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GegenStandpunkt 2-09
Bad Bank:
Viel Geld zur Rettung der Banken, eine Lektion über die
Verrücktheit des Kapitalismus gratis als Dreingabe.
Ungefähr so soll man sich das denken: Die Krise zieht sich hin, weil
die Geschäfte einfach nicht wieder in Gang kommen. Das kommt daher,
dass die Banken, „Lebensader unserer Wirtschaft“, die Geschäftsleute
nicht mit dem Kredit versorgen, den die brauchen. Das tun sie nicht,
weil sie auf „vielen Giftpapieren“ sitzen, weshalb zwischen ihnen wie
im Umgang mit der restlichen Geschäftswelt einfach „kein Vertrauen
mehr“ ist. Klar daher, dass der Staat ihnen unbedingt wieder zu dem und
darüber uns allen aus der Krise verhelfen muss: Ein „ultimativer
Schritt zur Rettung der Banken“ unter dem Titel 'bad bank' soll das
leisten. So etwas gab es hierzulande noch nie, auch ist der Aufwand
bedenklich hoch. Aber erstens ist er unumgänglich – „die Zeit drängt.“
Zweitens ist das Modell eine „bestechende Idee“, und drittens ist es
gar „nicht unlogisch“, wie die Krise da vom Staat angepackt wird: Den
Zweck, Banken von ihren „schlechten Papieren“ zu entlasten, erledigt
eine eigens zu dem Zweck gegründete Zweckgesellschaft, das ist sehr
logisch. Eine Extra-Bank verbucht Wertpapiere, die keinen Wert haben,
als ihr Vermögen, reicht es in Form von Anleihen, deren Wert der Staat
garantiert, an die Banken zurück, und das besticht: Die haben „wieder
sanierte Bilanzen“, können einander „wieder vertrauen“ und „das
Kreditgeschäft beleben“. So kann die leidige Krise dann auch wieder mal
aufhören.
Das ist nicht gerade wenig, was man sich da irgendwie als plausibel,
jedenfalls aber als dringend geboten einleuchten lassen soll.
*
Dem verfestigten Meinungsbild über die Güte der Geschäftsartikel, mit
denen Banken zu wirtschaften pflegen, ist eines sicher nicht zu
bestreiten: Für den Zweck, für den sie ihm zufolge funktionieren
sollen, taugen sie gerade nichts. Blöd nur, dass die gar nicht für den
Zweck erfunden wurden, das Geschäftsleben immer und überall mit Kredit
zu versorgen, sondern für den Zweck nicht funktionieren, für den sie
erfunden wurden. Diese feinen „strukturierten Papiere“ der Bankhäuser
sind, wie die Fachleute glaubhaft versichern, „kritisch“. Was sich
hinter den Kürzeln des Fachjargons, den mittlerweile jeder beherrscht,
verbirgt, ist „schwer bewertbar“, „kaum veräußerbar“, es sind „wertlose
Giftpapiere“, die möglichst „rasch entsorgt“ werden sollen. Dieselben
Fachleute berichten allerdings auch über äußerst seltsame Probleme, die
sich im Zuge dieser Entsorgung einstellen: „Schrottpapiere“ einfach
wegwerfen wie Schrott? Um Himmels willen! Das kommt keinesfalls in
Frage, „toxischen“ Sondermüll dieser Art verbrennt man nicht einfach,
nein, da braucht es eine ganz spezielle Sonderdeponie. Denn die
Entsorgungsschwierigkeiten bei dem Müll beginnen schon mit der
interessanten Frage, von wie vielen Giftpapieren das Vermögen der
Banken durchsetzt ist. Das ist deshalb so schwer zu ermitteln, weil man
dazu ja wissen müsste, welche Papiere „toxisch“ sind und welche nicht,
und das ist den Zetteln, die neben den – noch – als astrein geltenden
Anleihen bei den Banken lagern, einfach nicht anzusehen: Was sie
aktuell wert sind und ob überhaupt noch etwas, wie viel sie demnächst
wieder wert sein könnten oder ob sie für immer wertlos bleiben – das
alles steht auf ihnen nicht drauf. Indizien fürs Spekulieren darüber
mag es, wie für alles, für die Profis des Wirtschaftens mit Schulden
und Risiken reichlich geben. Doch für diese Anhaltspunkte ihrer
Kalkulationen gilt dasselbe wie für den Stoff ihrer Spekulation: Was
der wert ist, wird von ihnen praktisch entschieden, und zwar dadurch,
dass sie mit ihm ihren Handel treiben. Nur tun sie das gerade nicht,
