen, dass am Ende natürlich eine Variante
von Staatsräson, von Handhabung der öffentlichen Gewalt
über die Klassengesellschaft herauskommen muss. In den Varianten
der Handhabung der Staatsgewalt über die Klassengesellschaft
Freiheit einzuräumen, das ist gerade die Leistung von
bürgerlicher
Demokratie. Gerade damit die Leute sich am Ende bloß wieder
als Volk verhalten, nämlich so: "O. k., wir sind die
Manövriermasse, machen wir halt, was uns angeschafft wird.
Wir gehören halt doch irgendwie unter dieser Führung
zusammen. Dann lassen wir uns in Gottes Namen vier Jahre lang
von diesen Hanswürsten sagen, wo es lang geht.", damit
die Klassengesellschaft sich auf diesen Volksstandpunkt begibt,
soll sie in der Wahl diesen doppelten Akt vollbringen, ihr besonderes
soziales Interesse zu betätigen und zugleich bei denen, die
es dann handhaben, abzuliefern.
- Das Abliefern dieses sozialen, gesellschaftlichen Interesses
ist dann auch rum. Das ist in dieser Wahl schon als Auswählen
organisiert, aber dann ist es weg, vorbei.
Vorbei in dem Sinn, dass es aufgehoben ist in der Staatsräson,
die dann exekutiert wird. Und das ist übrigens die
Staatsräson
der bürgerlichen Klassengesellschaft und nicht die von Karl
dem Großen. Die Kategorie Volk tut so, als wäre das
Verhältnis zwischen Basis und Herrschaft seit Karl dem
Großen
ungefähr dasselbe. Deswegen gibt es einen Preis für
europäische Tugenden, der heißt Karls-Preis und erinnert
an diesen alten Hanswurst. Diese Kategorie Volk ist dauernde
Abstraktion
von gesellschaftlichen Interessen und ihren Gegensätzen.
Bei der Demokratie haben wir uns jetzt soweit vorgearbeitet, dass
Volksherrschaft quasi die Prozedur der Abstraktion ist, dass das
in der Wahl passiert und dann eine bürgerliche Staatsräson
herauskommt. Die Kategorie Volk für sich, die macht die
Abstraktion
von Klassengesellschaft und Interessengegensätzen so bitterernst,
dass zur Kategorie Volk ganz andere Bestimmungen assoziiert werden.
Was denkt z. B. einer, der sagt: "Das boarische Volk. Das
san mir."? Wie sind denn die Bayern definiert? Sind die Bayern
einfach eine Klassengesellschaft? Ja, objektiv sind sie es schon,
aber sobald sie sagen, sie seien Bayern, woran denken die denn
dann eigentlich? Da denken sie zehnmal eher an die Zugspitze als
an ihr Portemonnaie. Um bei Volk noch einmal das Vordemokratische
festzuhalten, die Kategorie geht vielmehr in Richtung von
geschichtlichen
und Naturbestimmungen, sie operiert, wenn es ganz wüst wird,
mit Blut, sowohl das, was in der Geschichte für die gemeinsame
Sache vergossen worden ist - deswegen gibt es Schützenvereine,
Denkmäler für Kriege usw. -, wie auch Blut im Sinne
von Stammesverwandtschaft, von Familie, als hätten sie bei
Hegel den Übergang von der Familie zur bürgerlichen
Gesellschaft nachgelesen: Großer Stammesverband, lauter
Rundschädel, die irgendwelche Gene gemeinsam haben. Mit solchen
naturwüchsigen Bedingungen wird die Einheit des Volkes bebildert,
weil sie bei der Frage, was denn dieses spezielle Volk ausmacht,
ja auch tatsächlich die entscheidende Rolle spielen. Dass
die Grenzen gerade an der Salzach entlag verlaufen und dahinter
gleich ein anderes Volk ist, das man dann übrigens auch verachtet,
nicht weil es eine anders gestrickte Klassengesellschaft ist,
sondern weil es die Österreicher sind, die man irgendwie
lächerlich findet, dass da die Grenze zwischen Leuten, die
sich ansonsten in ihrem sozialen Status überhaupt nicht
unterscheiden,
verläuft, ist ja wirklich bloß aus der Geschichte zu
erklären und die Geschichte aus lauter sonstigem Unsinn:
Religion, welcher Bischof bis wohin regiert hat, welche Familienclans
sich irgendwo eingenistet und den anderen die Schädel
eingeschlagen
haben usw. Das passt genau genommen überhaupt nicht zusammen:
einerseits das Volk, das in seiner bestimmten personellen
und geographischen Abgrenzung konstituiert durch lauter geschichtliche
Zufälligkeiten ist und sich deswegen oft sogar auf Dialekte,
Sprachen usw. berufen kann, und andererseits die Gesellschaft,
die da als Volk in diesem abgegrenzten Bezirk wohnt und zu ihrer
besonderen Herrschaft in Beziehung steht; denn die ist gar nicht
die Gesellschaft der Naturfreunde Bayerns, sondern eine
Klassengesellschaft
mit Managern, Entlassenen, Lohnarbeitern und Hilfstruppen vom
Lehrer bis zum Arzt, also eine wohldurchgegliederte
Klassengesellschaft.
Für die gilt übrigens, was Marx ins Kommunistische Manifest
geschrieben hat: Die Bourgeoisie reißt alle gewachsenen
Verhältnisse ein, macht sie kaputt, lässt sie nicht
gelten. Die Bourgeoisie im Sinne von Klassengesellschaft,
Klassenherrschaft,
ein Kapitalist kann mit Blutbanden nichts anfangen, außer
dass er seinem (Bluts)Nachwuchs sein Unternehmen hinterlässt,
beim Erben ist das Moment der Natur noch enthalten. Der Kapitalismus
ist feindlich gegenüber naturwüchsigen Zusammenhängen,
der reißt Unterschiede zwischen den Nationen, ebnet, inzwischen
ja rund um die Welt, unterschiedliche Sitten ein. Er lässt
den Arabern ihren Islam nicht, den Russen ihren Kollektivismus
nicht; überall macht die Bourgeoisie bourgeoise Verhältnisse.
