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Fischers
‚neue strategische Dimension’ – zum Interview FAZ
6.3.2004
Fischer-Interview
1.
‚Die neue strategische Dimension‘ nach dem Kalten-Krieg:
Terrorismus und andere Herausforderungen
...dass
das historische Projekt einer neuen europäischen Ordnung drei
Dimensionen hat: eine historische, eine pragmatische und nun auch
eine strategische... Es zeigte sich, dass sich die Union nicht länger
nur im Schlagschatten des Ost-West-Konfliktes entwickeln konnte, wo
die strategische Last an Amerika abgeben war... Der 11.9. hat die
Schwäche Europas offengelegt. Die eigentliche Spaltung der EU
begann am 12.9.2002. Die EU war für diese strategische Dimension von
Krieg du Frieden damals offensichtlich noch nicht gebaut.
Dass
der Kampf gegen den Terrorismus auf einem erweiterten
Sicherheitsbegriff ruhen muss, und dazu ist ein handlungsfähiges
Europa unverzichtbar.
2.
Das Verhältnis zu Amerika: ‚neue Partnerschaft‘
Das
mangelnde strategische Bewusstsein bei uns selbst führte zur
mangelnden strategischen Dialogfähigkeit mit dem Partner
Amerika... Die Nato wird erst dann wirklich ein Instrument des
21.Jhdts. werden, wenn die strategische Dimension Europas zu
Bewusstsein kommt... Jetzt dämmert auch jenseits des Atlantiks
die Erkenntnis, dass eine stärkeres Europa gut für Amerika
ist. Die Rekonstruktion des Westens ist für eine positive
Gestaltung der Globalisierung und die Überwindung der Gefahr des
neuen Terrorismus von entscheidender Bedeutung... Es geht um einen
neuen Transatlantismus, der den Veränderungen in Europa wie der
neuen strategischen Bedrohungslage gerecht wird... Die Antwort,
welche die EU auf die strategische Bedrohung formuliert, wird sehr
stark unser Verhältnis zu Amerika definieren. Ich sehe da eine
Chance für eine erneuerte transatlantische Partnerschaft für
das 21. Jahrhundert.
3.
Die ‚strategische Dimension der Verantwortung‘ Europas
FAZ:
Warum bedarf es überhaupt einer kontinentalen Dimension, um
irgendwelche Konflikte beherrschen zu können?
Fischer:
weil wir sonst nicht oder nur sehr eingeschränkt handlungsfähig
sein werden, und zwar in sicherheitspolitischer, strategischer und in
ökonomischer Hinsicht... Die Entwicklung der europäischen
Sicherheitspolitik, besonders auch der militärischen
Fähigkeiten, ist ein ganz wichtiger Faktor. Siehe die
Jugoslawien-Erfahrung.
Wir
haben die Kooperationsdichte in der gemeinsamen Außenpolitik
gewaltig vergrößert. Wer hat die Road Map zur Lösung
des Nahost-Konflikts entwickelt? Die EU! Wer hat die Idee der
palästinensischen Reformen entwickelt und verwirklicht? Die EU!
Wer wird die Inhalte entwickeln für die Initiative des größeren
Mittleren Ostens? Es wird sehr viel EU darin sein.
Daran
schließt sich dann die Modernisierungsidee für den
Mittleren Osten an. Wir haben im Gegensatz zu Amerika gegenüber
dem Nahen Osten eine doppelte Interessenlage. Eine strategische, die
hat Amerika auch. Aber wir sind auch direkte Nachbarn -
das sind die Vereinigten Staaten nicht. Wir haben ein
Dreieck, in dem wir strategische Weichen stellen können: feste
europäische Verankerung der Türkei, das ist ganz
entscheidend für die Transformationsperspektive. Wir haben die
Frage eines zweiten strategisch zentralen Landes, Iran, nämlich
ob dort in den kommenden Jahren die innere Demokratisierung gelingt.
Wir haben als Drittes eine dauerhafte Lösung des
Nahost-Konflikts. Das alles wird nur gelingen, wenn die EU dabei
einen Part von wachsender Bedeutung spielt. FAZ: Kriegen sie nicht
manchmal Angst vor der eigenen Courage? Wir wollen den Balkan
stabilisieren, die Türkei und wen eigentlich noch?
Fischer:
Das meine ich mit der strategischen Dimension. Weißrussland,
Moldova, der Balkan, die Türkei -
mit all diesen Fragen hat die europäische Politik
zu tun. Dort wird auch über unsere Sicherheit, Stabilität
und Frieden für uns mitentschieden. Wir haben jetzt die neue
Nachbarschaftspolitik als Instrument entwickelt... Noch wichtiger ist
die Frage, ob das Mittelmeer ein Meer der Kooperation oder der
Konfrontation wird... fast vergleichbar mit der Bedrohung aus dem
Kalten Krieg. Wir entkommen dieser strategischen Dimension der
europäischen Verantwortung nicht. Es mag sein, dass sie uns
temporär sehr viel abverlangt.
4.
Die strategische Sicht der ‚Türkei -Beitritts-Frage‘:
‚europäische Verankerung‘
FAZ: Die
Türkei sprengt den kontinentalen Kontext.
Fischer: Das
tut sie nicht... Die Türkei hat die strategische Bedeutung einer
Brücke, und zwar auch im neuen Kontext des Staatensystems in
einer Konfliktstruktur im 21. Jahrhundert Ihr kommt nicht rein‘:
Das würde die Türkei zurückwerfen mit ungewissem
Ausgang. Die Türkei wäre wieder auf sich gestellt, mit
allen den negativen Konsequenzen, in einer Situation, in der wir
zugleich vor der strategischen Herausforderung stehen, einen neuen
größeren Mittleren Osten zu schaffen. Das wäre auch
eine klare Ansage: ...
die EU ist doch ein Christenclub... Die Frage der
Verbindung von Islam und Demokratie, von Islam und moderner
Gesellschaft, das ist die Kernfrage der neuen strategischen
Bedrohung. Das ist die europäische Nachbarschaft nicht irgendwo
im Pazifik, sondern nebenan. Erdogan hat gesagt, es hänge an der
festen europäischen Verankerung der Türkei, ob dieses
gelingt. Die Türkei weiß, dass die Finanzmöglichkeiten
der Union begrenzt sind.
5.
Konsequenzen für Europas Innenverfassung. Eine neue Antwort auf
die Frage ‚Erweiterung oder Vertiefung‘?
FAZ: Aber je
weiter Sie diese EU dehnen, desto geringer die Handlungsfähigkeit.
Fischer:
Einspruch...
Wenn wir uns für einen Moment ein Klein-Europa -
D, Fr und ein paar andere Länder -
vorstellen, in dem die Entscheidungen einfacher sind,
wie würde sich dann der Rest Europas organisieren? Als
Hinterhof? Oder würden nicht sofort Antihegemonialreflexe
wirksam?... Die erhöhte Entscheidungsfähigkeit eines
kleinen Europas würde sich also als Schein erweisen.
Die
verstärkte Zusammenarbeit wird sich kaum noch auf ein Kerneuropa
beziehen... es werden fast immer Mehrheiten sein, also nicht kleine
Staatengruppen.
Deshalb
ist die neue Verfassung entscheidend. Wir müssen uns fragen, ob
die EU ihre Aufgaben erfüllen kann, wenn sie -
wie beim System von Nizza der Fall -
auf Blockademinderheiten gründet. FAZ: Trotz
Erweiterung -
Haushaltsbegrenzung bei ein Prozent -
Wie kann das funktionieren? Fischer: Es kann nicht
funktionieren nach der Devise: Die Erweiterung ist ein deutsches
Projekt, deshalb muss Berlin zahlen, gleichzeitig den Stabilitätspakt
auf Punkt und Komma einhalten. Keiner soll meinen, das geht einfach
so weiter und obendrauf kommen dann die Erweiterungskosten.
Diskussion
Eine
kurze Anmerkung zum Artikel über die politökonomischen
Lehren dieses Tarifstreits im neuen Buch: Es lohnt sich vielleicht
nachzufassen, ob das was darin behauptet werden ist, bei den
Diskussionen hier schon hinreichend klar geworden ist. Das ist
deswegen nicht inaktuell mit der abgelaufenen Tarifrunde, weil man
jetzt auch von Seiten der CDU hört, es muss die Arbeitszeit
verlängert werden (Merkel) und Stoiber das gleich paradigmatisch
für seinen Öffentlichen Dienst in die Wege leitet. Wo die
Notwendigkeit für solche Übergänge liegt, das sind
eigentlich Argumente aus dem alten Artikel „Arbeit und
Reichtum“ (Gegenstandpunkt 4-1996, S. 103 und 1-1997 S. 3) aber
einmal ein bisschen anders versucht deutlich zu machen.
Es
sei an die stattgefundene Diskussion über die Türkei
erinnert. Zuerst war Merkel dort, hat auch vor Ort über die
Türkei eine Stellungnahme abgegeben mit dem Inhalt: Keine
Beitrittsverhandlungen, sondern eine privilegierte Partnerschaft.
Dann war Schröder dort und sagte: Nein, die Regierung erwägt
wohlwollend die Eröffnung von Beitrittsgesprächen. In
diesem Zusammenhang äußert sich Fischer in Gestalt dieses
Interviews. Das ist so etwas wie die Einordnung der Türkei-Frage
in etwas Grundsätzlicheres. Wie immer, wenn Politiker so daher
schwätzen, kann man vergessen, dass das einmal ein Grüner
war. Die Herkunft ist für diese Gedankengänge nicht mehr
entscheidend. Fischer ist nicht mehr daran zu blamieren, dass er
einmal gegen die NATO oder sonst was war. Er sagt ja selber: Die
Zeiten haben sich geändert. Wie immer, wenn Politiker daher
reden, reden sie über das, wie sie die Welt sehen, eine
Lage, der sie sich widmen, aus der Aufgaben, Sachnotwendigkeiten
erwachsen. In diesem Fall Europa als – mindestens zehn mal
gebraucht – "strategisch". Europa als strategische
Größe, die Lage hat eine strategische Dimension, es kommen
strategische Aufgaben auf Europa zu … Es ist also erstens
zu klären, was dieser Mann damit meint, und welche
Schlussfolgerungen er daraus zieht. Was heißt das: Europa hat
eine strategische Dimension? Zweitens: Was schließt das an
Konsequenzen ein und welche Stellung nimmt der von da aus zur
Türkei-Frage ein. Es soll an den Auszügen keine
(SozStud-mäßige) immanente Kritik gemacht werden.
