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GegenStandpunkt 4-10

Thilo Sarrazins großer Wurf

„Deutschland, erwache!“ – reloaded 2010

Wäre es denn so, dass die Nation in ihrem Behauptungskampf gegen andere endgültig vor die Hunde zu gehen drohte, und einer wollte herausgefunden haben, warum: Weil die Arbeitskraft von Millionen Deutschen brachliegt; weil auch ihr Nachwuchs vor sich hin gammelt; weil fremde Volksgruppen sich im Land breitmachen, das Gemeinwesen materiell schädigen und seine Werte zersetzen; und weil vor allem die Regierenden den Ernst der Lage absolut verkennen, meinen, die Elenden wären beim Sozialstaat und die Fremden bei der Ausländerbehörde weiterhin bestens aufgehoben – wäre es so, hätte einer wie Sarrazin womöglich das Zeug zum Vordenker einer Bewegung, die sich aufmachte, den Staat ein wenig umzukrempeln, um ihn vor seinem Untergang zu retten.

Aber so ist es ja überhaupt nicht. Deutschland liegt überhaupt nicht am Boden, ringt vielmehr unter seiner politischen Führung seine Konkurrenten nieder und bucht das Elend von Millionen nutzlosen Bürgern als Konsequenz des Erfolgsprinzips einer Exportnation ab, die sich mit konkurrenzlos rentabler Ausbeutung ihrer Arbeitskräfte daranmacht, die, wie es so schön heißt, ,,Herausforderungen einer globalisierten Welt“ zu bewältigen. Die vielen Fremden sind im Land, weil der Zugriff auf billige Arbeitskraft, von dem der Standort lebt, keinesfalls durch seine Grenzen beschnitten werden darf, und sie teilen ihr Schicksal mit den Mitgliedern der einheimischen Reservearmee, weil die Herren des kapitalistischen Wachstums auch nach ihrem Angebot keinen Bedarf anmelden. Bei derart unabweisbaren Sachzwängen, die der internationale Konkurrenzerfolg gebietet, ist und bleibt es eine verschwindende rechtsradikale Minderheit, für die das Elend der Massen einen Verstoß gegen die Sozialpflicht des Staates bezeugt, aus seinem ganzen Volk etwas Gescheites zu machen, und dabei vor allem: aus seinem Volk, weshalb Fremde für sie hier nichts zu suchen haben. Zu diesen Patrioten gehört einer wie Sarrazin definitiv nicht. Wenn der demonstrativ an der Verfassung seines Vaterlands leidet und dabei auf das Elend und die vielen Fremden verweist, stößt er sich schon in einer äußerst aparten Weise an diesen Begleiterscheinungen des deutschen Erfolgswegs. Angesichts des Heers von unbrauchbaren Landsleuten und überflüssigen Zugereisten fühlt sich dieser Deutsche in seinem Land nicht mehr so wohl, wie er es gerne täte: Im Verlust deutscher Sitte und Kultur, wie er sie schätzt, droht in seinen Augen perspektivisch der Untergang der Nation – und um sie vor dem zu retten, schreibt er sein Buch.

Das Buch wird zum Bestseller, der nicht nur großen Teilen des Volkes aus dem Herzen spricht. Auch den politisch Verantwortlichen im Land bietet er die gern ergriffene Gelegenheit, den wahren Gehalt ihrer Verantwortlichkeit zur Sprache zu bringen und auch, wie sie praktisch der „Problematik“ zu begegnen gedenken, die der Autor ausbreitet. Der meinungsbildenden demokratischen Öffentlichkeit gibt er gleichfalls viel zu denken. Nach ausgiebiger Prüfung tendiert sie überwiegend dazu, einem mutigen Tabubrecher Anerkennung entweder wegen seines Mutes zu zollen, einmal gesagt zu haben, was Sache ist in Deutschland. Oder deswegen, weil seinetwegen endlich eine „Diskussion“ in Gang gekommen ist, in der diese Sache im Zentrum steht.

Offenbar ist die Idee der völkischen Selbstbehauptung auch in einer demokratischen Zivilgesellschaft fest verwurzelt, und dies auch dann, wenn sie als Liebhaberei von Kultur daherkommt. Sarrazins Erfolg demonstriert jedenfalls, wie ausgezeichnet sich Demokraten darauf verstehen, aus einer Warnung vor dem Verfall deutscher Werte den Ton des faschistischen Kritikers herauszuhören: Der ist es und eher nicht die Liebe zur deutschen Sprache, der bei sehr vielen sehr gut ankommt. Anderen aus dem Umkreis regierender Nationalisten und ihres öffentlichen Anhangs missfällt derselbe Ton hingegen – und sie halten Trennlinien dem Autor gegenüber für geboten, weil sie unter den Zuständen, die er anprangert, doch etwas anders leiden als er.

Das Buch

„Staat und Gesellschaft“

Sarrazin argumentiert für seine Überzeugung, seine Thesen stellt er durchwegs als Schlussfolgerungen dar, die er als Konsequenz aus vielen Erkenntnissen der modernen empirischen Wissenschaft gezogen haben will. „Deutschland schafft sich ab“, lautet die Diagnose im Titel seines Buches, und zu deren Untermauerung tut es Sarrazin nicht unter einer großmächtigen welthistorischen Einordnung der Lage der deutschen Nation. Die freilich gestaltet sich erfrischend kurz. Mit der historisch astrein ermittelten praktischen Wahrheit, dass die Geschichte der Menschheit eine der Herrschaft ist, ergibt sich als erste „Grundwahrheit“: Herrschaftliche Gewalt ist eine der „Konstanten der Menschheitsgeschichte“ (24; alle Zitate aus: T. Sarrazin, Deutschland schafft sich ab, DVA, 2. Aufl., 2010). Wozu Herrscher im einzelnen ihres Amtes walten und was sie ihren Untertanen deswegen an Vorschriften auferlegen, interessiert Sarrazin allein in einer Hinsicht: Ihm ist die Konstanz der von ihm ausfindig gemachten Konstante wichtig, das, was den Erfolg von Herrschaft garantiert. Dazu vermeldet er die nächste Grundwahrheit, die dem modernen Zeitgenossen mindestens so plausibel sein dürfte wie die Vorstellung, dass Gewalt ein Naturgesetz ist: Damit Staaten überhaupt erfolgreich herrschen können, müssen sie, wer hätte es gedacht, ihre Leute irgendwie hinter sich bringen – „erfolgreiche Staatsmodelle (…) basieren auf einer Legitimationsgrundlage jenseits des Individuums – sei es die Religion, sei es die Idee der Volksherrschaft, sei es eine Ideologie, die als Religionsersatz“ (30) dient. Falls Staaten sich zur ‚Idee der Volksherrschaft‘ als Grundlage ihrer Legitimität entscheiden sollten, hat das insofern einiges für sich, als damit ja feststeht, dass das Volk sich mit seiner Herrschaft nur selbst einen guten Dienst erweist. Das hat für diese Staaten dann freilich auch praktische Konsequenzen: „Ihr wirtschaftlicher und materieller Erfolg hängt ab von ihrer Fähigkeit, dem Erwerbsstreben des Individuums einen gesicherten Raum zu geben.“ (30 f.) Menschheitsgeschichtlich betrachtet ergibt sich so insgesamt der Befund, dass herrschaftliche Gewalt am erfolgreichsten dort ausgeübt wird, wo sie über eine reichlich talentierte Bevölkerung verfügt:

„Alle Untersuchungen zeigen, dass Volkswirtschaften, Gesellschaften und Staaten umso erfolgreicher sind, je fleißiger, gebildeter, unternehmerischer und intelligenter eine Bevölkerung ist.“ (34)

Und wenn es sich so verhält, dann brauchen solche Volkswirtschaften und Staaten für ihren zukünftigen Erfolg auch Leute, die das Volk im Hinblick auf seine Tauglichkeit beständig einer kritischen Prüfung unterziehen. Dazu sieht unser Autor sich berufen.

