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Wege der europäischen (deutschen) Russlandpolitik
Vorlage:
0. Wenn deutsche Amtsträger und politische Reisegruppen
aus Berlin immer wieder rechtsstaatliche Verhältnisse im
russischen Reich fordern, wenn deutsche bzw. EU-Behörden
ihr Geschick in juristischen und polizeilichen Angelegenheiten
exportieren und russische Kollegen beraten, handelt es sich um
handfeste Einmischung. Das heißt aber noch lange
nicht, dass im Namen eines Handbuchs der Diplomatie eine Runde
Empörung angesagt ist über solch freches imperialistisches
Benehmen - zumal die russische Seite gegen die ausgiebige Zusammenarbeit
auf dem Felde der inneren Sicherheit und der Etablierung
bürgerlichen
Rechts gar nichts einzuwenden hat.
Wenn Juristen aus deutschen Provinzuniversitäten ihre
Lose-Blätter-Sammlungen über zeitgemäßes
Zivil, Aktien- oder Konkursrecht nach Russland schaffen, haben
diese Bemühungen sicher etwas Lächerliches an
sich, sofern sie als "Lösung" der Probleme gepriesen
werden, an denen die politische Ökonomie des neuen Staates
leidet. Dennoch ist das - ebenfalls bilaterale - Bedürfnis
nach Rechtssicherheit ernst zu nehmen, weil diese Elemente
einer verlässlichen Ordnung nämlich auch zu etwas taugen
und deshalb für unentbehrlich gehalten werden.
Wenn die Wortführer unserer demokratischen
Öffentlichkeit
diesen Affären genauso wie der Auseinandersetzung des
Putin-Staates
mit Yukos, wie dem Krieg mit dem tschetschenischen Bürgersinn
und Terrorismus nicht anderes entnehmen als ihre Litanei; wenn
sie also im Namen des überlegenen wie vorbildlichen Systems
ihre Textbausteine "Freiheit", "Demokratie",
"Menschenrechte" herunterladen und vom Kanzler verlangen,
er möge sich ihrer Hetze anschließen, haben sie Entscheidendes
verpasst.
Die Pflege des Feindbilds, der Antrag auf Verweigerung des
Respekts gegenüber der russischen Staatsmacht, die es an
demokratischer Rücksicht fehlen lässt, wenn sie mit
separatistischer Freiheitsliebe konfrontiert ist, hat nicht nur
ihre absurden Seiten. Sie versäumen auch noch in dem Vorwurf,
der Kanzler würde wegen wirtschaftlicher Interessen unsere
heiligsten Prinzipien verraten, den Stoff, aus dem
die Russland-Politik gemacht ist, die
Freiheitskämpfer
mit ihrem Verständnis für tschetschenische Terrorwitwen
und ihrer Ächtung von Montags-Demos.
1. Der eine Bestandteil des Projekts Zusammenarbeit
mit dem neuen Russland schließt eine weltwirtschaftliche,
also auch weltpolitische Weichenstellung ein. Man hat viel vor
mit den Reichtumsquellen dieser Nation. Das geht nicht nur aus
den Kapitalgrößen hervor, die umgesetzt werden
und noch werden sollen. Die besondere Qualität des
größten Deals betrifft die Energie-Politik, die offen
als Umstellung (bis zu einem Drittel) der mitteleuropäischen
Versorgung veranschlagt wird. Dabei hat das deutsche
Führungspersonal
längst eingesehen, dass das Ideal eines neuen Typs liefernden
Entwicklungslandes nicht zu haben ist. Die "wirtschaftliche"
Aufrüstung Russlands gehört zum Programm, der sich
einstellende
Zuwachs an Macht ist nicht nur "in Kauf zu nehmen",
sondern einer Benützung zuzuführen. Die nicht zu knappen
Widersprüche einer solchen Kooperation mit strategischem
Gewicht bevölkern die Verhandlungen zwischen Politikern und
Konzernführern.
2. Quer zum Erfolg des Vorhabens, einen werdenden
russischen
Kapitalismus als verlässlichen Partner aufzubauen, liegen
auch alle - überhaupt nicht verabschiedeten - Rechnungen
in bezug auf die Spaltprodukte der SU und ihres Ostblocks. Die
Rechte, die sich Deutschland, die EU, die NATO sehr
zugriffsmäßig
im Umgang mit den Neugründungen anmaßen und schon erobert
haben, laufen implizit wie ausdrücklich auf die Schädigung
russischer Interessen, auf die Minderung russischer Macht hinaus.
Da haben die Diplomaten zu tun; und das Verhältnis zu den
USA ist ja in jeder Einzelfrage so präsent, wie es den Leitfaden
für die gesamte "Linie" abgibt.
3. Im Kommentieren des Gefechts der sich kräftig
widerstreitenden
Posten deutsch-europäischer Ostpolitik müssen sich die
nimmermüden Rufer nach Demokratie künftig einteilen.
Aber zur differenzierten Anwendung der Faustregel, dass "wir"
wegen der Unübertrefflichkeit unserer
Original-Geschäftsordnung
zu allem berechtigt sind, was wir brauchen, wird es bei den Jungs
und Mädels schon reichen.
Diskussion:
Ein paar Vorbemerkungen zu dem Zettel: Ich glaube nicht, dass
man mit all dem Material - die Sache ist in Arbeit - das Thema
erschöpfend behandeln kann. Ich kann aber sehr wohl garantieren,
dass man mit dem, was dem einen oder anderen aufmerksamen Zeitungsleser
oder sonstigen Studierten bekannt ist, ein paar handfeste Schlüsse
ziehen kann, worum es im Moment geht bei dem oben genannten Thema,
über das sich ein paar Leute bis in die Feinheiten hinein
kundig gemacht haben. Anlass ist durchaus die letzte Woche, wo
die Tschetschenen in dieser Schule in Beslan die Kinder massakriert
haben und das Theater losgegangen ist. Da ist etwas sehr
Merkwürdiges
passiert: in so einer Lage - ich nenne es mal Lage -, bei so einem
Konflikt, so einer Metzelei, einer Auseinandersetzung zwischen
dem neuen russischen Staat und Separatisten, die Terrorismus als
das Mittel der Wahl erkannt haben wollen, ist Putin wegen dem,
was da passiert ist, als Vertuscher und Herunterspieler beschimpft
worden - vielleicht kennt der sich samt seinem Geheimdienst noch
nicht aus über das, was da läuft, vielleicht haben die
die Leichen noch nicht zusammengezählt, da wissen die deutschen
Journalisten schon, dass die falsch gezählt haben - ihm ist
jedenfalls ein prinzipieller Mangel am demokratischen
‚Weiß-warum'
nachgesagt worden. Im "Spiegel" stand heute die rhetorische
Frage, warum Putin nicht auf den Gedanken kommt, dass diese Krise
mit den Tschetschenen hausgemacht sein könnte. Anders als
bei den anderen ‚guten' europäischen Regierungen oder
auch der US-Regierung wird, wenn so was passiert, ein Moment von
Schuld durchaus auch in der russischen Regierung ausgemacht.
Generalbefund:
Wo ist Freiheit? Wo ist Demokratie? Wo sind die Menschenrechte?
Die sind beim Putin, genaugenommen, nicht zu haben, das ist sein
großes Manko und jetzt kriegt er die Quittung. Ein
gewalttätiger
Separatismus kommt quasi in den Rang von Freiheitskämpfern
- dabei ist bekannt, was das für ein lustiges Völkchen
ist, es gibt sogar schon Leute, die mal so nebenbei erwähnen,
was da unten los ist, wenn der Putin die ganz demokratisch-duldsam
in die Freiheit entlässt: so eine richtige Demokratie wird
es wohl nicht, die haben eben auch so ihre Sitten, Familienclans,
Blutrache, das muss man respektieren. Aber Klammer zu - es kommt
einem so vor, als ob das eine günstige Gelegenheit wäre,
an Putin mit den Schablonen des alten Antikommunismus ein
standardisiertes
Feindbild abzuleiern. Es zeugt schon von einer ziemlichen Dummheit
- und auch bei der gibt es graduelle Unterschiede -, wenn die
Merkel meint, der Schröder hätte bei seinem Treffen
mit Putin sagen müssen, dass die Wahlen nicht ganz korrekt
gewesen seien oder dass das keine richtige Demokratie sei oder
die Tschetschenen mehr Respekt verdienen würden. Putin
übrigens
gefällt einem manchmal in der Hinsicht, dass er das auflöst
und bei frechgewordenen Politikern oder auf Pressekonferenzen
mal ein Widerwort gibt der Art: "Ihre Ratschläge habe
ich vernommen und gebe einen zurück: Sie laden Osama bin
Laden ein, fragen ihn, was er will, geben es ihm und dann ist
Ruhe." Das ist wenigstens noch eine gelungene Retourkutsche.