Gekennzeichnet werden soll der Standpunkt, worauf es ihm ankommt,
wenn er sagt, Europa hätte etwas versäumt, wofür er
sich jetzt stark macht: Europa sei an einem mangelnden strategischen
Bewusstsein gescheitert. Das zu fördern, tritt er nun ein.
Daraus, sagt er, erwachsen europäische Aufgaben.
Er
sagt, Europa müsse sich im Rahmen seiner globalen Interessen so
vorbereiten dass sie auch militärisch erfolgreich durchgesetzt
werden können. Deshalb muss alles auch strategisch, die Türkei
als Brückenkopf betrachtet werden. Er sagt auch noch, dass es
sein mag, dass uns das Tempo sehr viel abverlangt. Das ist eine
Anspielung darauf, dass es auch mit Krieg gemacht wird, wenn es ohne
nicht geht.
Das
ist zwar eine rechte und schlechte Wiedergabe der geäußerten
Gedanken, aber über deren Logik und vor allem, was daran zu
kritisieren ist, wurde kein Wort verloren. Was bedeutet das
Schlagwort „strategisch“?
Militärstrategisch
Damit
ist nur ein anderes Wort davor gesetzt. Um von der
Selbstverständlichkeit wegzukommen: Ja, ja, der redet von einer
strategischen Dimension, was man tagtäglich in der Zeitung
liest. Er redet darüber nicht nur als eine
Selbstverständlichkeit, sondern erläutert auch, warum es
eine solche ist. Er leitet es aus irgendwelchen Veränderungen
der Lage ab, dass man die Welt jetzt strategisch sehen müsse.
Mal
blöd gefragt: Redet er eigentlich über die Türkei?
Eher
weniger
Worüber
dann?
Über
die Interessen seiner Politik, wie die in der Welt und in Europa zu
organisieren sind, dass sie auch gegen Widerstand militärisch
erfolgreich durchgesetzt werden können.
Wenn
er das tun würde, müsste er über militärische
Anforderungen an die Bundeswehr reden. Beim Abdruck des Interviews
wurde aber nichts dergleichen weggelassen.
Er
sagt in Anspielung auf Jugoslawien, dass man nicht mehr auf die
Amerikaner angewiesen sein dürfe. Das wollen wir selber regeln
können, das ist unsere Strategie. Dass er dann nicht sagt: Wir
wollen Krieg, verbietet sich momentan aus politischen Gründen.
Er drückt das aber in einer Art und Weise aus, wie es aus seiner
Sicht adäquat ist.
Wem
erklärt er denn den Krieg?
Jedem
der sich den von ihm definierten Interessen widersetzt.
Damit
es nicht ganz tautologisch wird, zu sagen, er definiert ein
Interesse, einen Krieg zu gewinnen und erklärt jedem Hindernis
den Krieg, muss man sagen, welche Interessen der definiert.
Eine Kriegserklärung in so einem friedlichen Interview, weit
entfernt von jedem Aufmarsch gegen einen Feind – das wäre
schon ein Hammer. Vielleicht ist das gar nicht so eine Zuspitzung,
wie es gerade vorstellig gemacht wurde. Vielleicht ist es gar nicht
sein Punkt, über den Auftrag zur militärischen Formierung
des Bündnisses zu reden.
Er
sagt immerhin: Wir müssen so stark sein, dass keiner mehr gegen
uns antritt.
Was
ist damit eigentlich ausgedrückt? Die Konsequenz heißt ja
nicht, dass man deswegen mehr Bundeswehr bräuchte, nicht eine
Umschichtung des Haushaltes, nicht eine Berufsarmee, nicht mehr
Wehrpflichtige. Das ist alles nicht sein Thema. Sein Thema ist hier
aber auch nicht, wie es eigentlich im Nahen Osten aussieht oder wer
eigentlich die Unruhestifter im Kosovo sind.
Sein
Thema ist – zur Türkei angesprochen – dass ihn nicht
die Kritiker mit den Menschenrechten interessieren, weil man die
Türkei als Brückenkopf brauche.
Das
ist sein Thema, eine ganze Abteilung der Türkei-Diskussion
abzuservieren. Zu dieser negativen Bedeutung von „strategisch“
wurde damit ein Moment gesagt. Viele Argumente, die in der
Türkei-Debatte im Spiel sind, unterschwellig oder Explizit,
werden als nicht zu uns passend abserviert. Auch zu der Abteilung,
dass die Türkei ökonomisch nicht auf unserem Niveau sei,
äußert er sich am Schluss. Von all diesen Elementen der
Debatte grenzt er sich mit dem Stichwort „strategisch“
ab; das ist das Negative, von dem er sagt, das sei nicht das
Entscheidende. Was steckt in „strategisch“ drin?
Wir
können es uns nicht leisten, der Türkei abzuverlangen, aus
einer Kritik mit Menschenrechten usw. Konsequenzen zu ziehen, weil
wir sie brauchen für unsere strategischen Interessen. Die sind
übergeordnet.
Damit
ist noch einmal das Negative zu der anderen Seite hin ausgesprochen,
die im übrigen in dem Interview gar keine Rolle spielt –
dieser Zirkus mit den Menschenrechten. Mit diesem Blick mit dem
Etikett "strategisch" ist das ausgeklammert. Wo klammern
wir dann hin?
Es
werden alle Krisengegenden vom Balkan bis Russland mitgedacht, dass
die strategische Dimension Deutschlands, der EU heißt, so stark
zu sein, dass man als weltweiter Ordnungsfaktor auftreten kann.
Damit
ist auch wieder die Nachfrage wie bei „militärisch“
provoziert, wofür steht jetzt dieser Seitenblick, was meint man
zu erklären, wenn man „Ordnung“ sagt?
Einflussnahme,
effektive Durchsetzung von deutschen Interessen.
Das
muss viel genauer werden!
Fischer
nennt kein einziges spezielles Interesse, was er durchsetzen will.
Also ist der Zweck Herrschaft.
Dem
sollte man nachgehen.
Er
bezieht das gar nicht auf konkrete Interessen Deutschlands, sondern
er behauptet, dass der Terroranschlag eine politische Einheit stiften
würde, eine Einheit der Europäer. Und diese Einheit ist für
sich ein politisches Gewicht, das er ins Spiel bringen will. Er
spricht von einer Gewichtung Europas, die über die Einheit
Europas zustande kommt.
Es
geht nun darum, worin die bestehen soll. Er sagt ja nicht, dass die
automatisch hergestellt wird, sondern sie müsse her weil –
und jetzt geht es um den Inhalt dessen, worüber sich Europa
einig sein und werden muss. Das war eben nur ein Beitrag dazu, wie er
auf diesen Standpunkt kommt als europäisches Programm. Aber der
Standpunkt selber, den wir jetzt diskutieren, wurde gar nicht
gekennzeichnet. Am vorigen Beitrag war moniert worden, dass gleich
unmittelbar darauf geschlossen wurde, man solle sich nichts vor
machen, er spricht eine praktische Kriegserklärung aus. Er
redet von so etwas, wo man sofort „militärisch“
entnimmt, in einer Art und Weise, da kommt Militär und was das
für die Rüstung bedeutet, überhaupt nicht vor. Er
redet anders darüber – vielleicht über dasselbe, was
vorhin mit dem Stichwort „Kriegserklärung“ gemeint
war. Deswegen auch die Rückfrage nach „Ordnung“ –
da gibt es viele. Was heißt „Ordnung“ in der
Staatenwelt?
D.h.
in Konkurrenz und durchsetzungsfähig im Vergleich mit Amerika,
dass Europa eine Macht wird, die weltweit operieren kann.
Das
ist wieder in Vokabeln ausgedrückt, die gar nicht weiter führen.
Man muss überlegen, was der Kern dessen ist, wo man sagen kann,
dass der mit einem Anspruch antritt. Europa müsse sich einen
Anspruch angewöhnen, den es bisher angeblich total
vernachlässigt hat. Jetzt geht es darum, den zu kennzeichnen.
Daran merkt man, was die Lüge ist, dass das vernachlässigt
worden sei. Das kann uns aber zunächst egal sein, es geht um den
Inhalt dieses Anspruchs. Der wurde wieder mit Vokabeln erläutert,
die mag Fischer unterschreiben, aber wir nicht.
Dass
Europa die Macht kriegt, seine Interessen so durchzusetzen, wie das
bisher nur Amerika machen kann.
Und
wie macht man das? Was behauptet er, was Amerika kann und was Europa
können soll?
Das
wäre dann die militärische Einflussnahme.
Das
ist nur ein Hebel – sagt er selber. Für was?
Ihr
denkt, Imperialismus geht nur per Krieg. Er redet aber ganz anders
darüber.
Er
sagt, der Terrorismus gibt uns die Chance, dass Amerika uns
anerkennen muss, uns Stärke wünschen muss, damit wir dann
später konkurrieren können mit Amerika. Wenn er dann
wirklich so stark ist, ist klar, dass er dann den Krieg nicht
braucht.
Worauf
wir versuchen die Aufmerksamkeit zu lenken, ist: Wofür Stärke?
Wenn man dem schon gegebenen Stichwort „Herrschaft“ nach
geht - was ist das Interesse, von dem er sagt, das wolle er
durchsetzen?
Er
benennt kein spezielles Interesse, außer dass man sich so stark
macht, verbündet, dass einem keiner mehr einen Zweck streitig
machen kann.
