Mitglieder der herrschenden Elite in Deutschland fühlen sich durch die patriotischen Herzensergießungen eines bewährten Mitglieds heftig auf den Schlips getreten. Dass all ihren sozialrechtlichen Hebeln zur Drangsalierung der Arbeitslosen vorgehalten wird, doch nur arbeitsscheuem Gesindel das Leben zu versüßen, finden sie äußerst ungerecht. Vollkommen deplatziert und ehrverletzend kommt ihnen der Vorwurf vaterländischer Pflichtverletzung bei der Behandlung derer mit dem „Migrationshintergrund“ vor: Ihr ganzes Ausländerrecht handhaben sie ja schon längst als Waffe gegen „unerwünschte Zuwanderung“, und dass sie bei ihrem Ruf nach „Integration“ der hier ansässigen Fremden ausgerechnet deutsche Kultur und Sittlichkeit aus dem Blick verloren hätten, halten sie für eine ganz üble Nachrede.
Also sind sie sich eine vernehmliche Zurückweisung ihres Kritikers schuldig, und die gestaltet sich bei einem, der von regierenden Patrioten mehr Patriotismus beim Regieren verlangt, denkbar schlicht: Wer derart aufopferungsvollen Dienern der nationalen Sache Verrat am Vaterland vorwirft, exkommuniziert sich selbst aus dem Kreis der berufenen politischen Verantwortungsträger. Da er das offenbar nicht begreift und nicht begreifen will, nimmt man seine Exkommunikation in die eigenen Hände und zeigt an einem, der sich am politisch korrekten Ton in der Demokratie vergreift, dass er fürs erste einmal ausgegrenzt gehört: „Rassismus“ liegt bei einem vor, der den Verlierern der Konkurrenz die geistig-moralischen Defizite attestiert, die der gewöhnliche moralische Mensch bei ihnen nur höchstwahrscheinlich vermutet. Wo alle, die stolz auf Deutschland sind, Angehörige fremder Völker lediglich für minderwertig halten, spricht aus ihm pure „Menschenfeindlichkeit“, wenn er auf mehr Konsequenz beim Umgang mit minderwertigem Menschenmaterial pocht. Einfach nur „absonderlich“ und „wenig hilfreich“ ist es, wenn er die Dringlichkeit seines Ansinnens auch noch mit dem Verweis auf Genmaterial und Fertilitätsraten untermauert: Das ist ein „Biologismus“, der in einem Land absolut nichts zu suchen hat, das allenfalls an einem Mangel deutscher Nobelpreisträger und an einer Überfremdung durch Familien aus einer morgenländischen Subkultur leidet!
Als Kritiker mit Anklängen an eine Zeit, an die wir Deutschen uns gar nicht gerne zurückerinnern lassen, wird Sarrazin also ins moralische Abseits gerückt – und dann geben die guten christlichen und sozialen Demokraten im Land auf ihre Weise zu Protokoll, wie ungemein vertraut ihnen alle Drangsale sind, die dieser Nestbeschmutzer nicht länger aushalten mag. Sie sehen sich zu der Klarstellung veranlasst, in welch guten Händen alle „Probleme“ liegen, die Sarrazin aufrührt, und bedienen alle durch so viele Fremde im eigenen Land beleidigten patriotischen Gemüter mit einer politisch absolut korrekten Orgie des deutschen Nationalismus.