Der ganze Punkt 0 (auf dem Zettel) hat unter anderem das
zum Anlass. Seriös gesprochen, muss einem auffallen - das
ist hier die Behauptung -, dass diese bornierte Hetzerei gegenüber
Russland gar keinen Bezug mehr aufweist zu der heutigen Lage oder
zu den Wegen europäischer oder deutscher Politik und dem
Umgang mit den Russen, dem, was man von und mit ihnen will. Die
Hetze ist deplatziert. Deswegen der Vorschlag, sich darüber
zu verständigen, womit man es da eigentlich zu tun hat; aus
diesem Leierkasten der Feindbildpflege erfährt man endgültig
nichts mehr darüber, was da los ist, wenn der Schröder
mit einer hochkarätigen Industriellen-Mannschaft und anderen
Nadelstreifen immerzu in Moskau verkehrt.
Noch was anderes zum 0Punkt: Man soll das auch nicht gleich in
die Kategorie ‚Frechheiten und Unverschämtheiten' übersetzen,
wenn es eine Kooperation auf dem Feld Polizei und Justiz gibt;
klar ist das eine Anmaßung: wir als die Könner auf
dem Feld des Demokratiewesens beherrschen das, wie man mit Massen
und Eliten umgeht, Rechtsstaat braucht die Menschheit, also braucht
es auch der Russe, da ist immer der Abgang drin: und all das ist
Russland noch lange nicht und deswegen ist der Russe böse,
solange er das noch nicht hat. Das ist der Abgang, aber vor dem
Abgang steht erst einmal die Beobachtung: Es gibt zwischen GSG
9, Münchner Polizei, französischem Geheimdienst und
russischen Behörden und Gewaltapparat laufend Übungen,
Manöver fast, wo denen beigebracht wird, wie man so was regelt,
als ob die das nicht mit ihren Sicherheitstruppen hätten
usw. Aber es wird gesagt: Es gibt ein Verhältnis von
Behörden,
von Anwendung von Gewalt, wo sie nicht fällig ist, das Ganze
muss gesetzlich verankert sein und darauf muss man sich berufen
können und das geht so und so oder es geht mal einer von
den neugegründeten russischen Großbetrieben, an denen
der Westen inzwischen schon flott beteiligt ist, pleite und man
hat keine Handhabe, sich schadlos zu halten, dann schreit man
nach einem Konkursrecht, damit man sich schadlos halten oder wenigstens
seinen Verlust ordentlich nachzählen kann. Also der Vorschlag
ist, nicht gleich zu schreien: die Europäer oder die Deutschen
maßen sich an, sich in die inneren Angelegenheiten des russischen
Reiches einzumischen. Das ist zwar wahr, aber offensichtlich ist
der Bedarf auf beiden Seiten vorhanden. Lieber mal einen Schluss
anderen Typs daraus ziehen: was liegt denn diesem Bedarf, dass
in Russland eine verlässliche, gewaltsame, dann gesetzlich
abgesicherte Ordnung existiert, zugrunde? Was für ein Interesse
auf beiden Seiten liegt dem zugrunde? Das wäre auch
mal eine Lesart und nicht immer: dass es nicht demokratisch
ist, dass es nicht taugt im Sinn der demokratischen
Prinzipienreiterei
- von den Ideologen weiß man immer, was es nicht sein soll
-, sondern dass die Herrschaft ein verlässliches Regelwerk
braucht dafür, aus der ganzen russischen Gesellschaft, ihren
Reichtumsquellen, international verfügbaren, kapitalistisch
nutzbaren Reichtum zu machen, - diesen Schluss möchte ich
nahe legen. Deswegen der zusammenfassende Befund bei Punkt 0:
Wenn also die Hetzredner zu großer Form auflaufen mit ihrem:
Putin ist kein Demokrat, die quasi noch die Regierung auffordern
- der Schröder hat es ja inzwischen zurückgewiesen -
entsprechend dieser abstrakten, von allen Inhalten getrennten
Hetze zu handeln, dann scheinen sie nicht daran interessiert zu
sein, zur Kenntnis zu nehmen, was da seit ungefähr 10 Jahren
läuft, welches Projekt da unternommen wird. Wenn also einer
im Bundesrat oder in der SZ behauptet, der Schröder hätte
davor gekniffen, die Russen eines ernsten Vergehens gegen die
Menschenrechte zu zeihen, er habe wegen wirtschaftlicher Belange
unsere Prinzipien verraten und klein beigegeben, also ungefähr:
wir haben doch die Lizenz, die Russen unseren Interessen zu unterwerfen
und nicht umgekehrt, eine Machtphantasie schwingt da mit, also
der Irrtum, bloß, weil man glaubt, man sei im Besitz des
besseren und überlegenen Systems, habe man auch Mittel und
Wege, alle anderen Nationen mit ihren Sitten und Gebräuchen
wie ein Zuchtmeister zurechtzuweisen, schwingt da immerzu mit.
- Aber das ist doch genau der Bezug, den die Westmächte zu
dem Interesse an Kooperation von beiden Seiten haben, nämlich,
dass auf diese Art und Weise reklamiert wird, dass die
Federführung
in dieser Kooperation eindeutig bei den hiesigen liegen muss.
Und das gepaart mit dem: die anderen sind immer die, die darauf
hören. Es geht ja nie nur um den formellen Respekt - das
ist auch eine Nation mit ihren Interessen und Rechten -, sondern
es geht ja bis in den Stoff rein. Europäisch-russische
Kooperation,
deutsch-russische Kooperation heißt doch wohl, dass wir
sagen, wo es lang geht und die nicken es ab. Bei denen schwingt
das Ideal: wir richten uns die her im Sinne einer Brauchbarkeit,
wie sie sich gehört, laufend mit.
- Da wird doch ein politischer Preis eingefordert von der hiesigen
Seite für die Kooperation, insofern hat die Hetze schon was
Funktionales an sich.
Nein, das sehe ich nicht. Dafür ist das Projekt zu wichtig.
- Aber ist das nicht von Anfang an die hervorragende Frage gerade
bei so einem Kooperationspartner, wer in dieser Kooperation das
Sagen hat?
Nein, aber ohne Stoff aus der Kooperation kann ich die Frage nicht
beantworten. Die tun aber so, als ob eine Ober-Frage immer schon
geklärt wäre: ‚die Guten' haben das Sagen.
- Geklärt ist es sicher nicht, aber so wird doch unter der
Hand eine Bedingung für Kooperation aufgestellt.
Dann kriegen sie sie nicht. Wenn sie die Russen nach dem neuen
Feindbild behandeln, erobern sie nicht den Elektro- und Gasmarkt
in Russland und in Europa mit Hilfe der Russen.
- Das würde ich nicht so sehen, weil doch die Russen, ungeachtet
aller Hetze, die nebenher läuft, sich auf die geschäftliche
Seite einlassen.
Genau das ist das Thema; sind die Punkte 1 und 2
auf dem Zettel damit zu knacken ? Kann man dem Thema beikommen
mit ‚sich einlassen'? Wer ist der Erpresser, wer der Erpresste?
Das ‚Sich-Einlassen' wird da ziemlich leer. Klar gehen die
Russen an den Verhandlungstisch, sagen, was sie wollen und worauf
sie sich einlassen und die anderen genauso. Das geht bis in die
Kleinigkeiten. Mal ein Beispiel aus der Zeitung: Da entschließt
sich ein westlicher Konzern, in Russland ein paar Milliarden zu
investieren in altes und in neu zu erschließendes Öl-
und Gasgewerbe. Die Russen sagen, sie haben Kapitalmangel, dann
geht der Streit los darüber, wie viele Anteile ein Fremdling
an der Aktiengesellschaft haben darf - das Ganze ist auf hohem
Niveau kapitalistisch organisiert -, dann setzt sich nicht nur
der Konzern, sondern auch der russische Staat mit an den Tisch
und sagt, dass bei 51 % für ihn Schluss ist. Dann sagen die
westlichen ‚Partner', dass sie aber gern drei Viertel der
Anteile gewollt hätten, als ihr Eigentum, so dass alle
Geschäftsbeschlüsse
letztlich ihrer Entscheidung unterliegen. Das lehnt der Russe
ab, weil das eine russische Reichtumsquelle sein und bleiben soll.
Dann wird weitergemacht - da gibt es Tagesordnungspunkte des Typs:
wenn wir schon Miteigentümer einer russischen energieschaffenden
Kapitalgesellschaft sind, möchten wir auch das
Steckdosen-Geschäft
in Russland geschäftlich mitbetreuen. Wenn die Russen dem
zustimmen, wird von westlicher Seite - Siemens, RWE - eingewandt,
dass das wohl kaum gehe, weil die Russen staatlich subventionierte
Strom- und Gaspreise für ihre vom realen Sozialismus geerbten
armen Schlucker hätten und dass das aufhören müsse.
