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Zur Offensive von Unternehmern und Staat in Sachen Umgestaltung
der Arbeitsbedingungen und zu den Anti-Hartz-IV-Demonstrationen
1. Zur Offensive von Unternehmern und Staat
Darüber wurde schon einige Male diskutiert. Von Seiten der
laufenden Offensive soll gesagt werden, weshalb dies Thema in
den theoretischen Bemühungen so gewichtig erscheint, eben
weil es sich um eine Offensive handelt, die in dem Ausmaß,
der Härte, ihrer Zielsetzung und auch in den Wirkungen, die
sie zeitigt, in dieser Republik neu ist. Sie zielt auch auf einen
Wandel in der Republik, hinter dem sich die moralische Wende von
Kohl verstecken kann. Das ist ein schönes Beispiel dafür,
dass solche Umbrüche, wie sie jetzt von der
Schröder-Mannschaft
veranstaltet werden, über die Bühne gehen, ihre Wirkung
tun, ohne dass vorher irgendwie großartig eine Vision
angekündigt
werden muss. Das ist ja das, was man dem Hanswurst immer vorwirft,
er habe keine Vision und könne das Volk nicht begeistern,
man wisse gar nicht, wo es hingeht usw. Es wäre ja noch
schöner,
wenn solche substanziellen Fortschritte ausgerechnet in der
Marktwirtschaft
erst planwirtschaftlich vorher festgelegt und verkündet und
im Rahmen eines 5-Jahrplans abgewickelt würden. Deswegen
ist es auch wichtig, sich darüber zu verständigen, was
da eigentlich alles im Fluss ist. Vielleicht auch immer im Vergleich
zu dem, was man schon kennt und bei dem man manchmal auch geneigt
ist zu sagen, dass sei doch ein alter Hut: Z. B. so etwas, wenn
die Unternehmer jetzt sagen, sie könnten gerade so gut mit
Betriebsteilen sonst wohin gehen, nach Prag, in den Osten oder
gleich nach China. Die Sprüche der Unternehmer von vor 10
Jahren: "Die 35-Stunden-Woche schafft Arbeitsplätze
- in Fernost.", hat man ja auch noch im Ohr. Also die Drohungen,
dass das hier nicht mehr so weitergeht, wenn die Arbeitszeit so
verkürzt wird, da alles den Bach runtergehe, sind keine
Erfindungen
von heute. Wenn man sagt: "Das ist doch ganz interessant,
was sie mit Hartz IV an neuem Armutsniveau in der Republik vorsehen.",
sagt einem die ganze versammelte Mannschaft: "Das gibt's
doch längst. Sozialhilfe war nie besser." Da ist ja
sogar etwas dran, denn wenn die Öffentlichkeit sich darüber
echauffiert, was jetzt alles Skandalöses eingeführt
wird, muss man ja wirklich sagen, sie haben offenbar übersehen,
übersehen wollen, in ihrer dummdreisten Art nicht zur Kenntnis
genommen, was wirklich schon seit '45 nicht anders oder neu geworden
ist am untersten Niveau in Sachen Pauperismus in der Republik.
Man hat 40 Jahre lang ignoriert, dass es so etwas gibt. Andererseits,
ganz ignoriert worden ist es auch nicht, die Gewerkschaft ist
auch schon vor einem Dutzend von Jahren auf so Sprüche von
der 2/3-Gesellschaft gekommen. Von dem einem Drittel hat sie behauptet,
dass es unter die Räder kommt. Insofern könnte man auch
wieder sagen, dass dies alles so grundsätzlich neu auch wieder
nicht ist. Deswegen muss man sich doch wieder ein bisschen
vergegenwärtigen,
was das alles heißt, wenn man sich das einmal so
überblicksmäßig
vor Augen führt.
Es ist seit einem Vierteljahr keine Woche vergangen, dass nicht
von einem weiteren Großunternehmen der Nation gemeldet worden
ist, es müsse die Löhne senken und die Arbeitszeiten
erhöhen - Siemens, DaimlerChrysler, MAN. Neben all diesen
Ankündigungen ist auch immer gleich sehr offen berichtet
worden, dass das, was die fordern und in Form von
Haustarifverträgen
vereinbaren und gleich für Zehntausende in ihren Betrieben
durchsetzen, in anderen Bereichen der bundesdeutschen Wirtschaft,
beim berühmten Mittelstand schon längst gang und gäbe
ist; sei es, dass sie gar nicht erst bei Tarifvereinbarungen mitmachen,
sei es, dass sie Öffnungsklauseln in Tarifverträgen
schon immer exzessiv ausnutzen. Das hat auch die Seite: Mit den
Interpreten dieses ganzen Geschehens von Unternehmerseite kann
man sagen, dass der deutsche Arbeiter an 42 Arbeitsstunden in
der Woche auch nicht stirbt. Zu all dem Zeug kann man schon sagen:
"Ob 40 oder 42 Stunden, davon stirbt noch nicht einmal ein
bayerischer Beamter." Aber das ist auch ein interessantes
Signal, dass da der Staat in Gestalt seiner verschiedenen Ebenen,
im Bund Schily, in Bayern Stoiber einfach dekretieren, dass Beamte
ab jetzt 2 Stunden länger im Dienst sind. Warum muss das
alles sein?
Es ist ja wirklich etwas Neues, dass alle, auch die modernsten,
die kapitalkräftigsten deutschen Unternehmen es mit
Arbeitszeitverlängerung
und Lohnkürzung so richtig praktisch ernst meinen und sich
auf den Standpunkt stellen: "Um mit unseren Unternehmungen
weiterhin oder neuen Erfolg vom Standort Deutschland aus zu haben,
müssen wir an der Seite drehen, wie lange die Leute für
wie viel Geld arbeiten." Und alles das, was bisher durchaus
Grundlage des in Deutschland operierenden Kapitals war, nämlich
für die so und so lange Arbeitenden, für so und so viel
Geld eingekauften Arbeiter Arbeitsplätze einzurichten, an
denen weltrekordmäßig produziert worden ist, - also
die andere Seite: "Welche Produktivität des angelegten
Kapitals pro Beschäftigten steht denn dem Lohn und der Arbeitszeit
der Leute gegenüber?", dass das derzeit so gut wie überhaupt
keine Rolle spielt. Es kann doch nicht wahr sein und es ist auch
nicht wahr, dass nicht weiterhin rationalisiert wird. Aber das
spielt in den Rechnungen, nach denen jetzt Staat und Kapital ihre
Offensive fahren, überhaupt keine Rolle. Es kann nicht sein,
dass sie das vergessen haben. In unseren letzten Diskussion haben
wir uns zwar auch in dem Sinn darüber verständigt, dass
es die Produktivität wie bei uns in irgendeiner Klitsche
allemal, auch anderswo gibt, wenn man das dazu erforderliche Kapital
exportiert; also, dass Produktivität der Arbeit im engeren
Sinn, das, was die Leute leisten, wofür sie sich hergeben,
dass die in Deutschland so extraordinär wäre, dass
Produktivität
der Arbeit, soweit sie an den Leuten hängt, nicht
verallgemeinerbar
wäre, das kann man sicher vergessen. Andererseits, dass in
der ganzen Welt und gleich auch schon hinter der tschechischen
oder ungarischen Grenze so spitzenmäßig durchgestylte
Firmen bereit ständen, um nicht bloß Autos, sondern
alles Mögliche zu produzieren wie bei Opel in Rüsselsheim,
wo sie innerhalb eines Jahrzehnts die Mannschaft gedrittelt haben
und der Output an Autos derselbe geblieben ist, das ist ja nun
auch nicht die Wahrheit, dass die Produktivität des Kapitals,
das sich in der ganzen Welt anlegt, schon gleich groß und
heftig wäre. Was heißt das, warum gibt es das und wofür
steht das, wenn die ganzen Firmen so auftreten und sagen: "Unsere
Zuflucht liegt in Lohnsenkung und Arbeitszeitverlängerung."?
Nehmt VW, die treten auf und sagen: "Bis 2011 wollen wir
die Mannschaft von 170.000 Mann halten; also über die
Produktivität
die Belegschaft dezimieren, das ist nicht unser Ziel. Aber bis
2011 müssen die Produktionskosten um ein Drittel sinken,
muss man aus dem Lohnteil des Unternehmens 30 % herauswirtschaften."
Das erklären die als Ziel. Oder Condor, diese wunderbare
Fluglinie, macht so eine Parole 30/15 und will damit sagen: "Wir
zahlen demnächst 30 % weniger Lohn und brauchen 15 % mehr
Arbeitszeit von den Leuten. Kann man das einmal haben?" Und
auf der Basis wird verhandelt. Nach der jahrzehntelangen Tradition
von Tarifverträgen und sozialstaatlichen Einrichtungen gibt
es tausend Ecken, an denen man drehen kann. Da werden 5 Minuten
Pinkelpause pro Stunde gestrichen, schon ist am Tag eine
Dreiviertelstunde
beisammen usw. Noch einmal, wofür steht das alles?
Einmal anders herum. Erste Behauptung: Offensichtlich sorgen
sich die Unternehmer in Deutschland mittel- und langfristig um
ihr Geschäft von Deutschland aus. Behauptung 1a: Das
wäre ja auch ein Wunder, wenn die nach einer sich jahrelang
hinschleppenden Krise, Überfüllung der Märkte mit
jedem Mist, solche Sorgen nicht hätten. Zweite Behauptung:
Offensichtlich sind die Unternehmer, was den deutschen Standort
ihrer Betriebe betrifft, fest davon überzeugt, in Sachen
Produktivität ihrer Firmen, der Arbeitsplätze, für
die sie Leute engagieren, haben sie alles getan, da haben sie
nichts anbrennen lassen, da sind sie Spitze. Da reicht ihnen keiner
im Rest der Welt das Wasser. Wenn sie trotzdem von ihrem
spitzenmäßigen
deutschen Standort aus Krisenprobleme haben, sich mit
Stagnationsproblemen
herumzuschlagen haben, also sie ihre Probleme nicht automatisch
auf die auswärtige Konkurrenz abschieben können, dann
muss es an etwas anderem liegen. An der Produktivität kann's
also nicht liegen, also liegt es an der anderen Abteilung, die
Ausbeutungsbedingungen, was Lohn und Arbeitszeit betrifft, sind
in Deutschland einfach ein Skandal. Das ist die Quelle dieser
ganzen Beschwerden und der Grund der Offensive, die sie jetzt
fahren. Dritte Behauptung: Mit dieser Offensive praktizieren
Deutschlands Unternehmer ihren klassenspezifischen Patriotismus.
