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Diskussionsvorschlag zu Israel
1.
Israel führt einen total "asymmetrischen" Quasi-Krieg gegen die
Verfechter und Repräsentanten eines palästinensischen Staatswillens und
gestattet sich erste Übergriffe auf deren auswärtige Unterstützer.
Es definiert dieses Vorgehen in Amerikas "Krieg gegen den Terrorismus"
hinein, als dessen logischen Bestandteil; und die US-Regierung erkennt
das auch an.
Beide Seiten, USA und Israel, kommen so überein in dem Beschluss,
arabischen Nationalismus und islamischen Fundamentalismus (i.e. alles,
was sie darunter subsumieren) für absolut und schlechterdings
unvereinbar mit ihren "vitalen Interessen" zu befinden.
Dieser Unvereinbarkeitsbeschluss ist der Grund des israelischen wie des
amerikanischen Vorgehens im "Nahen Osten". Man sollte dieses Vorgehen
daher nicht danach beurteilen, ob und wie effektiv es den tatsächlich
praktizierten Terrorismus - im Falle Israels: von palästinensischer
Seite - verhindert, und daraus, dass es gar nichts verhindert, eher
Verzweiflungstaten provoziert, auch nicht folgern, die
"Terrorismusbekämpfung" wäre gescheitert, oder sie wäre bloß ein Vorwand
für andere Zwecke, das moralische Alibi für Eroberungen z.B.. Mit ihrem
Unvereinbarkeitsbeschluss definieren Israel und USA ihren Feind, und dem
gilt ihr Anti-Terrorismus-Krieg.
2.
Die kriegsträchtigen Unvereinbarkeitsbeschlüsse Israels und der USA
sind nicht mehr bloß faktisch deckungsgleich, sondern stimmen
vollinhaltlich überein.
- Israel hat sich entschlossen, jede Gegnerschaft gegen sein nationales
Ziel und Recht (= die Inbesitznahme Palästinas für das "jüdische Volk")
zu erschlagen, buchstäblich. Es widerruft alle Ansätze dazu, ihrem
arabischen Gegner dessen Widerstand durch eine wirksame Kombination von
siegreicher Kriegführung und Friedensangeboten mit Kompromisscharakter
"abzukaufen". Solche Initiativen - egal, wie ernsthaft sie je gemeint
waren - erklärt die Regierung rückblickend für von vornherein
gescheitert, für Irrwege; also - so oder so - zu Täuschungen.
Israel findet sich 1. selber stark genug und 2. durch die USA
ermächtigt, offensiv diesen für eine Staatsmacht letztlich allein
zuverlässig zielführenden Weg der Selbstbehauptung einzuschlagen.
Die Okkupation des Westjordanlandes und die Drangsalierung seiner
arabischen Einwohner ist in diesem Ziel ausschließlich gewaltsamer
Selbstbehauptung eingeschlossen, nicht umgekehrt. Deswegen bemisst
Israel sein Vorgehen auch nicht nach irgendeinem Plan, was langfristig
mit den Palästinensern eigentlich geschehen soll: Es geht darum, denen
ihren Selbstbehauptungswillen auszutreiben. Am Ende erweist sich dafür
eine große Umsiedlungsaktion womöglich als die einzig "humane Lösung"...
- Die USA haben sich
* grundsätzlich dazu entschlossen, jeden antiamerikanischen Machtwillen
wo auch immer auf der Welt mit Waffengewalt zu zerschlagen;
* bzgl. der arabisch-islamischen Staatenwelt dazu entschlossen, auf
Regimewechsel (statt bloß auf eine brauchbare Politik) hinzuwirken.
Mit dem Imperativ "Demokratisierung" widerrufen sie ihre bisherigen
Versuche, Regime bei deren Eigeninteresse zu packen und mit ihrem
jeweiligen Staatsprogramm nützlich und gefügig zu machen. Sie machen
sich anheischig, die Nationen insgesamt, die Führungen mitsamt ihrem
Volk, in eine Verfassung zu bringen, dass militanter Antiamerikanismus
keine Chance mehr hat. Die Politik, die Souveränität der arabischen
Mächte zu respektieren und ihre Souveräne zu erpressen und zu fördern,
um sie für Amerika zu gewinnen, wird als Täuschung decouvriert;
Veränderung, notfalls mit Gewalt, wird zum Programm.
Die USA finden sich mächtig genug, um diesen direkten Weg zur
Beherrschung dieser Nationen einzuschlagen.
Dass sie sich durch dieses Vorgehen einen Haufen Probleme - auch mit
wirklichen Terroristen - erst schaffen, wie ihnen von ihren
imperialistischen Konkurrenten entgegen gehalten wird (die wollen gleich
ein "Scheitern" entdecken, das sie kein bisschen bedauern würden), ist
für die USA kein Einwand gegen diese Politik, sondern Grund zur
Verschärfung ihres Vorgehens.
3.
Der Verlauf:
- Israel testet permanent, wie weit es mit seiner Totschlag-Politik
gehen kann, und geht mit Rückendeckung der USA- und moralischer
Rückendeckung durch jede neue terroristische Verzweiflungstat von
Palästinensern - immer weiter.
- Die USA bauen Israels Vorgehen als passenden Teil in ihre Politik der
Unduldsamkeit und der Drangsalierung der Staaten des
arabisch-islamischen "Nahen Ostens" ein.
4.
Der Nebenschauplatz: Der diplomatische Konflikt mit den "Partnern", die
sich mitzuständig fühlen und einmischen wollen - Russland, EU; beide
noch mal in ihrer Eigenschaft als UNO-:
Auch hier bewährt sich die Identität der Kriegsstandpunkte Israels und
der USA. Israel ignoriert offensiv die Einmischungsbegehren der andern;
die US-Regierung stellt mit ihrer uneingeschränkten Lizenz für Israels
Militanz am Brennpunkt des aktuellen kriegerischen Weltgeschehens, also
an dem für alle Imperialisten heißesten und interessantesten Fall, die
Verhältnisse klar: sie mischt die andern rücksichtslos aus.
Diskussion
Es gibt eine Frage zu dem Beiblatt (Das erste Sternchen unter 2.: die
USA haben sich grundsätzlich dazu entschlossen...), und zwar, inwiefern
das Vorgehen Israels diesen Tatbestand erfüllen soll, also Beihilfe zur
Zerschlagung eines antiamerikanischen Machtwillens sein soll. Erst mal
würde ich als Antwort darauf verweisen, dass da noch ein zweites
Sternchen kommt (gleich darunter) und da werden ja ein paar Hinweise
gegeben, wie das, was vorher als Israels Interesse und Standpunkt in der
jetzigen Auseinandersetzung mit den Palästinensern charakterisiert ist
und der neue amerikanische Antiterrorismusstandpunkt übereinstimmen. Es
wird ja am Anfang des zweiten Punktes nicht behauptet, Israel und
Amerika wollen ein und dasselbe auf der Welt, das sind zwei ganz
unterschiedliche Staaten, die haben eine ganz unterschiedliche
Staatsräson und entsprechend Unterschiedliches vor auf der Welt. Die
Weltordnung, die Amerika vollstrecken will - überall eingemischt,
überall vor Ort, wenn sich was Gravierendes tut auf der Welt, als
Urheber, als Betreuer, Macht, die zum Nutznießen entschlossen ist, das
ist natürlich was ganz anderes als Israel auf die Beine stellen kann.
Israel hat sein Ziel im Nahen Osten, sich als Macht dort etablieren,
unanfechtbar sein, seinem Volk - das ist die eigentümliche Quelle des
israelischen Nationalismus - die Heimstatt sichern, mal ganz wohlwollend
gesprochen. Hier ist die Behauptung, im Zeichen das neuen
Antiterrorismuskampfes ist eine neue Sorte Deckungsgleichheit zwischen
israelischer und amerikanischer Militanz entstanden. Die Politik, die
beide im Nahen Osten betreiben, exekutiert einen
Unvereinbarkeitsentschluss zwischen eigenen Interessen und jeder Sorte
von islamischem Fundamentalismus oder arabischem Nationalismus, wie es
ihn bisher dort gibt. Darin liegt die Identität. Von daher bestimmt sich
die Logik des Vorgehens beider Seiten und auch, dass die Amerikaner den
Israelis in ihrem Vorgehen keine erkennbaren Grenzen setzen - das war ja
nicht immer so. Die Hamas-Leute werden inzwischen unter Terrorismus
eingeordnet und da weiß man ja, was mit diesem Etikett für die
amerikanische Regierung alles erledigt ist, insbesondere die Nachfrage,
ob es eventuell einen politischen Grund dafür geben könnte. Dass die
Sache, die sie da aufs Korn nehmen, eben so ein renitenter
palästinensischer Nationalismus ist und dass alles, was in diese Ecke
gehört, von Amerika unter Verdacht gestellt wird, daran wird hier
erinnert. Jetzt ist auch gar nicht von Bedeutung: Sagen die Amerikaner
arabischer Nationalismus dazu, sondern, wie stellen sie sich zu dem, was
es dort an Widerstand gibt, an terroristischen oder auch
nationalistischen Umtrieben, patriotischer Betreuung des
palästinensischen Volkes. Das ist ja jetzt kein Bericht über die Lage
dort, das ist ein bisschen unterstellt, aber dass die Amerikaner sowohl
selber sich entschlossen haben wie auch bei ihren Verbündeten den
Beschluss erwirkt haben, alle diese immerzu namhaft gemachten
palästinensischen Organisationen, insbesondere die Hamas, die auch eine
sozial engagierte Abteilung unterhält, unter das Verdikt Terrorismus zu
rücken und in Punkt 1 ist gesagt, was das heißt.