Das ist das Eigentümliche im modernen Staat: In der Demokratie
kriegt die Klassengesellschaft eine Verfassung, die die ganze
Klassengesellschaft herunterbricht oder hinaufdividiert - ganz
wie man es nehmen will - zu dem Verhältnis zwischen Volk
und Führung. Das soll am Ende übrig bleiben: Ein Verein
von Citoyens, die ihre bürgerlichen Interessen vollständig
transformieren in ein Verhältnis zwischen Führung und
ihrer Basis; Gemeinwohl hat seine regierenden und seine untergebenen
Repräsentanten.
Demokratie ist die Konstitution des Bourgeois und seine
Transformation
in den Citoyen, ist die Anerkennung der Klasseninteressen und
die Verpflichtung der Klasseninteressen, sich parteilich so zu
betätigen, sich so zu politisieren, dass ein für das
Gemeinwesen verantwortlicher Citoyen am Ende steht. In welchem
Verhältnis - und das geht nicht ineinander auf - steht die
Kategorie des Citoyens zu der Kategorie Volk?
- Beim Volk ist nicht auf den Willen reflektiert, wie er zum Staat
steht.
Das Volk ist gewissermaßen wie der bewusstlose, der
naturwüchsige,
der geborene Citoyen. Der eingeborene Citoyen, das ist das Volk.
Das ist der Widerspruch der Kategorie Volk heute, weil die
Klassengesellschaft
niemanden in seinem Naturwüchsigen herumdümpeln lässt.
Auch der Waldbauer muss Geld verdienen und Steuern zahlen; auch
er wird vereinnahmt in alle Prozeduren der Klassengesellschaft
und wird sogar zum Wählen ermuntert. Er wird aus seiner
naturwüchsigen
Befangenheit herausgetrieben, aber in der Kategorie Volk, in die
er dann wieder einmündet, kommt es auf so was wie ‚mündiger
Bürger', ‚reflektierter Citoyen' dann eigentlich schon
gar nicht mehr an, also das, wozu die Demokratie ihre Basis macht,
ist die Transformation vom Bourgeois in den Citoyen, in einer
Elementarform, dass es am Ende gar nicht mehr ankommt auf so etwas
wie mündige Überlegung und einer politisiert bewusst
seine eigenen Interessen. Da reicht es, wenn einer sagt: Ich bin
Deutscher und als solcher gehe ich wählen. Das spiegelt sich
übrigens wider in all den abwertenden Nebenbedeutungen, die
dem Wort Volk innewohnen: gewöhnliches Volk, gemeines Volk,
dem Volk zwar aufs Maul schauen, aber nicht nach dem Maul reden.
Die Gegenkategorie zu diesen abwertenden Ecken im Wort Volk ist
die Elite. Wenn man in klassengesellschaftlichen Begriffen denkt,
muss man sagen: Die Masse des Volkes ist die lohnabhängige
Masse und denen stehen gegenüber Arbeitgeber, Selbständige
und Beamte. Wenn man das Ganze heutzutage als Volk zusammenfasst,
dann hat es ja fast schon aufklärenden Charakter, zu sagen:
Dem Volk gegenüber steht die Staatsgewalt, im Volk wird nichts
anderes ausgedrückt als das Verhältnis zur Gewalt, die
darüber ausgeübt wird. Volk als Menschenkategorie betrachtet,
dann ist das, was da dem Volk gegenübersteht, die Elite -
wenn man es politisch nimmt, ist es der Führer, die Führung
oder die politische Klasse; wenn man es menschlich nimmt, als
Haufen, da ist es der Haufen derer, die mehr oder weniger
dumm-dödelig
dazugehören, im Verhältnis zu denen, die überaus
reflektiert, ihrer Interessen bewusst, sprachgewaltig,
finanzkräftig,
vernehmlich in der Öffentlichkeit, ‚öffentlichkeitswirksam'
die Staatsräson des Gemeinwesens vertreten. Das ist der Begriff
der Elite - unabhängig von einer demokratischen oder
nicht-demokratischen
Verfassung. Ein Zitat aus der Anzeige in der SZ: "Deshalb
unterstützen wir Bundeskanzler Gerhard Schröder - ungeachtet
aller unserer sonstigen politischen Präferenzen - in einer
großen Koalition der Vernunft. Wir hoffen, dass er den Parolen
der Populisten von links und rechts, die gnadenlos die Sorgen
der Betroffenen für ihre Zwecke ausbeuten, standhält."
Da redet der reflektierte Citoyen-Verstand der Elite. - Noch mal
zur Kategorie Volk: In seiner abwertenden Bedeutung - gewöhnliches
Volk - schließt die Kategorie Volk zwei Sachen zusammen,
nämlich die Massenbasis der Gewalt und die Niederen der
Klassengesellschaft.
Das niedere Volk ist keine Kategorie aus früheren Zeiten
der ständischen Gliederung der Gesellschaft, sondern das
gibt es heute durchaus auch, das ist der Zusammenschluss letztlich
von Massenbasis des Staats und Proletariat, die mindere, dienstbare,
irgendwie als unzuverlässig verdächtige, unentbehrliche,
am besten in ziemlicher Bewusstlosigkeit gehaltene Manövriermasse
des Staates.
- Was meintest Du mit ‚verdächtig'?
Ob die die Kurve zum Citoyen-Bewusstein immer so kriegen, ist
beim Proletariat immer das Problem, bis heute. Ob die nicht den
Falschen nachlaufen, ob bei denen die Politisierung des anerkannten
Interesses gelingt. Die Demokratie erkennt die Interessen ihrer
Leute an, die erkennt sogar die Interessen ihrer Arbeitslosen
an, und der demokratische Sozialstaat ist sich nicht zu blöde,
zu sagen: Bei mir gibt es Arbeitslose, die haben auch ein
Überlebensinteresse,
und die Herrschaft ist verpflichtet, auch diesem Interesse zu
entsprechen - die Frage ist, wie. Und dann machen sie ein Riesengesetz
und am Ende kommen 345 Euro heraus. Das ist die Art und Weise,
wie diesem Interesse entsprochen wird. Und dann gibt es ein Interesse
des Managerstandes, alle möglichen Belastungen des Arbeitgebens
loszuwerden, und dann wird überlegt, was man denen konzedieren
und zumuten kann und wie viele Restriktionen man ihnen doch auferlegen
muss und dann kommt der Vorschlag der CDU, dass man denen beim
Kündigungsschutz ein paar mehr Freiheiten geben sollte. So
geht die Staatsgewalt auf jedes vorfindliche Interesse in ihrer
Gesellschaft ein, würdigt es und fügt es ein in ein
Gesamtkunstwerk, das Staatsräson oder Gemeinwohl heißt.
