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GegenStandpunkt 2-12

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Günther Grass’ lyrisches Leiden an einem Stück deutscher Staatsideologie

Der Autor, der schon viel für Deutschland gedichtet hat, lässt die Leser mehrerer großer Zeitungen mit einem Gedicht teilhaben an der künstlerisch-staatsbürgerlichen Drangsal eines Nicht-Länger-Schweigen-Könnens zu einem drohenden israelischen Angriff auf den Iran, den er als „Auslöschung des ... iranischen Volkes“ brandmarkt. Die sachliche Sicht auf die immer schärfere Machtkonkurrenz Israles und seines großen Verbündeten USA mit dem Iran ist nicht die des erregten Künstlers. Der will keine imperialistischen Zwecke und Berechnungen kennen, sondern nimmt die Welt der ideologischen Kriegsrechfertigungen - ‚Verhinde­rung eines Völkermords an Israel‘ - für die wirklichen Gründe und wendet sie gegen ihre Urheber. Genau genommen beklagt er weniger die Realität des kriegsträchtigen Konflikts, sondern die Drangsale seiner lite­rarischen Seele – „Warum schweige ich, verschweige zu lange ... warum sage ich jetzt erst...?“ -, die ihm eine moralische Verurteilung Israels und deutscher Militärhilfe deswegen bereitet, weil er sich mit seiner deutschen Nationalität, die „von nie zu tilgendem Mangel behaftet“ sei, zur bedingunglsosen Solidarität mit dem israelischen Volk bzw. Staat verpflichtet sieht. Prompt hat er damit eine heftige Debatte angestoßen, was sich für gute Deutsche im Bezug auf Israel gehört: Ob man diesen Staat kritisieren darf, ohne sich moralisch zu diskreditieren... Ein verlogenes nationales Dilemma der höheren Art...

Joachim Gauck hält eine „brilliante“ Antrittsrede:
Was weiß dieser Mann von dem Land, dem er vorsitzt?

Die Antrittsrede des frisch gekürten Herrn Bundespräsidenten war nach allgemeiner Auskunft „die beste Rede“, die je im deutschen Bundestag gehalten wurde. Gewidmet war sie mit acht rhetorischen Fragen der einen selbstgestellten: „Wie soll es denn nun aussehen, dieses Land, zu dem unsere Kinder und Enkel einmal sagen sollen ‚unser Land‘?“ Eine Frage, die die Antwort praktischerweise im Prinzip schon mitliefert: So jedenfalls soll es aussehen, dass gleich alle bis in alle Zukunft gar nicht umhin können, schlicht und einfach dafür zu sein. Dafür liefert der oberste Repräsentant keine Argumente, sondern das ist alles, was er von diesem Land weiß und wissen will und in mehreren Anläufen ausbreitet: Das Land, der Staat und die Regie­renden, haben ein Anrecht darauf, die Zustimmung der Bürger zu ihrem Treiben frei Haus geliefert zu bekommen. Entsprechend einsinnig verlogen und fordernd fällt Gaucks Bild Deutschlands aus.

Die USA erneuern ihren globalen Führungsanspruch (II):
Allianz mit dem Konkurrenten Europa
Neue Fronten im arabisch-islamischen ‚Krisenbogen‘

Für die Erneuerung seiner globalen Führungsrolle nimmt die Obama-Regierung nicht nur den ‚pazifischen Raum‘ neu in den Blick (s. GegenStandpunkt 1-12). In seiner Rede „zur Lage der Nation“ im Januar kommt der US-Präsident auch auf die übrige Außenwelt Amerikas als Herausforderung an amerikanische Führung zu sprechen. Der US-Anspruch steht fest – und gilt quasi schon für den ganzen Globus: „The renewal of American leadership can be felt across the globe.“

Besondere Erwähnung finden Deutschland und Europa als Standort „unserer ältesten Allianzen“ – was immerhin die Frage aufwirft, wie sich das überkommene Bündnis aus den Zeiten des Kalten Krieges und die neue krisenhaft verschärfte ökonomische Konkurrenz zwischen den beiden großen Zentren des globalen Kapitalismus vertragen. Kein Zufall sicher, dass Obama da auf Amerikas Willen verweist, „dass wir the finest military in the world behalten“ – keiner, auch die Bündnispartner nicht, kriegt die Chance, sich mit Amerikas überlegener Militärmacht zu messen; sie dürfen daran partizipieren, wenn sie dazu ihrerseits Bei­träge liefern.

Auch für den Nahen Osten erneuert Obama Amerikas unbedingten Führungsanspruch. Dort gilt es auf mögliche Feinde im Allgemeinen aufzupassen, um „America’s own security against those who threaten our citizens, our friends, and our interests“, zu verteidigen. Wo auch immer die USA ein Stück Welt zum Gegenstand ihrer Aufmerksamkeit machen, da haben sie ihre Hoheit, in letzter Instanz sich und ihre Zuständigkeit zu sichern, also das Recht, als Schutzmacht aufzutrumpfen. Im Nahen Osten gilt es ins­besondere den Iran auch mit kriegerischen Mitteln an allem zu hindern, was man in Washington als Griff nach der Atombombe wertet. In der Region, in der Bush zwei Kriege für nötig hielt, um Amerika sicher zu machen, bleibt die Herstellung einer Kriegsfront das entscheidende Mittel für „the renewal of American leadership“. Das verbindet die USA mit Israel – dafür werden aber auch die Anrainer beansprucht. Und in diesem Geist wird der Irak in eine von Washington definierte und beaufsichtigte ‚Eigenstaatlichkeit‘ über­führt.


© GegenStandpunkt Verlag 2012