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Zur Ausbildungsplatzabgabe und der aktuellen öffentlichen
Besprechung des Aufbaus Ost
a) Zur Ausbildungsplatzabgabe
Warum schlagen die Wellen so hoch anlässlich der geplanten
Ausbildungsplatzabgabe? Was ist das von der Politik her und man
fragt sich, ob die Wirtschaft das für sich als Schaden betrachtet.
Oder ob sie das schon fast als ideologische Zumutung betrachtet,
so eine Idee überhaupt in die Welt zu setzen.
Der Tendenz der Frage ist zuzustimmen. Einmal ganz banal gefragt:
In welchen Zeiten leben wir? Die Menschheit in Arbeit oder arbeitslos
ist zu teuer - für das Wachstum. Die ganze Republik, dazu
Sonstiges auswärts: ein Ensemble von schlechten Wachstumsbedingungen.
Die Politik fühlt sich aufgerufen, gute Wachstumsbedingungen
zu schaffen. Da ist natürlich der Lohn, das Lohnniveau, das
Sozialstaatswesen erster Angriffspunkt. Aber auch sonst hat man
Ideen: Ladenschluss z.B. Die Tendenz steht fest, wo die
Wachstumsbedingungen
politisch korrigiert gehören. Positiv ausgedrückt: wie
Wachstum freigesetzt wird, entschränkt wird, Geschäftsbedingungen
schrankenlos gemacht werden. Man denke an den Streit um den
Flächentarif,
die Arbeitslosen und beim Sozialwesen. Mitten in die Halbzeit,
in die eindeutig festgelegte Linie einer Politik - das Kapital
soll von allen Schranken befreit werden und alle anderen sollen
sich als Schranke verstehen, einsehen, dass sie davon abhängig
sind, sich gefälligst nach der Decke strecken und sich politisch
neue (Über-) Lebensbedingungen verordnen lassen - fällt
dem Staat als Wächter seiner Jugend = künftige Lohnarbeiter
ein, dass es an dieser Front auch hapert und sagt: "Ich lasse
die jungen Leute nicht im Stich." So lauten die neuesten
Sprüche. "Wir tun etwas, damit wir nicht lauter Analphabeten,
nicht mal mit Hauptschulabschluss, haben. Sie richten dabei den
Blick auf die Welt, wie sie eingerichtet ist: gegliedertes Schulwesen;
berufliche Ausbildung, die schon auf eine Art zur Produktion gehört.
Dort lernte man je nach Beruf das Feilen oder Löten und es
gibt dazu eine Berufsschule Das hat sich quasi naturwüchsig
immer so abgespielt, dass die Unternehmen Lehrbuben und -Mädchen
eingestellt haben. Was tun sie heute? Teils mit Argumenten, die
seien fast so teuer wie eine Arbeitskraft, teils damit, dass die
Schikanen, die man mit Lehrbuben in den drei Jahren anstellt,
inzwischen fast nicht mehr erlaubt seien… Bei all diesen
in höflichen Worten aufgezählten Argumenten bleibt unterm
Strich übrig, dass die Unternehmer es nicht mehr nötig
haben, für Nachwuchs zu sorgen. Es ist ihnen darüber
klar geworden, dass vier oder fünf Millionen Leute auf der
Suche nach Arbeit herumlaufen und dabei nicht das Problem sein
kann, dass kein Nachschub kommt. Die Unternehmer gehen so weit
zu sagen, neulich hätte man so gern drei Lehrlinge eingestellt,
man musste aber feststellen, dass die weder Schreiben noch Rechnen
können. Es soll nicht bezweifelt werden, dass die Kinder
nichts können, aber dass ein Unternehmer einen Intelligenztest
vornimmt?! Klar wollen sie vor der Einstellung etwas wissen über
eine charakterliche Befähigung und gewisse zivilisatorische
Grundtechniken (zum Lesen der Schilder auf den Maschinen). Damit
hat es sich aber. Mitten in diese anfangs umrissene Szenerie machen
die Politiker einen Anlauf - von dem ist seinem Gehalt nach nicht
feststellbar, was der an Knebelung, an Wachstumsbehinderung im
Geschäftswesen anrichten soll. Die Unternehmen schreien aber
so auf als ob. Jetzt ist man bei der in der Fragestellung angedeuteten
Auflösung: Die Unternehmer meinen, das passe jetzt
wirklich nicht in die Zeit, dass Vorschriften an die Geschäftswelt
ergehen, die ist doch gerade auf dem Befreiungs-Trip politisch
gesehen. Wenn man die Argumente aller Fraktionen durch geht, wird
es hanebüchen. Wenn ein Staat ernsthaft will, dass die jungen
Leute lernen statt Dummheiten machen, dann gibt es eine
Ausbildungsverordnung
und sie werden durch geschleust. Wo (die Hälfte im Unternehmen,
die andere wo anders) die Ausbildung stattfindet, kann auch in
die Ausbildungsverordnung hinein geschrieben werden. Das steht
aber gar nicht zur Debatte. Sondern die Politik möchte im
Rahmen der üblichen Praxis die Unternehmer ein wenig schubsen,
oder ein Signal setzen, man mache nicht nur den kleinen Leuten
Schröpfaktionen und Vorschriften auf, sondern verpflichten
ab und zu auch die großen und kleinen Unternehmen auf etwas.
Das ist der ideologische Grund für die Initiative der Regierung.
Der ist zugleich der Grund für einen absurden Konter,
so als ginge damit die Welt unter. Man hat es schon schwer, der
Menschheit zu erklären, dass "Arbeitsmarkt" ein
seltsames Gefüge, das Wort eine Chiffre, ein ideologisches
Gerinnsel ist. Jetzt entwickeln sie so Stichwörter wie:
Ausbildungsmarkt.
Dann sagen Unternehmer z.B. als Argument: Das sei doch dem
Ausbildungsmarkt
nicht förderlich. Der Auseinandersetzung selbst ist nichts
an Substanz, was theoretisch oder praktisch dahinter stecken würde,
zu entnehmen, was uns beunruhigen müsste. Bis in die Durchführung
hinein ist das bemerkbar: Sie machen ein Gesetz, mit dem sich
um die Ausbildung der jungen Leute gekümmert werde und man
sagt dazu, das Liebste wäre ihnen, das Gesetz würde
nie zur Anwendung gelangen. Das wäre mal etwas Neues: Man
macht Gesetze, damit sie nicht angewandt werden! So kommen
politische Stellungnahmen wie z.B. von Müntefering zustande,
die den Spagat riskieren in Sätzen, in denen die Versicherung
ausgesprochen wird, man kümmere sich um die Jugend, selbst
um den Preis, auch Unternehmern Auflagen zu machen. Die zweite
Hälfte von derselben Stellungnahme heißt dann, Unternehmer
zu schädigen, ihnen Schranken aufzuerlegen, sei aber die
Sache dieser Regierung nicht. Das ist der Typus
"Streit-Stellungnahmen".
Der höchste Grad an Ehrlichkeit, der in solchen Affären
bei einem Politiker zu Stande kommt, ist ein gewisses Erschrecken
darüber, dass die liebe Marktwirtschaft in solchen Lagen
wie heute - Krise und vier oder fünf Millionen Arbeitslose
gibt es bereits - tatsächlich bei der Jugend schon mit dem
Verschrotten anfängt. Alles andere ist verlogen.
b) Zur aktuellen öffentlichen
Besprechung des Aufbaus
Ost
Was hinter der neuesten Kampagne, Manier steckt, den Ostanschluss
als großen Misserfolg, inzwischen riskantes, teilweise gescheitertes
Unterfangen zu besprechen, das dringenden Reparaturbedarf hat
- was das ideologisch und praktisch ist, soll heute Thema sein.
Der "Spiegel" haut einen Titel raus: "1250 Milliarden
(neun Nullen) - Wofür?" Allein schon darüber könnte
man einiges vermelden. Als ob der "Spiegel" nicht wüsste,
wofür das ist.
Tatsächlich ist es 12 Jahre her (GEGENSTANDPUNKT 3-92, Zwischenbilanz
einer friedlichen Eroberung / Von der Schwierigkeit, den Kapitalismus
ins eigene Land zu exportieren), dass wir die Sache (in einem
durchaus ironisch geschriebenen Artikel; der Gang der Argumente
ist ernst) behandelt haben. Wenn wir heute darüber diskutieren,
ist vorher über die Differenz zwischen Kapitalexport
und Kapitalismusexport (= -Herstellung, -Aufbau) zu klären,
worum es auch damals schon ging.