Freie Preisbildung soll sein, für die es ja auch schon Vorbilder
gibt in Lateinamerika, wo spanische oder US-Konzerne die Wasser-
oder Stromversorgung übernommen und freie Preise eingeführt
haben, wobei mit ‚freie Preise' die Preise gemeint waren,
die sie errechnet haben, damit es sich rentiert (mit der Folge,
dass die dortigen armen Schlucker Strom und Wasser eben nicht
mehr bezahlen können). Der russische Staat seinerseits samt
seinem Interesse an einem funktionierenden Kapitalismus beharrt
aber auf den subventionierten Preisen für diese
Lebens-Grundmittel,
die es braucht, damit das Ganze vom Transportwesen bis zum Licht
in den privaten Haushalten funktioniert. Warum sollten sich die
Westler denn nicht darauf einlassen (um den obigen Einwand noch
einmal aufzunehmen)? Die rechnen doch das eine gegen das andere
aus. Soviel zur Kategorie ‚sich einlassen' - klar machen
sie das, sie haben doch ein Interesse daran, mit viel westlichem
Kapital einen funktionierenden und wachstumsorientierten Kapitalismus
auch über so zentrale Bereiche wie Energie usw. einzurichten.
Gleichzeitig haben sie das Interesse, dadurch die Russen vom Westen
‚abhängig zu machen', um mal die dumme Floskel zu gebrauchen,
sie über die Verlässlichkeit einer solchen Versorgung
an sich zu binden, damit sie in Zukunft Eigenmächtigkeiten
unterlassen, weil man weiß, man ist miteinander verbandelt
- also was Stabiles an grenzüberschreitendem Kapital wollen
sie auf die Beine stellen und dem ist so eine Formel wie ‚und
die lassen sich darauf ein' überhaupt nicht gewachsen, sie
trifft auf alles - und nichts so recht - zu.
- Nach Deiner Rede kommt also praktisch raus, dass die Hetze,
die da betrieben wird, dysfunktional ist.
Ja, das war und ist deplatziert, mitten in den Prozessen, die
da laufen und vor allem angesichts der Terrorwoche in Beslan,
war die Hetze absurd - als Öffentlichkeitsarbeiter den Antrag
loszuwerden, die Russen kriegen das Etikett ‚Kampf gegen
den Terrorismus' nicht zugestanden.
- Schon, aber den Kern der Hetze fand ich nicht deplatziert; der
Kern der Hetze ist doch: wir bestimmen, wo die Grenzen von
Terrorismusbekämpfung
sind, wer also definieren darf, wann Terrorismus mit welchen Mitteln
bekämpft werden darf, insofern ist es doch eine Einmischung,
das ist doch immer die Geschichte, dass Geschäft und Gewalt
zusammenpassen, dass der Imperialismus, obwohl er dieses
ökonomische
Interesse hat, gleich den politischen Zugewinn mitformuliert und
der kommt eben in dieser deplatzierten Form daher.
Es hat so viele Beispiele gegeben, wo sich die größten
Hetzer zurückgehalten und gesagt haben: wir möchten
natürlich, dass hier und da eine echte Demokratie wächst,
aber wir sehen ein, sie geht jetzt noch oder überhaupt nicht.
Das sind so Schachzüge, die alle drin sind.
- Wir haben es mal an diesem China-Geschäft abgehandelt,
dass es diesen politischen Vorbehalt gibt, dass man ihn neben
dem Geschäftsgebaren aufrechterhält. Inwieweit Europa
oder die BRD in der Lage ist, diesen Vorbehalt auch praktisch
wirksam werden zu lassen, ist dann noch eine andere Frage.
Erst mal geht es darum, ob sie willens sind und dann, ob sie in
der Lage sind. ‚In der Lage' ist das, was ich vorher gemeint
habe mit den Machtphantasien, die da immer mitspielen, das ist
die Vorstellung: wenn wir nach China fahren, dann halten wir das
Schild "Dalai Lama" ganz hoch. Das ist das erste und
wichtigste und eine Ignoranz dem gegenüber, warum man
überhaupt
nach China fährt mit einer Mannschaft von Industriellen und
Gewerkschaftern im Schlepptau. Außerdem habe ich versucht,
die Zwischengröße abzuklären - alles noch bei
Punkt 0 - dass man manchmal sagt, dies und jenes gehört
sich rechtlich bei euch noch geregelt, ist zwar für manchen
schon wieder die halbe Hetze, aber erst mal ist es ein Interesse,
das ernst zu nehmen ist. Das sind Leute, die haben das Bewusstsein,
dass das Recht eine Geschäftsordnung für ihre
Produktionsweise,
für ihren Kapitalexport, für ihren Warenverkauf usw.
ist.
- Die politischen Vorbehalte, die man da geltend macht, sind doch
eine Auskunft an den politischen Willen der anderen Seite, dass
man die nach wie vor hat und dass die mit dem Geschäft nicht
weg sind.
Das kann man schon machen, aber gerade bei Russland hat man ja
mitbekommen, dass sogar der Kanzler die Journaille zurechtgewiesen
und gesagt hat, das sei jetzt etwas deplatziert. Noch mal anders:
Es ist absurd, zu sagen: der Putin soll den Tschetschenen endlich
die Freiheit schenken, wie es für demokratisch-duldsame
Staatsführer
üblich ist, die, wenn es wo separatistische Bestrebungen
gibt, die ersten sind, die Territorium und Leute verschenken;
wenn Putin das nicht tut, ist alles andere nichtig - da könnten
die deutschen Politiker ihre Weltmarktinteressen begraben. So
war aber der Tonfall in diesen Wochen und das meine ich mit
‚deplatziert'
und funktional ist so was auch nicht. Man muss dieselbe Hetze
mal an der Twin-Tower-Affäre durchspielen: "Da braucht
sich der Bush nicht zu wundern, wenn der Islam sauer wird."
Oder zu Israel: "Bei dieser verfehlten Palästina-Politik
ist es kein Wunder, dass ab und zu mal ein Bus brennt." Das
waren Analogien zu dem, was die in den letzten Wochen gemacht
haben, und da hätte jeder gleich gewusst, dass das deplatziert
ist. Der Schröder hat nichts anderes als zum Beispiel die
spanische Regierung gemacht: ist dahin gefahren, hat angesichts
der Leichen sein Beileid ausgedrückt, gleichzeitig hat er
das Interesse: Was ist da staatsmäßig am Wackeln? Dann
ist er wieder heimgefahren und hat eine Rede an die Nation gehalten,
genau wie seinerzeit die spanische Regierung. In der Rede kam
unter anderem vor: Geht mal morgen gegen den Terrorismus demonstrieren!
Die Spanier, ordentliche Leute, sind morgen demonstrieren gegangen.
Kaum haben die Russen das vernommen, sind sie am nächsten
Tag demonstrieren gegangen. Da merkt man, wie verrückt die
da weiterspinnen. So ein Theater bei so einem Vorkommnis kann,
für welche Art von deutscher Russland-Politik auch immer,
nicht funktional sein. Umgekehrt wird unter diplomatischen
Gesichtspunkten
eher was draus: Wenn sich die Regierung so eine Hetze zu eigen
machen würde, wäre das für ihre eigenen Interessen
ziemlich kontraproduktiv. Noch ein Beispiel: Eine Diagnose
bezüglich
des Islam, die in den letzten Monaten immer wieder aufgewärmt
wird, ist - neben dem, dass dieser Glaube mit viel Unsinnigem
schwanger ginge -, dass die Araber gefälligst mal die Trennung
zwischen Staat und Religion überall ordentlich vollziehen
sollen. Das zähle ich auch zu Hetze, da finden viele falsche
Überlegungen und vor allem falsche Selbstbeweihräucherungen
statt, wie das mit dem Christentum bei uns war. Die Analogie hier
wäre, zu sagen "Wir kaufen euch keinen Tropfen Öl
mehr ab, wenn ihr nicht die Trennung von Staat und Religion
einführt"
im Sinn von ernstgemeintem Vorbehalt. Was anderes ist es, wenn
ein Staat sein Interesse anmeldet, an einem anderen was verändern
zu wollen, am Führungswesen, am Verhältnis von Staat
und Volk - das sollen sie gemäßer machen und ihre
Terroristen
gleich selber fertig machen. Das ist das Ansinnen, aber den Vorbehalt
"Und wenn ihr das nicht tut, dann sauft euer Öl selber!",
wird man da nicht finden. "Dalai Lama!" und "Demokratie!"
dient zur diplomatischen Stimmungsmache bei all den militärischen
und wirtschaftlichen Verhandlungen, die so unterwegs sind und
ist schon immer die Ansage: so richtig perfekt ist die Anerkennung
dem anderen Staat gegenüber nicht. Das kann eine Verhandlung
unterbrechen oder sogar kaputt machen, weil statt Kooperation
ein Moment von Feindschaft aufgemacht wird, so was kann auch
nebeneinander
herlaufen. Und dann kommen die Schlaumeier mit ihrem "laufend
werden die Prinzipien verraten!" Das halte ich für einen
verkehrten Befund und deswegen kommt das auf dem Zettel vor.
- Es gibt ja auch so Vorbehalte, die von Seiten der Politik her
gepflegt werden, dass man sich sowohl in England wie in Deutschland
von diesen Angehörigen der tschetschenischen Untergrundregierung
irgendwelche Figuren mit Asylrecht hält, so was würde
ich da dazurechnen.
