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GegenStandpunkt 2-09
Ansprüche und Widersprüche der staatlichen Krisenpolitik
I.
Dem Staat ist aufgrund der Zerstörung von Kapital aller Art, von dessen
Geschäftserfolgen er und „wir alle” leben, eines klar: Die durch
Misswirtschaft stornierten Dienste der Geldinstitute sind eine, wenn
nicht die Säule des Allgemeinwohls. Die ökonomischen Potenzen des
Finanzgewerbes sind zu erhalten bzw. wiederherzustellen; die sind
wieder zum Gebrauch ihrer Finanzmacht zu befähigen. Ihre Rettung
erfolgt durch hoheitliche Bereitstellung von Mitteln, zu deren
Erwirtschaftung sie ermächtigt und gewöhnlich auch fähig sind. Daran
fehlt es in der Krise. Die staatliche Politik setzt ihre Macht ein, dem
abzuhelfen.
a) Die rapide Kontraktion von Anlagegelegenheiten für das aufgehäufte
Kapital der Gesellschaft bewirkt seine Zerstörung in allen erdenklichen
Aggregatzuständen. Die heftigen Verluste beim anerkannten Lebensmittel
„unserer Wirtschaft” und das selbstverschuldete Unvermögen der Banken,
ihre unverzichtbaren Dienste an der ökonomischen Basis der Nation im
bisherigen Umfang fortzusetzen, rufen Kritiker aller Couleur auf den
Plan, die sich zumindest in einem Antrag einig sind: Ob liberale
Wirtschaftsjournalisten nach mehr Aufsicht über das
Spekulationsgeschäft rufen, pensionierte Verfassungsrichter eine
Neubegründung des Kapitalismus im Geiste des Naturrechts – wahlweise
der christlichen Soziallehre – fordern oder inner- und
außerparlamentarische Linke mit dem Gestus der Systemkritik mehr Volks-
statt Kapitalfreundlichkeit auf den Kommandohöhen des demokratischen
Gemeinwesens verlangen, alle rufen den Staat auf, den gemeinschädlichen
Absturz des kapitalistischen Geschäfts aufzufangen.
Selten haben kritische Anträge an die Politik offenere Türen
eingerannt; selten aber auch haben öffentliche Antragsteller mit ihrem
Wunsch nach Wiederherstellung des sinnreichen Zusammenwirkens von
Gewerbefleiß und verantwortungsvoll agierenden Bankhäusern so gründlich
neben den real existierenden Verhältnissen des modernen Kapitalismus
gelegen. Die herrschenden Politiker aller Parteien lassen derlei der
marktwirtschaftlichen Idylle verbundene Petitionen gelten, aber keine
Zweifel daran aufkommen, dass sie das wirklich Nötige unternehmen
wollen. Ihrer scharfen Kritik an den schwarzen Schafen unter
Spekulanten und Bankvorständen ist unschwer das entschiedene Lob der
ordnungsgemäßen und rechtstreuen Leistungen des Finanzkapitals zu
entnehmen. Vom Standpunkt der Brauchbarkeit dieser Branche, deren
Erfolg den kapitalistischen Reichtum in Gefahr gebracht hat, wird
dessen Rettung angegangen. Die ist, das wollen sie nicht bestreiten,
zwar teuer, aber „ohne Alternative”.
Während normale Leute sich täuschen, wenn sie, nur weil sie davon
abhängig sind, die Macht des Eigentums für ihr rettungswürdiges
Lebensmittel halten, ist für die Staatsmacht die Lage klar: Sie hat
schließlich nicht ihre Gesellschaft als Standort für tüchtige
Privateigentümer eingerichtet, mit einer rechtsförmigen
Geschäftsordnung auf Geldverdienen als ihren Lebensunterhalt
verpflichtet und auf die damit verbundenen sozialen Unzuträglichkeiten
aufgepasst, weil ihr diese Art Regierung gerade so recht wäre wie jede
andere; sondern weil die politische Gewalt – sympathisierende
Journalisten und Verfassungsrichter eingeschlossen – tatsächlich von
diesen Verhältnissen lebt und sie deshalb so will, wie sie sind. In
denen wird das Geld des Staates zu akkumulierendem Kapital, das die
Arbeit seines Volkes als Quelle des privaten Geldreichtums
bewirtschaftet. Am Erfolg der Ausbeutung sichert die öffentliche Hand
sich ihren Anteil. Auf das Gelingen des privaten Kapitalwachstums
richtet sich deshalb der staatliche Materialismus dergestalt, dass die
Versorgung der mit diesem Wachstum befassten Gesellschaft mit vom Staat
durch seine Notenbank „geschöpftem” Geld und dessen Verwandlung in den
Kredit des privaten Finanzwesens immer ein Gegenstand staatlicher
Aufsicht und Betreuung ist. Wenn die Politik also eine krisenhafte
Störung im Wirken der Geldinstitute konstatiert, in der diese das
Interesse oder gleich die Fähigkeit verlieren, die Geschäftsleute aller
Sparten weiter mit Vorschusskapital zu bedienen, dann nimmt sie das
folgerichtig keineswegs als partikulares Problem, sondern als Gefahr
für ihre ökonomische Staatsraison und das Allgemeinwohl überhaupt.
b) In Zeiten eines florierenden Geld- und Kreditwesens wird das
Interesse der Politik an einem funktionierenden kapitalistischen
Stoffwechsel zwischen dem Finanzwesen und dem Rest der Gesellschaft
durch das private finanzkapitalistische Wachstumsinteresse des Gewerbes
– seine notorische „Gier” – in gemeinschaftsdienlicher Weise mit
erledigt. Dafür hat, vom Standpunkt des Staates aus gesehen, dieser
Berufsstand seine Lizenz erhalten und die Geschäftsbedingungen,
innerhalb derer er seinen geschäftlichen Erfindungsreichtum, seine
Freiheit zur privaten Bereicherung und zur Ausdehnung seiner
Finanzmacht im Dienste der kapitalistischen Allgemeinheit ausleben soll.