Kapitalexport passiert nur in Länder, wo die Grundlagen
zur kapitalistischen Produktion vorhanden sind und abgecheckt
worden ist, dass es dort günstiger ist als im alten Standort;
Kapitalismusexport in ein Land, wo solche Bedingungen nicht
existieren, sondern erst hergestellt werden sollen. Da die Umstände
ganz andere sind, sollen die neuen Maßstäbe auf politischem
Weg erst hergestellt werden. Da ist die große Frage, ob
dafür überhaupt ein kapitalistischer Bedarf besteht.
Eine kleine Korrektur zum Anfang, nicht weil es absolut falsch
wäre, sondern weil man aufpassen sollte, nicht immer so zu
tun, als ob bei einem Kapitalexport (- amerikanische oder europäische
Kapitalisten machen irgendwo in der Tschechei oder in Ungarn ein
Geschäft -) jedes mal ein Vergleich der Geschäftsgelegenheiten
und die Entscheidung für die günstigere gemacht würde.
Das wäre eine Eingrenzung auf den heute in Krisenzeiten
üblichen Kasus. Die Elementarform des Kapitalexports
ist mehr Geschäft, mehr Kapital wird angewandt,
der eigene Markt kommt einem zu eng vor. Es kann sein, dass hier
alles klappt und der Geschäftsmann 1 Million übrig hat
und sich fragt, was er damit macht. Es beschränkt sich also
nicht auf den Vergleich von Geschäftsbedingungen.
Naheliegender bei der Klärung der Differenz von Kapitalexport
und Kapitalismusexport ist, dass das Subjekt ein
anderes ist!
Kapitalexport machen gestandene Geschäftsleute, die sich
erkundigen, wie hoch die Zölle sind, wie es dort zu geht,
ob sie Strom haben, Wasser, Leute, man Verkehrswesen nützen
kann... Diese Geschäftsbedingungen, so es sie gibt, liegen
aber in der Zuständigkeit anderer. Man kann sogar eine andere
Nation anmachen, sie quasi in die Pflicht nehmen und sagen: Wenn
ihr wollt, dass wir bei euch unser Geschäft erweitern, dadurch,
dass wir bei euch unser liebes Kapital investieren, von dem ihr
offenbar zu wenig habt, dann müsst ihr für die
Anwendungsbedingungen unseres Kapitales gerade stehen. Das kann
ein Geschäftsmann machen, das kann aber gleich die Nation
mit der anderen aushandeln. Nur beim Export des Kapitalismus,
wie wir den Aufbau Ost kurz gefasst haben, ist von vornherein
klar, dass das eine Staatsaffäre ist, der die Einladung
an die Geschäftswelt quasi folgt. Es ist im Osten Deutschlands,
der jetzt zu uns gehört, alles vorhanden, was man Geschäftsbedingungen
nennt. Vom Recht, vom Anstand der Leute, vom Verkehrswesen, von
der Telekommunikation … - die Geschäftsbedingungen sind
staatlich erzeugt (also bezahlt) um dann die Einladung an die
Geschäftswelt folgen zu lassen: Jetzt investiert mal schön.
Mit dieser Einladung überantwortet man natürlich auch
die Beurteilung jener Brauchbarkeit denen. Solche Sachen
wie "Brauchbarkeit" sind eine Falle, denn dem Gegenstand,
der beurteilt wird, wird der Bezug eines geltend gemachten Zwecks
auf ihn als Eigenschaft zugeschrieben. Die Ideologie über
die "Zone" heißt dann: Die sind noch nicht so
produktiv wie die anderen. Die haben immer noch Narben in ihrem
Gemüt wegen der Diktatur. (Dabei haben die keine Narben,
sondern nur Fahnen im Kopf.) Daran soll weiter gedacht werden.
Was ist jetzt passiert? Der Kapitalismusexport ist mit
vielen Kräften, mit 1250 Milliarden, betrieben worden, aber
mit der Anwendung von Kapital stimmt etwas nicht.
Auf diesem Globus gibt es viele Staaten, die über Kapitalmangel
klagen. Sie laden die ganze weltweite Geschäftswelt zu Investitionen
ein - der ehemalige Ostblock gehört dazu. Es findet also
Kapitalexport statt und wo er nicht stattfindet, gibt es Beschwerden.
Da kann die exportierende Nation eine Palette von Unzufriedenheiten
aufweisen - sei es beim Stattfinden, sei es beim Nichtstattfinden.
Bei der besuchten Nation heißt es, hier herrsche Kapitalmangel
und wenn Kapital ausbleibe, könne bei ihnen kein Aufbau passieren.
Finden Investitionen statt, es kommt aber für den Staatshaushalt
zu wenig heraus, dann kommt die bekannte Beschwerde des ungleichen
Tausches usw.
Festzuhalten ist, dass es am Kapitalexport selbst grundsätzlich
zunächst keine Kritik gibt. Das Land, in das exportiert
wird, beklagt sich höchstens darüber, dass es zu
wenig ist. Wenn das exportierende Land zu dem Standpunkt gelangt,
es wird zu viel exportiert, das dann hier fehlt, liegt
das nie am Kapitalexport selber, sondern da muss in dem Land schon
etwas in Unordnung sein, dass man so nachrechnet, dass eigentlich
der Erfolgsausweis der eigenen Geschäftsleute, dass sie jetzt
auch noch Geschäfte anderswo machen, sich gegen den eigenen
Standort richte und ihn schädige. Das liegt dann nicht am
Kapitalexport, sondern daran, dass im eigenen Land die Geschäfte
schlecht laufen.
In der Öffentlichkeit wird das Verhältnis auf kindgemäßes
Niveau herunter geschraubt, wenn sie z.B. damit anfangen: Hier
bauen die vaterlandslosen Gesellen Arbeitsplätze ab und gehen
ins Ausland, machen anderswo ihren Reibach. Da kommt das Argument
dagegen, dadurch, dass unsere großen Konzerne irgendwo in
Taiwan oder der Tschechei sich zusätzliche Geschäftssphären
eröffnen, sind sie überhaupt in der Lage, eure Klitsche
in Breitengüßbach zu erhalten. Das rettete Arbeitsplätze
bei uns. So steht Meinung gegen Meinung und man kann eine Stunde
darüber weiter blöd daherreden.
Wo ist da der Zusammenhang damit, worüber am Osten gelitten
wird? Der Staat sagt, ich habe Unsummen ausgegeben und der Zweck
hat sich nicht eingestellt. Von daher fällt das schlechte
Licht auf die verausgabte Summe.
Man soll nicht sagen, es wäre dort kein Kapitalismus
hergestellt worden. Der Erfolg ist ausgeblieben, der Beitrag
zum Wachstum der Nation.
Der, der da urteilt hat einen Anspruch an das Wachstum. Die
"Inseln", Autofabriken, Computerwerk, wären zwar
ganz schön, würden aber nicht genügen. Offenbar
war an ein Wachstum in anderem Maßstab gedacht. Also nicht
kein Kapitalismus ist entstanden, sondern der, der entstanden
ist, genügt dem Maßstab des hiesigen Staates nicht.
Die 1250 Milliarden, die in den Osten gingen, sind doch kein
Kapitalexport, sondern Nationalkredit.
Das ist Kapitalismusexport - das sollte unterschieden werden.
Der Staat hat das Projekt aufgelegt: Ich schaffe die Bedingungen
für Einsatz von Kapital, das hier in den alten Bundesländern
entstanden ist. Es soll dort investiert werden, dann ist
das ein Beitrag zum Wachstum der Nation. Der Kapitalismusexport
ist vollzogen worden. Nun beklagt man sich. Man könnte fragen:
Warum beklagt ihr euch? Alle Maßstäbe, für die
ihr - Demokraten, Politiker usw. - euch stark macht, dass Unternehmen
nach rentablem Einsatz ihres Geldes schauen, sind erfüllt.
Das ist doch die Freiheit, die ihr meint!
Unterm Strich bleibt: Es kommt der Maßstab zur Anwendung
von denen, die dazu befugt sind und es stellt sich kein Erfolg
ein. Was ist jetzt los? Das ist die Erklärung. Aber sie geben
keine Ruhe. Jetzt kommt Ursachenforschung und Schuldzuweisung
erst richtig auf Touren.
Es ist ein nationales Projekt fehlgeschlagen. Kapitalismus
ist exportiert. Er hatte den Zweck, das neue Deutschland größer
und reicher zu machen. Es ist zwar größer an der Einwohnerzahl
geworden, aber reicher ist es nicht geworden. An der Stelle bilanzieren
sie einen Misserfolg des nationalen Projekts. Wenn gefragt wird:
"Was haben sie denn jetzt noch?", dann muss man sagen,
dass das, was sie wollten, nicht passiert ist.