Das
wäre die defensive, harmlose Seite. Was will man
durchsetzen? Dem sollte man auf den Zahn fühlen, sonst ist es so
nah an den Selbstverständlichkeiten, von denen dieses Interview
lebt, von denen jeder Kommentar zum Fischer lebt. Man kann von der
FAZ bis zur Bild-Zeitung Ermunterungen lesen, Europa müsse
zusammenwachsen, damit es Amerika Paroli bieten kann; die Zeiten, in
denen wir uns auf Amerika verlassen können, sind vorbei, wir
müssen selber zum handlungsfähigen Subjekt werden. Das ist
affirmativ. Da gibt es Fortsetzungen damit, dass wir mehr Bundeswehr
brauchen und das findet alle Welt so selbstverständlich. Warum
eigentlich? Welcher Anspruch steckt da drin? Wenn nur gesagt wird,
das ist der Anspruch, sich durchsetzen zu können – ja, da
sind sich alle einig.
Kann
man es so sagen, dass er Interessen für Europa
beansprucht, ohne dass er sie jetzt im einzelnen benennt. Er
beansprucht für dieses Europa, dass alles, was die Weltlage
ausmacht, an den Interessen dieser Einheit gemessen werden soll und
dass diese Interessen der Maßstab dafür sind, die Welt
umzubauen.
So
ungefähr – aber findet ihr das alles so normal? Dem
Stichwort „Herrschaft“ ist nicht nachgegangen worden. Das
ist nämlich einerseits sehr abstrakt und andererseits dermaßen
konkret. Lassen sich über den Anspruch, der mit „Herrschaft“
etikettiert wurde, nicht noch einige Worte sagen, ohne dass man aufs
Kapital kommt oder ohne in Unterabteilungen weiter zu machen wie „und
dafür will er alle möglichen einsammeln“, oder „da
denkt er immer gleich an Amerika“. Lässt sich zu dem
Willen nach Herrschaft nicht noch irgendetwas dazu sagen?
Wahrscheinlich sagen alle nachher, das ist kalter Kaffe – dazu
ein Gedankenexperiment: Was würden dieselben Leute sagen, die
das alles in ihren Leitartikeln normal finden, was sagen die
Außenminister, die das alles verkünden, wenn der
US-Außenminister sich hinstellt und sagt: Deutschland ist für
uns wie ein Brückenkopf nach Russland. Man muss sich bloß
mal ideell 20 Jahre zurückversetzen, wo es durchaus solche
Aussagen gab wie „Deutschland ist der Stationierungsort für
unsere Mittelstreckenraketen zur Niederhaltung der Sowjetunion.“
Was war das für ein Geschrei bis in die Reihen der CDU, die
gemeint hat im Bonner Hofgarten dafür demonstrieren zu müssen,
obwohl sie sowie so an der Regierung war. Vielleicht wird es ja
wirklich deutlicher, wenn man es einmal aus der anderen Perspektive
betrachtet.
Deutschland
würde sagen: Wir lassen uns nicht missbrauchen für
amerikanische Zwecke. Herr Fischer denkt dabei daran, die anderen
europäischen Staaten für deutsche Interessen zu
missbrauchen. Er fühlt sich schon im Herzen als europäischer
Außenminister und hat auch schon gesagt, ihm komme es vor allem
darauf an zu gestalten – egal wo.
Aber
wenn wir ihn in die Türkei schicken zum Gestalten –
Vorschläge dafür hat er ja eine Menge gemacht – wäre
er nicht zufrieden…
weil
es für ihn ein Abstieg wäre, weil es eine schwächere
Nation ist …
Der
ganze (unausgesprochene) Inhalt steckt in dem blöden Bild vom
Gestalten. Nehmt doch das Stichwort Herrschaft ernst. Jeder kann
sofort viel darüber sagen, wenn er nach Herrschaft nach Innen
hin gefragt wird: Gewaltmonopol, da bekommen die Bürger eine
Rechtsordnung aufgenötigt, darin sind die Interessen sowohl
beschränkt wie freigesetzt, da halten sie sich daran, da regelt
der Staat mit Strafe usw. die inneren Verhältnisse gemäß
seinem allgemeinen Zweck, dessen Inhalt Kapital und Konkurrenz uns
zunächst egal sein kann. Beim Stichwort Herrschaft hier muss man
als Erstes sagen, dass es um Herrschaft als Kategorie in einer
Staatenwelt geht. (Deswegen kam man gleich auf Krieg usw.) Was
heißt dann das Stichwort Gestalten, das Stichwort Ordnung, wenn
man über einen Herrschaftsanspruch in der internationalen, also
in der Staatenwelt redet? Da wurde bisher immer darum herum geredet:
Können, was die Amerikaner wollen – da ist dann die Frage,
was die können.
Anderen
Staaten den Willen aufdrücken.
Geht
dem gedanklich ein bisschen nach.
„Willen
aufherrschen“ heißt da, die Macht über die Staaten
zu haben, die Einflussmöglichkeiten, dass die jeweilige fremde
Souveränität ihre Souveränität im
Interesse der herrschenden Souveräne benutzt. Das ist der
Inhalt von „Willen aufzwingen“.
Normalerweise
kommt das als Kriegsergebnis zustande oder, um im Vergleich mit der
inneren Herrschaft zu bleiben, durch die Ausübung des
Gewaltmonopols.
Was
kommt stattdessen dort zustande, was hat der im Auge, was unterstellt
er als Ziel und Zweck deutscher Stärke, wenn er so sehr auf dem
Stichwort "strategisch" herumreitet? Welches Essential wird
da für Deutschland oder Europa postuliert? Von daher wird dann
deutlich, weshalb er auf Europa setzt. Dem ist Deutschland zu klein.
Für was?
Für
Weltherrschaft
Ja,
aber denkt euch mal etwas bei Weltherrschaft – was besseres als
James Bond.
Er
weiß für die Türkei, das ist immerhin kein kleines
Land, haargenau einen Zweck wofür dieses Land dienen soll. Das
weiß er auch gleich für andere Länder, die hinter der
Türkei liegen: Die sind ein Problem. Er hat ein, in der ganzen
Rede unterstelltes Bild von der Welt, da sind alle Länder die es
gibt, auf Europa bezogen und werden eingeteilt in Kategorien wie:
Chance, Problem, Mittel, Brücke… In diese bornierte
Sichtweise wird man von allen Medien eingestimmt. Man möchte
fast fragen: Was sagen eigentlich die – der iranische
Außenminister, der indische, der chinesische Parteichef –
dazu? Vielleicht hilft es, sich klar zu machen, was eigentlich die
Deutschen dazu sagen würden, wenn man ihnen sagt, sie seinen
eine Mischung aus Problem und Brücke? Rumsfeld hat es neulich
angedeutet, sie seinen unzuverlässige A... für die Zwecke,
die wir vorhaben. Was war das für ein Geschrei.
Das
ist natürlich Unterordnung …
und
gar nicht „natürlich“. Denkt daran, was hat Schröder
seine Wahl gerettet?
Dass
er sich der Unterordnung unter den Anti-Terror-Krieg der Amerikaner
verweigert hat.
Welches
Prinzip liegt dem zugrunde? Was ist, wenn man an einen anderen Staat
den Anspruch hat, man wisse für ihn haargenau eine Funktion.
Entweder er erfüllt sie oder man macht ihn so zurecht, dass ihm
gar nichts anderes übrig bleibt. Das ist ungefähr die
Ansage, weshalb einem dabei gleich das Militär einfällt.
Die
deutsche, die iranische Staatsräson definiert sich nicht
automatisch als Beitrag zur Stärkung der Souveränität,
des Einflusses einer auswärtigen Macht.
Das
wäre ja noch schöner. Es gibt sogar Beispiele, dass ein
Land sich in eine Lage manövriert, dass es das Gesagte glatt
tut.
Unterordnung
ist doch so definiert, dass der jeweilige Staat, der untergeordnet
werden soll, auch in einen Zustand versetzt werden soll, dass er aus
eigenem Interesse gar nicht mehr anders können soll, als ein
Beitrag zu sein für das jeweilige Interesse desjenigen, der
unterordnet.
Jetzt
löse das „soll da reinversetzt werden“ auf.
Fischer
meint, dass die Schwäche Europas darin besteht, dass wir
praktisch nicht in der Lage sind, an jedem Erdenwinkel die Interessen
so definieren zu können, dass die anderen Staaten in die Lage
versetzt werden sollen, ihre eigenen Interessen nur in Abstimmung mit
dem europäischen Interesse definieren zu können.
Theoretisch
hat er das schon hergestellt. Er behandelt einige schon so.
Das
ist sein Blick auf die Welt. So wie er die Welt sortiert, tut er
schon so als ob das klar sei, dass sich das gehört. Er denkt
jetzt daran, das müsse man hinkriegen und welche Schritte führen
da hin. Könntest du etwas anfangen mit dem Stichwort
„Entzweiung“? Wie die auf andere Staaten losgehen,
Herrschaftsansprüche glatt gegen einen anderen Staat – es
gibt den Staat schon längst. Der hat doch seine
Vorstellungen, was er in der Welt ausrichten will. Der iranische
Minister hat doch seine Vorstellungen davon, wie man den Iran
energiepolitisch herrichtet, damit sich hinterher ein machtvolles
Gebilde zwischen dem Golf und dem Aralsee breit macht. Das gilt für
jeden Staat, auch in der Türkei hat der Staat seine
Vorstellungen davon, was er in der Welt ausrichten will. Da kommt
Fischer daher und sagt: Mit dem was ihr wollt, muss ich als
europäischer Außenminister sagen, dass es uns nicht
gefällt. Wir haben von euch eine ganz andere Vorstellung davon,
was ihr sein sollt. Und so wie ihr euch aufführt, muss ich euch
sagen, ihr seid ein Problem. Und wenn ihr für mich ein Problem
seid, dann wartet nur ab, dann habt ihr bald ein
Problem.
Was
heißt denn das dann für solch einen Staat, damit die
Floskeln von „Unterordnung“ und „Herrschaft“
einen Inhalt bekommen?