Ich habe mir nach der Diskussion vom letzten Mal gedacht, dass die
Frage noch offen geblieben ist: worin treffen sich eigentlich Israel und
die USA bei der Frage, wie mit dem palästinensischen
Staatsgründungsprojekt zu verfahren sei, von Israel her ist es kein
Rätsel, dieser Staat ist ihnen absolut im Weg, und für die USA: ein für
sie funktioneller Souverän steht nicht in Aussicht, sie beurteilen die
Art, wie das Staatsgründungsprojekt sich betätigt, als eine einzige
Störung dessen, was sie sich an Ordnung für diese Gegend vorgenommen
haben, sie sehen deshalb von sich aus keinen Grund, dies Projekt zu
unterstützen. Sie sehen darin eine Gegnerschaft zu der Ordnung, wie sie
bisher dort eingerichtet ist. Sie treffen sich mit Israel in der
Beurteilung, dass mit dem palästinensischen Staat eine Dauergegnerschaft
eingerichtet werde.
Da ist an allem was dran, aber um es noch mal deutlich zu machen, worum
es hier geht: es liegt von israelischer wie von amerikanischer Seite ein
kleiner, aber nicht unbedeutender Fortschritt vor, der bezieht sich
nicht darauf, welchen Plan die einen oder anderen mit diesem Flecken
Erde haben oder, welchen Plan sie mit den Palästinensern verfolgen,
vielleicht ist das auch bei denen noch gar nicht klar, es ist ja nicht
so, als ob die wüssten: in 10 Jahren wollen wir mit den Palästinensern
folgendes bewerkstelligt haben. Die Entschlossenheit, die sich da zeigt,
bezieht sich auf einen qualitativen Übergang mit den Palästinensern und
der Art und Weise, wie die versuchen, ihr Staatsprojekt hochzuhalten, zu
verteidigen, weiter zu verfolgen. Und der Übergang ist kriegerischer
Art; die Projekte, was die einen oder die anderen sich für die Ordnung
des Nahen Ostens vorgenommen haben, haben sich gar nicht so sehr
verschoben; ich wüsste jetzt gar nicht, inwiefern das israelische
Staatsprojekt anders wäre als neulich oder inwieweit das amerikanische
Beharren auf pro-amerikanischer Regierung in der ganzen Region dort
inhaltlich anders geworden wäre; sie führen sich nur anders auf.
Für die Israelis ist der Unterschied doch gewaltig, einen Souverän dort
vorzufinden und zur Botmäßigkeit bringen zu wollen oder eine souveräne
Macht wird dort erst eingerichtet.
Über den Unterschied rede ich, wie die sich dann zu den Kräften, die
sich politisch oder terroristisch dort betätigen, stellen, ob sie sie
noch als welche behandeln, an denen man noch alles mögliche an
politischer Vereinbarung ausprobiert oder die man per Erpressung und
Angebot in irgendeine Richtung bugsiert, da mag die Richtung schon auch
die sein: die sollen die Schnauze halten - das war letztes Mal ja schon
Thema, die Palästinenser sollen die bessere Polizei der Israelis sein,
wenn sie das ist, dann ist sie recht - an dem Projekt hat sich sicher
von amerikanischer Seite aus nichts geändert, aber der Unterschied ist,
ob das noch nach den Buchstaben der "road map" als ein Angebot an die
Palästinenser unter dem Titel, die USA wollen einen palästinensischen
Staat, daherkommt oder ob das, was daran Angebot sein mag, völlig
zurücktritt hinter dem Standpunkt: was immer noch an Autonomie von
Terroristen oder anderen hochgehalten wird, wird bekämpft. Es gibt viele
Arten, mit so einem Widerstand von Arafat und seinen Spießgesellen
umzugehen - Du könntest sie einmauern und vergessen, aber es wird sich
auf den Standpunkt gestellt: das wird nicht geduldet, so richtig nach
dem Muster, das die Israelis vorführen und die Amerikaner abhaken -
überall, wo sich was rührt, wird draufgehauen - und so Berechnungen wie:
ist das denn der optimale Schutz für unser Volk? spielen da überhaupt
keine Rolle, weil zu solchen Umtrieben die Stellung besteht: so was
gehört vernichtet und zwar mit dem einzigen Mittel, über das der Staat
frei und souverän verfügt, nämlich mit überlegener Gewalt. Das ist eine
kriegerische Stellung und in dem Übergang, sich so zu ihren Gegnern zu
stellen, stimmen Israel und Amerika jetzt so überein. Die Amerikaner
haben es ja am Irak vorgeführt nach dem Motto, jetzt muss einmal Schluss
sein mit dieser Gegnerschaft. Es hat ja auch was Inadäquates, den
Amerikanern immer vorzurechnen: wo bleibt Euer wunderbarer Aufbauplan
für den Irak? Ihr habt nicht dafür gesorgt, dass der Strom wieder
fließt. Habt Ihr überhaupt rechtzeitig daran gedacht, die Leute daran zu
hindern, die Stromleitungen wieder abzumontieren? Habt Ihr einen
Marshall-Plan? Und lauter so Zeug. Das ist völlig inadäquat in dem
Verhältnis zu dem Beschluss, den die Amerikaner dort praktizieren - ein
Krieg ist doch kein Aufbauprogramm, sondern es ist erst mal ein
Vernichtungsprogramm gegen einen Feind und wenn der abgewickelt ist, ist
das erst mal fertig. Das ist jetzt die Stellung der USA zu den Staaten
dort, soweit sie abweichen und widerspenstig sind - und Momente von
Widerspenstigkeit finden sie dort überall in der Region - und das ist
der Fortschritt, der hier gemeint ist. Und hier ist behauptet, auch
Israel hat zumindest dem Anschein nach - das wollen wir jetzt gar nicht
groß auseinanderhalten, wie ehrlich das gemeint sein mag und wie
zielstrebig und ob an dem Rabin ein Teil israelischer Politik gehangen
hat, das ist alles Historie - und dem diplomatischen Auftreten nach mal
Momente von Vereinbarung mit den Palästinensern gesucht, spätestens seit
dem Verdikt gegen den Arafat, dass der ein Hindernis ist, ist das
diplomatisch vom Tisch, sachlich vom Tisch ist es mit dem Beschluss, auf
jeden Anschlag militärisch zu antworten, also auch von israelischer
Seite das Ganze als eine Sorte Krieg zu führen, als eine eigentümliche
Sorte Krieg, darauf ging ganz zu Anfang der Hinweis.
Uns kam das diskutierens- und mitteilenswert vor, weil die Manier, das
amerikanische als auch das israelische Vorgehen an allen möglichen
Vorstellungen des Friedens zu messen, den ja sowohl Amis als auch
Israelis im Nahen Osten erzielen wollen, sehr verbreitet ist und weil
dann auch kein anderes Urteil folgen kann als das, was die da treiben,
für so was wie Frieden mit den ortsansässigen Kräften ziemlich
kontraproduktiv ist und sich daran immer Überlegungen in verschiedenen
Richtungen anheften, die nicht korrekt sind - entweder, die wären mit
einem guten Anliegen gescheitert, wo davon nichts zu bemerken ist, also
der Krieg wäre so was wie ein aus Versehen schlechtes Mittel zu einem
eigentlich guten Anliegen und jetzt haben sie den Salat. Oder ein
anderer Fehler ist, dass man sagt: die Ziele, Terrorismusbekämpfung oder
so was, was ja wirklich der härteste Kriegsgrund ist, den Gegner als
Terroristen zu identifizieren, das ist identisch damit, ihm den Kampf
anzusagen und nichts als dessen Vernichtung als adäquates Mittel gelten
zu lassen, das wäre gewissermaßen nur das Alibi dafür, dass man ein
anderes Ziel verfolgen kann. Das macht auch noch ein bisschen die
Vorstellung mit, eigentlich könnte doch das pure Zuschlagen gegen einen
Gegner nicht der Weisheit letzter Schluss sein. Und hier soll erst mal
behauptet sein: wenn Staaten sich zum Krieg entschließen, dann heißt
das, sie erklären sich mit dem Interesse eines anderen Staats oder einer
anderen Macht oder in diesem Fall mit irgendwelchen bewaffneten Gruppen
für schlechterdings unvereinbar; da müssen sie an diesen Interessen
nicht einen neuen Inhalt entdeckt haben, wo sie dann sagen: das geht
endgültig zu weit, sondern das ist ein qualitativer Fortschritt, dass
man nicht mehr versucht, denen das Wasser abzugraben oder den Schneid
abzukaufen oder mit Abschreckung beizukommen, sondern dass man den
Übergang macht und sagt: das alles bringt es nicht, wir müssen den
Fortschritt zum Bekämpfen machen.
In der allgemeinen Form bin ich auch d'accord. Falsch war an der
Diskussion vom letzten Mal, dass Israels Regierung eine Politik machen
würde, die dazu angetan sei, die Amis quasi hinters Licht zu führen. Die
andere Seite halte ich nicht für falsch, nämlich der israelische
Kriegswille ist einer, der immer reflektieren muss darauf, dass ihre
Schutzmacht, die USA, mit dem Kriegsgrund, den Israel da hat, irgendwie
einverstanden ist. Es hängt von den USA ab, ob sie ihren unbedingten
Kriegswillen auch in die Tat umsetzen können.
Und das scheint so schwierig nicht zu sein und schon gar nicht in dem
Sinne, dass Israel jetzt entgegen seinem eigenen Interesse mit
Berechnungen belastet wäre, die heißen, wie kriegen wir die Zustimmung
Amerikas? Hier ist ja gerade behauptet, diese 'Last', die zur
ausgreifenden Politik Israels dazugehört - die ja auch von Israel als
ein Stück Leiden empfunden worden ist - ist, dass sie zu
Friedensverhandlungen gezwungen worden sind, die gar nicht in ihrem
originären Interesse waren. Da war das Eingehen von Israel auch schon
immer von dem Willen getragen, alles von ihrem Standpunkt aus Untragbare
zu zerstören. Dass sie dieser Situation offenbar enthoben sind, da muss
man noch grundsätzlicher anfangen, auch, weil beim letzten Mal von einer
anderen Ecke her diskutiert worden ist: von der Eigenart von Israels
Staatsgründung und das Verhältnis Religion/Volk als der Staatsideologie
und dem Programm dieses Staates, er gründet sich als moderner Staat, der
auf Kapitalismus aus ist und da wurde gesagt, das Eigentümliche ist,
dieser Staat hat in seinem Gründungsprogramm "Volk/Religion", also
gerade das, was nicht das berechnende Verhältnis eines Privatbürgers zum
Staat ist, sondern ein pures Staatsbürger-Verpflichtungsprogramm als
seine Grundlage, behauptet aber, er will einen modernen Staat machen.