Die Argumentation war so, dass ich keine Fortsetzung brauche aber
bei denen geht die Geschichte erst los. Damit ist gemeint, wie
ideologisch das ausfällt, wie verwegen die Beurteilungen
auch sind, praktisch folgenlos sind sie deswegen nicht.
Haben wir eine relevante, bemerkenswerte Kritik an Geschäftsleuten,
an Kapitalisten wegen ihrer Unterlassung zu vermelden? Ab und
zu, wenn in Talk-Runden der Gewerkschafts-Pieps angesagt ist:
"Anstatt euer Geld bei unseren Brüdern und Schwestern
im Osten anzulegen, legt ihr es in den Billiglohn- oder
Schwellenländern
an." Das ist das Höchste an Kritik. Von Regierungsseite
aus ist die rückblickende Selbstkritik, da müsse doch
einer etwas verkehrt gemacht haben, kein Katalog von Vorwürfen
an die Geschäftswelt.
Selbst der Gewerkschafts-Vorwurf unterstellt ja den Dienstgedanken,
den das Kapital hätte, eigentlich dafür zuständig
zu sein für die Schaffung von Arbeitsplätzen.
Wenn die große Frage: "Einer von uns hat vielleicht
nicht sein Bestes gegeben.", aufkommt, dann gibt es eine
Selbstkritik seitens der Politik. Und das, was man an sich selbst
kritisiert, ist ein verkehrter Umgang mit dem, was man sowieso
laufend betreut.
Ein großes Rätsel ist es ja wirklich nicht. Genauso
wie Vorwürfe ans Kapital heutzutage, es ließe da zu
wünschen übrig mit seinem Engagement fürs Vaterland,
an der Ecke eigentlich gar nicht vorkommen. Das Vaterlandsargument
gehört schon in eine etwas andere Diskussion, aber nicht
in dem Zusammenhang, sie wären zu wenig nach Osten gegangen.
Genauso hat sich auch das Argument erledigt, dort drüben
sei alles marode. Es wäre ja auch irrsinnig, heute noch das
Argument vorzubringen, nachdem alles, was vor 10 Jahren für
marode befunden worden ist, jetzt einfach weg ist. Es wird ja
höchstens noch aufgeräumt. Umgedreht, die Geschäftsbedingung,
an der es fehlt, ist ja für niemanden ein Geheimnis, die
Leute sind zu teuer. Auf das reimt sich doch jetzt alle Beschwerde
über den Osten. Man hat sie zu unbefangen umgestellt - das
ist die rückblickende Selbstkritik an der damaligen Einigungspolitik
, aber das geht gleich vorwärts in die Richtung bis hin zur
Idee einer Sonderwirtschaftszone, die sich durch nichts anderes
auszeichnet als durch das Fehlen von Bedingungen, die dem Kapital
das Leben schwer machen. Das ist erstens die Vorstellung - das
geht in die Richtung des Ideologischen von vorhin , Vorschriften
überhaupt wären von Übel, und eine Bürokratie,
die auf sie aufpasst, ist schon gleich doppelt von Übel.
Und das, was an jeder Ecke dahinter steckt wenn von Bürokratie
und Vorschriften die Rede ist, ist immer auch gleich der Inhalt
von Vorschriften, nämlich welche, die dem Kapital das Anwenden
der Leute zu teuer machen. Das ist doch eine selten drastische
Durchführung des Arbeitsplatzargumentes, die man drüben
erlebt.
Das sind so Beispiele. Worin besteht jetzt eigentlich die Wende
mit diesen Beschwerden? Beispiel: Wir haben denen mühsam
mit Hilfe von Rechtsgelehrten und Rechtsverdrehern beigebracht,
dass der Markt halt Regeln hat, an die man sich halten muss. Sie
haben tatsächlich ein Banken-, Justiz- und weitere -Wesen
drüben etabliert, und wo so etwas etabliert ist, gibt es
natürlich auch eine Bürokratie. Sie haben ja auch Minister
hinüber geschickt, so als taugte der Zoni naturgemäß
nicht zum Ministeramt. Und jetzt sagen sie, dass das, was sie
selber gewollt und eingeführt haben, dereguliert gehöre,
dass das geschäftsfeindlich sei. Sie haben doch Kataster-
und Bauämter eingerichtet, damit die Überführung
von Grund und Boden in Privateigentum richtig klappt, dass alles
seinen Preis hat und man beim Notar vorbeigehen muss usw. So ist
das und der Laden läuft. Jetzt sagen sie auf einmal: "Vielleicht
ist der Grund für den mangelnden Beitrag zum Wachstum in
der Ostzone in den zu vielen Vorschriften baurechtlicher Art zu
suchen."
Es gibt doch eine Reihe von Argumenten, die alle in die Richtung
gehen, als hätte man gerade so gegen die reine Lehre der
kapitalistischen Ökonomie verstoßen, indem man sie
dauernd finanziert hat, anstatt sie dem Kapital und ihrem Schicksal
zu überlassen.
Man denke sich dazu nur die ganze Sozialstaatsgeschichte. Nach
der puren Währungsumstellung am Anfang - und das bekommt
jeder Stammtischbruder hin: "Obwohl die doch gar nichts in
unsere Kassen eingezahlt haben, kriegen die drüben eine Rente
aus meiner Kasse." - die Einführung des Sozialstaates.
Solche Maßnahmen haben sie ergriffen. Die Gründe dafür
sind offenbar: Sie wollten sich die Loyalität des neuen Zuwachses
an Menschenmaterial nicht dadurch verscherzen, dass sie zu ihnen
sagen: "So, jetzt seid ihr erst einmal ein auf Dauer armes
Beitrittsgebiet, streckt euch deshalb einmal nach der Decke. Wiederholt
einmal all das, was bei uns die Leute nach 100 Jahren Kapitalismus
von der größten Armut bis zum modernen Surfbrett hinter
sich haben." Das war doch gar nicht der Witz. Sie haben gesagt:
"Die Geschäftsbedingungen schaffen wir, indem wir die
Arbeitskraft, das potenzielle Arbeiterlein so ausstatten, dass
man die Alten durchfüttert. Sie sollen zum Aldi gehen, und
sie bekommen 1000 Mark Rente usw." Das muss sein, weil ihre
bisherigen Einkommensquellen, ihre Quellen zum Lebensunterhalt,
die alte DDR eben mit ihrem System, weg, vernichtet waren.
Das, was früher als Stammtischdebatte gelaufen ist, kommt
jetzt von oben.
Na eben. Das ist ja der Witz. "Die Geschäftsbedingung,
an der wir uns mit unserem Kapitalismusexport, mit unserem Rechts-
und Systemexport vergangen haben, die wir falsch eingerichtet
haben, das ist: Die Leute sind zu teuer, zu anspruchsvoll usw.
Es gibt letztlich keinen anderen Grund, warum die blöde Geschäftswelt
dort drüben nicht investiert wie der Teufel." Im Zuge
dieses Beschlusses, der dann heißt, als Sonderwirtschaftszone
wäre die DDR eigentlich zu behandeln, kommt ein interessanter
Begriff von Gleichheit, oder eine interessante Vorstellung, wozu
denn Gleichheit gut ist, heraus. Alle Leute, die die Flausen im
Kopf haben, Gleichheit wäre etwas, wofür man auch einmal
den Finger hebt, demonstrieren geht usw., müssten endgültig
belehrt sein. Gleichheit ist doch das Hindernis. Noch anders:
Die Ungleichheit bringt es gerade. Übrigens, das ist hier
bei uns auch schon so gewesen, bloß hier wird es so demonstrativ
vorgeführt. Dass man nicht jedem dasselbe zumutet oder gibt,
je nachdem.
Das ‚Gießkannenprinzip' steht für diese Kritik
an der Gleichheit.
Mir kommt es so vor, dass die sich beim Gießkannenprinzip
eine Serie von Subventionen denken. Man streut Kredit unter die
Leute. Bei ‚Gießkanne' denken sie an die Geschäftsförderung
und nicht daran, dass man die Rentner auszahlt.
Der Staat hat doch auf einem Wachstum bestanden, das ein Beitrag
zum Reichtum der Nation sein soll. Jetzt urteilt er, dass dies
nach allen Regeln ungenügend ist. Jetzt behaupten sie doch
sogar, dass das Geld, was für den Osten ausgegeben wurde/wird,
Schuld am Niedergang des Westens sei. Es kommen Redeweisen auf
der Art: "Man muss im Osten selber eine Sortierung vornehmen
zwischen Kernen vorbildlichen Wachstums und dem Rest des Landes.
Über diesen Rest muss man sich das Urteil trauen, dass er
einfach nichts taugt." Mir scheint dies so, als würden
die selber ihren Standpunkt revidieren, dass sich der Kapitalismus
in jeder Ecke breit machen solle.