Im Krisenfall, wenn der Geschäftsverkehr der Banken untereinander nur
mehr eingeschränkt stattfindet und derjenige mit anderen
Unternehmungen, die mit Hilfe ihres Kredits an der Verwertung ihrer
Kapitalvorschüsse arbeiten, ebenfalls in maßgeblichem Umfang storniert
wird, sieht sich die Politik in ihrer Verantwortung für das Große &
Ganze zum Handeln aufgerufen: Sie kann dem Wegfall des Dienstes am
System, den sie ihren materiell interessierten Finanzdienstleistern
überantwortet hat, nicht tatenlos zusehen. Ohne diesen Dienst kann das
kapitalistische Wirtschaftssystem der Gesellschaft, von dem die
politische Gewalt lebt, nicht auskommen.
Deswegen wird unter Ausschöpfung aller staatlichen Finanzierungsquellen
die Wiederherstellung der privaten Finanzmacht der Banken in Angriff
genommen, denn mit dem politischen Insistieren auf den
volkswirtschaftlich nützlichen Funktionen der „Kreditwirtschaft” und
der sonstigen „Finanzindustrie” für das nationale Wachstum ist es in
der Krise ersichtlich nicht getan. Zu der fortgeltenden Ermächtigung
des Geldgewerbes, diese Funktionen zu seinem Vorteil auszuüben, muss
die Wiederherstellung seiner Befähigung kommen. An der fehlt es jetzt,
da allzu viele „Produkte” der Finanzindustrie sich von begehrten
Gewinnversprechen in uneinlösbare Zahlungsverpflichtungen verwandelt
haben und die Prüfung produktiver Firmen, die um neues Leihkapital
nachsuchen, ergibt, dass sie es nicht verdienen, weil sie ohnehin schon
zu groß sind für ihre Märkte, resp. diese Märkte zu klein für den
vielen Kredit, den sie schon anwenden. Mit den
„Milliardenabschreibungen” der Finanzinstitute sind ihre
Geschäftsmittel geschrumpft und ist die laufende Kapitalversorgung der
Gesellschaft in Mitleidenschaft gezogen. Der Staat, der die Entwicklung
der Banken zu den machtvollen Zentralorganen des gesellschaftlichen
Geld- und Kapitalflusses befördert hat, belässt es also nicht dabei,
die Branche zur Wiederaufnahme des darnieder liegenden Geschäfts zu
ermuntern.
c) Mit der Feststellung, die Geldwirtschaft sei infolge einer Kette
misslungener Geschäfte in bedrohlichem Umfang „illiquide” geworden,
steht der staatliche Handlungsbedarf zur Rettung des Kapitalismus auf
den Hauptschauplätzen der Krise fest: Es muss wieder „Liquidität” ins
System, aus dem sie so dramatisch geschwunden ist, und nur die
öffentliche Hand verfügt in der gegebenen Lage über die Macht, sie zu
schaffen.
Die Politik nutzt also ihre Verfügungsmacht über die
Verschuldungsfähigkeit der Nation, um mit verfügbaren Haushaltmitteln,
neuen Schulden und mit Mitteln der staatlichen Finanzinstitute
einschließlich der Zentralbanken gewaltige Kontobewegungen in Gang zu
bringen, mit denen das geschwundene Kapital von Banken und
Versicherungen zumindest bis zur Wiederherstellung ihrer
Zahlungsfähigkeit aufgefüllt wird. Wo nötig, übernimmt der Staat
bankrotte Institute, gibt milliardenschwere Bestandsgarantien für
andere, tritt notfalls als Garant für entwertete „Assets” ein, ändert
im Eiltempo Bilanzierungsregeln für „unterkapitalisierte” Geldhäuser,
um dem gescheiterten Liquiditätsmanagement auch auf dem Rechtsweg
wieder auf die Beine zu helfen, und scheut auch vor der Androhung von
Enteignungen an die Adresse unkooperativer Aktionäre nicht zurück. Die
politisch geschaffenen Finanzmittel werden zu niedrigsten Zinsen oder
gleich zum Nulltarif, teils auch im Tausch gegen zweifelhafte
Vermögenswerte, die man für „diskontfähig” erklärt hat, ins
Bankensystem eingespeist; und die damit verbundene Botschaft der
staatlichen Stifter, die Wert auf die Feststellung legen, dass sie den
Zusammenbruch „systemrelevanter Marktteilnehmer” keinesfalls zulassen
werden, ist eindeutig: Mit den von ihnen zur Verfügung gestellten
Geldern und Garantien wären eigentlich die finanzkapitalistischen
Bedingungen allgemeinen wirtschaftlichen Wachstums wieder hergestellt
und die Aktivisten des Geldkapitals wieder imstande, ihr
unverzichtbares Geschäftsinteresse im Dienste der Kapitalversorgung der
Gesellschaft neu zu betätigen.
