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Wer mit der GEGENSTANDPUNKT-Redaktion aktuelle Themen diskutieren will,  hat dazu Gelegenheit auf dem  regelmäßigen Jour Fixe

in MARBURG:

Jour Fixe der GEGENSTANDPUNKT-Redaktion.

am Donnerstag, 8. Mai 2008, 20:30 Uhr,
im Café am Grün (neben Buchhandlung "Roter Stern", Marburg)

Lebensmittelproduktion im Kapitalismus:
Globalisierter Hunger, Hungeraufstände und imperialistische Ordnungsprobleme

1. Hungeraufstand in Haiti, Proteste in Ägypten, Mehl- und Brotrationierungen in Pakistan, mangels Mais unerschwingliche Tortilla in Mexiko, Reisknappheit in Thailand und den USA etc. …
In der Welt der freien Marktwirtschaft haben Lebensmittel einen Preis. Der entscheidet, ob das unmittelbare Bedürfnis nach Essen und Trinken überhaupt befriedigt wird, in welchem Umfang und zu welcher Qualität. Dieser scheinbar unumstößliche und selbstverständliche ökonomische Tatbestand ist eine vernichtende Auskunft über die Versorgung der Menschheit mit Lebensmitteln: Sie findet nämlich nur dann und so statt, wenn sich damit ein Geschäft machen lässt, also der Geldreichtum von Lebensmittelproduzenten vermehrt wird – oder sie entfällt eben. Diese Sorte ökonomischer Erpressung lebt davon, dass sie die bedürftige Bevölkerung sehr grundsätzlich dieser kapitalistischen Rechnungsweise unterworfen hat – so ziemlich jede Ecke der Welt ist auf ihre diesbezügliche Geschäftstauglichkeit überprüft, für sie hergerichtet oder verworfen worden. Hungersnöte, mit Opfern in Millionenhöhe, begleiten daher die „Wachstumsbranche“ Nahrung, deren Rechnungsweise den lohnarbeitenden Massen regelmäßig Sparsamkeitserwägungen in Sachen Ernährung und den einen oder anderen kostensenkenden Bestandteil in ihrem Sonntagsbraten beschert, „Lebensmittelskandal“ inklusive.
2. Die demokratische Weltöffentlichkeit bilanziert die Opfer ihrer Marktwirtschaft regelmäßig und hat, angesichts der von ihr aktuell ausfindig gemachten „neuen Knappheit“ in Sachen Nahrungsmitteln, den Hauptschuldigen dingfest gemacht – es sind vor allem die „Preisschwankungen“. Mit dieser kleinen Verschiebung der Betonung vom Preis hin zu seinen Schwankungen ist der tatsächliche Grund auch für den aktuellen Hunger theoretisch aus der Welt geschafft:
„In einem Land Nachfrage nach Biosprit, heißt im Land des Anbieters Hunger“ – so die Gleichung, die der bürgerliche Sachverstand entdeckt, Erklärungsbedarf anmeldet und ein Missverhältnis von Angebot und Nachfrage ausfindig und für die Teuerung verantwortlich macht. Ein Missverhältnis?
Handelt es sich nicht eher um eine erzkapitalistische Preiskalkulation, die da Preise zum Schwanken bringt, wenn dem zahlungskräftigeren alternativen Energiebedarf einer kapitalistischen Nation die Lebensmittelversorgung der Bevölkerung eines anderen Landes geopfert wird, weil das den staatlichen Geldreichtum Mexikos mehrt?
