GegenStandpunkt  |  Verlag  |  Zeitschrift  |  Index  |  Konspekt  

GEGENSTANDPUNKT 3-10
Politische Vierteljahreszeitschrift

  Verzeichnis der Nummern  |  Jahrgang 2010  |  Titelbild  |  Bibliographie  |  Inhaltsverzeichnis 3-10  

(Chronik 1)

Ein ‚bedingungsloses Grundeinkommen‘
gegen Armut und Arbeitslosigkeit:
Sorgen um den rechten Geist des Kapitalismus

Götz Werner ist schon ein außergewöhnlicher Mann: Der ‚Selfmade-Milliardär‘ hat sich als Kritiker eben der marktwirtschaftlichen Verhältnisse einen Namen gemacht, in denen er als Chef einer Drogeriemarktkette Milliarden gemacht hat. Werner belässt es freilich nicht bei Kritik. Er offeriert so etwas wie ein Patentrezept, wie man Armut und Arbeitslosigkeit loswird, ohne die Marktwirtschaft, deren Produkt sie sind, in Frage zu stellen. Von einem ‚bedingungslosen Grundeinkommen‘ für alle Bürger und dem Ersatz aller Steuern durch eine ‚Konsumsteuer‘ verspricht er sich die Behebung aller Übel und erwartet von ihnen sogar, das Land zu ganz neuen Ufern zu führen. Das macht ihn für die einen zum ‚Heilsbringer‘, für andere zum ‚Spinner‘. Die Öffentlichkeit wundert sich, dass dem „Wanderprediger“ in Zeiten, die nicht gerade für Kritik und Protest bekannt sind, eine „geradezu gläubige Begeisterung entgegenschlägt. Mehrere tausend Neugierige wallfahren zu seinen Vorträgen.“ (Der Spiegel)

Werners Blick aufs Wesentliche:
Die Missstände und die eigentlich paradiesischen Zustände

Werner, der regelmäßig unter den reichsten Unternehmern Deutschlands gelistet wird, wird gerne drastisch, wenn er Not und Elend am anderen Ende der sozialen Skala anklagt: So weist er etwa auf den Zynismus hin, dass immerzu die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit versprochen wird, diese aber in Begriffen wie ‚Sockelarbeitslosigkeit‘ oder ‚Bodensatzarbeitslosigkeit‘ längst als fester Bestand des Standorts abgehakt ist. Die armselige Existenz der Hartz-IV-Empfänger stuft er als „offenen Strafvollzug in gesellschaftlicher Isolation“ (Götz W. Werner, Einkommen für alle, Köln 2007, S. 10. Alle Zitate daraus) ein, der einem „Vegetieren näher ist als einem menschenwürdigen Leben“ (95). Dabei müsste all dies nicht sein! Unermüdlich weist er in seinen Vorträgen und Büchern darauf hin, dass es in Zeiten der großen Industrie für Armut jeder Art keine materiellen Gründe gibt. Mit immer weniger Aufwand kann immer mehr produziert werden, so dass für alle mehr als genug da ist: „Was in hochproduktiven Industriegesellschaften beinahe ständig wächst, ist der materielle Wohlstand. Und was unter normalen Umständen beinahe ständig schrumpft, ist das zu seiner Schaffung nötige Arbeitsvolumen.“ (26) Das macht ihn kritisch gegen eine Welt, in der es immer mehr Menschen am Nötigsten fehlt: „Trotz steigender Produktivität und Versorgungsfähigkeit nehmen Armut und soziale Ungleichheit zu. Die Folgen des technischen Fortschritts scheinen paradox.“ Wer wollte ihm da widersprechen?! Alles, was die Menschen brauchen, ist reichlich vorhanden. Die schöne weite Warenwelt existiert jedoch weitgehend getrennt von bestimmten Schichten. Und die Ersparnis an Arbeitsaufwand erspart den Arbeitern keineswegs Mühen; sie vergrößert lediglich die Zahl der Arbeits- und Einkommenslosen. Mit wachsender Produktivität und ‚steigender Versorgungsfähigkeit‘ nehmen deren Existenzängste daher zu: „Jubel über den Fortschritt“ geht verrückterweise einher mit „Entsetzen über den Arbeitsplatzabbau“ (71).

Welche Form von Armut Werner auch immer thematisiert, immerzu stößt er darauf, dass Geld zwischen den Waren und ihrem Konsum steht: „Fast alles ist prinzipiell für jeden verfügbar, wenngleich nicht unbedingt bezahlbar. Armut ist ein finanzielles, kein materielles Problem“ (30f). Es ist schon eine nicht geringe Leistung, angesichts dieser Einsicht nicht auf den Verdacht zu kommen, dass es in der marktwirtschaftlichen Art des Produzierens und Tauschens einen immanenten Grund für die Vorrangstellung des Geldes und seiner Vermehrung gegenüber den Gütern und ihrem Genuss – man kann auch sagen: für den Gegensatz zwischen Tauschwert und Gebrauchswert – geben könnte. Werner weigert sich jedoch kategorisch, so einen Gedanken auch nur in Erwägung zu ziehen. Diese Art geistiger Souveränität verdankt sich seiner Manier, die Welt gnadenlos im Modus des Eigentlichen zu reflektieren: „Ich behaupte, dass wir eigentlich längst in paradiesischen Zeiten leben und alle daran teilhaben könnten.“ (9) Mit dem kleinen Wörtchen ‚eigentlich‘ sowie die in seinen Gedankengängen allgegenwärtigen Synonyme wie ‚an sich‘, ‚im Prinzip‘, ‚in Wahrheit‘, ‚im Grunde‘ und dergleichen verlässt der forsche Gesellschaftskritiker seine mitunter erfrischende Bestandsaufnahme heutiger Zustände, um phantasiereich ein beglückendes, aber noch verborgenes Wesen des Kapitalismus zu ergründen. Damit ist der Gegenstand seiner aufklärerischen Aktivitäten gesetzt: Sie deuten die beklagten Erscheinungen als Abweichung vom eigentlich guten Wesen ‚unserer‘ Gesellschaft, um letzterem zum Durchbruch zu verhelfen.