die sonst übliche Konkurrenz zwischen Anbietern und Nachfragern, die
den Preis der Handelsware 'Wertpapier' ermittelt, ist von ihren Agenten
selbst suspendiert worden, und warum, ist kein großes Geheimnis: Banken
in ihrer Eigenschaft als Käufer kaufen voneinander nichts, weil sie
fürchten, sich statt einer sich automatisch vermehrenden Geldquelle
einen wertlosen Zettel an Land zu ziehen; in ihrer Eigenschaft als
Verkäufer machen sie sich mit ihren reichlich vorhandenen Angeboten gar
nicht erst auf Kundensuche, weil sie fürchten, in Gestalt ausbleibender
Nachfrager definitiv die Wertlosigkeit ihrer Handelsartikel bescheinigt
zu bekommen; und wer die zur Saldierung seiner Konten gleichwohl
verkaufen muss, senkt damit den Preis der verkauften Warengattung und
dezimiert seinen Besitzstand gleich weiter. So absolut verrückt geht es
zu in einer freien Marktwirtschaft, der besten aller Welten: Mit
Wertpapieren wird nicht gehandelt, weil sie nichts wert sind, und sie
sind nichts wert, weil mit ihnen nicht gehandelt wird! Schon das ist
absurd, noch absurder ist, welche verheerenden Folgen dies nach sich
zieht: Weil Schulden in Gestalt von Papieren mit verbrieftem
Versprechen, demnächst mehr wert zu sein als heute, keinen
Interessenten mehr finden, der über ein 'Investment' in sie reicher
werden will, läuft auch gleich im ganzen Rest dieser feinen Wirtschaft
nichts mehr so, wie es soll. Produzenten und Händler ganz
handgreiflicher Gebrauchswerte und am Ende auch noch der Haushalt des
Staates geraten in die Krise – weil Leuten, die mit Zetteln ohne
Gebrauchswert und Wert handeln, die Geschäftsgrundlage ihrer
Bereicherung entfallen ist!
*
Exakt dieser marktwirtschaftliche Irrsinn wird mit der 'bad bank' am
Leben erhalten, koste es, was es will. Ein gigantischer Aufwand wird
eigens zu dem Zweck betrieben, möglichst nichts von dem fiktiven
Kapital der Banken, das sich als wertlos herausgestellt hat, auch als
wertlos abzuschreiben. Statt dessen wird eine nach allen Regeln der
Fälschungskunst hinkonstruierte juristische Fiktion von Werthaltigkeit
auf das wertlos gewordene Bankvermögen draufgepflanzt – in Gestalt
einer Bank, die offiziell mit einem Bankrott ihre Geschäftstätigkeit
aufnimmt, genau darüber aber alle übrigen Banken vor selbigem retten
und ihnen die Grundlage weiterer Geschäftsfähigkeit stiften soll: Damit
die wieder ins Plus kommen, dürfen sie das Minus in ihren Bilanzen bei
einer Gesellschaft mit dem sinnigen Geschäftszweck verstauen,
entwertete Geldvermögen 20 Jahre lang bei sich als Reichtumsquellen im
Wartestand zu lagern – wenn der Staat sich der Sache annimmt, geht
kapitalistische Geldvermehrung in erstaunlichem Umfang auch einfach per
Bundesgesetz! Im Gegenzug für die Abwrackprämie in Höhe von 10% des
Buchwerts der wertlosen Zettel, für die sie in dem Fall selbst
aufkommen müssen, erhalten die Banken dann wieder reichlich von dem
Stoff, mit dem sie sich und den Rest der Volkswirtschaft in die Scheiße
gewirtschaftet haben: Neue Schulden, für deren Güte diesmal nicht die
Fantasie ihrer Strukturierungskünste, sondern die Staatsmacht bürgt –
die sie deswegen auch wieder gut und nach allen ja prima bewährten
Regeln ihres Gewerbes als Quelle der Geldvermehrung in ihrer Hand
verwenden können! Das ist die banale Sache, die in dem blöden Bild von
der „Lebensader“, an der wir alle hängen, so perfekt erschlagen wird.
Das ist der Zweck, für dessen „Rettung“ der Staatsmacht einfach nichts
zu teuer ist, und wer sich da ans Hirn greift und fragt, in welcher
Welt er denn eigentlich lebt, liegt allemal richtig. Er sollte nur
nicht aufhören mit dem Fragen, denn was ist schon die Gründung
einer 'bad bank' gegen den Irrsinn des Geschäftsprinzips, für dessen
Fortbestand sie sorgen soll?!