Und was ist jetzt das Eigentümliche an Israel? Dass es das zwar
unternimmt, aber der Punkt, dieser Staat lebt in Frieden und es geht los
mit der bürgerlichen Gesellschaft, der Staat schützt mit seinem
Gewaltmonopol eine Gesellschaft, in der es Handel und Wandel gibt,
stimmt so für Israel nicht. Dieser Staat gründet eben auf etwas anderem,
nämlich der laufenden militärischen Gewalt, die er anwendet, auf der
laufenden Pflicht seiner Gesellschaft, ihm die entsprechenden
militärischen und kämpferischen Mittel zur Verfügung zu stellen, weil
dieser Staat sich als unfertig, als nicht konsolidiert, als mit Land und
Leuten immer noch im Dauerkrieg befindlich definiert. An dieser Stelle
kann man mal fragen, was das mit Amerika zu tun hat. Wieso ist Israel
mir diesem Programm immer schon eine Bastion der USA gewesen? Dass er
eine ist, merkt man daran, dass dieser Staat, sich der Gewalt verdankt,
die er selber auszuüben vermag und nicht dem konsolidierten
Gewaltmonopol, Israel lebt eben nicht davon, dass sie Apfelsinen in die
Welt verkaufen, sondern davon, dass sie - schon auch mittels
Apfelsinenverkauf - eine Militärmacht auf die Beine stellen, mit der
sich dieser Staat kämpferisch und ausgreifend gegen eine feindselige
Umwelt behauptet. Von diesem Verhältnis ist Israel nie losgekommen, das
war das Programm und bei dem ganzen von Amerika eingeleiteten
Friedensprozess war die Frage: wird Israel überhaupt zu einem
konsolidierten Staatswesen, das sich zu dem Standpunkt bequemt,
irgendwann muss auch dieser Staat Grenzen anerkennen, sein Volk
sortieren, die Palästinenser irgendwie einordnen, um zum Zustand eines
befriedeten Staatswesens überzugehen. Dieser Übergang war im Gespräch,
wenn auch in einer eigentümlichen und widersprüchlichen Weise, weil
gleich der Streit darum ging, ob die Palästinenser Bürgerrechte bekommen
können und das ist jetzt ruiniert und kaputtgemacht. Es ist der
Beschluss: nein, so geht die Konsolidierung Israels nicht, das muss
weiter ausgreifen, das muss den anderen Bevölkerungsteil als Volk
zerschlagen, das darf die Palästinenser nicht als eigenes Volk
anerkennen, sondern muss das in irgendeiner Weise zerschlagen, also ist
Gewalt das Dauerprogramm. Jetzt noch mal: was ist daran eigentlich
Bastion Amerikas? Und da will ich sagen, dass das vorher schon so war,
jeder weiß es, weil Israel nicht aus eigener Macht gelebt hat, sondern
es hat davon gelebt, dass Amerika diesen Staat nicht bloß gewollt,
sondern auch aufrechterhalten hat - militärisch, kreditmäßig, Israel ist
eigentlich ökonomisch ein ruinierter Staat, der davon lebt, dass er aus
den kapitalistischen Erträgen der Nation nicht die militärische Gewalt
finanzieren und erhalten muss, die er eigentlich immerzu braucht für die
Durchführung seines Staatsprogramms. Diese Gewalt hat andere Quellen,
nämlich in einem imperialistischen Subjekt anderer Natur, den USA. Und
was ist deren Interesse an Israel? Das ist der Sache nach nicht so
unterschiedlich von den Perspektiven jetzt, eben der Entschiedenheit
der Gewaltmethoden, dass Israel immer schon dafür gut war, einen
arabischen Nationalismus klein zu machen, berechenbar zu machen, runter
zu dividieren auf eine für Amerika handhabbare Größe, dass sie dafür gut
waren, die antikommunistische Ausrichtung voranzutreiben, also für
Amerika ein Einfallstor von Kontrolle über eine Region, die mit
unberechenbaren Nationalismen befrachtet war. Dagegen war Israel immer
eine Bastion und der Grund dafür, dass die arabischen Staaten - mehrmals
besiegt - mit ihrem Nationalismus Berechnungen neuer Natur und in
Richtung Amerika angestellt haben. Also das war damals schon die
Leistung und das Lebenselixier Israels und schon damals haben sich ein
amerikanischer und ein israelischer Zweck weitgehend gedeckt. Wo war
denn die Differenz, wenn Israel gesagt hat, es gründet sich im
Feindesland und das ist ein Gewaltprogramm und da muss man die
arabischen Staaten besiegen und sich zur einzig potenten Regionalmacht
machen und dann kann man auch nach innen hin diesen Staat konsolidieren,
die Palästinenser klein halten - wo hat das mit Amerikas Interesse an
Kontrolle des Nahen Ostens differiert? Immer dann, wenn Amerika mit dem
schon klein gemachten Arabischen Nationalismus eigene Berechnungen
angestellt hat und mit der SU als weltpolitischer Gegengröße berechnend
umgegangen ist, also auch die Frage des Ertrags der Gewalt, die Israel
ausgeübt hat, geheißen hat, welche dieser Länder kann man von Amerika
aus neu einbegreifen, eben weil diese sich jetzt zu Arrangements mit
den USA bereitgefunden haben. Das war der alte Weg und Israel hat sich
da immer als tendenziell zurückgesetzt betrachtet und es war für es
immer ein Anlass zu der Frage, inwieweit es mit Gewalt oder mit seiner
Beziehung zu Amerika diese Arrangements hintertreiben und umdrehen
kann. Und da, meine ich, liegt die Veränderung, weil die USA ihren
Standpunkt zum arabischen Nationalismus geändert haben, unzufrieden
damit sind, dass dieser Nationalismus unberechenbar und deshalb
untragbar geworden ist. Das ist unmittelbar die Identität mit dem
Standpunkt Israels: dieser Staat ist nicht fertig, hat immer noch eine
feindliche Umwelt und im eigenen Land die feindlichen Ambitionen zu
bekämpfen. Und Amerika hat nie prinzipiell andere Berechnungen mit
Palästina angestellt, deswegen ist der Übergang auch nicht allzu groß -
die Berechnungen, die mit den Palästinensern bis neulich angestellt
wurden, waren auch keine, die hießen: auf diese Mannschaft gründen wir
was, sondern: diese Mannschaft sortieren wir in Israel ein, so dass das
Nahost-Problem erledigt ist, und zwar mit israelischer Zustimmung und
Hilfe, also auch mit Berücksichtigung aller Interessen Israels. Das war
das Programm; es hat doch nie geheißen, man setzt auf irgendein
palästinensisches Staatsgebilde. Es war doch genau andersrum: auf diese
Weise ist der palästinensische Nationalismus ein für alle Mal erledigt
und die Art und Weise, wie der erledigt wird, wird (manchmal)
kritisiert, aber es hat doch nie geheißen: für den palästinensischen
Nationalismus gibt es einen Platz in der imperialistischen Staatenwelt,
auf diese Weise wurde er aus dieser rausdividiert. Das amerikanische
Programm nach dem Ende des ersten Irak-Krieges war, Israel in
irgendeiner Art und Weise als Machtgebilde zu konsolidieren und
Palästina rauszudividieren und Israel unterzuordnen und da sagt Israel,
diese Unterordnung geht nicht, wenn sie noch Momente von Autonomie und
völkischer Anerkennung enthält. Das ist deren Art und Weise, die
Unvereinbarkeit auszudrücken, auch gegenüber den restlichen arabischen
Staaten.
Die Staatsgründung Israels hat also schon immer davon gelebt, dass sich
Amerika immer schon dahintergestellt hat; der israelische Nationalismus
lebt also schon immer von amerikanischen Mitteln. Das hat man jetzt
wieder erfahren bei dem Mauerbau, da heißt es: Amerika nimmt Einfluss
auf den Verlauf dieser Mauer, indem es sagt, aus den Krediten, die Ihr
von uns kriegt, wird folgender Verlauf der Mauer - zu weit in das
palästinensische Land hinein - nicht gezahlt. Das ist ein Beispiel
dafür, dass Israel unmittelbar von amerikanischem Kredit lebt und dass
die sich darüber verständigen. Das ist eine Sorte Übereinkommen, die im
Prinzip darauf beruht, dass Israel ein von Amerika aufrecht erhaltener,
funktional gewollter und geförderter Nationalismus ist und dass Israel
das als sein Lebensmittel weiß und behandelt. Auf sich allein gestellt,
wäre Israel gar nicht zu der Macht, die es tatsächlich ausübt, fähig.
Der Unvereinbarkeitsbeschluss von amerikanischer Seite aus, der nach
dem ersten Irak-Krieg gefällt wurde - egal, welche Präsidenten daran
beteiligt waren, hieß: der berechnende Umgang mit berechenbar zu
machenden arabischen Nationalismen hört auf, die sind von Haus aus
problematisch und störend, deshalb klein zu machen und unterzuordnen und
die Weise der Unterordnung geht nicht anders als dass man ihnen klar
macht, dass sie nicht tragbar sind, das ist erst mal die generelle
Auskunft.
Und das ist auch der entscheidende Fortschritt vom ersten zum zweiten
Golfkrieg. Die Verhältnisse, die der zweite Golfkrieg der Amis
weitergestaltet mit Okkupation des Landes, Aufbau einer eigenen
Militärmacht als Nachbar aller unsicheren Anrainer, ist das Ergebnis des
ersten Golfkriegs und der zehn Jahre Geschichte dazwischen. Ein neues
Kräfteverhältnis im Nahen Osten wie global ist etabliert worden, das war
der erste Akt noch vor der Auflösung der Sowjetunion, dass sie als
andere Supermacht dort was zu bestimmen hätte und dass Amerika das
respektiert, das musste erst mal aus der Welt. Dass damit die Kontrolle
der USA gerade über diese Region noch nicht perfekt ist, hat der Saddam
Hussein den Amerikanern (nach deren Rechnung) zehn Jahre lang
vorgeführt. Nach der Logik des 1. Golfkriegs war der Fortschritt: dann
bereinigen wir diese Gegnerschaft auch - und mit welchem Mittel wohl?