„In einem Land vermehrter Nahrungsbedarf, heißt im anderen Land hungern“ – noch so eine, anscheinend geläufige Gleichung aus der Welt des marktwirtschaftlichen Denkens. Auch damit soll auf einen Mangel in Sachen ökonomischer Arithmetik aufmerksam gemacht werden. Schon wieder ein Missverhältnis? Doch wohl eher eine Auskunft über Marktstrategien des freien Unternehmertums mit Lebensmitteln! Für einen „neuen Markt“ mit größeren „Gewinnerwartungen“ werden die zahlungsschwächeren Lebensbedürfnisse anderswo zusammengestrichen, für die sind dann die Preise ins „unermessliche“ gestiegen, während sich anderswo genau damit hohe Gewinne erzielen lassen.
Und noch so eine marktwirtschaftliche Selbstverständlichkeit: „In einem Land Landwirtschaft treiben, z. B. in Form des EU-Agrarmarkts mit seinen Subventionen, heißt, dass die Bauern in Afrika ihre Produkte nicht loswerden“– na so was! Erst werden über Jahrzehnte afrikanische Lebensverhältnisse für die Weltmarkttauglichkeit der Rohstoffe aus diesem Kontinent ruiniert und anschließend die bäuerlichen Restbestände für eine rudimentäre Agrarproduktion reanimiert; gleichzeitig, in einer ganz anderen staatlichen Liga, werden mit staatlichen Subventionen in Europa die Weltmarktambitionen der EU vorangebracht und dafür Produktion und Konsumtion ganzer Weltgegenden geopfert. Vielleicht liegt ja doch solchen „schwankenden“ Preis- und Lebensverhältnissen der einfache Tatbestand zu Grunde, dass das (Über)leben der Menschen im Kapitalismus einen Preis hat …
Mit solchen Erklärungen der Resultate kapitalistischen Geschäfts mit Lebensmitteln wollen sich dessen Agenten gar nicht abgeben. Stattdessen wird beklagt, auf dem Weltmarkt passten Angebot und Nachfrage leider nicht so recht zusammen. Damit wird das falsche Bild eines Mechanismus aufgemacht, dessen Teile man nur wieder ins rechte Verhältnis zueinander bringen müsste, um die als Missverhältnisse dingfest gemachten Zustände zu beenden – zum Segen des Geschäfts und zum Wohl der Weltkonjunktur. Deren Wohlergehen wird als allererste Voraussetzung für eine Chance auf die Beseitigung von Hunger ausgegeben. So einfach verwandelt sich unter der parteilichen Sichtweise der politischen und theoretischen Sachwalter des Weltmarkts der Welthunger in ein Weltkonjunkturproblem samt seinen kapitalistischen „Lösungen“.
3. Vor allem aber ist der Hunger ein „Ordnungsproblem“ – sagen die zuständigen Beaufsichtiger des weltweiten Elends. Nicht, dass sie bei der Bewältigung dieses „Problems“ nicht einiges an Routine besäßen – ihr Globus ist voll Potentaten, die in Sachen Gewaltbedarf gegenüber der Bevölkerung bestens ausgerüstet sind – aber die Zahl der Kandidaten wächst. Weltaufsichtsbehörden wie der IWF und die führenden imperialistischen Nationen machen neuerdings 20-30 Staaten, die bislang im relativ „störungsfreien“ Mittelfeld der 3. Welt angesiedelt wurden, als neue potentielle Ordnungsfälle aus. Die Durchfütterung der Massen in dem gewohnt armseligen ruhestiftenden Umfang sehen sie gefährdet. Und das ist eine Bedrohung, nicht etwa für die Lebensbedürfnisse der betroffenen Bevölkerung, sondern eine Bedrohung der vorhandenen geschäftsnützlichen Herrschaftsverhältnisse vor Ort und das erzeugt Handlungsbedarf bei den erfolgsverwöhnten Akteuren des Weltmarkts.


