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Die politische Vierteljahreszeitschrift GEGENSTANDPUNKT lädt ein zu
GEGENSTANDPUNKT
& Diskussion
Nächster regelmäßiger Diskussionstermin in Bonn
Eine Veranstaltung des GegenStandpunkt-Verlages
und der Gruppe kritischer Studenten Bonn
am Dienstag, 24. Juni 2008,
20 Uhr
im HS VIII der Uni Bonn
Thema:
Weltweit steigende Lebensmittelpreise, wachsende
Nahrungsmittelprobleme, drohende Hungeraufstände:
„Das neue Zeitalter des Hungers?“
Ein Lehrstück in Sachen Reichtum
und Armut im globalen Kapitalismus
Referent: Manfred Freiling (Redaktion GegenStandpunkt)
Merkwürdig ist die plötzliche Aufregung über den
Aufschwung des
Elends in Sachen Welternährung schon. Ganz neu ist es nämlich
nicht,
dass für weite Bevölkerungskreise in allen möglichen
Weltregionen
Hunger und Versorgungsnöte zum Alltag gehören. Und auch der
gewisse,
mit dem Lebensmittelpreis verbundene Gegensatz, an dem sich die
aktuelle Entrüstung festmacht, ist nicht im Jahre 2008 in die Welt
gekommen: Mit der Bezahlung ihres Essens tun sich Millionen von
Statisten der globalen Marktwirtschaft schon seit längerem schwer.
An Hungerkatastrophen als festem Bestandteil des internationalen
Geschäftslebens und die Verwaltung des Elends mittels politischer
Hungerhilfe und privater Mildtätigkeit hat sich die Welt irgendwie
längst gewöhnt. Heute rührt die Aufregung denn auch
seltener aus den
humanitären Einwänden gegen die elementare Not, die mit den
globalisierten Agrarmärkten ja keineswegs verschwunden ist,
sondern
wächst:
- Die Klagen über steigende Preise landen ziemlich umstandslos bei
Bedenken, dass die notwendigen Lebensmittel (von anderen Gütern
ganz zu
schweigen!) inzwischen für Bevölkerungskreise unerschwinglich
werden,
die bisher nicht zu den notorischen Adressaten der Hungerhilfe aus den
reichen Ländern zählten. Kaum nimmt man die Not in den Blick,
tritt zur
Feststellung eines dramatischen gewachsenen Ausmaßes die Sorge um
störende Auswirkungen:
- Gefahr für die Stabilität vieler Drittweltländer wird
beschworen.
Weniger der Hunger, den die Leute haben, als das Problem, das
wütende
Hungerleider machen könnten, ist der Skandal: Der Gehorsam der
Untertanen und die staatliche Ordnung bei ‚unseren’
Südfrüchtelieferanten und Agrarexportmärkten steht auf
der Kippe! Sind
unsere Geschäfte auf dem Weltagrarmarkt bedroht? Ist der
reibungslose
Nachschub an Nahrungsmitteln gewährleistet, die mittlerweile sogar
als
‚strategische Rohstoffe’ gelten?
- Daneben klagt man über steigende Kosten, die eine Dauerbetreuung
der
Hungerregionen verursacht. Der Aufwand, Folgen abzumildern und im Zaum
zu halten, übersteigt die paar Milliarden Euros oder Dollars, die
sich
unsere zivilisierten Weltbetreuer diese schäbigste Abteilung ihrer
globalen Verantwortung kosten lassen wollen. Der massenhafte Hunger,
der nicht auf die ‚3. Welt’ begrenzt bleibt, kann die Metropolen des
kapitalistischen Weltmarktes teuer zu stehen kommen. Untragbar!
***
Merkwürdig auch, was da an Gründen für die neue
‚Bedrohung’ ausfindig
gemacht wird. Am weltweiten Agrargeschäft, am Geld, das mit den
Lebensbedürfnissen der unterschiedlich zahlungsfähigen
Weltbevölkerung
verdient wird, soll es jedenfalls nicht liegen. Eher schon an einem
Missverhältnis, das die segensreichen Leistungen von Markt und
Preisen
verfälscht hat:
- Angebot und Nachfrage sind leider auseinander getreten. Zu viele
wollen da zuviel an Konsum: Chinesen wollen und können sich
heutzutage
mehr leisten – also wird es für andere knapp und teuer. Dass
wachsender
zahlungsfähiger Bedarf mit steigenden Preisen ausgenutzt wird und
ein
Mehrkonsum der einen andere mit weniger Geld ins Elend stürzt: Das
gilt
nicht als Skandal, sondern bestenfalls als unliebsame Konsequenz eines
Marktmechanismus, der die Versorgung auf dem Globus eigentlich
zufriedenstellend regeln müsste – wenn man eben nicht
fälschlich
eingreift oder Fehlentwicklungen passieren.