Aber es ist quasi eine ganze Entwicklungsstufe der globalen
Kräfteverhältnisse später. Und ganz analog dazu war es damals eine Sorge
der Israelis, wenn sie nicht mehr Repräsentant der amerikanischen Sache
im Ost-West-Gegensatz sind, weil der aus dem Weltgeschehen rausbugsiert
wird und wenn Amerika selber mit eigenen Truppen Ordnungsmacht im Nahen
Osten wird, dann wird ihre Rolle als ewiger Unruhestifter und überall
bedrohlich abschreckende Macht im Nahen Osten, also quasi als die Faust
der Amis, womöglich überflüssig. Das war doch damals die Diskussion,
auch von der amerikanischen Seite aus; die wollten ein Arrangement mit
den arabischen Staaten und da sollte Israel sich zurückhalten und da
haben die schwer drunter gelitten, weil sie diese Befürchtung hatten. Da
wird die Geschäftsgrundlage, von der gerade die Rede war, hinfällig.
Wenn sie ein arabischer Staat wie alle anderen in der Gegend werden,
sind sie nicht mehr das, was sie sind und werden wollten, das war damals
eine nicht aus der Luft gegriffene Befürchtung. Das spielt heute
überhaupt keine Rolle mehr, weil gerade für dieses Zugriffs- und
Vernichtungsprogramm Israel für Amerika zu einer ganz neuen Wichtigkeit
gekommen ist.
Man kann doch sagen, dass damals beim 1. Irakkrieg den arabischen
Staaten durch die Amerikaner signalisiert wurde, dass eine
Parteilichkeit für ihren Nationalismus durchaus lohnend ist, die
Amerikaner den Standpunkt hatten, dass man sich diese Parteilichkeit was
kosten lassen will.
Ob die arabischen Staaten sich Hoffnungen in der Hinsicht gemacht haben
- z.B. die Rückgewinnung der Golanhöhen - mag ich nicht entscheiden. Es
gab keine Angebote der Amis, das hat ja der Verlauf gezeigt und ob die
Hoffnung oder die Befürchtung, wenn sie abseits stehen, sind sie
vielleicht schon die nächsten auf der Abschussliste, würde ich eher im
zweiten Sinne entscheiden. Aber das ist Schnee von gestern, denn das
Verdikt der USA liegt UNO- offiziell auf dem Tisch: Syrien steht auf der
falschen Seite in der Front des Kriegs gegen den Terrorismus (Negroponte
ist keine schwarze Brücke, sondern der US-Botschafter bei der UNO..).
Wenn jetzt von Seiten der Amerikaner das kriegerische Vorgehen der
Israelis gegenüber den Palästinensern akzeptiert, unterschrieben wird,
dann erscheint das Gezerre um das, was gerade noch einmal angesprochen
worden ist, der Verlauf der Mauer und der Kredit dafür, ein bisschen
kleinlich - kleinlich, weil irgendwie nachgeordnet, wenn es darum geht
zuzulassen, dass Israel so kriegerisch gegen die Palästinenser vorgehen
kann. Wie ist denn das einzuordnen? Z.B. in dem Sinn, an dem Punkt stößt
Amerika Israel wieder einmal darauf, bei allem, was es Israel durchgehen
lässt, ist es ein Staat, der seine ganze Gewalt - wie vorhin ausgeführt
- von und durch Amerika hat, oder steht dies noch für irgend etwas
anderes, noch irgendeinen Moment, der vorhin auch schon zurückgewiesen
worden ist, berechnenden Umgangs mit palästinensischem Interesse. Was
soll dies dann, wenn sie wegen 100 km Verlauf der Mauer einen solchen
Einwand machen?
Ich würde sagen, dass ist ein Unter-Moment der Kriegsdiplomatie, die
Amerika ja zugleich in bezug auf Israel und dessen Rolle gegenüber allen
anderen treibt. Das Problem Israels kennst Du ja, dass die selber sagen,
sie wollen so weit wie möglich in das Palästinenserland ziehen, aber
andererseits muss es auch eine militärisch nützliche Grenze sein und da
dürfen nicht zu viele eingeschlossen sein, umgekehrt darf es aber nie
als endgültige Grenze missverstanden werden, wie wenn Israel mit dem
Verlauf anerkannt hätte, dass alles, was draußen ist, Palästinenserland
wäre. Dann drücken die ja aus, dass hier eine einseitige Definition
eines Schutzbedürfnisses vorliegt, das wird mit einer Mauer wahr
gemacht, das trennt man, aber das soll nicht heißen, damit sei irgendein
israelischer Anspruch konsolidiert. Jetzt sagt Amerika, das soll aber
noch einen Bezug auf irgendwelche Vorstellungen über unter- und
einsortierte Palästinenserbevölkerung haben und darf nicht einfach
direkte, offensive Landnahme beinhalten. Amerika macht ja davon nichts
abhängig, es findet bloß der Antrag statt: zieht diese Grenze so, dass
sie in das ganze, zu diesem eigentümlichen, einseitigen Krieg gehörende
diplomatische Drum und Dran passt, aber das sind halt so die Fragen, die
dann aufgeworfen werden, wenn man einerseits ein Völkchen militärisch
bekämpft und klein macht und andererseits das Ganze sich in die
Zustimmung und Förderung durch Amerika übersetzt und übersetzen soll.
Ich weiß auch gar nicht, welche materielle Bedeutung solche Streitfragen
überhaupt haben - es stand jetzt in der Zeitung und ich wollte es vor
allem als Beispiel dafür nehmen, wie sehr das ganze israelische
Programm von den USA automatisch finanziert, kreditiert und unterstützt
wird.
Ihr müsst mal versuchen, Euch zu erinnern: vor einem Jahr, wenn man da
behauptet hätte, die USA geben Kredit für eine gigantische Mauer auf
palästinensischem Gebiet, die die Westbank in ein Sammelsurium von
Ghettos zerstückelt und streiten sich mit der israelischen Regierung nur
noch um die Frage, ob über 30 km über Stock und Stein so eine
chinesische Mauer gebaut werden soll, um noch eine Exklave
einzuschließen, ich bin mir sicher, dass dann alle Welt gesagt hätte: Du
spinnst und das machen die Amis doch nie, die haben doch eine "road map"
und wollen ein zusammenhängendes palästinensisches Land mit Leuten drin.
Bei der Frage, warum die Amis gerade an dieser Stelle pingelig werden,
merkt man, wie viel die unterstellt, was inzwischen schon zur
Selbstverständlichkeit geworden ist. Es berührt sich auch ein bisschen
mit dem letzten Punkt von dem Papier: es ist ja auch schon zur
Selbstverständlichkeit geworden, dass die Russen und Europäer in dieser
Frage überhaupt nichts mehr zu melden haben. Es hat aber noch ein Moment
von Rücksicht auf die, wenn die Amis sagen, die "road map" gäbe es nach
wie vor und die hätten sie ja zu viert ausgemacht. Es ist auch
lächerlich gegenüber dem, was es mal sein sollte und von der Aussage,
das ist die offensive Ausmischung aller anderen an der Betreuung
Palästinas, würde ich nichts zurücknehmen, natürlich ist so eine Geste:
wir segnen nicht alles ab, wogegen die Europäer mal Einspruch erhoben
haben, allemal noch drin in der amerikanischen Diplomatie. Denn so ist
es ja auch nicht, dass die Amerikaner mit ihrem Krieg gleich jede
diplomatische Berechnung über Bord gekippt hätten, die wollen ja nach
wie vor eine Koalition der Willigen, aber von der Qualität sind dann die
Angebote an die Unwilligen, damit sie doch noch mitmachen.
Es ist auch klar, dass die Israelis die Vorantreibenden sind bezüglich
der Palästinenser, mit denen sie ihre Sicherheitsprobleme haben und das
fällt erst mal nicht zusammen mit den aktuellen Bedürfnissen, die die
USA hinsichtlich der Palästinenser haben.
Eben, das wäre ja noch schöner, wenn die Amis denen sagen würden, dass
sie da einen Zaun hin bauen sollen.
Ich meine, dass die Einwände, die die Amerikaner gegen die Israelis
vorbringen, dazu dienen sollen, denen zu bedeuten, wer hier das Sagen
hat und dass sie sich nicht, wie die arabischen Zeitungen sagen, zum
Büttel israelischer Interessen machen.
Das Letztere ist sowieso lächerlich, aber ansonsten erfüllt nichts, was
im letzten Jahr von amerikanischer Seite an Mahnungen an die Israelis
ging, auch nur entfernt die diplomatischen Ansprüche einer Warnung,
geschweige denn einer Klarstellung. Das kannst Du doch nicht ernstlich
aufrecht erhalten, wenn die Israelis drei mal an einem Tag mit Raketen
Gaza-Stadt angreifen, alles gedeckt durch den Spruch vom Bush, Sharon
sei ein Mann des Friedens und die Hamas eine terroristische Vereinigung
und dann dem gegenüber eine Problematisierung von Krediten in bezug auf
einen bestimmten Mauerverlauf hätte die Qualität einer diplomatischen
Klarstellung, das siehst du einfach falsch. Du musst da die Maßstäbe mal
beachten, die führen sich als kriegführende Macht innerhalb eines
ohnmächtigen Besatzungsgebietes auf - das hat es noch nicht sehr oft
gegeben - Besatzungsgebiete nicht zu besetzen, damit man sie weiter als
Kriegsgebiet behandeln kann, und zwar selektiv, nach Bedarf. Ihr müsst
Euch mal die Konstruktion dieser Flecken vorstellen, offiziell bleibt
die ganze Verantwortung für Land und Leute, die dort leben, bei einer
einheimischen Verwaltung, der man jede Aktivität unmöglich macht, weil
Israel die Verantwortung, die es als Besatzungsmacht hätte, ablehnt, und
wie eine kriegführende Macht in diesem völlig ohnmächtigen Gebilde
zuschlägt. Diese Konstruktion muss man sich erst mal reinziehen, und
dann in bezug auf dieses Segregationsmanöver vermittelst der Mauer so
einen Vorbehalt anzumelden, das hat kein Moment von Klarstellung, wer
hier der Chef im Laden ist. Außerdem ist das den Beteiligten sowieso
klar, außer der arabischen Propaganda, die sich von dem absurden
Vorwurf, die Amis wären die Büttel der Israelis, irgendwas verspricht,
glaubt niemand an diese Verkehrung aller Verhältnisse.