Ja, das wird von der russischen Regierung auch zur Kenntnis genommen
und sie haben die Briten und Niederländer deswegen schon
beschimpft unter dem Motto: Bei euch kommen Leute unter, die bei
uns auf der Liste stehen, weil sie schon Untaten begangen haben!
- Es gibt ein paar Leute, die sich immer wieder, wenn es soweit
ist, über den Zirkus amerikanischer Wahlen ereifern und sich
und andere fragen, was das noch mit dem Inhalt von Politik zu
tun haben soll (obwohl sie den gar nicht kennen, geschweige denn
erklären könnten). Sie entdecken die Unsäglichkeiten
die da im Lauf des amerikanischen Wahlkampfes passieren und kritisieren
sie geschmäcklerisch, aber sie kommen nie darauf zu sagen,
dass die amerikanische Demokratie mit ihrem Wahlgetöber ein
Riesenmanipulations- und Akklamationswesen ist, das ein schlechtes
Licht auf die Demokratie überhaupt wirft, sie entziehen Amerika,
diesem demokratischen Land mit seinen Menschenrechten usw., nie
die Anerkennung, da können die in Abu-Ghureib und
Guantánamo
machen, was sie wollen. Aber bei den Russen liegt leicht die
Schlussfolgerung
in der Luft: Da sieht man es, das ist kein Partner für uns
und das passt nicht mehr zu dem, was im Moment läuft. Dass
immer eine Abteilung Hetze in dem Sinn auch funktional werden
kann und was die Bedeutung von dem ‚funktional' ist, wollte
ich gar nicht in Abrede stellen, aber das wird dann in Punkt
3 abgehandelt. In Punkt 1 und 2 wird das
abgehandelt,
was diese Hetzer glatt verpassen, nämlich das, worum es heutzutage
in der Russlandpolitik wirklich geht. Jeder, der Stoff hat, der
was darüber kennt, der eine fortführende Schlussfolgerung
hat oder sich bestätigt sieht, ist aufgefordert, was beizutragen.
Was weiß man alles? Es sind hier ja nur ein paar zusammenfassende
Behauptungen hingeschrieben.
- Man konnte vor kurzem in der Zeitung lesen, dass die Achse
Frankreich,
Deutschland und Russland nicht vorankommt, sondern nur in der
Phase des Nein-Sagens gegenüber der US-Politik besteht. Dieser
Zeitungsschreiber hat mindestens teilweise den Trick der deutschen
und französischen Politik gegenüber den Russen erkannt.
Die deutsche Politik muss sich zu der Erkenntnis durchgerungen
haben, dass die strategische und ökonomische Lage Europas
nur unter Anerkennung und Einbeziehung russischer Interessen
voranzubringen
ist.
Du hast dem Schröder attestiert, er hat gemerkt, um was für
eine riesige Umstellung in der Weltlage es da geht, andererseits
merkt man so ein Zaudern. Der vermisst die Vollstreckung in der
neuen Weltlage und bei der besagten Achse Paris-Berlin-Moskau.
... von dem her, was wir vorher diskutiert haben, der Hetze, dass
man wegen ökonomischer Vorteile politische Prinzipien verrät,
so ist das der Einsicht gewichen, dass zum Beispiel das
Ölgeschäft
ein Handel ist, wo es um Unabhängigmachung geht vom arabischen
Öl und von der Preisfrage, ... dass die Einbeziehung der
russischen Ölinteressen in das System der Versorgung der
europäischen Union ein übergeordnetes strategisches
Interesse der Union ist und aus diesem Interesse ergibt sich die
Anerkennung der russischen Regierung.
Mit Anerkennung ist schon der gewollte Abschied von dem
Ewig-auf-die-Russen-Schimpfen
gemeint, das ist eine neue Kalkulation mit dieser Macht als Staat,
mit ihren Reichtumsquellen, mit dem, was da alles an Partnerschaft
zu verwirklichen geht. In all diesen Fragen lebt natürlich
die Preisfrage, das, ob damit ein Profit zu machen ist, ewig weiter.
Bei so Geschäften wie Öl und Gas ist die Preisfrage
ständig ergänzt und überlagert von diesem
politisch-strategischen
Kalkül, weg ist die deswegen nicht.
... es ist das positive Anerkennen von russischen Interessen,
weil die Einsicht erwachsen ist, dass der russische Staat mit
seiner Potenz mit einzubeziehen ist in die zukünftigen
ökonomischen
und strategischen Zusammenarbeitsüberlegungen, ... dass das
ein weiterer Schritt ist zur Stärkung der europäischen
Union.
Im GEGENSTANDPUNKT 3-00 gab es einen Strategie-Artikel über
das Öl im Kaukasus und wie Amerika das sieht und das
randständige
Öl für sich verplant, das gleiche beim Irak. Wenn so
etwas zustande kommt wie eine dauernde kapitalmäßige
Kooperation zwischen Russland und der EU, bedeutet das allemal
einen Ausschluss Amerikas von diesen Geschäften. Das ist
kein Markt in dem Sinn, das man was kauft oder verkauft oder im
althergebrachten Sinn erobert.
- Europa hat das an der Stelle ja auch ein Stück weit nötig,
die befinden sich ja in einer Konkurrenz mit Amerika und Russland
bietet Energieversorgungssicherheit gegen die Unsicherheit im
Nahen Osten - dies Angebot ist durchaus auch an Amerika gerichtet.
Das betrifft auch das Gasverflüssigungsprojekt, mit dem Amerika
betraut wird und mit dem Pipeline-Projekt durch die Ostssee, mit
dem Europa betraut wird.
Wer weiß, was sich Russland da schon wieder ausrechnet,
einseitige Abhängigkeit mögen die schließlich
auch nicht. Andererseits kann man es drehen und wenden wie man
will, es kommt immer der gleiche Befund heraus: Das mit Arabien
und seinem Öl wird ja prekär, vor allem, weil die USA
es durch die Aufmischerei der Gegend prekär machen. Wenn
man da eine friedliche mitteleuropäische Partnerschaft mit
den Russen hätte, wo man sich nur noch um das Geld streiten
müsste, was wäre das für eine sichere Bank! Umgekehrt
gehen die Freundschaft und das Interesse auch nicht so weit, dass
dann plötzlich eine Abhängigkeit rauskommt, die dann
zwar beiderseitig ist, die einen dann aber vielleicht wirklich
drauf zurückwirft. Warum soll er amerikanischen Interessen
nicht auch nachgeben? Solche Überlegungen sind da zur Zeit
am Laufen.
- Die andere Frage ist, wo ist der strategische Nutzen bei diesem
Geschäft mit Europa, bzw. mit den USA? Die strategische
Ölfrage
rüsten sie um in eine andere strategische Frage.
Bei beiden Seiten ist die antiamerikanische Berechnung mit dabei,
so was ist von seiner Natur her ein Antiamerikanismus; dass der
noch nicht als Staatsprogramm ausgebrochen ist und Amerika noch
keine Feindschaftserklärung zugeschickt worden ist - warum
sollen sie, wenn es auch ohne geht? Das bringt Amerika selber
schon noch mal so weit, dass die Staaten sich gegen es auflehnen.
Zum zukünftigen Status von Russland, das in Punkt 1
erwähnte Ideal war vor drei bis vier Jahren noch offizielle
Lesart: Sie haben nichts und können nichts, brauchen aber
Kapital. Was haben sie denn zu bieten? Buntmetall, Gas, Öl
- her damit! Das war fast die Vorstellung eines Buntmetall, Gas,
Öllieferstaates, um den man sich ansonsten nicht zu kümmern
braucht, um das, was mit Land und Leuten so passiert. Aber kaum
meldet der russische Staat ein anderes Interesse an, weiß
man, dass man nicht so mit ihm umspringen kann, und sei es nur
aufgrund von ein paar übriggebliebenen Waffen. Dann stellt
sich die Einsicht ein, dass - und das ist ein Zitat - Russland
für ein Entwicklungsland-Projekt eigentlich zu groß
ist. Die Phantasien der ersten Jahre nach dem Untergang der SU
werden korrigiert und man überlegt, was man an ihm hat und
das ist keine reine Erpresserei, auf die sich der Russe einlassen
muss.
- Im GEGENSTANDPUNKT 204 steht, dass Russland gezwungen ist, den
Status, der ihm eigentlich am nächsten liegen würde,
zurückzuweisen. Als Beispiel ist angegeben: wenn Russland
in die WTO will, müssen die Öl- und Gaspreise auf
Weltmarktniveau
angehoben werden. Entgegnung der Russen: Wenn wir das machen,
bricht bei uns ein großer Teil der Infrastruktur zusammen.
In dem Artikel geht es um den Gegensatz, den Russland beim
Sich-Aufstellen
als kapitalistische Macht zu den imperialistischen Staaten hat.