Fassen wir zusammen. Der ausgiebige Umgang, den Sarrazin mit Bankiers, Industriellen und anderen Mitgliedern der besseren Gesellschaft pflegt, die rastlos an ihrem Erfolg stricken und neben- oder hauptberuflich dem Rest der Menschheit zu verstehen geben, worauf es im Leben so ankommt, hat unseren Autor über eines belehrt: Ein modernes Gemeinwesen wie unseres kann einfach nur in unternehmerischem Fleiß oder fleißigem Unternehmertum von gebildeten Leuten die Grundlage seines Erfolges haben. Die haben aus dem Erwerbsstreben, das jedes Individuum von Natur aus hat, das Beste gemacht, für sich wie für den Staat. Sie lenken von da aus freilich sofort den Blick auf alle anderen Bürger, die mit ihren Talenten als Ressource der Staatsmacht zu funktionieren haben, und da ist Sarrazin zum Ergebnis gekommen, dass das Volk nicht so funktioniert, wie es soll. Inwiefern und warum nicht, erklärt er in den weiteren Kapiteln seines Buchs.

„Zeichen des Verfalls“

Eine weitere Konstante hat sich dem Autor bei seiner Befassung mit der Geschichte der menschlichen Zivilisation aufgedrängt. Sie betrifft den Umstand, dass sich überall dort, wo wenige über viele regieren, regelmäßig eine gewisse Ungleichheit der Lebenschancen verfestigt, der Reichtum sich in den Händen der herrschenden Klasse, die Armut bei den Massen häuft – und auch das erklärt sich für ihn ganz durch sich selbst: „Zu allen Zeiten waren Gesellschaften geschichtet.“ (80) Was die Ausformung dieses Naturgesetzes in demokratischen Gesellschaften betrifft, die, wie man hörte, vom Schaffensdrang ihrer Bevölkerungen leben, so sammeln sich in der deutschen z.B. ansehnliche Teile derselben in einer ‚Unterschicht‘: Massen von arbeits- und damit einkommenslosen Leuten, an denen das praktische Urteil vollstreckt wird, nach Maßgabe der marktwirtschaftlichen Prinzipien, nach denen hierzulande allein gearbeitet und Reichtum geschaffen wird, schlicht überflüssig zu sein. Dieser Ausschuss der kapitalistischen Bewirtschaftung des ‚humanen Kapitals‘ ist der Stoff, der Sarrazin zu denken gibt – in Hinblick auf die Wichtigkeit, die ein allseits erfolgreiches Erwerbsleben strebsamer Bürger seiner Auffassung nach für den Staat hat. Dieser Blickwinkel sorgt sogleich für eine erhebliche Verfremdung des Grundes, der für ein Phänomen wie eine ‚Unterschicht‘ verantwortlich ist:

„Während die Tüchtigen aufsteigen und die Unterschicht oder untere Mittelschicht verlassen, wurden und werden in einer arbeitsorientierten Leistungsgesellschaft nach ‚unten‘ vor allem jene abgegeben, die weniger tüchtig, weniger robust oder ganz schlicht ein bisschen dümmer und fauler sind.“ (80)

Was die Mitglieder dieser ‚Leistungsgesellschaft‘ im einzelnen so zu tun, wofür sie möglichst robust zu sein haben, gescheit und emsig, scheint zwar irgendwie mit Arbeit zu tun zu haben, ist dem Autor aber nicht weiter wichtig. Für ihn erledigt sich das der Hauptsache nach schon mit dem Prinzip Leistung, mit dem diese Gesellschaft sich im Namen schmückt. Eine Staatsgewalt, die die Konkurrenz ums Eigentum und seine Mehrung verfügt; kapitalistische Eigentümer, die in ihrer Konkurrenz mit dem rentablen Einsatz von Arbeit kalkulieren; Eigentumslose, die zu ihrer bloßen Existenzsicherung zur Konkurrenz um einen der begehrten ‚Arbeitsplätze‘ genötigt werden: Von all dem wird im Begriff der „Leistungsgesellschaft“ radikal abstrahiert und an dessen Stelle ein abstraktes Prinzip von Gesellschaftsbildung gesetzt, bei dem der Tüchtigere gewinnt. Die Teilnehmer des Wettstreits sind als Leistungspotential definiert, das sie in Gestalt ihrer geistigen Grundausstattung – tüchtig und robust, dumm und faul – unterschiedlich einbringen und an dem sich bemisst, wie weit es seine jeweiligen Träger nach ‚oben‘ oder ‚unten‘ bringen; etwas anderes haben sie nicht im Sinn. Entsprechend ist die Gesellschaft eine einzige Einrichtung zur Sichtung des zur Verteilung anstehenden Reservoirs menschlicher Begabungen. Ein „durchlässiges Bildungssystem“ z.B. verteilt schon ganz früh die wenigen Guten zuverlässig nach oben, sorgt im selben Zug freilich dafür, dass sich in „den unteren Schichten“ die vielen Schlechten sammeln, und je gleicher die Chancen sind, die es allen gewährt, „desto eher“ kommen die Guten ins Töpfchen und „blutet die Unterschicht intellektuell aus.“ (84)

Im Bodensatz der Gesellschaft kommen also die Armen im Geiste zusammen, und das meint dieser Schichttheoretiker buchstäblich so. Damit will er nicht bloß die landläufige Meinung ins Recht setzen, derzufolge Misserfolg in der marktwirtschaftlichen Konkurrenz doch nur die gerechte Quittung für einen ist, dem das Gen für Erfolgstüchtigkeit fehlt. Über Seiten hinweg legt er auch Wert auf den Nachweis, dass das, was alle so denken, dem letzten Stand der wissenschaftlichen Forschung entspricht. Er berichtet, worüber ihn seine Erkundungen der Natur des geistigen Vermögens, das homo sapiens zweifellos hat, in Psychologie und Pädagogik belehrt haben, und da gilt für ihn und die Forschung Folgendes als ausgemacht: Erstens handelt es sich bei diesem Vermögen um ein äußerst rätselhaftes Wesen, das getrennt von all den geistigen Betätigungsformen existiert, in denen es sich äußert. Angesichts des Umstands, dass sich diese abstrakte Potenz bei dem einen so, bei dem anderen anders äußert, liegt daher zweitens die Vermutung unmittelbar auf der Hand, dass Intelligenz in unterschiedlichem Maß auf die Köpfe der Menschen verteilt ist, woran sich drittens sogleich die Frage anschließt, wie sie in derart differenzierter Dosierung in selbige hineingekommen ist: Über die Gene oder die Umwelt. Für die Essenz der Lehre, dass es sich beim Geistesvermögen um etwas handelt, das einer mehr oder weniger hat, weswegen er von den Gaben des Verstandes auch nur mehr oder weniger Gebrauch machen kann, ist es freilich ganz egal, welche externen Instanzen ihn mit diesem Geschenk bedacht haben. Sarrazin hat jedenfalls den wissenschaftlichen Mainstream hinter sich, wenn er festhält: „Intelligenz ist aber zu 50 bis 80 % erblich“, und für die Schlussfolgerungen, die er daraus zieht, gilt dasselbe:

„Deshalb bedeutet ein schichtabhängig unterschiedliches generatives Verhalten leider auch, dass sich das vererbte intellektuelle Potential der Bevölkerung kontinuierlich verdünnt. (…) Die Schichtabhängigkeit des generativen Verhaltens in Deutschland ist als stabiler Trend empirisch belegt, belegt ist auch, dass zwischen Schichtzugehörigkeit und Intelligenzleistung ein recht enger Zusammenhang besteht.“ (92 f.)