Es
heißt, dass die Türkei die eigenen Interessen, die sie in
der Region definiert hat, in Bezug setzen muss auf das Interesse,
dass die EU an der Türkei definiert. Dann muss sie weiterhin ihr
Interesse auf die Amerikaner hin beziehen. Der Staat muss sich
tatsächlich bezüglich seiner Interessenlage fragen, wieweit
seine Mittel reichen, dies durchzusetzen, und wieweit er seine an den
kund gegebenen anderen Interessen relativieren muss, weil sonst das
eigene Interesse völlig baden geht.
Um
so etwas geht es bei dem Stichwort „strategisch“. Und
zwar hier von Seiten einer Macht, die sich anmaßt, allen
anderen Staaten – dazu zählt Fischer ja einige auf und wie
sich die von hieraus sortieren – vorzuschreiben, worum sie sich
zu kümmern haben, woran ihre eigenen Interessen Maß nehmen
sollen.
Wenn
vorhin gesagt worden ist, sie sollen sich entsprechend dem deutschen
oder europäischen Interesse entsprechend verhalten, dann ist
damit auch notwendig, dass die Mittel zur Erpressung vorhanden sind,
damit die entsprechenden Staaten gar nicht anders können oder
zumindest sehr weit gehende Abwägungen machen müssen,
wieweit ihr Interesse überhaupt noch zum Zuge kommen kann, wenn
sie sich nicht fügen.
Damit
wird der Schiene nachgegangen zu fragen, was dafür nötig
ist, damit aus dem Sollen etwas wird. Vorher soll noch etwas dazu
gesagt werden, was ein solches Losgehen auf die Staaten eigentlich
bewirkt, was dieser erhobene Anspruch eigentlich bedeutet.
Die
ganze Diskussion hat damit angefangen, dass festgestellt wurde, dass
Fischer gar kein bestimmtes Interesse ausdrückt. Das stimmt
nicht, er redet sehr dezidiert wenn auch allgemein darüber, was
das Interesse ist, das er verfolgt. Er sagt doch, wir wissen, dass
bei der Türkei ansteht, Islam und Demokratie zur Übereinstimmung
zu bringen. Jetzt mag man eigentlich gar nicht fragen, ob das das
Problem der Türkei ist. Fischer sagt, dass das unser Problem mit
der Türkei ist und also deren Problem, sich überhaupt so zu
entwickeln. Was heißt der Inhalt dieser Entwicklung? Erstens,
so wie die Türkei jetzt herum läuft, passt sie uns nicht.
Beim Iran kommt das Nächste, da steht innere Demokratisierung
an. Er redet über die Verhältnisse solcher Nationen vom
Standpunkt, dass sie lauter Probleme sind, mit solcher
Selbstverständlichkeit. Er weiß, was dort anstünde.
Und was dort ansteht, ist eine ziemlich fundamentale Umsortierung,
Neuausrichtung von deren nationalem Weiß-Warum.
Wenn
Fischer sagt, dass Christentum und Islam zusammengebracht werden
sollen, verstehe ich dies so, dass sie kapieren sollen, es ist egal,
was sie glauben, sie dürfen auch alles glauben, was sie wollen,
aber sie sollen sich unserem Interesse beugen, d.h. sie sollen den
demokratischen Forderungen nachkommen.
Diese
demokratischen Forderungen sind kein Aufruf, dass dort Demokratie in
dem Sinne herrscht, dass dort das Volk etwas zu sagen haben soll.
Demokratie ist der Anspruch nach einer westeuropäisch
ausgerichteten, sich an deutschen Interessen orientierenden Türkei.
Denkt
einmal in der folgenden Richtung weiter. Am Wochenende ist eine
Konferenz in Tunesien geplatzt. Dies ist ein Highlight für das,
was jetzt immer einmal im Schwange war, dass die das können
wollen, was die Amerikaner immer machen. Was hat die denn da
geärgert, was hat das Ganze zum Platzen gebracht? Die Arabische
Liga wollte sich in Tunesien treffen und sich das große
Problem, das sie übrigens nicht selber erfunden haben sondern
ihnen von außen aufs Auge gedrückt worden ist: „Ist
eigentlich euer Islam mit dem, was wir an Demokratie von euch
erwarten, verträglich?“ – oder gleich als Anspruch
formuliert: „Modernisiert euch gefälligst einmal!“ –
zu Herzen nehmen. Sie haben sich sogar sagen lassen, dass sie nicht
so bleiben können, wie sie sind, mit ihren Scheichs, ihren
randalierenden arbeitslosen Kindern und ihren verschleierten Frauen.
Dazu haben sie eine Konferenz anberaumt: „Wir wollen uns
ändern, wir müssen uns ändern. Wie soll das
geschehen?“ Tunesien, als fortschrittliches Land für diese
Modernisierungskonferenz ausgeguckt – und dann wird sie im
letzten Moment abgesagt u.a. mit einer interessanten Begründung:
Sie hätten von dem Plan, den die Amerikaner da schon in petto
hätten und dem sie hätten zustimmen sollen, erst aus der
Zeitung erfahren. Dann ist ein Staatsmann beleidigt und sagt: „So
nicht!“ Was sein Beleidigt-Sein über das Verhältnis
verrät, über das wir hier reden, kann man sich daran einmal
klar machen. Da gehen die Amerikaner hin und wissen für diese
ganze Region – immerhin 20 Staaten, die sehr unterschiedlich
sind – ein Rezept: „Ihr könnt nicht so bleiben, wie
ihr seid. Wir haben für das, was ihr werden sollt, ein
Stichwort, das heißt Demokratie. Und jetzt buchstabieren wir
euch einmal vor, was wir von euch erwarten.“ Dass sie überhaupt
die Konferenz machen, ist schon ein Zeichen, dass die in ihrer
eigenen Definition dessen, was sie sind und was sie sein wollen,
zutiefst verstört sind. Dass sie gestört sind in dem, wie
sie selber ihre eigene Staatsräson auffassen und definieren. Und
sie sind konfrontiert mit einem Programm, dessen Verhältnis zu
ihrer eigenen Staatsräson einmal eine allgemeine Bestimmung
braucht.
Ein
arabischer Einwand war doch, dass im Falle von Wahlen Leute zu
Ministern gewählt würden, die noch nicht einmal lesen und
schreiben können. Sie wollen sich nicht einfach von den USA
vorschreiben lassen, was sie zu tun haben.
Sie
merken, dass ihre Souveränität durch die ihnen aufgezwungen
Reformen zerstört wird.
Ja,
das richtet sich zerstörend gegen das, was diese Staaten von
sich aus sind und wollen, und unter Umständen auch zerstörend
gegen das, was sie vermögen. Sie werden in eine Zwangslage
gebracht, indem ihnen einerseits Verfahren der Herrschaft aufs Auge
gedrückt werden, und andererseits das absehbare Resultat der
Anwendung dieser Verfahren verhindert werden soll. Da steht ein
Anspruch im Raum von dem Kaliber, wie wenn der Fischer sagt:
„Strategisch sehen wird die Lage übrigens so.“ Mit
diesem Anspruch haben sie sich herum zu schlagen und müssen sich
selber einem Anspruch zuordnen, von dem sie genau wissen, der macht
sie als Staat, der sie sind, kaputt. Ein anderes Beispiel: Es gibt
bei uns keinen Bericht über den ziemlich großen,
mächtigen, sogar mit Atomwaffen ausgestatteten Staat Pakistan,
indem nicht, durchaus distanziert aus der europäischen Warte,
die Wahrheit ausgesprochen ist, dass das, was Amerika von diesem
Staat verlangt, ihn zerreißt. Da soll eine Herrschaft sich
ihres Volks vergewissern für eine Politik, mit der die
Herrschaft sich mit ihrem Volk total entzweit. Wie stellt Amerika
sich zu dem Problem, das es Pakistan aufmacht?
Einerseits
ignorant, andererseits bleibt die Erwartung an den Musharraf, er muss
das hinbekommen.
Diese
„Erwartung“ klingt so höflich.
Er
soll seine Souveränität, seine Machtmittel, sein Militär
entsprechend dazu einsetzen, die andere Seite, die sich dagegen
wehrt, niederzumachen. Um so den Zweck, die Nützlichkeit der
pakistanischen Souveränität für die Amerikaner, per
Gewalt durchzusetzen.
Und
das weiß zumindest jeder distanzierte europäische
Betrachter, dass die Amerikaner das Unmögliche verlangen, und
bestehen drauf. Die bestehen glatt darauf, dass es klappen muss.
Diese Ignoranz ist sehr fordernd. Sie ist ultimativ und
erpresserisch. Da merkt man eben, dass dies kein Sollen ist, das
irgendwo ausgedacht und aufgeschrieben worden ist, sondern das ist
aktive Politik. Die Herrschaft dieses Staates wird in diese
Zwangslage gebracht, den Amerikanern zu Diensten zu sein, sonst
fehlen ihr alle Mittel, für die sie auf Amerika angewiesen ist,
und sie soll eine Politik machen, die das Land innerlich zerreißt,
die diese Herrschaft dauernd von ihrem Volk trennt, sie gegeneinander
stellt. Und dann setzen da die Europäer noch eines drauf und
fragen, wo da die Menschenrechte bleiben. Das ist noch der Oberwitz,
wenn aus der Distanz heraus geredet wird. Aber hier, wo der Fischer
selber so spricht, sie hätten übrigens auch in der Welt
etwas anzumelden, sagt er gleich dazu, dass man auf die
Menschenrechte dabei nicht so furchtbar achten könne. „Ordnung“
ist so etwas wie ein ironisches Etikett. Ob das, was dieser Anspruch
in die Welt setzt: anderen Staaten Vorschriften machen, klappt, wie
die das hinkriegen, ihr nationales Ethos, ihr nationales Vorhaben und
was sie auf der Welt ausrichten wollen mit dem, was ihnen an Anspruch
aufgemacht wird, unter einen Hut zu bringen, das sollen sie
gefälligst bringen.