nächste Termine:

Donnerstag,
jeweils 20.30 Uhr im Café am Grün (neben Buchhandlung "Roter Stern", Marburg)


Vortrag und Diskussion

am Donnerstag, 5. Juni, 20:00 Uhr,
im KFZ, Schulstraße 6, Marburg

Tibet gut, China böse! oder: Was der Westen an China auszusetzen hat

Wie war das noch neulich, als wir uns über unaufgeklärten religiösen Fanatismus aufgeregt haben? Als wir es kaum ausgehalten haben, dass bei uns eine „Parallelgesellschaft“ existiert, in der Mädchen zwangsverheiratet werden? Als wir eine Riesen-Diskussion über den Bau von Moscheen in unseren Städten angezettelt haben? Als wir es höchst verdächtig fanden, dass gläubige Mohammedaner ihren Vereinen Geld spenden, und als wir froh waren, dass unser Staat die ganze ‚islamische Mischpoke‘ überwacht, schikaniert und zwangs-integriert?
Aber natürlich: Das alles gilt ja dieser Religion! Dem Islam! Klar doch, der ist eine ganz gefährliche Geschichte. Wenn da die Gläubigen mitten in der „modernen Welt“ mit Kopftüchern herumlaufen, ständig beten wollen und komischen Geboten folgen, zeigt das Verbohrtheit und Rückwärtsgewandtheit, kurz: die ganze Unaufgeklärtheit dieser Religion. Vor allem gegen den möglichen und ständig in der Luft liegenden Übergang zum religiösen Fanatismus ist deshalb Wachsamkeit geboten und für die staatliche Aufsicht so gut wie jedes Mittel recht.
Dagegen Tibet. Ganz was anderes natürlich. Unschuldige und einfach super-fromme Menschen, die sich bloß dafür einsetzen, ihre Religion frei ausüben zu können. Toll, wie diese Leute seit Jahrhunderten an ihrem Glauben festhalten und ihm ihr ganzes Leben unterordnen. Beeindruckend, wie viele von ihnen schon im Kindesalter zu Mönchen und Nonnen werden, die ihre Tage damit verbringen, „om mani padme hum“ zu murmeln. Wie sie von den Opfern einer bettelarmen Bevölkerung leben, ihr Land voll Kirchen und Klöster stellen und unbeirrt die Rückkehr ihres reinkarnierten Buddha verlangen.
Und das alles gegen eine brutale chinesische Regierung. Die duldet das religiöse Opium des tibetischen Volkes zwar als „kulturelle Autonomie“. Aber wir wissen, dass das nur Schein ist. In Wahrheit will sie ihr ekelhaftes kapitalistisches Leben auch dieser Provinz aufnötigen. Sie baut eine supermoderne Eisenbahn nach Lhasa, ermuntert ihr riesiges chinesisches Volk, in der menschenleeren Westprovinz Geschäfte zu machen und lässt massenhaft Touristen ins Land, die sich die buddhistischen Klöster anschauen sollen. So will das Regime in Peking dem religiösen Fanatismus seiner tibetischen Buddhisten das Wasser abgraben. Schlimm! „Kultureller Völkermord“! – das sagen Leute, die es nicht aushalten, wenn irgendwo in dieser Welt kein McDonald’s steht.
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Apropos: Wie war es noch mal mit dem „Selbstbestimmungsrecht der Völker“? Basken, Kurden, Serben in Bosnien und Kosovo? Ach nein, Quatsch – für die gilt es ja nicht. Die leben in demokratischen bzw. mit uns verbündeten Staaten, haben also per definitionem keinen anerkennenswerten Grund für separatistische Ambitionen. Ihre Staatsgewalten bekämpfen so etwas also „zu Recht“, weshalb „wir“ den Staatsterror anerkennen, uns öffentlich um seinen Erfolg sorgen und praktisch unterstützen.
Andererseits: Dass andere Staaten, etwa das alte Jugoslawien und das neue Russland ähnlich über ihre Staatskonstrukte denken und sich glatt Hoheit über ihre Völker und Stämme anmaßen, geht natürlich nicht. Im Kosovo beispielsweise lebt unzweifelhaft ein Volk, dem wir dabei helfen müssen, sich selbst zu bestimmen. Auch Tibet scheint so ein Fall zu sein …
