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GEGENSTANDPUNKT 1-11
Politische Vierteljahreszeitschrift

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Leserbrief

Sind die marxistischen Kritiker der Moral
nicht selbst die größten Moralisten?

„Eine Frage, die mich interessiert und mich wiederholt zum Nachdenken angeregt hat, habe ich in Bezug auf den Gebrauch und Inhalt des Begriffs Altruismus an euch.

Ich höre mit Interesse Audioaufzeichnungen des Gegenstandpunkt, da sie mir manchmal zugänglicher sind als die Schriftform. Dabei behandelte u.a. Peter Decker diesen Begriff und kam u.a. zu dem Schluß, daß er – ich sag’s jetzt mit meinen Worten – in gewissem Sinne falsch weil moralisch motiviert sei, also letztlich doch untauglich als Denk- und Handlungsinstrument für das Zusammenleben in der Gemeinschaft.

Nun stelle ich mir aber die Frage, inwiefern letztlich nicht auch das Halten von Vorträgen im richtigen (guten) Sinne, das Ergebnis einer altruistischen Haltung ist. Wenn ich also z.B. sage, „Arbeiter werden ausgebeutet“, was stört mich dann eigentlich daran, wenn ich selber keiner bin? Ich meine, es ist doch schon auffällig, daß gerade diejenigen, von denen und über die dauernd gesprochen wird, ihre Lage oft ganz anders sehen. Die leiden also gar nicht unbedingt, nur weil ich meine, daß sie das in ihrer Situation tun würden.

Ist also das Anliegen, Leute (schriftlich oder mündlich) über ihre Situation aufzuklären, wie es um sie steht, nämlich daß sie von anderen zwecks deren Bereicherung benutzt werden, etc. – ist dieses Anliegen selber nicht auch altruistisch motiviert, also von einer sehr abstrakten Menschenliebe oder -zuneigung angetrieben, der Bekümmernis um das Wohl abstrakter anderer?

Die Frage ist mir wichtig, da mir der GegenStandpunkt an dieser Stelle prinzipiell mit seinem Anliegen in sich auch widersprüchlich erscheint.“

Antwort der Redaktion

Du hast Zweifel an moralischen Werten; altruistisch motivierte Menschenliebe kommt dir „sehr abstrakt“ vor und birgt – so dein Verdacht gegen uns – die Gefahr der Bevormundung. Du fragst, ob Altruismus als „Denk- und Handlungsinstrument für das Zusammenleben in der Gemeinschaft“ taugt, und findest bei uns dazu keine klare Auskunft, sondern einen Widerspruch zwischen Theorie und Praxis. Allerdings missverstehst du schon mit dieser Frage unsere Kritik an der Moral.

Wir sind nicht auf der Suche nach Maximen guten Handelns, wollen nicht festlegen, wie sich die Menschen benehmen sollten oder müssten, um besser zusammenzuleben, wir denken uns keine Benimmregeln für den neuen, nicht kapitalistischen Menschen aus, sondern analysieren, wie in dieser Gesellschaft wirklich gedacht und gehandelt wird. Unsere Kritik am Altruismus besagt auch nicht, dass er nichts taugt für die Konstruktion einer neuen Gesellschaft, sondern dass er sehr viel taugt, ja unverzichtbar ist für die Welt der kapitalistischen Ausbeutung. Moral ist die affirmative Stellung zu den Interessengegensätzen dieser Gesellschaft, geradezu die Alternative zu ihrer Kritik.

1.