Die relativ Dummen vermehren sich untereinander relativ mehr, so dass die Gesellschaft absolut immer dümmer wird: Wenn man die passenden Forschungsfragen stellt, ‚belegt‘ die ‚Empirie‘ auch das mit statistischer Sicherheit; Leseschwächen bei Kindern in Hartz-IV-Familien sind gewiss ein ‚stabiler Trend‘, den noch so viel generativer Überschwang belesener Beamter der höheren Laufbahn zusammen mit ihren Genen nicht kompensieren können. Für Sarrazin steht nach allem, worüber er sich kundig gemacht hat, daher fest:

„Der Anteil der Menschen, der aufgrund mangelhafter Bildung sowie intellektueller Mängel nur schwer in das moderne Arbeitsleben integriert werden kann, nimmt strukturell zu.“ (100)

Fassen wir wieder zusammen. Die Gerechtigkeitslüge der Marktwirtschaft, wonach sich jeder mit den gleichen Chancen auf den Weg zum Erfolg macht und in dem, den er sich dann erkämpft, quittiert bekommt, was er an eigenen Potenzen in den Wettstreit der Begabungen eingebracht hat: Das ist für Sarrazin das wirkliche Prinzip, nach dem im deutschen Kapitalismus verdient, gearbeitet und gelebt wird. Im Wege des Umkehrschlusses entdeckt er daher in den Massen gescheiterter bürgerlicher Existenzen nur eines: Wie ausgesprochen schlecht es im Volk um die geistigen Ressourcen bestellt ist, in denen die Herrschaft ihre Erfolgsbedingungen hat, und wie unaufhaltsam der Fortschritt bei der Erosion der Herrschaftsgrundlagen ist, den die geistig Minderbemittelten über die Vererbung ihrer genetischen Garantie für persönlichen Misserfolg betreiben. Dass erfolgreiche Bürger mit hoher Bildung die Verlierer der marktwirtschaftlichen Konkurrenz grundsätzlich als menschlichen Ausschuss verachten: Das kann man bei einem elitären Sack wie Sarrazin als selbstverständliche Prämisse seines Denkens unterstellen. Zum formvollendeten Ekelpaket macht ihn aber das Elitäre des Staatsmanns: Der zwingt ja überhaupt erst mit Gewalt die materiell minderbemittelten Massen zur Erfolgssuche in der Konkurrenz des Eigentums, um dann die Verlierer seiner eigenen Veranstaltung zu bezichtigen, wegen mangelnder geistiger Mittel für erfolgreiches Konkurrieren den Staat und zusammen mit dem das Wohl aller zu untergraben.

„Armut und Ungleichheit“

Für jemanden, für den sich die Konkurrenz in der Marktwirtschaft als Betätigungsfeld von ganz viel Tüchtigen darbietet, hat es mit dem Lebensschicksal derer, die aufgrund ihrer geistigen Defizite ‚nach unten abgegeben‘ werden, seine eigene Bewandtnis. Dass in seiner schönen Leistungsgesellschaft Hand in Hand mit dem Wachstum an Reichtum die Zahl derer wächst, die in Armut leben, stellt Sarrazin überhaupt nicht in Abrede. Das macht auf ihn, der sich allenfalls durch „Armut im Sinne der Bibel oder auch nur des 19. Jahrhunderts“ (105) davon überzeugen lässt, dass Armut materielle Not heißt, nur überhaupt keinen Eindruck. Der geht davon aus, dass verglichen mit den Lebenslagen in Sri Lanka, Somalia und den Slums in Bombay von Armut in dem Sinn in Deutschland grundsätzlich nicht die Rede sein kann. Sicher gibt es Bedürftige; es sind auch sehr viele, die zur Bestreitung ihres Lebensunterhalts auf „Transferleistungen“ angewiesen sind – und an denen nimmt Sarrazin Anstoß, weil er eine ganz spezielle Auffassung über den Bedarf hat, der mit diesen Mitteln zu befriedigen wäre. Arm, das hat man von ihm schon gelernt, sind die Armen ja wegen ihrer geistig-moralischen Defizite, also belegt persönlicher Misserfolg in der Welt des Leistungsvergleich nur, dass es da einer am Willen zur Tüchtigkeit hat fehlen lassen, der die Quelle allen Reichtums ist, und dafür in Gestalt seiner materiellen Bedürftigkeit die Quittung erhält:

„Nicht die materielle, sondern die geistige und moralische Armut ist das Problem.“ (123)

Das Elend, in dem Millionen leben, ist so besehen „kein Einkommens- oder Armuts-, sondern ein Verhaltensproblem“ (119), denn hätten sich die Betreffenden ordentlich verhalten und gescheit angestrengt, hätten sie auch kein Problem mit ihrem Einkommen. Als effektive Sozialleistung für die Bedürftigen schwebt Sarrazin daher ein Umgang mit den Töpfen der Sozialkassen vor, der die Moral der Elendsgestalten auf Vordermann bringt und als „Verhaltenstraining für die Unterschicht“ organisiert ist: Absenkung der Leistungen, weil das Anreize zum Arbeiten schafft, Streichung der Mittel bei denen, die nicht irgendetwas dem Gemeinwohl Dienliches tun, sozialpflegerische Aufsichtsmaßnahmen für Hartz-IV-Familien, damit die Kinder Zucht und Anstand lernen, usw. – das in etwa bräuchte es für ihn, um den menschlichen Schrott der Marktwirtschaft wieder fleißiger und unternehmerischer zu machen. Doch was muss er feststellen:

„Durch unsere Art, die materielle Armut zu lindern, fördern wir millionenfach Passivität, Indolenz sowie die Armut im Geiste und rauben dem Menschen Stolz und Selbstbewusstsein.“ (128)

In der Logik dieses Mannes werden Leute, denen mit dem Wegfall der Nachfrage nach ihrer Arbeitskraft definitiv und praktisch jede Lebenschance verbaut ist, überhaupt erst durch die Transferleistungen zu der Passivität verurteilt, die sie als Objekte der sozialstaatlichen Armutsverwaltung an den Tag legen. Für ihn steht fest,