Das stellen sie mit der Drohung: "Sonst müssen wir woanders
hin.", gerade nachdrücklich unter Beweis. Sie ziehen
nämlich nicht einfach um, sondern sie drohen und erpressen
die Gewerkschaft damit und machen damit deutlich, sie wollen hier
bleiben, aber sie wollen aus Deutschland etwas anderes machen.
Das ist ihre Sorte Patriotismus; sie wollen den Standort hier
behalten und deswegen reformieren. Vierte Behauptung: In
dem Anliegen treffen sich Unternehmer und SPD-Reformpolitiker
mit ihren Wurmfortsätzen in der FDP und der CDU 100%ig. Aber
was ist dann der gemeinsame Nenner, wenn Staat und Wirtschaft
sich quasi darüber einig werden: Damit Unternehmer in Deutschland
bleiben, muss Deutschland sich gründlich reformieren, seine
ganze Arbeitswelt neu durchsortieren, muss dafür sorgen,
dass billiger und länger gearbeitet wird? Fünfte
Behauptung: Das ist der gemeinsame Beschluss der politischen
und der Unternehmerklasse, eine neue Epoche der internationalen
Konkurrenz von hier aus zu eröffnen. Das kann man ausdrücken
mit, sich einer neuen, härteren Sorte internationaler Konkurrenz
stellen. Aber so ist es ja gar nicht, dass sie der Konkurrenz,
die ihnen von außen aufgemacht wird, laufend hinterher laufen
müssten. Sie sind mit ihren Reformen und der Härte ihres
Vorgehens durchaus auch beispielgebend, z. B. für ihre ganze
europäische Verwandtschaft. Deswegen kommt man näher
an die Sache mit der Aussage, die wollen eine Sorte internationaler
Konkurrenz um die Attraktivität ihres Standorts für
das Kapital und damit für die wirtschaftliche Macht ihrer
Nation eröffnen, eine Sorte Konkurrenz, die es in der Härte,
seit es diesen einheitlichen Weltmarkt gibt, offensichtlich noch
nicht gegeben hat. Eine Konkurrenz solcher Härte, dass eben
deutsche Unternehmer sich sicher sind, ohne eine komplette
Neusortierung
der bundesdeutschen Klassengesellschaft halten sie auch mit
spitzenmäßig
moderner Produktionstechnologie diese Konkurrenz, die sie jetzt
eröffnen wollen, nicht durch.
Und weil am Anfang mit Krise begonnen worden ist - diese letzten
Behauptungen sind das Argument dafür, dass es nicht bloß
eine krisenbegrenzte und krisenbedingte Maßnahme ist. Es
ist zum allgemeinen Prinzip und zur neuen Normalität der
Konkurrenz erklärt. Man ist leicht geneigt zu sagen: "Konkurrenz
ist doch immer, aber richtig schlimm ist Krise." Vielleicht
ist ja zurzeit das Verhältnis gerade umgekehrt. Es ist schon
etwas sehr Kritisches in der Weltwirtschaft zu beobachten, aber
was sowohl Unternehmer als auch der Staat daraus machen - auf
etwas anderes verstehen die sich ja sowieso nicht -, das ist:
Sie machen aus der Krise eine Krisenkonkurrenz, eine
Konkurrenzoffensive.
Es hat ja auch Zeiten gegeben, da hat man auch gesagt, dass jetzt
Rezession sei, und die Wachstumsziffern des Bruttosozialprodukts
sind vielleicht sogar noch mehr ins Minus geraten als heute in
der Bundesrepublik. Und deutsche Wirtschaftspolitiker haben sich
als Hüter des nationalen Wachstums aufgestellt und sich
gewissermaßen
über die Krisenkonkurrenz ihrer Kapitalisten, die zu lauter
Verlusten, Arbeitsplatzabbau usw. geführt hat, gestellt,
das als eine schlechte Konjunktur identifiziert und über
Wege nachgedacht, wie man die Konjunktur wieder ankurbeln kann.
Sie sind dann auf so Ideen gekommen wie antizyklische Konjunkturpolitik
und darauf, dass sie als Staat - gewissermaßen in ihrem
Beruf als ideeller Gesamtkapitalist - diesen ganzen Laden zu betreuen
haben. Wenn der jetzt so darniederliegt, muss man vom Staat her
vielleicht Impulse setzen, ein Konjunkturprogramm auflegen, die
Bücher von Keynes nachdrucken, damit es auch jeder versteht,
Kredit in die Wirtschaft pumpen, keine Verschuldung scheuen, die
ja sowieso schon wächst, weil so wenig in die Staatskasse
kommt, aber dann auch sich richtig absichtsvoll verschulden, damit
der Laden wieder flott wird. Dabei gibt es ein Auf und Ab, einen
Meinungsstreit darüber, ob das nicht zu einer Stagflation
führe, und lauter so Zeug. Da hat sich der Staat als Betreuer
der Konkurrenz seiner Kapitalisten aufgestellt. Für heute
ist erst einmal das Phänomen zu konstatieren, dass es ernsthafte
Vorschläge der Art von Konjunkturprogrammen nicht gibt. Die
Schröder-Mannschaft stellt sich gar nicht auf als Obrigkeit,
die über der Krisenkonkurrenz ihrer Kapitalisten steht, und
sagt, diese besser betreuen zu wollen. Sondern sie stellt sich
als eine Mannschaft auf, die sagt: "Wir müssen mitkonkurrieren.",
die sich noch vielmehr, als eben den Kapitalisten nachgesagt,
um die Konkurrenztüchtigkeit ihres Standorts sorgt. Sie hat
gar nicht den Standpunkt: "Wir tun von oben etwas in die
Wirtschaft hinein und dann wächst die schon wieder.",
sondern sie sagt umgekehrt: "Unser nationales Wohl und Wehe
hängt an der Attraktivität unseres Standorts für
das Kapital. Und um dafür attraktiv zu werden, müssen
wir gewissermaßen den Konkurrenzstandpunkt der Unternehmer
nicht von oben betreuen, sondern uns zu eigen machen. Wir müssen
deren Sorgen ernst nehmen, denn deren Sorgen, wie sie die Konkurrenz
gewinnen, sind letztlich die Sorgen des Standorts, wie er für
das Kapital in der ganzen Welt Adresse Nr. 1 wird und bleibt."
Das ist auch so ein prinzipieller Unterschied, den man in dem,
wie es so dahingeht, vielleicht nicht so merkt. Es ist schon etwas
Prinzipielles, wenn sich die ganze Nation als in Konkurrenznöten
befindlich definiert und wenn diese Konkurrenznöte haargenau
so - bloß in allgemeiner Form - definiert sind, wie es die
Kapitalisten als ihr Konkurrenzproblem definieren - und das ja
eigentlich auch schon ziemlich allgemein; nämlich, in Deutschland
gibt es ein nationales Gebrechen, das heißt: Der Lohn ist
zu hoch und die Arbeitszeiten sind zu kurz. "Leute zu teuer,
Volk zu teuer.", ist dann die Fortsetzung davon.
- Es gibt da schon Widersprüche. Die Meldung von Deutschland
als Exportweltmeister mit einem Plus von 16 % der Ausfuhren steht
im Gegensatz zur Wachstumsschwäche. Und dann wieder die Meldung,
dass a) die Gewinne besser sein könnten und b) sie jetzt
aber schon bei 25 % sind.
Das kommt einem absurd vor. Wenn man diese beiden Seiten nimmt,
einmal die Erfolgsmeldungen im Export und dann das, woran es wirklich
hakt. Das groteske Phänomen ist, sie sind mit dem Verkaufen
auf dem Weltmarkt erfolgreich, und wie schlägt sich dieser
Erfolg hier nieder? Diese ganzen Exporterfolge produzieren hierzulande
kein Wachstum.
- Früher hat man gesagt, der Erfolg nach außen
kompensiert
eine Schwäche im Inneren.
Ja früher, und dann hätte man vielleicht auch gesagt
- und die Gewerkschaft probiert manchmal auch so etwas -: "Das
sind doch alles Dokumente für die unglaubliche Produktivität
der Arbeit in Deutschland. Mit der Rentabilität, die wir
hierzulande erreicht haben, steht doch keiner so glänzend
da wie wir, sonst gäbe es diese Exporterfolge nicht."
Das scheint die Kapitalisten überhaupt nicht zu rühren
und die haben dafür durchaus auch einen Grund. Nämlich
bei allen Exporterfolgen anderswo - es gibt auch Stellen, wo das
nicht der Fall ist - funktioniert ihr Wachstum nicht. Da kann
man wie die Gewerkschaften schon sagen: "Na ja, kein Wunder,
dass die Binnenkonjunktur nicht in Schwung kommt. Man nimmt ja
den Leuten das Geld weg." Aber erst einmal vom Kapital selber
her ausgedrückt heißt dies, es gibt im Land nach wie
vor zu viel. Es hilft ja nichts, dass das Kapital anderswo wächst
oder man sein Zeug anderswohin verkauft, wenn das auf der anderen
Seite heißt, in dem Maße, in dem das eigentlich fällig
ist für Deutschlands Anteil am internationalen Wachstum,
wächst halt zu wenig.
- Aber wenn ich ein Exportplus von 16 % habe, dann ist doch da
der Umsatz oder die Akkumulation um 16 % gewachsen.