Die Selbstdarstellung der Machthaber, im Gegensatz zu den Verdächtigungen ihres Kritikers die Sache mit den Ausländern erstens im Griff zu haben und zweitens ausschließlich zum Wohl der Nation zu regeln, hebt an mit einer – selbstverständlich kontrovers geführten – Diskussionsrunde, in der die Regierenden des deutschen Standorts alles Nötige zur richtigen Auffassung dessen ermitteln und unters Volk bringen, was mit der Rede vom
gemeint ist. Die Präzisierung, die sie sich da schuldig sind, betrifft zwei Abteilungen. Einmal will der Grundsatz bekräftigt sein, dass eine Nation, die in der globalisierten Konkurrenz ihre Erfolgsgrundlage hat, sich beim Zugriff auf die Ressource ‚Humankapital‘ unmöglich auf das beschränken kann, was sie innerhalb der eigenen Grenzen vorfindet. Damit niemand überhört, dass der Akzent dabei auf Zugriff liegt und bei Ressource an das besitzanzeigende Fürwort zu denken ist, das zu Nation gehört, will das eigens hervorgehoben sein: Als ob die Regierenden bei der Wahrnehmung ihrer Pflicht, für ausreichend kapitalistisch nutzbares, williges und billiges Menschenmaterial zu sorgen, jemals aus dem Blick verloren hätten, wofür sie diese Fremden überhaupt nur für längere Dauer ins Land lassen, und als kommandierten sie nicht selbst einen ganzen rechtlichen Apparat nur dazu, das staatliche Interesse an der Verfügung über diese Leute als bestimmendes Prinzip jeder Berechtigung für Aufenthalt und Arbeit zu exekutieren, sehen sie sich aktuell zu der Bemerkung veranlasst, dass „Zuwanderung“ etwas ist, was von Staats wegen „gesteuert und begrenzt werden“ (CDU) muss. Diese Versicherung, beim Steuern und Begrenzen der Zuwanderer keinesfalls etwas anbrennen zu lassen, leitet die Präsentation von Korrekturen ein, mit denen man die Regulierung der Zufuhr von Fremden demnächst zu optimieren gedenkt. Wie absurd jedenfalls Beschwerden an ihre Adresse sind, das in der Welt verstreute Potential der Tüchtigen zu missachten und stattdessen lauter Kandidaten für eine Karriere in den Laufbahnen der öffentlichen Wohlfahrt einwandern zu lassen, geht allein schon daraus hervor, dass Deutschland, wenn überhaupt jemanden von auswärts, dann nur „kluge Köpfe aus aller Welt braucht“ (v.d. Leyen, CDU). „Ausländische Fachkräfte“ sind dazu ausersehen, den „Mangel an gut ausgebildeten Beschäftigten in der deutschen Wirtschaft einzudämmen“ (Brüderle, FDP), eine „gezielte Zuwanderung von Hochqualifizierten, die sich streng am volkswirtschaftlichen Bedarf ausrichten“ (Heil, SPD) muss, braucht das Land für seinen weiteren Erfolg im internationalen Wettbewerb. Den Konkurrenten, gegen die es ihn zu erkämpfen gilt, das geistige Potential wegzunehmen und sich einzuverleiben, die berühmten IT-Fachleute aus Indien wie Ingenieure aus China als Produktivkraft auszuschlachten, die exklusiv deutschen Reichtum mehrt: Das geht bedauerlicherweise nicht, ohne die Träger ins Land zu lassen, in deren Köpfen dieses so nützliche „Expertenwissen“ (Brüderle) sitzt, und das geht natürlich nicht ohne ein gediegenes „Konzept für die Zuwanderung ausländischer Fachkräfte“ (ders.).
So lassen die politischen Profis den kritisierenden Hobbyautor erst einmal ziemlich alt aussehen. Wo der sich zur Kompensation von Deutschlands mangelnden geistigen Ressourcen auf jüdisches Genmaterial kapriziert und es beim höchst unspezifischen Aufruf an die Tüchtigen von anderswo belässt, sich für Deutschland nützlich zu machen, haben die Inhaber der Richtlinienkompetenz über deutsche Ausländerpolitik höchst präzise Vorstellungen darüber, für welche Segmente des Arbeitsmarkts diese Tüchtigen tüchtig zu sein haben, und nehmen beim Einsammeln dieser kostbaren Exemplare überhaupt nicht nur Maß an Stammbäumen: Davon, dass zur Deckung ihres Bedarfs an geistigen Produktivkräften die ganze Welt zur Exploration zur Verfügung zu stehen hat, gehen sie schlicht aus. Freilich leuchten die Wege, zu denen sich der praktizierte Nationalismus des Staates beim Umgang mit Fremden entschließt, nicht jedem Nationalisten unmittelbar ein. Aber zur Behebung derartiger Verständigungsprobleme gibt es ja die demokratische Streitkultur, und während Vorschläge in die Zirkulation der Meinungsbildungsprozesse geworfen werden, wie man mit einem „Punktesystem“ garantieren könne, dass Zuwanderer ausschließlich Deutschland nützen, wird aus Bayern ein Veto laut: „Deutschland ist kein Zuwanderungsland“ (Seehofer, CSU), heißt es da kategorisch. Damit das Publikum ganz bestimmt begreift, dass damit exakt seine gerade etwas heftig aufgewühlten nationalistischen Drangsale angesprochen, zugleich aber auch als höheren Ortes bestens aufgehoben gewürdigt werden, plädiert der CSU-Chef eigens für einen „Aufnahmestopp für Türken und Araber.