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GEGENSTANDPUNKT 1-99
Politische Vierteljahreszeitschrift

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Heft: 1-1999, Seite: 5, Umfang: 7 Seiten, Chronik (1) Dezember, Kurztitel: Kontroverse um Martin Walser,
siehe auch:
in Heft 4-1998, Chronik (15): Friedenspreis für Martin Walser

Die „Walser-Bubis-Dohnanyi-Kontroverse“

Von deutscher Scham und Läuterung

Seit Anfang November rauscht es im deutschen Blätterwald. Die Republik wird von einer Debatte um ein Stück nationaler Moral namens Vergangenheitsbewältigung heimgesucht, die das patriotische Gemüt derart in Beschlag nimmt, daß ihr sogar die Würde eines ersten Platzes in Hauptnachrichten und Headlines zuteil wird. Ausgelöst hat diese Kontroverse erstens Martin Walser mit seiner viel beachteten Friedenspreisrede – siehe auch Nr. 4-98 unserer Zeitschrift –, in der er sein privates Gewissen für dermaßen empfindlich erklärt, daß es anhaltende Forderungen nach nationaler Scham über deutsche Untaten in Sachen Drittes Reich und Judenvernichtung nicht länger zu erdulden vermag. Ausgelöst hat sie zweitens Ignatz Bubis, dem das Ansinnen, als Deutscher endlich mit Auschwitz in Ruhe gelassen zu werden, Grund genug gibt, dem Redner „geistige Brandstiftung“ vorzuwerfen. Das Einfordern von Scham, vorgetragen von einem, der sich selbst nicht schämen muß, geht dann wiederum drittens Klaus von Dohnanyi über die moralische Hutschnur, der sich persönlich, dank seines redlichen Vaters, auch gar nicht zu schämen bräuchte und die Kultur moralisch problematisierenden Gedenkens ganz o.k. findet, dem Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland aber vorwerfen muß, persönlich beleidigend geworden zu sein, obwohl doch klar ist, daß Walser gar nicht gemeint haben kann, was Bubis ihm vorwirft – und der Dichter freilich nach eigenem Bekunden auch durchaus gemeint hat...

Spätestens ab jetzt brechen alle Dämme. Wie kann, darf, soll das neue Deutschland, die Berliner Republik, ihre Vergangenheit korrekt bewältigen? Braucht es neue Ausdrucksformen für die immerwährende Distanzierung von Hitlers Judenmord? Muß man der Gefahr eines „Vergessenwollens“ entgegenwirken; oder gibt es die gar nicht? Wiederholt sich die Geschichte, wenn wir nicht alle aufpassen, oder haben wir schon lange genug aufgepaßt? Sind wir Deutschen nicht endlich gefälligst ein „normales Volk“, oder können wir überhaupt nie wieder normal sein? Wer in der intellektuellen Elite Rang und Namen hat und als deutscher Denker etwas zu sagen haben will, fühlt sich von der Debatte betroffen und herausgefordert, sich in sie einzumischen. Berufene Vordenker nationaler Moral sprechen sich gegenseitig jede Moralität ab, werden beleidigend und sind beleidigt, und „Sprachlosigkeit“ ob „ungeheuerlicher Vorwürfe“ füllt viele Feuilletonseiten.

Fast möchte man, mit Martin Walser redend, sagen: „Unerträgliches muß ich nicht ertragen“, und der wild wogenden Kontroverse, an der an sich nur die Tatsache bemerkenswert ist, welch unwiderstehliches intellektuelles Genußmittel sie für den rotierenden Überbau der Republik abgibt, ihren gerechten Platz auf der Müllhalde der Geschichte zuteilen. Dennoch: Für alle die es wissen wollen, hier noch einmal einige Erläuterungen von kommunistischer Seite.

1.