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Und wie war das noch neulich beim Protest gegen den G 8-Gipfel? Als ein paar wenige Mitglieder der „Zivilgesellschaft“ ihren Unmut gegen die Politik der Weltmächte etwas wahrnehmbar machen wollten – neben einem 12-Millionen-Zaun, einem riesigen und schwer bewaffneten Polizeiaufgebot und nach einer ganzen Latte präventiver Hausdurchsuchungen und Verhaftungen? War da nicht innerhalb von Minuten klar, dass ein einziges brennendes Polizeiauto in Rostock den gesamten Protest endgültig desavouiert hat und alle Freiheiten gegen „Gewaltexzesse“ dieser Art erlaubt und geboten waren?
Ach ja, natürlich – das waren unsere Staatenlenker und ihr Gewaltmonopol, das sie gegen jeden kleinsten Kratzer und Ausraster von unten mit aller Erbitterung und allem Recht dieser Welt verteidigen.
Ganz anders natürlich in Tibet. Brennende Geschäfte und Banken (so etwas gibt es bei uns schon lange nicht mehr!) setzen dort nicht die religiösen Fanatiker ins Unrecht. In Lhasa beweisen uns die Ausschreitungen der Tibeter eindeutig, wie sehr sie von China unterdrückt werden, weshalb sie „ohnmächtig“ zu solchen Mitteln greifen ,müssen‘. Tote werden von vornherein und reflexartig der Blutbilanz der chinesischen Staatsmacht zugezählt und bleiben dort auch als moralische Schuld stehen, wenn Tage später zugegeben wird, dass es sich bei den ersten Opfern um Han-Chinesen handelt, die durch rassistische Gewalttaten der ,eigentlich‘ friedlichen Tibeter umgekommen sind.
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Die Parteilichkeit unserer freien Öffentlichkeit ist also wie immer super drauf. Die Hirne der hiesigen Menschen sind so gut sortiert, dass die Bild-Zeitung ohne jedes Problem die serbischen Aufstände in Mitrovica und die tibetischen in Lhasa in einen dicken schwarzen Kasten setzen kann. Jedermann kapiert, dass es sich auf dem einen Bild um „gute Rebellen“ und „böse Ordnungskräfte“ und auf dem anderen um „böse Randalierer“ und „gute Panzer“ handelt – auf welchem gleich wieder?
So fortgeschritten ist man in China, dem die Pressefreiheit ja ,noch‘ fehlt, in der Tat nicht. Hier muss die Regierung, um die chinesischen Menschen auf ihre Sicht des Tibetproblems einzuschwören, zu völlig hinterwäldlerischen Methoden greifen; sie zensiert, sperrt Internetseiten und lässt ihre staatlichen Medien „einseitig“ Bericht erstatten. Was sie nicht zensiert, sondern offen ins Netz stellt (Videoaufnahmen der „Unruhen“ in Lhasa und anderswo, Beweise für die frechen Fälschungen westlicher Blätter und Nachrichtendienste), brauchen wir uns allerdings gar nicht erst anzuschauen – die Absicht ist klar, weshalb die schönste Medienkritik uns überhaupt nicht beeindrucken kann.
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Das „Dach der Welt“ gehört jedenfalls – so viel steht fest – zukünftig in die Kategorie „viel versprechender Unruheherd“. Hier handelt es sich eindeutig nicht um eine Religion, der religiöser Absolutheitsanspruch, ihr Zusammenhang zu ökonomisch überholten Familien- und Clanstrukturen zum Vorwurf zu machen sind – wie das beim viel gescholtenen Islam der Fall ist. Und es handelt sich auch nicht um eine Ethnie, deren Streben nach Autonomie und Staatlichkeit lästig ist und von einer fortschrittlichen Zentralgewalt zu Recht unterdrückt werden muss – wie bei Basken, Kurden, Serben in Bosnien und Kosovo.
So wenig wie in diesen Fällen mit umgekehrter Stoßrichtung liegt das an Religion oder Ethnie selbst. Dass hier weltweit „Sympathie“ mit einem Völkchen und seinen rot gekleideten Mönchen laut wird, liegt an seinem Gegner, der chinesischen Staatsmacht. Mit der will man einerseits Geschäfte machen, andererseits stört man sich schon sehr und zunehmend daran, dass sie selbst ein ziemlich potenter kapitalistischer Staat und eine kommende Weltmacht ist. Da passt ein kleiner ethnisch-religiöser Unruheherd in diesem Land einfach wunderbar.