Beispiel
Iran: Jetzt wird laufend gesagt, diese Herrschaft dort sei insofern
ziemlich wackelig, als sie für ihre zahlreiche Jugend überhaupt
keine Überlebenschancen in Form von Arbeitsplätzen schaffen
kann. Die Basis der Mullahs ist unzufrieden, murrt, das ist die eine
Aussage. Kaum macht dort die Regierung ein Projekt, um, wie sie
meint, ihr Land voranzubringen, so dass - genauso wie man hier ja
immer hört - Arbeitsplätze entstehen, und kümmert sich
um eine der wichtigsten Voraussetzungen dafür, eine taugliche
Energieversorgung, kommt der fremde Außenminister daher und
sagt, dass das nicht in die Tüte kommt, weil wir da in Wien so
eine Kommission haben, die darauf aufpasst, dass ihr den Strom nicht
falsch herstellt.
Hier
zetert die ganz Nation rum, wenn sie wegen ihrer weltpolitischen
Interessendefinition den Irakis keine Handys verkaufen darf, aber der
Iran soll es schlucken, wenn die Europäer daherkommen und sagen:
„Erstens, die Handys kauft ihr bei uns, zweitens der Strom, mit
dem die Akkus aufgeladen werden, den stellt ihr irgendwie her - ihr
habt ja genug Öl, das ihr uns außerdem billig verkaufen
sollt -, aber auf alle Fälle nicht mit einem AKW. Die Zeiten,
dass wir euch das bauen wollten, sind vorbei.“ An dem wird
deutlich, was dieses Sich-Durchsetzen, dieses Interessen-Durchsetzen,
ein bisschen Weltherrschaft praktizieren, eigentlich heißt.
Fischer
drückt es gleich so aus, dass er diese ganzen Fälle
subsumiert unter das Verhältnis: Der Iran hat sich so zu
reformieren, dass das, was wir von ihm wollen, auch bei ihm als das
ankommt und deswegen bei ihm auf fruchtbaren Boden fallen soll. Er
sagt nicht: Wir wollen folgende Atompolitik mit denen machen, sondern
sie seinen ein Unterfall davon, dass sie sich zu demokratisieren
haben. Demokratisierung bestünde darin, dass so, wie sie jetzt
gewählt haben, es genau der verkehrte Weg ist. Man definiert
seinen Anspruch schon ideell in diesen Staat hinein, um dann zu
monieren, dass bei ihnen, die übrigens andere Probleme haben,
sie zumindest aus einer anderen Sicht und Warte haben, das nicht
richtig verankert ist. So definiert man lauter Problemfälle und
sich in die Rolle des zuständigen Subjektes hinein. Man stelle
sich nur einmal vor was wäre, wenn der Iran sagen würde, in
Deutschland müssten das nächste Mal die Wahlen aber anders
ausgehen, weil da so eine anti-islamische Fraktion unterwegs ist.
Wenn sie aus dem Kopftuch-Urteil beschließen würden, sie
stellten nun mal die Forderung nach Demokratisierung und
Islamisierung Deutschlands, merkt man welcher Standpunkt damit
eingenommen wird: Wir weisen diesem Staat eine Rolle zu. Das ist
gleichbedeutend damit, wer hier das Subjekt ist und wer das zu
begreifen, sich zum Anliegen zu machen hat, egal, was es für ihn
bedeutet, die eigene Nation aufrührt. Vo da aus ergibt sich
(übrigens) ein eigentümlicher Blick auf die Türkei.
Die Türkei wird unter dem Stichwort verhandelt, sie wolle doch
nach Europa. So verhandelt sie Fischer auch. Doch was er daraus
macht, dass die nach Europa wollen, ist nicht, wie dieses Land
gestrickt ist, sondern was wir an sie für Ansprüche
stellen, welche Rolle wir ihr zuordnen. Wenn die Türkei
von sich sagt, sie spiele eine Brückenfunktion, denkt sie dabei
natürlich an etwas anderes. Das so darzustellen, dass wenn die
nach Europa wollen, dann ist auch klar, dass wir das Subjekt sind,
das der Türkei eine Funktion zudiktiert. Das wird als ein mehr
oder weniger Entgegenkommen zu einem Anliegen der Türkei
verhandelt. Wenn man dazu gleich sagt, das sei eine Kriegsansage an
die Welt, wie es am Anfang der Diskussion gemacht wurde, verpasst man
den Witz und die Wege dieses Standpunktes. Der denkt ganz anders
herum, wenn er sagt: Wenn die Türkei sich schon so hinstellt,
dann machen wir sie damit vertraut, was das für sie heißt.
Nach Europa wollen, heißt nämlich etwas anderes als das,
was die Türkei mit Europa will. Das wird damit erschlagen, wenn
man gleich das ausspricht, wo das immer einmal wieder landet, dass
das schon eine Frage der Gewalt wird, wenn dieser Staat dann damit
nicht zufrieden ist, wenn umgekehrt Europa damit nicht zufrieden ist.
Was
steckt zwischen dem friedlichen Gerede und der potenziell
kriegerischen Konsequenz?
Dass
Angebote gemacht werden, die Notwendigkeit einzusehen, sich die
Zwecke von Fischer als eigene Zwecke zu setzen. Das ist der Inhalt
der ganzen Diplomatie.
Das
Angebot, dass die sich umorientieren sollen, muss man auflösen.
Sie
sollen erkennen, dass das Einordnen ihre Chance ist.
Damit
ist man noch nicht beim Krieg sondern bei einem Angebot.
Sie
sollen praktische Schritte machen.
Wenn
sie die machen, dann geht es doch erst los.
Wenn
sie aus ihrer Souveränität einen Grund dazu machen, sich
dieser Rolle zu verweigern.
So
etwas ist auf dieser Welt sehr spärlich vertreten. Aber deswegen
wird die Welt nicht friedlich, weil sich keiner mehr – außer
diese handgezählten Schurkenstaaten – dem verweigert.
Es
muss auch noch lange kein Krieg sein.
Deswegen
ist die Welt aber auch nicht friedlich. Was kommt also nach dem
Angebot, nach den Fördermitteln, nach der Bereitwilligkeit
gewisser Staaten – Pakistan war schon im Gespräch –
sich dem anzuschmiegen, daraus für sich das Beste zu machen. Und
dann?
Sie
müssen dieses Interesse nach innen an ihren Ressourcen
durchsetzen.
Das
ist ein fremdes, was diese Staaten kaputt macht. Es geht darum: Der
hat einen instrumentellen Begriff von jeder Herrschaft auf der Welt,
wofür sie ihm taugen soll. Sie soll also als Instrument
funktionieren, aber als sein Instrument. Es gibt so gut
wie keinen Staat auf der Welt, bei dem der Anspruch aufgeht, dass sie
funktionieren sollen und als mein Instrument funktionieren
sollen, bei dem die Rechnung wirklich aufgeht, dass die das, wie
vorhin so schön gesagt, in ihre Staatsräson
hineindefinieren. Nicht einmal Litauen ist dafür ein Beispiel,
obwohl es so klein, überschaubar ist – die ganze
Mischpoke, die da regiert, kennt sich wechselseitig, und nichts
funktioniert. Denn der Anspruch, sie sollen für die EU
funktionieren und sie sollen funktionieren in dem Sinn, dass sie noch
irgend ein Bruchstück von Nationalprodukt erwirtschaften, und
das geht nun mal nur über Russland. Schon das passt nicht
zusammen. Damit sollte demonstriert werden, dass kein Staat so
belanglos ist, dass dieser Anspruch „taugt für uns“
verbunden mit dem Anspruch „taugt für uns“,
aufgehen kann. Das ist Ordnung auf der Welt. Diese Ordnung ist wüst,
denn die Ordnung, die die Staaten im Inneren fabrizieren sich dauernd
beißt mit dem Anspruch, wozu diese Ordnung für die, die
sie in Auftrag geben, taugen soll. Das steckt hinter den Beleidigten
Äußerungen eines Emirs, der sich darüber beschwert,
dass man es aus der Zeitung erfahren müsse, was die Amerikaner
von ihnen wollen.
Zum
Titel des Interviews: „neue strategische Dimension“.
Womit ist er denn unzufrieden? Das eben Besprochene ist von Seiten
der EU, bei den entscheidenden Nationen gang und gäbe, dass sie
hineinregieren wollen, andere Staaten ihrem Interessen entsprechend
zurechtmachen wollen. In dem Sinne ist das kein neues Mittel eines
imperialistischen Staates. Wenn Fischer das als „neue
strategische Dimension“ der Europäer ausgibt.
Deswegen
sieht die Welt ja so wüst aus, weil das alles schon läuft.
Wie ist dann das Gerede, bei dem in jedem Satz "strategisch"
vorkommt, einzuordnen?
Es
wurde von den USA, auch von den Europäern vorexerziert, dass im
Verhältnis zu ihnen Welt geordnet wurde. Wo die Amerikaner das
Subjekt dabei waren, haben die Europäer unterhalb dieser
Schwelle ihre eigenen Einmischungen vorgenommen. Die neue Sichtweise
ist, nicht nur ökonomisch so Fuß zu fassen, um in der
ökonomischen Konkurrenz voran zu kommen, sondern das auch von
der politischen Konkurrenz her zu betrachten. Wie wenn sie sagen
würden: Madrid ist unser 11. September = jetzt haben wir die
Definitionshoheit in Sachen Terrorismusbekämpfen. Wir betrachten
jetzt – so wie bisher die Amerikaner – die ganze Welt
unter dem Gesichtspunkt: Was wollen wir eigentlich von denen, aber
nicht nur im ökonomischen Sinn.
Sondern?
Nicht, dass er so tut, als hätte er etwas Neues herausgefunden,
das er jetzt den strategischen Blick auf diese ganzen Verhältnisse
nennt. Das artikuliert schon eine Unzufriedenheit der bisherigen
Verhältnisse.
Er
drückt doch aus, dass die Aufnahme der Türkei in die EU die
strategische Dimension der EU praktisch macht. Als Einwand gegen die
Abwägerei, ob man sie aufnehmen wolle bringt er damit den
Verweis darauf, wenn die mal drin sind, ist es ein existenter
Anspruch der EU in dieser Gegend.