Dieser Gegensatz setzt die Kooperation und das beiderseitige Interesse
an ihr voraus. Das entspricht dem, was in Punkt 1 am Schluss
steht: Es ist kein Wunder, dass da Widersprüche auftreten,
aber das sind Widersprüche des Projekts und sprechen nicht
gegen es. Es kann immer sein, dass was passiert - ein Krieg um
ein Kaukasusland, wo die USA plötzlich anfangen mitzumischen
oder sonst was, das die Sachlage ändert, aber erst mal ist
das Auftreten und Austragen von Gegensätzen die normale
Verlaufsform
dessen, dass man miteinander was unternimmt. Sonst könnte
man sich ja gleichgültig sein.
- Was da in dem Artikel mit Nötigung gemeint ist: Russland
hat sich da schon umstellen müssen, die haben halt gedacht,
das sei ihre Sphäre und da nötigt ihnen Amerika auf,
sich als imperialistische Konkurrenten aufzustellen und was zu
unternehmen, wenn sie sich da behaupten wollen.
Auch das ist nicht auf alle Ewigkeiten entschieden. Angenommen,
eins von seinen Nachbarländern macht eine Öl- oder
Ölpreispolitik,
die Russland nicht gefällt und es greift gewaltsam ein, worauf
die europäischen Staaten unisono ihre Feindschaft wieder
aufmachen, dann wird eben nichts aus der Kooperation. Im übrigen
kriegt Putin es im Gegensatz zu Jelzin hin, wenn er es für
opportun hält, einen staatlichen Notstand zu entdecken und
zu begründen und deshalb Wahlen auszusetzen, egal, ob es
um seinen Posten geht oder - wie vor kurzem schon geschehen -
bei den Gouverneurswahlen in den verschiedenen Regionen. Da gibt
es dann natürlich wieder Zeter und Mordio bei uns in der
Moralabteilung. - Noch eine Bemerkung zum Auftreten Russlands
im Kaukasus: Bei dem, was sich die entfernteren Einflussnehmer,
vor allem die Amerikaner, in den südlichen Nachbarregionen
- Kaukasus, Georgien - schon erlauben, fällt einem schon
ein (und das muss nicht unbedingt falsch sein): dass der Russe
sich das bieten lässt. Dann kommt eben als Befund heraus:
er gibt nach.
- Nein, der Befund in dem Artikel ist: Die Russen sind in einem
Dilemma. Sie haben einerseits eingesehen, dass, wenn sie sich
als ökonomische Macht positionieren wollen und deshalb ein
Monopol anstreben über diese ganzen Energieträger und
sich in den entsprechenden Staaten platzieren wollen, das gegen
den Westen behaupten müssen und gleichzeitig wissen sie -
so endet doch der Artikel -, dass sie abhängig sind von guten
Beziehungen mit dem Westen...
In dieses Dilemma kommt jeder Staat, der sich
bündnismäßig
oder kapitalverkehrsmäßig auf einen anderen einlässt,
das ist immer Partnerschaft und Konkurrenz gleichzeitig. Angenommen,
die Kooperation mit der EU steht in 10 Jahren - und wenn sie nicht
steht, dann nicht, weil die Russen nicht gewollt hätten,
sondern weil es zum Beispiel Kriege im und um den Kaukasus oder
ein gewaltsames Eingreifen der Amerikaner mit ihrem
Weltkontrollbedürfnis
gegeben hat -, aber wenn sie steht, dann kommt der Westen mit
seiner Hetzmannschaft im Rücken auch in so manches Dilemma,
denn sie wollen die Russen ja benutzen.
- Dann gehört die (in dem Artikel angesprochene) wirtschaftliche
Ausnutzung der Russen so zum Programm, dass das, was sie in Russland
wollen, nur geht, wenn sie den russischen Standpunkt anerkennen,
dass die ihrerseits ein Geschäft mit ihren Energieträgern
machen wollen.
Ja, aber nicht nur ein Geschäft; die Energieträger sollen
die wirtschaftliche Grundlage eines Kapitalismus russischer Art
werden. Die andere Seite, die ich aber nicht extra betonen wollte,
gehört auch noch dazu: dass die russische Macht ausdrücklich
für was gut ist, sieht man nämlich bei jedem Konflikt
mit den Amerikanern. Das ist die Achsenfrage von vorhin. Was hat
man denn von einem russischen Veto im Sicherheitsrat? Was hat
man von einem Auftreten Russlands bei einer Korea-Krise oder bei
Auseinandersetzungen im Antiterrorkrieg, wenn Russland nichts
taugt? Und Russland will über diese Kernbereiche den Einstieg
zur kapitalistischen Wirtschaftsmacht hinkriegen; die sind
weltwirtschaftlich
und politstrategisch sofort in Anschlag zu bringen. Wenn die Russen
darauf warten müssten, bis eine Schuh- und Lederindustrie
in Schwung kommt, könnten sie solche Verhandlungen auch gar
nicht führen.
Fuge zwischen Punkt 1 und Punkt 2: Es kommt immer
wieder zu Stellen, wo in Publikationen oder Diskussionen so getan
wird, als könnte es doch gar nicht gehen: Auf der einen Seite
mit den Russen ein riesiges, völkerverbindendes Kapitalimperium
aufzumachen und dazu noch zu projektieren, das sei die Gegenmacht,
eine alternative Konstellation im Verhältnis zu den bösen
Amerikanern, dann aber auf den anderen Seite immer zu sagen: Die
Ukraine ist unser! Das ist insofern interessant, als das Leute
behaupten, die sehen, dass es sehr wohl geht. Da wird die Theorie
gegen die Tatsachen in Anschlag gebracht, und da muss irgendeiner
Unrecht haben. Mal ein Rätsel: wie heißt die diplomatische
Verlaufsform von dem Gegensatz, aus dem ab und zu der Fehlschluss
entsteht: Das geht ja nie auf, ist quasi unmöglich. Man will
mit dem Russen was anstellen und plant ihn, obwohl Konkurrent,
als Partner in großen welthistorischen Dingen ein. Auf der
anderen Seite erklärt man seine ganze Nachbarschaft entweder
zu EU-Gebiet oder zum Nato-Mitglied oder als sudetendeutsch, was
halt alles so möglich ist. Wie heißt die diplomatische
Verlaufsform von solchen prima facie [dem ersten Anschein nach]
unvereinbaren Ansinnen einer Nation gegenüber anderen? Ich
glaube, dass das Rätsel bekannt ist, dass man aber nicht
so locker darauf kommt.
- Bedenken hinsichtlich Nato-Erweiterung, die in der deutschen
oder europäischen Presse zitiert werden.
Jetzt bringt der Russe nicht nur seine Bedenken aufs Tapet, er
bringt sie im Beschwerdeton vor: Eine gemeinsame Zukunft war doch
ausgemacht, bei allen unterschiedlichen Interessen sollte es keine
Gegensätze geben und jetzt wollt ihr uns die Ukraine wegnehmen
oder unseren Einfluss zurückdrängen. Wie heißt
die diplomatische Antwort an solchen Stellen?
- Man weist das doch zurück, indem man dem Russen unterstellt,
dass er ...angesichts des doch von ihm mitgetragenen neuen
Verhältnisses
wieder auf das alte Konfrontationsdenken zurückfallen würde.
Ihr seid schon nah an der Rätsellösung dran. Noch mal:
Für so was gibt es eine diplomatische Verkehrsform, die ist
gestanzt für diesen Typus Konflikt, den gibt es zwischen
China und Deutschland, zwischen Russland und den USA und zwischen
USA und EU.
- Dass es nicht gegen die Russen gerichtet ist, sondern nur die
Verfolgung des eigenen Interesses, Nachbarschaftspolitik heißt
das.
Jetzt bist du ganz nah dran, das ist schon fast eine Erläuterung
dazu. Es gibt ein diplomatisches Hin und her, wo die eine Seite
eine Verbindung aufmacht und die andere behauptet, die würde
es nicht geben. Überlegt mal, ob euch Beispiele aus den letzten
50 Jahren einfallen, wo eine Partei schreit: "Ich denke,
wir hatten das und das ausgemacht!", und die andere sagt:
"Das haben wir schon, aber das, was du jetzt anklagst, was
ich nicht machen darf, das ist doch jetzt ganz anders. Das hat
doch damit gar nichts zu tun. Das betrifft doch ein ureuropäisches
Zuständigkeitsrecht, das hat doch nichts damit zu tun, dass
wir deine Macht beschränken wollen." Was ich gemeint
habe, ist: Immer wieder treten Partner und Streitparteien in der
Weltpolitik gegeneinander auf, der eine stellt die Verknüpfung
her, der andere untersagt die Verbindung. Fischer und Schröder
haben das in den letzten 3 Jahren sicher zwanzigmal gemacht. Denkt
an die diversen Streitigkeiten in der EU: Der Eichel sagt beim
Streit über die Verfassung, dass man mal über die Rolle
der Nettozahler nachdenken müsste, jeder weiß, der
stellt da eine kleine Erpressung in den Raum und wenn sich die
anderen EU-Mitglieder dagegen verwahren, sagt Eichel oder ein
anderer aus der Mannschaft: "Da besteht doch kein ursächlicher
Zusammenhang. Dass gerade wir Nettozahler über Sparsamkeit
bei den EU-Strukturfonds usw. nachdenken müssen, ergibt sich
doch schon aus der derzeitigen Lage. Nein, da besteht kein Zusammenhang
mit: Wenn ihr bei der Verfassung falsch abstimmt, dann entziehen
wir euch Geld - so war es nicht gemeint." Die ganze Welt
weiß genau, dass es so gemeint war. Die einen beschweren
sich über einen ungerechten Zusammenhang und die anderen
weisen zurück, dass da einer besteht - diesen Typus gibt
es bei allen möglichen politischen Streitereien und
absehbarerweise
auch bei denen, die sich als Folge des Umgangs von Putin mit
Tschetschenien
und den anderen südlichen Nachbarstaaten ergeben werden.