Ja, und was machen sie damit? Deswegen schauen sie ja auf China
und sagen: "Das könnte doch vielleicht ein Feld sein,"
- so kann ich mir vorstellen, dass China in den Blick kommt -
"das wäre doch eine Adresse, da kann das Kapital nicht
bloß irgendetwas hinexportieren, sondern da kann es wirklich
noch wachsen. Das ist doch ein Beispiel bei aller
Überhitzungsproblematik,
was in Deutschland fehlt." Denn den wunderbaren Geschäftserfolgen
in Sachen Waren irgendwohin verkaufen steht zu wenig Gelegenheit
gegenüber, hierzulande die Firmen wachsen, weiter gescheit
akkumulieren zu lassen. Halden nicht nur von schlecht
verkäuflichen
VW-Golfs, sondern von Kapital, unausgelastete Produktionsstätten
stehen herum. Es nützt ja auch nichts, im Ausland laufend
wunderbare Exporterfolge für die Firma zu erzielen, wenn
dem von ihr betriebenen Geschäft keine Erweiterung bevorsteht,
die man mit dem verdienten Geld ertragreich ins Werk setzen
könnte.
Es ist nun auch nicht so, dass alle Firmen nur expandieren wollen,
andere machen auch keine Geschäfte. Wie sieht das Wachstum
deutscher Firmen aus? Wenn das Wachstum darin besteht, dass man
sich mit seinem Geld eine Firma anderswo kauft, dann ist genau
genommen das Kapital auch nicht gewachsen. Marx nennt das
Zentralisierung
des Kapitals, es konzentriert sich dann in einer Hand. Die Firma,
die sich eine neue anlacht - wenn Daimler z. B. Chrysler kauft
-, verzeichnet natürlich eine Expansion oder Verdoppelung
ihres Geschäfts und kommt darüber in einen anderen Markt
hinein, so dass dann auch die Exportziffern vielleicht wieder
wachsen, aber in dem Sinn gewachsen ist das Kapital insgesamt
nicht. Und darum geht es, um dieses Insgesamt, sowohl wenn die
Nation bilanziert - das Wachstum stagniert bei allen Exporterfolgen
-, als auch wenn jetzt die Unternehmer antreten und sagen: "Wir
haben zwar Exporterfolge, aber insgesamt finden wir den deutschen
Standort, von dem aus wir diese Exporterfolge erzielen, desolat.
Und den Beweis dafür, dass dieser Standort so desolat beieinander
ist, können wir euch präsentieren in Form der
zusammengezählten
Nullwachstumsziffern." Die Verrücktheit, an der wir
jetzt so herumdenken, ist diese Inkommensurabilität der beiden
Sachen. Die Sache, die da vorliegt ist schon Krise, nämlich
zu viel Kapital, zu viel, als dass es noch wachsen könnte,
eine gescheite Anlage fände. Natürlich kann man sagen,
dass die Kaufkraft in Deutschland ausgeschöpft ist, das ist
aber auch nur ein anderer Ausdruck dafür, dass zu viel Kapital
da ist, als dass es mit dieser Kaufkraft weiter wachsen könnte.
Dies sind ja nur die beiden komplementären Seiten der
Überakkumulation.
Deswegen sind ja auch Leute darauf gekommen, Überakkumulation
als Unterkonsumtion zu bezeichnen. So ähnlich denkt offenbar
auch die Gewerkschaft, wenn sie sagt, man müsste den Leuten
einfach mehr Lohn geben, dann kaufen sie auch wieder und prompt
geht's wieder los. Aber so funktioniert der Kapitalismus nicht.
Der Grund der vorliegenden Situation ist, es gibt zu viel Kapital,
als dass es noch gescheit wachsen könnte. Deswegen ja auch
der Hoffnungsschimmer China. Solche Gedanken sind eigentlich Signale
für Überakkumulation. Was Staat und Unternehmer daraus
machen, ist genau genommen haargenau das Gegenteil, dass es an
etwas fehlt, dass es an Attraktivität des deutschen Standorts
für wachsendes Kapital fehlt, dass es ein Defizit in Sachen
Wachstum auszuräumen gibt. Das ist das grundlegende Quidproquo
zwischen "Wesen" und "Oberfläche" des
Kapitals, zwischen dem, was Grund der Sache ist, nämlich
Überakkumulation von Kapital, und dem, was die Agenten der
Sache daraus machen, nämlich ein Defizit an Wachstumsbedingungen.
Es gibt immer eine Instanz, bei der sich das ganze Geheimnisvolle
zwischen erfolgreichen Geschäften einerseits und geringem
Gesamtwachstum andererseits ziemlich schnell auflöst, nämlich
den Staat mit seinen Bilanzen. Der lässt sich nicht davon
täuschen, dass irgendein Unternehmen sagt, es habe 16 %
Exportwachstum,
und das ist gut, sondern der macht seine Bilanzen: Die Steuerbilanz,
die Kreditbilanz, was er sich an Schulden geleistet hat, was er
sich an Schulden leisten musste, wie das zu den Wachstumsziffern
der Nation, zu den Beschäftigungsziffern und damit zu den
Fragen der ganzen Sozialkassen steht. Da wird eine Krisenbilanz
gezogen, was übrigens gleichbedeutend damit ist, welchen
Anspruch an Kapitalwachstum der Staat stellt und nicht erfüllt
sieht.
- Zumindest ideologisch geht das Gerücht, die Monopole
bereichern
sich, und der Staat steht im Hemd da.
Jetzt hat der Staat seine Haushaltsprobleme. Natürlich kann
man sagen: "Hätte er ihnen doch nicht so viel Steuern
erlassen, dann hätte er jetzt ein paar Milliarden mehr."
Für alle Drangsale, die der Staat zusammenzählt, hat
er einen gemeinsamen Nenner: "Kein Wunder, es fehlt ja auch
an Arbeitsplätzen. Wenn hierzulande nicht immer mehr fürs
Kapital gearbeitet wird, ist es nicht verwunderlich, dass kein
Reichtum zustande kommt." Da hat man genau die Übersetzung:
Die Politiker registrieren die Überakkumulation, dass das
Kapital keine Chancen findet, sich mit neuen Arbeitsplätzen
zu vergrößern, als Defizit, es fehlt an Arbeitsplätzen.
Warum? So kommen die auf den Gedanken, dass es an Bedingungen
für rentable Arbeitsplätze fehlt, und die Unternehmer
sagen, welche Bedingungen dies sind. Die Unternehmer sagen: "An
uns, wie wir den Betrieb organisieren, liegt es nicht. Von daher
sind alle Akkumulationsbedingungen dermaßen perfekt, da
fehlt nichts. Wenn die Akkumulation trotzdem nicht funktioniert,
liegt dies an denen, die von außen noch in der Wirtschaft
herumpfuschen, nämlich die Gewerkschaften und der Staat.
Die sind nämlich verantwortlich für Löhne und
Arbeitszeiten.
Für Produktivität sorgen wir Kapitalisten schon ganz
allein, aber in Sachen Lohn und Arbeitszeiten müssen wir
uns noch mit anderen Kröten der Gesellschaft auseinander
setzen." Das ist dann nicht die betriebsinterne Front, sondern
die äußere gegenüber den anderen gesellschaftlichen
Gruppen, den Gewerkschaften und dem Staat, der auch alles Mögliche
dafür nötig hält. Wenn die Kapitalisten heute ihre
Krisenlage, die Überakkumulation in ein Konkurrenzdrangsal
übersetzen, nämlich in fehlende Akkumulationsbedingungen,
dann wissen sie auch deswegen schon haargenau in welche. Das wissen
sie daher, dass es bei ihnen nicht wächst, obwohl sie intern
alles geregelt haben. Dann ist der Schluss völlig klar, dann
muss es ja daran liegen, dass sie als Kapitalisten den politischen
Kampf um Arbeitslöhne und Arbeitszeiten nicht erfolgreich
genug geführt haben. Also wird es dafür höchste
Zeit und das erleben wir gerade mit. Wie die Gewerkschaften ihren
Kampf um Löhne führen, so führen derzeit die Unternehmer
ihren quasi standesmäßig gewerkschaftlichen Kampf um
geringere Löhne und längere Arbeitszeiten bis hin zu
der schönen Ironie wenn sie immer aufs Ausland verweisen
und sagen: "Schaut einmal nach Ungarn, so billig ist der
Lohn und so lang ist die Arbeitszeit. Was kostet der Pole und
wie lang ist der im Dienst? Schaut auf die Ausbeutungsbedingungen,
die die polnischen Gewerkschaften und der polnische Staat zur
Verfügung stellen, so etwas wollen wir im Prinzip in Deutschland
auch, sonst gehen wir dorthin." Das ist wie eine Ironie der
kapitalistischen Weltgeschichte, dass die Unternehmer international
für gleiche Löhne und Arbeitszeiten kämpfen.
- Wir haben gesagt, Krise ist Überakkumulation von Kapital
und dass es den Wechsel gab von der antizyklischen Konjunkturpolitik
zur Standortpolitik. Gibt es dafür einen politökonomischen
Grund dafür?
Nein, der Staat, das ist die historischen Leistung von
Schröder,
hat sich dazu neu gestellt. Man erinnere sich an den seligen Rexrodt,
ein FDP-Wirtschaftsminister, der gesagt hat: "Die Wirtschaft
findet in der Wirtschaft statt." So denkt sich ein Liberaler
die Trennung von Wirtschaft und Staat. So denkt Schröder
nicht. Er denkt aber auch nicht, quasi sozialdemokratisch: "Anarchie
des Marktes, der Staat muss drauf aufpassen. Wenn sich die anarchischen
Kapitalisten wieder einmal in so eine Krise hineingewurstelt haben,
müssen wir sie von Staats wegen am Schlafittchen packen und
mit Geld, Kredit und Ermahnungen wieder hinausführen."
Es ist eigentlich kein politökonomischer Grund, sondern ein
politischer Wandel, wie der Staat sich zu der Krisenkonkurrenz
seiner Kapitalisten stellt, nämlich als einer Sache, da steht
die Konkurrenzfrage seiner Nation selber auf dem Spiel. Und der
ist nur so beizukommen, dass man von Staats wegen den Standpunkt
der Unternehmer, an welchen Ausbeutungsbedingungen es denn fehlt,
verallgemeinert.
Genügt denn nicht der Grund, dass die Kapitalisten
registrieren,
dass ihr Zeug nicht wächst, obwohl sie in Sachen
Produktivität
spitzenmäßig dastehen? Und als Grund dafür kann
man natürlich alle möglichen Randbedingungen mit
anführen:
Wie die Märkte heutzutage aussehen; wer sie alle beliefert;
ist der Weltmarkt jetzt nicht allmählich perfekt; gibt es
da nicht viele konkurrierende Anbieter - aber, wie schon gesagt,
mit ihren Exporterfolgen stehen sie ja gar nicht schlecht da.