Was uns an Deutschland stört, sind tatsächlich nicht die kriegerischen und staatsterroristischen Ausnahmetaten, zu denen diese Nation, die auf ihre Kontinuität mit „damals“ so viel Wert legt, sich vor 66 bis 54 Jahren aufgemacht hat und die mittlerweile einen ganzen „kalten Krieg“ her sind; und die heiße Frage, ob die Republik inzwischen als „normale“ Nation anzusprechen sei, halten wir für höchstgradig blödsinnig. Ohne Zweifel erfüllt die BRD geradezu mustergültig die Normen heutiger Staatsmacherei: Ihre Massen legt sie auf die Funktion des kapitalistischen Produktions-„Faktors Arbeit“ fest, und zwar so erfolgreich, daß der geschaffene Reichtum sie zu allerhand globaler Dominanz befähigt – und daß umgekehrt jeder Produktivitätsfortschritt massenhaft Mitglieder des besagten „Faktors“ in Existenznöte stürzt, Arbeiten als höchstes Gut gilt und die Verbilligung derer, die die Arbeit leisten, als der Weisheit letzter Schluß. Nach außen vertritt sie die Interessen ihrer Reichtum akkumulierenden Klasse, ihrer „Finanzindustrie“ vor allem, so massiv und gleichfalls so erfolgreich, daß auswärtige Staatsmächte vor lauter Respekt vor dem maßgeblich deutsch mitbestimmten Weltwirtschaftssystem ihr lebendes und totes Inventar glatt vor die Hunde gehen lassen, wenn DM- bzw. Euro-Kapitalisten gemeinsam mit ihren Dollar-Kollegen ein bißchen herumspekulieren. Daß diese freiheitlich-demokratische Weltordnung einen Haufen militärische Gewalt benötigt, und zwar nicht zuletzt in deutscher Hand, um wirkliche Abweichler zu „bestrafen“ und potentielle „abzuschrecken“, sehen inzwischen vor lauter nationaler Normalität auch Deutschlands Friedensbewegte ein. Und so weiter – unsere vierteljährliche „Chronik“ mag viele Mängel haben, aber unter Stoffmangel leidet sie nicht. Uns langt es jedenfalls, um diesem Staat nicht mit Verbesserungs-, Veredelungs- oder gar Normalisierungsanträgen zuzusetzen, sondern gegen Parteilichkeit für ein Gemeinwesen zu argumentieren, das mit seiner brutalen Praxis definiert und durchsetzt, was in der Staatenwelt zu Beginn des 21. Jahrhunderts alles ganz normal ist.

Wem beim Stichwort ‚Deutschland‘ und als Einwand gegen diese Republik stattdessen zuerst und vor allem die 12 Hitler-Jahre einfallen – und diese Übung beherrscht die politische Kultur hierzulande perfekt, von Martin Walser bis zu Hermann Gremliza und vom Bundespräsidenten bis zu Lea Roshs Mahnmalsverein –, der hat dem Interesse an kritischer Prüfung dieser Nation und ihrer Taten abgeschworen. Denn der Vergleich mit der nationalsozialistischen Vergangenheit löscht alles Kritikable an der heutigen BRD aus: Einen Krieg um „Lebensraum“ anzetteln und Europas Juden ausrotten, das hat sie in der Tat nicht vor; und wenn es bloß darauf ankommen soll, dann ist sie mit allem, was sie tut und vorhat, über alle Kritik erhaben. Genau so, als Freispruch und als Aufforderung zu moralisch unanfechtbarer Parteilichkeit für Deutschland, ist die Nazi-Reminiszenz von deutscher Seite denn auch in aller Regel gemeint. Als kritischen Gesichtspunkt läßt sie auf alle Fälle nur den einen bestehen: ob die Nation diesen negativen Bezugspunkt ihrer Zufriedenheit mit sich selbst auch recht in Ehren hält. Ob diese Frage bejaht oder verneint wird, ist dann auch schon egal; von Interesse ist sie einzig für Patrioten, denen an ihrem Vaterland außer vor den Taten der Nazis vor gar nichts graut.