Der kritische Befund: Das Bewusstsein passt nicht zum Sein.

Warum also leben wir in ‚paradiesischen Zeiten‘ und die wenigsten haben was davon? Soviel steht schon mal fest: Einen Grund in ‚unserem‘ Wirtschaftssystem kann es nicht geben, bringt dieses doch den paradiesischen Reichtum auf den Markt. Die Erkenntnis, dass Geld – ein zentrales Element eben dieses Wirtschafssystems – viele vom Zugang zur Warenwelt ausschließt, passt da nicht so recht ins Bild. Das motiviert Werner zu tiefer schürfenden Betrachtungen:

„Man wüsste dabei nur zu gerne, wo das Problem liegt. Wachsender Wohlstand mit immer weniger Arbeit – das sind doch in Wahrheit paradiesische Zustände! Der Sündenfall hat uns einst zur Arbeit verdammt. Mit der Industrialisierung haben wir nun endlich den Rückweg zum Hintereingang des Paradieses gefunden, doch immer noch glauben wir, wir müssten im Schweiße unseres Angesichts unser Brot verdienen. Die letzte Nachwirkung des Sündenfalls ist der Irrglaube, Einkommen könnte nur aus Erwerbsarbeit stammen.“ (26)

Dabei haben schon längst Maschinen einen Großteil der Arbeit übernommen. Welcher Rechnungsweise deren Einsatz, welchen Bedingungen die Arbeit an ihnen und welchen Eigentumsverhältnissen ihr Ausstoß unterliegt, ist für Werners menschheitsgeschichtlichen Entwurf nicht so wichtig. Er fasst Eigentümer von Produktionsmitteln, die eifersüchtig auf ihren privaten Vorteil bei der gesellschaftlichen Arbeitsteilung bestehen, staatliche Stellen, die dies bis ins kleinste Detail regeln und garantieren, sowie lohnabhängige Leute, die unter diesen Verhältnissen wenig zum leben und viel zu arbeiten haben, großzügig zum Kollektivsubjekt eines unterschiedslosen ‚Wir‘ zusammen. Dieses figuriert in seinem Weltbild als Urheber und – eigentlicher – Nutznießer der Industrialisierung. Dumm nur, dass ‚wir uns‘ lauter irrige Gedanken zu den Segnungen des Fortschritts machen und ohne Not vor den Genuss von Gütern die Mühen der Arbeit bzw. den Erwerb von Geld stellen. Die politökonomischen Verhältnisse des Privateigentums und seiner Vermehrung, die die meisten dazu zwingen, ihr Leben weitgehend dem Gelderwerb zu widmen und sich dabei für die Geldvermehrung der Unternehmen nützlich zu machen, sind damit als Resultat einer unpassenden Einstellung zu diesen Verhältnissen gedeutet: ‚Unser‘ aller verkehrtes Denken und Glauben pervertiert die ‚an sich‘ segensreichen Zustände. Damit landen Werners „systematische Gedankenschritte“ (152) dort, wo sie nach allen Regeln des kulturkritischen Moralisierens hingehören: beim Menschen. Während Werners Blick, sagen wir einmal: ‚konsequent‘, auf der schönen weiten Welt der Gebrauchswerte ruht, erscheint ihm die moderne Menschheit in ihrem manischen „Starren auf Geld“ (156) als mental verirrt: Statt auf die arbeitsteilig erbrachten Leistungen einer modernen Industriegesellschaft zu vertrauen, denken die Leute immer nur an sich und ihren Geldbeutel. Das hat schlimme Folgen: Mit ihrer „grenzenlosen Geldgier“ (153) bringen sie sich selbst um die Früchte der ‚Wohlstandsgesellschaft‘. Die ökonomische Misere schnurrt auf einen „fundamentalen Denkfehler“ (72) zusammen. Das Paradox, dass der reale Reichtum an Gütern dem abstrakten Reichtum in Geldform untergeordnet ist, vergeistigt sich zu einem Widerspruch zwischen Sein und Bewusstsein.

Wie aber konnte es zu diesem luftigen Widerspruch kommen? Woher stammt der verhängnisvolle ‚Irrglaube‘? Aus der Vergangenheit! Den Irrglauben gibt es, weil er sich schon vor langer Zeit eingebürgert hat. Werner erklärt ihn als ‚Nachwirkung‘ ferner Feudalzeiten, in denen Geld zwar noch keine oder keine große Rolle spielte, das Denken über Güter bzw. Geld jedoch so nachhaltig geprägt wurde, dass die Menschheit fürderhin mit dem Fortschritt in Richtung Arbeitsteilung mental nicht Schritt halten konnte. Das Hinterherhinken des Verstandes hinter der gesellschaftlichen Entwicklung – man fragt sich, welchem Verstand diese sich verdankt – verdankt der heutige Mensch seinem vorindustriellen Vorfahren, dem bäuerlichen ‚Selbstversorger‘, der – so imaginiert Werner diesen Idealtyp eines autarken Eigenbrötlers zumindest – mit der Faustregel: ‚denk daran, schaff Vorrat an‘ alles selbst und immer nur für sich selbst und nicht arbeitsteilig zum Nutzen aller produzierte und bis heute im Oberstübchen der modernen – zu eigenen Gedanken offenbar unfähigen – Menschheit herumgeistert. Die „Mentalität des Selbstversorgers“ (50) ist damit als Grund allen Übels ausgemacht: Sie passt nicht in die „totale Fremdversorgung“, auf die heute jeder „angewiesen“ ist und auf die jeder „fundamental vertrauen“ (177) muss. Diese längst etablierten Verhältnisse sieht die mental befangene Menschheit freilich durch einen „Geldschleier“ (166). Ein kollektiver Realitätsverlust ist zu konstatieren: „Der Überfluss ist Realität, aber diese Realität ist in unserem Bewusstsein noch nicht richtig angekommen. Wir halten den rein nominalen Wert des Geldes für etwas Reales. Entgegen der Warnung des Indianerhäuptlings Seattle von 1854 glauben wir irgendwie doch, dass man Geld essen kann.“ (43f) Mit dieser volkstümlichen Fassung des Geldfetischismus lastet Werner sein eigenes Nicht-Wahr-Haben-Wollen der rauen Funktionsweisen ‚unserer Gesellschaft‘ seinen im undurchdringlichen Gehäuse ihrer Selbstversorgermentalität einsitzenden Zeitgenossen als mentalen Defekt an. Die negativen Abziehbilder seines Idealismus geraten denn auch regelmäßig zur Karikatur eines falschen Bewusstseins: In ihrem „Onkel-Dagobert-Denken“ (165) merken die begriffsstutzigen Geldfresser noch nicht einmal, dass sie längst in der marktwirtschaftlichen ‚Wohlstandsgesellschaft‘ angekommen sind und geben zu ihrem eigenen Schaden immer noch den Feudalidioten. Davon will Werner sie erlösen.