Vor kurzem hat er ja öffentlich die Schlussfolgerung aus
dem vorgetragen, was sich die Tschetschenen erlaubt haben, und
da gibt es neue Streitkräfte, neue Anstrengungen in Sachen
Grenzsicherung, Kontrolle der Nachbarvölker. Ein Militär
sagte sogar, dass sie, wenn sie dort ein Nest entdecken, im Ausland
zuschlagen, hat also quasi ein Imitat des US-Antiterrorkrieges
angesagt. Was ist, wenn sie damit Ernst machen? Die Amerikaner
sitzen schließlich auch da unten mit ihren Ausbildern, die
rüsten Staaten hoch und haben Stützpunkte dort für
ihre sonstigen Händel. Und wenn die Russen jetzt sagen, dass
sie für Sauberkeit sorgen an der Grenze und bei den Anrainern
nach dem Motto: ‚Entweder russenfreundlich oder wir hauen
drauf', sehen sich die Amerikaner betroffen, die sich da breit
gemacht haben, und dann wird es wieder zu solchen Mustern kommen:
Die einen sagen, da bestehe eine Verbindung, die anderen sagen,
da bestehe keine. Putin hat anklingen lassen, dass man, wenn man
die westliche Öffentlichkeit so hört (nach der Geiselnahme),
auf den Gedanken kommen könnte, dass es Kräfte gibt,
die wünschen, dass die Macht Russlands eingeschränkt
wird, dass wie früher die SU jetzt Russland instabil gemacht
werden soll. Da wird einfach zur Kenntnis genommen, was der Westen
so veranstaltet, wie viel Verständnis man hier für die
Terrorwitwen hat oder dass England tschetschenische Exilpolitikern
Asyl gewährt hat.
Jetzt zu Punkt 2.- Gehört in den Punkt nicht auch
die Beschränkung der russischen Atommacht? Das machen die
Amerikaner doch auch nicht allein, sondern mit der NATO.
Ja, da kümmern sich alle ein bisschen drum um das Verschrotten
und Beschränken. Angeblich soll es ja ein Geldproblem sein
(das Verschrotten). Das andere wird ja noch verhandelt. Es ist
wahrscheinlicher, das ein Terrorakt den Auslöser bildet für
eine große Konfrontation zwischen EU und Amerika oder EU
und Russland als die alten SALTII- oder andere Verhandlungen.
Die kommen nicht mehr so recht in die Gänge, wenn die Tagesordnung
der Amerikaner darauf fixiert ist, dass man kontrollmäßig
seine Finger auf die ganze Welt legt. Keine Ahnung, wie das ausgeht,
beide Abteilungen sind in Arbeit, das Abspenstigmachen von russischen
Nachbarn, das Zugreifen ökonomisch und mit dem politischen
Willen. Warum ist der weißrussische Präsident kein
Demokrat? Weil er sich am liebsten wieder in die russische
Föderation
einklinken würde. Vielleicht denkt er, das ganze Land würde
besser fahren mit der Arbeitsteilung, wie sie früher zwischen
der SU und Weißrussland bestanden hat; der denkt an
Wiedervereinigung.
Da schreien die Demokraten in der westlichen Presse natürlich
wieder auf, das sei eine ganz andere Kultur und bloß keine
Wiedervereinigung usw. Bei so Staaten, z. B. Ukraine, finden zum
einen unter dem Motto: Rein in die NATO! gemeinsame Manöver
statt zwischen Engländern, Amerikanern und ukrainischen Soldaten,
zum anderen wird die ökonomische Potenz des Landes taxiert
und es wird als Kunde der EU verplant. Dann geht die eine oder
andere Rechnung nicht auf, dann wird wieder strategisch herumoperiert,
und man entdeckt plötzlich in einem Staat, der doch in die
NATO soll, dass die Ölleitungen bei ihm nicht gut aufgehoben
sind, aber durch ihn verlaufen sollen sie usw. - was ich sagen
will, ist: Sehr häufig implizit, aber heute auch schon
ausdrücklich
gibt es vom Westen her, der sich in Punkt 1 so um die Russen
bemüht, sie als Partner zu gewinnen und brauchbar zu machen
versucht, ausdrücklich oder nebenher laufend, lauter zur
Beschränkung russischer Macht ersonnene oder führende
Maßnahmen. Wenn Russland all das, was an Einvernahme vom
Westen her schon gelaufen ist , von Georgien bis zur Ukraine oder
die Einvernahme der ganzen Ostblock-Satelliten, die jetzt EU-Staaten
sind, entschieden ablehnen würde, dann könnte es seinen
Traum vom Kapitalimport gleich begraben. Zweitens wäre ein
neues Freund/Feind-Lager vom feinsten auf der Welt. Also von wegen:
wo man hinschaut, der Russe gibt nach - nein, der befasst sich
mit dem, was mit seinen momentanen Potenzen so geht. Der rechnet
herum, was er anzubieten hat, was er zu fordern hat, worauf die
anderen scharf sind, worauf nicht. Das ging jetzt gegen einen
Tonfall, der die Russen immer der Nachgiebigkeit bezichtigt.
Das sind keine friedlich-freundlichen Leute, sondern die versuchen
auch, ihre Interessen durchzusetzen, z. B. in den südlichen
Randstaaten.
Noch zu einem Thema, das mehr ist als eine Fußnote: Der
Terrorismus hat sich in einer Hinsicht schwer bewährt: als
Anstoß für Weltmächte, die ihn unerträglich
finden und die ihre Schlüsse daraus gezogen haben, die USA
vorneweg. Es steht quasi zu befürchten, dass der östliche,
der tschetschenische Terrorismus in Russland denselben Anstoß
gibt, die Zitate gibt es ja schon in der Rede vom Putin an die
Nation: Wir bekämpfen den Terrorismus überall, wo wir
Quellen für ihn entdecken. Die Programme sind für halbwegs
friedliche, stabile Verhältnisse gemacht, das wirft einiges
von den Programmen über den Haufen.
- Die Ankündigung vom Putin, auch zu Präventivschlägen
nach außen überzugehen, das werden die Europäer
nicht als angemessen betrachten. Das ist doch der russische Anspruch
auf eine Weltordnung, wo es mit der Einvernehmlichkeit von Punkt
1 bald vorbei wäre.
Ja, das wäre ziemlich vertagt. So prekär wird es manchmal,
wenn Terrorismus ist und die Staaten sich angegriffen fühlen.
Es hat eine Antwort gegeben, die hat gelautet: das können
die Russen sowieso nicht, da ist es gleich gemessen worden an:
beanspruchen die nicht dasselbe wie die USA? Formell schon, vielleicht
beanspruchen sie auch ein bisschen was anderes und sagen jedenfalls,
da, wo sie das können, machen sie es und lassen sich da nicht
reinfuhrwerken. Vielleicht bezieht es sich ja im wesentlichen
auf den Kaukasus und das Umfeld, eben das, was an Anspruch, Einfluss
und Verhältnissen der alten SU übernommen wurde. Aber
das erledigt das Problem nicht, sondern es wird gerade genommen
wie ein Anspruch analog zu dem der USA, und die Beruhigung: ‚Sie
können das nicht', ist eher ein: ‚Sie dürfen das
nicht.' Aber um noch einmal auf den Ausgangspunkt zurückzukommen:
Wie immer besteht beim Terrorismus dies doppelte: Er ist einerseits
eine Sache und andererseits eine politische Legitimationsfrage,
und zwar prinzipieller Natur, d. i. die Kriegsfrage: Darf eine
Nation Krieg führen? Darf sie ihre Rechte so verletzt sehen
und alle anderen damit behelligen, sie hätten sich da dahinter
zu stellen? Diese Frage steht immer im Raum. Jetzt ist am Anfang
gesagt worden, dass das zurückgewiesen worden ist, so
ungefähr,
alle Verhältnisse seien in punkto Russland unter diese Frage
subsumiert von dem Anspruch her, das dürfen die nicht, außer
wir erlauben es ihnen. Die Entscheidung der westlichen Staaten
ist bezogen auf Berechnungen, die heißen, wir rechnen mit
Russland als einem Staat, dem wir deswegen auch Anerkennung zusprechen
und nicht immerzu relativieren und sagen, alle Geschäfte
werden dem untergeordnet, wir bestreiten denen die Anerkennung.