„dass unsere Art der Armutsbekämpfung Leistungsferne und mangelhaften Willen zur Selbsthilfe teilweise belohnt und damit zur Verfestigung einer transferabhängigen Unterschicht in Deutschland beiträgt“ (134) –

dass es also überhaupt erst die Zahlungen an die mittellosen Mitglieder einer Unterschicht sind, die diese zu dem „Verhalten“ verleiten, das Sarrazin als wahre Armut identifiziert, und so das Armutsphänomen verfestigen, das wir in Deutschland vor uns haben. Das war der erste Teil der Botschaft des Kapitels, der zweite stellt noch einmal die Ungeheuerlichkeit vor Augen, die sich eine Leistungsgesellschaft überhaupt mit Geldzuwendungen an Leute leistet, die gar nichts leisten:

„Um eine Mindestsicherung zu erhalten, die im Weltmaßstab“ – Somalia, Sri Lanka, Bombay... – „Reichtum bedeutet, sind weder schulische Grundkenntnisse noch ein gewisser Fleiß, noch Pflichtbewusstsein im sozialen und familiären Zusammenhang, ja eigentlich überhaupt keine Eigenschaften und Fähigkeiten verlangt, die über das reine Existieren hinausgehen.“ (150)

Für den Empfang eines Mindestbetrags zur Existenzsicherung, mit dem man in der Sahelzone der King wäre, ist hierzulande nichts weiter verlangt als die Qualifikation, nur noch existieren zu wollen – wo kommen wir denn da hin!

Halten wir fest: Sarrazin verachtet den Pöbel auch deshalb, weil er ein großer Humanist ist. Er kann es einfach nicht mitansehen, dass Leute, denen nichts weiter abgeht als etwas Geld, jedes Interesse an ihrem eigenen Lebenssinn fahren lassen und in sich das Bedürfnis abtöten, sich mit Arbeit – irgendwie – nützlich zu machen. Und er verachtet daher auch die Romantiker der Arbeits- und Sozialgesetzgebung – „Gutmenschen“ sind es für ihn – , die ihre Pflicht ignorieren, den Menschen in ihrer wahren Armut zur Seite zu stehen: Anstatt ihr Selbstbewusstsein mit dem Zwang zur Arbeit zu fördern, leisten sie mit ihren Zahlungen zur Grundsicherung nur Anreize zum Geldausgeben.

„Arbeit und Politik“

Nach dem mutigen Tabubruch, den menschlichen Abfall, den das System des Eigentums schafft, als Fehlverhalten der „moralisch und geistig Schwächeren in der Gesellschaft“ (148) zu identifizieren; nach dem nicht minder tapferen Schritt, der Sozialpolitik des Staates den schweren Fehler vorzuhalten, diesen Kreaturen überhaupt erst ein Leben mit „Alkohol, Zigaretten, Medienkonsum und Fastfood“ (149) zu ermöglichen, rückt Sarrazin die Bedrohung in den Vordergrund, die dem Gemeinwesen aus seiner Unterschicht erwächst. Dieser Mann hat es als Finanzsenator zum politischen Befehlshaber über die Lebenslagen der Insassen der Marktwirtschaft gebracht; danach war er Spitzenkraft beim gesamteuropäischen Management des Geldes, um dessen Mehrung sich in den kapitalistischen Gemeinwesen alles dreht; und jetzt hören wir von diesem erprobten Mitglied der herrschaftlichen Elite, was in der Konkurrenz, die er an höchster Stelle beaufsichtigt, in Wahrheit Sache ist:

„Der Markt lebt von dem einfachen Zusammenhang, dass der, der etwas bekommen will, das andere Arbeit und Mühe gekostet hat, dafür etwas geben muss, das ebenfalls Arbeit und Mühe kostet, wenn es dem anderen etwas wert sein soll. Aufgelöst wird dieser Zusammenhang lediglich durch Raub, durch ererbten oder erworbenen Besitz und durch freie Teilhabe an einer Solidargemeinschaft. Ob die Solidargemeinschaft nun der Staat oder die Familie ist, es kommt immer auf die Ausgewogenheit von Geben und Nehmen an, wenn die Verhältnisse dauerhaft gesund bleiben sollen.“ (152)

Dieser ‚einfache Zusammenhang‘, von dem der Markt leben soll, lebt ganz von der Verwegenheit, mit der sich hier einer daran macht, einfach mal von allem zu abstrahieren, was an Phänomenen einer Konkurrenz zum gesicherten Erfahrungsschatz noch des bildungsfernsten Zeitgenossen gehört, und an dessen Stelle eine alberne Idylle zu setzen: Der ewige Kampf um den eigenen Vorteil auf Kosten der anderen, der mit dem Einsatz von „Arbeit und Mühe“ anfängt und beim Einkaufen der Mittel zum Lebensunterhalt längst nicht aufhört – das alles ist nur ein wechselseitiges Geben und Nehmen, wie es im Märchenbuch der Moral und zwischenmenschlichen Gerechtigkeit schöner nicht stehen könnte. „Aufgelöst“ wird dieses gefällige Treiben der Menschen durch „Raub“, was gut zum Märchen passt, aber auch durch den „Besitz“, den einer hat oder erbt, was ganz und gar nicht zum Raub passt, aber auch egal ist, weil Sarrazin in der Hauptsache auf die vom Staat organisierte „Solidargemeinschaft“ als Abweichung von allen marktmoralischen Regeln hinauswill. Die ‚löst‘ für ihn zwar gleichfalls das sittliche Prinzip des Do-ut-des ‚auf‘, von dem der Markt ‚lebt‘, kann aber insoweit noch zu dessen weiterhin ungetrübtem Gesundheitszustand beitragen, als auch sie sich auf die verbindliche Regel festlegt, derzufolge zu jedem Nehmen ein gerechtes Geben gehört. Damit freilich steht es in Sarrazins Augen nicht zum besten, und den Grund kennt man zur einen Hälfte schon: Bei den Mitgliedern einer „weitgehend funktions- und arbeitslosen Unterklasse“ fehlt einfach alles an Willen und Können, sich in dieses wunderschöne Reich der Gerechtigkeit einzuklinken. Die entziehen sich ihrer Mitwirkung am Gelingen des sittlichen Gesamtkunstwerks, das der Markt für Sarrazin ist, und legen gar keinen Wert darauf, Zuwendungen einer Solidargemeinschaft als Ansporn ihrer Ehre zu begreifen und mit nützlichen arbeitsamen Diensten zu entgelten. So gehörte es sich nämlich, denn was für alle Redlichen und Rechtschaffenen gilt, ist auch für sie verbindlich:

„Es ist in erster Linie gar nicht so wichtig, was man arbeitet und was man dafür bekommt. Entscheidend für das Selbstgefühl und die persönliche Zufriedenheit ist das Bewusstsein, den eigenen Unterhalt und den der Familie bestreiten zu können, und der Zwang zur disziplinierten Lebensführung, der sich aus regelmäßigen Pflichten und einem durch sie strukturierten Tagesablauf ergibt.“ (152 f.)