So
wie er sich hier äußert, sagt er, dass daran kein Weg
vorbei führt. Und so wie es bisher gelaufen ist, das lässt
die wichtigste aller Dimensionen deutscher und europäischer
Weltpolitik außer Acht. Er will auf ein Ergebnis hinaus. Er
sagt, Ökonomie ist schön und gut … man macht dem
anderen Staat ein Angebot und eröffnet ihm damit die
Möglichkeit, sein Interesse da hinein zu definieren, zwar
möglichst einseitig für uns … dann wird Handel
getrieben, investiert … Seit dem II. Weltkrieg verfährt
Deutschland so mit anderen Staaten und der imperialistische Anspruch,
wofür der andere Staat da zu sein hat, steckt da immer drin. Wie
er sich verwirklicht, das geht in der vorhin schon genannten Schiene,
per Angebot, per Vermittlung, per Interessensausgleich. Dass das, was
nur über den aufgemachten, erwünschten Handel läuft,
dass das schon ganze Staaten kaputt macht, ist auf der ganzen Welt zu
besichtigen. Wenn Fischer nun 2004 daher kommt und sagt, …
seit 1989 wissen wir, dass es von Europa aus so nicht mehr
allein weiter geht. Und seit 2001 wissen wir endgültig, dass
Weltpolitik nicht mehr so funktioniert, dass man mit Staaten auf der
Basis umgeht. Mit "strategisch" kritisiert er ein ganzes
Verfahren, von Deutschland, von Europa aus Weltpolitik zu betreiben
nach dem genannten Muster, man betreibt Handel, macht einen Austausch
und irgendwo können diese Staaten sich mit ihren Interessen da
noch hineindefinieren. Zu dem ganzen Zirkus nimmt er mit
"strategisch" eine übergeordnete methodische Stellung
ein und sagt, das Ganze taugt nur etwas, wenn es auf dem sicheren
Fundament der Fähigkeit beruht, denen überhaupt
Vorschriften zu machen, wie sie ihre Staatsräson einzurichten
haben. Drastisch gesagt, sagt er mit "strategisch", dass
wir gleich ins Auge fassen müssen, dass unser Imperialismus
diese Staaten ruiniert – können wir das
durchstehen? Auf der Ebene wird Weltpolitik gemacht. Staatsräson
vorschreiben, und das macht sie kaputt – das ist etwas anderes
als ihnen ein Angebot für ihre Staatsräson zwecks
Weiterentwicklung zu machen. Darüber müsse man hinaus,
"strategisch" denken, was heißt, anderen Staaten
ihren Dienst überhaupt in der Welt anweisen können. So wie
die Amerikaner Pakistan den Dienst anweisen für die
Terrorismusbekämpfung in Zentral-Asien. Dienste zu tun –
auf der Ebene muss heute Politik gemacht werden.
Die
Frage ging darauf, auf welchen Staat er sich damit bezieht.
Er
sagt es sehr generell.
Sagt
er dann damit, dass Europa auch den Mittleren oder Nahen Osten, die
ganze Osterweiterung im Blickfeld hat, ein Gesichtspunkt, der in
Zukunft auch so etwas verbietet, dass man sagt: Was geht uns
eigentlich Nordkorea an.
Das
ist nicht bloß eine regionale Sache, dass das generell wird,
sondern die Art des Anspruchs. Es ist nicht mehr damit getan, dass
wir den Nah-Ost-Staaten das Öl abkaufen und ansonsten mit denen
klar kommen und gute Beziehungen unterhalten. Sondern heutzutage muss
es dahin gehen, diese Staaten zu demokratisieren. Man muss sich klar
machen, was das für ein Anspruch ist. Schon im Handel,
Abtransport von Rohstoffen, steckt ein Anspruch, der diese Staaten
zurecht macht. Da bleibt kein Stein auf dem anderen, wenn man so ein
Wüstennest zu einem Erdölland verwandelt. Da müssen
sich die Beduinen ziemlich umstellen und werden darüber
mürrisch. Schon das bringt die Welt durcheinander. Aber
zu dem verhält sich der Anspruch „Wir haben einen
wunderbaren Plan für eine freiheitliche Friedensordnung für
den ganzen Nahen Osten“ kritisch und von oben herab wie die
methodische Ansage „Wir schreiben euch überhaupt vor, was
für Staaten ihr in Zukunft sein sollt“. Wie dieser
Standpunkt sich mit den Verhältnissen dort verträgt, das
ist Sache der dortigen Staatsgewalt. Die soll eben einerseits
funktionieren, aber andererseits haargenau so wie wir es
vorschreiben. Wenn ein Emir dann zetert, dass das nicht zusammen
passt und „Demokratie macht unsere Länder kaputt und
untauglich für euch“. Die Antwort aus dem Westen ist: „Um
so schlimmer für euch. Reißt euch zusammen. Wir haben
einen Plan für euch.“
Über
die andere Seite, die aus der Nachfrage herauszuhören war, redet
der ja auch: Wenn man so etwas macht, hat man es nicht nur mit den
Emiren zu tun, sondern schon mit fertigen Staaten-Definitionen von
der Macht, die das schon praktiziert – von Amerika nämlich.
Insofern drückt der das, was vorhin gesagt wurde aus, dass
Staaten mit so einem Anspruch nicht so leicht fertig werden. Dazu
muss man nicht auf den Iran oder Pakistan schauen – dafür
steht das Interview selbst. Fischer hält es für Deutschland
untragbar, sich von Amerika die Verhältnisse im Nahen Osten
vorgeben zu lassen. Zu alten Ost-West-Zeiten haben die Amerikaner das
als die Oberinstanz exekutiert und man selbst hat darunter
eingeordnet seine Verhältnisse in Europa und über Europa
hinaus im nationalen Interesse gestaltet und ausgenutzt. Aber das
geht nicht mehr. Er drückt das damit aus, das käme über
den Terrorismus, aber was er ausdrückt, ist, dass wenn
man so etwas will – und wir wollen es – dann ist es
unerträglich, wie es bisher lief. Das hält die Nation, das
hält Europa nicht aus, also muss man sich anders hinstellen.
Also muss man auch die Mittel dafür stiften.
Innerhalb
der EU soll über Beschlüsse abgestimmt werden. Wenn andere
Staaten bekunden, dass ihr Interesse nicht mit den großen
EU-Staaten zusammen fällt, könnten sie theoretisch eine
Mehrheit bilden gegen die momentan regierenden Staaten.
Das
ist doch genau der erste Mangel, den Fischer am Zustand Europas
feststellt: Dass das „strategische“ Denken, dass sich
Europa so zur Welt stellen soll, gar nicht von allen in Europa
geteilt wird.
Aber
das beantwortet meine Frage nicht. Wenn gesagt wird, Fischer sei in
dem Punkt ein Gegner der Mehrheitsentscheidungen – so verstehe
ich den Einwand jetzt.
Nein,
der will sie ja gerade als Mittel haben, einmal Ordnung in die EU zu
bringen.
Als
Mittel dafür, dass man bei der Definition dessen, worum es
Europa gehen soll, nicht jeden einzelnen Mitgliedsstaat fragen muss,
dass dabei auch einmal Staaten übergangen werden können. Es
ist wichtig, dass man hier auseinander hält: was ist der
Anspruch an Europa, damit Europa zu einem Subjekt wird, das gegenüber
dem Rest der Welt genauso auftreten kann wie die USA und das darüber
aus dieser Zwangslage – wir sind ja glatt selber welche, die
sich die Schranken ihrer Staatsräson von Amerika vorgeben lassen
müssen – durch ihren Zusammenschluss herauskommt. Die
Ebenen muss man unterscheiden. Und das Instrument der Unterwerfung
der kleineren durch die größeren Staaten enthält ein
größeres Moment von Ernennung, von Heranziehen, von auf
sie Eingehen. Das ist ja gerade das Fragwürdige, dass Europa
insgesamt, als dieses absurde Konstrukt von zusammenwirkenden
Nationalstaaten, zu einem imperialistischen Subjekt werden soll, und
die derzeitigen Vorstellungen, z.B. beim Abstimmungsmodus, gehen
schon sehr in die Richtung auf die Organisation von zentraler Macht.
Die
kleineren Staaten sollen also gar nicht mehr anders können als
sich der zentralen Gewalt unterwerfen, aber sie können doch,
wenn ihnen eine Entscheidung nicht passt, versuchen, ein paar andere
Staaten zu finden, mit denen sie eine Gegenmehrheit bilden oder sie
können sagen: dann steigen wir eben wieder aus.
Der
Fischer erklärt doch dein Problem genau. Der sagt: Einerseits
brauchen wir die vielen, weil sonst reißt ein ungutes
Verhältnis zwischen hegemonialem Zentrum und Peripherie und
Hinterhof ein. Die Sorge, Ausstieg oder nicht, kann man getrost denen
überlassen. Es geht drum, sich einen Begriff zu machen, wie
Europa an dieser Stelle verfährt, wie der Fischer das sieht und
einordnet. Der sagt doch, er will den Effekt eines Hinterhofes, aber
ohne den oppositionellen Standpunkt von Staaten, die sagen, sie
wollen nicht bloß Hinterhof sein. Das will er organisieren in
dem Verfahren der Entscheidungsfindung in der EU, es soll dafür
taugen, dass dann ein Beschluss steht, der ein Stück
europäischer Einigkeit und Macht repräsentiert. Das ist
sein Anspruch an diese neue Verfassung.