Der hoffnungsvolle Aufruf und der Verweis auf die staatlichen
Rettungsaktionen macht allerdings für die Geschäftsführer der
Geldwirtschaft, die auf der Grundlage gescheiterter Spekulationen und
verlorener Geschäftsmittel ihre Bilanzen neu sortieren, den bereits
eingetretenen Schaden nicht ungeschehen. Das politische Drängen auf
Fortsetzung bzw. Wiederaufnahme des Geschäfts ignoriert die Verluste an
Kapital und Vertrauen und die damit geschmälerte Geschäftsgrundlage des
Finanzsektors. Es tut so, als seien mit dem staatlichen Einstehen für
die Liquidität von Zahlungsunfähigkeit bedrohter Banken auch die
Quellen ihrer Liquidität wiederhergestellt. Diese interessierte
Vorstellung ist offenkundig sachfremd: Die jetzt so aufwendig
Geretteten haben in Zeiten ihres gewöhnlichen business ihre allzeit
gegenwärtige Zahlungsfähigkeit selbst organisiert. Sie haben sich dafür
des branchentypischen Verfügungsrechtes über die Schulden der
Gesellschaft bedient, die sie, variantenreich verbrieft und in Verkehr
gebracht, als Wertpapiere aller Art mit Kursen und Renditen, zu ihrem
Geschäftsmittel, zum Ursprung und Hebel ihrer wachsenden Finanzkraft,
also zu ihrem Kapital gemacht haben. Diese so sonderbaren wie
geläufigen Finanzprodukte und das im Handel mit ihnen bestätigte
Vertrauen in ihre Kapitaleigenschaft sind der Ursprung der Liquidität
der Banken, die in der Krise so arg gelitten haben. Wenn die
hoffnungsfrohe Nachfrage nach renditeträchtigen Anlagen am Kapitalmarkt
richtig abstürzt, gilt die nur auf diesen Handel gestützte Gleichung
nicht mehr, dass eine mit einem Zahlungsversprechen „gedeckte” Schuld
so gut wie jedes andere Vermögen ein Stück Kapital sei. Wenn so etwas
passiert, verwandeln sich vielversprechende Anlagen schlagartig zurück
in ihren trüben Rohstoff, Schulden eben, um deren Bedienung die
Gläubiger auch noch fürchten müssen. Staatliche Notmaßnahmen, mit denen
der Zusammenbruch des Bankensystems verhindert werden soll, setzen aber
kein „Schrottpapier” wieder in Wert, bringen keine gestrichenen
Milliardenfonds zurück und schon gleich nicht das „Vertrauen der
Anleger”, zu deren größten die rettungsbedürftigen Banken selbst
gehören. Vielmehr künden sie eben nur von der kapitalistischen Not, die
sie erforderlich macht. Und wenn die staatlichen Rettungsmanöver
manchen Geldhäusern das Eingeständnis ihrer Pleite ersparen und sie als
Schuldner zahlungsfähig erhalten, dann setzt staatlich bereit gestellte
Liquidität nicht die Gleichung zwischen Schulden und Kapital wieder in
Kraft, sondern bestätigt eher die Ungleichung, dass dergestalt – und
auch nur vorläufig – vor dem Scheitern bewahrte Verbindlichkeiten
gewiss kein Kapital sind. Sie kommen vielmehr als „toxische Papiere” in
Verruf, die wegen des gewaltigen Wertverlustes, den sie erlitten haben,
für die nächsten Jahre auf einer staatlich organisierten und
finanzierten, finanzkapitalistischen Sondermülldeponie namens „Bad
Bank” weggesperrt werden, nicht ohne auf sie wieder neue
Liquiditätshilfen an die Banken zu stützen, deren Geschäftsmittel zwar
um diese schlechten Anlagen „bereinigt”, aber auch gekürzt sind.
Insgesamt ist festzustellen: Der Einsatz der staatlichen Rechtsmacht
und bislang ungekannter öffentlicher Schulden in einem Umfang, der nach
amerikanischen Vergleichen sogar die in Kriegsfällen bilanzierten
Defizite übertrifft, behebt die Problemlage nicht. Das private
Bereicherungsinteresse der Finanzkapitalisten kommt nicht oder nur
zögerlich und nicht im gewünschten Umfang seinem öffentlichen Auftrag
nach, und die staatlichen Stiftungsaktionen zugunsten des Geldgewerbes
erweisen sich als der untaugliche Versuch, die Finanzmärkte zu einem
Neustart zu animieren, als sei nichts geschehen.
Dass die Geschäftsmittel, mit denen die Banken sonst den
Investitionsbedarf der Gesellschaft bereitwillig aus eigener,
fortwährend gesteigerter Herstellung decken, jetzt überwiegend von
staatlichen Konten stammen, ist stattdessen Stoff für bedenkliche
Debatten über die Tauglichkeit und die Risiken der staatlichen
Krisenbewältigung. Die fachmännischen Erwägungen, ob und wann die
beispiellose Aufblähung der Staatsschulden zur Rettung des
Finanzkapitals zu „Inflation” wenn nicht „Hyperinflation” führen müsse
und ob die Verantwortlichen eine leider notwendige oder die ganz
verkehrte Politik betrieben, sind ganz dem Standpunkt der parteilichen
Sorge um den Erfolg der politischen Bemühungen verpflichtet und
insofern als sachliche Beiträge von eher fraglichem Wert. Was sie aber
– konsequenterweise – erkennen lassen, ist eine lebensnahe Auffassung
über die Leistungen des Finanzkapitals und seiner Produkte: Wenn die
sich vermehren, dann vermehrt sich der Reichtum der Nation, wenn auch
nur bis zur nächsten Krise, so lange aber schon. Sie sind bei aller
Luftigkeit ihrer verwegenen Konstruktionen, die ganz auf ein so
flüchtiges Fundament wie das „Vertrauen der Märkte” gründen, der solide
– eben vertrauenswürdige – Ausweis des wirtschaftlichen Erfolges am
Standort und in der Welt. Insofern sind die akkumulationstüchtigen
Produkte der „Finanzindustrie”, weil sie Kapital sind, der gute Ersatz
für staatliches Geld; zumal wenn dieses, wie in den heutigen
Krisenzeiten, nur als Geld unterwegs ist, um das ramponierte
Finanzwesen zu verpflastern, und im Dienst kapitalistischer
Schadensbegrenzung.