2.

Wenn jemanden wirklich das Grausen packt im Rückblick auf die äußere und innere Kriegführung des nationalsozialistischen Deutschland, dann soll so jemand sich gefälligst um den Begriff der damaligen Herrschaft bemühen. So ganz exotisch und „unbegreiflich“, wie immer getan wird, ist der ja nicht: Das Allgemeine daran – die Nation hat ein Recht auf Erfolg in der Welt; wenn der zu wünschen übrig läßt, sind innere und äußere Feinde daran schuld; gegen die wird das brave Volk zusammengeschlossen und mobil gemacht; dabei werden die nicht vollständig „Integrierten“, die nur zum Schein angepaßten „Volksfremden“ entsprechend ausgegrenzt... – ist in jeder, auch der heutigen deutschen Demokratie nur allzu lebendig; und daß das auffällig Besondere am Nazi-Reich – die zum inneren Feind erklärte Minderheit hat es gemäß der Logik des Verdachts auf unheilbare Andersartigkeit nach dem Kriterium des Stammbaums dingfest gemacht und in der gleichen blutigen Manier wie den äußeren Feind im kommunistischen Osten bekämpft – im Rückblick so „unbegreiflich“ anmutet, liegt zu gleichen Teilen daran, daß das heutige Deutschland erstens keinen nationalen Notstand verzeichnet und daß es zweitens, sollte es eine solche Lage diagnostizieren, auf ganz andere imperialistische Mittel und Freundschaften zurückgreifen könnte als die Nazis mit ihrem „großdeutschen Befreiungskrieg“ und ihrem entsprechenden Säuberungswahn.

Wer statt dessen – nämlich statt auf Beantwortung der Frage zu dringen, „wie es dazu kommen konnte“, und daraus die fälligen Schlüsse auf das Monströse an den Erfolgsansprüchen von Nationen zu ziehen – den Standpunkt unüberwindbarer Betroffenheit kultiviert; wer sich so von der Vorstellung beherrschen läßt, als Mitglied des deutschen Volkes auch in dessen frühere Missetaten unrettbar „verstrickt“ zu sein; der verstrickt sich damit in Wahrheit bloß in ein höchst unvernünftiges und sehr unterwürfiges Bekenntnis. Statt dem nationalen Verein, der als Urheber von Weltkrieg und Judenvernichtung – und, nebenher, der Ausrottung von Zigeunern und Kommunisten – Geschichte gemacht hat, eine Absage zu erteilen, „begreift“ so jemand seine Nationalität als unkündbares „Schicksal“, subsumiert die eigene moralische Persönlichkeit absolut unter die angestammte Volkszugehörigkeit und legt seinen politischen Willen damit auf bedingungslose Parteilichkeit für genau den Staatsverein fest, der unter Hitler sein extremes Leistungsvermögen unter Beweis gestellt hat.

3.