In Ordnung, bedenk' jedoch ein paar Dinge. Nachdem man
erst einmal gesagt hat: "Die Regeln von Lohnarbeit und Kapital:
Geld regiert die Welt; alles hat seinen Preis; wo keine Straße
ist, muss eine hin, damit die Leute darüber fahren und ein
Geschäft daraus machen können", nachdem diese
Einrichtung von Geschäftsbedingungen vorgenommen, diese Infrastruktur
hingestellt worden ist, sagt man jetzt auf einmal: "Halt,
wenn das nicht geklappt hat, dann war es vielleicht überhaupt
falsch, auf das flächendeckende Funktionieren und Erfolg-Bringen-Können
zu setzen. Jetzt bin ich bei dem Argument: Das Abschreiben eines
Teils dieser Sonderwirtschaftszone ist mit drin in diesen Überlegungen.
Es ist wie wenn das Rezept jetzt heißt, spätestens
jetzt: Kapitalexport. Es ist ja nicht so, dass man nicht wüsste,
dass das in der bürgerlichen Gesellschaft, im Kapitalismus
nicht des Öfteren vorkäme: Eine Scheidung zwischen brauchbaren
Menschen und unbrauchbaren, Häusern und unbrauchbaren Häusern,
Fabriken und unbrauchbaren Fabriken. Man ist daran so gewöhnt,
dass man schon richtig abgestumpft ist. Das Novum ist, die Politik
nimmt sich das selber als Strategie vor, eine Scheidung zwischen
brauchbaren, verheißungsvollen und unbrauchbaren Geschäftssphären.
Und da sind immer die Leute als Anhängsel dabei; die sind
gleich mitgedacht und zwar so, dass man sie gleich möglichst
billig als unbrauchbare erhält. Sie fallen ja auch unter
sämtliche Weisen der sozialstaatlichen Behandlung, den Kürzungen
usw. Jetzt kommt die Politik auf den Trichter, die Zone wäre
selektiv zu betreuen, zu bewirtschaften, zu subventionieren und
zu fördern. Man muss von dem Glauben Abstand nehmen, dass
es all überall losgeht wie bei uns. Das ist übrigens
eine Einsicht, die denen nicht schwer fällt, weil es keine
Einsicht ist. Sie sind ja inzwischen daran gewöhnt, dass
es bei uns, ihrem Stammland, schon so ist.
Durch die Besichtigung der Ostzone, wird diese Sichtweise ja auch
richtig provoziert: Eine kritische Antwort, die das verallgemeinert.
Es geht nach vorwärts; das ist keine Zurückweisung der
Kritik an der Zone, wenn gesagt wird: "Aber im Ruhrgebiet
sieht es doch genauso aus." Das plädiert für die
Übertragung der Betrachtungsweise, die man an der Zone voranbringt,
wieder zurück auf die alten Landschaften.
Mein Vorschlag vorhin war so gemeint. Aus dieser Geschichte: Wir
schaffen Existenz- und Geschäftsbedingungen für einen
florierenden Kapitalismus und gehen dabei nicht kleinlich zu Werk;
das lassen wir uns etwas kosten im Vertrauen darauf nämlich,
dass dann dies als interessante Anlagesphäre für alle,
die etwas übrig haben, offen steht und benützt wird,
aus dieser Geschichte wird jetzt quasi die Lehre gezogen: Die
Sortierung ist erfolgt, die Hilfe einer staatlich vorgestreckten
Infrastruktur hat nichts genützt hat. Oder anders gesagt,
diese Lehre aggregiert jedenfalls die paar Erfolge und die vielen
nicht stattgefunden habenden Investitionen zu keinem Wachstum,
keinem Beitrag zum Wachstum, also wird der ganze, immer noch fällige
Zuschuss als eindeutiges Minus verbucht und nicht als Mittel,
als Hebel für ein Plus insgesamt. Diese Beurteilung gipfelt
darin, dass dann überhaupt die Scheidung in Geschäfte
mit praktischen Aussichten und in abzuschreibende Gegenden und
Leute selber politisches Geschäft werden muss. Der Unterschied
ist nicht sehr groß, doch es ist doch etwas anderes ob man
sich als Politiker hinstellt und sagt: "Es tut einem leid,
dass da welche durch den Rost fallen.", oder ob man sagt:
"Genau darauf muss man eben achten. Fördermilliarden
usw. sind dafür, dass daraus ein ausgewachsener Erfolg wird,
und die anderen sind halt nichts. In einem politischen Plan- und
Projektspiel vollziehen wir die Scheidung in brauchbar und unbrauchbar
selber." Das ist quasi das Rezept dafür, wie man Zonis
billiger macht, verarmt. Nach dem großartigen Geschenk sind
sie auch Figuren im Rechnungswesen eines funktionierenden
Sozialstaates.
Jetzt folgt halt der richtige Abbau. Die Wende besteht darin,
dass das zurückgenommen wird. Und warum? "Weil wir ein
falsches Rezept verfolgt haben." Sie zeihen sich selber der
Gleichbehandlung. Das Stichwort: Gießkannenprinzip, steht
dafür: "Wir haben Kapitalisten aller Art gleichbehandelt,
also gleichbedacht mit Fördergeldern oder Steuererleichterungen
usw." Diese Gleichbehandlung ist ebenso aufgekündigt
wie die Gleichbehandlung der neuen Zonenbürger mit allen
anderen. Es soll ja gerade gescheit sortiert werden.
Ich dachte, sie seien auf dem Weg, ihr Urteil vom Osten auf
den Westen zu übertragen. Es heißt doch jetzt: "Lohnsenkung
im Osten ja, doch nicht nur in der DDR, sondern wenn, dann überall.
Mehr arbeiten überall." Sie diskutieren doch jetzt schon,
dass die mit denen dort geplante zusätzliche Verarmung hier
genauso gelten soll.
Dieser Übergang besteht schlicht in einem: Der Gleichheitsgedanke
blüht wie eh und je, bloß wenn heute einer Gleichheit
äußert, meint er das immer nur nach unten. Wir sind
früher wegen eines Hochschulrahmengesetzes durch die Straßen
getigert und haben gemeint, im Falle von Gleichheit ginge es hinauf
mit den Arbeiterkindern. Permeabilität (Durchlässigkeit)
des Bildungswesens wurde verlangt. Jetzt wird Gleichheit nur noch
so gehandhabt. Vom intellektuellen Geschehen her sind es nur Nuancen,
es sind aber dann praktisch bedeutungsvolle Affären, weil
es eine neue Wirtschaftspolitik wird, die ganze Sozialgesetzgebung
auf Kosten der Leute sparsam gehandhabt wird, sie billiger gemacht
werden - das ist halt nun einmal nicht ohne. Gegen Chancengleichheit
haben auch heute die Sozialdemokraten nichts, bloß zugleich
bestehen sie darauf, dass die Unterschiede herauskommen müssen
und zwar so, dass sie auch noch etwas nützen. Die Illusion,
Chancengleichheit sei die halbe Miete, die gibt es wirklich nicht
mehr. Es kommt doch auf das Resultat an, und da ist die Chance
vorbei; es ist entschieden, wer Erfolg gehabt hat und wer nicht.
Das ist anerkanntes Ziel der Politik: Sortierkunst. Jetzt überschlagen
sie sich wieder mit Vorschlägen: Die einen wollen eine Chip-Fabrik,
andere wollen wegen der fehlenden Nobelpreisträger neue
Forschungsschwerpunkte
in der Zone. So geht dieser Schwachsinn ewig dahin, aber leider
nicht folgenlos.
Jetzt noch ein paar Kleinigkeiten. Wie groß ist denn jetzt
das Elend wirklich mit diesen 1.250.000? Mir geht es um die folgende
Kleinigkeit: Ein kapitalistisches Betriebs- oder Staatswesen ist
betroffen. Es sind drei volle Staatshaushalte, die - nach ihrem
Urteil - über den Jordan gegangen sind. Ich will weg haben,
dass dies nur ein Vorwand sei und es ihnen in Wirklichkeit gar
nichts ausmacht. Nein, die Reichtumsminderung in dieser Nation
ist eingetreten. Nicht nur der erwartete Zuwachs ist ausgeblieben,
sondern es ist Kredit geschöpft und ausgegeben, Geld unter
die Leute verteilt worden, und der ist nicht zu Kapital geworden.
Also ist er wie praktisch das einfache Geld, nämlich weg.
Das stört sie schon, und wenn sie es merken über die
Streitigkeiten in der Europäischen Union um die Briefe bezüglich
Einhaltung der Stabilitätskriterien usw.