“ An eine Zuwanderung ausgerechnet aus diesen Volkskreisen hat zwar wirklich keiner seiner Kollegen gedacht, im Gegenteil: Die erlesenen Bedingungen, die sie an einen allenfalls noch tolerablen Zuzug nach Deutschland stellen, grenzen von vornherein alle aus, die ohnehin nur der Einwanderung ins Luxusleben von Hartz IV verdächtig sind. Aber in einem Land, in dem es Vermittlungsschwierigkeiten zwischen dem Nationalismus des Staates und der nationalistischen Gesinnung des Volkes gibt, tut die Erinnerung daran, dass bedingungsloser Fremdenhass nicht das Gelbe vom Ei ist und es bei all dem Hin und Her mit den Ausländern durchaus um die Selbstbehauptung Deutschlands als letzten Zweck geht, allemal gute Werke: Wenn das mal wieder gesagt ist und damit glaubhaft versichert ist, dass den Deutschland Regierenden wirklich Deutschland über alles geht, mag auch die christliche Volkspartei aus Bayern wieder ihr Plazet geben zu dem Prinzip, „dass wir nicht jeden ins Land lassen, sondern schauen, wer passt zu uns“ (v.d. Leyen): Araber und Türken, da haben wir schon geschaut, passen und nützen nicht, ansonsten passt zu uns, was uns nützt – „unser Land muss für Spitzenkräfte zugänglich sein. Wir wollen aber keine Zuwanderung, die unser Sozialsystem einseitig belastet.“ (CSU, lt. Spiegel-online)
Freilich ist es mit der Kundgabe, bei der Zuwanderung von Ausländern demnächst alles goldrichtig zu machen und bei der Dosierung von Steuern und Begrenzen garantiert nur den Nutzen der Nation im Auge zu behalten, nicht getan. Sarrazin macht mit seiner Kritik der in Deutschland herrschenden politischen Klasse ja vor allem damit Furore, dass er auf die Folgen einer in jeder Hinsicht „fehlgeleiteten“ Ein- und Zuwanderungspolitik deutet und in der Überwucherung der Gesellschaft mit einer fremden Subkultur den gutgläubigen Idealismus einer Politik entlarvt, die meint, solchen Typen könne man mit „Integration“ kommen. Das nötigt die derart angegriffenen Politiker gegenüber ihrem Volk zu einer kleinen Gegendarstellung, das
betreffend. Und wie gräbt man einem Kritiker, der einem vorhält, lauter ungebrauchte und aufgrund ihrer kulturellen Vorprägung auch unbrauchbare fremdländische Volksteile bei sich in Parallelgesellschaften zu beherbergen, erfolgreich das Wasser ab? Indem man ihm und seinem breiten Leserkreis demonstriert, dass man schon längst vor ihm politisch alles Nötige auf den Weg gebracht hat, die Skandale aus der Welt zu schaffen, an denen er sich stößt – alles also, woran er Anstoß nimmt, im Grunde genommen doch nur „Defizite unserer Integrationspolitik“ (Merkel) sind, welche man gerne konzediert, um sich im selben Zug als bewährter Alleinbeauftragter zu ihrer Behebung in den Vordergrund zu rücken. Was diese Politik betrifft, ist sie seit 2005, seit dem Inkrafttreten des novellierten Zuwanderungsgesetzes, geltendes Recht,[ 1 ] und was näher die „Versäumnisse“ dieser Politik angeht, die die Kanzlerin eingesteht, so gehen die darauf zurück, dass für den Geschmack deutscher Politiker noch immer viel zu viele Menschen mit „Migrationshintergrund“ dem seinerzeit definierten Anforderungsprofil in Sachen ‚Integration‘ nicht genügen. Dieses kam über den Kunstgriff auf die Welt, die vielfältigen sozialen Defizite, durch die sich die Zugereisten und ihr Anhang auszeichnen, in einen Ausdruck des Umstands zu verwandeln, dass ihnen als Ausländern vor allem eines fehlt: Die Zugehörigkeit zur deutschen Volksfamilie. Seit dieser genialen Entdeckung nimmt sich die Politik des ärgerlichen Umstands, dass es zu viele Ausländer unter den Arbeitslosen, also zu viele unnütze und wenig brauchbare Ausländer im Land gibt, die nur Kosten verursachen anstatt Deutschland voranzubringen, in besonderer Weise an. Bei diesen Leuten dokumentieren mangelnder Konkurrenzerfolg genauso wie mangelnde Sprachkenntnisse, ihr Verharren in den unteren Schichten der Gesellschaft genauso wie ihr Festhalten an gewohnten