Ein Patriotismus, der die Anhänglichkeit an die Nation mit moralischer Betroffenheit durch eine bestimmte Epoche ihrer Geschichte und der Freude an ihrer seither eingetretenen sittlichen Besserung verbindet, läßt es an apriorischer Parteilichkeit für die „eigene“ Seite nicht fehlen. Eine kritische Distanz zum Vaterland ist jedenfalls nicht auszumachen, wenn gute Menschen sich ganz freiwillig eine volkssolidarische Verantwortung für die nationalsozialistischen „Sünden der Väter“ einbilden und es für „schwierig“ halten, „nach Hitler noch Deutscher zu sein“. Es ist dennoch kein Wunder, daß diese Haltung unter Deutschlands Anhängern seit jeher umstritten ist. Denn es ist und bleibt doch auch ein gewisser Widerspruch, sich zur Nation als sittlicher Gemeinschaft und unabweisbar verpflichtendem Kollektiv zu bekennen, auf die Zugehörigkeit zur deutschen Partei in der Weltgeschichte große Stücke zu halten, in der Geschichte dieses „großen Ganzen“ die eigene „Identität“ als moralische Person – zumindest mit- – begründet zu finden und dann diesem Verein so unverzeihliche, moralisch blamable Mißgriffe wie Hitler & Co samt Krieg und KZs anzukreiden, also ein Stück sittlicher Schlechtigkeit einzugestehen. Dies um so mehr, als gerade Patrioten in ihrer bedingungslosen Parteilichkeit ein genaues Gespür dafür haben, was ein solches Eingeständnis in der Konkurrenz der Nationen bedeutet – sie selber begutachten ihre Nachbarn ja ebenso und stellen aus moralischen Verdikten genau dieser Art ihre Feindbilder zusammen: Politmoralische Schuldvorwürfe begleiten und rechtfertigen die Mißachtung der Interessen einer anderen Nation, so wie umgekehrt patriotische Erfolge eingefordert werden, wo die Nation auf ihre Ehre pocht. Daß nationale Schmach die Begleitmusik zu nationalen Niederlagen ist und Scham gleichbedeutend mit der Hinnahme eines Scheiterns, das braucht man einem Nationalisten also nicht erst zu erklären. Der fühlt das gleich und revoltiert dagegen – im deutschen Fall z.B. mit der Ableugnung der schlimmsten Untaten; mit revanchistischen Gegenrechnungen; auch mit der feinsinnigen Unterscheidung, wonach ‚Schuld‘ immer nur individuell sein kann, für die Schönheit und Größe der Nation und ihr Recht auf Erfolge hingegen die Tugend der Kollektivhaftung gilt...

Zur offiziellen Staatsdoktrin ist dieser Mainstream patriotischen Empfindens in der BRD dennoch nicht geworden; und zwar nicht etwa wegen gelungener „Entnazifizierung“, sondern aus einem guten Grund, der sich erst so nach und nach herausgebildet hat: Mit der Hinnahme des moralischen Verdikts über Hitler & Co, mit dem Getue um nationale Scham & Schande und dem Gestus nationaler Bescheidenheit, mit ihrem Ethos der demokratischen Läuterung des deutschen Wesens – inklusive seines nun per NATO ins Recht gesetzten Antikommunismus – ist die BRD weltpolitisch gut gefahren. Die sittliche Selbsterniedrigung hat sie nicht bloß zynisch verkraftet; mit zunehmenden nationalen Erfolgen hat sie immer selbstbewußter die damit eigentlich gemeinte Selbstanpreisung als gebesserte und folglich wieder zu vielem berechtigte Partei im Weltgeschehen herausgearbeitet. Die Nationalideologie nationaler Bescheidenheit war zwar nie recht beliebt, aber sie hat einen nationalen Erfolgsweg begleitet und sich deswegen zu einer offiziell kaum angefochtenen Kultur öffentlicher Heuchelei verfestigt. Am Ende ist den Deutschen – Angriffskrieg hin, Holocaust her – nicht einmal mehr die „Wiedervereinigung“, die Bereinigung der für die Nation und ihre Anhänger allerschlimmsten Weltkriegsfolge, versagt worden.

