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GegenStandpunkt 2-1999

Bürgerkrieg im Kosovo, Bombenkrieg gegen Jugoslawien:

Chronik eines angekündigten Krieges

Rund ums orthodoxe Osterfest: Bewegung an der diplomatischen Front

Die konzertierte Aktion "Wir holen die Russen wieder ins Boot!"

Der Krieg geht in die dritte Woche - Zeit für die NATO-Mächte, sich ausdrücklich und öffentlich mit der Frage zu befassen, worauf sie mit ihren Bomben eigentlich wirklich hinauswollen. Die Berichte über notleidende Albaner, die durch die Verwüstung Jugoslawiens wunderbar errettet werden - sollten... -, behalten natürlich ihren prominenten Rang und Stellenwert: als "humanitäres" Stichwort für die längst fällige Debatte unter den weiter blickenden politischen Strategen der Allianz, was sie mit der Balkanregion insgesamt demnächst anzufangen gedenken.

Bevor jedoch die "Friedenspläne" der NATO in all ihrer Schönheit auf den Tisch kommen, und mitten hinein in die rasanten westlichen Fliegerangriffe und die - natürlich nur "angebliche" - Feuerpause der jugoslawischen Armee im Kosovo, melden sich massiv und drastisch die Russen zu Wort. Der kommunistische Duma-Vorsitzende Selesnjow, von Verhandlungen mit Milosevic zurück, verkündet nach einem Gespräch mit Jelzin, der Präsident habe die Atomraketen wieder auf westliche Ziele umprogrammiert; Belgrad habe außerdem vor, die Aufnahme in die russisch-weißrussische Union zu beantragen, und mit deren Zustandekommen könne Rußland dann Truppen in Jugoslawien stationieren. Der Kremlchef persönlich warnt in einer Fernsehansprache den Westen:

"Treibt uns nicht in militärische Aktionen. Andernfalls ist ein europäischer Krieg so gut wie sicher und vielleicht sogar ein Weltkrieg. Wir können nicht erlauben, daß die Nato Bodentruppen einsetzt, Jugoslawien übernimmt und es zu ihrem Protektorat macht."

Er erinnert an Rußlands vitales Interesse an einem "freien Zugang zum Mittelmeer", spricht vom "serbischen Brudervolk" und vermeldet im Stile einer Großmacht, die eine ihr gehörige Einflußsphäre verteidigen will: "Wir können Jugoslawien nicht hergeben." Ein erstes russisches Aufklärungsschiff kreuzt in der Adria, weitere Kriegsschiffe werden angekündigt. Nicht zu überhören: Moskau will mit seinen Einwänden, der NATO-Krieg richte sich gegen legitime russische Interessen, vom Westen endlich wahr- und ernstgenommen werden.

Die bisherigen diplomatischen Vorstöße des Kreml - Primakows Vermittlungsversuch sowie eine weitere Initiative, durch Verhandlungen mit Milosevic und Rugova eine Einigung zwischen Belgrad und den Kosovo-Albanern anzubahnen - sind ja von der Allianz gründlich torpediert worden; die "inständige Bitte" Jelzins, das Waffenstillstandsangebot Belgrads "nicht gleich von Anfang an zu verwerfen", wurde mit verstärkten Bombardements beantwortet; Klagen der Regierung über Schwierigkeiten mit einer wachsenden "kommunistischen und nationalistischen Opposition" und einer zunehmend westenfeindlichen Stimmung in der Bevölkerung wurden mit Gleichgültigkeit quittiert. Statt dessen führen die NATO-Strategen, ungerührt von russischen Einwänden, ihre Debatte über die Entsendung von Bodentruppen, um Serbien niederzuringen, und einigen sich - vorläufig - darauf, die Zerstörung der serbischen Macht "bloß" aus der Luft noch viel gründlicher voranzutreiben...

Moskau sieht sich also der Gefahr ausgesetzt, durch den Krieg gegen Jugoslawien um seinen letzten politischen Einfluß in Südosteuropa gebracht und in seiner Position als führendes Mitglied der Staatengemeinschaft überhaupt beschädigt zu werden. Der Krieg drängt Rußland praktisch an den Rand des Geschehens und droht es in genau den Status einer unbeachtlichen Randgröße zu versetzen, den die vorauseilende westliche Öffentlichkeit seit Beginn des Krieges der "gefallenen Supermacht" als den ihr einzig angemessenen zuschreibt: "auf die Bedeutung einer Regionalmacht zurückgeworfen" (Handelsblatt, 16.4.) und vom Westen als "Quantité négligeable betrachtet" (FAZ, 8.4.). "Die Position der einstigen Supermacht wird einfach ignoriert"; für die NATO tun sich damit "neue geostrategische Perspektiven" auf. Das ist allen Beteiligten und versierten Betrachtern des Geschehens also gleich klar, daß ziemlich grundsätzliche Fragen der "strategischen" Weltordnung auf die Tagesordnung geraten, wo es angeblich doch bloß um ein wenig bewaffnete Flüchtlingshilfe ging, und den drangsalierten Kosovaren eine geopolitische Bedeutung zukommt, von der sie sich gewiß nichts träumen lassen. Dabei lassen die welterfahrenen Interpreten der westlichen "Kampagne" in ihren Diagnosen und Kommentaren auch keinen Zweifel daran, daß diese tiefere Bedeutung des Kosovo-Krieges keineswegs darin aufgeht, bloß aufzudecken, was sowieso der Fall und jedem Durchblicker schon lange bekannt ist: daß Rußland als Weltmacht nicht mehr zählt. Was den Krieg so weit über seinen Schauplatz hinaus brisant macht, das sind nach allgemeiner Einschätzung die Drangsale, die die NATO-Bomben den Russen bereiten; dadurch nämlich, daß sie den "Zustand" russischer Bedeutungslosigkeit erst herbeiführen, den man im Westen so gern als längst eingetretene und nicht mehr zu übersehende Sachlage verbuchen möchte. Die Herabstufung Moskaus zur unbeachtlichen Nebenfigur auf dem Balkan und überhaupt in Europa, seine Ausmischung aus allen wichtigen Entscheidungen, nämlich denen über Krieg und Frieden: das will erst einmal gemacht und immerzu sichergestellt sein; das sind keine verläßlichen Randbedingungen, sondern erst zu erzielende Wirkungen des NATO-Kriegs. Indem sie ihn an Rußland vorbei und unter souveräner Nicht-Beachtung russischer Einsprüche und Beschwerden führen und untereinander den Ausgang verhandeln, den das Ganze nehmen soll, stellen die westlichen Großmächte Rußland ins europa- und weltpolitische "Abseits". Und dieser Effekt zählt nun wirklich nicht zu den unbeabsichtigten "Kollateralschäden" oder besser "-erträgen" der NATO-Bomben: Die Allianz weiß, was sie tut, und will es auch, wenn sie sich als Monopolist in Sachen Ordnung auf dem europäischen Kontinent und in der Frage der Ermächtigung zum Krieg überhaupt aufführt. Mit ihren Militäraktionen ringt sie der einstigen Weltmacht ihren Einfluß ab, erzwingt ein weiteres Stück Macht- und Einflußlosigkeit und nutzt dafür Rußlands bereits eingetretene Schwäche aus. Dem Land den Status einer Ex-Weltmacht zuzuweisen, ist ein "geostrategisches" Ziel des Kosovo-Kriegs der NATO.