Nein, es ist überhaupt nicht wichtig, was einer arbeitet, und schon gleich nicht, womit ihm seine Mühen materiell entgolten werden, denn Arbeiten ist nichts als die Verwirklichung der Rechtschaffenheit, die einer in sich hat:

„Das Reich der Arbeit ist das Reich der Sekundärtugenden: Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Genauigkeit, Ordnungsliebe, Frustrationstoleranz, Ein- und Unterordnung. Ohne diese Eigenschaften funktioniert kein arbeitsteiliger Wertschöpfungsprozess, ja nicht einmal eine effizient arbeitende Putzkolonne.“ (170)

Auch alles Materielle, das es gemeinhin fürs Arbeiten braucht, ist ‚nicht so wichtig‘. Im wesentlichen braucht es bei diesem durchgeknallten Moralisten der Leistungskonkurrenz fürs Funktionieren der arbeitsteiligen Wertschöpfungsprozesse nicht mehr als die Tüchtigkeit von Tüchtigen, und tüchtig ist eben, wer in Sachen Uhrzeit, Ordnung, Unterordnung und was sonst noch tut, was er zu tun hat. Ein anderes Arbeitsmittel als das, an sich die Bereitschaft zur freiwilligen Unterordnung auch noch gewohnheitsmäßig zur „Eigenschaft“ auszuprägen, ist in Sarrazins moralischem Koordinatensystem nicht vorgesehen, denn solcherart Qualifikation rüstet den Arbeitsmann hinlänglich für den Dienst, für den er allein vorgesehen ist: Mit ihr verfügt er über alle nötigen „Tugenden“, die für das eigene moralische „Selbstgefühl“ „entscheidend“ sind, es nämlich ganz groß machen. Denn hat so ein Selbst einmal entdeckt, dass es einzig darauf ankommt, sich gegenüber allem, was verlangt wird, zu bewähren, kann es mit jeder Bewährungsprobe, die das Leben ihm liefert, in seiner Wertschätzung vor sich selbst nur wachsen. Jedenfalls sieht es ein Mann so, der die Welt der marktwirtschaftlichen Konkurrenz für ein Eldorado der Sittlichkeit hält und deswegen die Moral derer, die in ihr konkurrieren, für die Produktivkraft, die den Reichtum schafft. Damit steht für ihn endgültig fest, dass der Erfolg, den einer hat, nur die Materialisierung der Gesinnung und aller übrigen geistigen Gaben sein kann, die in ihm stecken:

„In einer wirklich chancengleichen Gesellschaft ist jemand nur noch aus Gründen ‚unten‘, die in seiner Person liegen.“ (174)

In der modernen deutschen Demokratie aber trägt die sozialstaatliche Fürsorglichkeit diesem Umstand überhaupt nicht Rechnung – dies ist die zweite Hälfte des Verhängnisses, das die deutsche Solidargemeinschaft für Sarrazin darstellt. In der werden Arme glatt so behandelt, als wäre es nur das Geld, das ihnen fehlt. Zu dem Skandal, dass der Staat derart untaugliches und leistungsunwilliges Menschenmaterial bloß am Leben erhält, es moralisch nicht auf Trab bringt und so überhaupt nichts Nützliches aus ihm macht, kommt noch ein weiterer hinzu – der Staat trägt auf seine Weise auch noch für die Vermehrung dieses an sich gar nicht besonders lebenswerten Lebens Sorge:

„Der moderne Sozialstaat speziell deutscher Prägung tut aber obendrein einiges dafür, dass die weniger Qualifizierten und weniger Tüchtigen tendenziell fruchtbarer sind als die Qualifizierteren und Tüchtigeren: Die materielle Sorge für die Kinder wird ihnen vollständig abgenommen. Für jedes Kind erhalten die Eltern 322 monatlich als vom Staat garantiertes soziales Existenzminimum. Dies ist ein maßgeblicher Grund dafür, dass die Unterschicht deutlich mehr Kinder bekommt als die mittlere und obere Schicht. Für einen großen Teil dieser Kinder ist der Misserfolg mit ihrer Geburt bereits besiegelt: Sie erben (1) gemäß den Mendelschen Gesetzen die intellektuelle Ausstattung ihrer Eltern und werden (2) durch deren Bildungsferne und generelle Grunddisposition benachteiligt.“ (174 f.)

Damit steht zusammenfassend fest: Der deutsche Sozialstaat ist eine einzige Einrichtung zur Zementierung des sozialschädlichen Armutsverhaltens der Armen und stachelt seine moralisch defekte Population auch noch dazu an, ihre verdorbenen Gene an ihre Nachkommenschaft weiterzugeben. Würden sie arbeiten, wären sie auch nicht mehr arm, wie man an allen, die zu Niedrig- oder Mindestlöhnen oder als Aufstocker redlich schaffen, studieren kann. Armut ist eben etwas Sittliches: Wer keine Arbeit hat und keine findet, hat an sich selbst zu arbeiten. Er hat sich anständig aufzuführen, sich auch ohne geregeltes Erwerbsleben so zu benehmen, als hätte er eines, und derart an allen immateriellen Segnungen teilzuhaben, die ein entbehrungsreiches Arbeitsleben in sich birgt. Ob allerdings diese „schlichten Menschen ohne Ehrgeiz“ so etwas hinbekommen, ist sehr die Frage, macht aber den an sie adressierten Auftrag zur sittlichen Selbstvervollkommnung nur umso dringlicher. Eines jedenfalls steht ihnen in ihrer Verfassung überhaupt nicht zu: Sich anstelle des Lebenssinns, der sich in Arbeit auftut, einen anderen zu suchen und Kinder in die Welt zu setzen, die so wenig taugen wie sie selbst. Und darum hat eine wirklich verantwortungsvolle Sozial- und Schulpolitik sich dann auch zu kümmern, mit einer fühlbaren Streichung der gewährten Hilfen zum Lebensunterhalt bei den Eltern, mit einer frühzeitigen Kasernierung der Kinder der Unterschicht, damit sie sittlich reifen und ordentlich eingedeutscht werden können. Aber in ihrem Humanitätsdusel verkennen die Regierenden hartnäckig, dass sich Armut nur durch ein moralisches Erziehungsprogramm der Armen wirksam bekämpfen lässt. Statt dessen mästen sie selbst die Unterschicht, die Deutschland sittlich zersetzt, und, was für diesen Mann dasselbe ist, den Anteil der wahren Deutschen an der Gesamtbevölkerung reduziert. Und es kommt noch schlimmer:

„Zuwanderung und Integration“

Von der Naturkonstante ‚Staatsgewalt‘ war schon im 1. Kapitel die Rede, jetzt erfahren wir, dass die auf ein noch natürlicheres Gesetz zurückgeht:

„Die Kulturleistung der modernen Zivilisation und Staatlichkeit besteht darin, die unaufhebbaren menschlichen Instinkte, die um Territorialprinzip und Gruppenzugehörigkeit kreisen, mit mehr oder weniger Erfolg in staatliche und überstaatliche Organisationen einzubinden.“ (256)

