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GEGENSTANDPUNKT 1-16
Politische Vierteljahreszeitschrift

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Leserbrief
Schaffen die Arbeiter den ganzen Reichtum?

Liebe Genoss*innen!

Ich hätte zwei Fragen:

1. Laut Marx schaffen ja die Arbeiter den Reichtum. Doch mein Bekanntenkreis will das nicht so recht wahrhaben. Sie argumentieren, ohne Chef würde doch die Produktion gar nicht stattfinden. Ohne Unternehmer gäbe es auch keinen Reichtum. Wie viel Anteil hat der Unternehmer am Reichtum; kommt das auf die Größe des Unternehmens an, z.B. je kleiner das Unternehmen, desto mehr Anteil hat der Chef am Reichtum usw.

2. Wer sind denn die eigentlichen Arbeitgeber? Üblicherweise sind das ja die Unternehmer – so sagt man. Ich behaupte, dass die Arbeiter die wahren Arbeitgeber sind, denn sie geben doch dem Chef ihre Arbeit und der Chef ist der Arbeitnehmer, weil er ja den Arbeitern die Arbeit abnimmt.

Können Sie bitte meine Fragen bzw. Behauptungen beantworten bzw. bestätigen.

Vielen Dank!

Antwort

Arbeiter erzeugen jene Güter, aus denen der materielle Reichtum einer Gesellschaft besteht – das ist ein eher banales Faktum; um das zu registrieren, braucht man auch keinen Blick in die „Kritik der politischen Ökonomie“ von Marx zu werfen: Arbeiter produzieren in der Autofabrik die diversen Modelle; dazu benutzen sie Maschinen, Fließbänder, Vorprodukte, die von anderen Arbeitern hergestellt wurden; sie werken in Gebäuden, die von ihresgleichen hochgezogen wurden; der Transport und dessen Mittel sind schon wieder das Resultat von Arbeit; und so weiter und so fort, quer durch alle Branchen – kurz: Die Arbeit, die Konsumtions- und Produktionsmittel herstellt, wird von den Leuten erledigt, die sie erledigen.

Nichtsdestotrotz hat auch dein Bekanntenkreis nicht unrecht. Im Kapitalismus gibt es ohne den Unternehmer (den „Chef“), der die Arbeiter kommandiert, keine Produktion und keinen Reichtum. Das liegt daran, dass Arbeiter in diesem System über nichts von all dem, was es braucht, um nützliches Zeug herzustellen, selber verfügen. Weil alle sachlichen Elemente und Voraussetzungen der Produktion – Fabriken, Maschinen, Rohstoffe usw. – den Leuten gehören, die gern als „die Wirtschaft“ bezeichnet werden, haben die Werktätigen nichts zu melden bei den Entscheidungen darüber, was und wieviel mit welchen Mitteln produziert werden soll, und schon gar nicht, wie der Arbeitsaufwand organisiert und von wem erledigt wird. Die Eigentümer der materiellen Mittel sind die Subjekte, die all das entscheiden. Als Privateigentümer bestimmen sie darüber, wie gesellschaftlich produziert wird. Sie definieren vermöge ihrer exklusiven Verfügung über die Mittel der gesellschaftlichen Produktion den Zweck der Arbeit und wie sie deswegen stattfindet gemäß ihrem Interesse. Und das zielt, das ist ja kein Geheimnis, nicht darauf, die Gesellschaft mit nützlichen Gütern zu versorgen; Unternehmer lassen arbeiten, weil und solange es sich für sie lohnt – also damit das Geld, das sie in Produktionsmittel und Arbeiter investieren, durch die Arbeit letzterer vermehrt wird. Dafür sind die Arbeiter das Mittel. Vom Standpunkt des Unternehmerinteresses, einen wachsenden Geldüberschuss zu erzielen, sind die Ausgaben für die Arbeitskräfte Kosten und als solche genauso knapp zu kalkulieren wie diejenigen für Material und Maschinen, alles unter dem Imperativ, mit möglichst wenig bezahlter Arbeit einen möglichst großen Haufen verkaufbaren Zeugs zu produzieren. Mit ihren Auslagen für Lohn kaufen sich Unternehmer das Recht, über die Arbeitskraft derer, die sie gegen Bezahlung anstellen, im Sinne dieser Rechnung zu disponieren. Insofern ist auch entschieden, welchen „Anteil der Unternehmer am Reichtum“ hat: Ihm gehört nämlich die ganze Arbeit, die im Betrieb unter seinem Kommando geleistet wird, und damit auch das gesamte Ergebnis der Produktion: dessen Geldertrag, auf den alles ankommt.

Das Unternehmerinteresse, für die eigene Eigentumsvermehrung arbeiten zu lassen, wird gern gelobt, weil denen, die Arbeit zum Geldverdienen brauchen, die Gelegenheit geboten wird, zu arbeiten, ihnen somit „Arbeit gegeben“ wird, die es – so ja auch deine Bekannten – ohne dieses Interesse nicht gäbe. Die von dir registrierte Verkehrung von „Arbeitgeber“ und „Arbeitnehmer“ passt also ganz gut zur totalen Abhängigkeit der Arbeiter. Weil Arbeiter von sich aus nicht, also nur im Dienst eines Unternehmens tätig werden können und dafür bezahlt werden, wird die Eigentumsmacht des Kapitalisten, sein Kommando über die Arbeit in einen Dienst an den Arbeitskräften und deren profitable Anwendung in ein Gemeinschaftswerk von Unternehmer und Belegschaft verdreht. Nur dann kann sich die Frage stellen und kann man endlos darüber streiten, was jede Seite – Unternehmer und Arbeitermannschaft – einbringt, ihr also gerechterweise vom gemeinsamen Ergebnis zusteht. Eine gemeinschaftliche Erzeugung von gesellschaftlichem Reichtum mit unterschiedlichen Beiträgen und ungerecht verteilten Erträgen liegt beim kapitalistischen Ausbeutungsverhältnis aber nicht vor. So wenig das Lob der ‚Arbeitgeber‘ die Sache trifft, so wenig passt daher deine Umdrehung von ‚Arbeit geben‘ und ‚nehmen‘: Der Chef nimmt seinen Beschäftigten nicht Arbeitsergebnisse weg, die ‚eigentlich‘ ihnen gehören würden. Wie gesagt: Wenn sie tätig werden, wozu sie selbst mangels sachlicher Mittel nicht in der Lage sind, dann ist ihre ganze produktive Tätigkeit von vornherein Eigentum ihrer Anwender. Der hat ja dafür gezahlt, dass sie ihr Arbeitsvermögen ihm zur Anwendung überlassen. Damit erledigen sich alle Verteilungsdebatten.

Noch zwei Lesetipps: Erstens „Arbeit und Reichtum“, erschienen im GegenStandpunkt-Verlag, vor allem Punkt 1: „Der Zweck der Arbeit in der Marktwirtschaft: Geld. Vom Arbeiten-Müssen und Arbeiten-Lassen“. Abschnitte daraus unter www.gegenstandpunkt.com/gs/2012/3/gs20123085.html

Zweitens: Marx vertritt nicht die Auffassung, dass die Arbeiter den ganzen Reichtum schaffen würden, er hat sie vielmehr erstens als falsch und zweitens als Rechtfertigungsargument der damaligen Sozialdemokratie im Verteilungsstreit mit den Kapitalisten kritisiert. Siehe: „Kritik des Gothaer Programms“, Marx-Engels-Werke, Bd. 19, S. 15 ff.

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