Und es ist nicht so, dass die Überflüssigen, die
Arbeitslosen,
vergessen werden vom Standpunkt des Staats; sie gehören zum
Volk dazu, sie sind ein unentbehrlicher Teil der Klassengesellschaft,
da fallen sie immer wieder an und prompt kümmert sich die
Herrschaft darum - sie werden mit einem Konvolut von Gesetzen
ausgestattet, dass es einen graust. So werden sie als soziale
Gruppe sozialpolitisch betreut und eingeordnet. Das, worin das
alles münden soll, ist die Kategorie Volk, am Ende sollen
sie genauso wie die Bessergestellten brauchbare Basis für
staatliche Gewalt sein. Und darin liegt die Doppelbedeutung von
Volk: also einmal überhaupt Volk, das sind wir alle, das
Verhältnis zwischen Manövriermasse einer Staatsgewalt
und deren Obrigkeit und Volk in seiner abwertenden Bedeutung,
das sind die minderen Mitglieder dieser Gesellschaft und das ‚minder'
knüpft an einen sozialen Status an, aber bei ‚gewöhnliches
Volk' hat das durchaus die Bedeutung, das sind gewissermaßen
die Citoyens der zweiten Ordnung, das sind die Citoyens, von denen
man ein furchtbar reflektiertes Bewusstsein, warum sie für
den Staat sind oder eine schlaue Entscheidung, warum das eine
so und das andere anders sein soll, erst gar nicht erwartet, die
man auch als Partei mit irgendeinem Blödsinn am besten bedient,
am besten dadurch, dass sich der Chef seinem niederen Volk gnädig
zuwendet, was der Stoiber so gut kann. Wenn sich die Falschen
dem niederen Volk widmen, sind sie Rattenfänger und dass
zu einem Rattenfänger auch Ratten gehören, die ihm nachlaufen
und sich fangen lassen, steckt durchaus auch drin in so einer
Würdigung des Volkskörpers.
Ich will noch auf folgenden Witz aufmerksam machen: Es gehört
zu den größten Geschmacksverirrungen der alten Sozialisten,
dass sie diese abwertende Bedeutung von Volk, den Zusammenschluss
zwischen niederem Volk und Proletariat, aufgegriffen haben, um
das entgegengesetzte Vorzeichen davor zu setzen. Wie drückt
man das entgegengesetzte Vorzeichen verbal aus? Die haben einen
Weg gefunden, indem sie Demokratie mit "Volks" verdoppelt
haben; das "Volks" vor Demokratie sollte zum Ausdruck
bringen, wo die Bourgeoisie abfällig von niederem Volk redet
und die große Masse mit dem Proletariat zusammenschließt
und sagt, das sind die Bürger minderer Ordnung, da sagen
sie: Unsere Partei steht dafür ein, dass gerade die so
abfällig
abgestempelten niederen Massen die eigentlichen Citoyens sind.
Die dicken Bourgeois sind die Staatsvergessenen, das sind keine
Citoyens, das sind die, die bloß schmarotzen. Die wahren
Anwälte des wahren Gemeinwesens sind die bislang erniedrigten
und beleidigten Massen. Die Protestler vor 15 Jahren haben diese
Verrücktheit der Revisionisten aufgegriffen, um sie ihnen
reinzuwürgen. Als sie damals aufgetreten sind mit "Wir
sind das Volk!" war es erkennbar als Polemik gegen eine Partei,
die immer behauptet hat, für das Volk, und zwar für
das niedere, zu sein, und der Treppenwitz von heute Abend ist,
dass die Protestierer von heute an die Protestierer von damals
anknüpfen und mit ihrem "Wir sind das Volk!", nämlich
das niedere, auf das es doch ankommt, auftrumpfen in einer
Gesellschaft,
wo diese positive Bedeutung von niederem Volk überhaupt keine
Rolle spielt, wo im Gegenteil einer, der in dessen Namen auftritt
und eine bessere Behandlung einklagen will, sofort den Vorwurf
zu hören kriegt, er sei Populist, Rattenfänger oder
einer, der denen nachläuft.
- … die letzte Berufungsinstanz, die sie da geltend machen,
weil all das, was sie tatsächlich sind und als was sie rumlaufen,
ist ja überhaupt nichts, worauf sie sich berufen können.
Insofern ist das einzige, was sie geltend machen, dass sie doch
auch noch dazugehören.
Aber wenn sie sagen: "Das ist jetzt unser Anspruchstitel",
das gehört ja gerade zu dieser Verrücktheit, die vorher
nicht verstanden wurde und die letztlich nicht zu verstehen ist,
diese soziale Frage des Überflüssig-gemacht-Seins in
eine Parole zu übersetzen, die wie eine Forderung daherkommt
- das hat seine Grundlage nicht in der bürgerlichen Demokratie,
sondern das lebt von der Erinnerung an den Protest gegen diese
Revi-Verrücktheit. In Bayern wäre keiner auf die Idee
gekommen, mit der Parole "Wir sind das Volk!" für
den Erhalt der Forstämter oder für die Lehrmittelfreiheit
einzutreten - die demokratische Tour ist, entweder irgendein Interesse
namhaft machen oder gleich den Mund halten, hauptsächlich
letzteres. Mit ‚Volk' der Herrschaft gegenüber zu treten,
ist wirklich die letzte Sumpfblüte des Revisionismus.
- Mit dieser Parole sind sie zur neuen Herrschaft übergelaufen
und jetzt tun sie so, als müsste die noch darauf hören.
Genau, als hätte man mit der Parole Recht bekommen, und jetzt
erleben sie, dass diese Parole in einer gescheiten Demokratie
ohne "Volks" davor, mit verschiedenen konkurrierenden
Parteien, überhaupt kein Recht hat.