Lebenssitten und sozialen Verkehrsformen immer nur dasselbe: Das Versäumnis, an sich selbst wirksam den Mangel zu korrigieren, als Fremdkörper gar nicht in das Land hineinzupassen, in dem sie sich als Dauergäste niedergelassen haben. „Fördern und fordern“ heißt wie beim Umgang mit dem einheimischen Subproletariat daher das Prinzip, nach dem man sie passend macht, und dass die Regierenden sich da liberales Gutmenschentum oder sonstwie motivierte Zurückhaltung beim Drangsalieren der Migranten vorhalten lassen müssten, ist ein schlechter Witz. Die Vorhaltung ihres Kritikers, zu viele Fremde im Land zu dulden, weisen sie jedenfalls überzeugend mit der Tatkraft zurück, die sie bei der praktischen Umsetzung ihres Willens, das Fremdsein der Fremden keinesfalls mehr zu dulden, an den Tag legen: „Die CSU steht dafür, die Integrationsverpflichtung der Zuwanderer klar auszusprechen“ – und tut das selbstverständlich auch sofort: „Ausländer, die sich nicht integrieren wollen, sollen das Land wieder verlassen müssen.“ Der SPD-Chef lässt sich gleichfalls nicht bitten: „Wer auf Dauer alle Integrationsangebote ablehnt, der kann ebenso wenig in Deutschland leben wie vom Ausland bezahlte Hassprediger in Moscheen.“ Und die Kanzlerin berichtet stolz davon, was es praktisch bedeutet, wenn das Erlernen der deutschen Sprache zu einem „Kernelement von Integration“ befördert wird: „Wer z. B. einen Integrationskurs abbricht, kann, wenn er ALG-II-Empfänger ist, mit 30 % Kürzung bestraft werden, danach mit 60 % und am Ende gibt es nur noch Sachleistungen. Wenn das noch nicht konsequent angewandt wird, werden wir dafür in Zukunft sorgen.“ Und richtungsweisend für alle verkündet der oberste Repräsentant des Staates: „Wer unser Land und seine Werte verachtet, muss mit entschlossener Gegenwehr rechnen.“ (Wulff, Rede zum Tag der deutschen Einheit)
Unter der grauenhaften Vorstellung, im eigenen Land von Undeutschen überwuchert zu werden, leidet also nicht nur ein Sarrazin, und auch in Hinblick auf den Grund seines Missbehagens darf er sich höchstoffiziell ins Recht gesetzt sehen:
verkündet die Kanzlerin, und sie meint damit, dass endlich Schluss gemacht gehört mit dem Umstand, dass die Zugewanderten von allen ihnen großzügig zur Verfügung gestellten „Integrationshilfen“ so wenig Gebrauch machen. Die Überlebensstrategien, die arme Einwanderer angesichts ihrer Lage verfolgen – Familien- und Nachbarschaftshilfe von Landsleuten, billige Wohnungen in Vierteln, in denen schon Einwanderer leben, Zusammenhalt gegen den Ausländerhass der Einheimischen und Desinteresse an Sprache und Bildung angesichts offensichtlicher Chancenlosigkeit in der Konkurrenz – dokumentieren nämlich nur eines: die Hartnäckigkeit, mit der die Betreffenden über Jahre hinweg sich vor jeder Integration in die deutsche Mehrheitsgesellschaft drücken, kurz: ihren Status als „Integrationsverweigerer“. Die richten sich in „Parallelgesellschaften“ ein, die allein schon für sich eine praktizierte Absage an die deutsche Mehrheitsgesellschaft sind, weil sie besondere „kulturelle Milieus“ ausbilden, deren Besonderheiten sich wiederum in der einzigen, schon sattsam bekannten zusammenfassen: Sie passen nicht zu dem, was in Deutschland Kultur ist, und das gilt insbesondere für das eine große Milieu derer mit „muslimischem Migrationshintergrund“, an dem Sarrazin den drohenden Untergang Deutschlands ausgemalt hat. Den befürchten die regierenden politischen Kräfte zwar nicht gleich, wohl aber haben auch sie haufenweise Gefahren entdeckt, die aus den Kreisen der türkischen Subkultur für Deutschland erwachsen und die alle darauf hinauslaufen, dass sich hier eine Mannschaft staatsfern und staatsgefährdend eingehaust hat. Diese Bedrohung in einer Art selbstvergessen-naiven Liebhaberei von Bauchtänzen und morgenländischen Süßspeisen einfach ignoriert zu haben: Das ist der Vorwurf, der als Absage an Multikulti daherkommt; und auch unser Präsident gibt den Ton vor mit der feierlich verkündeten Erkenntnis, „dass multikulturelle Illusionen die Herausforderungen und Probleme regelmäßig unterschätzt haben: Verharren in Staatshilfe, Kriminalitätsraten, Machogehabe, Bildungs- und Leistungsverweigerung (…) dass man Deutsch lernen muss, wenn man hier lebt (…) dass in Deutschland deutsches Recht und Gesetz zu gelten haben.“ (Wulff, ebd.)