Weil man sich wegen seiner Berechnungen zur Anerkennung genötigt
sieht, ist aber das umgekehrte der Fall - genau wie es im
"Imperialismus"-Buch
steht: Staaten wollen was von anderen, kommen an deren Macht und
Gewalt nicht vorbei und definieren deswegen erstens ein
Anerkennungsverhältnis
und zweitens bekommt über die Weise, wie sie mit dem Staat
dann umgehen, dieses Anerkennungsverhältnis seinen Inhalt,
seine Grenzen und seine neuen Konflikte. Vielleicht ist das der
Übergang, der mit Russland eingerissen ist, wo sie vielleicht
an was anderes gedacht haben. Das kommt daher, dass Russland in
diese Verhältnisse als eine kaputte Macht eingestiegen ist.
Von daher kommt das Ideal, diesem Gebilde könne man einen
Status zudefinieren. Was jetzt passiert, ist nicht einfach das
Abstandnehmen vom Zudefinieren, sondern die praktische Betätigung
dessen, wie man mit Russland künftig rechnen will bloß
unter Einbeziehung dessen, dass das Ideal ‚Wir kommandieren
die russischen Verhältnisse' gar nicht zu haben ist, also
wird die Auseinandersetzung darum, welche Rolle Russland spielen
soll, anders gemacht, nämlich: Wie rechnen wir mit denen?
Und dann geht es um die jeweiligen Berechnungen und dass die immer
auf die Frage zurückführen: Wie stellen wir uns zu dem
russischen Generalanspruch auf weltpolitisches Agieren? Auch die
Russen haben ihre Kriegsfragen, ihre Machtfragen elementarer Natur.
Und da war der Übergang von Schröder zu sagen: ‚Wir
haben ein neues Stück Zusammenarbeit in Sachen Antiterrorismus
und das machen wir in irgendeiner Form der Vereinbarung mit den
Russen und dazu passt dann überhaupt nicht, wenn in der
Öffentlichkeit
gesagt wird, die müssen denen in Sachen Tschetschenen die
Menschenrechte vorhalten.' Vielleicht ist es in der deutschen
Politik noch strittig, wie sich Deutschland zu Russlands
Antiterrorkampf
stellt - bei Russland geht es da um den Staats-Zusammenhalt
überhaupt,
bei den USA um die Weltkontrolle -, aber es ist sicher nicht so,
wie die Öffentlichkeit verlangt, dass alle Berechnungen dem
Standpunkt ‚Dürfen die das?' untergeordnet und relativiert
werden. Das ist nicht die Position der Politik und auch nicht
das dahinter stehende Ideal, das ist, so einen Einfluss auf die
Politik und solche Verhältnisse zu bekommen, dass man selber
groß damit wird; das ist etwas anderes, als die immerzu
so klein machen, dass sie auf uns hören müssen.
- In der Ebene drunter wird ja praktisch alles unternommen hinsichtlich
Beschränkung der russischen Macht. Angebote des Westens zur
Zusammenarbeit mit der Ukraine, aber es ist ja so, dass mit der
EU praktisch so gut wie nichts läuft und alles, was an
ukrainischer
Wirtschaft existiert, geht in Kooperation mit den Russen. Die
weißrussische Schwerindustrie ist ausdrücklich auf
Russland hin orientiert und nicht auf den Weltmarkt. Lukaschenko
weigert sich, sie zu privatisieren, weil sie dann zugemacht würde.
Wie heißt das Marx-Zitat zu deinem Einfall ‚Verstaatlichung
- Privatisierung ist der Gegenpol'? In den "Grundrissen"
sagt er: Der Grad, in dem der Staat noch Wirtschaft betreibt,
ist schlicht und einfach der Grad, in dem das Kapital noch
unterentwickelt
ist. Wenn das Kapital sich alle Bereiche der Gesellschaft - Menschen,
Natur, Reichtum und Potenzen - seinem Geschäft dienstbar
gemacht hat, gibt es den Ruf nach Privatisierung. Wo das Kapital
für die Nation nicht genug oder noch nicht genug bringt,
weil ein Krieg war oder der Kapitalismus eben noch nicht genug
entwickelt ist, tritt der Staat mit seiner Gewalt an die Stelle
des stummen Zwangs des Geldes.
Noch mal zu dem funktional - nicht funktional vom Anfang. Um es
mal grob auszudrücken, die Amerikaner fallen über zwei,
drei Gebiete her, die anderen Staaten helfen ihnen oder nicht,
im Irak ist mehr oder weniger Kriegszustand, Wahlen sollen im
Herbst auch noch sein, hat da ‚Demokratie' nicht was Lächerliches
an sich? Oder Ruanda und ‚Demokratie'. Natürlich gibt
es bei uns immer noch Unverbesserliche, die sagen: Da mangelt
es an Demokratie. Aber wenn diese Szenarien jetzt weitergehen,
jetzt hat Amerika wieder den Iran aufs Korn genommen und bei denen
und den Israelis melden sich die ersten Stimmen, dass man vielleicht
auf die Anreicherungsanlagen mal was draufwerfen müsste -
da dann wieder mit ‚Demokratie' anzuheben - so etwa, das
haben sie davon, die Perser, hätten sie Demokratie gemacht,
hätten sie kein Plutonium gebraucht - das sind alles ein
bisschen fadenscheinige Überlegungen. Die objektive Seite
ist, es wird bei der heutigen Weltlage und bei den Szenarien,
mit denen die, die was zu sagen haben, mit- oder gegeneinander
vorgehen, allmählich ein wenig lächerlich; das geht
hin bis zu der Vermutung, ein wenig unmodern ist es schon, immerzu
‚Demokratie' zu sagen, auch angesichts dessen, dass die USA
mit ihren Luftballon-Wahlveranstaltungen vorführen, worin
sie besteht und nicht bloß die USA, die halt besonders farbig.
Die zweite Bedeutung von nicht funktional, es passt nicht, ist
vorher schon aufgegriffen worden, nämlich, wenn die Berechnungen
der eigenen Nation, die man auffordert, im Namen von Freiheit
und Demokratie irgendetwas zu tun, quer liegen zu diesen Idealen,
die da einfach nicht mehr draufpassen.
- Jetzt kommt es mir aber so vor, als ob du dich auf einen
idealistischen
Standpunkt von Demokratie stellst.
Nein, was ich meine ist: es gibt immer mehr ein
Nicht-mehr-aufeinander-Passen,
was nicht heißt, dass es damit mal ein Ende nimmt.
- Vielleicht ist es überhaupt die Art und Weise, wie die
nach außen hin die Ermächtigungsfrage der Demokratie
wälzen, die ganze Verfahrenstechnik der Demokratie dient
doch der Akklamation der Herrschaft, zu auswärtigen
Verhältnissen
zu sagen: da geht es nicht demokratisch zu, heißt doch nur:
das, was die andere Macht sich herausnimmt, hält man nicht
für legitimiert.
Das nenne ich einen Trick: Man tut so, als ob es einen dauert,
dass die Völkerscharen auswärts das nicht legitimiert
haben, dabei meint man, man selber hat es nicht legitimiert. Das
wird sich laufend wiederholen. Wenn sich in Deutschland mal sehr
laute Zweifel breit machen sollten, ob das in den USA noch demokratisch
wäre, da wird es dann mulmig, denn die Entdeckung für
sich wäre nicht schwer, als Demokratieidealist nach Amerika
zu schauen und da den Volkeswillen nicht so recht zu entdecken.
- Das heißt, wenn man einem Staat Demokratie absprechen
will, findet man von dem albernen Standpunkt des Sozialkundebuchs
aus immer das Material dafür.
- Darum ist der Begriff auch ein imperialistischer Kampfbegriff,
weil dem gar nichts entgegenzusetzen ist, weil die größte
Demokratie per se definiert, welche Staaten genehm und proamerikanisch
sind.
Und dann doch nicht, denn es ist ja nicht einfach die Machtfrage,
sondern es ist die Anerkennung der gültigen Macht; immer,
wenn man ‚Demokratie' schreit, geht es um diese Differenz.
Es passt nicht zusammen, wenn einerseits die Öffentlichkeit
ziemlich laut und deutlich schreit, man müsse die Russen
mit der Demokratiefrage in Sachen Tschetschenien nerven, also
diese Legitimationsfrage stellen und andererseits Schröder
sich gerade weigert, sie zu stellen, weil es ihm mit den Russen
im Augenblick um etwas anderes geht, als die mit dieser
Legitimationsfrage
zu nerven. Und diese Differenz war der Ausgangspunkt für
die Überlegung, was denn politisch unterwegs ist und es ist
in Punkt 3 immer noch die Frage, wie es dann doch irgendwie
zusammengehört. Bestritten aber war, dass die mit ihrer Nerverei
nur das ausdrücken, was die Politik letztlich im Sinn hat,
sondern es sollte gesagt werden: die hat ein bisschen was anderes
im Sinn und ‚was anderes' sollte nicht heißen, die
stellen den Russen nicht die Legitimationsfrage, sondern die definieren
und praktizieren berechnende Anerkennungsverhältnisse.