Da merkt man sowohl Unterschied wie Nähe des Revisionismus
zum Faschismus oder Nationalismus: Einerseits kommt einem der
Unterschied sehr fein vor zwischen ‚ein Volk' und ‚das
Volk', und zu sagen ‚Wir sind das Volk' reflektiert ja auch
auf diese Unterordnung unter Herrschaft, wie wir es am Anfang
schon mal gefasst hatten, und das geht dann auf die
pseudo-natürlichen
Bestimmungen, unter denen die Einwohnerschaft eines bestimmten
Bezirks einer bestimmten Staatsgewalt angehört, und dann
ist man schon von ‚das Volk' bei ‚ein Volk' - eine Herrschaft,
ein Volk, ein Reich, ein Führer. Andererseits ist es nicht
weit auseinander zu sagen ,Wir sind das deutsche Volk' und ‚Wir
sind das Volk', letzteres unterstellt eine Würdigung des
einfachen Volkes, wie sie nur die Revisionisten zustande gebracht
haben. Die Faschisten haben das einfache Volk auch gewürdigt,
aber da war immer ‚deutsch' mit dabei; die haben auch
den Proletkult gehabt, aber dann war es eben der deutsche
Prolet, analog in dem Slogan "Deutsche Arbeitsplätze
nur für Deutsche"; das ist die Nähe von Volk mit
bestimmtem Artikel - das Volk - und ein Volk, wobei
‚ein' nicht den unbestimmten Artikel, sondern das Zahlwort
meint - und zugleich Welten auseinander, denn wer darauf besteht:
‚Wir sind das Volk', hält Volk für einen Ehrentitel,
auch noch heutzutage. Wo es am Anfang darum ging, dass das die
Abstraktion von allem und jedem sei, dass das als Protestparole
überhaupt auftritt, verdankt sich der revi-mäßigen
Kombination von Klassenlage der Massen, niedere Abteilung in der
Gesellschaft, und Masse des Volkes und ist immer von der Prämisse
begleitet: Gerade die niederen sind die wahren Citoyens, sind
die wahren Sachwalter des Gemeinwesens usw. und die Bourgeoisie
sind die Schlechten, die mit ihrem Egoismus das Gemeinwesen kaputt
machen. Und das passt jetzt gut dazu, dass diese 25 sich zur Elite
zählenden Typen eine Anzeige in der SZ schalten, die einfach
perfekt ist, und zwar deswegen, weil sie dick darüber schreiben:
"Auch wir sind das Volk!" Da macht die Elite den niederen
Massen das Moment von Ehrentitel, das sich den Revi-Zeiten verdankt,
streitig und kaum liest man drei Zeilen weiter, steht da: "Nur
Demagogen, die ihre Zukunft hinter sich haben, reden dem Volk
nach dem Maul." Jetzt waren sie doch gerade selbst das Volk
- und schon sind das Volk wieder bloß die niederen - und
die zweite Redeweise ist die, wie sie sich in einer gescheiten
bürgerlichen Demokratie gehört - Massen eben,
die man als Wähler würdigt, aber ansonsten sollen sie
die Schnauze halten. Wirklich gelungen: In der Oberzeile klauen
sie diesen Ex-Revis ihren Ehrentitel Volk und sechs Zeilen später
bekennen sie sich dazu, dass sie die Elite sind und die Elite
sich bloß nicht nach ‚denen da unten' richten soll.
- Es gibt einen Bild-Zeitungskommentar: Oben steht auch: "Wir
sind das Volk!" und dann, dass dieser Titel für Protest
missbraucht worden sei und zwar insofern: Ist denn die
Verkäuferin,
die mit ihren Steuern die Ossis finanziert, nicht auch das Volk?
Ist der Unternehmer nicht auch das Volk?
Das ist eine Bebilderung des Vorwurfs: Ihr reklamiert den
allgemeinen
Titel ‚Volk' für ein Interesse, das bloß eures,
also ein partikulares ist. Wenn man von ‚Volk' redet, hat
man von allem zu abstrahieren, was irgendwie ein besonderes Interesse
ausmacht und sobald man doch ein besonderes ausfindig gemacht
zu haben glaubt, kann man an all die anderen Interessen erinnern
und damit den Ehrentitel ‚Volk' widerlegen. Und da merkt
man auch: die Demokratie würdigt doch eigentlich die verschiedenen
Interessen - die Parteiprogramme zählen die Interessen in
der Gesellschaft auf, denen sie sich hingebungsvoll widmen, sogar
der Verbraucher kommt vor - und das ist der Kategorie ‚Volk',
die immer die Einheit, die Unterschiedslosigkeit beschwört,
fremd, aber es passt im nächsten Atemzug auch wieder dazu,
weil die ganze Vielfalt der Interessen einbezogen und vereinnahmt
werden soll für einen Staatswillen, der sich unterschiedslos
auf seine Manövriermasse beruft.
Dass in Politikerreden der Begriff ‚Bürger' häufiger
vorkommt als der Begriff ‚Volk', verdankt sich dem, dass
dieser im 3. Reich so missbraucht worden ist, aber wenn die Politiker
von den Menschen im Lande reden, meinen sie schon das Volk. Und
es ist auffällig in dem Kommentar der Bild- Zeitung, dass
der Bezug auf Interessen da gleich andersherum geht, dass gleich
darauf verwiesen wird, als Volk ein Interesse anzumelden, gehört
sich deswegen nicht, weil andere als Volk Opfer bringen; da wird
unmittelbar die Kategorie ‚Volk' mit Dienst am Staat
zusammengeschlossen,
und partikulares Interesse heißt, die sind nur insoweit
gerechtfertigt, als sie Dienst am Staat und Opfer beinhalten,
siehe das Beispiel mit der steuerzahlenden Verkäuferin, die
gegen Arbeitslose ins Feld geführt wird. Vorher wurde gesagt,
die Demokratie hat es dazu gebracht, die Interessen anzuerkennen
und sie dann in die Kategorie ‚Volk' = ‚man hat von
ihnen zu abstrahieren', zu überführen; heute wird das
Interesse unmittelbar als dem Staat schon untergeordnetes und
dienstbares angeführt und gegen Interessen, die sich protestierend
melden, die Berücksichtigung verlangen, also den Staat daran
erinnern, er sei ihnen etwas schuldig, ins Feld geführt unter
dem Motto: Wenn andere dienen, vergeht ihr euch am dienstbaren
Volk, wenn ihr so tut, als wärt ihr das Volk. Deshalb ist
es ja lohnend, darüber zu reden, weil mitten in der Demokratie
eine Riesendebatte angefangen hat, wer denn jetzt eigentlich das
Volk ist und dass um diesen Titel gerungen wird. -
Ich wollte noch mal ganz zurück zum Anfang, zu dem: Was ist
eigentlich die Konnotation von Volk? Das ist einerseits die
unmittelbare
Betroffenheit - man kann sein Kind nicht mehr in den Kindergarten
tun, als Mutter einen Beruf haben usw. - das sind alles Kategorien
der Betroffenheit, die heißen, wir hängen mit allem,
was wir sind, vom Staat ab und als solches sind wir Volk, das
aber andererseits auch einen Berufungstitel als Basis des Staates
zu haben meint, also ein umgekehrtes Pflichtverhältnis vom
Staat zum Volk einfordert. Warum verwechselt das keiner mit Aufruhr?