Folgerichtig kommt mit diesem faktischen Schlußstrich unter die bösen „Folgen der Nazi-Zeit“ die nationalideologische Frage auf, ob die geheilte Nation sich denn nun immer noch den moralischen Einwand gefallen lassen muß, vor etlichen Jahrzehnten militärisch und rassenpolitisch ziemlich danebengelangt zu haben. Das Bekenntnis zur Nation möchte „normal“ werden – heißt: sich endlich der unpassenden Dialektik eines zwecks Nachweis der Besserung und damit der Berechtigung abgelegten Schuldeingeständnisses entledigen, nachdem diese ihren Dienst getan und folglich ausgedient hat, und endlich auch offiziell so ungetrübt und unumwunden daherkommen dürfen wie früher und anderswo und unterhalb der Repräsentationsschwelle sowieso die ganze Zeit. Auf der anderen Seite bleibt die Sorge, mit einem regelrechten historisch-moralischen „Schlußstrich“ brächte Deutschland sich völlig überflüssigerweise nur wieder in Verdacht, stifte am Ende gar Mißtrauen in die Lauterkeit seiner europa- und weltordnungspolitischen Ansprüche und mache seinen Außenpolitikern unnötig das Leben schwer. So bleibt es bei der überkommenen Erinnerungskultur – und die ändert ganz von selbst einigermaßen ihren Charakter: Von der definitiven Zwangsarbeiterentschädigung bis zum ultimativen Holocaust-Denkmal setzt sie lauter historisch-moralische Abrechnungen auf die Tagesordnung, die allesamt und zusammengenommen die Qualität einer Abschlußbilanz haben.

4.

An der Stelle kommt der Dichter Walser ins Spiel. Er bekommt einen Preis und ergreift die Gelegenheit, im Namen seines empfindsamen nationalen Seelchens öffentlich zu plädieren, man möge ihm und Deutschland fortan die moralischen Beschwernisse beim Genuß des Genußmittels Heimatliebe ersparen. In seiner ernsten dichterischen Begierde nach einem heilen Vaterland findet er sich durch den heuchlerischen antifaschistischen Gestus der offiziellen Nationalideologie wie durch eine „Moralkeule“ bedroht; er registriert in seinem exemplarischen Gefühlshaushalt eine Abwehrhaltung dagegen; und er mag diese Reaktion nicht länger künstlich und gewaltsam unterdrücken. Also verwahrt er sich dagegen, aus Anlaß eines jeden in Deutschland verprügelten Ausländers den Vorwurf aushalten zu müssen, von dem er sich – Wahn und Wirklichkeit verschwimmen da ein wenig: Privileg des Dichters! – allenthalben umzingelt sieht: das wäre ja schon wieder „wie damals“. Er kontert mit dem Gegenvorwurf, so würde Moralisches parteilich „instrumentalisiert“ – wofür auch immer; Entschädigungszahlungen an Nazi-Opfer will er nicht gemeint haben; wahrscheinlich hält er seine eigene Betroffenheit für einen gemeinen Mißbrauch von „Auschwitz“. Auf jeden Fall stehen für ihn damit die unlauteren Motive des imaginären ubiquitären Deutschlandfeindes fest; die Erinnerung an frühere Verfehlungen des Vaterlandes ist als „Ritual“ entlarvt und so ihrer Unmoral überführt. Schämen möchte der deutsche Dichter sich, wenn überhaupt, dann privat und allein, wo niemand es merkt: Das möchte die Öffentlichkeit bitte einmal zur Kenntnis nehmen und respektieren und sich in ihren nationalideologischen Ritualen aufs Lob des Vaterlands, auf Treuegelöbnisse und auf frei herausgesagte Liebeserklärungen beschränken.

In der Sache also nichts anderes als ein weiterer Fall jener gewöhnlichen nationalistischen Empörung, die Schuldvorwürfe ans heimatliche Kollektiv einfach nicht aushält und mit moralischem Revanchismus zurückschlägt; Tausende begeisterter Briefeschreiber haben ihren Heimatdichter da gut verstanden. Und sind glücklich, daß endlich einmal nicht bloß die Nationalzeitung ihnen aus dem patriotischen Herzen spricht, sondern ein anerkannter, über jeden Zweifel erhabener Dichter, per Profession Mitglied jenes nationalideologischen Überbaus, der ansonsten für zersetzende Dialektik, Zweifel an der Moral des Deutschtums und unverständliche Umwege beim Dafür-Sein bekannt ist und nicht bloß von Hitler dafür verachtet und haftbar gemacht wurde. So zerquält und leidend, wie man es sonst bloß von den verzweifelt-kritischen Liebhabern Deutschlands, von Böll, Grass und Konsorten kennt, tritt da ein echter Künstler für das Recht auf unbefangene Vaterlandsliebe ein, gibt dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels eine unvermutete Stoßrichtung, nämlich als Lobpreis des Friedens, den da ein Dichter mit dem einzig wahren, nämlich gegen Infragestellung resistenten Patriotismus des guten Deutschen geschlossen hat: Das begeistert.