Und
wenn du jetzt sagst, so ein idealer Weg wie wenn es ein Bundesstaat
wäre und die Zentrale sagt, wo es lang geht, ist das doch gar
nicht, dann ist das kein Einwand dagegen, denn der sagt ja: das ist
der jetzt mögliche, fällige Schritt. - Jetzt aber noch mal
zu dem, wozu das ein Schritt ist, was mit ‚strategischer
Dimension’ angesagt ist, mal von der europäischen und
deutschen Seite her ausgedrückt, wenn die immer sagen, 1989 und
2001 haben die Welt verändert – was hat sich denn da
verändert? Wie definieren die Europäer die Veränderung,
die da passiert ist? Sie sagen, das kann nicht mehr so bleiben, wie
bisher in Europa verfahren worden ist – was kann in Europa
nicht mehr so bleiben? Dass immer noch, was Europa als sein Anliegen
auf der Welt definiert, dass bei allem, was Europa unternimmt, um
anderen Staaten ihren Lebenszweck vorzuschreiben, dass bei all dem
die Amis immer schon dort gewesen sind, dass sogar bei der Definition
dessen, was Europa will, Amerika immer maßgeblich mitwirkt,
dass also Momente von dem Verhältnis, das Europa zum Rest der
Welt einrichten will, in dem Verhältnis zwischen USA und Europa
überlebt haben – immer noch ein Stück
Fremdbestimmung. Man könnte es auf die Formel bringen: Die
wollen die Fremdbestimmung Europas durch Amerika aus der Welt
schaffen, um zum Subjekt einer universellen Fremdbestimmung für
alle anderen werden zu können. Das ist der Gehalt von diesem
Stichwort strategisch; und zugleich die Unzufriedenheit damit, die
Absage an eine Politik, die ‚immer bloß mit ökonomischen
Mitteln’, also immer noch mit dem Gehalt eines Angebots an
andere Nationen und eben unter Restriktionen durch amerikanische
Vorbehalte agiert hat. Die Härte dieses Programms merkt man
daran, dass so kleinteilig definiert ist, wo man auf dem Globus hin
will, der sagt nicht, dass man überall hin will oder dass man
als nächstes Nordkorea okkupieren will, sondern: das wird sich
Schritt für Schritt vorgenommen, die heißeste Region zur
Zeit ist der Nahe Osten und der ist nicht nur eine Gegend von
höchstem Interesse für die USA und Europa, sondern ist
außerdem unser Nachbar, fangen wir doch da mal an, da gibt es
enorm viel zu tun. Es ging drum, klar zu machen, was es da zu
tun gibt (das größte Ärgernis für die ist
sowieso Israel).
Wenn
der Fischer vom „neuen Transatlantismus“ redet, meint er:
einer Gemeinsamkeit, die es einmal gegeben hat, geben wir einen neuen
Inhalt, damit es wieder eine ordentliche Gemeinsamkeit wird. Er sagt
doch: die frühere transatlantische Partnerschaft ist dahin. Er
bemerkt den Anspruch der Terrorismusdefinition, genau das für
den Rest der Welt zu definieren, von dem er sagt, dass es Europa auch
zusteht und was dessen neues Programm ist, das ‚strategische
Dimension’ heißt und von da aus sagt er: die alte
Partnerschaft ist auf anderen Voraussetzungen aufgebaut, die ist
damit hin, und zwar, weil Europa was versäumt hat. Und diesen
Anspruch drückt er aus als: und damit stiften wir eine neue
Partnerschaft. Da kann man ja fragen, worin die besteht. Dass Amerika
nicht umhin kommt, sich mit der europäischen Konkurrenz zu
einigen, dass an Europa in diesen Fragen kein Weg vorbei führt,
dass die Nato nicht mehr das Bündnis von einer Führungsmacht
und Mitmachern ist. Mit dem Begriff drückt er aus, dass sie die
USA zu einer Anerkennung der europäischen Macht nötigen.
Das ist die Seite zu den USA hin; die Seite zur Türkei hin ist:
wir wissen für die Türkei was – nach Europa rein als
strategische Größe und was das für die ökonomisch
bedeutet, dass sie nicht mehr das an Wirtschaftszuwachs erzielen, was
sie sich vielleicht mal ausgerechnet haben und dass sie so ohne
weiteres keinen Zugang zu den EU-Töpfen kriegen, ist denen auch
klar. Das Angebot sieht anders aus, das haben wir anders definiert
und hinter das kann sich die Türkei stellen – will sie ja
auch. So drückt er gegenüber Amerika aus: wir definieren
eine neue Konkurrenzlage und den Anspruch, dass die das anzuerkennen
haben, drücken wir gleich mit aus, nämlich „das ist
die neue transatlantische Gemeinschaft“.
Mit
„Nachbarschaft“ ist doch eine besondere Zuständigkeit
ausgedrückt, die auch von den USA zu respektieren sei?
Genau.
Nachbarschaft ist da kein unverfänglicher geographischer Begriff
– so nah ist uns der Iran ja auch nicht -, sondern das ist eine
Definition von Zuständigkeit in Konkurrenz zu den USA, die USA
sind überall, aber das spezielle Interesse Europas am Nahen
Osten steht doch wohl fest; weswegen es feststeht, wird mit
„Nachbarschaft“ gerade nicht gesagt, außer: wir
reklamieren es als ein besonderes Verhältnis, welche Mittel das
hat, auf welchen besonderen Einflüssen das beruht, wird alles
nicht ausgedrückt, sondern nur: das verdient Anerkennung.
Nach
dem 11.9. und vor dem Irak-Krieg haben wir hier doch diskutiert, dass
die Amerikaner die Welt in die Willigen und Nicht-Willigen sortieren,
die dann gleich auf der Schurken-Liste stehen. Damals haben wir
gesagt, dass Europa alternativlos ist, dass ihnen da nichts einfällt.
Wenn man das Fischer-Interview liest, dann scheint die Alternative
für Europa in der Emanzipation gegenüber dem Status von
Amerika zu liegen. Mit der Verwirklichung der vom Fischer definierten
Ansprüche wäre man dann für die Amis ein wirklicher
Partner und nicht mehr bloß einsortiert als Mitmacher oder
sogar Gegner.
Ich
habe bei dir so was rausgehört wie: und das ist doch jetzt die
Lösung des Dilemmas. Erst mal ist es dessen Programm, vielleicht
auch ein Stück deutsches Programm und das ist damit eine
Definition Europas und der Antrag darauf, dass Europa sich
ändern muss und nicht bloß, jetzt gehen wir auf die Welt
los, weil die hat sich zu ändern, sondern: dafür muss sich
Europa ändern, aber eben dafür. Und bloß weg
von so was wie: ist das denn realistisch und wie will der die Mittel
dafür herkriegen? Ist das überhaupt der Königsweg? Der
Fischer sagt, wie er die Welt betrachtet und was das bedeutet und
übrigens sagt der auch: man darf nicht gleich nach den Mitteln
fragen, sondern muss sich bemühen, die herzukriegen.
Um
noch mal an den Anfang zu erinnern, weil das in der Diskussion
vielleicht zu kurz gekommen ist: wie der Fischer über die Türkei
redet, ist hauptsächlich ein Reden über Europa, wozu Europa
sich durchringen will und die Verfahrensfrage der Abstimmungen hat
seinen Inhalt. Er gibt in dem Interview zu verstehen, der Standpunkt,
das Ganze strategisch zu sehen, ein weltpolitisches Subjekt zu
werden, das unabhängig von Amerika – was übrigens
auch gleich einschließt: gegen Amerika – anderen Staaten,
und er nennt gleich einen Rattenschwanz von Staaten, ihre Staatsräson
zuzudiktieren, das ist was, da muss sich Europa erst mal darauf
einigen, dass es das will. Denn da liegt das Problem, nicht im
Abstimmungsverfahren; es gibt eben viele europäische Staaten,
die haben was ganz anderes im Sinn: Österreich hat
wahrscheinlich größere Probleme mit dem Alpentransit als
mit der Beherrschung des Iran – obwohl, als Stationierungsort
für diese IAEO sind sie auch schon dick mit im Geschäft.
Auch den Polen, die einerseits schlaue Burschen sind - die wissen
schon, was ‚strategisch’ bedeutet, deswegen haben sie
sich den Amerikanern ja auch im Irak angedienert -, muss man diesen
Standpunkt erst beibringen, also, wo jetzt die Musik spielt. Andere
Staaten haben was ganz anderes mit ihrem Europa-Projekt vor, die
denken bei Europa mehr an ihre Bauern und das Geld und dagegen den
Standpunkt durchzusetzen: Geld kommt jetzt erst mal in zweiter Linie
und die Bauern in siebter Linie, in erster Linie kommt, was wir uns
in Sachen andere Staaten zurecht machen, denen ihre Funktion zuweisen
auf der Welt, einig sein, dass das ein europäisches Anliegen ist
und da fällt ihm gleich das Mittelmeer ein und der Nahe Osten
und die Nachbarschaft zum Iran, so dass die FAZ dann so süß
fragt: wen wollen wir eigentlich noch stabilisieren? Und seine
Antwort darauf ist die Definition von ‚strategisch’ -
„überall nach dem rechten schauen“ ist die
harmloseste Ausdrucksweise dafür. Mit diesem Projekt macht sich
Europa zu einem Dienstanweiser für die Staatenwelt, die noch
ganz anders als bisher unter amerikanischer Ägide zur Zerrüttung
dieser Staaten ihren Beitrag liefert, Zerrüttung in dem Sinn,
jetzt möchte man außer der amerikanischen auch noch eine
europäische Fremdbestimmung über die Herrschaft gewinnen,
die dort unterwegs ist; sie soll funktionieren, und zwar nicht für
die USA, sondern für Europa. Und damit soll so ein korrupter
Staatspräsident fertig werden, der hat doch gar keine andere
Chance, als sich und sein Geld in die Schweiz zu schaffen. Das ist
nur eine Anspielung auf diese neue Kategorie, die es jetzt gibt:
failed states - fehlgeschlagene Staaten -, das greift jetzt um sich,
Staaten, die keine mehr sind, es gibt schon ein Dutzend davon –
was hat sie eigentlich kaputt gemacht? Bestimmt nicht ihr
Bevölkerungswachstum.
Der
europäische Anspruch bringt also für die Staaten das
Problem, sich zu ändern, sich den europäischen Interessen
unterzuordnen, wenn sie es nicht tun, kriegen sie ein Problem, das
mit militärischer Erpressbarkeit zu tun hat und da ist der
Fischer-Gedanke etwas idealistisch, weil die Mittel, so aufzutreten
wie die Amerikaner und das Durchsetzungsvermögen, das hat Europa
ja gerade nicht, aber da ist der Gedanke: so soll es aber werden.