Der optimistische Befund: Für eine allgemeine Wohlfahrt ist alles schon da

Wenn die beklagten Elendserscheinungen auf ein allgemeines Bewusstseinsproblem zurückgeführt sind, ist nebenbei ein genereller Befund über ihre Natur gewonnen: Alles nur Missstände, die auf Missverständnissen beruhen! Die marktwirtschaftlichen Instrumentarien und Funktionsweisen mitsamt den in ihnen institutionalisierten Profitinteressen der Kapitalbesitzer sind damit von jedem Verdacht freigesprochen, etwas mit der Armut bestimmter Schichten zu tun zu haben. „Aufgabe einer Volkswirtschaft ist es, die Menschen mit Gütern und Einkommen zu versorgen.“ (106) Genau dafür ist der Kapitalismus ‚eigentlich‘ da. Das Spintisieren in den Tiefen eines unmerklichen, aber wahren Wesens zeigt im Handumdrehen seine apologetischen Qualitäten: Nachdem durch Wegdenken des Kapitalistischen am Kapitalismus aus ihm eine prächtige Versorgungswirtschaft geworden ist, erfährt man, dass zu einer perfekten Versorgung eben die Institutionen und Instrumente, die unter der geistigen Herrschaft des ‚Geldschleiers‘ die Leute ins Elend stürzen, die genau richtigen sind. Mit dieser idealistischen Dialektik manövriert sich der Weltverbesserer in ein geradezu närrisches Paradox: Er macht sich für die Einrichtungen stark, deren zerstörerische Wirkung er beklagt. „Erst wenn radikal umgedacht wird, kann dasselbe Phänomen, das unser komplexes System derzeit zersetzt, in entgegengesetzter Richtung positive Kräfte freisetzen. Das Gute liegt durchaus nah.“ (193f) Wie schön: Alles kann bleiben, wie es ist. Außer beim Menschen und seinem ‚Denken‘.

So geht Werners Kritik der „Geldillusion“ (45) einher mit einem dicken Lob des Geldes. Die private Verfügungsmacht über den stofflichen Reichtum und die lebendige Arbeitskraft entfaltet demnach nur dann, wenn sie mit der falschen Mentalität bewirtschaftet wird, ihre verheerenden Wirkungen. Mit seiner eigentümlichen „analytischen Gründlichkeit“ fragt sich Werner demgegenüber: „Was ist eigentlich Geld?“ (152) Das alltägliche Geschehen, dass Geld den Tausch von Waren vermittelt, offenbart ihm, dass es „eigentlich nur ein nominales Zwischenäquivalent, eine Art Depot für spätere Gegenleistungen“ (215) ist. Das Geld, dem die zeitgenössischen Selbstversorgerklone unentwegt nachjagen, erscheint nach Werners Entschleierung als harmloses Mittel für die Zirkulation der Gebrauchswerte: „Nichts gegen Geld! Geld an sich ist ein höchst effektives Schmiermittel für die Erzeugung und den Austausch von Produkten und Dienstleistungen.“ (55) Diese funktionale Wesensbestimmung erlaubt es Werner, von der trivialen Tatsache abzusehen, dass im Tausch die gegensätzlichen Interessen des Verkäufers an hohen Gewinnen und entsprechenden Preisen und die des Käufers am kostengünstigen Erwerb eines Gebrauchswerts aufeinanderprallen. Ein Gegensatz, an dem unschwer erkennbar ist, dass der marktwirtschaftliche Tausch das Mittel der Vermehrung von Geld und nicht der Versorgung mit Gütern ist. Geld vermittelt eben nur unter der Voraussetzung ein Gut an einen Konsumenten, wenn es gleichzeitig den Gewinn eines Produzenten versilbert. Letzterer hat überhaupt nur einen Haufen Geld in die Produktion gesteckt, um daraus mehr Geld zu machen. Diese verbindliche Zweckbestimmung einer Investition macht aus einer Geldsumme Kapital und bezeichnet mit einem ‚…ismus‘ dahinter zu Recht die heutige Geldvermehrungswirtschaft. All dies ordnet Werner freilich den trüben Sphären der ‚Geldillusion‘ zu, um mit großer Kunstfertigkeit vorzuführen, wie ganz anders man diese Dinge sehen kann und soll.