5.

Zwar nicht jeden. Durch den Vorwurf, der deutsche Völkermord an den Juden würde, wo immer erhoben, „instrumentalisiert“, als antideutsche „Moralkeule“ nämlich, sieht sich Ignatz Bubis als „Deutscher – Jude“ betroffen und zu einer Antwort herausgefordert, die er in einer Rede zum 60. Jahrestag der sogenannten „Reichspogromnacht“ auch erteilt: Walser sei ein „geistiger Brandstifter“, weil er dem deutschen Nationalismus sein – nach Bubis’ Auffassung – bremsendes und veredelndes Moment, die moralische Irritation durch das Gedenken an „Auschwitz“, nehmen will. Als verantwortungsbewußter Deutscher will Bubis einfach nicht wahrhaben, was Walser auf seine Tour klarstellt, daß nämlich Patriotismus mit dem Eingeständnis einer Schande definitiv unverträglich und die erhoffte Zähmung des Nationalismus durch antifaschistisches „Erinnern“ nichts als eine berechnende offizielle Heuchelei ist. Mit der Autorität des Repräsentanten der einstigen Opfer, die nichts lieber wollen als im Land der einstigen Täter wieder zu Hause sein, besteht er darauf, daß wenigstens die kulturelle Elite dieser Nation die herkömmliche Erinnerungskultur nicht kündigt.

Doch damit kommt der Mann anno 98 und nach Walsers „befreiender“ Buchhandels-Preisrede nicht mehr so einfach durch. Nicht bloß das Fußvolk der Nation überschüttet ihn mit der zu Walsers Fan-Post komplementären Briefflut. Auch die Prominenz ist es augenscheinlich leid, daß es immer ein bißchen wie „Auschwitz?“ zurückklingt, wenn sie bloß von Herzen „Deutschland!“ ruft. Jedenfalls ergreifen viele gerne die Gelegenheit, ihr Leiden am antifaschistischen Vorbehalt gegen den ehrbaren deutschen Nationalismus in der feigen Form auszuleben, daß sie ihrem Dichter in menschlicher Solidarität gegen die Angriffe des Juden beispringen. Gemeinsam mit ihm fühlen sie sich durch den „Brandstifter“-Vorwurf zutiefst „verletzt“, fordern die Rücknahme dieses „bösen Wortes“, bevor an eine „sachliche Auseinandersetzung“ über das Berechtigte an Walsers „Befreiungsschlag“ überhaupt zu denken sei, und finden einen erstklassigen Wortführer in dem Hamburger Ex-Bürgermeister von Dohnanyi. Der nimmt den Dichter vor dem Juden mit dem Hinweis in Schutz, auch Männer wie Walser hätten ein verletzliches Innenleben und dürften nicht so rüde beschimpft werden, wenn sie bloß mal ihren tief empfundenen Widerwillen gegen moralische Einwürfe in Sachen Deutschland bekanntgeben. Im übrigen – auf moralische Verletzlichkeit versteht der Mann sich eben! – fiele die Aufforderung zu moralischen Schuldbekenntnissen unweigerlich auf jeden zurück, der sie erhebt: Wie leicht hätten die Juden – nur gesetzt den Fall, sie wären nicht zufällig die Opfer gewesen – selbst Täter werden können! Wären sie „tapferer“ gewesen als Deutschlands Arier, hätten sie Gaskammern für irgendwelche Dritte verhindert? Na also! So kommt die uralte Stammtischparole: „Die anderen sind doch auch nicht besser!“ endlich auch unter patriotischen Feingeistern zu ihrem Recht: Auch wer nichts verbrochen hat, ist deshalb noch lange nicht fein raus und sollte bei der Bezichtigung der Täter „behutsamer“ vorgehen. Denn die ist nur dann glaubwürdig, wenn man sich selbst gleich mitbezichtigt und jedenfalls einseitige Vorwürfe an die deutsche Adresse unterläßt. Deutschlands Schamkultur ist unteilbar!