Er
fasst ja alle möglichen Mittel ins Auge und das geht ja nicht
bloß über das Militär, der denkt auch daran, dass man
ökonomische Erpressungen auch noch ganz anders strategisch
einsetzen kann als bisher - das ist das Friedensgerede -, wichtig
ist, wofür einsetzen und da nimmt er eine methodische Ebene ein,
wo du zu Recht sagst, letztlich läuft die auf militärischen
Zugriff hinaus, das ist ihm schon auch kein Geheimnis.
Einen
Zugriff schlägt er ja vor und darum geht die ganze Debatte,
nämlich die Türkei zum Mittel dieses Standpunkts zu machen.
Das ist schon nah dran zu sagen, die Türkei ist eine
Militärmacht, wenn man sich die verfügbar macht, verfügbar
in dem Sinne, sie sortiert sich zu Europa und ist damit ein Stück
europäischer Macht, dann ist man auch im Nahen Osten ganz anders
aufgestellt. Das drückt er ja aus mit dem schönen Bild vom
Dreieck, aber daran merkt man zweierlei: die Türkei ist ein
Zugewinn, den müssen wir uns verfügbar machen und da hat
alles andere – wie die Türkei und Europa das ökonomisch
aushalten – zurückzustehen; das regelt sich dann schon,
wenn man nur diesen Gesichtspunkt einnimmt und das will. Das gehört
übrigens zu dem, was vorher mit Zerrüttung gefasst wurde.
Das zweite ist auch ein Stück Zerstörung, nämlich,
dass sich Europa dann selber anders sortieren muss, von der
Verfassungsfrage bis: was nimmt man sich vor und das ist eine Absage
an die eingerichteten Wege und Selbstverständlichkeiten, auch
die Gesichtspunkte, die für Staaten bisher gültig waren,
warum sie bisher zu Europa dazugehört haben und dazugehören
wollten. Auch da ändert sich also die ganze Lesart. Seit der
Unterscheidung der USA in altes und neues Europa und dem Aufschrei:
die wollen Europa spalten, ist aktenkundig, dass das, was der Fischer
vertritt, ein neuer Streit fundamentaler Art ist, wie man sich
überhaupt in der Frage der imperialistischen Subjekt-Rolle
sortiert und manche Staaten haben eigentlich gedacht, sie wollen mit
Europa ökonomisch gewinnen und strategisch mit den USA. Polen
ist so ein Fall, das sagt, es sortiert sich anders. Das kritisiert
der Fischer und sagt, wenn sich nicht alle hinter die neue Lesart
stellen, ist Europa verloren. Insofern ist es schlecht zu sagen: wo
will denn der das Militär herkriegen? Denn der sagt: Europa soll
sich einigen und für diese Perspektive ist die Türkei ein
entscheidender Faktor, das soll man bei der ganzen Türkei-Diskussion
bedenken und zur Leitlinie machen. Vor zwei Jahren haben wir über
die Türkei diskutiert und da wurde gesagt, dass die, wenn sie
sich die Türkei vornehmen, gar nicht darüber reden: wie
steht es in der Türkei, sondern darüber, was sich Europa
vornimmt. Es geht drum: was will Europa? Wie stellt sich Europa auf?
als eine Auskunft darüber, wie es um die Türkei steht, also
welches funktionelle Verhältnis man zur Türkei einnimmt,
ist gleichbedeutend mit: wie definiert sich Europa als Subjekt? Der
Fischer macht da einen ziemlich fundamentalistischen Vorschlag. Der
Einwand, den der Schäuble lanciert hat, ist bezeichnend, weil er
auf derselben Ebene angesiedelt ist, der hat dazu gesagt: machen wir
uns doch nichts vor, mit den Beitrittsverhandlungen und dem Beitritt
der Türkei erfüllt man ja nur das Interesse der USA, die
von ihren strategischen Gesichtspunkten her schon immer gesagt haben,
man soll die Türkei in Europa aufnehmen. Der definiert also die
Perspektive, die der Fischer hat, aus seinem Programm weg, wenn er
sagt, das erfüllt nur die strategischen Interessen der USA. Das
ist das Doppelseitige, wenn der von strategischer Dimension redet,
dass das gleichermaßen ein Auftrag zur Ausrichtung Europas ist
wie ein Auftrag in bezug zum Rest der Welt. Wenn der sagt, die ganze
Verfassungsfrage muss das Hinterhof-Problem klären, muss die
Ausrichtung der Staaten in Europa garantieren, dann drückt er
denselben strategischen Anspruch aus: diese Nationen sollen sich so
zusammenfinden, dass sie den Bedarf automatisch zu ihrem eigenen
machen und erfüllen und so den Machtzuwachs darstellen, den der
Fischer sich für Europa vorstellt.
Das
Zerstörerische ist für eine Reihe von Staaten, dass ihre
Rolle in dieser strategischen Definition Europas darin besteht, dass
sie ihren Sinn und Zweck sausen lassen, ihre Problematik nicht gilt.
Beziehungsweise,
dadurch bekommen sie ihre Probleme erst. In all diesen Verhältnissen
ist es der doppelte Anspruch auf Dienste und auf Funktionieren.
Funktionieren kann ein Staat, wenn die Herrschaft für sich
sorgt, weil Staaten sind Herrschaftsgebilde, da muss die Herrschaft
sich ihres Volks, dessen, worüber sie gebietet, als ihres
Machtmittels versichern; wenn das nicht klappt, dann steht die
Herrschaft auf tönernen Füßen. Das ist der eine
Anspruch: sie soll sich ihrer Mittel für ihre Macht bedienen,
gleichzeitig ist der Anspruch, sie soll sich ihrer Mittel nicht für
ihre Macht bedienen, einfach, damit sie stärker wird, sondern
damit sie Fischer & CO. Dienste tut und das ist mit allen
möglichen Machtmitteln, die sie einsetzt, sowie mit ihren
Verfahrensweisen, diese Mittel für sich nutzbar zu machen,
ziemlich unverträglich und von solchen Staaten ist die Welt
voll. Noch mal: die muten anderen Staaten zu und bieten ihnen an,
ihre Eigeninteressen, ihre Staatsräson quasi in Abstimmung mit
den äußeren Ansprüchen festzulegen und zu
exekutieren. Das ist das harmonisierende Bild für das, was die
pädagogische Wissenschaft „double bind“ nennt –
widersprüchliche Zwangslagen für das Kind -, die Erfüllung
des Anspruchs: funktioniert für uns, und da kann man die ganze
imperialistisch geordnete Staatenwelt durchgehen: überall bringt
das Friktionen hervor, manche Staaten kommen damit einigermaßen
zurecht, die Ölscheichtümer haben bis neulich dazu gehört:
das Interesse, Öl zu verkaufen an die westlichen Staaten - und
das relativ billig - , hat sich mit dem Interesse, mit dem Öl-Geld,
das sie sonst nicht hätten, halbwegs zivilisierte Verhältnisse
für ihre Beduinen aufzubauen, 30 Jahre lang einigermaßen
vertragen, immerhin aber mit dem Nebeneffekt, dass große Teile
dieser Bevölkerung auf die Barrikaden gegangen sind, erst
innerlich und dann haben sie diese Türme in New York umgelegt,
also da waren offensichtlich auch schon ein paar Friktionen mit
exportiert worden. Da kann man die ganze Welt durchmustern und wir
machen das ja auch manchmal in den „Gegenstandpunkten“,
z.B. bei Argentinien: Was ist aus diesem Staat geworden unter dem
doppelten Anspruch, als Staat sich aufbauen und eine Nummer in der
Welt werden und dabei akkumulierte Ansprüche auf seinen Reichtum
bedienen, die diesem Land wirklich nichts nützen. Da merkt man
schon auch, auf dieser ökonomischen Ebene, die immer noch ein
Moment von Angebot und Vereinbarkeit hat nach dem Motto: auch der
Kreditgeber braucht einen solventen Schuldner, werden ganze Staaten
ruiniert. Das ganze Südamerika ist ein Sammelsurium von Staaten,
die an dieser doppelten Bestimmung: sie sollen funktionieren und das
für uns, fortwährend scheitern. Wieso hält es keine
Regierung länger als 4 Jahre aus, warum tritt da ein Typ an,
wird mit großem Trara als Liebling des Volkes gewählt und
spätestens 4 Jahre später ist er der absolute Hauptfeind
des Volkes und entweder serviert ihn das Militär ab oder er
serviert mit dem Militär das Volk ab oder irgendwas dazwischen
und hinterher wird mit Krokodilstränen begutachtet, dass man
jetzt nicht mal mehr nach Peru auf die Berge steigen kann. Nicht mal
für die Funktion, Spielwiese für ’uns’ zu sein,
taugen sie dann noch. Das ist die Ignoranz oder - moralisch gesagt –
die Unverschämtheit des Imperialismus, zu fordern, dass die
damit zurecht kommen sollen unter dem Motto: wir haben damit nichts
zu tun. Das alte Ideal von Entwicklungshilfe: wir schauen, dass sie
damit wenigstens klarkommen, ist inzwischen obsolet und das Amt dazu
so ziemlich das unwichtigste. Das ganze Balkanwesen zeugt davon: man
schafft für die Völker und ihre Herrschaften unhaltbare
Existenzbedingungen und pflanzt den methodischen Anspruch obendrauf:
kann man von euch vielleicht mal positive Effekte haben? Die heutige
Seite 3 der SZ war ein wunderbares Dokument für
imperialistischen Geist heute in Deutschland: Unhaltbare Zustände
im Balkan geschaffen und dann bedauert der Artikelschreiber eine
halbe Seite lang die deutschen Soldaten, die es dort so schwer haben.
Das ist die richtige Sichtweise: erst befreien wir sie und dann sind
sie undankbar, bloß weil wir sonst nichts für sie tun –
dabei haben wir immerhin ein Müttergenesungswerk mit unseren
Soldaten organisiert...