Der kategorische Imperativ der Moral lautet: Denke bei deinem Tun nicht (nur) an dich, sondern immer (auch) an die anderen. Das Gebot wäre sinnlos, ginge es nicht von einem Gegensatz der Interessen aus: Wenn ich mein Wohl verfolge, dann gehe ich über das Wohl anderer hinweg, beschädige oder verunmögliche es gar; wenn ich hingegen das Wohl anderer zu meiner Sache mache, bleibt das meine mehr oder weniger auf der Strecke. Dieser Gegensatz ist kein zufälliges Nicht-Zusammen-Passen von Interessen, wie es die Staatsbürgerkunde mit menschlich-allzumenschlichen Beispielen beschwört nach dem Muster: Der eine will laute Musik hören, der Nachbar schätzt seine Ruhe. Er ist aber auch nicht notwendig aufgrund einer an und für sich unverträglichen menschlichen Bedürfnisstruktur. Allgegenwärtig und notwendig ist er nur in der Gesellschaft des Privateigentums. Du übernimmst selbst die Formulierung, dass Lohnarbeiter, die nichts besitzen als sich selbst, von Leuten, die die Produktionsmittel besitzen, „zwecks deren Bereicherung benutzt werden“. Sie müssen die Vermögen der Reichen vermehren, ihnen mehr Geld einspielen als sie an Lohn kosten, um sich den notwendigen Lebensunterhalt erarbeiten zu dürfen. Alles andere ist in diesem System „unwirtschaftlich“ und „unrentabel“ und wird unterbunden. Ihre ökonomische Rolle füllen die Lohnarbeiter umso besser aus, je mehr sie in einer Stunde schaffen und je geringer der Lohn ist, den sie dafür erhalten. Sie schlechter zu bezahlen, macht sie rentabler für ihre Arbeitgeber. Wenn die das für die Rentabilität ihres Kapitals Nötige tun, liegt kein unethisches Fehlverhalten vor. Arbeitskräfte so zu benutzen, ist erstens das gute Recht des Kapitaleigners und sogar notwendig, um vorhandenes Kapitalvermögen zu erhalten. Zweitens ist nach der Seite der ethischen Einstellung gar kein Unterschied zu sehen zwischen dem Kapitalisten und seinen Dienstkräften: Auch sie willigen in den Arbeitsvertrag nur wegen privater Geldinteressen ein und suchen ihren Vorteil im gegensätzlichen Benutzungsverhältnis. Der Unterschied liegt nicht in den moralischen Maximen, sondern ganz und gar in den ökonomischen Mitteln, über die die Vertragspartner verfügen, wenn sie ihre Konkurrenzinteressen verfolgen.

Diese Konkurrenz ist als Prinzip des gesellschaftlichen Verkehrs nicht zu haben und hätte keinen Bestand, wenn sie nicht um die Mäßigung der Gegensätze und Grenzen der wechselseitigen Schädigung ergänzt würde. Dafür, dass die kapitalistischen Privatinteressen einander ertragen und ihr Antagonismus nicht den ganzen Laden zerstört, sorgt der Staat mit seinem Gewaltmonopol: Er, der die Bürger erst auf die Verfolgung von Privatinteressen festlegt und zu ihrem Gegeneinander ermächtigt, zieht ihnen auch die Grenzen – nicht nach Maßgabe dessen, dass niemand zu Schaden kommt, sondern genau so, wie er es für die Erhaltung und für die Produktivität der kapitalistischen Ordnung für nötig hält. Mit der rechtlichen Ermächtigung und Begrenzung der Interessen ist die kapitalistische Organisation der Gesellschaft fertig: Es steht fest, dass der selbstverständliche Materialismus des Menschen, sein Bemühen um Nutzen, Bedürfnisbefriedigung und Bequemlichkeit, gar keinen anderen Weg gehen kann als den des Privatinteresses, das andere Privatinteressen bestreitet und durchkreuzt.