Angenommen, sie gehen jeden Montag demonstrieren, das ist doch
radikal dann nur gegenüber dem normalen
Alle-4-Jahre-wählen-Gehen,
aber der Form nach ist es ein Ritual, das genau dem Charakter
eines Volkes, das sich als Betroffener und Bittsteller meldet,
entspricht, nämlich seinen Gehorsam ins Spiel bringt, ohne
seine Aufkündigung anzudrohen; die Drohung ist also genauso
abstrakt wie die Kategorie Volk und hat in den Demonstrationen
die adäquate Verlaufsform, nämlich das Ritual eines
nicht aufgekündigten Gehorsams. Und wenn sie sich jetzt
anstrengen,
jeden Montag eine Demo hinzubekommen - dieses Ritual, den Staat
daran zu erinnern, dass er eigentlich Pflichten dem Volk gegenüber
hätte, kann man lange so durchhalten: die Mütter der
Verschwundenen in Argentinien machen das seit 30 Jahren, gehen
einmal pro Woche auf den Platz und klappern mit Topfdeckeln. Ein
sozialer Protest ist etwas anderes, wenn er die gewerkschaftliche
Schiene einschlägt; das hier ist die Verwandlung eines sozialen
Protests in eine politische Bittsteller-Veranstaltung.
Bleiben wir noch bei diesem Ausgangswiderspruch, ich möchte
dazu noch eine gedankliche Klammer machen. In einem Aufbegehren,
in dem Standpunkt, wir sind das-und-das Volk, ist ja nicht automatisch
enthalten, dass das harmlos ist. Worin das seine Sprengkraft hat,
konnte man in Jugoslawien erleben, nämlich dann, wenn man
zu dem Volk einen Eigennamen dazu sagt und reklamiert, dass dieses
Volk in dem Staat, den es gibt, schlecht bedient und völlig
entrechtet sei, wo also von vornherein gar kein sozialer Protest
der Ausgangspunkt ist und man sich auf den revi-mäßigen
Ehrentitel ‚wir sind das Volk' beruft, sondern wo der Partikularismus
eines Volksteils sich darauf beruft, für sich schon ein
vollständiges
Volk zu sein und durch solche naturwüchsigen Bestimmungen
wie Geschichte, Sitten und Gebräuche, Sprache,
Blutzusammenhänge
und sonstigen Unsinn als abgegrenzte Körperschaft eine eigene
Herrschaft zu verdienen und nicht zu bekommen, also ein sich entrechtet
dünkender Nationalismus, der Wille, sich als Volk zu konstituieren
gegen den Staat, dem man untergeben ist - das hat eine Sprengkraft,
die spätestens, wenn es von außen unterstützt
wird, ziemliche Blutbäder anrichten kann. Aber das gehört
mit zu dem Unterschied zwischen der Parole: ‚Wir sind das-und-das
Volk oder, wie es die Montagsdemonstranten vor 15 Jahren gesagt
haben: "Wir sind ein Volk" und gemeint war, ein
gesamtdeutsches. Da merkt man übrigens auch - um die gedankliche
Klammer noch einen Schritt fortzusetzen -, dass denen, die meinen,
ein zu Unrecht von der falschen nationalen Herrschaft regiertes,
besonderes Volk zu sein, letztlich mit Demokratie auch nicht
beizukommen
ist; die Spanier probieren es seit Jahren mit ihren Basken und
Katalanen. Das, was bei allen sozialen Gegensätzen so wunderbar
hinhaut - man gibt den sozialen Interessen bedingt recht und verlangt
ihnen die Politisierung, also die Einfügung ins Gemeinwohl,
ab - das haut bei partikularistischen, unter-nationalistischen
Interessen deswegen nicht hin, weil das ja schon politisierte
Interessen sind und deren Politisierung immer schon darauf
aus ist, das eigene Gemeinwesen zu wollen. Denen entgegenzukommen,
setzt den Wahn der Verselbständigung eher frei, als dass
es ihn einmünden lässt in ein politisiertes Gesamtkunstwerk.
Klar sprengt das die Staaten nicht gleich auseinander und es kann
auch dazu kommen, dass die Leute was anderes wichtiger finden
als ihre Unter-Nationalität, aber wenn sich dann ein sozialer
Protest auch noch in das übersetzt -es sei ja auch kein Wunder,
dass es einem schlecht geht, weil man ja ein unterdrücktes
Volk ist -, dann gibt das eine besonders schöne Sumpfblüte
ab.
- Aber im alten Jugoslawien war doch nicht der Ausgangspunkt,
man ist Kroate und deshalb ist es unzumutbar, mit Serben zusammen
in einem Staat zu sein, sondern die haben doch lange bevor das
alte Jugoslawien sich zerlegt hat, eine innerstaatliche Gliederung
gehabt, die ja Recht bekommen hat, die ökonomische Auswirkungen
gehabt hat; bei Slowenien und Kroatien hat sich der Subnationalismus
immer an dem Material festgemacht, dass der Rest des Staatsgebildes
ein ökonomisch totes Gewicht sei, das sie runterziehe und
ihnen den Erfolg, den sie eigentlich haben könnten, verwehre.
Da hat sich der Nationalismus an dieser Deutung der inneren
ökonomischen
Verhältnisse festgemacht. Zu sagen, eigentlich war das ein
sozialer Protest der Bessergestellten gegen die Schlechtergestellten
und der hat sich des Nationalismus bedient, wäre falsch.