Der eigentliche Grund dafür, dass sie trotz perfekter
Produktivität
in ihren Betrieben kein gescheites Wachstum zustande bringen,
ist die Überakkumulation, in die sie sich hineingewirtschaftet
haben. Die sehen sie nie und nimmer als Grund ein, sondern für
sie sind die Folgen der Überakkumulation immer Niederlagen
in der Konkurrenz. Und wenn sie davon ausgehen: "Selbst wenn
wir viel Gewinn machen, aber damit kein Wachstum hier in Deutschland
zustande bekommen, dann liegt das nicht daran, dass wir zuviel
gewachsen sind, dass wir überakkumuliert haben, sondern an
fehlenden Wachstumsbedingungen hier." Und wenn diese fehlenden
Wachstumsbedingungen nicht auf dem Feld fehlender Produktivität
zu Hause sind, dann wissen sie schon wo. Daher kommt der Schluss,
ganz anders auf die Löhne loszugehen.
- Warum sie nicht schon früher darauf gekommen sind, hat
schon auch etwas mit dem Kräfteverhältnis zu tun.
Jetzt kann man alles Mögliche benennen, womit das auch noch
zu tun hat. Das wird gar nicht geleugnet. Wenn die sich jetzt
aufstellen: "Jetzt eröffnen wir einmal den politischen
Kampf.", dann steht auch gleich die Frage der Mittel, die
sie dafür haben, zur Debatte. Aber man kann nicht sagen,
weil sie heute die Mittel haben, eröffnen sie den Kampf.
Ganz so ist es auch nicht. Sie haben auch erst einmal einen Grund,
den Konkurrenzkampf so zu führen.
- Die Bemühungen des deutschen Kapitals um Konkurrenzerfolge
sind ja gar nicht sie schlecht. Das Wachstum mit diesen
Konkurrenzerfolgen
reicht nicht.
Ja eben. Das ist ja der Konkurrenznachteil. Der Kapitalist ist
noch nicht geboren worden, der zur Überakkumulation
Überakkumulation
sagen würde. Das war vorhin keine Ironie, das ist der Patriotismus
der herrschenden Klasse bei uns, dass sie aus mangelnden
Wachstumserfolgen
hier und aus dem Vergleich mit China den Schluss ziehen: "Also
fehlt es hier an Wachstumsbedingungen." Das ist gewissermaßen
ihr patriotischer Schluss. In Deutschland soll das Wachstum wieder
vorankommen.
- Vorhin wurde davon gesprochen, dass es sich um externe
Wachstumsbedingungen
handle. Das ist doch eine ideologisierende Fassung davon: Was
sie seit Einführung der 35-Stunden-Woche an Flexibilisierung
der Arbeit, Lebensarbeitszeit durchgesetzt haben, das waren doch
alles ihre Versuche, v weniger und rentabler zu machen und die
Arbeitszeiten auszudehnen. Da haben sie nichts anbrennen lassen.
Dies alles als externe Bedingungen für das Wachstum hinzustellen,
ist der Kern der laufenden Offensive, mit der sie beim Staat mit
ihrem Lamento auch erfolgreich eingefallen sind und von Schröder
und Co. auch ins Recht gesetzt werden.
Das mag schon sein, nur damit wird doch nur umschrieben, was mit
extern gemeint ist. Es ist keine Ideologie.
- Im Betrieb verfügen die Kapitalisten doch über die
Arbeitskraft.
Im Betrieb schon, aber wie lang die da ist, ist immer noch eine
andere Frage. Da können sie zwar Überstunden anordnen,
und ich will auch nicht behaupten, sie würden sich sklavisch
an Tarifverträge halten, aber das hebt nicht auf, dass
Tarifverträge
und staatliche Arbeitsschutzvorschriften erst einmal eine Schranke
setzen. Und in den Lohnverhandlungen ist erst einmal niedergelegt,
wie viel die Leute bekommen. Dass sie sich darauf immer einstellen,
z. B. innerbetrieblich eine intensivere Ausnutzung der Arbeitszeit
organisieren, hebt nicht auf, dass das andere immer die Front
nach außen ist.
- Praktisch wird doch diese Schranke - Tarifverträge,
Arbeitszeitregelungen
- permanent durch das Tun der kapitalistischen Kalkulation relativiert.
Damit man etwas relativieren kann, muss es dies erst einmal geben.
- Für die Kapitalisten ist nicht die Schranke die Organisation,
die sie hinbekommen, sondern das, was sie auf dem Weltmarkt oder
im Inland an Geschäft mitmachen können. Das Beispiel
China zeigt einerseits den gnadenlosen Anspruch, aber auf der
anderen Seite zeigt es genau ihren Standpunkt: "Schaut euch
China an, warum sind wir, relativ gesehen, immer noch so wenig
an dem Wachstum dort beteiligt."
An der Stelle kommt die andere Bedeutung von extern. An der Stelle
sagen sie als Unternehmer: "Wenn mit allem, was wir in unseren
Betrieben arrangieren können bis hin zur Flexibilisierung
der Arbeitszeiten, trotzdem die Wachstumserfolge bei uns ausbleiben,
dann richten wir einmal ganz energisch unser Augenmerk auf die
Abteilung, in der wir nicht einfach Herr im Hause sind."
Das gibt es doch. Die ganzen Anstrengungen, das intern zu verarbeiten,
unterstellen erst einmal, dass ihnen mit den Lohnverhandlungen
und den geltenden Arbeitszeiten Bedingungen und Schranken gesetzt
sind. Da muss man als Unternehmer erst einmal beschließen:
"Gut, davon mache ich mich frei, indem ich aus dem Tarifverbund
der Arbeitgeber ausscheide." Aber dann hat man immer noch
die Belegschaft am Hals und die Gewerkschaft und die Sitten des
deutschen Arbeitsmarktes, die ja gerade erst angegriffen werden.
Die Kapitalisten haben viel zu tun. Alles, was sie seit diesem
Frühjahr so offen treiben, dieser Streit vom
IG-Metall-Tarifvertrag
her mit den Öffnungsklauseln - dieses Aushandeln von
Öffnungsklauseln
ist doch gerade ein Kunstgriff der Unternehmerseite, sich an dieser
externen Front: Es gibt einen Vertrag, der rechtlich gilt, zu
reiben. Was man jetzt beobachtet, ist eine Offensive gegen die
Abteilung. Es ist unter der Würde eines deutschen
Großunternehmens,
das Recht einfach zu brechen. Die neue Ansage ist, die Unternehmer
dürfen sich nicht zu schade sein, auch ganz offiziell um
für sie bessere Ausbeutungsbedingungen zu kämpfen. Da
kommt dann die Machtposition, die sie sich inzwischen erobert
haben, zum Tragen. In volkswirtschaftlichen Lehrbüchern steht,
Preise richten sich nach Angebot und Nachfrage, der Preis der
Arbeit schon gleich. Wenn also die Nachfrage nach Arbeit das Angebot
von Arbeit übersteigt, dann muss der Lohn sinken. Zu sagen,
das freie Spiel der Kräfte stimme nicht mehr, ist Ideologie.
Die Offensive der Unternehmer selber ist gerade die praktische
Demonstration, wie dieses Gesetz überhaupt wirkt. Es wirkt
ja wirklich nicht von selbst. Es wirkt ja auch sonst auf dem Markt
nicht von selbst, dass das Verhältnis von Angebot und Nachfrage
den Preis bestimmt, sondern da gibt es ja immer noch die Kleinigkeit,
dass die Anbieter untereinander konkurrieren müssen. Und
die bestimmen dann mit ihrer Konkurrenz und ihren
Konkurrenzberechnungen
den Preis. Und auf einmal bekommt man bei VW eine Klimaanlage
umsonst. Auf dem berühmten Arbeitsmarkt stimmt es schon gleich
nicht, oder es stimmt wie sonst auf den Märkten - es will
erst einmal gemacht sein. Den Preis der Arbeit senken, weil es
ein Überangebot an Arbeitskräften gibt, wie das geht,
das führen sie gerade vor. Da müssen sie erst einmal
eine Forderung, die Drohung in den Raum stellen: "Ich habe
anderswo viel billigere Arbeitskräfte in der Hinterhand,
die machen mir das hier für 'n Appel und 'n Ei, wofür
ihr Tausende von Euro wollt. Also, die württembergische Krankheit
wird in Bremen kuriert, und wenn nicht in Bremen, dann in
Südafrika.
Kann man jetzt einmal eine Antwort der Gewerkschaft haben!?"
So funktioniert das Verhältnis von Angebot und Nachfrage.
Das übersetzt sich in Ohnmacht der Arbeitnehmer und
Gewerkschaften,
die diese Ohnmacht repräsentieren.
Diese Offensive von dem nicht funktionierenden Arbeitsmarkt her
aufzurollen, das halte ich für eine Ideologie. Es ist eine
Ideologie, die die sachliche Reihenfolge, woher eigentlich diese
Konkurrenzwut der Unternehmer, die sich jetzt auf diese
Ausbeutungsbedingungen
Lohn und Arbeitszeit richtet, kommt, auf den Kopf stellt. Am Ende
landen sie sogar noch bei einer Theorie über den Arbeitsmarkt,
gerade in dem Moment, in dem sie alle Ideologien über den
Arbeitsmarkt dadurch Lügen strafen, dass sie ja selber als
Macht auftreten und gar nicht einfach das freie Spiel von Angebot
und Nachfrage zelebrieren.
- Zum Zusammenhang von Wachstum und Arbeitsmarkt oder
Arbeitslosigkeit,
der immer behauptet wird und der so gar nicht existiert: Das Kapital
sagt doch gar nicht, dass sie wieder mehr Arbeitsplätze schaffen,
wenn es mehr wächst. Sie sagen, dass ihr Zweck Wachstum und
Kapitalvermehrung ist. Wenn überhaupt durch das Kapital
Arbeitsplätze
geschaffen werden, dann nur darüber. Und der Staat sagt,
dass das Kapital mehr Arbeitsplätze schaffen solle und er
deswegen dem Kapital zu mehr Wachstum verhelfen müsse. Es
wird so getan, als gäbe es diesen Zusammenhang. Täuscht
sich der Staat da, weil vorhin gesagt worden ist, dass Staat und
Kapital sich einig seien?