Natürlich ist auch in Werners gebrauchswertfixierter Betrachtungsweise das alltägliche Phänomen, dass Geld bzw. Kapital zu seiner gewinnbringenden Verwertung da ist, nicht zu übersehen. Was ein gestandener Idealist ist, versteht sich jedoch darauf, die Verhältnisse denkerisch seiner guten Meinung über sie anzupassen: „Gewinn muss sein. Realwirtschaftlich gesehen ist er aber Mittel zum Zweck der Erfüllung der Aufgabe eines Unternehmens – das Angebot immer besserer und günstigerer Waren und Dienstleistungen für die Kunden – und nicht das Ziel unternehmerischer Tätigkeit.“ Gewinne dienen denen, die sie bezahlen! ‚Realwirtschaftlich gesehen‘ sind sie nämlich zur Reinvestition – nicht in eine erneute Gewinnerzielung, sondern – in eine immer billigere und bessere Versorgung da. Der „eigentliche Sinn von Rationalisierungen“ ist, den Menschen von „Arbeiten zu entlasten“ (71) – also das genaue Gegenteil dessen, wozu Produktivitätsfortschritte unter dem Kommando des Kapitals dienen: Verringerung der Lohnkosten durch Einsparung bezahlter Arbeitskräfte. Gewinne haben eben nur dann böse Wirkungen, wenn es wegen einer nimmersatten Gier bloß um sie geht. Ökonomischen Phänomenen gesteht Werner nie einen bestimmten, ihnen immanenten Zweck zu; dieser hängt in seiner Sicht der Dinge gänzlich von der – guten oder schlechten – Zwecksetzung der Subjekte ab. Das macht es ihm so kinderleicht, respektable Begriffsbestimmungen für die Grundelemente des Kapitalismus zu ersinnen.

Unter dem Gesichtspunkt, für welche menschenfreundlichen Anliegen das Kapital eigentlich gut sein könnte, kommt Werner auch hier zu einer bahnbrechend neuen Wertung: Es ist nur in geldverschleierten Gesellschaften auf seine stetige Selbstverwertung durch die Anwendung rentabler, mit hoher Leistung und geringen Kosten kalkulierter Arbeit festgelegt. Ein Sinnbild aus dem unverdorbenen Feld des Ackerbaus enthüllt demgegenüber das Eigentliche des Kapitals: „Im Grunde ist es so etwas Ähnliches wie Saatgut“, das „die Möglichkeiten, etwas für andere zu produzieren, bzw. zu leisten, erweitert“ (155f). ‚Realwirtschaftlich gesehen‘ ist es ja in der Tat so, dass ein Unternehmer im Unterschied zum Selbstversorger die Produkte seiner Firma nicht selbst konsumiert. Also – so Werners Kurzschluss daraus – wird er überhaupt nur im Interesse anderer tätig. Aus der exorbitanten Flughöhe solcher Abstraktionen erscheint das kapitalistische System der privaten Reichtumsvermehrung als idealkapitalistische Idylle eines „permanenten Prozesses des Füreinanderleistens“ (177). Kapitalismus als der Allgemeinheit dienendes „System zur Wohlstandsmehrung“ (162). Geldvermehrung und Güterversorgung sind damit miteinander versöhnt. Und als wollte er noch exemplarisch vorführen, wie irrwitzig ein Urteil über die Welt ausfallen kann, wenn sich das Urteilen aus moralischen Überzeugungen speist, macht er schließlich den Kapitalisten höchstselbst zum dienstfertigen Wohltäter seiner Kundschaft: „Ein Produzent ist nur dann ein guter Produzent, wenn er ein Altruist (sic!) ist: Je mehr sich ein Produzent an den Bedürfnissen seiner Kunden und je weniger er sich an seinen eigenen Bedürfnissen orientiert, desto erfolgreicher wird er sein.“ (50f) Ungereimtheiten stellen sich freilich ein, wenn sich unter den schönen Schein des Ideals Kriterien des kapitalistischen Realismus mischen: Der Unternehmer denkt hier selbstlos an seine selbstsüchtige Kundschaft, um selbst möglichst ‚erfolgreich‘ zu sein. Wobei sich dieser Erfolg selbstredend in den Renditeprozenten der üblichen Kapitalrechnung bemisst.

Werners Art, immerzu ‚den Menschen‘ und seine ‚einfachen Bedürfnisse‘ zur Referenz für seine Wesensbestimmungen zu machen, mag ja auf viele Menschen unmittelbar einleuchtend und wahnsinnig sympathisch wirken. Richtiger werden seine Sinnstiftungen dadurch nicht. Sie sind vielmehr leicht als landläufige Idealisierungen der kapitalistischen Prosa wiederzuerkennen, wie sie in der volkswirtschaftlichen Forschung und Lehre, in politischen Sonntagsreden und journalistischer Erwachsenenbildung fester Bestandteil des geistig-moralischen Überbaus sind. Versorgung und allgemeine Wohlfahrt gelten da als die wahren Zwecke des Kapitalismus. Die zivilisatorischen Leistungen der ‚Sozialen Marktwirtschaft‘ ermöglichen da – wenn alles mit rechten Dingen zuginge – ein materiell gesichertes Leben von der Wiege bis zur Bahre. Und die Konkurrenzgesellschaft als Ganzes erscheint als arbeitsteiliges Gemeinschaftswerk, in dem die Klassengegensätze längst in eine solidarische Sozialpartnerschaft überführt sind. Während kapitalistisch geerdete Bürger die bürgerliche Wirklichkeit und ihre beschönigende Überhöhung routinemäßig auseinanderhalten können, traut sich der gute Mann aus dem Drogeriegeschäft das himmelstürmende Unternehmen zu, diese Differenz im wirklichen Leben zu beseitigen. Er will die von ihm enthüllte eigentliche Wahrheit des Kapitalismus wirklich wahr werden lassen. Mit seinem – gemessen am hohen Zweck – erstaunlich simplen Rezept eines ‚bedingungslosen Grundeinkommens‘ und einer ‚Konsumsteuer‘ lässt er die Genialität des Weltverbesserers aufblitzen, der weiß, wie die Welt grundsätzlich zu verbessern ist, ohne Grundsätzliches an ihren ökonomischen und politischen Institutionen zu verändern. Die gedankliche Anpassung dieser Institutionen an seine Wunschvorstellungen in Form ihrer ‚eigentlichen‘ Zweckbestimmungen zahlt sich nun aus: Es müssen nur noch ‚der Mensch‘ und seine unterentwickelte Mentalität auf das hohe Niveau von Werners gesellschaftlichen Idealen gehoben werden.