Diese Absage ist der Auftakt dazu, endlich mal wieder die Kultur des Heimatlands in den Vordergrund zu rücken, die da in einem rot-grünen Taumel toleranter Beliebigkeit und einem kindischen Fimmel für alles Fremde unter die Räder gekommen ist. „In Fällen von Integrationsverweigerung darf es keine Toleranz mehr geben, Parallelgesellschaften dürfen nicht akzeptiert werden“, heißt es im Leitantrag der CDU, und der Chef der Schwesterpartei teilt diesen Parallelgesellschaften gerne auch positiv mit, worauf es für sie ankommt: Wer in Deutschland leben will, „muss auch bereit sein, die deutsche Alltagskultur zu akzeptieren“. Die Kanzlerin, die ihren Sarrazin gleichfalls gut gelesen hat, macht den nächsten mutigen Schritt und bricht ein weiteres Mal mit dem Tabu, über die „statistisch erwiesene erhöhte Gewaltbereitschaft strenggläubiger muslimischer Jugendlicher“ nicht reden zu dürfen: „Das ist ein großes Problem, und wir können offen darüber sprechen, ohne dass der Verdacht der Fremdenfeindlichkeit aufkommt.“ Von einem derart pauschalen Verdacht kann allein schon deswegen nicht die Rede sein, weil mit den „anderen Kulturkreisen“ (Seehofer), die in Deutschland das große Problem darstellen, ausdrücklich nur die Zuwanderer aus der Türkei oder aus arabischen Staaten gemeint sind. Außerdem: „Zu behaupten, eine ganze Gruppe könne und wolle sich nicht integrieren, halte ich für falsch“, lässt der Bundespräsident verlautbaren, und der muss es wissen. Der kennt sich nämlich mit dem Fehler von Pauschalurteilen deswegen so gut aus, weil er Folgendes für äußerst differenziert und ausgewogen hält: „In streng religiösen Milieus gibt es unter Zuwanderern in Deutschland nicht akzeptable Abschottungen und Auffassungen, die mit unserer Rechtsordnung nicht vereinbar sind.“ Pauschalurteile über die türkischen Immigranten kommen auch dem Generalsekretär der FDP nicht über die Lippen. Solche über eine für Muslime typische „kulturelle Abschottung sind falsch“, meint er, weil für ihn umgekehrt ein Kosmopolitismus richtig ist, bei dem die Spielregeln der deutschen Monokultur von vornherein alle muslimischen und sonstigen Abschottungen planieren: „Wer nach unseren Regeln spielt und mithilft, unser Land nach vorne zu bringen, sollte uns willkommen sein.“ (Lindner im ‚Handelsblatt‘) Dass bei all dem von pauschaler Fremdenfeindlichkeit überhaupt nicht die Rede sein kann, dokumentiert ein weiterer parteiübergreifender Konsens: „Bundesfamilienministerin Kristina Schröder klagt über Diskriminierung der deutschen Bevölkerung im eigenen Land. Auch Grünen-Chef Cem Özdemir verlangt, solche Verhaltensweisen zu unterbinden.“ (Spiegel-online) Null Toleranz für die Ghetto-Kultur der türkischen Fremdlinge ist also auch deswegen geboten, weil sich bei denen „Deutschenfeindlichkeit“ regt und hierzulande jede Art von Ausländerfeindlichkeit „mit aller Härte bekämpft werden“ muss (die Bundesfamilienministerin). Das ist der Kollateralnutzen der Frauenquote bei den C-Parteien: Frau Ministerin wird von irgendeinem als „deutsche Schlampe“ beschimpft, stilisiert sich darüber zum Opfer von Deutschenhass, kann sich deswegen des Hasses aller Deutschen auf das Pack, das sich dergleichen herausnimmt, garantiert sicher sein – und ruft mit dem im Rücken dann ausgerechnet unter der Parole ‚nieder mit dem Fremdenhass!‘ zum Kampf gegen das Türkentum auf deutschen Schulhöfen und Straßen auf!