Der chinesische Staat hat für den Sommer nämlich „die Jugend der Welt“ zu seinen ersten olympischen Spielen eingeladen, um sich damit samt seinen in jeder Hinsicht gewachsenen Kräften zu feiern und weltöffentlich Anerkennung einzuheimsen: Neben allen ökonomischen und politischen Erfolgen will sich die Volksrepublik mit Olympia als von allen anerkannte und „sympathische“ Nation präsentieren. Die Vergabe der Spiele nach Peking gesteht China eben das auch ein Stück weit zu; allerdings haben die westlichen Staaten diese Konzession von vornherein mit der offen ausgesprochenen Absicht verknüpft, der Kommunistischen Partei in Sachen Pressefreiheit und Menschenrechte gehörig in die Suppe zu spucken. Nun steht der olympische Sommer vor der Tür und angesichts des absehbaren Erfolgs Chinas hält man ihn im Westen kaum aus. Schon seit Monaten wird immer wieder die Frage eines möglichen Boykotts ausgestreut – mal wegen der „Menschenrechte“, mal wegen „Darfur“. Da kommen die „Tibet-Unruhen“ schon sehr passend. Die Mönche hinter ihren Klostermauern haben eins und eins zusammengezählt: die diplomatischen Signale der Dalai-Empfänge bei Merkel und Bush und die weltöffentliche Aufmerksamkeit wegen Olympia – und nutzen ihre „Chance“. Sie wittern die einmalige Chance für ihr nicht ganz unbescheidenes Anliegen – immerhin verlangt der Dalai Lama „echte Autonomie“ für ein Gebiet, das etwa drei Mal so groß ist wie die heutige „Autonome Region Tibet“.
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Also ist unsere schöne Welt um einen ,Konflikt‘ reicher – und die westliche ,Aufmerksamkeit‘, die von China eine Zügelung seines „brutalen Vorgehens“ verlangt, sorgt dafür, dass er vorläufig am Köcheln bleibt. Tag für Tag wird aufgeregt berichtet – und wenn es nichts zu berichten gibt, fallen wir darauf natürlich nicht herein. Von angeblich befriedeten Zuständen lassen wir uns nicht täuschen: Hier herrscht „Friedhofsruhe“ und wer die chinesische Regierung nicht anklagen will, „hat Angst“. Dass China inzwischen wieder Journalisten nach Tibet lässt, ändert auch nichts, denn „das Regime“ hat viel zu verbergen und bleibt uns jede Menge „Aufklärung schuldig“. Schön auch, dass wir Peking in den nächsten Monaten immer mal wieder mit ausführlichen Berichten von einer 80-Mann-Demonstration in Bonn-Bad Godesberg oder einer Lichterkette in Radebeul ärgern können.
Eins ist damit auf alle Fälle gelungen: Das schöne Image, das sich China mit „den Spielen“ weltöffentlich verschaffen will, ist erfolgreich angekratzt. Die weiteren Aussichten sind glänzend: Kein Fernsehkommentar zu Olympia mehr, der nicht ein paar Tränen fürs „freie Tibet“ weint; vermutlich kein Athlet, der um eine ausgewogene moralische Stellung zu dieser Frage herumkommt, wenn er sich seine Medaillen abholen will; am Ende wahrscheinlich auch noch ein paar „Freiheit-für-Tibet“-Fans, die die Gunst der Stunde wahrnehmen und sich auf dem olympischen Rasen verhaften lassen. So wird den Chinesen auf alle Fälle das verdorben, worauf es ihnen mit der Ausrichtung der Spiele ankommt – möglicherweise viel geschickter als mit einem Boykott, den man sich trotzdem natürlich vorbehält und von einem angeblichen Wohlverhalten Pekings abhängig macht: Eine diplomatische Zwickmühle allererster Güteklasse.
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Bei Tibet allein muss es ja nicht bleiben. Zeitungsleser werden zwischenzeitlich informiert, dass es schon lange auch in der westchinesischen „Autonomen Provinz Sinkiang“ ein zu gewaltsamem Widerstand gegen Peking bereites Volk gibt: die muslimischen Uiguren. Deren Unterdrückung hat man China bisher im Rahmen des weltweiten Kampfs gegen „islamischen Terrorismus“ gestattet – eine Einordnung, die heute vielleicht überdacht werden sollte! Die westliche Presse kriegt sich jedenfalls fürs erste nicht mehr ein, den chinesischen „Machthabern“ eine ganze Latte interner Auseinandersetzungen an den Hals zu wünschen. Als Mittel einer machtpolitischen Auseinandersetzung mit der kommenden Weltmacht China ist unseren aufgeklärten Journalisten in ihren Fantasien dabei einfach alles recht – wie reaktionär, religiös borniert oder brutal auch immer.