Freilich, wenn die Russen das so sehen und sich Sorgen machen, "daß die USA einseitig eine neue Weltordnung errichten und dabei UNO und OSZE dauerhaft entmachten wollen", dann können die Kenner der neuen Weltlage in solchen Reaktionen nur "fast paranoide Züge" von "Angst" erkennen (Der Spiegel, 19.4.), "Hysterie und Ohnmachtsgefühle" (NZZ, 6.4.) und ähnlich unvernünftige Anwandlungen. "Legitime weltpolitische Interessen" können ihnen nach dieser Lesart schon deswegen nicht bestritten werden, weil ihnen Interessen dieser Art überhaupt nicht zustehen. Moskau ist da nun allerdings etwas anderer Meinung; schließlich hat es auf dem Balkan ein vitales Interesse zu verteidigen, nämlich das: als mitentscheidende Ordnungsmacht, vor allem für Südosteuropa, respektiert zu werden. Die Regierung sieht sich mit einem westlichen Vorgehen konfrontiert, das ihr dieses Interesse glatt bestreitet - und besinnt sich in der Lage darauf, daß sie irgendwo doch immer noch Mittel hätte, um eine solche Herausforderung zu beantworten. Sie legt also Einspruch ein und droht, den Umständen entsprechend theatralisch, mit einer möglichen Eskalation der Gewalt, zu der sie immer noch fähig sei und an der der Westen kein Interesse haben könne. Und prompt sieht die Welt kurzzeitig ein wenig anders aus. Für einen Augenblick stellt man sich vor, daß die Russen sich doch noch einmal aufstellen könnten:

"Kann Boris Jelzin einen dritten Weltkrieg auslösen? Wie gefährlich ist seine Armee? Wie viele Atomraketen hat Rußland?" (BamS, 11.4.)

Muß sich der Westen etwa doch noch von russischen Einwänden beeindrucken lassen? So lautet einen geschlagenen Tag lang die öffentliche Frage. Und so kommt unvermutet zur Sprache, daß es eben doch keine automatische Gegebenheit einer neuen Weltlage ist, daß Rußland die Eskalation der NATO-Gewalt auf dem Balkan hinnehmen muß, sondern westliches Programm, bei dem laufend mit Rußlands Einspruch kalkuliert wird. Die ganze humanitäre Wohltat der NATO-Bomben in Jugoslawien wird von der "geostrategischen" Frage überschattet: Will Rußland wirklich die Konfrontation mit dem Westen - oder läßt es sich letztlich weiterhin gefallen, was es bisher schon nicht hat abwenden können? Und was ist, falls die Warnung ernst gemeint sein sollte? Steht dann der Westen die Konfrontation gemeinschaftlich durch, oder läßt er sich womöglich auseinanderdividieren? - Vielleicht ist Krieg gegen Jugoslawien ja doch etwas anderes als eine etwas größer angelegte Polizeiaktion gegen einen Massenmörder...

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Nach kurzem Erschrecken ist in den westlichen Hauptstädten Entwarnung angesagt. Man ist sich schnell einig darüber, daß keine ernstzunehmende Kriegsdrohung, sondern "nichts weiter als Säbelrasseln" vorliegt (BamS, 11.4.), "die Inszenierung einer politischen Seifenoper" (FAZ, 10.4.), in der "der ewige Kreml-Patient" - gestern noch 'unser Mann im Kreml' - "wieder den entscheidungsfähigen Staatsmann mimt" (SZ, 12.4.). Wieder nichts als Ausdruck der "verletzten Selbstwertgefühle" einer "gefallenen Supermacht"; der "Rückzug auf die letzten Reliquien der einstigen Supermachtrolle: die Atomraketen" (HB, 16.4.) - so lautet die sachverständige Auskunft. Die Kenner winken ab: Bei näherem Hinsehen liegt gar keine ernsthafte Drohung vor, sondern allenfalls eine auf die etwas schwierigen innenpolitischen Verhältnisse berechnete Geste, um den "Aufregungen an der inneren Front" zu begegnen. Und was die Mittel angeht, da gilt weiterhin:

"Aus der einst so glorreichen Roten Armee ist das geworden, was Militärs einen 'Sauhaufen' nennen." (ein Experte aus dem Bonner Institut für strategische Studien) "Wer den IWF um neue Kredite bittet, kann nicht die säbelrasselnde Großmacht markieren. Den Bruch mit dem Westen kann sich Moskau schlicht nicht leisten." (NZZ, 10.4.)