Auf die Weise präpariert die demokratische Debattenkultur zielstrebig die Essentials heraus, auf die es beim Vorgehen gegen türkischstämmige Integrations-, aber natürlich auch pauschale Fremden- oder gar Islamfeindlichkeit, anzukommen hat: Der Schluss auf einen widerspenstigen ausländischen Willen, der sich dem Deutschen verweigert, ist ziemlich zwingend, und ebenso zwingend ist die Notwendigkeit eines verschärften Zwangsregimes zur zuverlässigen Einwirkung auf diesen Willen. Politisch gilt es auf die Sittlichkeit der störrischen Verweigerer einzuwirken, die sich mehrheitlich durch ihre – auch das hat sich ja gezeigt – Präformierung durch den Islam auszeichnet: Der ist der Kern, der nicht zur deutschen Alltagskultur passt.
Das hat auch Sarrazin auf seine Weise herausgefunden. Bei seiner pauschalen Disqualifizierung des Glaubens an Allah als „Rückschritt“ wollen es die regierenden Politiker aber nicht bewenden lassen. Sie wollen ermitteln, wo genau bei diesem Islam und seinem Anhang die Trennlinien zwischen Passen und Nicht-Passen verlaufen. Das sind sie einer „Willkommenskultur“ (Innenminister de Maizière) schuldig, die Deutschland beim Anwerben der Tüchtigen aus aller Welt „attraktiv machen“ (ders.) soll. Und schuldig sind sie das natürlich auch einem sorgfältigen Umgang mit der nun einmal als undeutschen Störfall dingfest gemachten Andersgläubigkeit. Also machen sie sich an eine Fortsetzung ihrer „Integrationsdebatte“, die ihr Feindbild ein wenig präziser fasst, und leiern zu dem Zweck einen
an. Das dringende Bedürfnis nach dieser weckt der deutsche Bundespräsident mit seiner Rede ausgerechnet zum Nationalfeiertag der Deutschen und dann später noch einmal ausgerechnet vor dem türkischen Parlament, in der er wissen lässt, dass seiner Auffassung nach „der Islam inzwischen auch zu Deutschland gehört.“ Hinzugefügt hat er in derselben Rede freilich schon auch, dass eben dies genau das Problem begründet, das Deutschland mit diesem Glauben hat, denn wer zu unbedingt an Allah glaubt, liebt das Land nicht wirklich, das ihm die Hand zur Integration reicht – und noch einmal: „wer unser Land und seine Werte verachtet, muss mit entschlossener Gegenwehr rechnen.“ Letztere ereilt ihn dann allerdings selbst, und zwar von den Rechtgläubigen aus den eigenen Reihen. In der CSU hält man allein schon die bloße Feststellung, dass der Islam „zu uns“ gehört, für ein an Feigheit vor dem Feind grenzendes Zugeständnis und einen Angriff auf alles, was den Deutschen heilig ist. Als ob ausgerechnet der deutsche Präsident in seiner Rede das auch nur irgendwie gemeint hätte haben können, hält man ihm entgegen: „Deutsche Leitkultur ist nicht der Islam“, und damit das deutlich genug verstanden wird, zeigt sich CSU-Mann Söder demonstrativ offen für ein Burka-Verbot in Deutschland: Auch wenn es hierzulande kaum jemand trifft, wäre es doch „ein wichtiges Signal, schließlich ist die Burka nicht gerade ein Zeichen von Integrationswilligkeit“ (Spiegel-online) – nach Söders Dafürhalten gehörte sich also eigentlich der muslimische Unwillen zur Integration verboten. Die deutsche Kanzlerin sieht sich zu der Klarstellung gedrängt: „Der Islam gehört auch zu Deutschland. Das bedeutet aber nicht, dass der Islam das Fundament des kulturellen Verständnisses Deutschlands ist“, und setzt ihrerseits ein weiteres wichtiges Signal für das, was es für Islamisten zu bedeuten hat, sich im deutschen Kulturraum aufzuhalten. Dem Zeichner der Mohammed-Karikaturen überreicht sie den ‚Medienpreis‘ für seine „Unbeugsamkeit“ in Sachen Meinungsfreiheit, verlangt von den Muslimen in Deutschland also Respekt vor der freien Meinung, den Gott, an den sie glauben, als Hort des Terrorismus zu identifizieren, der den Westen bedroht: Der Gegenstand ihrer gläubigen Verehrung ist ein Bild für all das, was sie zum Feind des Westens und seiner Kultur macht, und wenn ihr Glaube so viel Toleranz zuließe, das einzusehen, wären sie schon ziemlich gut integriert...