Die massenhafte „Liquidität”, die derzeit von den führenden
kapitalistischen Staaten in Umlauf gebracht wird, ohne dass die Erfolge
der „Systemrettung” schon gesichert wären, muss ihre „Fähigkeit”, als
Kapital zu wirken, erst noch unter Beweis stellen. Die Debatten über
entstehende „Inflationsgefahren” und „Währungsschnitte” drücken gewisse
Zweifel der einschlägigen Kreise daran aus. Deren Glauben an die
Tauglichkeit ihrer Gelder als kapitalistische Geschäftsmittel können
die Staaten nicht erzwingen, weshalb sie sich auf das alte, in langen
Jahren imperialistischer Reichtumsakkumulation eroberte Vertrauen in
ihren Staatskredit und die ihm zugrunde liegende Macht berufen, auf die
Wucht ihrer global zirkulierenden Schulden, die ihre Gelder in der Welt
alternativlos macht, und darauf, dass sie sowieso vorhätten, demnächst
und gleich nach der Krise ihre „Haushalte in Ordnung” zu bringen.
Bescheide in dieser Sache pflegen nach und nach auf den weltweiten
Finanzmärkten zu ergehen: in Form von Währungskursen und der Zinsen,
mit denen Staaten ihre Anleihen „ausstatten” müssen, um sie
loszuschlagen. In Zeiten, in denen sogar „Zweifel an der erstklassigen
Bonität Amerikas” (FAZ) aufkommen, wohnt man offenbar einem Experiment
mit offenem Ausgang bei.
d) Die moralische Kritik daran, dass man ausgerechnet die wegen ihrer
„Geldgier”, ihres „Versagens” und ihrer „Verantwortungslosigkeit” in
Verruf geratenen Manager des Finanzkapitals mit so viel „Steuergeld”
umwirbt, bringt es einerseits angesichts der Dramatik der Notlage nicht
weit über den Status eines in der Öffentlichkeit gepflegten
begleitenden Volksgemurmels hinaus. Andererseits kennen aber auch
Politiker ihre Pflicht zum guten Regieren im und nach dem
Katastrophenfall: Die Restaurierung der schöpferischen Fähigkeiten des
Bankkapitals soll nicht abgehen ohne ein neues staatliches
Kontrollregime über die Institute und ihre unternehmungslustigen
Wertpapier-Designer – „kein Markt und keine Anlage” sollen künftig der
staatlichen Aufsicht entgehen, und die Gehälter der Manager, deren Höhe
zu einem der volkstümlichsten Krisengründe avanciert ist, sollten in
Zukunft auch maßvoller ausfallen. Wobei sich, kaum sind solche
Überlegungen in Umlauf, schnell grundsätzliche Schwierigkeiten
einstellen: Kann die Spekulation auf den Wertpapiermärkten, schnell,
frei und bedenkenlos, wie sie bekanntlich nun einmal sein muss,
überhaupt ihre erwünschten Dienste tun, wenn sie allzu sehr durch
staatliche Kontrollen eingeschränkt wird? Und darf man den Spitzen des
Finanzkapitalismus durch politischen Ukas die Löhne kürzen oder sie
wegen ihrer Bezüge schlecht machen? Weil man das nicht darf, schreiben
sie Sammelbriefe an Kanzlerinnen und beschweren sich auch sonst bei
ihren Regierungen unter Verweis auf ihre – immateriellen – Verdienste
und darauf, dass sie für ihre schönen Hedgefonds zur Not auch andere
schöne Plätze wüssten.
Sowieso und immer für die Freiheit sind radikale Marktwirtschaftler mit
ihrer Kritik an „politischer Einmischung” überhaupt und den staatlichen
Rettungsaktionen im Speziellen, die, wenn sie schon nicht zum
Sozialismus führten, jedenfalls das System und seine berühmten
Selbstheilungskräfte beschädigten. Derlei gilt in liberalen Kreisen als
Ausdruck von Prinzipienfestigkeit und einer gewissen
„Wirtschaftskompetenz”: Diese Kritiker, die nicht wissen wollen, dass
ihre ganze „freie Wirtschaft” einschließlich des zugehörigen
Finanzwesens auch im Erfolgsfall alles andere als eine „staatsferne”
Veranstaltung ist, können es nicht leiden, wenn „nur” wegen der
zyklisch fälligen Bereinigung einer „Finanzblase” und einer
„Marktsättigung” auf den Warenmärkten der Staat mit seinen Mitteln
einen an sich „gesunden” Prozess behindert, aus dem zweifellos die
Besten gestärkt hervorgehen würden. So etwas halten sie für einen
großen Vorzug dieses Systems, der sie auch kaltblütig die Vernichtung
von Millionen proletarischer Existenzen ertragen lässt. Was sie dagegen
gar nicht aushalten können, ist, wenn der Staat so tut, als wäre er
nicht nur der „bessere Banker”, sondern dann, wenn er sich auch noch
mit der Rettung wichtiger produzierender Firmen befasst, auch der
„bessere Unternehmer”.