Es gibt schlaue Leute, die wissen auf einmal, wie abwegig die
ein oder andere Förderungsmaßnahme war. Alle wissen,
dass diese ABM-Geschichten (Arbeitsbeschaffungsmaßnahme)
ein Projekt waren, damit viele nicht gleich durch den Rost fallen
und nicht mehr aus noch ein wissen. Zugleich war damit auch eine
gewisse staatsbürgerliche Bildungsaufgabe verknüpft:
Ein wenig Grundgesetz, ein wenig Computer, ein wenig Steno usw.,
damit man ein tauglicher Mensch in einer modernen Gesellschaft
und nicht gleich als Arbeitsloser abgeschrieben ist - immer verbunden
mit der Verheißung, dass sie dann in einen Betrieb hineinkommen.
Jetzt sind sie halt nicht hineingekommen, warum, weil sie halt
kein Betrieb gebraucht hat. Jetzt wird das als Fehler beurteilt.
Auf einmal kommen die Führer und Leiter des kapitalistischen
Systems darauf, dass sie Unsinn machen. Was solche Urteile für
eine praktische Folgen haben, das ist eindeutig - dann wird halt
etwas weggenommen. Da wird das Urteil gnadenlos ausgesprochen:
Wo tatsächlich nichts unter dem Strich bleibt, als dass man
irgendwelchen Leuten ihren Lebensunterhalt finanziert hat, da
war sonst nichts. Das ist für die dann das offenkundigste
Vergehen, wirtschaftlich und sachverständig betrachtet.
Vom nationalen Standpunkt gesagt, Kapitalismus einführen
und Kapitalerfolg herbeiregieren deckt sich nicht. Vom Standpunkt
der eingerissenen Verhältnisse kann man sagen, die haben
drüben mit dem Kapitalismus gleich einen neuen Maßstab
der Verelendung eingeführt, der Arbeitslosigkeit, der
Schlechterstellung
im nationalen Verhältnis, und das behandeln sie jetzt wie
ein Stück falsche Privilegierung und Ausstattung mit zu viel.
Das ist das Auffällige, zu sagen: "Man muss den Anschluss,
der passiert ist, von dem Versprechen" - und jetzt behandeln
sie es wie ein von ihnen fälschlicherweise viel zu ausgiebig
finanziertes falsches Versprechen - "trennen, und das ist
der Hebel". Das ist ja auch ein Dokument, wie erfolgreich
dieser Anschluss passiert ist, wenn man so etwas mit der Mannschaft
drüben macht, wenn man einfach das alte Versprechen durchstreicht
und offensiv debattiert, dass eigentlich ein Stück mehr Verelendung
der nationale Hebel wäre.
Teilweise wird gesagt: "Bloß Lebensunterhalt bei
diesen ABM-Maßnahmen, das ist doch im Kapitalismus niemanden
ein Geld wert." Das ursprüngliche Geld ist ja auch dafür
nicht bezahlt worden, sondern dafür, weil die Leute selbst
für das Kapital billige Arbeitskräfte sind, die sich
für die Mehrung von deren Reichtum erst einmal über
ihre Billigkeit qualifizieren und dann auf Dauer nützlich
erweisen sollen.
Mit diesen Leuten könnte man nicht darüber diskutieren,
dass von dem Prinzip: G' wird auf der Welt gemacht (Geld soll
zu mehr Geld werden), sich so bis zum letzten Volksschullehrer
und Apotheker alles her erklärt. Da würden sie sagen,
da spinnt wieder einer. Die wissen genau Bescheid, dass das ein
abwegiges, veraltetes, ein typisch betonköpfiges Urteil über
die Welt ist. Dagegen will ich festhalten, was die an ihren eigenen
Projekten rückblickend merken. Wann stellen sie die Vergeblichkeit,
den Unsinnscharakter ihre Maßnahmen der Förderung,
der Subventionen usw., ihrer eigenen Taten fest? Die zögern
keinen Augenblick und sagen, dass sich die und die einen faulen
Lenz daraus gemacht haben, aber an Wachstum doch nichts rumgekommen
ist. Die sind so bombensicher in ihrem Urteil und sagen, dass
da einer etwas genossen hat, dass sei doch nicht der Sinn der
Sache gewesen. Der Vorschlag einer Sonderwirtschaftszone ist eine
Fortsetzung der prinzipiellen Einrichtung des Systems drüben,
und zwar einer mit der gesagt wird, dass es mit der prinzipiellen
Einrichtung nicht getan sei - also mit der Einrichtung von Recht,
Ordnung, Sozialstaat, Versicherungen, Banken und was man sonst
so alles braucht , sondern man die Bedingungen für das Geschäft
noch spezieller gestalten müsse. Dieser Bedarf nach speziellerer
Gestaltung tritt auf als das: Das, was sich quasi naturwüchsig
aus der Konkurrenz auch schon bei uns in den alten Ländern
und sonst in der Union ergibt, was sich da scheidet in brauchbar
und unbrauchbar, das, eben diese Scheidung, bewusst und zielgemäß
vorzunehmen. Das ist zumindest nicht lupenrein demokratisch gedacht
- im Sinne eines Schullehrers. Es ist der ökonomische Auslesegedanke.
Darin steckt doch dann auch, dass der Staat an den Leuten durchsetzen
muss, dass sie Überbevölkerung darstellen.
Es können auch keine Argumente ausbleiben, dass man auf gewisse
Gewinner der ganzen Affäre deuten kann. Da hat sich mancher
durch Beschiss oder ohne auch etwas verdient, aber das ist eben
nicht identisch mit dem aggregierten Gesamtnutzen, auf den der
Staat scharf ist.
Schaut euch einmal den alten Artikel an. Auf der einen Seite habe
ich die Vorstellung, dass dem 1992 Aufgesetzten nichts hinzuzufügen
ist. Damals hat es noch keine Abrechnungswut wie heute gegeben,
aber es war schon im Kommen. Deswegen haben wir ‚Von der
Schwierigkeit, den Kapitalismus ins eigene Land zu exportieren'
darüber geschrieben. Da kommen alle Argumente von heute schon
vor, aber nie so deutlich, wie es jetzt heißt: "Strategisch
umdenken, die Sache wird jetzt zugerichtet, damit es etwas ist."
Vor allen Dingen war damals noch nicht der Witz, dass diese Zurichtung
auch eine Wirkung auf uns, den Westen, haben muss, dass also,
wenn der Zoni billiger sein muss, diese Geschäftsbedingung
auch bei uns hier Schritt für Schritt eingeführt gehört.
Dies betrifft den Gedanken, dass Gleichheit immer nach unten geht.
Da wird sich schon einer finden, der genau dieses Argument vertritt,
dass bei uns der Standort auch so billig gemacht gehört.
Diesen Einwand gibt es schon von Ostvertretern.
Das sind alles so Fortsetzungen. Wert ist eigentlich bloß
zu erklären, was da gelaufen ist. Die Länderfürsten
führen sich auf, als wären sie praktisch Herbergsväter.
Von wegen, sie sind Politiker, die integrieren, Wahlkämpfe
machen, dass es einer Sau graust. Sie rennen rum wie Tröster
von Witwen und Waisen, bloß weil sie über den Bedarf
am Regieren ihres Landstrichs manchmal in Kollision mit dem
Bundeshaushalt
u.ä. geraten. Die reaktionärste Sau kann als Anwalt
ihres Volkes in Bonn oder beim Eichel auftreten. Das sind die
politischen Sitten, wie sie sich dann gehören.
Im Moment geht doch dieses Thema gleich über in die Osterweiterung
der EU. Was da an Furchtbarem zu erwarten ist für die Ostländer
durch die Grenze mit den Billiglohnländern auf der anderen
Seite.
Dann sind sie gleich auf dem Feld: Der eigene Standort Zone, der
nicht so wie gemeint hinhaut, bei dem man Handlungsbedarf verspürt.
Das Unwesen des Standortvergleichens ist jetzt noch um ein paar
Möglichkeiten bereichert, die alle zu Lasten unseres lieben
Standorts gehen. Dann kommt auch schon wieder einer, der sagt,
dass das auch gut so sei. Übrigens, ein gewisser Teil trifft
dereinst auch für die ganze EU-Osterweiterung zu. Dann kann
man auch einmal einen Schluss draus ziehen. Meint ihr wirklich,
dass in Brüssel und sonst wo darauf spekuliert wird, dass
aus Rumänien und ähnlichen Ländern ein Zuwachs
an ökonomischer Potenz im nächsten Jahrzehnt wird? Also
hat es für diese Maßnahme andere Gründe. Nicht
einmal bei Ex-Industrieländern wie Tschechien - Polen mit
seiner Landwirtschaft und seinen zwei Bauernparteien ist ein anderer
Fall - wird darauf spekuliert. Da existiert der Standpunkt, die
Geschäftsleute, die etwas zu investieren haben und Standortvergleiche
anstellen, machen dort das Schwerpunktwesen. Dann ist halt in
Bratislava Skoda oder VW und dann erst einmal lange nichts. Sonst
werden halt auch die Försterstellen gestrichen, warum auch
nicht, das macht dort der Staat schon.