Eine Vision für eine neue Arbeitsethik:
Das bedingungslose Grundeinkommen

Mit Leuten, die in oder außerhalb eines Arbeitsverhältnisses gänzlich mit ihrem Kampf ums Überleben beschäftigt sind, ist das nicht zu machen. Der moderne Zeitgenosse muss zunächst von den übelsten sozialen Drangsalen befreit und materiell zu Höherem befähigt werden. Mit der monatlichen Überweisung eines ‚bedingungslosen Grundeinkommens‘ von ungefähr 1.500,- an jedermann will Werner dem Paradies auf Erden Tür und Tor öffnen. Auch ohne Arbeitsplatz kann damit jeder seine Grundbedürfnisse befriedigen und als intakter Bürger am gesellschaftlichen und kulturellen Leben teilhaben. „Genug Geld“ ist ja da, es ist bloß „nicht gleichmäßig an alle verteilt“ (46). Dieser entspannte Umgang mit dem Allerheiligsten des Kapitalismus hat den ‚Querdenker‘ bekannt gemacht – und ihm barschen Widerspruch beschert: ‚Wer soll das bezahlen?‘, lautet allenthalben der entrüstete Einspruch, dem regelmäßig der Beweis folgt, dass das beim besten Willen ‚nicht geht‘: „Herr Werner, Sie sind verrückt.“ (Stern) Der Reichtum ist eben nicht für den ‚bedingungslosen‘ Massenkonsum da! Das Durchrechnen von Werners humanistisch motiviertem Geldsegen in harter Währung kann hier getrost fachkundigen Finanz- und Steuerspezialisten anheimgestellt bleiben. Werner selbst setzt sich jedenfalls locker über solche Rechenexempel hinweg. Er macht Ernst mit der Ideologie vom Geld als bloßem ‚Schmiermittel‘ des Warentausches: Weil „jedes Gut im Prinzip mit Geld hinterlegt ist“ (46), sieht er kein Problem darin, entsprechend viel „Geld zu drucken und an die Menschen zu verteilen“, um die Waren an den Verbraucher zu bringen. Auch Hinweise, dass dies den Wert bzw. die Kaufkraft des Geldes und damit so manche von ihm gerühmte Leistung des Kapitalismus untergräbt, kümmern Werner wenig. Seine bedingungslose Verteilung von Geldmitteln zielt auf Höheres. Und zwar auf die Überwindung des Grundübels unserer Zeit, der ‚Selbstversorgermentalität‘. Wenn sich etwas von Grund auf zum Guten wenden soll, müssen nun einmal die hinter dem ‚Geldschleier‘ herumirrenden Leute Werners Wissens um das ‚Eigentliche‘ des Kapitalismus teilhaftig werden. Das bedingungslose Grundeinkommen soll nicht nur jedermann mit dem Nötigsten versehen und Probleme wie Arbeitslosigkeit und deren Begleiterscheinungen wie Kriminalität und Aufsässigkeit obsolet machen, sondern auch den ‚Geldschleier‘ lüften, sprich: das Wesen des Geldes als bloßes Schmiermittel einer arbeitsteiligen Versorgung bewusst machen. Der ‚Geldillusion‘ geschuldete mentale Deformationen wären damit überwunden.

Das ist jedoch nur die halbe Miete. Wo eine Mentalität verschwindet, ist eine neue gefragt. Auch und insbesondere dafür ist das Grundeinkommen bestimmt: „Hinter der Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens steht nichts weniger als ein gesellschaftlich-sozialer und vor allem kultureller Paradigmenwechsel“ (74). Damit der richtig rüberkommt, ist es so wichtig, dass alle das gleiche Grundeinkommen erhalten – auch wenn es für bessere Kreise nur die Bedeutung eines zusätzlichen Taschengeldes hat. Die symbolisch-demonstrative Gleichbehandlung der Klassen soll das Eigentliche des Kapitalismus als arbeitsteiliges Gemeinschaftswerk zur Versorgung aller sinnfällig machen. Und Arbeitsteilung unterstellt immer noch, dass jeder sich gebührend an der Arbeit beteiligt. Der durch das freie und gleiche Grundeinkommen angestoßene „Kulturimpuls“ (74) zielt darauf, in der Bürgerschaft ein völlig neues Wir-Gefühl zu kultivieren. Der Einzelne muss merken, dass er gar kein autarker Eigenbrötler ist, sondern „ein kleines Rädchen im Getriebe der totalen Fremdversorgung“ (49). Entsprechend hat er sich zu begreifen und zu betragen. Das Grundeinkommen wird zwar ‚bedingungslos‘ gezahlt, setzt aber schon auf eine nicht geringe Gegenleistung:

„Der hinter der Idee des Grundeinkommens stehenden Ethik geht es nicht nur darum, die nackte Existenz zu sichern. Die Existenzsicherung und das Kulturminimum sind nur das Fundament. Es ermöglicht einem jeden, aus sich und seinen Talenten etwas zu machen. Dazu ist er zwar nicht im rechtlichen Sinne verpflichtet, gar im Sinne einer Arbeitspflicht gezwungen. Aber er hat dazu gegenüber der Gesellschaft eine Bringschuld. Der kategorische Imperativ der Gesellschaft des bedingungslosen Grundeinkommens lautet: Du bekommst ein Grundeinkommen und lässt deine Talente zur Entfaltung kommen. Zeig, was du kannst!“ (96)

Das Grundeinkommen soll gewissermaßen den ‚guten Menschen‘ im Bürger anfüttern: Inmitten der schönsten marktwirtschaftlichen Konkurrenz soll er sich zu einer Kultur der freiwilligen Leistung erheben. Auf soviel Selbstlosigkeit will sich Werner freilich nicht restlos verlassen: Die knappe Bemessung des Grundeinkommens unterfüttert die anvisierten gemeinnützigen Motive mit einem materiellen Anreiz zur Aufnahme einer mit Geld entgoltenen Arbeit. Die Hebung der menschlichen ‚Mentalität‘, sprich Moral, bleibt gleichwohl Werners Zauberformel. Schließlich hat er von Anfang an ‚im Menschen‘ den Grund allen Übels gesucht. Der Weltverbesserer avanciert nun konsequent zum Moralapostel – und verfällt sogleich aufs Eigentliche des Menschen. Anthropologische Dimensionen tun sich auf:

„Wir müssen Spezialisten fürs Generelle werden... Freiräume zu nutzen und Eigenverantwortung zu übernehmen ist der einzige Weg, wahrhaft zu reifen und zum Menschen zu werden. Denn: Mensch ist man nicht. Mensch wird man. Der freie Mensch kann und will Verantwortung übernehmen für den Zustand seiner Umwelt – ökonomisch, ökologisch und sozial.“ (107f)

In Werners wahrem Menschentum – man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, als hätte in ihm eine Humanistenmentalität klassischer Observanz überlebt – kommen die Zwecke eines nun auch ökonomisch mündigen, das heißt am Gemeinwohl orientierten Bürgers mit den Erfordernissen der Gesellschaft zur schönen Harmonie. Was einschließt, dass die bloß eigenen – egoistischen – Interessen den niederen Trieben zugeordnet sind und im wahren Menschentum überwunden sein müssen. Das veredelt die herkömmliche Lohnarbeit zur „neuen Arbeit“. Deren Subjekte brauchen nicht mehr zur Arbeit angehalten werden, sie funktionieren aus eigenen Stücken: „Ein garantiertes Einkommen würde den Bürger von seinen dringendsten Existenzsorgen befreien – wodurch er erst den nötigen Freiraum bekommt, um etwas für ihn selbst Sinnvolles und für die Gesellschaft Nützliches zu tun.“ (78f) Bei der herkömmlichen Arbeit ging es um „Einkommensmaximierung“, bei der ‚neuen Arbeit‘ geht es um „Sinnmaximierung“ (88). Sinn wird zur Produktivkraft: „Wenn ich einen Arbeitsplatz habe, der diesen Namen verdient, dann mache ich meine Arbeit, weil ich sie für sinnvoll halte. Ich erlebe, dass meine Tätigkeit meinen Intentionen und meinen Fähigkeiten entspricht – und vor allem, dass sie gebraucht wird.“ (64f) Werner bevölkert damit seinen Idealkapitalismus mit einer Art Idealvolk: Dessen futuristischer Bürgertypus will nichts lieber als in einer arbeitsteiligen Großgemeinschaft – in der er freilich nach wie vor als ‚abhängig Beschäftigter‘ in Diensten eines frei kalkulierenden Privateigentümers steht – wie ein ‚Rädchen‘ eine ‚sinnvolle‘ Tätigkeit ausüben. 1.500,- im Monat frei Haus soll das, was Werner selbst als „Sklavenarbeit“ (21) unter der ausbeuterischen Regie und für die dicken Bilanzen eines Kapitalisten charakterisiert, zu einer Veranstaltung der sinnvollen Lebensgestaltung befreien. Die ‚neue Arbeit‘ in und für eine dergestalt zur Vernunft gekommene Gesellschaft verheißt ihm zufolge Freude und Befriedigung. Dienstbarkeit als Selbstverwirklichung.

Dass all das keine Utopie bleiben muss, dass das Setzen auf das Gute im Menschen funktioniert und sich sogar auszahlt, kann man unter Werners Anleitung schon jetzt an der Avantgarde des freien Unternehmertums studieren. Am besten bei ihm selbst und seinem Drogerieimperium. Viel Raum widmet Werner unter dem Motto „Zutrauen veredelt den Menschen“ den Prinzipien seiner eigenen Erfolgsstory. Da erfährt man einiges über moderne Personalführung. Ziel seines betont respektvollen Umgangs mit den ‚lieben Mitarbeitern‘ ist, dass „der Kollege sich aus freien Stücken mit dem Unternehmen identifiziert“ (140). Die beeindruckenden Bilanzen der dm-Kette werden von daher ganz von selbst zum Beweis, wie gut Moral und Verantwortung sich geschäftsnützlich einspannen lassen: Je mehr die Menschen „eigenverantwortlich erkennen können, was gefordert ist, desto unternehmerischer denkt und handelt der einzelne Mitarbeiter“ (118). Das ist Sozialpartnerschaft in Vollendung: Dem einen gehört das Unternehmen, die anderen denken und handeln wie Unternehmer. Wer das nicht schafft, kapiert nicht den Geist dieser Firma und passt mentalitätsmäßig nicht hinein! Mit diesem praktizierenden Humanismus ist der ‚Anti-Schlecker‘ fast so reich geworden wie der Schlecker selbst! Der alternative Drogeriediscounter als Modell für einen geistig-moralischen Kurswechsel im nationalen Maßstab.

Eine Vision zur Hebung des Gemeinsinns: Die Konsumsteuer

Damit auch das „erfrorene und erstarrte Denken der Manager und Unternehmer“ (107) aus dem ‚Geldschleier‘ herausfindet, sich über den anachronistischen Egoismus der Selbstversorgermentalität erhebt und mitten in der Konkurrenz um Marktanteile und Gewinnchancen „Brüderlichkeit“ als „Ordnungsprinzip des Wirtschaftslebens“ beherzigt, hat Werner speziell auf sie gemünzte Anreize im Angebot. Die fiskalische Beschränkung auf eine – entsprechend erhöhte – Mehrwertsteuer soll das Steueraufkommen unterm Strich nicht erhöhen, der Staat soll sich aber nur noch am Ende einer wirtschaftlichen Tätigkeit am Konsum bedienen. Daher der Name ‚Konsumsteuer‘. Während das herkömmliche Steuersystem nach Werners fachkundigem Urteil auf das unternehmerische Produzieren für die Gesellschaft als „Initiativbremse“ (208) wirkt, setzt seine Steuerumstrukturierung „unsere Wirtschaft“ (186) in den Stand, ihren ‚altruistischen‘ Aufgaben immer besser nachzukommen.