Aus sozialen Gründen zerlegt man keinen Staat. Die Kroaten
haben sich doch schon selber sortiert unter Tito in solche, die
arbeitslos waren, nichts verdient haben und ein paar Bessergestellte.
Die Aufrechnerei haben sie hergenommen, um ihre unterdrückte
Volksnatur geltend zu machen.
- Ich habe bei CSU-Äußerungen soundso oft in der
Vergangenheit
den Eindruck gehabt, wenn die eine Rechnung hätten, die so
gehen würde, dass wenn ihr bayerischer Subnationalismus in
Deutschland nicht gut aufgehoben wäre, sie einen separatistischen
Übergang machen könnten. Als es vor einigen Jahren um
die Stahlsubventionen im Saarland ging, hat der Stoiber gemeint,
dass wenn dieser tote Industriezweig subventioniert werden soll,
das nicht auf "unsere Kosten" geschehen soll.
Aber da merkt man doch, dass das ‚unser' keine soziale Frage
ist. Das ist dann von vornherein ein Abrechnungswesen, wo irgendein
Untervolkskörper sich als entrechtete Nation begreift; das
geht dann immer über ‚In diesem Gesamtensemble kommen
wir als besondere Nation nicht zu unserem Recht' und das macht
sich dann an solchen Dingen fest. Aber ansonsten will der Stoiber
doch selber lieber Kanzler der ganzen Republik sein als König
von Bayern. Man kriegt aus ökonomischen und sozialen Unterschieden
nie den Übergang zu einem auch noch trennungswilligen
Nationalismus
her, sondern wenn es den gibt, dann findet er auch ökonomische
Argumente unter dem Gesichtspunkt ‚Wir werden entrechtet'.
Sonst müsste sich ja jede kleine minderbemittelte Nation
in eine größere, starke Nation auflösen, zumindest
den Drang dazu haben. Es geht doch gerade andersrum: Dort, wo
sich dieser Standpunkt regt, hört das Rechnen auf, da fängt
das Sich-Konstituieren, Sich-Behaupten an, wobei Gewalt das einzige
Mittel ist, und das ist in den Methoden und Ergebnissen das Gegenteil
einer sozialen oder irgendwie gearteten ökonomischen Rechnung.
Oder noch mal so herum gesagt: Sobald nationale Fragen und Trennung
von Volkskörpern überhaupt Thema wird, steht der
Zuständigkeitsbereich
einer staatlichen Gewalt und ihres Menschenmaterials zur Debatte
und nicht oder nur untergeordnet die klassengesellschaftliche
Leistungsfähigkeit und Verfassung dieses Ensembles.
Es ist dann auch ziemlich egal, was als gute Gründe und
Bebilderungen
angeführt werden, am Ende zieht es sich immer auf das Argument
zusammen: Wir sind ein eigenes Volk und kommen als das nicht zum
Zuge. Von oben gedacht, heißt das: Wir haben ein Anrecht
auf einen eigenen Staat, den wir politisch anführen wollen
und dafür mobilisieren wir die Massen und bewaffnen sie;
da ist ja auch Volkswille ein politisches Programm, das seine
Führer hat.
Gedankliche Klammer jetzt wieder zu und noch ein paar Anmerkungen
zum Hauptthema: Volk ist nun mal die Kategorie des Gehorsams,
des Verhältnisses zwischen der Gewalt und denen, die von
ihr regiert werden; das ist der Standpunkt des Regiertwerdens
und der kann natürlich - sobald er sich meldet, gehört
er sogar dazu - anspruchsvoll auftreten, aber der Anspruch heißt
nie: ‚Wir wollen nicht mehr regiert werden', sondern der
heißt immer: ‚Wenn wir schon regiert werden, dann wenigstens
gut.' Diese Passivität, das Bewusstsein der Abhängigkeit
von der eigenen Regierung, der Unterordnung begleitet und
begründet
das ganze Forderungswesen, das im Namen des Volks daherkommt,
und ist ein für alle Mal nicht davon loszubringen. Deswegen
überlebt diese Kategorie Volk ja auch die bürgerliche
Klassengesellschaft, weil die erkennt zwar die gesellschaftlichen
Klassen mit ihren Gegensätzen an, ist aber die real existierende
Prozedur - und nicht bloß Schein und Illusion -,
gegensätzliche
Interessen in der Klassengesellschaft so zu vereinheitlichen,
dass sie am Ende auf eine wohlreflektierte und begründete
Art und Weise in ein Verhältnis zwischen Volk und Führung,
zwischen Herrschaft, die ein kapitalistisches Gemeinwohl zur
Staatsräson
gemacht hat, und einer großen Masse von als Wähler
aufgerufenem Volk einmünden. Das ist die große Leistung
der Demokratie, Volk zu inszenieren als ein Ensemble wahlberechtigter
Citoyens, die sich dann durchaus unterscheiden in eine Elite
sachkundiger
Citoyens, die wirklich was zu sagen haben, und eine große
Masse Citoyens minderen Grades, für die man Volkshochschulen
einrichtet, Volksbüchereien oder Volkstänze, wobei der
Unterschied zwischen ersteren und letzteren sehr bedeutend ist,
das eine ist nämlich eine Hochschule für die niederen
Abteilungen der Gesellschaft, während der Volkstanz das
Widerwärtige
an sich hat, dass er Urtümlichkeit, Naturwüchsigkeit,
quasi das vor jeder Klassengesellschaft dem Menschen genetisch
Inhärente, inszeniert. Das ist die Peinlichkeit einer politisch
inszenierten Urtümlichkeit. Jetzt hat es die Bourgeoisie
gerade mal dazu gebracht, diesen ganzen elementaren Unsinn zu
zerstören, mit der Urtümlichkeit aufzuräumen, die
Borniertheit zu durchbrechen, das ist nun mal deren Leistung,
die Marx im "Kommunistischen Manifest" aufgeschrieben
hat. Was er nicht so klar gesehen hat - was wohl auch noch nicht
so ausgeprägt war in seiner Zeit - das ist, dass gerade diese
modernste aller Herrschaftsformen diese urtümlichen Kategorien
des Volks so gut gebrauchen kann, dass es sogar im Jahr 2004 ein
Oktoberfest gibt. Das war jetzt nicht bloß kulturkritisch
gemeint, sondern sollte sagen: So etwas ist dann auf einmal in
der modernsten Demokratie wichtig, um einen Zusammenhalt des Volks
zu inszenieren, um Volk zu inszenieren.