So geht die Debatte ihren Gang. Das Selbstbewußtsein aller Beteiligen – und deren Zahl steigt mit jeder neuen Ausgabe der FAZ –, daß in ihr nicht mehr und nicht weniger auf dem Spiel stünde als das ganze moralische Selbstverständnis der Republik, sorgt für die notwendige Härte. Beleidigungen und Beleidigte sind an der Tagesordnung: Darf man einen deutschen Dichter „Brandstifter“ nennen? Sind auch bislang als „integer“ geltende Gesellen heimlich doch „Antisemiten“ – und wenn: Darf man ihnen das vorwerfen? Liegt eventuell – ein namhafter Literaturkritiker will das kraft seines Amtes herausgefunden haben – die Crux der ganzen Angelegenheit darin, daß Walser „ein schlechter Dichter“ ist? „Böswilligkeit“ beim Interpretieren wird dem Gegner unterstellt und selbst gepflegt, die eigene „Verletzlichkeit“ durch ehrverletzende Vorwürfe als Ausweis unanfechtbarer Moralität ins Feld geführt, die man am jeweiligen Gegner natürlich schmerzlich vermißt. Die Kontroverse erreicht „moralische Tiefpunkte“, setzt aber auch Glanzlichter, wenn etwa die FAZ-Redaktion die Kontrahenten zu einem Gipfeltreffen einlädt, quasi zu Schlichtungsverhandlungen zwischen zerstrittenen Moralpäpsten, um ein nationales Schisma zu verhüten. Die Geladenen haben sich zwar nach wie vor nichts zu sagen, zumindest nichts, was nicht schon wieder den Tatbestand einer Beleidigung erfüllen würde. In Anwesenheit eines ausgewogenen Moderatorenteams, gestellt von allen beteiligten öffentlichen Anstalten, streiten sie stattdessen um die Aushandlung moralischer Tarife, wer wem wieviel an guter Absicht und leidigem Mißverständnis konzedieren mag oder auch nicht. Aber immerhin darf sich die Republik durch die öffentlich-rechtliche Sondersendung darüber beruhigen lassen, daß die deutsche Nationalmoral keinen bleibenden Schaden erleiden kann, wenn so viele Aufpasser sich um sie kümmern...

6.

Ein Trost bleibt uns zum Schluß. Die Feuilletons sind sich einig: „Die Debatte hat erst begonnen.“ Damit ist sie in ihre Paperbackphase eingetreten, also erst einmal wieder vorbei.

*

PS. Eine aktuelle Fortsetzung findet sie im Dezember doch noch. Ein Sprengstoffexperte jagt die Grabstätte des ehemaligen Vorsitzenden des Zentralrats der deutschen Juden, Galinski, in die Luft. Dessen Witwe interpretiert die Tat so, wie jedermann es eilig hat zu dementieren: Da wird sich ein Heimatfreund, der in seinem deutschen Gemüt den Stachel des Auschwitz-Vorwurfs verspürt, gesagt haben: „Unerträgliches muß ich nicht ertragen!“ Kaum öffentlich gesagt, meldet sich, ins Herz getroffen, noch einmal Walser zu Wort: Wenn solche Unterstellungen in Deutschland nun an der Tagesordnung seien, dann bleibe ihm nur noch eins – der Weg ins Exil (wahrscheinlich auf die andere Seite des Bodensees). Damit hätten wir ihn dann endlich: den ersten verfolgten Dichter des Anti-Nazi-Regimes.

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