Einladung zum Diskusionstermin der AG
Analyse und Kritik
in Bielefeld
Vortrag und Diskussion
Dienstag, 25. November 2008, 19:00 Uhr
Universität Bielefeld, Hörsaal 5
Was der Kollaps des Finanzsystems
über den Reichtum der kapitalistischen Nation lehrt
Vortrag und Diskussion mit Jonas Köper
(Redaktion GegenStandpunkt)
In der letzten Septemberwoche erklärt die US-Regierung ihre Absicht,
nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothers keine weitere große Bank
mehr scheitern zu lassen. Dafür will der Finanzminister den Banken für
700 Milliarden Dollar ihre wertlosen Wertpapiere abkaufen und sie so
mit frischem Geld versorgen. Das Rettungspaket löst im US-Kongress und
in der Öffentlichkeit heftige Kontroversen aus: Man bemerkt die
Vorzugsbehandlung, die das Spekulationsgewerbe genießt, und fragt
kritisch, ob es denn Aufgabe des Staates sei, die „Zocker“ der
Investmentbanken mit „dem Geld der Steuerzahler“ herauszuhauen und
gescheiterten Spekulanten das Vermögen zu retten. Linke Demonstranten
und rechte Republikaner protestieren gegen den
„Wall-Street-Sozialismus“: „No bail out!“
Mit Beginn Oktober ist die Debatte erledigt. Ob der Staat die
Spekulanten retten soll, ist überrundet durch eine fundamentalere
Erkenntnis: Er muss – Gerechtigkeit hin, Gerechtigkeit her. Denn an
zusammenbrechenden Banken hängt das Bankensystem – und an dem die ganze
Wirtschaft und ihre Konjunktur. Von der Gesundheit des
Spekulationsgewerbes leben nicht nur Rendite und Wachstumsrate des
Finanzkapitals; von ihm lebt offenbar das Geldverdienen der gesamten
Gesellschaft: Wenn die Unternehmen Kredit nicht mehr bekommen können,
wenn sie Investitionen und andere Erfordernisse ihres Geschäfts nicht
vorfinanzieren können – können sie überhaupt kein gewinnbringendes
Geschäft machen. Und wenn deren Bereicherung nicht klappt, dann fällt
auch der Segen aus, den ein florierender Kapitalismus für die Masse
bereithält: Arbeit! Tatsächlich: Wenn es den Jongleuren an den Börsen
und in den Bankpalästen nicht gelingt, ihre Einsätze rentabel zu
vermehren, gibt es für die Armen im Land keine Gelegenheiten, sich
durch Dienst an fremdem Reichtum einen Lebensunterhalt zu erarbeiten.
Damit nicht genug. Mit einem Schlag kommt öffentlich zu Bewusstsein,
dass auch das schon verdiente und zurückgelegte Geld – keineswegs nur
der Reichen – auf dem Spiel steht. Das Ersparte existiert gar nicht
anders als in Form gefährdeter Bankguthaben und windiger Wertpapiere.
Die private Altersvorsorge, die Lebensversicherung – alles ist weg,
wenn die Banken pleite gehen, die es eingesammelt und in spekulative
Investments gesteckt haben. Noch eine Woche später weicht die
Auffassung, dass der Staat die Banken retten muss, den Zweifeln, ob er
das überhaupt kann. Täglich treten Kanzler, Finanz- und Premierminister
sowie Notenbankchefs vor die Presse und verkünden neueste Staatshilfen
zur Stabilisierung des Finanzsektors. Inzwischen garantiert die
Obrigkeit fast überall unbegrenzt die Spareinlagen, europaweit will man
keine wichtige Bank mehr krachen lassen, weltweit senken Zentralbanken
die Zinsen, um den Privatbanken das Gewinnemachen zu erleichtern – und
Kredit geben sie ihnen sowieso ohne Ende. Nach jeder Ankündigung wartet
alles gespannt auf die Öffnung der Börsen am nächsten Morgen:
Honorieren die Anleger den Schritt, schenken sie den Garantien Glauben
und setzen sie wieder Vertrauen ins Spekulieren – oder bringt das alles
nichts und der Staat muss mit Hilfen und Garantien noch weiter gehen?
Wie zum Beispiel die britische Regierung. Sie gibt es auf, die
bankrotten Institute mit Kredit über Wasser zu halten, und nimmt sie
gleich unter Staatsregie, um ihre Funktion aufrecht zu erhalten.
Langsam kommt die Frage auf, ob sich die Staaten die Garantie und
Übernahme all der schlechten Schulden denn leisten können. Den einen,
dem kleinen Island etwa, steht der Staatsbankrott ins Haus; größere
Staaten drohen gerade durch ihre Rettungsaktionen die Stabilität ihrer
Währung zu ruinieren; das Wort Währungsreform wird wiederentdeckt. Auch
das Geld, lernt man, das gar nicht auf der Bank liegt, sondern schon im
Geldbeutel seines Besitzers steckt, ist nur so viel wert, wie der
Staat, der es herausgibt, über einen funktionierenden Bankensektor
verfügt.
Der Herbst 2008 ist wie ein Crashkurs über die Frage: Was es heißt, im
Kapitalismus zu leben. Schlechterdings alles, das Arbeiten und Kaufen,
das Leben und Überleben, ist eine abhängige Variable des
Finanzgeschäfts. Wenn Börsianer und Bankiers mit ihrer Bereicherung
scheitern, dann scheitert alles – und das ganze Volk ist schlagartig
enteignet. Leider hat das Volk in all der Panik gerade keine Zeit, sich
mit dieser absurden Vorbedingung seines Alltags auseinanderzusetzen. Es
ist vollauf beschäftigt, mit Hoffen und Bangen die Rettung des
Finanzsystems zu begleiten, damit alles weitergehen kann wie bisher.
Damit es nicht weitergeht wie bisher, nehmen wir uns die Zeit für die
Erklärung von
Leistung, Funktionsweise und Zusammenbruch des Finanzkapitals
AG Analyse und Kritik