Das sind sie aber nun einmal nicht, was die große Christenpartei dazu inspiriert, endlich einmal auch positiv auszudrücken, woran sich die Muslime in Deutschland anzupassen haben: „Die christlich-jüdische Tradition und die historischen Erfahrungen sind die Grundlage für den Zusammenhalt unserer Gesellschaft und bilden die Leitkultur in Deutschland.“ (CDU-Leitantrag) Was Sarrazin mit der „kulturellen Substanz“ anspricht, in der für ihn die „Identität der Deutschen“ begraben liegt, ist für die Regierungspartei die wechselseitige kulturelle Befruchtung, zu der es Christen und Juden gebracht haben – zusammen mit den wunderschönen Erfahrungen, die sie dabei seit den ersten Pogromen des Mittelalters sammeln durften: Das ausgerechnet wäre es, was das Leben in Deutschland bestimmt und das Zusammenleben der Deutschen regiert. Und wie schon bei dem großen Freund der deutschen kulturellen Identität, erfüllt auch bei den regierenden Christen diese Idiotie nur einen guten Zweck und kommt auch überhaupt nur für den auf die Welt. Der besteht nach der einen Seite darin, in Gestalt einer höherwertigen inneren Orientierung die eigene Determination zur Parteilichkeit fürs deutsche Kollektiv zur Sprache zu bringen, gleichsam auf einen ins sittlich Höchste weisenden Kompass deuten zu können, der einem in all seinem Treiben die Richtung angibt und damit das Treiben aller zu „unserer Gesellschaft“ mit dem Kennzeichen D macht. Damit ergibt sich auch die zweite Zweckmäßigkeit einer derartigen Orientierung schon ganz von selbst: Sie firmiert als zuverlässiger Maßstab zur Vermessung abweichender „Wertorientierungen“ und der Scheidung derer, die ihnen nachhängen, von denen, die sich unter dem Dach vereint wissen, auf dem ‚deutsche Leitkultur‘, ‚Abendland‘, ‚Freiheit‘ oder sonst was unendlich Hohes und Respektables steht. Und so denkbar grundsätzlich diese Scheidung ist, so unwiderruflich ist sie ihrer Tendenz nach auch, denn eines steht fest: Weil das Gefühl der innerlichen Verbundenheit mit einer deutschen Volksgemeinschaft keiner Begründung bedarf, keines abwägenden Entschlusses und schon gleich keiner Vorteilsrechnung, wird ein Zugereister das Misstrauen, hier absolut nichts zu suchen zu haben, auch dann nicht los, wenn er willig lernt und in Fragebögen richtig ankreuzt, wie sein Gastland und dessen Werte zu achten sind. Wem man solches überhaupt erst abfordern muss, der verfügt ja offensichtlich nicht über die schönen Eigenschaften, die den Volksgenossen auszeichnen, liefert das Bekenntnis zu Deutschland erst auf Anfrage ab, weswegen dieses womöglich auch nur das berechnende Gegenteil des Gewünschten ist.