Die mit der Systemrettung befassten Politiker weisen das zurück: Sie
tun tatsächlich gar nicht so, wenn sie noch bei verstaatlichten Banken
an den Verfahrensweisen des privatwirtschaftlichen Finanzwesens
festhalten, weil sie möglichst bald wieder das Privatinteresse seriöser
Spekulanten in Aktion für den Standort erleben wollen. Ansonsten halten
sie den „marktradikalen” liberalen Kritikern die vielen „Arbeitsplätze”
entgegen, die sie vermittels der fälligen Sanierung des Geldwesens
retten wollen, und meinen damit schon wieder ihren Standort, weil neben
der Rettung der Banken die Erhaltung und Schaffung konkurrenztüchtiger,
rentabler Arbeitsplätze für das Überleben der „realen” Reichtumsquellen
und ihre Konkurrenzfähigkeit nach der Krise entscheidend ist. An ihnen
wird es liegen, ob „wir stärker aus der Krise herauskommen” als wir in
sie hineingegangen sind.
II.
Als wären die Widersprüche, die sich im Rettungsprogramm auftun
und in Güterabwägungen der grundsätzlichsten wie kleinlichsten Art
niederschlagen, nicht Prüfung genug für die Regierenden, leisten die
sich mitten in der Katastrophe eine Runde Globalisierung. Sie
befrachten die Bewältigung ihrer nationalen Not mit der Tugend, ihren
Standort für die internationale Konkurrenz zu rüsten. Die Kosten,
Risiken und Wirkungen ihrer Maßnahmen unterwerfen sie dem zusätzlichen
Gesichtspunkt, was sie für den Weltmarkt taugen. Außenpolitische
Begegnungen – ob turnusgemäß oder extra veranstaltet – stehen unter dem
Motto „gemeinsame Bewältigung der Krise”, worüber dann eine offene
Auseinandersetzung stattfindet. Die Einheit Europas erfährt eine
weitere Absage, jedoch nicht ohne die Perspektive, dass sich mit den
sortierenden Wirkungen der Krise auf die Nationen die Einsicht in die
Notwendigkeit einheitlicher Regie durchsetzt.
a) Am Zustand und der vergleichsweisen Leistungsfähigkeit der
Kapitalstandorte hängt der Reichtum der Nationen, deshalb auch ihre
globalisierten Interessen, die Rechte, die sie aus diesen Interessen
herleiten, und die Macht- und Finanzmittel, die sie zu deren
Durchsetzung aufbieten können. Das ist ein weites Feld, auf dem sich
die vertretenen Staatswesen nach eben diesen Merkmalen schon vor der
„größten Wirtschaftskrise seit 80 Jahren” deutlich unterschieden haben:
In den führenden Ländern des Weltkapitalismus mit ihren Börsenplätzen
und Firmensitzen für globale Kapitalgesellschaften hat sich das dort
beheimatete, aber international orientierte Finanzkapital einen Status
erobert, der ganze Klassen von weniger avancierten Nationen um seinen
Zuspruch konkurrieren lässt und jedes finanzkapitalistische
Privatinteresse alternativlos darauf verpflichtet, den Erfolg seiner
Investments dort zu suchen, wo die globalisierte Spekulation die Trends
des Geschäftes setzt und die größten Gewinnchancen verspricht: Die in
den USA, aber auch in London, Frankfurt oder Tokio aufgehäufte
Verfügungsmasse an fiktivem Kapital gibt die wichtigsten Anlaufadressen
für den internationalen Bedarf an Kredit- und Spekulationskapital vor
und unterwirft staatliche und geschäftliche Projekte weltweit den
Gewinnkalkulationen des Bankkapitals. Das entscheidet nach seinen
Kriterien, ob sich der An- und Verkauf südamerikanischen Trinkwassers,
sudanesischen Ackerlandes oder württembergischer Kläranlagen
finanzieren und zur Grundlage neuer Wertpapiere machen lässt, die dem
Markt neuen Zufluss an spekulativem Stoff verschaffen. So kommt der
mehr oder weniger zahlungsfähige Durst von Indios unter die Fuchtel der
Wallstreet und die Haushalte schwäbischer Gemeinden schreiben schwarze
Zahlen, bis sie zusammen mit den amerikanischen Bürgen ihres schönen
„Cross-Border-Leasing” wieder in Schieflage geraten. Auf diese Weise
wird deutlich, dass die Geldwirtschaft auch im Weltmaßstab einen
beachtlichen öffentlichen Dienst leistet. Sie muss dabei immer nur
ihrem privaten Geschäftszweck folgen und die Welt als Praxisfeld ihrer
fiktiven Akkumulation behandeln, um am Ende die imperialistische
Weltordnung um ein globales Netz finanzkapitalistischer Abhängigkeit
und Unterordnung zu ergänzen.