Staaten, die sich überhaupt erst durch die souveräne Verfügung über Menschen und Territorium konstituieren, die sie sich gewaltsam verschaffen und mit einem Grenzregime gegen andere behaupten: Von diesem gebildeten Mann hört man, dass sie damit nur den innersten Triebregungen bestmöglich Rechnung zu tragen suchen, die schon bei den Troglodyten das Sozialleben bestimmten. „Sicherung des Territoriums“ und „Zuwanderungskontrolle“ (ebd.), die vornehmsten Staatsaufgaben, die Sarrazin kennt, dienen so dem Urbedürfnis des Menschen, mit seinesgleichen unter sich zu sein – obwohl diese Menschen ohne eine staatliche Hoheit, die sie sich zu- und unterordnet und auf dem Weg zwangsweise vergemeinschaftet, gar nicht wüssten, auf wen sich ihr Instinkt zur Rudelbildung erstrecken sollte. Sei’s drum. Freilich wird aus dem dumpfen Drang nach Zusammengehörigkeit etwas anderes – und vor allem: viel Besseres – wenn Staaten sich ihrer praktisch annehmen: Das Schutzgut einer „kulturellen Substanz“ kommt dabei heraus, wenn sie mit ihrer peniblen Scheidung zwischen In- und Ausländern der menschlichen Triebnatur zu entsprechen suchen! Staaten veredeln die Instinkte ihrer Bürger zu einer kollektiven Idealität, der die sich dann geistig zurechnen können und die Sarrazin mit „Kultur“ oder den „Werten“ oder den „Wertvorstellungen“ namhaft macht, die sie jeweils für sich als unbedingt maßgeblich erachten: Darin besitzen für ihn Bürger ihre wahre nationale Identität. Für jedermann verbindlich fassen sie alles zusammen, was die Staaten jeweils aus dem Rohmaterial ihrer humanen Ressourcen zu dessen sittlicher Vervollkommnung zu machen verstehen und ihren Leuten als höchsten Sinn ihres Treibens nahebringen: In seinen ideellen Werten lebt für Sarrazin das Volk real als die Gemeinschaft, zu der es seine Mitglieder instinktmäßig drängt.

Mit all dem, was ihm da im demokratischen Deutschland an kulturell hochprozentigen „Werten“ entgegenlacht, ist Sarrazin äußerst glücklich, und nur weil er dies ist, schreibt er sein Buch: Diese genuin deutsche kulturelle Substanz, die er so schätzt, hat man für seinen Geschmack während des letzten halben Jahrhunderts mit einer „überwiegend unhistorischen, naiven und opportunistischen staatlichen Migrationspolitik in Europa“ (257) aufs Spiel gesetzt. Erst wandern Gastarbeiter ein, um, wie man heute weiß, in Industrien zu arbeiten, „die sterbende Industrien waren“ (259); natürlich sterben die Gäste aus dem Süden nicht zusammen mit ihren Arbeitsplätzen weg, sondern hängen mit ihrem familiären Nachzug seither nutzlos herum. Dann kommen noch mehr „Migranten muslimischer Herkunft“ und machen sich trotz ihrer mit „niedrigen Qualifikation verbundenen niedrigen Chancen auf eine gutbezahlte Arbeit“ (287) im Land breit; ihren Anhang nehmen auch sie selbstverständlich mit oder lassen ihn nachkommen. Was ihren Nutzen fürs Gemeinwesen betrifft, gilt für diese Menschen also alles, was auch für die einheimischen Mitglieder der Unterschicht gilt:

„Wirtschaftlich brauchen wir die muslimische Migration in Europa nicht. In jedem Land kosten die muslimischen Migranten aufgrund ihrer niedrigen Erwerbsbeteiligung und hohen Inanspruchnahme von Sozialleistungen die Staatskasse mehr, als sie an wirtschaftlichem Mehrwert einbringen.“

Erschwerend kommt in ihrem Fall aber Folgendes hinzu:

„Kulturell und zivilisatorisch bedeuten die Gesellschaftsbilder und Wertvorstellungen, die sie vertreten, einen Rückschritt. Demografisch stell die enorme Fruchtbarkeit der muslimischen Migranten auf lange Sicht eine Bedrohung für das kulturelle und zivilisatorische Gleichgewicht im alternden Europa dar.“ (267)

Was bleibt von Fremden, die für uns nicht nützlich sind? Von ihnen bleibt das Fremde, und das heißt für unseren Freund des Deutschen: Sie sind Zeugnisse davon, dass da ein anderer Staat als unserer aus seinem Rohstoff etwas anderes gefertigt, ihn im Zuge der Sublimierung seiner Instinkte zur Kultur in ein anderes Korsett von Sittlichkeit geschnürt hat – und allein deswegen passen sie nicht zu uns.

Warum sie das nicht tun, versteht sich so einerseits von selbst. Andererseits verspürt Sarrazin das Bedürfnis, seine Leser von seiner Idiosynkrasie zu überzeugen, also macht er sich auch da an eine Begründung der Verachtung, die er Moslems zollt, weil sie solche sind. Als erstes gibt er zu Protokoll, dass diese durch nichts bedingte, eben instinktive geistige Zuordnung der Menschen zu einem staatlich verfassten Kollektiv ein Fundamentalismus ist, der ihm, dem Staatsmann, schmeckt: „Jeder Werthaltung (haftet) letztlich etwas Fundamentalistisches an“, bekennt er, nennt die Fundamentalisten Gandhi und Hitler als große Anhänger großer Werte in einem Atemzug, um sie dann nach den Kriterien gut versus böse wieder politisch korrekt auseinanderzuhalten, und reiht dann auch noch alle, die sich „dem Geist der Aufklärung verpflichtet“ (274) wissen, in die Riege der aufrechten fundamentalistischen Bekenner ein, denen es um eine gute Sache und sonst nichts geht. Sodann gibt er zu verstehen, was ihm an diesem Fundamentalismus so gefällt. Wer sich zu einem Wert bekennt, braucht auf die Frage ‚Warum?‘ keine Antwort zu geben, denn versucht er sich dennoch daran, schießt er sich ins eigene Knie:

„Jedweder Fundamentalismus ist in der Falle, wenn er sich selbst begründen soll. Er hat nämlich keine Ebene mehr, auf die er zurückfallen kann.“ (274)

Die unbedingte Affirmation der eigenen, als Kultur oder Wert angehimmelten kollektiven Sache, die sich in Bezug auf ihren Grund, Inhalt und Zweck jeder rechtfertigenden Begründung entziehende, pure Parteilichkeit fürs eigene Kollektiv: Das ist für Sarrazin die größte Errungenschaft, zu der es Völker unter Anleitung ihrer Staaten bringen können. Aber, das wissen wir schon, von Staaten und ihren Völkern gibt es eben solche und solche, bringen es die einen zu ihrer, die anderen zu einer anderen Kultur, und in der Auseinandersetzung mit diesem Umstand stellt sich dann doch schnell heraus, dass ein Sarrazin um eine Selbstbegründung seines Fundamentalismus überhaupt nicht verlegen ist. Wofür er bedingungslos parteilich ist, der Wertekosmos, in dem in seiner Vorstellung hierzulande alle geistig vereint sind und aus dem sie alles herleiten, was ihnen heilig und wichtig ist: Der ist einfach besser als das Konkurrenzangebot der Moslems, das, wie es oben hieß, ein einziger „Rückschritt“ ist. So gebietet schon einmal die Sache des menschlichen Fortschritts eine Auseinandersetzung mit dem Islam, die dem Motto folgt: „Gewisse Punkte sind nicht verhandelbar!“ (ebd.), und sich in diesem Sinn an die Ausgrenzung derer macht, deren kultureller Horizont von unserem nach unten abweicht – weil entweder ihrer Herrschaft bei der Veredlung ihres völkischen Rohstoffs der Geist der Aufklärung fehlt oder der Rohstoff für den gar nicht empfänglich ist. Der zweite Grund, der beim Umgang mit Türken und Arabern jede Toleranz verbietet, liegt jedenfalls in folgendem:

„Die Muslime in Deutschland und im übrigen Europa unterliegen einem fremden kulturellen und religiösen Einfluss, den wir nicht überblicken und schon gar nicht steuern können. Wir dulden das Anwachsen einer kulturell andersartigen Minderheit, deren Verwurzelung in der säkularen Gesellschaft mangelhaft ist, die nicht unsere Toleranzmaßstäbe hat und die sich stärker fortpflanzt als ihre Gastgesellschaft. (…) Die unscharfe Trennlinie zwischen Islam und Radikalität, Fundamentalismus und Gewalt, die hohe Fertilität der muslimischen Migranten und die Einschränkung der Frauen, die viele abstößt, das alles bereitet der nicht-muslimischen Bevölkerung Sorgen und lässt ihre Ablehnung wachsen...“ (278)

Muslime glauben nicht, sondern sind in ihrem Glauben von einer fremden Macht determiniert. Auf die haben „wir“ – der Pluralis Majestatis des Fundamentalisten freiheitlicher Werte – keinen steuernden Zugriff, können sie also für unsere geistigen Formatierungsanliegen, die dem Zusammenhalt unseres Kollektivs und seinen Toleranzmaßstäben dienen, nicht instrumentalisieren. Diese fremde Macht wächst: In Gestalt der Türken und Araber macht sich in Deutschland zwar nicht gleich ein Staat im Staate, aber eben doch so etwas wie ein Volk im Volke in Gestalt fremdartiger „Parallelgesellschaften“ (293) breit, die dank überreichlicher Nachkommen nicht nur so vor sich hin wuchern. Ihre Insassen bezeugen allein schon durch den Umstand, dass sie nach ganz anderen Sitten als den unseren leben wollen, dass sie in ihr Gastland überhaupt nicht hineinpassen und auch gar nicht hineinpassen wollen. Es kommt hinzu, dass ihrem Fundamentalismus der Übergang zur Gewalttätigkeit immanent ist, was sich in Terroristen wie – die Mendelschen Gesetze lassen auch da grüßen – in jungen türkischen Kriminellen manifestiert. Dies alles dulden „wir“ – der Pluralis Modestiae des Autors, der den Skandal ausspricht, unter dem alle Deutschen leiden –, doch gottlob schlägt das Immunsystem der instinktiv auf die hier geltenden Sitten gepolten Landsleute Alarm: Erst fühlen sie sich von diesen Fremden im eigenen Land abgestoßen, und dann verspüren sie in sich die Tendenz, das, was ihnen so fremd ist, auch von sich abzustoßen. Spätestens dieses Alarmzeichen sollte den politisch Verantwortlichen zu denken geben. Bislang nämlich erweist sich der Staat – wie schon beim Umgang mit den eigenen minderbemittelten Landsleuten – als Brutkasten des Gezüchts, das alle Sittlichkeit im Land untergräbt:

„Durch die Rundumversorgung, die der deutsche Sozialstaat garantiert, werden die muslimischen Migranten angelockt und zugleich alle Integrationsbemühungen unterlaufen.“ (324)

„Demografie und Bevölkerungspolitik“

Ein fremdes Volk, das sich mitten ins eigene hinein pflanzt und wie ein Krebsgeschwür Metastasen bildet, dessen Mitglieder nicht gewillt sind, ihre abweichenden Sitten und Gebräuche aufzugeben – Kennern der deutschsprachigen Literatur dürfte das schon einmal untergekommen sein, und in der Tat: Wer mag, kann bei Hitler die Stellen suchen, in denen der sich einen inneren Feind der deutschen Nation zurechtkonstruiert, und er wird manches – manchmal bis ins Wort gehend – an Übereinstimmung mit den Auslassungen unseres Autors finden. Das belegt allerdings überhaupt nicht die definitive Entlarvung Sarrazins als „Rassist“ oder „Faschist“: Eine derartige Ausgrenzung aus dem Kreis der guten Demokraten hat der Mann nicht verdient. Seine Anleihen beim faschistischen Gedankengut stellen umgekehrt die Identität in der Logik der politischen Moral vor Augen, die engagierte Nationalisten an den Tag legen, wenn sie den Kernbestand ihres Landes in Gefahr sehen und es vor seinem Verfall retten wollen. Diese Moral hat der Faschist Hitler kompromisslos bis zum Ende getrieben, mit einer rassisch begründeten Eigenart der Fremden im Land die Unbedingtheit begründet, mit der sie aus dem zu entfernen seien, damit aus Deutschland wieder etwas wird, und sein Programm dann auch praktisch gnadenlos in die Tat umgesetzt. Der Demokrat Sarrazin hingegen leidet an der Verfassung seines Landes auf etwas höherem Niveau. Er deutet mit derselben Logik, nach der ein Hitler sich Deutschlands Zukunft als Projekt eines völkischen Selbstbehauptungswillens zurechtgelegt hat, auf eine fremde Minderheit, die den inneren Bestand der Nation zu untergraben droht – will die Kundgabe seines verletzten patriotischen Gemüts dann aber doch nicht gleich als Aufruf zur Deportation der Fremden gewertet wissen. Heftig politischen Alarm schlagen will er freilich schon, wenn er den Skandal anprangert, dass im Zuge der geduldeten Überfremdung durch Türken und andere Muslime die Erhaltung der deutschen Art aufs Spiel gesetzt wird und zusammen mit der auch alles, was die Nation in ihrer Konkurrenz gegen den Rest der Welt groß macht:

„Die Fremden, die Frommen und die Bildungsfernen sind in Deutschland überdurchschnittlich fruchtbar. (...) Die Folgen für Deutschlands intellektuelles und technisches Potential und seine Stellung in der Welt liegen auf der Hand. Wenn es so weitergeht, sind in einigen Generationen allerdings nur noch wenige Deutsche da, die das betrauern können.“ (372)

Aber seine Vorstellungen, wie der Staat sich um Aufzucht und Pflege seiner wertvollen Spezies zu kümmern hätte, halten sich dann doch in einem demokratisch vertretbaren Rahmen. Im Prinzip ist und bleibt für ihn die Konkurrenz der Marktwirtschaft die Instanz, die über die Selektion der Tüchtigen erledigt, was beim Vollzug des Programms der „natürlichen Auslese“ vonnöten ist. Nur bedarf es, damit sie ihr gerechtes Werk auch wirklich tut, flankierender Maßnahmen, die den von ihr produzierten menschlichen Ausschuss betreffen: Abgeschafft gehören sich für Sarrazin alle sozialpolitischen Kompensationsveranstaltungen, mit denen der Staat die Armen vom selbstbewusst geführten Lebenskampf fernhält, damit den Ausleseprozess verfälscht und den Geistesadel seiner Gesellschaft ausdünnt. Mit den Zwangsmitteln, über die er ja hinlänglich verfügt, hat er umgekehrt dafür Sorge zu tragen, dass der Sumpf der fremden Frommen austrocknet, bildungsferne Deutsche wieder Geschmack an einem strukturierten Tagesablauf finden, fleißig sind, sich aber beim Fortpflanzen zurückhalten – und sich derart der Herr Sarrazin in Deutschland wieder heimischer fühlt, weil es auch in Zukunft noch viele von denen gibt, mit denen er gern verkehrt:

„Für mich ist es wichtig, dass Europa seine kulturelle Identität als europäisches Abendland und Deutschland seine als Land mit deutscher Sprache wahrt. (…) Ich möchte, dass auch meine Urenkel in 100 Jahren noch in Deutschland leben können, wenn sie dies wollen. Ich möchte nicht, dass das Land meiner Enkel und Urenkel zu großen Teilen muslimisch ist, dass dort über weite Strecken türkisch und arabisch gesprochen wird, die Frauen ein Kopftuch tragen und der Tagesrhythmus vom Ruf der Muezzine bestimmt wird. (…) Ich möchte nicht, dass wir zu Fremden im eigenen Land werden.“ (308 f.)