- Dass der Staat am Wachstum interessiert ist, ist doch richtig.
Dass er dann dazu sagt, dass so die Arbeitslosen von der Straße
kommen, ist ein beliebiger Zusatz. Es ist doch nicht staatlicher
Zweck, Arbeitsplätze zu schaffen.
- Ich wollte geklärt haben, ob diese Einigkeit tatsächlich
rationell ist, oder ob das eine Einbildung des Staates ist, wenn
er diesen Zusammenhang zwischen Wachstum und mehr Arbeitsplätzen
behauptet? Das Kapital scheint den Zusammenhang doch fast begriffen
zu haben, es verwehrt sich doch dagegen, dass es mit seinem Wachstum
sofort Arbeitsplätze schafft.
Das ist richtig, die versprechen das nicht, aber als Instrument
der Akkumulation des Kapitals - das einmal im Ernst gesprochen
- rechnen ja auch Unternehmer die Arbeitsplätze; natürlich
immer unter der Bedingung, spitzenmäßig rentabel müssen
sie sein. Arbeitsplatz ist kein Selbstzweck, sondern der ist Mittel
zum Zweck, und damit er als Mittel funktioniert, gehört auch,
dass er im nötigen Umfang rentabel ist. Praktisch steht der
Staat auf demselben Standpunkt. Der drückt seinen Unternehmern
nicht den Imperativ aufs Auge: "Macht Arbeitsplätze,
wurscht wie rentabel sie sind!", - Das hat Hitler zum letzten
Male im größeren Stil probiert. Der demokratische Staat
respektiert seit eh und je Rentabilität als Bedingung und
insofern ist er da durchaus auf einer Linie mit seinen Kapitalisten.
Die andere Seite dazu ist: In seiner Gesamtrechnung, er zählt
einmal seine Drangsale aus der Krise zusammen, kommt er zur Diagnose:
Kein Wunder, es entfallen ja auch laufend Arbeitsplätze.
Da ist der Staat dann schon sehr geneigt, Rentabilität des
Arbeitsplatzes als Randbedingung zu unterstellen - "Das ist
ja eh klar" - und dann in seinen Rechnungen darauf zu drängen:
"Aber mehr davon soll es geben". Wie gesagt, praktisch,
mehr davon, ohne Rücksicht auf Rentabilität, kommt auch
für unseren Staat nicht in Frage. Aber Rentabilität
unterstellt, gilt dann der Imperativ "Mehr Arbeitsplätze!"
Und insofern ist dann auch die Einigkeit zwischen Kapital und
Staat überhaupt kein großes Rätsel. Eine absurde
Rätselfrage, so ein Talkshow-Thema ersten Ranges wird dann
daraus, wenn man allen Ernstes Arbeitsplatz als Zweck unterstellt
und die Rentabilität gewissermaßen nur als Mittel
dafür,
als eine Bedingung, die erfüllt sein muss für den
eigentlichen
Zweck. Dann kommt man in die wunderbarsten Debatten hinein,
nämlich,
wie viel Ausbeutung muss sein, damit man Arbeitsplätze bekommt.
Dann sagt der eine: "Solange die Arbeitsplätze nur 35
Stunden pro Woche dauern, kriegt man nie und nimmer einen.";
dann der nächste: "Na, aber wenn man sie 50 Stunden
arbeiten lässt, dann braucht man doch viel weniger davon,
dann bekommt man doch auch keine Arbeitsplätze her."
Man ist also in einem Sumpf von Irrationalität, wenn man
ernstlich Arbeitsplatz als Zweck und Ausbeutung als Mittel dafür
nimmt. Aber praktisch täuschen sich weder die Unternehmer
noch der Staat in dem, dass der Arbeitsplatz das Mittel für
rentables Wirtschaften, für Kapitalwachstum und sonst gar
nichts ist.
So löst sich die vorherige Frage auf in die sachliche
Abteilung:
Welche Politik betreibt der Staat? Der macht sich da nichts vor,
Arbeitsplätze sind Mittel für Wachstum und das sind
sie dadurch, dass da Ausbeutung organisiert ist. Und wenn das
Kapital ihm mitteilt, dass es zu wenig wächst und dass das
an der Ausstattung der Arbeitsplätze liegt, nämlich
an den Bedingungen, unter denen man ausbeuten kann, dann nimmt
sich der Staat dessen an. Aber sobald man eine Talkshow darüber
macht, ist es sich jeder schuldig, so zu tun, als wären
Arbeitsplätze
der Zweck, und dann ist man in dem Sumpf der Irrationalität.
Die ganze sozial denkende Menschheit hat man dann natürlich
auf seiner Seite. Dabei muss man mittlerweile auch schon an Folgendes
denken: Arbeitsplatz ist ja sowieso ein fragwürdiger Ausdruck,
in den Debatten heutzutage ist das die reine Äquivokation
(Doppeldeutigkeit), es werden nämlich damit zwei total
verschiedene
Sachen bezeichnet, das eine sind Arbeitsplätze, die
kapitalistische
Unternehmer als Erfolgsmittel mit dem Ziel einer ordentlichen
Ausbeutung einrichten, eine ganz andere Sache ist es, wenn eine
Ich-AG als Arbeitsplatz bezeichnet wird oder wenn diese neuen
Ein-Euro-Jobs für ArbeitslosengeldII-Empfänger als
Arbeitsplatz
bezeichnet werden, das ist etwa genau so rationell, wie wenn man
einen Zivi-Platz als Arbeitsplatz bezeichnet; sie alle haben mit
kapitalistischer Ausbeutung, die ein Beitrag zum Wirtschaftserfolg
der Nation ist, nichts zu tun, das sind Notnägel der Armut,
die der Staat einrichtet. Das eine ist also die Arbeit, die einen
Kapitalisten reicher macht und das andere ist Arbeit, die dem
Sozialstaat einen Zuschuss erspart, da liegen Welten dazwischen
und auch politökonomisch ist es nicht dasselbe.
- Dazu kommt doch noch die ganze Dienstleistungssparte, die bezahlt
wird von dem Ertrag, den die Nation in ihrer produktiven Abteilung
erwirtschaftet.
Sicher wird es noch einiges andere zwischen den beiden Sparten
‚rentabler Arbeitsplatz' und ‚Notnagel der Armut' geben,
die Beamten und Ärzte und andere Leute, die sich selbst ausbeuten
und dadurch vielleicht auch einen Beitrag zum Bruttosozialprodukt
liefern. Die Unterscheidung, auf die ich hinauswollte, ist an
das angeknüpft, wenn anlässlich von Hartz IV die ganze
Republik herumzetert, wo denn die Arbeitsplätze bleiben,
wobei da jedenfalls sicher nicht an eine kapitalistisch für
die Nation zu Buche schlagende Ausbeutung gedacht wird. Was das
für eine Art Arbeit ist, merkt man spätestens daran,
wenn dann welche davor warnen, dass sie für die redlichen
Handwerker und deren Ausbeutungsgeschäfte eine Gefahr darstellen
könnte. Wir haben neulich das Etikett ‚Subsistenzwirtschaft
im Kapitalismus' auf diese Sorte Arbeit geklebt und das sollte
nur bedeuten - schließlich gibt es keine Subsistenzwirtschaft
in der Geldwirtschaft -, dass die nicht für die Vermehrung
des Reichtums da ist, sondern die ist für die Organisation
eines neuen Status der Armut in dieser Gesellschaft da, das
ist Armut als Bestandteil des organisierten, des unproduktiven
Pauperismus. Bis dahin gab es allerdings staatlicherseits einige
Übergänge: zum Beispiel den Übergang, der nach
und nach zur Gewohnheit geworden ist, so dass man ihn gar nicht
mehr als Übergang bemerkt: Wie hat Hartz IV denn angefangen?
Am Anfang stand doch der Aufschrei: unsere Sozialkassen haben
ein Defizit! Defizite in seinen Sozialkassen bremsen ist eine
sehr defensive staatliche Maßnahme. Jahrelang ist so verfahren
worden, dass die Arbeitslosenversicherungsbeiträge erhöht
wurden, und so stiegen die Beiträge von 3,5 auf 6,5 % des
Bruttogehalts. Diese Entwicklung ist beendet worden durch das
Argument - oder besser: das Geschrei - "Die Lohnnebenkosten
sind zu hoch!", dem dann Rechnung getragen worden ist, indem
gesagt wurde: "Alles, was wir in die Sozialkassen zusätzlich
hineintun, ist kontraproduktiv, weil staatlich veranlasste
Lohnerhöhung."
Das war der Übergang vom defensiven Standpunkt: "Wir
müssen unsere Sozialkassen retten!" zu dem höherrangigen
wirtschaftspolitischen Standpunkt: "Die Rettung der Sozialkassen
darf die Lohnebenkosten nicht in die Höhe treiben."
Wie wäre denn von da aus der heutige Fortschritt zu kennzeichnen?
Da merkt man: Das hat sich von dem Rettungsargument frei gemacht,
jetzt heißt die Parole: "Wir müssen die Lohnnebenkosten,
also den Lohn überhaupt, senken." Lohnnebenkosten ist
ein Synonym dafür, dass der unbeschäftigte Teil des
Volks zu teuer ist. Diese Übergänge sind unter dem Geschrei
von Opposition und Öffentlichkeit "Immer noch zu wenig!"
sukzessive vor sich gegangen, nämlich vom Standpunkt: ein
Sozialkassenproblem über den Standpunkt: ein Entlohnungsproblem
zu dem Generalstandpunkt: Das müßige Volk kostet zu
viel; daher kann das Arbeitsplätze-Schaffen hierzulande ja
gar nicht klappen. Und dann steht jedes Stück Sozialversicherung
für den Skandal, Ursache für mangelndes Wachstum zu
sein. Sobald einer mal ernsthaft den Zusammenhang aufmachen will
und sich und andere fragt, wie das geht, dass die Pflegeversicherung
an fehlenden Arbeitsplätzen schuld sein soll, steht er auf
dem Schlauch, aber über die Generalklausel: "Das gehört
doch rein in übertriebene Versorgung des Volkes und, wenn
man es mit der Versorgung des Volkes übertreibt, dann ist
es eben nicht mehr produktiv genug.", wird das Ganze stimmig
gemacht. Deswegen gibt es auch das schöne Phänomen,
dass kein Kapitalist mehr sagen muss: "Wenn wir die Pflegeversicherung
um einen Prozent-Punkt vom Lohn absenken, schaffe ich mit dem
eingesparten Prozent entsprechend mehr Arbeitsplätze."