Solche beschwichtigenden Einschätzungen entstammen weniger einer neuerlichen kritischen Untersuchung der russischen Verhältnisse als den Sprachregelungen der NATO-Offiziellen: Sie geben deren Tenor wieder. Die Regierungen der kriegführenden Nationen machen mit betont gelassenen Stellungnahmen deutlich, daß sie sich durch den russischen Interventionsversuch nicht irritieren lassen. Dabei ist es keineswegs so, daß sie sich der kompletten Ohnmacht Rußlands sicher wären. Sie setzen darauf, daß die kaputtreformierte Macht, durchaus in gerechter Einschätzung ihrer mittlerweile herbeiregierten und -gewirtschafteten Schwäche, vor allem aber aus dem Interesse heraus, den "Weg der Reformen" weiterzugehen und deswegen mit den Herren des Weltkredits nicht zu brechen, nicht willens ist, gegen die NATO-Aktion ernsthaft Gewaltmittel einzusetzen. Dieser Wille wird auch sofort ausgelotet, um ihn zu bekräftigen: Man läßt die Kontakte nicht abreißen. Die Deutschen übernehmen den Part, Moskau die Wertschätzung des gesamten Westens zu versichern, sofern es sich nur in die hergestellte Lage richtig einsortiert, und ihm seine Wichtigkeit, ja Unentbehrlichkeit als europäischer Ordnungsfaktor zu bescheinigen - ohne mit der darin enthaltenen Klarstellung Anstoß zu erregen, wer wem in Europa mittlerweile eine "Funktion" zuerkennt. Der bayrische Ministerpräsident Stoiber persönlich stellt sich um dieser guten Sache willen der verhaßten rotgrünen Bundesregierung als Emissär zur Verfügung und verbindet den Besuch im Fußballstadion in Kiew mit einem Zwischenstopp in Moskau. Solche verbindlichen Gesten sind freilich auch nötig. Schließlich fügt der Westen gerade der Politik der Ausbremsung des Kreml in Europa und in der UNO eine weltöffentliche Blamage seiner starken Worte hinzu: Man ist demonstrativ unbeeindruckt und gibt damit allen naßforschen Einschätzungen praktisch recht, die Moskaus Warnung gleich als "Theaterdonner" abgebucht haben.

Und aus Moskau kommt prompt die Bestätigung. Jelzin dementiert: Nein, eine atomare Drohung liegt nicht vor, auch keine Absicht, mit Waffenlieferungen zu intervenieren. Ein entsprechender Duma-Antrag wird von Jelzin kategorisch zurückgewiesen. Statt dessen - so wird präzisiert - handelt es sich um eine nachdrückliche Warnung, im Falle einer NATO-Bodenoffensive könnte man sich, gegen den eigenen Willen, schließlich doch zum Eingreifen genötigt sehen - also, im Klartext: jetzt noch nicht; dann, wenn die NATO zur Besetzung Serbiens übergeht, wenn es also nach allen Regeln diplomatischer Erpressung und Kriegführung für ein erfolgreiches Eingreifen längst zu spät ist, dann vielleicht aber schon. Vor allem aber, das sagt der erste Mann im Kreml glatt öffentlich, sei sein Auftritt der innenpolitischen Drohung geschuldet, sich "entweder gegen die Nato zu stellen oder ein Amtsenthebungsverfahren zu riskieren". All diesen Verlautbarungen ist unschwer das vorrangige Interesse zu entnehmen, einen Kampf um weltpolitische Berücksichtigung um jeden Preis zu vermeiden. Denn so sehr Moskau sich angegriffen sieht: Vor die Notwendigkeit, bewaffnet Widerstand gegen das Vorgehen der NATO zu leisten, will es sich nicht gestellt finden. Ob sich die Befehlshaber der Nation zu den "militärischen Abenteuern", in die sie sich auf keinen Fall "hineinziehen lassen" wollen, schon gar nicht mehr in der Lage sehen - außer zu dem absurdesten aller "Abenteuer", einer ernstlichen "atomaren Abschreckung" -, kann dahingestellt und den Befehlshabern selbst überlassen bleiben. Die Regierung jedenfalls stellt Kalkulationen an, in die das Bewußtsein eigener Schwäche ebenso eingeht wie die Entschlossenheit, an einer politischen Linie festzuhalten, mit der sie Rußland in eine Defensive hineinbugsiert hat, aus der es in diesem Rahmen wirklich keinen Ausweg gibt. Ein reformfreundliches Massenblatt bringt diesen Standpunkt der Hilflosigkeit auf den Punkt:

"Wie können wir denen gegenüber mit dem Säbel rasseln, von denen wir erwarten, daß sie - was für uns lebenswichtig ist - die Schulden abschreiben?" (Argumenty i Fakty, 14.4.)

Eine schöne Friedensdividende für Rußland: Kriegsdrohungen unterbleiben wegen unbezahlbarer Schuldendienstverpflichtungen; den Gläubiger verärgert man nicht mit bewaffneter Gegnerschaft... So läuft die theatralische Drohung auf ein schon ziemlich verzweifeltes Gesuch hinaus: Der Westen möge der russischen Staatsführung die Zwangslage ersparen, offen eingestehen zu müssen, daß sie mit ihrer Grundentscheidung für die Rolle des entgegenkommenden Juniorpartners der westlichen Weltmacht und des folgsamen Schuldnerstaats die Preisgabe jedes machtvollen weltpolitischen Einflusses bis hin zu ihrer südosteuropäischen "Haustür" eingeleitet und längst bis zu dem Punkt getrieben hat, wo sie für die Geltung ihrer vitalen Interessen mit eigenen Mitteln gar nicht mehr einstehen kann - jedenfalls nicht, ohne gleich auch noch die Rest-Existenz Rußlands als politisches und ökonomisches Sorgeobjekt der kapitalistischen Weltmächte aufs Spiel zu setzen. Rußland kassiert eine Niederlage im Ringen um seine Rolle als europäische und Welt-Friedensmacht und beantragt mit seinen zurückgenommenen Kriegsdrohungen die Konzession, diese Niederlage nicht auch noch anerkennen und quittieren zu müssen, vielmehr pro forma noch im Spiel bleiben zu dürfen. Es gesteht damit ein, daß russische Einflußnahme nur noch genau so weit reicht, wie der Westen sie duldet. Weltpolitisch hängt Rußland davon ab, "welche Rolle die verbliebene Weltmacht USA ihm noch zugestehen will", wie es ein Kommentator bündig formuliert.

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Die angesprochene Weltmacht sieht das genauso und will erstmal und einerseits überhaupt nichts zugestehen. Öffentlich erklären die Amerikaner, daß die Russen auf dem Balkan "bestenfalls nutzlos" sind. Die erbetene Konzession wird versagt, die Warnung aus dem Kreml übergangen. Statt dessen übermittelt die amerikanische Seite vorsorglich einer russischen Regierung, die sich schon durch die Rekrutierung von einigen tausend Freiwilligen für die serbische Seite, veranstaltet durch die Schirinowski-Partei, in ihrem bekundeten Verständigungswillen kompromittiert wähnt, die Gegenwarnung, "daß jeder Versuch, in militärisch signifikanter Weise zu intervenieren, sehr ernste Konsequenzen haben könnte", also als feindliche Einmischung in eine ausschließlich der NATO zustehende Interessensphäre angesehen und entsprechend geahndet würde. Offensiv und erpresserisch stellen die USA selber einen Zusammenhang her zwischen den Versuchen der russischen Regierung, an ihre niedergewalzten Einflußinteressen zu erinnern, und den hoffnungslosen Abhängigkeiten, in die dieselbe Regierung sich mit ihrer Unterwerfung unter die politische Ökonomie des Kredits verwickelt hat:

"Selbstverständlich würde eine russische Hilfe für Belgrad die öffentliche Unterstützung des Westens für Kredite an Rußland untergraben." (IHT, 13.4.)