Die Regierten lassen sich auf private Geldinteressen festlegen. Sie machen sie zu ihrer Sache, weil ihnen eben erlaubt ist, in dieser Form ihren Materialismus zu betätigen. Und sie akzeptieren die Grenzen, die das Recht ihren Interessen setzt, denn nur unter dieser Bedingung dürfen sie ihren Vorteil suchen. Sie gehorchen dem Recht nicht nur, weil Verstöße mit Gewalt geahndet werden, sondern weil sie einsehen, dass ihre Freiheit aufhört, wo die Freiheit anderer beginnt, und ihr Eigennutz beschränkt werden muss, damit er verfolgt werden kann. So versubjektivieren sie die Quintessenzen des Rechts zu Tugenden, denen sie sich verpflichtet wissen, wenn sie um ihren Vorteil konkurrieren. Als moralische Individuen gehorchen die bravsten Leute, die sich allem unterordnen, nur noch sich selbst, und werfen sich umgekehrt zu Aufpassern und Sittenwächtern über ihre nähere und fernere Umwelt auf: Dürfen die anderen auch, was sie tun? Ordnen sie sich dem gebotenen Anstand und den guten Sitten ebenso unter wie sie selbst? Da gibt es viel zu beurteilen, denn moralische Individuen haben Alternativen bei der Ausgestaltung ihrer sozialen Rollen: Einer kann alle rechtlichen Möglichkeiten der Bereicherung bis an die Grenze und darüber hinaus ausschöpfen; ein konsensorientierter Mitbürger hingegen sieht zu, fremde Interessen nicht mehr zu beschädigen als unbedingt nötig und macht Abstriche am Durchsetzbaren, wenn er es sich leisten kann. Nach und neben ihrem Gelderwerb helfen sozial denkende Zeitgenossen bisweilen den im Konkurrenzkampf gescheiterten Mitmenschen und opfern dafür Zeit und Geld. In dieser Gesellschaft ist noch das normalste menschliche Mitgefühl keine Selbstverständlichkeit: Mitgefühl kostet! Die rücksichtsvoller oder rücksichtsloser praktizierte Einheit von Anstand und Erfolgsstreben ist selbstverständlich keine Absage an die und schon gar keine Beseitigung der objektiven kapitalistischen Interessengegensätze, sie ist vielmehr die Art und Weise, wie diese Gegensätze von freien, selbstbewussten Individuen betätigt werden und dadurch den gesellschaftlichen Zusammenhang bestimmen.

 Die Moral stellt dieses Verhältnis auf den Kopf: Weil sie die rechtlichen Schranken in ihre Überzeugungen aufgenommen haben, folgen die freien Bürger in ihrem gesellschaftlichen Verkehr nichts als ihrem moralischen Kompass bei ihrer jeweiligen Abwägung zwischen der Berechtigung eigener und fremder Ansprüche. Sie dementieren, dass sie bloß die Sachzwänge ihrer kapitalistischen Erwerbsquellen nachvollziehen und legen deren Gegensätze ihrer widersprüchlichen Menschennatur zur Last. Sie tun so, als würde eigensüchtiges Verhalten der lieben Mitmenschen die Gegensätze erst in die Welt bringen, bzw. verantwortungsvolles Benehmen, wenn es nur praktiziert würde, die Interessengegensätze gar nicht erst aufkommen lassen. Stets kommt es ihnen auf den Einzelnen und seine Moral an; in allen Gesellschaften und Schichten, so ihre Weisheit, gebe es „Solche und Solche“. Dabei verraten doch schon die moralischen Gebote der Selbstbeschränkung und Rücksicht bei der Verfolgung der Interessen, dass deren feindliche Natur vorausgesetzt ist und auch nicht beseitigt werden soll. Das moralische Ideal verheißt eben nur, dass die Interessen in all ihrer Gegensätzlichkeit miteinander bestehen könnten, wenn sich die Leute zurücknehmen würden.