Das braucht er nicht zu sagen. Und den Zusammenhang gibt es ja
auch gar nicht, eben wegen dieses Generaleinverständnisses
der Nation: Stagnation und fehlende Arbeitsplätze liegen
daran, dass alles am Volk irgendwie zu teuer ist.
Bei denen geht doch die Logik andersherum. Wenn einer sagt: "Was
hat denn die Pflegeversicherung mit Arbeitsplätzen zu tun?"
oder: "Hartz IV schafft doch keine Arbeitsplätze!",
dann ist die Antwort: "Stimmt! Man muss ja auch noch viel
mehr machen, deswegen muss ja auch länger gearbeitet und
weniger Lohn gezahlt werden." Also nicht: "Da haben
wir uns was Falsches ausgerechnet.", sondern das ist Teil
eines Programms, das - das sagt der, der es kritisiert, selber
- noch viel weiter reichen muss.
Diese ganze Offensive in Sachen Lohn und Arbeitszeiten zielt eben
nicht bloß auf so was wie: "Machen wir den Fehler mit
der 35-Stunden-Woche rückgängig!", sondern das
Generalthema, über das sich Staat und Unternehmer einig sind,
heißt: "Die Nation braucht eine neue Kultur des Arbeitens
und Entlohnens, sie braucht neue Sitten in der Arbeitswelt,"
Dabei bedeutet ‚Sitten': Lohnziffern, ein Ethos des Arbeitens,
das in Stunden ausgedrückt werden kann; die Nation braucht
eine neue Kultur der Ausbeutung, und zwar ganz gründlich,
damit sie in der Konkurrenz der Nationen, Attraktivität für
das Kapital betreffend, endlich wieder gut dasteht und ein gescheites
Wachstum zustande bringt. Dafür braucht sie in Sachen Entlohnung
und Arbeitszeiten einen neuen Standpunkt und dessen Durchsetzung.
Zwei Präsidenten früher hat es diese Rede "Ein
Ruck muss durchs Land gehen!" gegeben, inzwischen ist der
Begriff in das Feuilleton abgerutscht, aber in die Richtung, die
damals gefordert wurde, geht es inzwischen tatsächlich. Das
wird eine andere Republik, die ihre Arbeitswelt neu sortiert und
als Unterabteilung dieser Arbeitswelt ihren Pauperismus, das ist
die ganze Abteilung Hartz; der wird für die übrige
Arbeitswelt
in einem Sinn sehr produktiv: Wir sortieren den Pauperismus neu
und zwar so furchtbar, dass jeder dafür sein muss, ihn den
Leuten zu ersparen. Und das schafft man, indem man auf dem ersten
Arbeitsmarkt neue Bedingungen schafft. Das ist die moralische
Verlängerung der Neuorganisierung des Pauperismus in die
Richtung: neue Sitten am ersten Arbeitsmarkt, neue Sitten in Sachen
Entlohnung und Arbeitszeiten. Die praktische Geschichte auf diesem
Sektor ist das Vorgehen der Unternehmer: das Erpressungswesen
mit Umzugsdrohungen und die Verhandlungskultur mit den Gewerkschaften.
Wie vorhin schon gesagt, das Kapital will andere Bedingungen hier
haben und da ist ein Vergleich mit Ungarn und Polen und deren
niedrigerem Lohnniveau immer ein ernster Hinweis und macht dem
Reformwillen in Bezug auf hier richtig Druck, so kommt es ja auch
an: als Erpressungsmittel. Sie machen es ja durchaus auch, dass
sie mit einer Fabrik ins Ausland gehen, ob sie dann wirklich die
Fabrik hier abbrechen und ob es dann wirklich ein Stück Wachstum
am ungarischen Markt ist, sieht man dann, also, ob es immer nur
Verlagern ist oder ein Stück Wachstum. Das Entscheidende,
was man zur Kenntnis nehmen muss, ist der Reformwille in Bezug
auf diesen Standort, und der ist nicht dadurch irritiert,
dass man sagt: "Das nützt doch nichts, die anderen ziehen
doch nach." - sowieso eine albernes Argument; da drängt
sich doch jedem die Antwort auf: "Na gut, sollen wir es so
lassen. wie es ist. und die anderen werden noch immer billiger?";
solche Argumente sind Rückzugsgefechte.
Hinsichtlich meines Hauptarguments, dass aus diesem Umgang mit
der Krise ein nationaler Konkurrenzstandpunkt wird, gibt es ein
interessantes Echo aus anderen Ländern: zum Beispiel, dass
in Frankreich richtig im Nachgang zu dem, wie hierzulande die
Unternehmer voranmachen - auch, weil deutsche Firmen in Frankreich
Niederlassungen haben - die 35-Stunden-Woche, die mal gesetzlich
eingeführt worden ist, vom neuen Wirtschaftsminister praktisch
widerrufen worden ist, dass da die Sozialreformen Frankreich Auftrieb
geben; nun ist Frankreich der große Partner und Konkurrent
der Bundesrepublik. Da merkt man, wie das durchschlägt, was
die Bundesregierung da veranstaltet, dass der große Nachbar
Frankreich das gleich als Herausforderung begreift und auf gleichem
Niveau beantwortet. Und das ist viel interessanter als das ideelle
Lamento, wenn wir billiger werden, dann werden womöglich
die Ungarn auch noch billiger. Man kann das belachen und zur Ideologie
erklären, dass die EU-Staats- und Regierungschefs sich in
Lissabon getroffen und beschlossen haben, die konkurrenzstärkste
Region der Welt zu werden. Aber man beobachtet gerade, wie so
Figuren wie der Schröder das Stück um Stück in
die Tat umsetzen.
Ob und bei welchen Maßnahmen die Engländer vorangegangen
sind, wie manche Journalisten meinen herausgefunden zu haben,
ist relativ unerheblich. Es wird dort Maßnahmen geben, wo
man wie hier bei Hartz IV sagen könnte: "Das ist nichts
Neues, weil unsere Sozialhilfeempfänger immer schon so behandelt
worden sind." Der Witz ist ja auch nicht, dass an den einzelnen
Maßnahmen, wie der Pauperismus national bewältigt wird,
so etwas grundsätzlich Neues wäre - wenig Geld und mit
Arbeitspflicht drangsalieren, das hat der Hitler auch schon gekonnt,
sondern, in was für eine Aufbruchsstrategie im Schulterschluss
von Unternehmern und Staat bei uns das heute reingehört,
ist das Interessante. Dieselbe Maßnahme wie hier ist in
England vielleicht unter dem Gesichtspunkt eingeführt worden:
Da ist eine Kasse leer und damit die nicht so schnell leer wird,
müssen wir irgendwas kürzen - also dieselbe Maßnahme,
aber deren Logik ist eine ganz andere: Oder du kannst für
England sagen: wir brauchen endlich mal eine Arbeitszeitverkürzung
und da denkt man auf den ersten Blick: Das ist ja ganz anders
als bei uns. Und dann sagt der nächste Journalist: die arbeiten
eben immer noch 50 Stunden. Und allmählich kommen die Kapitalisten
dahinter, dass ein gescheites Produktionsniveau 50 Stunden lang
nicht mehr durchzuhalten ist. Das ist eine ganz andere Abteilung,
nämlich dass es Staaten gibt, wo das Produktivitätsniveau
von Deutschland noch gar nicht erreicht ist und da hat ein Staat
dann diese Sorge, da kann er nicht - wie in Deutschland - auf
selbstzufriedene Unternehmer setzen, die sagen: an der Abteilung
haben wir nichts anbrennen lassen. Da muss sich der Zapatero hinstellen
und sagen: da müssen wir eine Bildungs- und Technologieoffensive
machen, damit spanische Firmen endlich mal so gut werden wie die
in Deutschland - da haben sie dann dies Problem. Insofern ist
Europa immer noch nicht einheitlich. Und umgedreht, wie man arme
Leute verwaltet, da könnte sich Clement von den Spaniern
noch was abgucken - vielleicht hat er es ja auch gemacht. Das
Entscheidende ist, wie diese Nation aufgemöbelt wird im
kapitalistischen
Sinn, da wird der Pauperismus lückenlos durchorganisiert
bis hin zu aberwitzigen Fragen, ob das ALG II am ersten oder am
letzten Tag des Monats gezahlt wird. Bestimmte Stufen der Verelendung
werden rausgeholt aus der Ecke ‚nur vorübergehende Notlage'
oder ‚absoluter Abschaum' - also die Typen unter der Brücke
-; das war Sozialhilfe bisher, das war zwar auch nicht die Wahrheit,
aber es war die Einordnung in die Sitten dieser Gesellschaft.
Die Organisationskraft, die hinter dem ALG II und den anderen
Maßnahmen steckt, stellt den Arbeitsdienst im Dritten Reich
glatt in den Schatten. Es ist ja auch kein Arbeitsdienst, sondern
ein Angebot an arme Leute, mit deren Massenhaftigkeit man ab sofort
rechnet. Das ist Krise heute in der Bundesrepublik, Krise als
Grund und Stoff für eine Konkurrenzoffensive der Nation.
- Noch ein Punkt, der auch als Vorbemerkung für das nächste
Thema taugt: Wenn eine Nation sich so umstellt, dann ändert
das auch die öffentliche Moral. Dem Volk wird seine alte
Moral abgewöhnt, also nicht nur seine alten Lebensbedingungen,
sondern über diese auch seine alten Gerechtigkeitsvorstellungen,
wobei die ganzen öffentlichen Belehrungen, die da über
Talkshow-Diskussionen, die Kirche usw. laufen, nicht der Grund,
sondern das Symptom für diese Umstellung sind. Was ist der
Grund?