Ich wollte nur darauf hinweisen, dass es die diplomatische Form ist, zu
sagen, wir sind nicht einverstanden mit den Maßnahmen, Ihr könnt Euch
die Maßnahmen nicht so herausnehmen, wie es Euch passt, sondern
rückversichert Euch gefälligst bei uns.
Wenn das Monitum aus Washington überhaupt eine Bedeutung haben soll,
dann die: Ihr dürft nicht in jeder Hinsicht machen, was Ihr wollt, bloß
der Stellenwert davon ist dermaßen lächerlich, dass ich das nicht als
ernsthaften Begriff dieser Intervention stehen lassen möchte. Der setzt
keine Schranke, der dreht kein Verhältnis irgendwie um, dass die
Israelis am Rockschoß der Amis hängen, das wissen sie selber gut genug.
Eher in die Richtung: alles, was im Interesse des israelischen Kampfs
gegen anti-israelische Umtriebe nötig ist, das treiben natürlich die
Israelis voran, da holen sie sich nicht die Aufträge aus Amerika,
sondern das machen sie selbst und gehen da gewissermaßen immer in
Vorlage - das meiste wird zwar abgesprochen sein, aber einiges werden
sie auch in Eigen-Regie machen - und warten drauf, wie die Amis
reagieren und dann gibt es wohl total untergeordnete amerikanische
Berechnungen zu sagen: dieser Mauerverlauf muss vielleicht dann doch
nicht sein. Und die Israelis warten ein bisschen, bauen dann die Mauer
und warten ab, ob ihnen wirklich ein Kredit gesperrt wird,
wahrscheinlich läuft es so: drei Attentate, die Mauer wird gebaut und
der Kredit fließt. Wenn überhaupt, dann gehört es in dies Geschäft der
diplomatischen Darstellung des Ganzen vor der Welt mit hinein, aber
alles, was in die Richtung geht: da werden die Israelis mal ernstlich
auf die Kräfteverhältnisse aufmerksam gemacht, so eine Behauptung hat
kein Recht neben der Identität des Standpunkts: wir müssen, was immer
sich dort rührt, zerstören, sonst gibt es im Nahen Osten keinen Frieden.
Ich möchte noch bezüglich des letzten Termins was genauer machen, was
da sehr schnell abgehandelt wurde und was das Verhältnis von Staat und
Volk in so heißen Fragen wie da in Israel betrifft. Das ist jetzt wie
eine Verbindungsklammer zu dem Hauptthema der letzten drei Sitzungen,
aber dann können wir wieder zur aktuellen politischen Lage zurückkommen.
Ich knüpfe an das an, was vorher darüber gesagt wurde, wie der Staat
Israel sich mit seinem Volk aufführt, eben als ein unfertiges
Staatsgebilde, das sein Volk noch ganz anders funktionalisiert als ein -
wenn man mal dieses idyllische Etikett benutzen will - befriedeter
kapitalistischer Staat. Und wir haben das letzte Mal auch viel darüber
geredet, wie das Verhältnis von Volk und Führung sich in solch einem
befriedeten kapitalistischen Staat gestaltet: dass nämlich die
herrschaftlichen Arrangements, die die Staatsgewalt trifft und die der
Klassengesellschaft und ihren Ausnutzungsverhältnissen wunderbar den
Boden bereiten und bis zur Rentenreform dafür sorgen, dass alles
zugunsten der kapitalistischen Wachstums seinen Gang geht und da sorgen
sie noch dafür, wenn nichts mehr in der Hinsicht klappt - je weniger das
klappt, um so mehr sorgen sie dafür, das ist dann wieder das andere
Thema. Dass ein bürgerlicher Staat diese herrschaftlichen Verhältnisse
so einrichtet, dass sie der Gesamtheit seiner Gesellschaft wie die
Mittel der individuellen, freien Betätigung, als Betätigungsfeld ihrer
Konkurrenz zur Verfügung stehen, das Verhältnis von Affirmation und
Freiheit war da ja das große Thema, die Identität zwischen beiden haben
wir Sittlichkeit getauft, dass die Affirmation der kapitalistischen
Verhältnisse als Freiheitstat daherkommt, weil eben diese ganzen
Verhältnisse wie ein Material, wie ein Mittel der eigenen Betätigung
genommen werden. Dass in diesem Verhältnis was Verlogenes drin ist,
darüber haben wir auch geredet und da will ich noch was betonen. Die
eine Lüge bezieht sich darauf, dass das, was der Staat so arrangiert,
sich als Mittel für die Masse der Leute verdammt schlecht bewährt. Das
gehört in das große Kapitel: was ist es denn, was der Staat so
herrichtet? Wer kommt denn im Kapitalismus gescheit auf seine Kosten?
Damit ist dem Individuum seine Aufgabe gestellt, trotzdem daran
festzuhalten, das ja alles an ihm liegt, wie es mit den Umständen fertig
wird und dann kommt die ganze Arie von Erfolg und Misserfolg, Versagen
und Nichtversagen in Gang. Das ist nach der Seite hin das Verlogene an
der Gleichung, die ganze bürgerliche Welt wäre doch für ihre Insassen
gemacht als Mittel ihrer freien Betätigung. Diese Lüge hat aber auch
noch eine andere Seite, im Fall Israel liegt die klar auf dem Tisch,
aber die ist auch sonst immer virulent. Es gibt ja vom Staat her immer
wieder mal ein prinzipielles Dementi dieses Verhältnisses, das Ganze
wäre für die Freiheit der Insassen und dass sie sich als Konkurrenten
frei betätigen und selbst verwirklichen können, eingerichtet. Das
nämlich immer dann, wenn der Staat selber als Obrigkeit sein Volk oder
Teile davon in Anspruch nimmt, also den Materialismus dementiert, dem er
einerseits so wohlwollend gegenüber tritt und sagt: Ich unterstütze Euch
in Eurem Materialismus - der Schröder unterstützt den Materialismus der
Rentner, wenn er sagt, dass er ihnen leider was wegnehmen muss - das
ist der normale Alltag einer befriedeten Nation: noch jede Scheiße als
Vorteil der Betroffenen hinstellen. Das Dementi, das ich meine, ist
anderer Art und das ist spätestens dann fällig, wenn ein Staat Krieg
führt, wenn er also seine Leute für seine Existenz antreten lässt und
dann der Gegensatz von Befehl und Gehorsam, wie er es beansprucht, und
den Schein bürgerlicher Freiheit oder die Wirklichkeit bürgerlicher
Freiheit, die das friedliche Dasein der Bürger beherrscht, wenn das
richtig in Gegensatz zueinander tritt, wenn also Ernst gemacht wird mit
der Sonntagsphrase vom Opfermut des Bürgers für seinen Staat . Wenn der
Staat seine Bürger richtig zu Opfern zwingt - und das fängt mit den
Steuern schon an , wenn man den Westerwelle in der richtigen Minute
fragt, dann sind Steuern schon ein Krieg des Staats gegen seine besseren
Untertanen , für die anderen wird es erst im Krieg spürbar, dass der
Staat einen richtigen Zugriff auf sie hat - dann ist dieser Zugriff
einerseits ein Dementi der Idylle vom befriedeten Staat und der
Obrigkeit, die jeden losmarschieren lässt, damit er sein Glück
schmiedet. Die andere Seite ist, Ihr wisst haargenau, wie ein
bürgerlicher Staat das wieder auf die Reihe kriegt.
Die Verteidigung der Existenz des Staates ist die Voraussetzung dafür,
dass die Verhältnisse, wie unter 1 beschrieben, überhaupt existieren
können.
Genau, für die Freiheit muss auch mal das Opfer der Freiheit sein, das
ist die staatliche Dialektik. Da wird diese Gleichung von Affirmation
und Freiheit nach der Seite hin aufgelöst, dass die Affirmation der
Verhältnisse, die Unterwerfung unter sie, schon die Bedingung der
Freiheit ist, die man dann genießt. Was ist dann letztinstanzlich, wenn
das die Klarstellung ist? Die Freiheit ist dann doch bloß die Belohnung
für die Unterwerfung. Was ist denn dann der Grund für die Unterwerfung,
wenn man das Geschenk der Freiheit auch wieder abgibt, wenn es darauf
ankommt? Klar, das berührt den normalen Alltag nicht, aber wenn es
existenziell wird in der bürgerlichen Gesellschaft, dann besinnt sie
sich auch in der Hinsicht auf ihre Grundlagen und dann ist nämlich, was
ein Staat seinen Bürgern anzubieten hat, von dem, was Israel seinen
Bürgern anbietet, so grundsätzlich unterschieden auch wieder nicht, dann
ist es doch erst mal die Volksgemeinschaft, die zusammenhalten muss.