Mitten in einem Krieg wird Rußland ganz offen als ein Staat ge- und behandelt, der sich politisch, als eigenständige Macht, mit ein paar finanzpolitischen Notwendigkeiten kleinkriegen läßt. Wie zur weltöffentlichen Vorführung dieses neuen Kräfteverhältnisses trumpft auch noch ausgerechnet der Ex-Verbündete und frischgetaufte NATO-Winzling Ungarn gegen den übermächtigen Patron von einst auf und statuiert ein Exempel an einem bescheidenen zivilen Hilfskonvoi für die Kriegsopfer auf serbischer Seite, mit dem Rußland seine Sympathien für Belgrad auf eine dermaßen symbolische Art bekundet, daß er einer glatten Absage an wirkliche und wirksame Hilfe für Jugoslawien gleichkommt: Die Lastwagen werden an der ungarischen Grenze drei Tage lang aufgehalten, weil, so die Begründung, einige gepanzerte Fahrzeuge sowie Tanklaster den Embargobestimmungen der UN zuwiderliefen; erst nach langwierigen Verhandlungen und ohne die monierten Fahrzeuge wird der Konvoi schließlich durchgelassen. Freiheiten gegenüber der UNO sowie Hilfe für Kriegsopfer - was eben, man sieht es an dem Fall, nie eine bloß humanitäre Tat ist, sondern immer ein Bekenntnis einschließt, auf welcher Seite man überhaupt Opfer und welche man mehr als Täter wahrnimmt -, das hat alleinige Domäne der NATO-Alliierten zu bleiben, die in Albanien und Mazedonien für die humanitären Bedürfnisse der dortigen Kriegsopfer den Aufmarsch ihrer Soldaten ganz passend finden. Rußland muß sich deshalb vom neuen NATO-Mitglied Ungarn ein wenig schikanieren lassen - und läßt seine Empörung nicht an der NATO, sondern am ungarischen Außenminister aus; er wird ausgeladen.

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Es bleibt also dabei: Der Krieg der NATO wird planmäßig weitergeführt, und von dem Programm, dadurch Rußland aus der Verantwortung für die weitere "Entwicklung" auf dem Balkan auszumischen, werden keine Abstriche gemacht. Gerade im Sinne dieses Programms ist es andererseits jedoch erforderlich, sich auf die russische Regierung in ihren vom Westen bereiteten Drangsalen einzulassen. Wenn man Rußland als eigenständigen welt- und europapolitischen "Faktor" eliminieren und perspektivisch zum freien Betätigungsfeld westlicher Interessen herrichten will, dann darf man es weder sich selbst überlassen noch mit seinen Wortmeldungen einfach ignorieren - man muß es Zug um Zug auf den ihm zugedachten Status festlegen. Das schließt die Notwendigkeit ein, sich darum zu kümmern, daß die Zuständigen in Moskau der verheerenden Staatsräson, die sie ihrem riesigen "Reich" verpaßt haben, durch alle Niederlagen hindurch unverwüstlich treu bleiben, Alternativen weder probieren noch zulassen und nicht selber durch eine Alternative, nämlich irgendwelche unhandlichen "Retter Rußlands" ersetzt werden. Unter diesem komplexen Gesichtspunkt kommen die NATO-Mächte nicht umhin, das Moskauer Gesuch um Rücksichtnahme doch ernst zu nehmen.

Denn das ist ja nicht zu übersehen, daß das gewaltsame Vorgehen der NATO in Jugoslawien das Land in Aufruhr versetzt. Zwar nicht in den einer spontanen Mobilmachung für gewaltsame Gegenmanöver, geschweige denn für den "Weltkrieg", vor dem Jelzin meint warnen zu müssen. Die Regierung sucht aber doch unterhalb dieser "Schwelle" nach Mitteln und Wegen, ihren Warnungen an den Westen Nachdruck zu verleihen. Und je aussichtsloser die Lage, in die sie sich durch die Rücksichtslosigkeit der NATO gebracht sieht, um so heftiger gerät der innenpolitische Streit um den richtigen nationalen Weg. Die Duma regt sich auf, stellt andererseits um der nationalen Geschlossenheit willen ihre Hochverrats-Anklage gegen den Präsidenten zurück, findet aber wiederum Gefallen an dem diplomatischen Vorstoß Belgrads, seiner Isolierung zu entkommen und mit Rußland und Weißrußland einen slawischen Dreibund aufzumachen; so manifestiert sich immerhin der oppositionelle Standpunkt, daß eine slawisch-patriotische Alternative dringend geboten sei. In gleichem Geist reisen orthodoxe Betbrüder zum Osterfest nach Belgrad. Dagegen wiederum, das kann in der weitläufigen Föderation gar nicht ausbleiben, formiert sich einiger abweichender Sub-Nationalismus: Gegen die "slawische Bruderhilfe" steht auf einmal die "moslemische Solidarität", mit den von Serbien unterdrückten Kosovo-Albanern nämlich. So treten all die Gegensätze verschärft und zugespitzt hervor, die sowieso schon am russischen Überrest der einstigen Sowjetunion zerren und den Staat zerreißen.