- Das Volk passt sich dem Zwang an, nimmt dazu eine moralische
Stellung ein, zum Beispiel über so Debatten, ob die neue
Regelung gerecht ist.
Die neue Regelung ist also erst mal Recht und unterliegt der
Prüfung,
ob sie auch gerecht ist. Welche Maßstäbe kommen
da zur Anwendung?
- Ein Maßstab ist: Bringt es das? Ist der Ertrag dann auch
da, also Arbeitsplätze? Der zweite Maßstab ist: Darf
der Staat auf das, was man sich durch seine Beiträge erarbeitet
hat, auf diese Weise zurückgreifen?
Der erste Maßstab ist der prinzipielle der Affirmation:
das, was der Staat tut, soll klappen. Das ist unverwüstlich
und ändert sich auch nicht sehr, worauf es sich bezieht,
ist die Frage. Jetzt gibt es das neue Gesetz, Arbeitslosenhilfe
als Versicherungsleistung ist gestrichen, ALG II als Sozialleistung
aus Steuermitteln eingeführt. Das ist die neue Rechtslage.
Wie wird daraus ein Beitrag zur Umstellung der Moral des Volkes,
die zuerst die Frage aufwirft: darf der das? Woher stammt diese
Frage?
- Aus dem Vertrauen auf den Staat als das Mittel, auf das man
berechnend setzt.
- Die alten Bedingungen waren ja Rechte, die einem zugeteilt waren.
Gegen die neuen Gesetze muckt also die Moral der Verhältnisse
von gestern auf, weil gestern ist man ja an ein Gesetz gewöhnt
worden, das gesagt hatte: Wir nehmen allen etwas weg, damit das,
was allen blühen kann, finanziert wird. Der, dem 6 % von
seinem Bruttolohn gefehlt haben, hat als Rechtfertigung die Auskunft
bekommen: Dir kann das auch passieren, also sei froh, wenn wir
dich versichern. Das war die Moral des Versicherungsgeschäfts,
das der Staat da eröffnet hat; jetzt wird das
Versicherungsgeschäft
gestrichen und damit ist die alte Moral: ‚Ich gebe was her,
dafür bekomme ich was.', nicht weg, sondern der ist nur der
Boden unter den Füßen weggezogen, die Basis für
die Frage: "Ist das denn gerecht?" ist also nicht mehr
da, dafür ist eine neue Basis da, die heißt jetzt:
Was es an Elend gibt, wird aus Steuergeldern, nicht zuletzt von
Witwen und Waisen und armen Verkäuferinnen mit durchgeschleppt.
Das ist die neue Ansage des Staats. Das schaut sich der moralische
Mensch ein Weilchen an und was schließt er daraus?
- Er stellt noch mal die Frage: Ist das denn notwendig? Bevor
er sagt: Muss wohl sein.
Wobei die Frage: Ist das denn notwendig? allmählich ihren
Reiz verliert, wenn das neue Gesetz eingeführt ist. Dann
wird die Frage zu: War es denn notwendig? Und die ist mangels
Aktualität nicht mehr besonders spannend. Eine neue Rechtslage
ist also da und in Bezug auf die gibt es dann eine neue
Gerechtigkeitsvorstellung
samt Gerechtigkeitsdebatte: Bedeuten die neuen Gesetze eine
Verschlechterung
der Lebensumstände für alle oder nur für einige?
Diese Frage ist schon - in gehässiger Variante - das moralische
Ja zu der neuen Lebenslage, denn die Logik dieser Frage heißt
ja: Ich akzeptiere das, aber.. Die neue Moral schleicht sich also
ein über das Ja - aber (trifft es auch alle?). Die nächste
Variante: Das sind Steuergelder und mit denen werden die Armen
durchgefüttert. Zu diesen Steuergeldern trägt jeder
sein Scherflein bei, zum Beispiel auch - sagt der Schröder
bei jeder Gelegenheit - die arme Verkäuferin, die selber
nichts zu beißen hat. Der moralische Maßstab ist hier:
Findet ein gerechter Ausgleich statt zwischen den Armen, die was
abgeben, und den Armen, die was kriegen? Es soll ja mal Zeiten
in der Bundesrepublik gegeben haben, da ist Armut geradezu dementiert
worden, weil die öffentliche Moral behauptet hat, die gebe
es gar nicht. Das ist schon ein Fortschritt, wenn heute der Kanzler
sagt: "Ihr beschwert euch über Verarmung, aber schaut
mal die an, denen wir den Unterhalt für die Armen aus der
Tasche ziehen!" Jetzt ist also ein neuer moralischer Maßstab
eingezogen und der heißt ‚Gleichheit in der Armut'.
So verschieben sich durch die rechtlich geltenden Umstände
die moralischen Maßstäbe. Gewöhnung an die
Umstände
heißt nichts anderes, als dass man von den geltenden
Umständen
auf die Gültigkeit der Umstände schließt, also
aus dem Faktum, dass sie gelten, ableitet, dass sie dann wohl
auch in Ordnung sein müssen, dass das dann auch der Maßstab
ist, an dem man dann die Sachen misst. So stellt man die Moral
des Volkes um - einfach durch neue Alternativen, die man in die
Welt setzt. Zum Beispiel die abstruse Debatte über die
Managergehälter
- an was hat sich dann die moralisch diskutierende Menschheit
gewöhnt, wenn die vorbei ist?
- Das ist doch der Punkt, dass man sagt, auch die sollen sich
besser gehaltsmäßig offenbaren, damit man die ebenfalls
nach Gerechtigkeitsgesichtspunkten betrachten kann, ob deren Gehalt
überhaupt in Ordnung geht und in einem korrekten Verhältnis
steht zu der Leistung, die sie erbringen, also eigentlich wird
das moralische Bedürfnis, jeden und alles in der Gesellschaft
gerechtigkeitsmäßig zu sortieren und zu analysieren,
bedient.
Aber was ist das Gerechtigkeitskriterium, an dem da sortiert wird?
- Das ist eine Ideologie, die sagt, dass die Leistung immer in
einem Verhältnis zum Lohn stehen soll.
Das ist aber gerade bei den Managern ebenso wie bei den
Hartz-IV-Figuren
gerade nicht der Witz.
Man ist auf dem Holzweg, wenn man hier noch nach irgendwas
Egalitärem
als Ausgangspunkt für die Gerechtigkeitsdebatte sucht. Andersrum,
wenn man sagt: "Sogar die Manager geben was ab.", dann
ist unterstellt, dass die eine ganz andere Gattung sind. Da
gewöhnt
sich das Volk an einen Rassismus des Geldes, es gibt Leute, die
sind halt reich und da hat man auch nichts dran zu meckern. Da
kann man vielleicht noch sagen: "Die Reichen sollen auch
was abgeben!", aber damit ist anerkannt, dass das die Reichen
sind. Der Egalitarismus, der ja bei der Kopfpauschale für
die Krankenversicherung sehr angesagt ist nach dem Motto: gleiche
Gesundheit für alle, also auch gleiche Gesundheitskosten
für alle, gilt nicht für die Debatte beim Managergehalt:
Ist es eigentlich gerecht, dass sie sich vom 40-fachen auf das
170-fache des Durchschnittslohns ihrer Angestellten hinaufkatapultiert
haben, sollen sie da nicht wenigstens x % davon wieder abgeben?
Das ist die Gewöhnung daran, dass die sowieso mit ganz anderen
Maßstäben zu messen sind als ein normaler Arbeiter
und erst recht mit ganz anderen Maßstäben als ein
ALG-II-Empfänger.
Der Formalismus: "Wir können sie jetzt alle
überprüfen.",
ist nur der Zusatz zu dem: "Wir wissen schon, es gibt Stinkreiche,
ziemlich Reiche und Reiche in dieser Gesellschaft und dann
außerdem
die Armen."
- Dass die Managergehälter und dass die was abgeben sollen,
überhaupt in die Debatte gekommen ist, liegt wohl daran,
dass das Programm dann von den Politikern mit mehr Glaubwürdigkeit
durchgezogen werden kann.
Ja, aber mit ‚Glaubwürdigkeit' - in welcher Sphäre
ist man da schon wieder? Wo gehört Glaubwürdigkeit hin
in der gesellschaftlichen Moral? Glaubwürdigkeit ist eine
Tugend bei den Politikern, also bei den Herrschaftsfiguren. Kinder
sollen ehrlich sein, aber nicht glaubwürdig, Politiker müssen
nicht ehrlich sein, sondern glaubwürdig. Bei den Managern
hat das Offenlegen der Gehälter natürlich nicht die
Folge, dass es ihnen weggenommen wird, sondern qualifiziert den,
der das offen legt, zu einer Figur, die sich trauen kann, sich
vor die Leute hinzustellen, die sie schädigt; diese
kapitalistische
Tugend hat das schöne Etikett ‚Glaubwürdigkeit'.
Und wenn die Manager vor den share-holdern (und natürlich
nicht vor dem normalen Volk) ihre Gehälter offen legen, damit
die, deren Eigentum sie verwalten, wissen, was sie denen zahlen,
dann ist das ein Beitrag zur Aktienkultur - da ist man dann
endgültig
von den ALG-II-Empfängern weg.
- Noch mal zu dem ‚egalitär' von vorhin, da wurde gesagt,
der hat nichts mit einem materiellen Egalitarismus zu tun... Aber
einer der Fortschritte der bürgerlichen Demokratien ist doch,
dass die Gleichheit gerade von den ganzen Differenzen im Eigentum
abstrahiert... Das ist das Perverse, dass über alle Klassen,
über Eigentum oder Eigentumslosigkeit hinweg alle gleich
sind und von diesem sehr abstrakten Kriterium kann man in so einer
Debatte sagen, jeder Bürger muss ein Opfer bringen, und dann
gibt es die Debatten, in welcher Form dieses Opfer gebracht werden
muss, über Kopfgeld oder als prozentualen Abzug vom Lohn,
eben all die Debatten, die man bei der Steuer auch hat.