- Die momentane Differenz zwischen der hiesigen Politik und der
Öffentlichkeit heißt doch dann, die Politik hat ihre
Stellung gegenüber Russland verändert, wie es vorhin
diskutiert worden ist, das ‚Zudefinieren' geht nicht, nur,
solange das der Standpunkt war, passt dazu doch eine
Öffentlichkeit,
die dauernd der russischen Politik die Legitimität abspricht.
Also ist doch der jetzige Zustand der, dass die Öffentlichkeit
noch nicht in dem Maß nachgezogen hat wie die Politik ihren
Standpunkt verändert hat.
- Es gibt aber genauso Stimmen, die glasklar hinschreiben, was
die Politik vorhat, es ist jedenfalls nicht so, dass die Publizisten
an alten Standpunkten festhalten, ich wollte am Anfang nur sagen,
dass das, womit die sich herumschlagen, ist, welche Seite bei
dieser Kooperation den Machtgewinn hat und da sind die praktisch
die Warner, indem sie sagen, dass diese Kooperation doch einen
Machtgewinn für die Europäer bringen soll. Aus diesem
Grund ist bei denen immer diese Hetze angesagt.
- Das passt doch nicht zusammen, entweder wird die Demokratieforderung
offizielle Politik, dann geht mit der Kooperation nichts mehr
oder die Kooperation läuft und dann sind diese Vorbehalte
an erster Stelle zu nennen. Das Interesse der deutschen Politik
derzeit ist ein berechnender, ökonomischer Umgang mit Russland
und da sind diese Demokratieforderungen genauso absurd wie früher
bei Chinabesuchen, wo verlangt wurde, dass die deutschen Politiker
dauernd auf dem Massaker am Platz des himmlischen Friedens herumreiten
sollten, wenn sie schon nach China reisen. Das war nicht und ist
nicht - jetzt bei Russland - das Interesse der deutschen Politik.
Und deswegen ist nicht funktional, was die deutsche Öffentlichkeit
da macht.
- Funktional in so einem strikten Sinn habe ich auch nicht gesagt,
sondern, die Publizisten machen sich stark für einen ganz
übergeordneten Gesichtspunkt, der bei allen Kooperationsprojekten
mit drin ist, nämlich die Frage des machomäßigen
Zuwachses für die eigene Nation.
- Ich glaube eher, dass es der nationalistische Größenwahn
ist von Menschen, die die Vorstellung oder den Wunsch haben, dass
Deutschland der ganzen Welt sagt, wie sie sich zu benehmen hat
und danach die Geschäfte macht; das ist ein Rigorismus, der
sich die Berechnungen spart.
Dazu eine Ergänzung: eine Leistung entdeckt man da
natürlich allemal, nämlich, dass sie damit etwas tun
für den Glauben an Freiheit, Menschenrechte usw. und dass
dafür Politik gemacht wird, aber dann hört es
auf mit der Funktionalität. Es stimmt, die sparen sich die
Berechnungen in der Materie, die gerade unterwegs ist und unterstellen
der Politikermannschaft, dass diese ziemlich ausschließlich
in Sachen obige Werte unterwegs ist und monieren es, wenn das
nicht der Fall ist. Anderen Nationen wird die Legitimität
zugesprochen oder entzogen, den Politikern der eigenen Nation
wird in allem, was die machen, die Legitimität ohne weitere
Befassung zugesprochen. Das ist eben auch eine Bedeutung von dem
Argument ‚Demokratie': Demokraten dürfen das, was sie
brauchen. Andere sind keine, also ist das, was sie brauchen,
schändlich.
Das ist ein Wahn, den man spätestens abstellen könnte
durch die Frage, wie es mit den Konflikten zwischen Demokratien
aussieht, zum Beispiel EU-USA wegen des Irak - da kann man dann
schlecht mit ‚Demokratie' kommen, weil jeder eine hat. Noch
anders, bei so Ländern wie dem Irak mit seinem mittleren
Kriegszustand gibt es das Argument: Erst muss Stabilität
sein, dann erst geht Demokratie, die sachliche Reihenfolge, das
Zusammenwirken von Staat und Volk muss weitgehend geklärt
sein, die Unterordnung muss gelingen mit allen sittlichen Schikanen,
dann ist Demokratie ein wahres Fest. Wenn das noch nicht der Fall
ist, weil das Land ‚nicht reif genug' ist, gibt es einen
anderen Wert: Stabilität. Das wird ja auch als eine große
Leistung der Demokratie gewürdigt, Stabilität
herbeizuführen,
bzw. auch bei ab und zu maulender Bevölkerung eine stabile
Lage zu garantieren. In außenpolitischen Belangen scheint
‚Demokratie' der Schlüssel zu sein, differenziert in
die Welt zu schauen und bei auswärtigen Staatsgewalten die
Legitimationsfrage aufzuwerfen und zu beantworten.
- Wenn ‚Demokratie' inhaltsleer nur das Gute des Politikbetreibens
für die eigene Sache betont, dann ist sie auch sehr leicht
ersetzbar. Das soll ja auch kein Verfahrensvorschlag sein.
Richtig. ‚Demokratie' wird wahrscheinlich weiterhin differenziert
angewandt, manchmal relativiert, die Agitation diese Woche nach
dem Massaker war allerdings schon recht heftig, auch angesichts
der Ohnmacht der russischen Staatsgewalt. Die taten so, als ob
sie das Rezept für die Russen gehabt hätten, bzw. andersrum:
Demokratie gegenüber den Tschetschenen fehlt, also ist das
Ganze ja kein Wunder.
‚Demokratie' ist die Münze für die Berechtigung,
zu entscheiden, wie andere Staaten auszusehen haben und das gleich
als deren Willen zu definieren; damit wird das Ideal
gültig
gemacht, dass das eigene Interesse als deren Willen in ihr staatliches
Weiß-warum eingebaut ist. Und das ist das Einfallstor für:
wie bringt man das denn hin? Und da wird ebenso methodisch wie
wahnhaft gesagt: Wenn Wahlen abgehalten werden würden usw.,
es also Verhältnisse gäbe wie bei uns, dann könnte
es ja nicht ausbleiben, dass sie auch in unserem Sinne funktionieren.
Wenn es anders ausgeht, ist die Wahl nicht in Ordnung, so billig
geht der Übergang: Sie kann ja nicht in Ordnung sein; denn
wenn sie in Ordnung wäre, würde das ja in unserem Sinne
sein. Bei den Russen stellt jeder fest, dass die das so ähnlich
machen, und fällt auf die Frage zurück: Dürfen
die das? Und jetzt war die Behauptung: Diese Frage steht immerzu
im Raum, die stellt sich auch die Politik und sie beantwortet
sie etwas anders, weil sie die Berechnungen etwas anders anstellt
als die Öffentlichkeit, die erst mal gar keine Berechnungen
anstellt, sondern sagt: Das steht uns doch wohl zu und das sollten
wir den Russen auch laut und deutlich sagen: Dürfen die das?
Es gibt zwar auch Publizisten, die sagen, dass man das den Russen
schon konzedieren soll, aber es war schon auffällig, wie
viel Verständnis da für Terrorismus herrschte unter
dem Motto: Gewalt provoziert Gegengewalt! Und dass, wenn es schon
so ist, der Kanzler das den Russen auch mal sagen solle. So lösen
die auf ihre Weise ziemlich radikal das auf, wo es in Punkt
1 heißt, da betätigt die Politik lauter
Widersprüche.
Die haben eben eine einseitige Lesart davon. Wie die praktische
Politik damit umgeht, sieht man übrigens an dem Datum, das
der Schröder gewählt hat: Nächstes Jahr fährt
er nach Russland, um mit denen 60 Jahre Kriegsende zu feiern.
Da kam gleich die Frage auf: Darf das Anerkennungsverhältnis,
das der Kanzler zu den Russen pflegt, so weit gehen, dass er so
einseitig das Kriegsende mit denen feiert? Die Politik hat vor
Anti-Amerikanismus gewarnt angesichts dieser einseitig ausgerichteten
Bündnispolitik, worauf Schröder meinte, dass er schon
im letzten Jahr an den entsprechenden Feiern mit den westlichen
Bündnispartnern teilgenommen hat. So beendet Deutschland
seine Verliererrolle, indem es das Kriegsende zusammen mit den
ehemaligen Siegern feiert und jetzt als Sonderverhältnis
zu Russland. Prompt gibt es da Debatten, bei denen die Frage ist:
Wie stehen wir zu den Russen? Wie weit geht man da? Wie setzt
man das ins Verhältnis zu der Konkurrenz, die man da zu Amerika
aufmacht, aufmachen will oder aber vielleicht auch nicht einfach
so aufmachen will.