b) Wenn Krise ist, dann leidet dieser lukrative und ordnungsstiftende
Zusammenhang zwischen den Aktivisten der weltweiten Spekulation und
ihren Objekten verschiedener Kategorien, die sich, je nachdem, ihr
staatliches oder privates Leben als Derivate der erfolgreichen
Spekulation im Weltmaßstab eingerichtet haben. Aufgekündigt wird er von
den Organisatoren und Nutznießern des weltweiten Anlagewesens in den
führenden Länder des Weltkapitalismus, die den Einbruch des
Wertpapiergeschäftes zuerst und quantitativ am meisten zu spüren
bekommen. Sie haben es, wie man hört, hinsichtlich ihrer von Entwertung
bedrohten Anlagen zu „Risikopositionen” gebracht, die das
Bruttoinlandsprodukt aller UN-Mitglieder übersteigen, haben also viel
zu verlieren. Das passiert dann auch. Der rapide Wertverlust ihrer
Anlagen und dessen Wirkungen auf ihre „Kapitalbasis” veranlasst die
Betroffenen einmal mehr zum Vergleich ihrer weitgespannten
Geschäftsinteressen im In- und Ausland, diesmal aber unter dem
Gesichtspunkt des „Überlebens” in der „schlimmsten Krise seit
Jahrzehnten”. Ob der öfter zum Nachteil der „Engagements” an der
Peripherie der kapitalistischen Zentren ausfällt, kann dahingestellt
bleiben, ebenso wie die Frage, ob etwa Osteuropa-Investmentfonds sich
entwerten, weil die Anleger nicht mehr an die Bedienung der darin
enthaltenen Firmen- und Staatsanleihen glauben, oder ob die dafür
nötigen Anschlussfinanzierungen entfallen, weil deren Verbriefungen
unverkäuflich sind. Offensichtlich ist jedenfalls, dass die
internationalen Banken, die bis vor kurzem ein schwunghaftes Geschäft
mit den öffentlichen und privaten Schulden „wachstumsstarker” Nationen
in Osteuropa und anderswo getrieben haben, harmlose Nordmeerinseln in
finanzkapitalistische Marktplätze und andere in „keltische Tiger”
verwandelt haben, sich von den Schauplätzen ihrer jetzt gescheiterten
Spekulation zurückziehen. Sie stellen die Kreditierung von Staaten und
Firmen ebenso ein wie die ihrer privaten Darlehenskundschaft, die
zusammen gestern noch Komplimente für die fabelhaften Wachstumsraten
ihrer „jungen Börsenplätze” einstecken konnten und heute erfahren
müssen, dass sie „über ihre Verhältnisse gelebt” haben. Die einen
lassen sie mit Schulden zurück, die diese im besten Fall mit neuen
Schulden bedienen können, wenn Kreditgeber, die noch über Liquidität
verfügen, ihren Bankrott aus dem Gesichtspunkt der „Systemrettung”
verhindern wollen; die anderen in ihrer privaten Armut, der die
Gläubiger abpressen, was sie noch hergibt.
Die Beschneidung ihrer Finanzmacht auch noch über die entlegensten
Dependancen ihres globalen Marktes nehmen die Protagonisten des
Schuldenhandels nicht aus freien Stücken hin, sondern der Not
gehorchend, die ihre in der Krise verringerten Geschäftsmittel zur
Folge haben. Sie reagieren auf die Angebote und Anweisungen ihrer
kapitalistischen Heimatländer, die sich wegen der Lage an den „Märkten”
alarmiert zeigen und auf die politische Zuordnung ihres Finanzwesens
pochen. Nach Jahren der ideologischen Feier und praktischen Ausnützung
des schrankenlosen, weltweiten Kapitalmarktes, in denen dessen
Organisatoren als gleichsam supranationale Agenten der universalen
Gesamtspekulation friedlich die Welt erobert und sich auch die
Heimatstaaten des Finanzkapitals an dessen erfolgreichem
Internationalismus bereichert und gestärkt haben, führt die Krise dazu,
dass sich die großen Geldhäuser der Welt und ihre nationalen Standorte
gegenseitig wieder als wichtig entdecken: die einen, weil der Kredit
des Staates wenn schon nicht die einzig verbliebene sichere Bank, so
doch die einzige Quelle für neuen Kredit ist, ohne den für viele der
Bankrott anstünde; die anderen, weil sie die Folgen eben dieser
Bankrotte für ihre materiellen Existenzbedingungen und ihre politische
Aktionsfreiheit in der Konkurrenz der Nationen fürchten.
c) Die umfangreiche Entwertung von Finanzkapital, die sich vom
Standpunkt des Bankensektors als Verringerung seiner Zugriffsmittel auf
den Reichtum der Welt darstellt, ist für die Welt, auf die da solange
zugegriffen wurde, in vielen Fällen auch kein Spaß: Schließlich ist sie
seit einiger Zeit so eingerichtet, dass mit dem Wegfall dieser
Zugriffsmittel auch die Lebensmittel der Abhängigkeit gestrichen
werden, in der sich die Objekte der kapitalistischen Benützung
befinden. Beim Kampf um die Verteilung der Krisenschäden haben viele
von ihnen schlechte Karten:
- Haben Unternehmen für die Vermehrung ihres Kapitals den Weg gewählt,
dieses teilweise zu den Wohnorten der billigsten Arbeitskraft zu
exportieren, um sie vor Ort nach den Regeln der Kunst in der Produktion
auszubeuten, schließen sie jetzt angesichts der eingebrochenen
Nachfrage nach ihren Waren ihre „verlängerten Werkbänke” auswärts. Ihre
Führer begeben sich, obgleich ebenfalls vorurteilsfreie Weltbürger von
Beruf, unter die „Schutzschirme” der heimischen Obrigkeit, die als
Bedingung für ihre Kredite und Bürgschaften fordert, dass die rentablen
Arbeitsplätze im „Stammland” zuletzt geschlossen werden. Wo das
Kapital, branchenbedingt ortsverbunden wie im Bauwesen, der
Landwirtschaft oder dem großen „Dienstleistungsgewerbe”, eher den
legalen und illegalen Import von Arbeitskraft bevorzugt, werden deren
nicht mehr benötigte Verkäufer nach Hause geschickt, wo sie ohnehin nie
gebraucht wurden. Der Wegfall ihres heimgesandten Lohns, etwa aus den
USA nach Mexiko oder aus den Golfstaaten nach Pakistan, lässt dort
einen wichtigen Teil des „Volkseinkommens” entfallen und vermehrt die
Armut, die der Anlass für die Emigration war.