Beispiele kann man beliebig aus jedem Erdenwinkel heranziehen. Wenn es
wirklich nur darum ginge, eine friedliche bürgerliche Gesellschaft zu
inszenieren, dann ist es ziemlich egal, könnte man denken, sowohl für
die Basken, ob sie ihren eigenen Stiefel machen sollen wie auch für den
spanischen Staat, ob er sie jetzt rauslässt oder reinlässt, in die EU
wollen sie ja sowieso. Aber wenn es darauf ankommt, wie weit reicht der
spanische Staat, also was ist die Substanz des Gebildes, das seinen
Insassen dann die Freiheit gewährt, dann ist die Metaphorik, die dann
losgeht, dieses altertümliche "kein Quadratzentimeter unseres heiligen
Mutterbodens ist entbehrlich" wieder schwer in Kraft. Und da braucht man
auch gar nicht erst bis Spanien zu reisen, man braucht sich bloß daran
zu erinnern, dass vor zehn Jahren unser dicker Bundeskanzler damals mit
einer großherzigen Geste auf die Ostgebiete verzichtet hat und vielen
leuchtet dieser Verzicht noch heute nicht ein. Also das sind alles die
Punkte, wo man merkt, die letzte Wahrheit ist diese Gleichung von
bürgerlicher Freiheit und Unterwerfung unter die gesetzten Verhältnisse
und dass die gesetzten Verhältnisse Material der Freiheit wären, auch
nach der Seite hin nicht, dass es eben immer auf eine Gewalt und die
Zusammengehörigkeit von Gewalt und geführtem Volk innerhalb einer Nation
dann doch ankommt, wo die Freiheit der bürgerlichen Betätigung anfängt
und wo sie ihr Ende hat, wo sie ihre Adresse und ihre Aufsicht hat. Der
ganze Zirkus mit der Einigung Europas ist ein Anschauungsbeispiel dafür:
was hängt denn davon ab, ob diese Typen im Europaparlament schlechtes
Deutsch oder schlechtes Italienisch reden, aber dass es von der einen
Sorte 60 und der anderen Sorte 40 geben muss und auf gar keinen Fall
von den Polen genauso viel wie von den Engländern, das ist dann auf
einmal elementar wichtig. Ich sage das nur noch mal, damit das nicht in
Vergessenheit gerät gegenüber dem Freiheitsmoment, dass das die
bürgerliche Sittlichkeit auszeichnet und das wir das letzte Mal so
betont haben, dass die Grundlage der Sittlichkeit allemal noch der
Nationalismus ist, also die Befangenheit in der Unterordnung unter ein
bestimmtes Gemeinwesen, unter dies Ensemble, das dann die Deutschen, die
Engländer usw. heißt. Wir haben es das letzte Mal an der Paradoxie, was
leisten die sich im Irak, wenn sie ein Staatswesen gründen auf der
Befangenheit der Untertanen in so eigentümlichen Gebilden wie ‚ihrer'
Moschee, die Zugehörigkeit zu ‚ihrem' Imam, ‚ihre' Gepflogenheiten als
Volksstamm in irgendeiner Region, wenn da die Amis hingehen und wollen
die Herstellung einer Nation auf solche Loyalitäten gründen, indem sie
allen ein Recht verleihen und die Repräsentanten dieser untergeordneten
Gemeinschaften in einem obersten Gremium verhandeln, da haben wir das
letzte Mal schon drüber geredet, was für einen Widerspruch die Amis dort
selbst arrangieren. Das ist und bleibt auch ein Widerspruch zu einem
modernen, bürgerlichen Gemeinwesen, das den Funktionalismus von
Klassenverhältnissen organisiert. Nur in dem Punkt, was verbürgt
letztinstanzlich die Treue der Untertanen zu dieser Obrigkeit? Da ist
die Befangenheit des modernen, aufgeklärten Bürgers in seinem
Nationalbewusstsein: wir sind allesamt Deutsche, von dem
Standesbewusstsein eines Sumpfarabers so weit nicht weg. Der erste und
entscheidende Unterschied liegt in der Sorte Staatsgewalt, die auf die
Leute zugreift und von daher ergibt sich der zweite Unterschied, wie
weit ist das Moment bürgerlicher Freiheit, also die Freisetzung zur
Konkurrenz da miteingeschlossen, also wie weit ist die Ermächtigung des
privaten Materialismus freigesetzt aus der Borniertheit des normalen
Untertanen, der in seiner family aufwächst und ein anständiger Mensch
werden will. Da liegen die Unterschiede. Nicht, dass Ihr denkt, die
wollte ich eine Woche später durchstreichen, ich wollte nur darauf
aufmerksam machen: auch die Sittlichkeit des perfektesten befriedeten
bürgerlichen Gemeinwesens, das den Leuten hauptsächlich den Auftrag
gibt: na, dann konkurriert mal schön, immer diese Befangenheit in der
Unterordnung hat und was den Begriff der Sache - subjektive Befangenheit
in einer objektiven Unterordnung - betrifft, auf dieser abstrakten Ebene
unterscheidet sich kein noch so aufgeklärter Habermas von einem braven
schiitischen Kopftuchweib im Südirak.
Ich habe noch eine Frage vom letzten Mal her bezüglich Israel: Da haben
wir doch gesagt, dass das ein Land ist, das ein Dauerkriegsprogramm
darstellt, sich als unfertig definiert und mit seinem Zustand noch nicht
zufrieden ist, auch von seinem Volk her sich als unfertig definiert. Wie
verhält sich das von der ideologischen Seite her, dass doch ein
abstammungsmäßiges Weiß-warum von Volk und Führung gibt?
Israel ist ja der einzigartige Fall in der Weltgeschichte, wo nicht ein
ortsansässiges Volk sich gegen eine Obrigkeit seinen Staat erkämpft hat,
sondern wo ein paar Volksführer ein auf der ganzen Welt verstreutes Volk
an einem Fleck gesammelt und dorthin gebracht haben, damit die dort sich
einen Staat erst mal kaufen. Die Logik dieser Staatsgründung weicht von
der Logik fast aller Staatsgründungen ab und da war der bornierte, quasi
stammesmäßige Zusammenhalt eines ortsansässigen Völkchens mal der
Ausgangspunkt und die Fortschritte einer dort ausgeübten Herrschaft hin
zu einem bürgerlichen Staat sind dann in den verschiedenen Ländern
unterschiedlich ausgefallen, ein Beispiel ist das deutsche, das
französische ein anderes, aber da war immer das vorsintflutliche
Zusammenwohnen und deshalb Zusammengehören und daraus von oben runter
eine Herrschaft machen und diese Herrschaft standesgemäß fortentwickeln
bis hin zu dem modernsten Übergang zur bürgerlichen Herrschaft, wo eine
Staatsgewalt erkennt, in der bürgerlichen Klassengesellschaft hat sie
eine Quelle ihrer Macht, die - richtig gehandhabt - Wachstum des
Reichtums mit Wachstum der staatlichen Macht verbindet. Das ist ja das
Geniale an der bürgerlichen Gesellschaft, dass zwar die Herrschaft immer
noch auf Kosten der Gesellschaft geht, aber das Wachstum der Macht
bekömmlich ist für das Wachstum des Reichtums und umgekehrt, dass also
die Herrschaft auf ihre Grundlage nicht einfach zerstörerisch wirkt. Es
gibt da alle möglichen Beispiele, das jüngste Beispiel einer
Staatsgründung ist der Balkan: Ein Staatsgebilde, das funktioniert hat,
wird zerschlagen und auf einer ziemlich stammesmäßigen Basis werden dort
neue Staaten aufgebaut, die dann so souverän nicht sind. Von allen
diesen Modellen unterscheidet sich Israel fundamental, weil da das
Projekt war: wir sammeln Juden aus aller Welt, die haben ihre Identität
von sich aus, weil die vom Rest der Welt so scheel angesehen und nicht
gemocht werden und aus denen, die überall auf der Welt ausgegrenzt sind
und ein mediokres Dasein führen, und machen erstmals in der
Weltgeschichte einen gescheiten modernen Staat, mit Volk und (Klassen
werden sie nicht gesagt haben, weil sie sich sehr sozialistisch
vorkamen) komplett durchstrukturierter Gesellschaft, vom Handwerker bis
zum Beamten, das war der Ausgangspunkt.
Ohne eigene Staatsgründung ist auf Dauer die jüdische Identität nicht
zu halten. Eine Nation mit eigener Gewalt sichert also das Überleben des
Judentums.
Und das ist ja auch ein anderes Judentum als bisher, die Zionisten
waren ja die härtesten Kritiker des bisherigen Judentums, das so eine
Winkelexistenz in der ganzen Welt geführt hat. Das war nicht nur ein
Erhaltungsprogramm, sonst hätten sie ja Artenschutz für Stetls
beantragt, sondern es war der Versuch des Übergangs, aus dem verstreuten
Pseudo-Volk eine richtige Nation zu machen mit einer durchstrukturierten
Gesellschaft, wo es nicht bloß Wucherer und Pferdehändler gibt und wo
alle Stände vertreten sind, Handwerker, Industriearbeiter und alles, was
dazu gehört auf einem Flecken Land und das ist die palästinensische
Heimat. Was ist das für ein Programm? Da ist die Inanspruchnahme der
Leute als Material für diesen neuen Staat der Ausgangspunkt einer
Sammlungsbewegung und diese Sammlungsbewegung zu konsolidieren - dass
die in Gang gekommen ist, ist nur unter kolonialistischen Bedingungen
möglich gewesen - ist von Anfang an ein Kampfprogramm gewesen und dieses
Kampfprogramm hat erst mal seine Betreuer gebraucht. Die Staatsgründung
ist aus den Ressourcen gekommen, die die Staatsgründer in der eigenen
Klientel mobilisieren konnten, dass da überhaupt eine jüdische Gemeinde
entstand und die sich auf gekauftem Grund und Boden ansiedeln konnte,
das war die Leistung der international zerstreuten jüdischen Gemeinde
und er sittlichen Inanspruchnahme, der Verpflichtung, die sich die dann
haben aufreden lassen. Eine Gewaltfrage war es ja von Anfang an und die
ist von den Briten erst sehr unentschieden behandelt worden und auch die
Amerikaner waren nicht schon in der Geburtsstunde Israels die
Protagonisten eines solchen Staatswesens. Das hat eine historische
Sekunde lang gebraucht, da gab es eine der Geschmacksverirrungen des
realen Sozialismus, nämlich dessen Volkstumsgedanke und die Anerkennung
des Projekts unter dem Motto: auch das unterdrückte jüdische Volk
braucht einen eigenen Staat und wenn der sich sozialistisch nennt, dann
denkt man in Moskau gleich ‚Sowjet' dazu und denkt, man hätte wieder
eines der befreiten Völker, auf die ja die Sowjetunion in der
Nachkriegszeit gesetzt hat, das war für die Entstehung Israels
mindestens genauso wichtig wie die Anerkennung durch die UNO und die
USA. Sehr schnell haben dann die Amerikaner ihr Interesse an Israel
entdeckt.