Klar ist also, dass der Aufruf zu verlässlicher deutscher Sittlichkeit, den die Republik an alle zukünftigen Einreisewilligen und als Maxime zur Integration der schon längst Eingereisten erlässt, letztere auf Dauer zum Gegenstand penibelster Aufsicht und Kontrolle definiert. Das Verhalten moslemischer Zugereister gibt den Wächtern deutscher Sitte grundsätzlich, also auch auch dann zu denken, wenn die gar nicht viel anderes tun als Einheimische: Kriminelle klauen da nicht einfach, sondern sind möglicherweise prinzipielle Feinde „unseres Rechts“; wenn sie heiraten, zielen sie auf „unsere Grundrechte“, weil ihnen der Sinn sowieso nur nach „Zwangsheirat“ steht; wenn sie morden, dann begehen sie „Ehrenmorde“, töten also nicht aus niedrigen, sondern unverständlicherweise aus dem allerhöchsten aller moralisch wertvollen Beweggründe; wenn sie arm sind, sind sie berechnend arm und nutzen uns „als Sozialsystem für die ganze Welt“ (Seehofer) aus; Jugendliche sind „gewaltbereit“ wegen der „muslimischen Machokultur“, selbst dann, wenn die Forscher der Familienministerin gesucht und doch „keine belastbaren Zahlen“ dafür gefunden haben, usw. Ihr Gott ist eben nicht unserer und ihr Erdogan ein konkurrierender Herr. Und weil man nicht wirklich weiß, ob sie dem deutschen Kaiser geben dürfen, was des Kaisers ist, muss man noch lange auf sie aufpassen. Da braucht es also verstärkte Anstrengungen, Allah verlässlich einzudeutschen – „mit der Einführung des Islamunterrichts unter staatlicher Aufsicht und in deutscher Sprache sieht die CDU die Chance, das friedliche Zusammenleben von Angehörigen aller Religionen weiter zu verbessern“ (Leitantrag der CDU) – und die islamischen Verbände und Geistlichen auf eine gar nicht freiwillige Selbstkontrolle ihres Gemeindelebens zu verpflichten.
So passt alles wunderschön zusammen: Ein elitärer Saftsack malt mit einer anti-islamischen Hasspredigt den Untergang Deutschlands an die Wand – und avanciert darüber bei einem Publikum zum Star, das er wegen seiner Bildungsferne und sonstigen moralischen Minderwertigkeit mehrheitlich zutiefst verachtet. Die hauptamtlich für die Kultur des Landes Zuständigen führen eine „Sarrazin-Debatte“, nicht, um mit diesem Herrn zu debattieren, sondern um sich die Monopolstellung im Kampf gegen die auch von ihnen als Gefährdung Deutschlands identifizierte muslimische Subkultur zu reservieren. Das müssen sie einerseits, weil ihnen an einer Willkommenskultur gelegen ist, die das „Einwanderungsland Deutschland“ für hochintelligente Immigrationswillige aus der ganzen Welt – die islamische mit eingeschlossen – attraktiv macht. Und das wollen sie andererseits unbedingt, um ihrem Volk gegenüber klarzustellen, dass der Kampf gegen undeutsche Parallelgesellschaften bei ihnen in besten Händen ist. Denn was das „Integrationsland Deutschland“ und die Integration muslimischer Fremdbürger betrifft, hat Sarrazin die Flinte viel zu früh ins Korn geworfen. Wo er meint, mit ihrem Verzicht auf entschlossene Zwangsmassnahmen gegen die Integrationsverweigerer habe sich die staatliche Integrationspolitik ein einziges Zeugnis ihres Scheiterns ausgestellt, geben die Integrationspolitiker ihm und seinem patriotischen Anhang zu verstehen, dass ihnen in dieser Frage resignativer Kleinmut absolut wesensfremd ist: Nach ihrem Willen haben die Repräsentanten störender islamischer Gläubigkeit ganz unbedingt aus dem Land zu verschwinden – entweder so, dass sie mit allen Mitteln staatlicher Repression mit Erfolg aus dem hinausgeekelt werden; oder eben so, dass sie dank der Anwendung derselben Mittel überzeugend an sich selbst alles tilgen, was der deutschen Alltagssittlichkeit so unangenehm aufstößt. So lässt sich als
festhalten: Sarrazins Traum von Deutschland, in dem die Deutschen unter sich sind, ist – das ist die Frohe Botschaft für den Rest der guten Deutschen, die denselben Traum bei jeder Gelegenheit abrufen, bei der ihnen ein Türke störend auffällt – überhaupt kein Traum. Alle echten Verantwortungsträger für Deutschland arbeiten daran, dass das allererste Lebensbedürfnis deutscher Volksgenossen praktisch bedient wird: Um die Einwanderer, auf die sich ihr Hass auf alles Fremde konzentriert, wird sich speziell gekümmert, das Glücksgefühl, einfach nur mit ihresgleichen unter sich zu sein, können sie auch dann genießen, wenn diese Migranten ordentlich unter den Zwang gestellt werden, sich Deutschland passend zu machen. Und wenn demnächst fremdrassige Intelligenzbestien einreisen, müssen sie sich nur daran erinnern, dass die ausschließlich als wertvolle Beiträger zum Erfolg des Landes auserkoren wurden, das ihnen am Herzen liegt...
Vgl. GegenStandpunkt 4-06: Stichwort Integration – Die Nation beschafft ihren Immigranten eine deutsche Staatsbürgernatur