Für den Westen ist das alles kein Grund, sein Vorgehen zu überdenken oder gar zu mäßigen, wohl aber Veranlassung, sich um die Berechenbarkeit der russischen Politik Sorgen zu machen; genauer: um die Erhaltung der Macht der Reformer, auf deren Berechnungen bisher noch immer Verlaß war, aber auch um deren berechenbare Grundsatztreue. Deshalb wird den Russen dann doch eine Konzession gewährt: Initiativen werden gestartet, die nach allgemeiner Auskunft dem Ziel dienen sollen, "die Russen wieder ins Boot zu holen", nachdem man sie gründlich ausgebootet hat. Nach drei Wochen Krieg, und nachdem sie alle diplomatischen Bemühungen Moskaus nachhaltig torpediert haben, erklären sich die NATO-Oberen, allen voran die notorischen deutschen Anhänger des Dogmas, "daß ohne die Russen nichts geht" (Schröder, Fischer, Stoiber), bereit, ein "gemeinsames Dach" für eine "tragfähige politische Lösung" zu suchen, in die Rußland "einbezogen" werden soll. Zwei Tage nach Jelzins öffentlichem Auftritt rufen so ziemlich sämtliche NATO-Chefs in Moskau an, Bonn schickt einen Staatssekretär zur "Vorbereitung eines G-8-Treffens" nach Rußland, der OSZE-Vorsitzende trifft den russischen Außenminister, NATO-Außenminister und EU-Sondergipfel verkünden die frohe Botschaft: "Rußland soll bei der Suche nach diplomatischen Auswegen mithelfen." (US-Außenministerin Albright, NZZ, 13.4.)

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Mit seinem neuen Angebot an Rußland, "wieder mitzumachen", will der Westen so verstanden sein, daß er Moskau die Bereitschaft abhandeln muß, aber auch will, einer "internationalen Regelung" zuzustimmen, sich an einer Friedenstruppe fürs Kosovo zu beteiligen und auf einem G8-Treffen die Modalitäten zu vereinbaren - so als hätten ausgerechnet die Russen ein herzliches Einvernehmen der Kontaktgruppe gekündigt, und als hätten sie nicht genau das von Beginn an vergeblich verlangt, was jetzt ihnen abverlangt wird. Freilich: genau dasselbe ist es nicht. Die westliche Diplomatie tut zwar so, als ginge es ihr darum, daß Rußland überhaupt "wieder mitmacht"; tatsächlich drängt der Westen aber darauf, daß es sich bereitfindet, zu den Konditionen und im Sinne der NATO mitzutun. Was als Perspektiven einer "tragfähigen internationalen Lösung" ins Spiel gebracht wird, ist nur die Neuauflage dessen, was Rußland schon in Rambouillet abgelehnt hat; eine Variante geht über die Rambouillet-Vorlage sogar noch hinaus, nach der Belgrad mehrere Tausend Mann jugoslawischer Polizei und Grenztruppen im Kosovo konzediert werden sollten:

"Serbien müßte sich praktisch darauf einlassen, daß das Kosovo durch eine schwach bewaffnete internationale Friedenstruppe faktisch verwaltet wird, während sich dort kein einziger bewaffneter Serbe mehr befände und zwanzigtausend Nato-Soldaten um das Kosovo herum in Albanien und Mazedonien stationiert wären." (FAZ, 13.4.)

Selbst die FAZ merkt an, daß Milsoevic diesen Vorschlag, den der deutsche Staatssekretär den Russen unterbreitet, schwerlich akzeptieren könne. Das braucht er aber auch gar nicht, weil die mit Rußlands Beteiligung anvisierte Lösung "nicht unbedingt die Form einer Übereinkunft mit Belgrad annehmen müsse. Vielmehr könnte der UNO-Sicherheitsrat den Rahmen fixieren" (der französische Verteidigungsminister Richard laut NZZ, 17.4). Wäre das erst einmal erreicht, dann könnten die Russen noch viel weiter gehende nützliche Dienste leisten:

"Ein russischer Emissär hätte dem Serbenführer vor allem klarzumachen, daß die Nato nicht klein beigeben wird",

weiß die FAZ schon am 7.4.. Angeboten wird Moskau dafür die Beteiligung an einer Truppe, bei der es nach den Worten des NATO-Generalsekretärs

"nicht auf die Bezeichnung ankomme... Tatsache sei, daß die Nato-Länder in jedem Fall das Rückgrat dieser Truppe stellen würden." (NZZ, 13.4.)

Das ist also der Kern der neuen Initiative 'Wir holen die Russen zurück ins Boot!': Moskau soll im Voraus die 'Lösung' absegnen, die die NATO Jugoslawien aufoktroyieren will; es soll damit rückwirkend auch die NATO-Luftangriffe ins Recht und sich mit seinem Widerstand dagegen ins Unrecht setzen - "das moralisch legitime Eingreifen der Nato-Allianz wenigstens nachträglich völkerrechtlich klar sanktionieren" (NZZ, 17.4.), heißt das. Und es soll sich eine solche Berücksichtigung seiner Größe dadurch verdienen, daß es dem Mann in Belgrad klarmacht, daß er auf russische Unterstützung nicht rechnen kann. Mit seinen "besonderen Beziehungen" darf es Milosevic die Kapitulationsforderung verdolmetschen und ihn zur Unterwerfung unter die neu formulierten Kapitulationsbedingungen bewegen, in denen für Rußland garantiert keine mitbestimmende Rolle vorgesehen ist. Dazu sind die 'bestenfalls nutzlosen' Russen herzlich eingeladen; dafür müssen sie aber auch ihre "Verweigerungshaltung" und "Blockade des Sicherheitsrats" aufgeben und beweisen, "daß sie mehr können, als protestierend im Abseits zu stehen", in das der Westen sie manövriert hat. So wären sie dann "berechenbar": fest eingebunden als Helfershelfer bei der Durchsetzung eines NATO-Kriegsergebnisses, das ihre Bedeutungslosigkeit für die "Ordnung auf dem Balkan" besiegelt.

Diesen wunderbaren Friedens- und Einbeziehungsplan muß man den Russen in der Tat erst einmal "schmackhaft machen" - und dafür wird einiges getan. Für den guten Zweck, sich der Dienste Moskaus bei seiner weltpolitischen Marginalisierung zu versichern, überwindet sich Amerikas Eiserne Lady und trifft sich in Oslo mit ihrem russischen Kollegen; das ist schon sehr viel Entgegenkommen. Die Sache ist Washington darüberhinaus - so hört man - die Zustimmung zu dem ausgehandelten 4,8-Milliarden-Dollar-Kredit des IWF zur Bedienung der russischen IWF-Schulden wert; "Schmiergeld" sagt der ARD-Korrespondent dazu. Außerdem wird für diesen Fortschritt zum Frieden auch die UNO wieder ins Spiel gebracht, ohne daß Washington von seiner Überzeugung abrückt, daß mit "neunzehn demokratisch legitimierten Regierungen gegen zwei Veto-Mächte" eigentlich die Sache erledigt ist. Der Generalsekretär wird in Europa herumgereicht. Der hat sich inzwischen nämlich die NATO-Lesart vom serbischen "Massenmörder" und "ethnischen Säuberer" zueigen gemacht und die diplomatisch zubereiteten NATO-Forderungen in einen eigenen "Friedensplan der internationalen Gemeinschaft" umgeschrieben, welcher prompt ein anerkennendes Nicken der NATO-Chefs findet. Damit hat sich Kofi Annan nach seinen anfänglichen Beschwerden über die NATO also doch noch als möglicher Vollzugsgehilfe für das Ergebnis, das der Westen herbeibombt, qualifiziert, wird zum EU-Gipfeltreffen eingeladen und darf die Russen eindringlich zu konstruktiver Mitarbeit auffordern. Damit niemand und schon gar nicht Milosevic soviel westliches Entgegenkommen mißversteht und weil es schließlich weiterhin darum geht, Serbien zu zerlegen, beschließt die NATO zeitgleich demonstrativ die Veranderthalbfachung ihres Geräts für den Luftkrieg; US-Präsident Clinton kündigt entsprechende Schritte sowie die Mobilisierung von 30.000 Reservisten an.