„Mit dem Grundeinkommen lassen wir die Menschen in Ruhe arbeiten, nämlich frei von Existenzangst. Mit der Konsumsteuer lassen wir das Kapital in Ruhe arbeiten, nämlich frei von Zugriffen, bevor die Wertschöpfung in konsumfähige Leistungen für die Gesellschaft zu Ende gekommen ist.“ (178)

Mit dem – zu seiner Rede vom Kapital als ‚Saatgut‘ trefflichst korrespondierenden – Bild eines „Knospenfrevels“ propagiert Werner den Sinn dieser Maßnahme: „Man darf seine Äpfel nicht pflücken, bevor sie reif sind.“ (184) Wie wahr! Werner hat einen weiteren – kreuz und quer schwadronierend bombardiert er seine lesende Kundschaft fortwährend mit metaphorischen Anleihen aus Naturwissenschaften, Versatzstücken aus der Volkswirtschaftslehre, philosophischen Plattitüden, Stories aus der Drogistenbranche und scheut auch keine originellen Bibelexegesen – schlagenden Treffer gelandet. Der scheint bloß nicht so recht zur Sache, die er beleuchten soll, zu passen: Schon im nächsten Atemzug räumt er ein, dass die herkömmliche Besteuerung die Unternehmen gar nicht behindert und seine Konsumsteuer „gar kein substantiell neuer Vorschlag“ (189) ist: Steuern werden nämlich – auch das ein Hinweis aus dem reichen Erfahrungsschatz des Unternehmers – wie alle anderen Kosten eingepreist, sind also immer schon „im Preis versteckt“ und vom Endverbraucher zu tragen Das aber „verschleiert unser System von Ertrags- und Einkommenssteuern systematisch“ (190). Noch ein Schleier! Auch dieser umnachtet die Leute: Sie kriegen gar nicht mit, dass zum Beispiel „reiche Prasser“ (212) – die werfen auch in Werners Idealwelt mit ‚Schmiermittel‘ um sich – mit ihrem Luxuskonsum die größte Steuerlast tragen. Aufgrund dieser beschränkten Wahrnehmung unterstellen sie den marktwirtschaftlichen Verhältnissen viel Ungerechtigkeit und bringen keinen tätigen Gemeinsinn auf die Beine. Auch diese tragische Begriffsstutzigkeit will Werner aus der Welt schaffen.

Wie es beim Grundeinkommen nur vordergründig um eine Befreiung von Not geht, geht es auch hier nicht wirklich um eine Befreiung des Kapitals von steuerlichen Hindernissen. „Es geht um eine Bewusstseinsfrage. Die Konsumsteuer ist vor allem ein Bewusstsein schaffender Kulturimpuls. Das heißt: Wir versuchen zum einen, die Anteile von Individuum und Gesamtgesellschaft an unserem wirtschaftlichen Wohlstand, zum anderen unser aller Angewiesensein auf die Leistungen Dritter angemessen zu beschreiben.“ (208) Eine transparente Darstellung der Steuergerechtigkeit soll ein wachsendes Wir-Gefühl beflügeln: Wer sich vom arbeitsteilig geschaffenen Gemeinschaftswerk mehr leistet, zahlt auch mehr an die staatlichen Organe. Das ist gerecht und versöhnt die Klassen miteinander. Dass die dergestalt finanzierten staatlichen Organe die Verhältnisse verwalten und gewaltmonopolistisch gewährleisten, aufgrund derer die einen viel, die anderen wenig zu konsumieren – und zu versteuern – haben, ist für gehobene Gerechtigkeitsfragen nicht von Belang. In Werners Vorstellung hat das arme Würstchen vielmehr allen Grund, sich beim ‚reichen Prasser‘ für dessen Zahlungen an den Fiskus zu bedanken. Das steuergerechte Verhältnis der Klassen zu ihrer Herrschaft soll ihr Verhältnis zueinander versöhnen. Eine für Steuerfragen ungewohnt hohe Sinngebung wird deutlich: Die Konsumsteuer als „fiskalische Übersetzung des alten Ideals der Brüderlichkeit“ (12).

Entsprechend betuliche Töne schlägt Werner an, um die zwischenmenschlich-nationalen Effekte seiner Steuerreform herauszustreichen: „Die Beziehungen der Bürger in einer demokratischen Ordnung werden durch ein vernünftiges, transparentes Steuersystem in gleicher Weise befördert, wie jene zwischen Menschen, die sich öfter Blumen schenken.“ (216) Wer dem kapitalistischen System aus Geschäft und Gewalt dergestalt romantische Züge abgewinnt, hat allen Grund, auf den Vollbesitz seiner geistigen Kräfte hinzuweisen. Dieser seltsame Zwitter aus einem hartgesottenen Unternehmer und einem schwärmerischen Weltverbesserer legt denn auch großen Wert darauf, dass seine Visionen fest auf dem Boden der ‚Tatsachen‘ stehen. Werner weist jede Nähe zu „linken Sozialromantikern“ (167) weit von sich und charakterisiert sich als „Realträumer“ (9). Womit er nicht ganz unrecht hat: Seine phantasiereichen Ausflüge in die Traumwelten eines wünschenswerten wirtschaftlichen Füreinanders geraten um so mehr zwischen die Koordinaten des stinknormalen Kapitalismus, je mehr er ‚die Dinge‘, die er ‚bewegen‘ will, hinsichtlich ihrer ökonomischen Effizienz verdeutlicht.