- Allen, die ihren Kredit in produktive Branchen investieren, ist
gemeinsam, dass sie weltweit weniger Rohstoffe und Energie für ihre
heruntergefahrene Produktion brauchen und damit von Südamerika bis
Russland, vom persischen Golf bis Zentralasien ganze Staaten in
Schieflage oder zumindest zur Neubewertung ihrer Einkünfte bringen. Das
betrifft alle die Nationen, die davon leben, die Erträge ihrer Öl- und
Gasquellen und Bergwerke gegen Gebühr für den Vermehrungsprozess
kapitalistischen Eigentums anzuliefern.
- Die düsterste Prognose wird von den Kennern der Verhältnisse für die
„ärmsten Länder” gestellt. Obwohl dort kein „heimischer privater
Kapitalmarkt”, sondern allenfalls der gut beleumundete, aber
finanzmarkttechnisch unbedeutende „Mikrokredit” haust, entgehen sie den
Folgen der Krise nicht: Soweit die Völker überhaupt an den Einkünften
der Nation aus dem Verkauf ihrer Rohstoffe oder Naturprodukte
partizipieren, sind sie mit ihrem Lebensunterhalt ebenfalls vom
Rückgang der Nachfrage auf den kapitalistischen Märkten, dem
entsprechenden Preisverfall und der zunehmenden Abschottung ihrer
Absatzmärkte betroffen. Soweit sie ohnehin nur noch durch ausländische
Hilfsgelder oder direkte Nahrungsmittelhilfe überleben, wird trotz
gegenteiliger Versprechungen ein Rückgang der dafür verfügbaren Mittel
aus „Entwicklungshilfe” und international finanzierter Nothilfe wegen
entsprechender „Haushaltsrestriktionen” in den kapitalistischen
„Spenderstaaten” notiert, die gerade Billionen für ihr Kreditsystem
spenden. So macht, nach Auskunft einer deutschen Stiftung für
Wissenschaft und Politik, „die Finanzkrise aus der Ernährungskrise eine
Hungerkrise” und sorgt Mitteilungen des IWF und der Weltbank zufolge
für „bis zu 90 Millionen zusätzliche extrem Arme”, die zusammen mit
denen, die schon vor der Krise unterernährt waren, sich in der
aktualisierten Elendsbuchhaltung des Weltkapitalismus zu einer Masse
von mehr als einer Milliarde Hungernden aufaddieren.
Der teilweise Zusammenbruch der Finanzmacht in den kapitalistischen
Führungsstaaten der Welt und das damit verbundene Zerstörungswerk am
kapitalistischen Reichtum der Nationen macht die Zu- und
Unterordnungsverhältnisse hinsichtlich des bislang geführten Restes der
Welt fragiler. So stiftet die Krise neben einem gewaltigen Schub an
Verarmung weltweit und staatlicher „Unordnung” in mittellos gewordenen
Staaten auch eine gewisse Frechheit, selbstbewusste Unternehmungslust
und allerlei Emanzipationsbestrebungen bei Indern, Chinesen und den
üblichen Lateinamerikanern, die die Krisenlage als politische
Gelegenheit betrachten.
d) Bei allem Elend, das die Krise zusätzlich über die Welt bringt und
bei allem Potenzial zur Störung der Weltordnung, das ihr innewohnt: Die
Hauptleidtragenden der weltweiten Wertberichtigung, die in ihrem
Akkumulationsdrang zurückgeworfenen Eigentümer und die mit ihnen
betroffenen politischen Heimatländer des großen Eigentums wollen von
Resignation nichts wissen und auch nichts von einer Blamage ihres
Wirtschaftssystems, das manchmal so große Opfer fordert. In ihrer
kämpferischen Art sind sie nicht bereit, sich die Folgen der Krise
gefallen zu lassen. Vielmehr wollen sie aus den Ereignissen etwas
machen und sind der offensiven Auffassung, dass man sich gerade jetzt
zukunftsweisendes Handeln leisten können muss. Worauf das bei allen
Beteiligten zielt, ist unschwer erkennbar, wird aber auch ausdrücklich
öffentlich zum Zweck der Stiftung von Zuversicht und öffentlicher
Aufmunterung vorgetragen: Die für die Rettung des internationalen
Wertpapier- und Kreditwesens nötigen Rettungsmaßnahmen sollen
keinesfalls zu einer Zurückstufung des eigenen Standorts, sondern, wenn
irgend möglich, zu einer Verbesserung der eigenen Konkurrenzstellung
führen. So durchaus aggressiv besichtigen die Regierungen ihre Potenzen
und beleben ihre Krisenkonkurrenz um die Reparatur und neue
Ausgestaltung der internationalen Geschäftsbedingungen. Bei den
fälligen internationalen Treffen zur Rettung der Lage plädieren sie für
„gemeinsame Maßnahmen” gegen die „Finanz- und Wirtschaftskrise”, warnen
sich gegenseitig vor den „Fehlern”, die ihre Amtsvorgänger 1929
begangen hätten – Zu wenig internationale Abstimmung! Zu viel
nationalstaatlicher Eigennutz! –, und versuchen, sich beim Streit um
diese Maßnahmen gegenseitig auszumanövrieren. Überall, wo die Rettung
der Weltwirtschaft zum Gegenstand internationaler Politik wird, geht es
um die wüste Berechnung, die Verluste des eigenen Standorts möglichst
gering zu halten, dessen Krise besser zu überstehen als all die
anderen, die zugleich der Weltmarkt sind, den man für den eigenen
Erfolg braucht und nutzen will.