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Gleichwohl ist das Angebot an die russische Adresse keine Zumutung, sondern eine einmalige Chance für einen, der ohnehin nichts mehr zu sagen hat - finden die Beobachter:

"In dem Moment, da Moskau als Machtfaktor erstmals offen mißachtet wurde, da seine Sicht der Dinge keine Rolle mehr zu spielen scheint, bietet sich die Chance, eine einzigartige Rolle zu spielen ... als glaubwürdiger Unterhändler in Belgrad." (FAZ, 8.4.)

Und die Russen zeigen sich an der Absurdität eines diplomatischen Angebots, das ihnen die Rolle des Dolmetschers der westlichen Kapitulationsforderung an Milosevic anträgt, wahrhaftig brennend interessiert. In ihrem unerschütterlichen Bestreben, die kriegführende Allianz dazu zu bewegen, sich mit ihnen doch irgendwie diplomatisch ins Benehmen zu setzen, entdecken sie darin nämlich eine Chance, aus der Verlegenheit gegenüber der Kriegsentschlossenheit der NATO herauszukommen und sich endlich wieder ins Spiel zu bringen. In ihrem Willen, einer Konfrontation aus dem Wege zu gehen, versteigen sie sich dabei zu einer ziemlich verwegenen Sicht der Lage: Nicht sie sind von der NATO blamiert worden, die NATO hat sich in die peinliche Lage manövriert, ihre Ohnmacht eingestehen zu müssen:

"Der Widerstand Milosevics hat alle Karten durcheinandergebracht. Daraus ergibt sich die Schlußfolgerung, daß die Nato sich in eine Sackgasse verrannt hat." (Sergej Karaganow, Vorsitzender des russischen Rates für Außen- und Verteidigungspolitik, Argumenty i Fakty, 14.4.) "Die Nato hat verstanden, daß sie einen gravierenden Fehler gemacht hat... Aber sie weiß nicht, wie sie das gegenüber der Öffentlichkeit zugeben soll." (derselbe, HB, 16.4.)

Also wird Rußland gebraucht, um der NATO aus der Verlegenheit zu helfen und für sie einen Kompromiß auszuhandeln:

"Jetzt hängt es von Rußland ab, ob die Nato aus dem Krieg herauskommen wird, ohne das Gesicht zu verlieren. Über inoffizielle Kanäle geben die Mitgliedsländer der Allianz Moskau schon zu verstehen, daß sie auf Moskau als Mittler bei der Beendigung der Schlachten hoffen." (derselbe, Argumenty i Fakty, 14.4.) "Wir bieten die Formel an, bei der weder die Nato noch die USA ihr Gesicht verlieren." (Moskaus Bürgermeister Luschkow, Der Spiegel, 19.4.)

So stellen sich Rußlands Politiker auf die Ohnmacht ein, die sie erfahren: Sie konstatieren ein Verhandlungsinteresse der anderen Seite, das es gar nicht gibt, und bieten sich als ehrliche Makler an, als ob ausgerechnet daran Bedarf wäre. Um sich für diese Rolle zu qualifizieren, deuten sie schon einmal an, daß sie in Wirklichkeit ganz und gar nicht den Standpunkt von den "serbischen Brüdern und Schwestern" vertreten, sondern Vergehen Milosevics kennen, die eine internationale Aufsicht erfordern; allerdings eine solche mit serbischer Zustimmung bzw. - viel wichtiger - mit gebührender russischer Beteiligung. Pech nur, daß das westliche Militärbündnis der entschiedenen Auffassung ist, daß seine Glaubwürdigkeit mit der Kapitulation Milosevics und einem eindeutigen NATO-Kommando steht und fällt. Dem soll sich Rußland anschließen und sonst nichts.

Das teilt US-Außenministerin Albright ihrem russischen Kollegen Iwanow bei ihrem Treffen am 13.4. in Oslo mit. Und darüber wird man sich dann doch nicht einig, obwohl Rußland "im Prinzip bereit ist, einem Großteil der amerikanischen Vorschläge zuzustimmen. 'Aber wir können doch nicht erklären, daß wir einfach den Plan der Nato annehmen.'" (Iwanow laut FAZ, 15.4.) Die Russen "bewegen" sich, aber immer noch nicht so weit, daß eine "internationale Lösung" in Sicht wäre. Weil Moskau sich immer noch sträubt, sich zum Vollzugsorgan der NATO machen zu lassen, gibt es vorläufig auch keine Basis für ein G8-Treffen.