- Liege ich richtig, wenn ich sage, dass der Nationalismus, die
Teilnahme am Gemeinwohl usw. nicht nach dieser schlichten und
einfachen Rechnung geht: Wenn es dem Staat gut geht, geht es mir
auch gut. Der Volkscharakter, dieses Dazugehören muss davor
liegen - die Nation. Du hast für Volk öfters das Synonym
Nation verwendet.
- Mit Volk ist doch nur das Dazugehören ausgedrückt,
nicht ein Inhalt dergestalt: Wenn es dem einen gut geht, geht
es dem anderen gut ...
- Es ist schon richtig, der Nationalismus setzt sich zusammen
aus der kunstvollen Transformation der Interessen in ein
Zustimmungswesen,
das gerade davon absieht, das ist das demokratische daran, aber
in der Demokratie ist Nationalismus schon abgetrennt von jedem
Argument mit ‚gut gehen' usw.
Ja, das ist dieses ‚überhaupt Volk sein', und da muss
nur noch die Reflexion ‚dieses Volk', ‚deutsches
Volk' dazutreten, und es hat die gleiche Borniertheit und den
gleichen abstrakten Charakter, wie es für Volk überhaupt
gesagt wurde. Man ist Teil einer Gemeinschaft, für die es
keinen anderen Grund gibt als den, dazuzugehören, zu dieser
Herrschaft zu gehören. Die aktive, reflektierte Anteilnahme,
quasi als Citoyen die ganzen Geschäfte mit bedenken, ist
die politisierte Fassung von Nationalismus. Aber es gibt diese
volkseigene Fassung von Nationalismus, da muss man gar nicht ein
Staatsprogramm durchdacht und befürwortet haben, das ist
der Citoyen in seiner Elementarform: überhaupt dazugehören;
das ist der Citoyen in der Form, in der Grass und Genossen ihn
verachten und das ist auch schon ein perfekter und fertiger
Nationalismus.
Wenn die anfangen nachzudenken, worauf beruht eigentlich das Recht,
das wir als Volk haben, was begründet eigentlich unsere
Zuständigkeit
für diesen Staat, unsere Parteilichkeit und unseren Nationalismus,
da kommen alle, die Oberen wie die Unteren, auf nichts anderes
als den Dienst, den sie diesem Gemeinwesen abliefern. Da sagen
die Unteren als Dienst: ‚Wir melden uns zur Arbeit und bekommen
keine, wir würden ja gerne, aber man lässt uns nicht.,
`Sie offerieren also Dienstbereitschaft und beschweren sich
darüber,
dass die nicht akzeptiert wird. Und wenn die reflektierte Elite
sich zu Wort meldet, dann schreibt sie als letztes, schlagendes
Argument: "Wir, die Initiatoren dieser Anzeige, wählten
und wählen ganz unterschiedliche Parteien. Wir arbeiten in
diesem Land, wir bezahlen unsere Steuern in diesem Land, wir bekennen
uns zu diesem Land. Wir haben das Jammern über Deutschland
satt." Das ist die perfekte Ableitung des Nationalismus.
Eigentlich sagen sie dasselbe wie das ‚niedere Volk', aber
mit dem Pamphlet fühlen sie sich gerade erhaben über
alle, die sich im Namen ihrer Drangsalierung beschweren. Einerseits
sagen sie nichts anderes, als was jeder Nationalist auch sagt,
und andererseits sind sie Elite, die sagt: "Nur Demagogen
reden dem Volk nach dem Maul." (Die "Demagogen, die
ihre Zukunft hinter sich haben" ist eine Spitze gegen die
NPD und gegen die PDS - beide hängen sie ewig-gestrig dem
vergangenen Faschismus bzw. Sozialismus an. Allerdings ist es
etwas gewagt, zu behaupten, die PDS hänge dem Stalinismus
an.)
- Ist nicht in der politischen Bittstellerei speziell bei den
Ossis eine Vorstellung enthalten, dass es unmöglich sein
kann, dass der Staat ihnen Armut, Verelendung in dem Ausmaß
inklusive Mezzogiorno vorknallt?
Dass die soziale Not der Ausgangspunkt ist, war nie bestritten,
dass sie für die Politisierung dieser Notlage eine Vorstellung
bräuchten von einem besseren Staat als den, den sie haben,
halte ich für nicht richtig. Dazu genügt allemal das
Versprechen des bürgerlichen Staates, dass er sich um alle
kümmert. Dass sie diesem Einklagen von ‚kümmern'
unter anderem die Form geben, "Wir sind das Volk!" zu
rufen, halte ich für eine Reminiszenz an Revi-Verhältnisse,
wo Volk-Sein der höchste Ehrentitel war.
In dem Gedanken, was ist uns der Staat schuldig, weil wir für
ihn etwas geleistet haben, ist garantiert keine Erinnerung an
die alten DDR-Verhältnisse mehr, sondern, wenn überhaupt
eine Erinnerung, dann an die Versprechungen bei ihrer Eingemeindung;
die denken ja immer noch, sie seien Deutsche zweiter Klasse. Da
stimmt schon eher das mit dem Mezzogiorno. Das ist übrigens
auch die Verwandlung eines sozialen Protests, wenn man sagt, man
kann doch nicht diese ganzen Regionen kaputt gehen lassen. Also
wenn, dann sind es diese Erinnerungen daran, dass es doch
geheißen
habe, es findet ein Aufbau Ost statt und eine Eingemeindung in
die Republik, die den Osten zu einem ordentlichen Teil Deutschlands
macht, dazu wären sie bereit gewesen, aber der Staat versagt
es ihnen. Jetzt sollte ja gerade die Abstraktion davon gekennzeichnet
werden, die Verbindungslinie da geht übrigens schon darüber:
Wir gehören doch zu diesem Staat, sind in den reinmarschiert
und der wollte uns ja auch als sein Volk.
- Das glaube ich sofort, dass die ihr Recht geltend machen auf
Integriert-werden in den neuen Laden, ich habe daran rumüberlegt,
ob es sich speziell bei denen mischt mit dem Standpunkt, für
einen Staat ist es eine Schande, seinem Volk, weil gut, Armut
zuzumuten.