Ich will auch gar nicht leugnen, dass es nach wie vor die
Citoyen-Seite
gibt, die vom Bourgeois abstrahiert.
Aber da muss man unterscheiden. Nach der einen Seite hin wird
der Unterschied zwischen Eigentum und Arbeit ja ganz streng gemacht,
das Kapital muss gerade freigestellt werden, aber an den
Funktionären
des Kapitals wird plötzlich geltend gemacht, sie seien auch
wie verpflichtete Bürger, die dem Kapital dienen. Jeder kennt
das Argument: Wenn die auf 3 % verzichten, ist das sowieso nur
symbolisch, weil das der Preis ist, den sie an die Gewerkschaft
zahlen. Ansonsten hat wirklich keiner verlangt, dass
Managergehälter,
wenn sie offen gelegt werden, auch national beansprucht werden.
Bei dem Streit bei Daimler über die Beteiligung der Manager
mit ihren Gehältern bei den anstehenden Sparmaßnahmen
hat der Kanzler gesagt, das war ein feiner Zug, weil passend für
die Durchsetzung, aber er hat nicht gesagt, auch Manager müssen
Opfer bringen.
Und wenn nicht gesagt wird, die Managergehälter sind zu hoch,
sondern: sie sind unanständig, dann merkt man da die Schmerzen
der alten Moral. An dem Maßstab gemessen, man möchte
noch irgendeine Relation zur Leistung erkennen und wenn die Leistung
darin besteht, Leute zu feuern und ärmer zu machen, dann
möchte man das nicht auch noch belohnt sehen mit viel Geld.
Das lebt von einem sozialen Ethos, das nicht mehr zu der heutigen
Zeit passt.
Und die ganze Debatte mit dem Offenlegen ist geführt worden
unter anderem mit dem Argument: "Wenn die das mal offen legen,
dann ist es rum." In anderen Ländern sieht man es doch,
die verdienen schwer, legen die Gehälter offen und es gibt
keinen Grund zur Beschwerde mehr, weil es ja öffentlich ist.
Noch was zum Punkt Umstellung der Gerechtigkeit. Das ist die
kaltschnäuzige
Art der Unternehmer, mehr unbezahlte Arbeit zu verlangen (s.a.
GEGENSTANDPUNKT 104). Das ist eigentlich die Kündigung aller
Illusionen über Lohngerechtigkeit. Daran ist man doch gewöhnt
worden: Lohn und Leistung stehen in einem ehernen Verhältnis,
genau ausgerechnet bis auf die zweite Stelle hinter dem Komma,
und jetzt heißt es ganz schlicht: Das ist doch wohl klar,
dass unbezahlte Arbeit sein muss. Und es gibt kaum noch die alte
Moral, die sich auf Lohngerechtigkeit beruft, stattdessen gibt
es jetzt die Arbeitsplatzgerechtigkeit und die durchgesetzte neue
Moral heißt: Alles ist in Ordnung, was für einen
Arbeitsplatz
gut ist. Und nachprüfen ist nicht angesagt, bzw. nur von
dem Maßstab aus: gut oder schlecht für den Arbeitsplatz?
- Die treten doch schon wieder an unter dem Motto: "Wir sind
das Volk!" Das ist doch der Hinweis: Wir wären dienstbar,
dass es nur so kracht.
Ja. Das ist die Bereitschaftserklärung: Wenn ihr wirklich
macht, was ihr ankündigt, machen wir alles mit, aber ihr
bleibt von dem, was ihr versprecht, was schuldig, eben die
Arbeitsplätze.
Das ist die inhaltliche Ausführung von dem, was das Etikett
‚Volk' wirklich in ein Etikett fasst, nämlich: Die stellen
sich als Betroffene und als Opfer vor die Regierung und sagen:
"Ihr tut uns was an und wir sind der Meinung, das dürft
ihr nicht." Aus diesem Verhältnis - Volk stellt sich
vor Führung und jammert über die ungerechte Behandlung
- führt nichts heraus, wenn man einmal mit dem "Wir
sind das Volk!" angefangen hat.
Wenn die Veranstalter des Hartz-IV-Gesetzes das Ansinnen der
Demonstranten
als elitär kritisieren, dann tun sie das im Namen dieser
neuen Moral, über die wir vorher geredet haben: "Wer
zahlt euch das denn? Denkt doch mal an die, von denen ihr lebt!
Denkt doch mal an die, denen es noch schlechter geht als ihr denkt,
dass es euch demnächst ergeht!" Die Idee, Belege über
das Einkommen der bisherigen Sozialhilfeempfänger auf der
Demonstration zu verteilen zwecks Vergleich mit der Summe, die
ein Hartz-IV-Bezieher bekommt, gehört auch zur Zurückweisung
des Protestes. Sie gehört aber nicht zum Begriff dieses Protestes,
der nichts von einer Kritik dieses Zustands an sich hat, sondern
die Beschwerde ist, dass es einen trifft, wo man doch eigentlich
bewiesen hat, dass man in diese Kategorie des Pauperismus nicht
hineingehört. Das ist keine Kritik des Pauperismus, sondern
eine moralische Beschwerde, unter diesen Status subsumiert
zu werden. Das ist ein feiner, aber entscheidender Unterschied,
weil das Letztere akzeptiert alles, reklamiert aber einen Gesichtspunkt
für sich, unter dem man nicht dazugehört.
- Wobei für die Leute im Osten noch dazukommt, dass
staatlicherseits
der Beschluss aus dem Verkehr gezogen wird, dass da noch irgendetwas
aufgebaut wird. Dass es noch irgendwelche
Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen
gibt, das wird alles weggekürzt. Der Osten ist kein
Entwicklungshilfeprojekt
mehr, sondern es ist einfach ein armes Volk und das ist das Schicksal
von denen, die dort geblieben sind.
Genau. Gerade die trifft ziemlich flächendeckend dieser neu
organisierte Pauperismus; vom Staat her ist es die Beendigung
des Standpunkts Aufbau Ost. Von denen selber her ist es nicht
so gut, weil Form und Inhalt so deckungsgleich sind. Mit Form
ist gemeint, wenn eine ganze Protestbewegung als Zitat auftritt,
da möchte man eigentlich nur daran erinnern, wie man vor
14 Jahren im Recht gewesen ist bis hin zu so unsinnigen
Überlegungen:
damals hat es doch was gebracht, also muss es heute auch wieder
was bringen. Da merkt man, auf welcher Ebene der Protest angesiedelt
ist: auf der des historischen Verdienstes, den man sich mal erworben
zu haben meint, und der Vorstellung, das könnte man mit dem
Protest wieder aufleben lassen. Dem Inhalt nach ist es dasselbe
wie damals: Man bekennt sich als Volk, also als Manövriermasse
von jemand anderem und man klagt bei diesem anderen, nämlich
dem Staat, ein, dass er einen als Manövriermasse respektieren
und besser behandeln soll. Nicht respektvoll von seinen Herren
behandelt zu werden, ist das Schmachvollste, was sich ein Bürger
ausdenken kann.
- Im Vorlauf bei den Hartz-IV-Verhandlungen gab es doch immer
die Beschwerde der Ministerpräsidenten Ost, dass, wenn das
Hartz-IV-Gesetz durchkommt, sie ihre Haushalte nicht mehr hinkriegen
und noch mehr Kaufkraft fehlt als bisher schon gefehlt hat...
Der Standpunkt der Ministerpräsidenten war der bornierte
Standpunkt: Hartz IV muss extra auf den Osten Rücksicht nehmen,
weil wir nicht ein totales Armutsland regieren wollen, also braucht
es eine Art Länderausgleich in Sachen Sozialreformen; so
was haben die beantragt. Von unten wird auch nicht viel mehr anderes
verlangt als, es müsste berücksichtigt werden, dass
der Osten ein Sonderfall ist, denn - und jetzt kommt die eine
trostlose Wendung - wir sind doch schließlich übergelaufen,
wir haben das verdient, weil wir uns zu der Nation bekannt haben,
also ist die uns doch was schuldig, übrigens gerade, wo die
ihnen vorführt, was dieses Überlaufen bedeutet und sagt,
sie ist den Leuten nichts schuldig, sondern die sind ihr was schuldig.
Denn gerade wenn sie übergelaufen sind, haben sie Freiheit
und nicht Wohlstand gewählt. Dies hat auch der Clement deutlich
gesagt: "Wir gehen davon aus, ihr seid eingemeindet, also
habt ihr als Folge auch das zu unterschreiben, was wir für
notwendig halten." Dagegen geht diese Klage bezüglich
mehr Respekt. Das ist dann auch ganz schnell wieder vom sozialen
Aufstand weg bei diesem speziellen Ost-Nationalismus: "Wir
haben eingesehen, dass wir eine Minder-Region sind;" - das
Bekenntnis steckt da ja auch schon drin - "wir sind halt
die Region mit der höchsten Arbeitslosigkeit in dieser Nation,
aber deswegen sind die uns Anstrengungen in bezug auf
Arbeitsplätze
und Rücksichtnahmen beim Verarmen schuldig, gerade weil wir
das eingesehen haben, dass wir noch hinten dran sind." Die
Grundlage ist, der ganze Osten ist ein staatlich betreutes
Sozialgewese,
darum schlägt das dort auch ganz anders ein, wenn der Staat
sagt, dass der Sozialstaat auf den Kopf gestellt wird; der wird
als Belastung behandelt und deswegen der ganze Osten als ein einziger
neu in die Armut gestürzter Sozialfall. Das Erbärmliche
ist, dass sie gerade jetzt den Unterschied zwischen ihrem alten
System und dem neuen erfahren. Das alte hat doch viel mehr Respekt
gehabt vor dem "Wir sind das Volk!" als das jetzige,
das sagt: "Jetzt sind wir eine Demokratie, vom Volk legitimiert,
da hat so eine Minderheit nichts zu bestellen. Sie sollen lieber
mal an die anderen Armen in der Republik denken." Jetzt wird
ihnen auch noch der Titel "Montags-Demos" bestritten
und damit überhaupt die Legitimität abgesprochen, sich
darauf zu berufen, dass sie mal als gute Nationalisten unterwegs
waren, und an diese schöne Tradition anzuknüpfen.