Ich komme halt nicht darüber weg, dass hier tatsächlich
etwas Kapitalistisches von Belang abläuft, bevor die Spinnereien
und Konsequenzen anheben. Die Konsequenzen sind sowieso wichtig.
Es wurde vorhin schon gesagt: Das Auseinanderfallen von einem
gesamtkapitalistischen nationalen Interessen und dem, was dann
tatsächlich läuft - jedes Brauchbarkeits- und Unbrauchbarkeitsurteil
vom reinen Rentabilitätsstandpunkt aus. Dieses Auseinanderfallen
gebiert Fortschritte im System selber, und die werden mit etwas
abenteuerlichen Theorien vorgetragen.
Mir ist nicht klar, ob die Sonderwirtschaftszone schon existiert,
oder erst eingerichtet werden soll, wieweit sich das Ganze von
den Maßnahmen der Agenda 2010 abhebt? Im Rahmen der Agenda
sind doch einige Sachen beschlossen worden, die auch Reduzierungen
für den Osten vorsehen: ABM-Maßnahmen z.B. Die Renten
für die Ostrentner oder die Löhne der Ostler werden
doch jetzt nicht noch um 1/3 gekürzt.
Vielleicht muss man bei dem ganzen Gerede über die Einrichtung
einer Sonderwirtschaftszone Ost in Rechnung stellen, dass es die
seit dem Anfang auch durchaus gibt, es gibt sie nicht bei den
Modalitäten der Berechnung der Renten, es gibt sie auch nicht
bei den Modalitäten der Berechnung des Arbeitslosengeldes,
aber bei den Bezugsgrößen fängt es schon an und
es ist auch schon fest institutionalisiert in Kooperation zwischen
aufmerksamen Landespolitikern, der Bundespolitik, den
Unternehmerverbänden
und den Gewerkschaften - vorbildlich der öffentliche Dienst,
wo der Staat ja mit seinen Beamten und Angestellten unterwegs
ist. Es gibt seit dem Anschluss der Zone niedrigere Gehälter
und Löhne und andere Arbeitszeiten, es gibt massenhaft Tarifverträge
für jede Branche, in denen andere Öffnungsklauseln und
Ziffern drinstehen als in den westlichen Tarifbezirken, was Entlohnung
und Arbeitszeit betrifft. Und auf das bezieht sich jetzt die
Beschwerde,
es wäre zuviel gleichgeschaltet worden und gerade
bei den Löhnen hätte man zuviel egalisiert. Das heißt
nach der einen Seite hin, diese Unterschiede, die man drüben
durchaus aufrecht erhalten hat, haben es offensichtlich nicht
gebracht, waren zu klein, das ist die eine Schlussfolgerung, die
heute gezogen wird, also müssen die Löhne runter und
die zweite Schlussfolgerung heißt: und im Westen ebenso,
weil es - das ist die Aussage über das Ruhrgebiet - dort
mit den Arbeitslosenquoten auch nicht besser steht als drüben.
Das sind die beiden durchaus widersprüchlichen Schlussfolgerungen,
die nachher trotzdem so schön in eins gehen: also muss drüben
noch viel mehr auf Herabstufung der Entlohnungsbedingungen
geachtet werden, damit Arbeitsplätze entstehen; und dazu
eben die zweite Schlussfolgerung: und das gilt nicht bloß
für drüben.
Der Unterschied wurde früher ja mit dem Versprechen eingerichtet,
dass da mal eine Angleichung stattfinden soll, dem ist jetzt endgültig
eine Absage erteilt worden.
Oder eine Ansage und die findet dann darüber statt, dass
man nicht mehr einfach die Unterschiede zwischen Ost und West
macht, sondern dass man überall Öffnungsklauseln einbaut
und Mehrarbeit verlangt, wo es nötig ist - und wo ist das
heutzutage nicht nötig? Das mit der Angleichung nach unten
ist also ernst zu nehmen und nicht nur eine Floskel. Das geht
über die Agenda 2010 hinaus als ein schon längst befolgter
Imperativ an die Tarifpartner, wobei der Staat als Tarifpartei
immer sehr aktiv ist, nicht bloß der Betreuer, sondern auch
Partei ist.
Außerdem ist die Agenda 2010 ja auch als Einstieg in
eine neue Reformkultur in Deutschland eingeführt worden und
nicht: das brauchen wir jetzt und dann ist es wieder rum.
Aber jetzt kommt doch das Ganze aus einer anderen Ecke, nämlich
aus einer Bilanz, und zwar einer über die Ostzone, da kommt
der Impuls erst mal her und das war nicht der Impuls für
die Agenda 2010, das war eine Bilanz über Deutschland insgesamt,
wie es in Europa und der Welt dasteht. Und man merkt, wie schön
sich das wechselseitig verschärft. Die Argumente sind jetzt
alle gefallen, nur noch eins: die Einführung des Kapitalismus,
also des -ismus im Osten, die ist ja dermaßen perfekt: Arbeitsplätze
sind nicht eingeführt worden in großer Zahl, aber das
Arbeitsplatzargument ist schwer durchgesetzt drüben,
also die Umerziehung der Zonis hat wirklich hervorragend geklappt.
Die blitzartige Ausstattung der dortigen Bevölkerung mit
einer sozialstaatlichen Betreuung nach den damals üblichen
Rechen-Maßstäben in der Republik, inklusive einer Geldumstellung,
hat nie bloß auf dem Versprechen beruht: und hinterher sind
sie tauglich, sondern es war schon die Überlegung, dass aus
diesem Landstrich ein Akkumulationsgebiet wird. So sichert man
sich die Loyalität der Leute, auch wenn die dann zwei Wahlen
später zu 30% die PDS gewählt haben, jedenfalls braucht
die Politikermannschaft keine Bedenken zu haben, dass was aus
dem Ruder laufen könnte, die Leute meckern und wählen
brav nebeneinanderher. Linke Parteien oder Gruppen gibt es nicht
und wie die PDS agiert, wenn sie mal wo mit im Rathaus sitzt,
hat man auch gesehen - da droht nichts Abweichendes und das ist
schon eine Voraussetzung für ein so brutales politisches
Gehabe, quasi die Agenda 2010 zu ergänzen um den Sonderfall
oder eine Sonderwirtschaftszone, aber nicht so eine wie Hongkong
oder in China, sondern da meinen die: andere Bedingungen für
die Geschäftswelt, auf die es uns ankommt. Die vom Westen
vorgestreckten Betreuungsverhältnisse werden jetzt rückgängig
gemacht. Man kann es auch anders sagen: solange die drüben
sich beklagen, weil sie nur Deutsche zweiter Klasse seien, droht
keiner Regierung ein Ungemach. Die Beschwerden sind so falsch,
irgendeine nationalistische Missgunst kommt da raus oder ein
Beleidigtsein
- jedenfalls merkt auch noch der dümmste Politiker, dass
jemand, der solche Beschwerden vorbringt, (für ihn) in Ordnung
ist. Vor 10 Jahren haben sich die Leute drüben schwer diskriminiert
gefühlt, wenn man sie "Zoni" nannte, heutzutage
ist "Ossi-Wessi" gang und gäbe, bloß denkt
niemand den wirklichen Grund dieser Unterscheidung dazu, die beruht
nämlich auf einer kapitalistisch für bitter notwendig
befundenen Maßnahme der Ungleichheitsstiftung.
Zur Zusammenlegung des Arbeitslosengeldes II und Sozialhilfe
in den Kommunen: Denen wird bei der Bewerkstelligung dieser
Zusammenlegung
kein Sonderzwang hinsichtlich der Selektierung ihrer Klientel
aufgemacht, sondern wie die mit ihrem Klientel umgehen, ist ihnen
in Zukunft genauso wenig überlassen wie bisher. Dafür
gelten ja dann die Richtlinien, was sie da alles erstatten müssen.
Man muss das nach der Seite hin ernst nehmen, dass die eigentliche
Intention dieser Reform ist, den Status der längerfristig
Arbeitslosen herunterzustufen und die bisherigen Sozialhilfeempfänger
staatlich besser in den Griff zu bekommen unter dem Gesichtspunkt:
was lässt sich aus denen an Arbeitskraft noch machen? Das
ist die erklärte Intention dieser Zusammenlegung. Auch bisher
waren die Kommunen verschieden ausgestattet und dass eine Kommune
wie München über diese neue Sortierung der verschiedenen
Lasten jammert - was ist Lebensunterhalt, was ist Beitrag zur
Miete, so wird ja jetzt sortiert, man muss zu zwei verschiedenen
Ämtern gehen wegen Beantragung von Sozialhilfe und Wohngeld,
das war bisher in einer Hand - , weil sie für die Miete ihrer
Klientel viel mehr zahlen muss als z.B. die Kommune in Hof, das
kann schon sein.