Die Demonstration eigener Bescheidenheit und die Verpflichtung anderer auf dieselbe ist freilich kein Verzicht aufs Interesse, sondern die moralisch gebotene Art, es zu verfolgen und Gegensätze auszutragen. Einer fordert vom anderen Anstand, Rücksicht, Solidarität, die sich unter zivilisierten Menschen gehörten – und das nur, weil dessen Interesse zurückstehen soll, damit das eigene besser zum Zuge kommt. Umgekehrt pocht einer darauf, dass er bei seinen Aktionen immer schon an die Betroffenen gedacht und die nötige Rücksicht eingeplant hat, um auf diese Weise freie Bahn für sein Interesse einzuklagen: Niemand kann dagegen berechtigte Einwände erheben. Einerseits beanspruchen moralische Menschen, dass sie sich den Zügeln, die das Recht ihnen anlegt, aus Einsicht anbequemen und sie über ihre Interessen stellen. Andererseits setzen sie ihre Bereitschaft zum Verzicht auf die rücksichtslosen Durchsetzung eigener Interessen als Mittel der Durchsetzung dieser Interessen ein. In dem Widerspruch sortieren sie parteiisch: Sich selbst halten sie zugute, aus Überzeugung Rücksicht zu nehmen, und bei anderen durchschauen sie dasselbe als Heuchelei. So ist das Bewusstsein der Rechtschaffenheit nicht Hemmung bei der gegenseitigen Schädigung, sondern das gute Gewissen, mit dem sie betrieben wird: Die Mitglieder dieser Gesellschaft dürfen, was sie tun, und sie tun niemandem Unrecht, wenn sie ihren Vorteil suchen – sofern sie ihre Aktionen vor sich und anderen im Licht moralischer Grundsätze rechtfertigen, d.h. „verantworten“ können. Und das kann jeder. Dazu braucht es nur die billig zu habende Versicherung, die Prüfung des eigenen Zwecks an hohen Prinzipien nicht vergessen zu haben. Der Unternehmer zum Beispiel, der Arbeitskräfte entlässt, um seine Lohnkosten zu senken und seine Gewinnspanne zu vergrößern, vergisst nicht, all das mit seiner Verantwortung für die Leute zu begründen, die von ihm abhängen: Hätte er nicht die Kosten in den Griff und die Konkurrenzfähigkeit seines Ladens nicht auf Vordermann gebracht, stünden noch mehr Arbeitsplätze auf dem Spiel. Er „müsse“ – leider – einigen Leuten den Erwerb streichen, um anderen die Erwerbsquelle zu retten. Wie dieser Unternehmer verantworten alle, was sie tun. Ärzte, Politiker und einfache Arbeiter pflegen ein gediegenes Bewusstsein davon, was sie für andere und die Allgemeinheit leisten, und dass sie deshalb ein Recht auf das haben, was sie im Konkurrenzkampf herauszuholen vermögen.

Von Egoismus und Altruismus war noch gar nicht die Rede, denn diese „-ismen“ sind keine Elemente der gelebten Moral, sondern ideologische Konstrukte, die das moralische Urteilen und Verurteilen sich schafft: Es schätzt Personen und ihr Tun ein, indem es sie auf eine von zwei entgegengesetzte Grundorientierungen zurückführt: Denkt er nur an sich oder kümmert er sich um das Wohl anderer? Die Frage reißt auseinander, was in der moralischen Wirklichkeit stets in Kombination auftritt, weil Moral eben nicht das Gegenteil von Interesse und nicht jenseits von ihm, sondern eine dessentwegen akzeptierte Unterordnung unter die Gebote des Staates ist. Die Entscheidungsfrage, ob irgendwo Egoismus oder Altruismus vorliegt, verkennt beide Seiten des widersprüchlichen kapitalistischen Privatmaterialismus.

Isoliert sind die radikalisierten Alternativen moralischer Haltung nur noch in sich unsinnige Abstraktionen: Im Vorwurf des Egoismus legen bürgerliche Menschen anderen zur Last, nur ihr Interesse im Auge zu haben und nicht auch dessen Hemmung, die es erst zu einem gesellschaftlich akzeptablen Interesse machen würde. Ungehemmt aber sei Interesse, egal welchen Inhalts, asoziale Selbstsucht. Nicht was einer will (und gegen andere durchsetzt), sondern dass einer etwas für sich will und nicht gleich auch noch dessen Negation, soll Sünde sein: Materialismus an und für sich wird da als böse verurteilt. Zugleich wissen die Kritiker des Egoismus, dass sie selbst natürlich ihre Interessen realisieren wollen – und nicht deren Hemmung. Sie leisten sich aber die Auffassung, dass sie darauf verzichten müssten, wenn sie wahrhaft gut sein wollten.