*
Immerhin lässt sich dem Endpunkt der beliebten Wenn-dann-Beziehungen,
mit denen die Experten der Marktwirtschaft alle Idiotien ihres Ladens
in funktionell aufeinander bezogene Sachgesetze des Wachstums umdichten
und aus denen dann ableiten, warum die Sanierung des Bankwesens für den
Staat ein einziges Muss ist, ja schon auch eine Wahrheit zu entnehmen:
Wenn sie und zusammen mit ihnen alles, was in Politik und Wirtschaft
hierzulande Rang und Namen hat, ein ums andere Mal versichern, dass
ohne ein saniertes Bankenwesen kein Wachstum läuft, dann kann man das
ja auch einmal für sich stehen lassen – und sich fragen, welcher
Reichtum in so vorbildlichen Marktwirtschaften wie der unseren dann mit
einem florierenden Bankgeschäft blüht. Das wird dann offenbar exakt der
sein, der in genau diesem Geschäftszweig zur Blüte gelangt. Schulden
als Ware zu handeln, ausgeliehenes Geld in Vermögenstitel mit
eingebautem Wachstumsversprechen zu verwandeln und gewinnbringend an
den Mann zu bringen – das ist die Quelle des Reichtums, ohne deren
Funktionieren es keinen anderen gibt! Fanatiker des Wachstums von BIP-
und Exportziffern geben selbst zu Protokoll, von welchem allerersten
Prinzip das Geschäftsleben in dem von ihnen angehimmelten Laden regiert
wird. Fremdes Geld als Geldquelle für sich wirken zu lassen, es als
diese in beliebig vervielfältigte Formen zu bringen und die zu
verkaufen und zu kaufen – nein, das macht nicht nur die Händler dieser
Ware reich: Das ist zugleich das Lebenselixier der ganzen übrigen
Wirtschaft, einschließlich der Schuldner selbst! Und das ist für den
ganzen Rest dieser großartigen Marktwirtschaft die Klarstellung, dass
er sich auch als Erfüllungsgehilfe dieser Sorte Reichtumsvermehrung zu
bewähren hat. Es ist die Lektion darüber, dass die in der Welt des
Finanzwesens exekutierten Gleichungen – Geld ist mehr Geld und Geld
wegzugeben, um das Recht auf mehr Geld in Händen zu halten, ist die
Methode aller Methoden der Reichtumsmehrung – die Regie über all das
führen, was sich in der sog. 'Realwirtschaft' als Kommandomacht des
Geldes entfaltet. Denn sie sagen es ja selbst: Wenn diese Gleichungen
nicht mehr aufgehen, unterbleibt eben an vielen Stellen das Einkaufen
von Produktionsmitteln und Arbeitskraft, und dass in diesem Zug bei der
Beschaffung der Mittel zum Lebensunterhalt aller gewöhnlicher
Geldverdiener erst recht manches unterbleibt, versteht sich für sie
ohnehin von selbst.
*
Der Verdacht, dass ‚Geld die Welt regiert’, begleitet die
Marktwirtschaft ab und an auch dann, wenn sie nicht in der Krise ist.
Ist sie dies, nimmt der Verdacht gelegentlich auch als Vorwurf
moralisch Gestalt an. Das ist nicht gut. Man sollte dieser Welt, die
einem mit der Erfindung von ‚bad banks’ dermaßen klare Lektionen
darüber erteilt, worauf es in ihr ankommt, einfach keine Vorwürfe
machen. Besser, man nimmt nüchtern und sachlich den Inhalt der Lektion
zur Kenntnis – und dann stößt man von selbst auf die Entdeckung, dass
Geld, näher: Geld in seiner Bestimmung, mehr zu werden, für etwas
anderes gar nicht da ist, als die Welt zu regieren. ‚bad bank’: alle
Absurditäten dieser Konstruktion zur Rettung des Bankwesens, der
gigantische Aufwand, mit dem sie ins Leben gerufen und dann 20 Jahre
lang gepflegt wird, all das stellt klar, wie unbedingt und unerbittlich
das Regime des Geldes, der Sachzwang seiner Vermehrung das Leben der
Marktwirtschaft kommandiert. Und wenn man das kapiert hat, hat man
einfach keine Lust mehr, dieses Leben mit dem blöden Urteil zu
begleiten, es wäre nicht gerecht, weil es in ihm doch eigentlich um
etwas anderes ginge.