Das ist ja gerade das Schöne an diesem ganzen Arrangement,
nämlich der Sachzwang, der über die Einkommensquellen
und deren Dahinschwinden allemal auf die Kommunen zukommt. Was
da neu sortiert wird im Zuge dieser Zusammenlegung von Arbeitslosengeld
und Sozialhilfe, das, was sich jetzt da an Effekten einstellt,
war nicht die Absicht der Sache, sondern die Absicht war die
Neusortierung
der Sozialhilfeempfänger und die Herabstufung der bisherigen
Arbeitslosenhilfenempfänger und jetzt werden die Konsequenzen
ins Auge gefasst und was man aus denen macht und ich halte es
für realistisch, wenn alle Welt sagt, dass keiner bisher
die Konsequenzen bislang durchblickt.
Dass diese Neu-Sortierung schöne Nebenwidersprüche schafft,
dass kommunale Haushalte ruiniert werden, immer weniger Geld da
ist, ein bisschen Verwahrlosung in den englischen Gärten
aufkommt, ist den Politikern doch auch wieder nicht recht. Jetzt
meinen sie, die könnten was aushalten und man weiß
ja auch, was die Kommunen mit ihren Schwimmbädern machen,
aber wie weit man da gehen kann, was die Kommunen noch alles
kaputtstreichen
können, woran die Bürger sich gewöhnen müssen,
da kann sich noch mancher Nebenwiderspruch ergeben. Das heißt
aber nicht gleich, dass man das so haben will. Dies Ungemach,
das den Bürgern jetzt zugefügt wird, lässt man
ausnahmsweise mal so aufblitzen, dass es als Tat der Bürgermeister
daherkommt und nicht als eine vom Schröder - auch so etwas
gibt es als Rechnungsweise in der Politik.
Nur kurz zum Rücktritt vom Welteke: Warum soll der
seine Rechnungen auch selber zahlen? Der denkt doch, ihm als
Bundesbank-Chef
- das wird ja schließlich auch nicht jeder - steht so was
zu, dass er als Elite-Figur ein Recht auf so was hat. Man hat
richtig gemerkt, wie die ihm mühsam ein bisschen Unrechtsbewusstsein
entlockt haben.
Auf welche Leserbriefe lohnt es sich
einzugehen? (Leserbrief im
"Gegenstandpunkt 1/04" und seine Beantwortung)
Zu dem Leserbrief gab es erstaunlich viele Zuschriften, die aber
unterschiedlich zu klassifizieren sind. Frage ist, wie man mit
solchen Briefen umgeht, z.B. wenn einer verlangt, wir müssten
unbedingt verraten, wie es in der Planwirtschaft zugeht, weil
sonst wüsste man ja nicht, ob es sich überhaupt lohnt,
eine Revolution zu machen, denn in der Demokratie bestimme immerhin
der Willen des Volkes, was die Politik kann und darf. Da ist es
schwierig zu entscheiden, ob man sich noch einmal zu den wichtigsten
Staats- und Funktionsargumenten der Demokratie herbeilässt
oder ob man sagt, die kommen in unseren Veröffentlichungen
sowieso immer wieder vor. Wahrscheinlich wird der Beschluss
‚Nichtbefassung'
heißen oder höchstens man benutzt es als Lehrmaterial,
wie man mit so was umgeht.
Wenn Bedenken, Einwände und Fragen in bezug auf den Leserbrief
und seine Beantwortung in den Köpfen der hier Anwesenden
rumgeistern und die einem hier serviert werden würden, dann
könnte man dem nachgehen, z.B. gibt es ein Argument, das
immer mal wieder auftaucht und das ist ein gewisses Unverständnis
oder eine Ablehnung des Arguments, dass eine richtige Kritik des
Kapitalismus durchaus auch den Weg zu falschen Alternativen verlegt.
So ähnlich ist das in der Antwort behauptet; dies Argument
stößt auf nicht viel Verständnis und vielleicht
sollte man sich das mal gescheit klarmachen, gerade, weil in einem
dieser Briefe darauf verwiesen wird, das sehe man doch an der
DDR, die hätten doch sicher auch eine redliche Kritik am
Kapitalismus gehabt, aber man sehe doch, dass die gute Absicht
und einfach die Ablehnung des Kapitalismus für eine gescheite
Alternative nichts tauge; daraus folge doch wohl, dass man eine
klare Vorstellung von einer Alternative haben muss, um die Menschheit
zu einer Revolution zu betören. Das ist ein Beispiel dafür,
dass das Argument oder der Grund, warum wir so ewig auf richtiger
Kritik rumreiten, nicht ganz akzeptiert ist; wir halten eben nicht
den kommunistischen Parteien des untergegangenen Ostblocks nicht
einfach zugute: das war schon okay, aber die Verwirklichung war
falsch. Die Absicht mag ja ehrenwert gewesen sein, die hat sich
dann aber sehr falsch verstanden in dem, was sie am Kapitalismus
kritisiert hat: wenn man an dem kritisiert, er wäre ungerecht,
darüber reden wir uns artikellang und in dem "Gorbatschow"
- Buch mit der Kritik des realen Sozialismus den Mund fusselig
darüber, dass das ein äußerst affirmativer bürgerlicher
Standpunkt ist, den Kapitalismus vom Standpunkt der ausgleichenden
Gerechtigkeit aus zu kritisieren, die er zu wenig übt; dass,
wenn man ihn so kritisiert, auch die Rezepte entsprechend anders
aussehen, dass es vielleicht auch so ist, dass man erst Rezepte
für das Andersmachen im Kopf hat und von da aus vielleicht
erst die Kritik am Kapitalismus zusammenstrickt, dass dann eben
das Ideal eines bürgerlichen Staates, der es ernster meint
als es der Blüm je gemeint hat, im Kopf hat und dass wir
eine andere Kritik des Staates im Kopf haben. Da möchte man
eigentlich lieber auf einen Leser-Brief antworten, der zwischendurch
naiv danach fragt, wo denn der ganze Reichtum in der Republik
geblieben ist, der in der Bundesrepublik produziert worden ist.
Da ist vielleicht mehr über den Kapitalismus und vielleicht
implizit mehr über eine Alternative zu ihm rauszukriegen,
wenn man sich mal auf so einen Brief einlässt, der den Reichtumsschwund
am Zugreisen vor 20 Jahren(gute Infrastruktur, Bahnhöfe mit
Vorsteher, ordentlich Zug-Restaurants etc.) und heute (der Fortschritt
tobt, aber man kann sich keine Leute in Zügen und anderswo
mehr leisten - wo ist denn der ganze Reichtum geblieben?) zum
Thema macht. Das wäre doch eine schöne Vorlage, um zu
erklären, was in dem Artikel über die Tarifrunde auch
schon mal angedeutet ist, wo der Reichtum in der kapitalistischen
Gesellschaft bleibt, wie das Paradox funktioniert, dass dauernd
Arbeit erleichtert wird, aber Arbeitserleichterung nicht als Mehrung
des Reichtums gilt, dass es zur Verarmung der Gesellschaft beiträgt,
wenn man die Arbeit effektiver macht. Da bleibt auf einmal der
Reichtum, der ist dann einfach auch nicht mehr da, wird nicht
mehr gezählt. Wenn man die Erleichterung der Arbeit als Verarmung
zählt, dann findet eben Verarmung statt, dann findet auch
eine verschärfte Sortierung statt zwischen denen, die sich
daran bereichern und denen, die dabei unter die Räder kommen.
Aber das ist eine andere Abteilung von Leserbrief. Es bleibt aber
dabei, dass mit richtiger Kritik viel mehr erledigt ist als dass
man gegen was ist und man möchte endlich mal eine Alternative
haben. Da ist durchaus auch was über die Welt, wie sie funktioniert,
gesagt, da ist an der Art, wie gewirtschaftet wird, welche Sachzwänge
die Warenproduktion in der kapitalistischen Warenwelt bestimmen,
schon viel darüber gesagt, was da alles schief läuft
in dieser Welt, über die Sachzwänge, die jetzt die ganze
Ökonomie beherrschen und von denen sich die Ökonomie
erst mal frei machen muss, aber da habe ich die wenigsten Sorgen,
dass - mal ideell unterstellt - eine Revolution stattgefunden
hätte, dass man dann nicht genug Planer mit einem gescheiten
intellektuellen Einsatz finden würde - das ist sicher das
allergeringste Problem, dann ein großes brain storming zu
veranstalten, wenn man erst mal genügend Leute beisammen
hätte, die die ganze Sache kippen, da müsste man schon
sehr viel von der gesellschaftlichen Intelligenz hinter dem Projekt
vereinigt haben; der Sachverstand, den es braucht, um eine Nation
zu ernähren, ist sicher vorhanden. Wenn man diesen Sachverstand
für eine kommunistische Sache begeistern kann, braucht man
nachher nicht darum verlegen sein, wie man dann die Fortsetzung
plant.