Altruismus, das positive Gegenideal, erklärt Selbstlosigkeit, Verzicht, Opfer zu Attributen des vollendeten Menschen. Auch in einer altruistischen Welt wäre das Wohl wichtig, absonderlicherweise aber nie das eigene, stets das fremde. So sicher moralische Idealisten wissen, dass sie auf Egoismus nicht verzichten können, so sicher wissen sie, dass sie Altruismus nicht leben können. Die Ausnahmemenschen, die damit ernstzumachen scheinen – Urwaldärzte und Ordensschwestern: „Dienen will ich, nicht verdienen!“ – werden wegen ihrer Weltfremdheit belächelt oder gleich verdächtigt, einer ganz ungewöhnlichen Form der Selbstsucht zu frönen. Wo immer Altruismus als wirklicher Handlungsgrund auftritt, erregt er Misstrauen.

In den moralischen Idealen legen sich bürgerliche Menschen, unkritisch gegen die systematischen Interessengegensätze ihrer Produktionsweise, eine Kritik des Menschen zurecht und entwickeln ein Bild des „guten Zusammenlebens“, von dem ihnen selbst klar ist, dass es nicht von dieser Welt ist und Ideal bleiben muss. Sie leisten sich das Bewusstsein, dass sie verkehrt leben, anders aber gar nicht leben können, weil sie selbst so verkehrt sind.

2.

Du selbst bist befangen im moralischen Denken und Urteilen, wenn du versuchst, dir Sinn und Recht von Handlungen zu erschließen, indem du sie auf egoistische oder altruistische Motive zurückführst. Anstatt den Inhalt unserer Reden und Schriften zu prüfen, betreibst du Motivforschung und meinst zu wissen, woran du bist, wenn du entscheiden kannst, ob bei uns guter Wille am Werk ist.

Unsere Kapitalismus-kritischen Bemühungen, bei denen ein privater Geldvorteil nicht zu sehen ist, erklärst du dir als Betätigung uneigennütziger Motive. Kaum jedoch festgestellt, dass nach deinen Koordinaten bei uns Altruismus vorliegt, zu dem wir uns aus unerfindlichen Gründen nur nicht bekennen, wird dir die Sache fragwürdig: Gibt es wirklichen Altruismus überhaupt? „Was stört mich an der Ausbeutung der Arbeiter, wenn ich selbst keiner bin?“ Wieso engagieren sich Leute, die gar nicht betroffen sind, für fremde Interessen? Spielen sie sich den Arbeitern gegenüber vielleicht als Aufklärer auf, reden ihnen eine Unzufriedenheit und ein Leiden ein, das die gar nicht haben? Der zum Altruisten geadelte Marxist mutiert da schnell zum selbsternannten Vormund, seine Diagnose zu einem womöglich unzulässigen Schluss vom eigenen Anspruchsniveau auf das, was andere vom Leben zu verlangen haben. Ja, wenn Lohnarbeiter die Ausbeutung kritisieren würden, hätten sie ein glaubwürdiges egoistisches Motiv; aber sie sehen ihre Lage ja nicht so. Die jedoch, die sie so sehen, sind gar nicht in dieser Lage, haben keinen eigenen, also eigentlich gar keinen Grund zur Kritik: Mit deiner Frage danach, wer Motiv, Grund und Recht hätte, Ausbeutung anzuprangern, bestreitest du geradezu ihre Objektivität.

Darüber verkennst Du auch unser Verhältnis zu den Ausgebeuteten. Da liegt keine altruistische Stellvertreterschaft, kein Mitleid und keine Sympathie für die Minderbemittelten vor. Wir kritisieren diese Leute. Vor allem reden wir ihnen keine Unzufriedenheit ein, die sie nicht haben, sondern kritisieren die moralischen Deutungen, die sie ihrer Unzufriedenheit geben: ihren Seufzer nach Gerechtigkeit, die die Mächtigen in Staat und Wirtschaft ihnen widerfahren lassen sollen, ihren Zorn über die Missmanager und Berufspolitiker, die ihren angeblich so segensreichen Job nicht beherrschen, ihren Stolz auf ihre proletarische Rechtschaffenheit und die Gewissheit, dass sie jedenfalls nichts falsch machen, wenn sie alles mit sich machen lassen.