- Es wird heute leider zuviel Agrarproduktion für die
Bedürfnisse von
USA und anderen Staaten an erneuerbaren Energien umgewidmet. Dass
dieser Bedarf geschäftlich unschlagbar ist und die Lebensmittel
der
Bevölkerung ganzer Länder mit einem Schlag unbezahlbar macht:
Auch das
zählt nicht als Einwand gegen die Rechenweise, nach der die
Ernährungsbedürfnisse der Massen als mehr oder minder
einträgliche
Bereicherungsquelle kalkuliert werden; das wird abgebucht unter
bedauerlichen Fehlern eines an sich lobenswerten energiepolitischen
Umsteuerungswillens.
- Die Landwirtschaftsexporte aus den Ländern, die zu den reichen
Industrienationen zählen, ruinieren die lokale
Lebensmittelproduktion
in den armen Rohstoff- und Agrarländern, heißt es. Beides
gilt als
behebbares Versäumnis einer westlichen Entwicklungspolitik, die
sich
mehr darum zu kümmern hätte, dass vor Ort für die
Armutsbevölkerung
mehr Essbares produziert und eine heimische Landwirtschaft erhalten
würde – selbstverständlich ohne die Rolle dieser Staaten als
agrarische
Monokulturen und Rohstofflieferanten für die Bedürfnisse der
maßgeblichen Weltmarktnationen zu beschädigen.
Soviel steht fest und ist den öffentlichen Auskünften
über
Preissteigerungen und deren störende Wirkungen durchaus zu
entnehmen:
Worüber da mit humanitären Klagen, ordnungspolitischen
Sorgenfalten und
politökonomischen Schuldzuweisungen verhandelt wird, ist des
Ergebnis
eines von Multis betriebenen und den wichtigen Nationen bewachten
Weltagrarmarkts, auf dem kapitalkräftige Lebensmittel- und
Rohstoffkonzerne den wachsenden Kalorienbedarf eines rapide wachsenden
chinesischen und indischen Staatsvolks, den Hunger der großen
Kapitalnationen nach Biosprit und Agrarrohstoffen für ihre
Industrie,
die Ernährungsnöte afrikanischer Elendsfiguren und was es
sonst noch
für Bedarf an solchen Gütern gibt, gleichermaßen als
mehr oder weniger
lukrative Geschäftsgelegenheiten behandeln. Das Ergebnis
fällt denkbar
einsinnig aus. Mit dem Reichtum auf der einen Seite wächst
offensichtlich das unmittelbare Elend eines wachsenden Teils der
Weltbevölkerung auf der anderen.
So soll man das allerdings keinesfalls sehen. Die Grundrechenarten des
Weltmarkts kommen auch dort nicht in Verruf, wo die wachsende Not von
Haiti über Ägypten bis sonst wo verhandelt und im Namen von
Hungerleidern Alarm geschlagen wird. Stattdessen plädieren die
Zuständigen und ihre Kommentatoren dafür, die Mechanismen des
Weltmarkts, die Institutionen des Weltgeschäfts und bessere
Aufsicht
über die globale Konkurrenz seien die einzig geeigneten Hebel, die
Versorgungsfragen angemessen und nachhaltig zu lösen, die sie
selber
auf die Tagesordnung bringen. Reiche und mächtige Nationen
müssten ihre
Zuständigkeit nur ordentlich wahrnehmen, das Angebot auf dem
Weltmarkt
steigern, die Biospritumstellung verlangsamen, für gerechtere
Exportpolitik und/oder mehr Marktfreiheit sorgen, vielleicht noch die
Spekulation auf Mais- und Weizenkontrakte eindämmen: Dann
wären diese
‚Störungen’ zu beheben. Am Ende rechnen sie noch die Elendsfiguren
aus
Afrika, Südamerika & Asien ideell reich; für die
würde sich jetzt
glatt das agrarische Produzieren wieder lohnen, wenn die hiesigen die
Drittwelt-Staaten nur zu mehr Eigenanstrengung anhielten…
Gegen den aktuellen Zynismus, ausgerechnet den freien Weltmarkt mit der
Beseitigung des Hungers zu beauftragen, den er ebenso systematisch wie
flächendeckend hervorbringt, will die Veranstaltung einige
Erläuterungen zur Diskussion stellen:
- Wie die modernen
Versorgungsnöte und kapitalistisches Agrargeschäft
zusammengehören.
- Wie das Elend von den reichen und
mächtigen Nationen politisch betreut, also aufrechterhalten wird.
- Wie der
„Nahrungsmittelspatriotismus“ in die Konkurrenz der Staaten
zurückkehrt.