Zuende sind die "Bemühungen" damit allerdings nicht. Die westliche Allianz signalisiert ihr fortbestehendes lebhaftes Interesse, den Krieg mit einer Diplomatie zu verknüpfen, die auf die laufende Überprüfung hinausläuft, wie Rußland sich mit den westlichen Fortschritten abfindet. Moskau seinerseits gibt es zu denken, daß es für die NATO offensichtlich nichts zu verhandeln, aber auf dem Kriegsschauplatz dafür um so mehr zu erledigen gibt: Vielleicht hat man sich selber wirklich noch nicht genug bewegt?! Westliche Beobachter können wohlwollend feststellen, daß "Rußlands Scharfmacher milde" werden (SZ, 15.4.) und der Kreml die westliche Unerbittlichkeit mit neuen Annäherungsbemühungen quittiert. Jelzin präsentiert in bewährter Manier einen neuen Mann: Er entzieht Iwanow, der sich in den Augen des Westens und damit auch des Kremlchefs als "Vermittler" disqualifiziert hat, die Verantwortung für die Angelegenheit und beauftragt Tschernomyrdin als Sonderbevollmächtigten mit der Suche nach "unorthodoxen Lösungen" - einen Mann, so heißt es erwartungsvoll im Westen, "der sich breiter internationaler Anerkennung" erfreut. Als Zeichen des guten Willens sagt Jelzin die angekündigte Flottenverlegung in die Adria ab und verspricht, für Bewegung beim starrköpfigen Serben zu sorgen:

"Wir können Milosevic nicht fallen lassen, wir wollen ihn enger an uns drücken" (FAZ, 20.4.),

und zwar dadurch, daß man ihn jetzt auch öffentlich kritisiert und zu mehr Entgegenkommen gegenüber der "Internationalen Gemeinschaft" auffordert. Er soll Rußland die unbefristete Fortsetzung der Blamage ersparen, daß allen russischen Einwänden zum Trotz die Kriegführung der NATO ungerührt voranschreitet. Und wenn er genauso "stur" bleibt wie die NATO, dann soll seine am Ende ja doch unabwendbare Niederlage nicht gleich auch noch eine komplette Niederlage Rußlands bedeuten. Deswegen legt der Kreml-Präsident beim "enger an uns drücken" viel Wert auf demonstrative Distanz: Alle Initiativen für eine russisch-weißrussisch-südslawische Dreier-Allianz werden zurückgewiesen; entsprechende Anträge und Beschlüsse verschwinden erst einmal wieder in der Versenkung.. Der Russe "bewegt" sich also weiter. Auf Linie ist er zwar noch nicht. Aber mit seinen vergeblichen Bemühungen, sich als nobel-unparteiischer "Vermittler" wieder ins Spiel zu bringen, bleibt Rußland eingebunden in ein Programm, das seine Einflußnahme auf Europas Geschicke gründlich zusammenbombt - kein geringer Ertrag der westlichen Kriegsdiplomatie.

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Die jugoslawische Regierung ihrerseits stellt sich mittlerweile darauf ein, daß sie von der russischen Regierung mit ihren diplomatischen Manövern nichts für sich Konstruktives und schon gar keinen materiellen Rückhalt zu erwarten hat, sondern allein gegen die NATO steht. Unmittelbar nach ihrem rechtgläubigen Osterfrieden kehrt sie daher zu ihrer strategischen Linie zurück, ihre Herrschaft über das Kosovo gegen den Westen zu verteidigen, indem sie die angeblich längst besiegte UCK mitsamt ihren menschlichen Ressourcen eliminiert, die als abtrünniges bis feindliches Volk klassifizierte Bevölkerung aus dem Land treibt und Armeestellungen gegen potentielle Invasionsversuche ausbaut. So können die demokratischen Kriegsberichterstatter vom Entsetzen über die grauenhafte Stille an den Grenzübergängen zum Kosovo wieder auf Empörung über die erneut Vertriebenen und das überhandnehmende Flüchtlingselend umschalten. Weil außerdem im Zuge der jugoslawischen Grenzsicherung auch Schießereien an der albanischen Grenze mit UCK-Freischärlern stattfinden, ergibt sich die Gelegenheit zu Schlagzeilen, die die Fortschritte der NATO-Planung passend begleiten: "Serben dringen in Nordalbanien ein - Westen spricht von 'beachtlicher Eskalation'". Das schreit ja regelrecht nach angemessener "Implementierung"...

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Auch sonst stellen sich Deutschlands Demokraten auf den Krieg als neue Sorte Normalzustand ein: "Der Abnützungskrieg kann dauern." (Außenminister Fischer) Die Rufer nach einer schnellen Erledigung der nationalen Siegespflicht müssen sich also noch etwas gedulden. Daß uns die täglichen "schrecklichen Bilder" noch für einige Zeit nicht erspart bleiben, das hat natürlich der Mann in Belgrad zu verantworten, liegt aber auch daran, daß Demokraten, wie man mittlerweile ja nun weiß, kein Blut sehen können: "Wenn Demokratien so skrupellos vorgehen könnten, wie Milosevic, wäre der Krieg schnell zu beenden." (Staatsminister Verheugen) An welche Mittel mag der Mann wohl denken, noch über den täglich eskalierten, allenfalls vom schlechten Aprilwetter getrübten Bombenterror hinaus? Auf jeden Fall ist klar: Die bisherige Steigerung der Bombardements ist nach wie vor eine einzige, aus demokratischer Skrupelhaftigkeit gebotene, aber zunehmend schweren Herzens geübte "Selbstbeschränkung" - sie kann also gar nicht schnell und entschieden genug weiter vorangehen.

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In dem Zusammenhang paßt es wie bestellt: Der großen Regierungspartei steht zum 12. April eine große Prüfung ins Haus. Ihre kriegspolitische Reifeprüfung nämlich: Sie hat - nach dem Rücktritt ihres Vorsitzenden Lafontaine, der mit dem westlichen Bombenwerfen noch gar nichts zu tun hatte - den mittlerweile zum ersten deutschen NATO-Kampagnen-Kanzler herangewachsenen Schröder zu ihrem neuen Chef zu machen. Und das mit einem anständigen Ergebnis, weil sich daran nun nicht mehr bloß das Maß an Vertrauen so ganz im allgemeinen entscheidet, das die deutsche Sozialdemokratie in ihren erfolgreichen Wahlkämpfer setzt, sondern ganz speziell ihre Bereitschaft, die kriegsentwöhnte Nation endlich wieder an das blutrünstige Ideal eines gerechten Militäreinsatzes gegen jedes beliebige "Reich des Bösen" heranzuführen - also ihre Regierungsfähigkeit in schwerer Zeit. Dementsprechend darf die Frage nach der richtig wahrgenommenen nationalen Verantwortung der SPD noch ein Mal die Gemüter erregen, um dann gefälligst korrekt beantwortet zu werden. Andernfalls drohen nämlich "große Schwierigkeiten", wie der Kanzler, guter demokratischer Sitte folgend, Partei und Öffentlichkeit vorweg verkündet.