Und zur Vervollkommnung seines Glücks wie das seiner Urenkel – denn auch Patriotismus ist erblich – schwebt dem Autor die Stiftung Lebensborn in einer De-luxe-Version vor:

„Voraussetzung für jede tatsächliche Änderung ist ein gesellschaftlicher und politischer Konsens dahingehend, dass es dringend, zwingend und alternativlos ist, die Geburtenrate in Deutschland erheblich zu steigern und gleichzeitig die Anteile der Mittel- und Oberschicht an den Geburten deutlich zu erhöhen.“ (373)

Das überschießende Gebärverhalten geistig minderbemittelter In- und Ausländer gehört sich kompensiert durch ein staatlich geregeltes Zuchtwahlverfahren für die Besserverdienenden, von der Leyens Kindergeld für Reiche plus die von Sarrazin ausgelobte Wurfprämie von 50 000 für Akademikerinnen unter 30: Das ist das komfortable, zivilgesellschaftlich-demokratische Ersatzprogramm für alles, was Faschisten zum Kapitel „Rassenhygiene“ eingefallen ist.

„Ein Traum und ein Alptraum“

Der Alptraum Sarrazins wälzt sich nun schon bald 400 Seiten vor sich hin. Er kulminiert ungefähr darin, dass in ein paar Jahren oder Generationen Moslems das Land übernehmen und ein türkischer Migrationsbeauftragter sich um die Rechte der deutschsprachigen Minderheit kümmert. Der Traum, den Sarrazin sich für sein letztes Kapitel aufgespart hat, überrascht gleichfalls nicht: Sein ganzes Buch ist ja ein einziger Stoßseufzer eines Menschen, der sein höchstes Desiderat darin hat, um sich herum nur noch tüchtige Landsleute vorzufinden. Beide Drangsale fasst er in folgender Weise zusammen:

„An dieser Stelle mache ich zwei Setzungen: 1. Jeder Staat hat das Recht, darüber zu entscheiden, wer in das Staatsgebiet zuziehen darf und wer nicht. 2. Die westlichen und europäischen Werte und die jeweilige kulturelle Eigenart der Völker sind es wert, bewahrt zu werden. Dänen sollen auch in 100 Jahren als Dänen unter Dänen, Deutsche als Deutsche unter Deutschen leben können, wenn sie dies wollen.“ (391)

Seine erste ‚Setzung‘ ist ein Treppenwitz. Was er da mit Vehemenz postuliert, ist staatliches Alltagsgeschäft: Das souveräne Verfügungsrecht über Untertanen existiert materiell ja genau darin, Menschen zu solchen zu definieren, sie zu Subjekten zu erklären, die der eigenen Rechtsgewalt unterliegen, und sie im selben Zug ab- und auszugrenzen von anderen, über die sich das Recht anderer Souveräne erstreckt. Letztere ins eigene Land reisen zu lassen, ist daher grundsätzlich ein Akt hoheitlicher Gewährung, der sich in dem speziellen Rechtsstatus niederschlägt, den Ausländer im Unterschied zu einheimischen Bürgern genießen. In seiner zweiten ‚Setzung‘ bringt Sarrazin dann den Inhalt der Pflicht zur Sprache, an die er den Staat mit seiner ersten nachdrücklich erinnert haben möchte: Das durch keinen Fremden irritierte patriotische Glücksgefühl, Teil eines großen Kollektivs zu sein, hätte er gerne an die oberste Stelle der Prioritätenliste staatlicher Ausländerpolitik gerückt. Den Staat direkt drauf festzulegen, die freie Entfaltung aller im deutschen Volkskörper schlummernden Potenzen über das Aussortieren der Volksfremden in die Wege zu leiten: Das schwebt, wie gesagt, diesem Retter der Nation nicht vor. Der bestürzend hohen „Nettoreproduktionsrate“ der Türken und Araber gilt es für ihn mit bevölkerungspolitisch langem Atem entgegenzuwirken: Dieselben Methoden, die die deutsche Unterschicht moralisch auf Vordermann bringen, könnten sich seiner Vorstellung nach auch ausgezeichnet dafür bewähren, Moslems den Aufenthalt in den Nestern ihrer „Parallelgesellschaften“ ungemütlich zu machen und sie über kurz oder lang aus dem Land zu ekeln. Nicht alle, die es in dem zu etwas gebracht haben; auf alle Fälle aber all die, deren sozialer Status offenbart, dass sie ohnehin nur „in die deutschen Sozialsysteme eingewandert“ sind; und auch die, die als Dönerbrater und Gemüsehändler in türkischen Stadtvierteln nur zeigen, wie wesensfremd ihnen eine deutsche Erfolgstüchtigkeit ist. Denn Sarrazin hasst keineswegs alle Ausländer gleichermaßen. Er will beides, die Konkurrenz des Marktes mit ihren Ausleseverfahren der Tüchtigen, welcher Nationalität auch immer sie sein mögen, und die Sicherheit, dass bei aller Selektion der Kernbestand deutscher Tugenden und Sittlichkeit unbedingt intakt bleibt, der seiner Auffassung nach die wahre Produktivkraft der Nation ist. Ihm ist daher in Deutschland jeder tüchtige Undeutsche willkommen, wenn er nur über kurz oder lang begreift, dass Tüchtigkeit eine genuin deutsche Tugend ist und sich entsprechend daran macht, an sich selbst alles Undeutsche zu tilgen:

„Es geht um die richtige Erhaltung und Weiterentwicklung der Identität der Völker und Staaten. (…) Migration kann und soll es auch in Zukunft geben. Die Beweglichen, die Tüchtigen sollen zu jeder Zeit aufbrechen können und ihr Brot verdienen, wo es ihnen gefällt – vorausgesetzt, sie fügen sich ein in die Kultur ihres Gastlandes und werden schließlich ein Teil von ihr, wenn sie sich dauerhaft dort niederlassen.“ (392 f.)

Zu einer Nation, die in einer globalisierten Welt um ihren Erfolg kämpft, gehört als „richtige“ Identität, dass alle tüchtigen Ausländer, die mit ihrer Arbeitskraft dem deutschen Erfolg dienen, auch begreifen, dass mit ihrer praktisch erwiesenen Nützlichkeit auch alle Fragen abschließend geklärt sind, die ihre völkische Identität betreffen. Die Nation, der sie dienen, hat auch ihre Heimat zu sein, und das wird sie darüber, dass ihre Ausländer nur noch mit den Sekundärtugenden positiv auffallen, die Deutschland groß machen: Pünktlichkeit, Liebe zu Ordnung und Unterordnung, Frustrationstoleranz ... – Tüchtige aller Länder, darin seid ihr 2010 vereint!

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