Kann man sagen, dass dem Staatsbildungsprojekt und der Staatsideologie
Auschwitz durchaus zugute kam?
Der Zionismus ist ohne Auschwitz in die Gänge gekommen, aber es ist für
Israel selbst erst in den letzten zwei Jahrzehnten zum unwidersprochenen
Gütesiegel ihres Projekts geworden. Einerseits kann man sagen, es war
der massivste denkbare Anstoß für ein zionistisches Projekt - man hätte
auch auf andere Ideen kommen können, nämlich dass der
Nationalsozialismus den ganzen Irrsinn des Nationalismus vorgeführt hat,
aber die sind auf die umgekehrte Idee gekommen, der Nationalsozialismus
hat denen die Notwendigkeit eines eigenen Nationalismus vor Augen
geführt, für einen Nationalisten ist das eben die einzig schlüssige
Schlussfolgerung.
Israel war nicht die Gründung einer kapitalistischen Gesellschaft,
sondern eines neuen Staates, der sagt, er ist so verfasst, dass er seine
Mittel aus dem Weltmarkt und dem Geschäftssinn und Getriebe in seinem
Land bezieht, das er organisiert. Das Angebot an die Leute hieß: hier
sammeln sich alle Juden und die erkämpfen sich einen Staat und das hieß,
jeder, der nach Israel geht, wird Beteiligter und Mitmacher an einem
Krieg, dazu gehört der Standpunkt und auch die Überzeugung, dass man
sich als Jude für dieses Programm zur Verfügung stellt. Jemand, der
denkt, wo lebe ich am besten? kommt nicht drauf, da gehe ich nach
Israel, weil, da lebe ich am besten, weil die da auch Kapitalismus
machen - sie kamen ja aus kapitalistischen Staaten - damit hat Israel ja
dann auch wuchern können, dass es Geld- und zivilisierte Menschen
gewesen sind, die sich aber als Nationalisten und Rassisten von diesem
Projekt haben überzeugen lassen. Ein Grund, dorthin zu gehen, war auch:
woanders erfahren sie, dass sie als Bürger minderwertig sind oder
aussortiert und umgebracht werden. Schließlich war es nicht bloß so,
dass die Nazis die umgebracht haben, sondern dass die anderen Staaten
klargestellt haben, dass das für sie kein Kriegsgrund ist und dass sie
andere Sorgen haben, als ausgerechnet die Juden zu schützen. Aus welchen
Gründen auch immer sie nach Israel gekommen sind, sie haben gesagt: wir
gründen einen eigenen Staat und nicht: wir machen eine kapitalistische
Gesellschaft.
So was liegt jeder kapitalistischen Gesellschaft heutzutage zugrunde,
weil die alle nicht in dem Funktionalismus bürgerlicher Verhältnisse
aufgehen, sondern alle als Nationen antreten. Sonst könnte man noch
nicht mal das Brandenburger Tor erklären - wenn das kein
Rasseschandedenkmal ist -, versteht Ihr, wie ich das meine: eine Nation
macht dann schließlich den Übergang und organisiert ihre Gesellschaft
kapitalistisch auf die eine oder andere Art und die Globalisierung heute
macht da vieles vergleichbar, aber in letzter Instanz ist immer die
Staatsgewalt, die eine Nation zusammenhält, das gewalttätige Subjekt
über allen und die verlangt eine Loyalität, die geht dann zwar mit der
Dienstverpflichtung und der Befreiung zum kapitalistischen Konkurrieren
einher, aber die gründet in letzter Instanz nicht auf dem Versprechen:
und dann dürft Ihr alle Geld verdienen. In letzter Instanz gründet sie
darauf, dass alle zusammengehören, und zwar in ihrer Eigenschaft als
Angehörige dieser speziellen Nation und mit Brandenburger Tor und
Kanzleramt wollte ich nur an die Symbole erinnern, die alle kein
bisschen den Funktionalismus einer kapitalistischen Gesellschaft
symbolisieren, sondern Vehikel sein wollen für die Selbstverständigung,
eben für dies Prinzip der Sittlichkeit eines Staatsvolks und ich kann
auch noch an eine Gegenprobe erinnern für diese Eigenart, die ich noch
mal in Erinnerung bringen wollte. Wenn ich gesagt habe, in letzter
Instanz unterscheidet sich der Habermas nicht von einem schiitischen
Kopftuchweib - Ihr müsst Euch nur mal dran erinnern, was für
Zwischentöne vor zwei Jahren lautgeworden sind als alle Welt sich den
Kopf über die Herkunft der Attentäter aus New York zerbrochen hat und
als ein paar schlaue Menschen drauf gekommen sind, dass die Terroristen
sich glatt für ihre Sache umbringen und auf einmal hat es so ausgesehen,
als gäbe es keinen großen Unterschied zwischen Ernst Jünger und Osama
bin Laden.( Ernst Jünger war ein Verfechter dessen, das ein Volk seinen
Zusammenhalt nicht über das Geldverdienen, sondern über den gemeinsamen
Kampf, "in Stahlgewittern" und dergleichen Schönheiten mehr findet und
entwickelt und sein Lebensrecht behauptet). Auf einmal waren die
Attentäter eine logische Sekunde lang geradezu Vorbilder für die
Sittlichkeit, die uns in unserem satten Abendland ziemlich abhanden
gekommen ist. Wer damals den Scholl-Latour gehört hat, wird sich an
solche Zwischentöne gerne erinnern. Da wird dann auch der nüchternste
westliche Patriot sehr fundamentalistisch und das muss man mitbedenken,
wenn man sich auf der anderen Seite klar macht, dass der Unterschied
schon gewaltig ist, er liegt aber in erster Linie in der Art der
Staatsgewalt, wie und wofür die ihre Leute organisiert: da gibt es einen
Unterschied, ob das eine erfolgreiche kapitalistische Nation ist, die
imperialistisch nach außen auftritt und von daher ihre Kriegsgründe
entwickelt - das sind dann immer so oberhoheitliche
Betreuungsmachenschaften - oder ob es wirklich nur um ein Staatsprojekt
à la Saddam Hussein geht, der aus Schiiten, Sunniten usw. erst mal so
was wie eine arabische Nation machen wollte, durchaus mit dem Geld der
ganzen Welt, mit Einschaltung ins Geschäftsleben und moderner Industrie
und vor allem mit einem Gewaltmonopol, das alles organisiert und fürs
Geld organisiert, aber der hat sich mit seiner Bath-Partei
jahrzehntelang abgekämpft, um aus seinem Material was zu machen. Dieser
Unterschied ist heute in der Welt und es ist noch der andere Unterschied
in der Welt, dass viele Staaten, die es bis zu einer modernen Herrschaft
gar nicht gebracht haben, schon wieder in Stammesloyalitäten u.ä.
zerfallen. Aber das soll jetzt nicht Thema sein und ich will auch gar
nicht behaupten, dass diese Hutus und Tutsis, die sich wechselseitig den
Schädel einschlagen, Vorbilder an Sittlichkeit für den Abendländer
wären, obwohl - Verständnis finden sie allemal; dass Nationalismus
unversöhnlich macht, haben alle gleich gewusst nach diesem Mord. Man
muss, wie bei jedem Vergleich, beides, Identität und Differenz,
berücksichtigen: die Identität, was dann Befangenheit in der
Unterordnung ausmacht und die Differenz, die dann so deutlich sichtbar
wird in der hinterwäldlerischen, bornierten Loyalität zu einer Person,
irgendeinem Verein, dem man stammesmäßig angehört oder zu einer
religiösen Gemeinschaft. Solche Loyalitäten, wie sie von der
Besatzungsmacht in Anschlag gebracht und versuchsweise benutzt werden,
haben gute Chancen, durch das, was sich an bürgerlichem Geschäftsleben
auftut, also durch die Erweckung des Materialismus der Konkurrenz,
zersetzt zu werden. Es gibt Formen der Sittlichkeit, die unverträglich
sind mit den Formen der Sittlichkeit, die die bürgerliche Gesellschaft
dann einführt. Das gehört dann wieder auf die Seite der Differenz. Man
kann es nachvollziehen: in dem Maße, in dem Staaten bürgerlich geworden
sind, haben sie ihre Gesellschaften in der Hinsicht umgewühlt und
umgewälzt. Ein Dokument dieser Umwälzung ist das kommunistische
Manifest, z.B., wenn Marx und Engels schreiben: was wird jetzt aus den
Pfaffen? Sie werden bezahlte Lohndiener der Bourgeoisie, das waren sie
eben vorher nicht, da waren sie Autoritäten, denen die Leute hingegeben
waren, wo die kirchliche Zugehörigkeit den Leuten wichtiger war als ihre
regionale, ganz zu schweigen von der Klassenzugehörigkeit. Das war halt
der Trost für Leibeigene und so was wird zersetzt, wenn die bürgerliche
Gesellschaft neue Verkehrsformen zwischen den Leuten einführt, also den
Materialismus für alle als Lebensprinzip einführt, also auch aus dem
Leibeigenen einen frei konkurrierenden Lohnarbeiter macht, dann
überleben die alten Formen der Borniertheit und des sittlichen
Zusammenhalts nicht und dann werden aus Pfaffen Lohndiener der
Bourgeoisie und die Künstler ändern ein bisschen ihren
gesellschaftlichen Stellenwert - dass der Adolf Kolping kommt und aus
den Proletariern wieder Katholiken macht, hat Marx nicht so
vorausgesehen, bzw., er hat es verhindern wollen. Aber das war jetzt nur
die Klammer, um das alte Thema Sittlichkeit möglichst abzuschließen.