Dafür braucht man aber keine besondere Erinnerung an die
DDR. Das gehört auch zu jedem bürgerlichen Staatsprogramm,
dass Armut eine Schande für die Nation ist, deswegen gibt
es im Prinzip ja auch keine. Mit 345 Euro und der Chance, bis
zu 1000 Euro noch dazuzuverdienen, ist man doch von Gesetzes wegen
nicht arm. Der Standpunkt, Armut ist eine Schande für eine
Nation, ist doch in jeder bürgerlichen Sozialpolitik enthalten;
darum gehört auch zu jeder bürgerlichen Sozialpolitik
das Dementi, man lasse Armut zu. Die Parole "Hartz IV ist
Armut per Gesetz!" findet doch keinen Beifall bei der SPD,
so nach dem Motto: ein bisschen Armut muss schon sein. Noch nicht
mal die FDP sagt, sie sei für Armut.
Die ganze Armutsfrage lösen die doch so auf: Das deutsche
Volk jammert. Da ist doch ausgedrückt, dass es Armut bei
uns nicht gibt. Dass sie keinen Grund hat und eine Ausnahme ist,
das gehört immer zum Selbstbewusstsein der bürgerlichen
Gesellschaft dazu. Die schaffen es, bei den Übergängen,
die sie sozialstaatlich zu den neuen Formen der Armut machen,
zu sagen, das sei keine. Die SZ-Serie passt da rein mit: Es gibt
gar keine Armut, sondern es gibt ein bescheuertes Volk, das isst
laufend Hamburger und wird dick und lässt sich das noch viel
Geld kosten.
Noch was, weil wir jetzt die ganze Zeit die Parole "wir sind
das Volk!" schlechtgemacht haben: Das fällt nicht zusammen
damit, dass dieser ganze Protest per se unwirksam wäre; es
ist ja nicht so, dass der folgenlos durch die Republik gerauscht
wäre - nur, welcher Art sind die Konsequenzen, die die Politik
daraus gezogen hat. Die glauben ja glatt, ihre Spekulationen seien
zu großen Teilen aufgegangen, weil die Politik sich in dem
einen oder anderen Punkt korrigiert hat, und vielleicht war es
auch so, dass die Zahlung der Arbeitslosenhilfe am 1. Januar eine
Reaktion auf den Protest war. Zu sagen, das ist ein denkbar schlechter
Protest, fällt nicht damit zusammen, zu sagen, der bewirkt
ja gar nichts. Man muss sich vor Augen führen, was er bewirkt.
Es kann schon sein, dass in dem einen oder anderen Punkt - und
manches liegt ja vor als Leistung der Politik - Konzessionen gemacht
werden, dass da Kompromisslinien gesucht und gefunden werden,
aber was heißt denn das? Die deutsche Sozialpolitik setzt
einen neuen Armutsstatus durch und auf dem Wege der Kompromissfindung
in Unterfragen erwirbt man für diese Neuerung Anerkennung.
Ob es vielleicht sogar so gemeint war, dass man erst mal sehr
drastisch zu Werke geht, um dann ein paar Konzessionen in der
Hinterhand zu haben oder ob man Gesetze gemacht und erst hinterher
gemerkt hat, dass man den Leuten mehr Geld weggenommen hat als
beabsichtigt, und dann entscheidet man als großartiges
Entgegenkommen,
sie dürfen 4325 Euro auch schon für Kinder unter 18
Jahren und nicht erst für Kinder ab 18 Jahren behalten. Es
ist egal, ob es vielleicht von vornherein so berechnet war als,
das kann man noch dazugeben, oder ob sie etwas beschlossen haben,
was ihnen dann selber später als zu große Zumutung
vorkam. Es wird schon so sein, dass die Regierung sich durch den
Protest auf die eine oder andere Korrektur hat aufmerksam machen
lassen. Aber bevor man sagt: ‚Na, immerhin!', müsste
man mal objektiv würdigen, was dieser Kompromiss leistet:
Das ist genau die Art und Weise, in der in der Demokratie Neuerungen
durchgesetzt werden, nämlich, dass sie als Kompromiss der
gegensätzlichen Interessen dastehen, und die Sache als Kompromiss
zu konstruieren, ist die Durchsetzung und die Gewöhnung der
Leute daran. Es gibt übrigens auch durchaus andere Verfahren
in der Demokratie, nämlich Kompromisse als Modus der
Gewöhnung
mit demonstrativer Kompromisslosigkeit als Modus der Umgewöhnung
des Volkes zu verbinden, und beides beherrscht der Schröder
recht gut - kompromisslos die Gewerkschaften abfahren zu lassen
und damit zu demonstrieren, dass hier neue Sitten einreißen,
sowohl in der Behandlung der proletarischen Armut wie in der
Würdigung
ihrer selbsternannten Vertreter, der Gewerkschaften. Und das kann
er durchaus verknüpfen an anderer Stelle mit Kompromiss,
wo man quasi dem Volk mit der Demonstration gegenübertritt:
Das, was wir jetzt an Neuerungen durchsetzen, ist doch alles halb
so schlimm. Diese Modi der Gewöhnung und der Umgewöhnung
kann man als Techniken der demokratischen Herrschaft jetzt wunderbar
studieren und auch, wie das alles dann demokratisch perfekt verarbeitet
wird, so dass die Frage gar nicht mehr ist, wie schlecht die Leute
behandelt werden, sondern wie schlecht oder inzwischen wieder
wie gut steht die SPD mit ihrer Kompromisslosigkeit da?
Wenn sich heutzutage die Welt um die Frage dreht, was uns das
Politbarometer über das Schicksal der SPD verrät, merkt
man, wie solche sozialen Umwälzungen demokratisch verarbeitet
werden - sie werden verwandelt in eine Frage der Bekömmlichkeit
für die Volksparteien, die das veranstalten.
Die schönste Kombination von Kompromisslosigkeit und Kompromiss
ist ja zu sagen: In der Sache machen wir keine Abstriche, aber
wir erklären es dem Volk noch einmal. Dieses ‚Angebot'
ist eigentlich der Übergang zu dem: Wie steht die SPD da?
Man erklärt es dem Volk, weil es dann merkt, dass es nötig
ist, also Zustimmung dazu soll es auch noch abliefern.