Werners Sinn fürs Reale: Wenn ein Kapitalist humanistisch wird

Vergleichsweise harmlos ist da noch sein Schwelgen, mit dem er die menschheitsbeglückenden Auspizien seiner Ideen hervorhebt: ‚Sinnvolle‘ Arbeit „von Menschen für Menschen“ (42), von der Kindererziehung bis zur Altenpflege, von hochgestochenen Kulturaktivitäten bis zur gewöhnlichen Hausarbeit, würde da in ungeahntem Ausmaß möglich, sprich bezahlbar. Schon das würde die Gesellschaft als Ganzes auf Vordermann bringen. Die ‚neue Arbeit‘ wäre aber insbesondere für die harten Rentabilitätsgesichtspunkte der Unternehmen wertvoll. So rühmt Werner das Grundeinkommen für seine „lohnsubstitutive“ (101) Wirkung, die dem Arbeitgeber völlig neue „Verhandlungsspielräume für Löhne und Gehälter, die heute undenkbar scheinen“ (100) eröffnet. Für die Reproduktion der Arbeitskraft des ganzen Volkes ist ja schon von Amts wegen gesorgt: „Durch den Sockel des Grundeinkommens könnten die Gehälter anteilig sinken, denn es müssten ja nur noch frei auszuhandelnde Zusatzeinkommen bereitgestellt werden.“ Selbst hochqualifizierte Mitarbeiter wären billig anzuheuern. „Es ist durchaus möglich, dass hochqualifizierte und attraktive Arbeit nicht mehr unverhältnismäßig gut bezahlt würde, da ja ihre Attraktivität, ihr Mehrwert an Sinn als Folge eines Wertewandels deutlicher wahrgenommen und bewertet würde.“ (102) Welch ungeahnt profitable Potenzen die Valuta Sinn eröffnet!

All das zielt auf Effekte, die in den dunkelsten Zeiten des geldverschleierten ‚Onkel-Dagobert-Denkens‘ viel zählen. Der Mann, der eingangs noch mit großem Trara verkündet hat, dass die „Arbeitslosigkeit ein Sieg ist“ (72) und dass der „Abbau von Arbeitsplätzen in der Produktion bejubelt werden sollte“ (71), weil man in den ‚paradiesischen Zuständen‘ der Industriegesellschaft einfach nicht mehr so viel arbeiten muss, landet schließlich beim erzkapitalistischen Anliegen, möglichst viele rentable Arbeitsplätze auf dem deutschen Standort zu versammeln: „All das hätte deutliche Auswirkungen: Deutschland würde schlagartig mehr Investitionen anziehen, zugleich könnten deutlich mehr im Inland produzierte Güter zu günstigeren Bedingungen und zu reduzierten Preisen exportiert werden“, was summa summarum „ein exponentielles Exportwachstum erwarten“ (104) ließe. Auf gut Deutsch: „Mit der Konsumsteuer und dem Grundeinkommen würde Deutschland zur Steueroase und zum Arbeitsplatzparadies gleichermaßen. Investitionen wären in Deutschland ungleich attraktiver als heute.“ (192) Vorausgesetzt, die auswärtige Konkurrenz Deutschlands verharrt weiterhin im ‚Geld- und Steuerschleier‘. Werners ‚Paradies‘ findet – zumindest fürs erste – in Deutschland statt.

Bei soviel Konstruktivität in der Kritik kann es nicht ausbleiben, dass der Vordenker eines ‚radikalen‘ gesellschaftlichen „Paradigmenwechsels“ (74) gelegentlich in Talkshows in der Rolle des guten Kapitalisten glänzen darf. Da kann er dann ein bisschen Idealismus & Optimismus verbreiten. Auch in eigener Sache: „Eigentlich weiß jeder, dass sich was Grundsätzliches ändern muss.“ (75) ‚Eigentlich‘ ist dieses Wissen, weil es eigentlich ein Sammelsurium handelsüblicher Ideale ist, aus dem auch Werners Weltbild und Weltverbesserung zusammengesetzt sind. Damit trifft er offenbar auf eine nicht unbeachtliche Nachfrage. Seine wachsende Anhängerschaft sowie einschlägige Bürgerinitiativen, Aktionskomitees und sogar akademische Symposien speisen sich wie sein eigenes Engagement aus einer Enttäuschung über die Zustände und Zumutungen der bürgerlichen Gesellschaft, die sie gleichwohl unbeirrt für die beste aller möglichen Welten halten. Solche braven Leute hören gerne einen durch seinen immensen Erfolg im althergebrachten Kapitalismus als sachverständig beglaubigten Gleichgesinnten, der ihnen nicht nur bestätigt, wie goldrichtig sie in ihrem Idealismus – dem übrigens auch ‚der Mensch‘ und seine dürftige Moralität als hauptverdächtige Ursache allen Übels geläufig ist – liegen, sondern auch noch darlegt, wie locker dieser mit ein bisschen gutem Willen in die Realität umzusetzen wäre. Damit in der Welt ganz andere Verhältnisse herrschen, genügt es, sie anders zu sehen, und sich eine andere, moralisch höherwertige Einstellung zu ihnen zuzulegen. Dafür ist in der Tat nicht so etwas Umständliches wie eine Revolution der Verhältnisse erforderlich; eine umfassende Steuerreform und ein bescheidener Dauerauftrag an alle genügen als Initialzündung eines neuen solidarischen Wir-Standpunkts.

Der Großdrogist versteht sich eben nicht nur im Geschäftsleben auf Sonderangebote. Und wie das bei Sonderangeboten so ist, erweist sich auch seine Weltverbesserung als Muster ohne Wert. Ein Zufall ist das nicht. Wo noch so gut gemeinte ‚Träume‘ von einer anderen und besseren Welt ‚realistisch‘ in die bestehende hineingeträumt werden, kommt weder ein besserer Kapitalismus noch etwas vernünftigeres anderes heraus, sondern ein Haufen heilloser Unsinn: Das Geld verrichtet in Werners ‚Realträumen‘ ohne Wert seine Dienste. Der Privateigentümer nutzt sein Eigentum nicht privat. Von den Profiten der Unternehmer profitiert die Kundschaft, weshalb Moral das Interesse als Stachel der Produktion ersetzen muss. Beim Lohnarbeiter ersetzt Sinn Teile des Lohns, weshalb auch er jede Menge Ethik & Gemeinsinn braucht, um tätig zu werden. Die Klassen existieren mitsamt ihren gegensätzlichen Interessen in Sachen Lohn und Leistung weiter, sind sich jedoch in solidarischer Arbeitsteilung freundschaftlich verbunden. Und die Marktwirtschaft folgt nicht den Konkurrenzgesetzen des Marktes, sondern den Werten der Brüderlichkeit. Nichts passt zusammen. Alles ist Quatsch.

  © GegenStandpunkt Verlag 2013  |  Impressum