Noch eins: Formen der akzeptierten Abhängigkeit und das Bewusstsein von
Eingebundensein in so vorsintflutliche Gemeinschaften ist einerseits das
Lebenselixier jedes Nationalismus, andererseits hat der moderne
Nationalismus die Ernüchterung durch bürgerliche Sitten hinter sich und
da gleich mit drin aufgenommen und es gibt immerzu an jeder Stelle
Punkte, wo sich das beißt und bezüglich Israel hört man immer wieder,
dass sich diese beiden Momente gewaltig beißen, nämlich die
verschiedenen Formen jüdischer Orthodoxie, an denen eigentlich der
Zusammenhalt dieses Volkes hängt - dass man gemeinsame Sitten hat und
sich ein Käppi aufsetzt in allen möglichen Lebenslagen und bestimmte
Feste hochhält, am Freitag nicht Bus fährt usw. - und die
Gepflogenheiten eines Insassen eines kapitalistisch befriedeten Landes,
der alles, was die Klassengesellschaft an Angeboten zu machen hat, zur
Kompensation seiner Konkurrenzbemühungen gerne in Anspruch nimmt,
weswegen sich die Orthodoxen und die Weltlichen, meistens auch noch
Junge, überhaupt nicht vertragen. Bestimmte Formen der Volksfrömmigkeit,
jetzt nicht in dem Sinn von Altötting, sondern dass man sich dem Volk
befangen zugeordnet und zugehörig weiß, die werden durch die Formen des
bürgerlichen Betriebes durchaus zersetzt, aber - wie gesagt - das ist
immer nur die eine Seite, die andere Seite ist, sie kriegen dort auch
ihren Stellenwert und kein Staat sieht dieser Zersetzung einfach zu, sie
wird immer durch das Wachhalten des Patriotismus, durch Pflege des
Nationalismus ergänzt - das gehört zu den Nebenwidersprüchen der
Bourgeoisie.
Noch eine Fortsetzung dazu. Die Kriegssituation, wie sie die
israelische Regierung jetzt hergestellt hat, schmeißt wieder alles in
einen Topf. Die haben den Zustand erreicht, dass jetzt die
Aufrechterhaltung eines befriedeten, zivilen Lebens und die Durchsetzung
des jüdischen Volkes als Inhaber des ganzen palästinensischen Gebiets,
beides gleich guter Grund für die israelische Regierung ist, Krieg zu
führen. Das darf man nicht daran messen, dass es doch paradox ist, um
des zivilen Friedens Willen immer drauf zu schlagen, wo sich ein
Palästinenser rührt. Nein, der Unvereinbarkeitsbeschluss ist da, und der
einmal gefällt, ist die zivile bürgerliche, friedliche Verfassung, die
der israelische Staat anstrebt, genauso ein guter Grund, auf
palästinensische Umtriebe drauf zu hauen - ein genauso guter oder
schlechter oder fadenscheiniger usw. Grund, das ist jetzt wurscht -,
jedenfalls ein vom Staat ernst genommener Grund, wie das Programm,
Israel darf nicht vor dem Jordan aufhören und jeder Palästinenser, der
etwas dagegen hat, kriegt was auf die Schnauze. Bloß damit ihr ermessen
könnt, was für ein Kuddelmuddel sittlicher Art in so einem Staat dann
notwendigerweise zustande kommt. Ein paar Sumpfblüten bekommt man ja
mit: Protestierende Piloten und der Aufruhr, den sie dann im eigenen
Land erregen. Bei einem funktionierenden Gemeinwesen ist dann auch klar,
dass der Aufruhr, den vierzig Piloten erregen, ungefähr
vierzigtausendmal so groß ist wie die Protestierergruppe.
Zu dem Staatsgründungsprogramm im Irak. Bei diesem widersprüchlichen
Gebilde, was die Amis da als Sittlichkeit dort organisieren und nach
Innen hin als Verwaltung praktisch umsetzen, bis hin zu den 17
widersprüchlichen Wirs, die wir das letzte Mal besprochen haben, bin ich
mir nicht ganz im Klaren, inwieweit die Gewalt, die das organisiert,
also die Klammer, die diesen Nationalismus erzeugen will, die Macht, die
sich nicht selbst in diesem Land begründet, sondern als Besatzungsmacht
verhält, inwieweit dies nicht auch eine Widersprüchlichkeit ist zu dem
‚Stiftung von Sittlichkeit'.
Das ist der elementarste Widerspruch, den du da benennst.
Die Amis stellen diese Gewalt, d.h. organisieren die Verwaltung nach
Innen bis auf die Polizei, die von den Irakern gestellt wird, sind also
als fremde Macht dort hinten und wollen diese Nation, diese Sittlichkeit
stiften. Da habe ich als ersten Widerspruch gesehen, dass sie sich auf
17 verschiedene Muftis gründen, beziehen das kalkulierend mit ein, haben
aber das am Hut, dass es keinen einheitlichen Staatswillen in diesen 17
verschiedenen Wirs gibt. Das ist die eine Seite, die andere Seite ist
aber - oder ich habe es falsch verstanden - zurückgewiesen worden, dass
es eine auswärtige Gewalt ist, die das setzt. Dies ein zweiter
Widerspruch dazu ist.
Das würde ich überhaupt als den elementaren Widerspruch bezeichnen,
dass da der Staatswille von Außen auf das Land gepflanzt wird, und die
erste Form, in der sich dieser Widerspruch geltend macht - da sind wir
das letzte Mal nicht so drauf gekommen, weil gleich die Frage war,
worauf die eigentlich ihr Projekt des Nationbuilding gründen, und sind
dann bei dieser eigentümlichen Repräsentativorganisation gelandet - das
Erste ist, nicht bloß dass der Wille zum Nationbuilding in dem Fall von
Außen kommt, was schon das entscheidende Paradox ist, sondern alles, was
sich als Überrest von Saddam Hussein und seiner Baath-Partei oder auch
an reimportierten Exil-Oppositionellen mit ihren Vorstellungen von einem
irakischen Staat dort findet und durchaus auch von den Amis betreut
worden ist, das wird ja unter die strenge Maßregel gestellt, dass so
etwas wie ein eigenständiges irakisches Staatsprojekt außerhalb
amerikanischer Kontrolle auf alle Fälle nicht zustande kommt. Dass
dieser Wille zum Nationbuilding von Außen kommt, hat seinen ersten
grotesken Widerspruch in dem negativen Verhältnis, in dem dieser Wille
zum Machen des Staates zu allen Überresten oder Alternativen eines
innerirakischen Staatswillens steht. Der Wille von Saddam Hussein und
seiner Baath-Partei wird sowieso negiert, abserviert und verfolgt - auch
in Gestalt seines Personals wird der ja richtig zerstört. Aber es gibt
ja noch ein paar Andere. Ich weiß nicht, ob dieser Tschallabi dazu
gehört, und ein paar Nationalkommunisten mit einer Partei, die da wieder
etabliert worden ist, soll es ja sogar auch geben. Denen wird auch als
Erstes Loyalität zu der Besatzungsmacht abverlangt. Das schließt
Verzicht auf irakische Eigenständigkeit ganz gewaltig ein. Und das
andere war die Überlegung: Was haben sie denn eigentlich Positives, was
sie für ihr Nationbuilding mobilisieren wollen? Dann kam diese
Verrücktheit mit diesen Stammes- und Moscheegemeinschaften.
Es ist doch eigentlich auch irreführend, wenn man sagt, die gründen
sich auf diesen Rat. Die gründen sich auf ihre Besatzungsgewalt und
hätten die gern im Land als Realität dort verankert.
Ihr Nationbuilding wollen sie mit denen konstruieren. Du merkst dann ja
auch, sobald sich wirklich eine solche, z.B. schiitische Gemeinschaft
konsolidiert und größere Teile des Volkes effektiv organisiert, ist es
der Besatzungsmacht schon wieder nicht recht, weil das dann gleich in
dem Verdacht steht, das da Entzug organisiert wird. Dass da eine ganze
Teilgesellschaft sich dem Zugriff der Besatzungsmacht entzieht und gar
nicht nützlich für sie ist. So pflanzt sich dieser Widerspruch fort. Man
kann sogar sagen, je politischer, je mehr eine solche Gemeinschaft, auf
die die Besatzungsmacht einerseits setzt, die sie dann auch versucht zu
funktionalisieren, je mehr die politische Qualitäten bekommt, also Volk
organisiert im Sinne eines Funktionalmachens für eine Rechtsordnung, die
dann womöglich in Richtung Marktwirtschaft marschiert, je mehr das der
Fall ist, um so skeptischer steht die Besatzungsmacht ihr gegenüber,
weil sie da Entzug aus ihrer Oberhoheit - nicht zu Unrecht - fürchtet.
Dann stecken gleich die Iraner dahinter - dann ist der Verdacht gleich
auf dem Tisch. Wenn sie noch die Türken rein lassen, ist das
Durcheinander komplett. Das fällt fast schon unter die lächerliche
Abteilung, dass sie Inder und Pakistani als Aufsichtsmacht bestellen
wollen und sich gleich noch, bevor die ja gesagt haben, überlegen, wie
sie die trennen, damit die sich nie über den Weg laufen. Vermutlich
müssen sie kurdische Ordnungskräfte dazwischen stellen.
Und bei den Türken müssen sie auch aufpassen, wo sie die hinsetzen.
Weil dort, wo die Türken hin wollen, sie ja auf keinen Fall hin können.
Da stiften sie nur Unruhe.
Weil du das nachgefragt und gegeneinander gestellt hast, dass hier
alles von einer Besatzungsmacht ausgeht - dies ist gleichbedeutend mit
dem amerikanischen Verbot, mit der amerikanischen Verhinderung oder dem
organisierten Misstrauen in so etwas wie einen umfassenden und deswegen
auch eigenständigen, sich überhaupt auf die Mittel dieses Staatsgebildes
selber stützenden Nationalismus. Die wollen halt kein Volk, keine
Herrschaft, die sich irgendwie eines Volks bemächtigt - das haben sie
doch beim Saddam Hussein alles gehabt und zerschlagen -, so etwas wollen
sie nicht wieder etablieren.