Das Ergebnis steht damit fest. Um so größer ist die Spannung: Wie wird die Partei die Herausforderung bewältigen, sich für einen Kriegskurs auszusprechen, den sie längst beschlossen hat? Sie macht es sich nicht leicht. Die Erinnnerung wird wachgerufen an die alte Pazifismus-Debatte zwischen der von Kanzler Schmidt damals so apostrophierten bloßen "Gesinnungsehtik", die "Gewalt" als unverantwortliches Mittel der Politik ablehnt, und der von dem seinerzeit regierenden Popper-Jünger reklamierten "Verantwortungsethik", die ein Ja zur NATO-Abschreckung mit Atomraketen gebot. Die Fronten haben mittlerweile gewechselt. Der Altbundeskanzler gehört jetzt zu den Bedenkenträger und erinnert die Genossen im Vorfeld des Parteitages glatt daran, daß Krieg nicht um humanitäre Anliegen und "Mitleid" geführt wird, sondern um nationale Herrschaftsinteressen; und da vermag er die rechte deutsche Berechnung nicht zu erkennen:

"Es ist ein Fehler, einer Supermacht zu folgen, die meint, es sei in ihrem Interesse, auf aller Welt den Frieden zu erhalten, in Bagdad und in Belgrad." (SZ, 3.4.)

Auf dem Parteitag selbst kommt Schmidts einstiger gesinnungsethischer Widerpart, Erhard Eppler, mit einer "historischen Rede" zu Wort, in der von nationalen Interessen überhaupt keine Rede ist - außer in Gestalt einer einzigen, alles überragenden Pflicht: der zum Krieg. In dankenswerter Klarheit teilt Eppler mit, was nach seiner Auffassung damals so entschieden gegen die Aufstellung von NATO-Raketen sprach und was heute genauso entschieden den Einsatz von NATO-Missiles und -Fliegern gebietet: die deutsche Verantwortung, die sich mit den Kräfteverhältnissen wandelt.

"Damals standen zwei atomar ausgerüstete Weltmächte einander gegenüber, die sich gegenseitig vielfach auslöschen konnten. Krieg bedeutete für Mitteleuropa Tod, und Frieden bedeutete Leben."

Deutschland drohte zum Opfer einer kriegerischen Konfrontation zu werden, die andere, mächtigere Nationen auf seinem Rücken auszutragen gedachten - für verantwortliche Deutsche vom Schlage Epplers ein einziges Weltuntergangsszenario. Heute dagegen ist die eine Weltmacht nicht mehr da und die andere nicht zu fürchten, weil Deutschland nicht mehr Kriegsschauplatz, also Betroffener ist, sondern mächtiger Mitveranstalter, und Krieg "bedeutet Tod" nur noch in ausgewählten Landstrichen Südosteuropas. Unter solchen Voraussetzungen sieht alles anders aus:

"Im nächsten Jahrhundert wird sich die Frage stellen, ob es gelingt, daß jeder und jede, der oder die das Recht des Stärkeren in Anspruch nimmt - ob das ein Vergewaltiger, ein Raubmörder oder ein Diktator ist -, irgendwann erfahren muß, daß es noch Stärkere gibt." (Eppler, SZ, 14.4.)

Mit der Eskalationsskala von "Gewaltverbrechen" bekennt sich der Mann umstandslos dazu, daß sich die Moral politischen Handelns aus überlegener Gewalt speist: Weltmacht gebietet Aufsicht über alle politischen Umtriebe, die schwach genug sind, um von den Allerstärksten wirksam als 'verbrecherisch' eingestuft zu werden. Der "Wortführer der Friedensbewegung" hat seinen Frieden mit der NATO so gründlich geschlossen, daß er ihren Anspruch auf ein Weltgewaltmonopol in eine säkulare sittliche Pflicht der Weltgemeinschaft zum Zuschlagen übersetzt und Zweifel, ob Cruise Missiles wirklich als Abwehrwaffe gegen ethnische Massenvergewaltiger erfunden worden sind und jemals eingesetzt werden, sich von selbst verbieten. Sicher, wenn man ihn fragen würde, hätte er diese globale Strafverfolgungs-Idylle "am liebsten natürlich durch ein Gewaltmonopol der UN" sichergestellt. Weil und solange es das aber nicht gibt, muß eben die NATO stellvertretend beweisen, daß "Milosevic das Recht des Stärkeren" zu Unrecht "für sich in Anspruch genommen" hat. Beifall. Es folgt die Wahl Schröders zum Parteivorsitzenden; mit einem "ehrlichen" Ergebnis, weil es schließlich, wie jeder bemerkt, gerade jetzt um Führung geht. Der "Kriegskanzler" - nach Auskunft der demokratischen Öffentlichkeit inzwischen eher ein Lob - zeigt sich zufrieden mit sich und seiner Partei, die es schafft, tatsächlich "ohne jede Spur von Hurra-Patriotismus" unerbittlich für den kollektiven westlichen Bombenkrieg gegen Jugoslawien zu sein.

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Drei Tage später demonstrieren die verantwortlichen deutschen Demokraten im Bundestag auch überparteilich Geschlossenheit gegen falsche Friedensfreunde. PDS-Mann Gysi hat den Verbrecher in Belgrad besucht - Pfui! Abgrundtief ist die allgemeine Empörung über diesen Versuch einer alternativen deutschen Außenpolitik:

"Sie müssen langsam aufpassen, daß Sie nicht von der fünften Kolonne Moskaus zur fünften Kolonne Belgrads werden." (Schröder) "Weißwäscher für eine neue Politik des Faschismus" (Fischer).

Wie schon die SED, so vergeht sich die PDS heute schon wieder an den höchsten Werten der Nation und steht auf der Seite ihrer Feinde - ab "nach drüben", nach Belgrad, fällt da den "Alt-68ern" ein, die so etwas Ähnliches seinerzeit selber zu hören bekommen haben. Und was das Schlimmste ist - da kennen sich Politprofis aus -: Die PDS treibt ihr böses Spiel nur aus niedersten demokratischen Beweggründen, nämlich um Wähler zu locken. Wenn sie gegen den Krieg ist, ist sie gar nicht gegen Krieg; sondern für das Böseste, was gerade PDSler sich vorstellen können: Faschismus; und ihre Nörgelei an unseren guten Bomben ist purer "Zweckpazifismus". So drückt man also heute unter rotgrünen Demokraten die alte, ewig junge staatstragende Erkenntnis aus: Kriegsgegner sind Staatsfeinde aus Berechnung. - Manches geht eben auch ohne Hitler.

Mitte April: Diplomatische Vorstöße aus Deutschland, Antworten made in USA

Fischer-Plan, Clinton-Realität und ein Haufen von Kollateralschäden


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