Deine Zuschrift interessiert sich weniger für unsere Kritik am Kapitalismus, an seinen Mitmachern und seinen Sitten, als für die Motive, die uns zu ihr treiben. Die Trennung ist verkehrt, denn die Kritik enthält alles, was es braucht, um die Ablehnung dieser Wirtschaftsweise zu „motivieren“. Sie ist mit der dürren Quintessenz – „Ausbeutung der Arbeiter“ – freilich auch unzureichend zusammengefasst. Es ist nämlich nicht so, dass ein Teil der Bevölkerung für den Profit der Kapitaleigner ausgebeutet wird, während das Leben des anderen Teils davon unberührt bleibt und bestens ausfällt. Dem ökonomischen Zweck, aus Geld mehr Geld zu machen, ist der gesamte Lebensprozess der Gesellschaft unterworfen; und lohnabhängig sind ja auch nicht nur die einfachen Arbeiter. Wer es in der Hierarchie der Berufe als Angestellter oder Selbständiger weiterbringt, verdient sich die weniger aufreibende Tätigkeit und das höhere Einkommen mit lauter Funktionen für die Ausbeutung des gemeinen Arbeitsvolks. Sie bestehen unter anderem darin, es auf seine Rolle vorzubereiten (Lehrer), in ihr fit zu halten (Ärzte), es am Arbeitsplatz produktiv zu machen (Ingenieure), die Kosten, die es für die Firmen darstellt, zu kalkulieren und es mit Geld und Kommando zur Leistung zu zwingen (Betriebswirte), es in sozialen Institutionen zu verwalten (Beamte) und überhaupt zu beaufsichtigen (Justiz mit ihren Organen). Dem Ausbeutungsverhältnis kommt keiner aus – sei es als mitwirkender Täter oder als Opfer oder beides zugleich. Auch das Leben der Besserverdienenden wird vom Kampf ums Geld bestimmt; und die Kritik dieses Fetischs privater Verfügungsmacht über die Potenzen der Gesellschaft wird weder verkehrt noch überflüssig, nur weil mancher genug davon hat.

Betroffenheit von den kapitalistischen Verhältnissen ist also leicht zu haben. Nicht auf sie kommt es an, sondern darauf, was einer daraus macht. Und an das ist nur eine Forderung zu stellen: Die kritischen Auskünfte müssen stimmen.

In der Hinsicht hängt alles daran, ob einer, dem etwas stinkt, das Übel für theoretisch erledigt hält, wenn er es am Maßstab des moralisch Gebotenen missbilligt, und dazu noch meint, dass nicht sein müsste, was nicht sein sollte, wenn die Leute sich nur Mühe geben und ihren Egoismus zügeln würden. Appelle zur Mitmenschlichkeit und Forderungen, was sein sollte und nicht sein sollte, gibt es wie Sand am Meer; sie begleiten die kapitalistische Gesellschaft seit ihren Anfängen und leisten nur eines: Mit ihnen setzt sich der Kritiker selbst ins Recht. Er ist voll guter Absichten, die anderen verderben das Zusammenleben.

Marxistische Kritik beklagt nicht, dass die Welt nicht so ist, wie sie sein sollte, sondern sagt, warum sie ist, wie sie ist. Sie führt dieselben Übel, die alle beklagen, auf ihre Gründe zurück und legt ihre Notwendigkeit auf der Basis der Organisationsweise dieser Gesellschaft dar. Das nützt immerhin so viel, dass diejenigen, die sich an diesen Übeln stören, wissen, wogegen sie sich zu wenden haben und was es braucht, um sie abzustellen.

Dabei sind wir auf eines gestoßen: Den Kapitalismus mag manch einer loswerden wollen, nur die Lohnabhängigen können das dafür Nötige tun: Mit ihrer Arbeit tragen und reproduzieren sie fortwährend die ökonomische und politische Macht, die sie zum Dienst zwingt. Sie hätten nicht nur gute Gründe, sie haben auch die Mittel, den Laden umzustürzen, der uns nicht passt. Da hast du unseren Grund, warum wir „dauernd“ über die ökonomische Lage der Arbeiter und an sie hinreden.

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