Eine gescheit angepackte Planwirtschaft - sie haben es ja auch
manchmal redlich probiert - hätte Anfang des Jahrhunderts
anders ausgesehen als wenn man sich mal vorstellt, die Menschheit,
wie sie heute beieinander ist, wäre dafür zu gewinnen
- Planung mit einem Computer geht halt einfacher, als wenn 1000
Leute richtig voneinander abschreiben müssen, damit die Zahlen
stimmen. Da braucht man halt ein größeres Planungsbüro,
jetzt kann man vielleicht davon auch einiges sparen. Aber es geht
darum, dass das Bewusstsein davon nicht vorhanden ist, erstens,
dass mit einer Kritik am Kapitalismus mehr erledigt ist als eine
Absage und dass zweitens mit der Vorstellung einer praktisch
erfolgreichen
Abschaffung des Kapitalismus schon so viel mehr erledigt ist als
das, wofür so eine Redaktion so einer lächerlichen Zeitschrift
gerade stehen kann. Da ist dann die Frage, wie packt man das denn
an, dass das Eisenerz aus West-Australien in die chinesischen
Hochöfen kommt - wenn sie erst mal eine wirkliche Frage der
Planung ist, wenn man das geschafft hätte, dann wäre
eine Partei beieinander, für deren Machenschaften das kein
übermäßiges Problem mehr wäre.
Es gibt ja auch genug naturwissenschaftliche Bescheidwisser, wenn
sie sich nicht ideologisch verblöden lassen. Wenn bloß
das das Problem wäre, dass es einen gesamtgesellschaftlichen
Streit gäbe über die Prioritäten der Verteilung
von Arbeit auf Konsum- oder Produktionsartikel, dann wird eben
das Für und Wider besprochen und da ist keiner am Schluss
beleidigt. Aber so ist es ja nicht und deshalb ist es wahnsinnig,
jetzt ein Modell zu basteln - wie viel Gewalt ist nötig,
wie viel Bescheidenheit wird der intakten und nicht fehlerbereiten
Partei von inneren und äußeren Feinden aufgezwungen?
Das Umgekehrte ist, wenn man es erst mal geschafft hat, dass die
Fragen wirklich anstehen, wer entscheidet denn darüber, wie
viel Wert auf welche Sorte Umweltschutz gelegt und worauf verzichtet
werden muss, damit irgendwas anderes intakt bleibt oder damit
die Neger auch mal was kriegen - wenn man erst mal soweit ist,
dass sich die Frage praktisch stellt, dann gibt es auch das Subjekt,
an das sich die Frage stellt, das ist dann die Partei, die die
Macht in diesem Laden erobert hat, die dann auch den Sachverstand
der Nation oder Region, die sie beherrscht, auf ihrer Seite oder
unter ihrer Kontrolle hat. Dass eine Revolution gewaltlos funktionieren
könnte, ist nicht versprochen, aber dass sie den gesellschaftlichen
Sachverstand auf ihre Seite bekommt, von da aus die Fragen dann
so sortiert und angeht, wie sie sich dann stellen - die Disposition
über die Produktionsmittel und die Aufstellung und Durchführung
eine Plans und die Dienstverpflichtung einer Gesellschaft, die
endlich kapiert hat, dass sie Sachzwänge losgeworden sind,
dürfte für eine Partei, die es dann z.B. geschafft hat,
mit der Militärmacht und Borniertheit der US-Armee fertig
zu werden, auch kein übermäßiges Problem mehr
sein.
Aber was ist das für ein Bedürfnis, jetzt darüber
zu räsonieren?
Man weiß doch, das ist ein Problem von Verteilung der Mühen
und Arbeitszeit auf Genüsse und Mittel der Gesellschaft.
Das ist die Absage an das Wertgesetz. Aber wozu soll man ein Modell
machen? Angenommen, in Deutschland erobert ein Sturmtrupp 30-40%
proletarisch und kommunistisch gesinnter Leute in unserem Sinn
die Macht. Die haben sich schon mit der Frage auseinander zu setzen,
was man mit den Atomkraftwerken macht, einfach alles abschalten
geht nicht, weil die Leute, die lesen wollen, dann kein Licht
mehr haben, also heißt ‚Plan' da, sich einteilen, zu
entscheiden, welche Risiken man auf sich nimmt - alles das durfte
man ja bisher nicht, weil andere nach anderen Maßstäben
entschieden haben, nämlich dass 20-30 Kraftwerke ein tragbares
Risiko seien. Wir kämen da in den Genuss eines Erbes und
darüber wird dann geredet: Gibt es einen Ersatz und braucht
man ihn überhaupt? Wie organisiert man den Fern- und Nahverkehr
(weg von den kleinen Autos zu schönen großen Bussen...)?
Und da braucht es Interessierte und Bescheidwisser. Und das ist
das Gegenteil von Demokratie, um das auch noch mal zu sagen. Das
Problem ist, sollen wir darüber Auskunft geben, dass es ziemlich
verkehrte Vorstellungen gibt über das, was man ‚revolutionären
Umsturz' nennt - zumal sich so eine Auskunft wohl auch ein bisschen
an die falsche Adresse wenden würde.
Noch mal dazu, wie unbrauchbar eigentlich die Frage nach einem
Konzept ist, z.B. ist es schon ein Unterschied, ob man die Lage
vor 20 Jahren oder in 20 Jahren gehabt hätte. Der Überschuss
an gegenständlichem Reichtum ist doch heute schon ein ganz
anderer als nach dem 2. Weltkrieg, wo die Ernährung ein Problem
war, vom 1. Weltkrieg ganz zu schweigen, wo die Bolschewiki vor
der Not standen, die Bauern zur Abgabe ihrer Milch zu drangsalieren
- da sind das Material, über das man disponiert und die Leute,
die mitmachen oder dagegen sind, die entscheidenden Fragen; wenn
man will, kann man nachlesen über die bolschewistische Revolution
und die Schwierigkeiten, die Lenin und seine Genossen mit den
Bauern hatten - weil die partout ihre Milch nicht mehr verkaufen
wollten, weil ihnen niemand mehr genug zahlte - , denen klar zu
machen, dass sie die Milch in den Städten für die Ernährung
des Industrieproletariats abzuliefern haben. Das waren damals
die Fragen der Übergangsgesellschaft, die die dann verheerend
in Richtung neue ökonomische Politik gelöst haben; das
sähe heute ganz anders aus, auch wenn man den Bauern immer
noch auf die Füße treten müsste. Dass die heutige
kapitalistische Gesellschaft mit ihrer materiellen Ausstattung,
deren Warenwelt mit ihren diversen Materialien einen gigantischen
Überschuss bringt, so dass Abbau von Produktion, Umbau, Suche
nach neuen Artikeln zu einem Sachzwang des kapitalistischen Wachstums
geworden ist, hat seine andere Seite in einem Überschuss
an Gebrauchsgütern, der eine ganz andere Freiheit schaffen
würde, wenn es eine Partei gäbe, die die Macht erobert
und über den Produktionsapparat der Gesellschaft gebietet.
Der Vorgang einer Revolution bedeutet, genügend Leute von
denen, die sich heute mit Planung befassen, und zwar nach
kapitalistischen
Maßstäben und in Respekt vor den Sachzwängen kapitalwachstumsmäßiger
Art, dazu zu bringen, ihr Wissen über das, was alles so läuft,
nicht zu verlieren, aber sich geistig an ein paar neue Maßstäbe
zu gewöhnen.
Ich meine, der Leserbrief und seine Beantwortung gehen in Ordnung;
dieser Brief enthält all die typischen Fehler, die der Antwortbrief
korrekt aufs Korn nimmt. Wenn es im Gefolge dieses Briefes und
seiner Antwort ein paar andere Briefe - und die erwähnten
waren die vernünftigeren - mit Anfragen und auch Polemiken
gibt, die keinen Zusammenhang mehr erkennen lassen mit dem, was
man selber aufgeschrieben hat, wird man allerdings etwas waffenlos.
Den Brief und seine Antwort unter dem Aspekt des heute Gesagten
noch einmal durchlesen; er wird das nächste Mal dann kurz
durchgesprochen.