- Das führt nicht nur zu Diskussionen über die korrekte Art der
Krisenbekämpfung vor allem zwischen den Europäern und den USA, welch
letztere es für unkorrekt halten würden, wären sie mit ihrer tollkühn
ausgeweiteten Verschuldung die „einzige Konjunkturlokomotive” für die
ganze Welt. Sie fordern mehr Geldeinsatz auch von Europa und anderen.
Die wollen sich nicht die Maßstäbe ihrer Verschuldung von den USA
vorschreiben lassen, gehorchen aber, weil sie einen Erfolg der
amerikanischen Aktionen nicht abwarten können, den Notlagen des
heimischen Standorts: So kreieren sie selbst – was sonst – nie da
gewesene Schulden, um die Lücken des ausfallenden Privatgeschäfts auf
ihren Kapitalmärkten zu überbrücken. Dies- und jenseits des Atlantiks
wird das alles von Perspektiven der Haushaltskonsolidierung und
gesetzlichen „Schuldenbremsen” flankiert, die dem regierungsamtlichen
Abenteurertum den Anstrich der Seriosität geben sollen.
- Dem US-amerikanischen Antrag auf eine noch aggressivere Gangart der
Europäer bei der schuldenfinanzierten Geschäftsbelebung halten diese
das Ziel einer künftig besseren „Regulierung der Finanzmärkte” zur
„Vermeidung künftiger Krisen” entgegen. Das ist einerseits ein
gemeinsames Ziel aller politischen Krisenmanager, getragen von der
durch die Krise bekräftigten Auffassung, etwas mehr staatliche Aufsicht
über das Privatinteresse, dem man die finanzkapitalistische
Schlüsselstellung im weltweiten Geschäftsleben eingeräumt hat, wäre der
Bedeutung des Gewerbes durchaus angemessen. Andererseits ist
unverkennbar: Die europäischen, chinesischen, russischen etc. Anträge
zielen mittels einer Internationalisierung der Aufsicht über das
Finanzkapital auf den Erwerb neuer Einmischungs- und
Mitbestimmungsrechte in bisher exklusiv US-amerikanischer und
britischer Hoheit unterstehende Finanz- und Börsenplätze. Deren
nationale Finanzbehörden haben bisher der ganzen Welt das
Kleingedruckte für den Welthandel mit Kredit diktiert, die Zulassung
von Aktiengesellschaften aus allen Ländern zu ihren weltweit
liquidesten Börsen verwaltet und von der Unterwerfung unter ihre
Vorschriften abhängig gemacht; und haben sich so alle die Vorteile
gesichert, die daraus erwachsen, wenn man den Marktplatz für das
weltgrößte Angebot an Kapital auf dem eigenen Territorium unter
nationaler Rechtshoheit beherbergt. Den Nationen, die mit zweit- und
drittrangigen Finanzplätzen den „Zugang zu Kapital” organisieren,
scheint es erstrebenswert, den bisherigen Beherrschern dieser
Konkurrenz ihre Monopolrechte wenigstens teilweise zu entwinden. Die,
gegen die das geht, verkennen die Absicht der Antragsteller nicht und
achten darauf, bei allen Versprechen eines Neuanfangs in Sachen
korrekter Aufsicht, dass sie die rechtmäßigen Herren ihrer
erfolgreichen Finanzplätze bleiben, auch wenn deren Erfolg gerade zu so
unguten Ergebnissen geführt hat.
- Große Einigkeit zwischen den wichtigen Akteuren auf dem Feld der
Krisenbekämpfung gibt es in der Frage des „freien Welthandels”: Er gilt
– die WTO hat die Parole ausgegeben – als „das beste Rezept, um aus der
Krise wieder herauszukommen”. Protektionismus muss unter allen
Umständen vermieden werden! Er war einer der Hauptfehler von 1929! Und
doch müssen, kaum sind die diesbezüglichen Bekenntnisse der
G-20-Politiker in London abgeheftet, „führende Welthandelsexperten”
feststellen, zusammen mit aufrechten Wirtschaftsblättern, die die Fahne
der freien Märkte hochhalten, dass schon 17 von den G-20 und nicht nur
sie, der Krise wegen „handelsbeschränkende Maßnahmen ergriffen” haben.
Diejenigen, die sich dieser verpönten und dem freihändlerischen Geist
des WTO-Abkommens widersprechenden Art der Vorteilssuche bedienen,
wollen in den Zeiten des globalisierten Kapitalismus, wenn
Internationalität Geschäftsbedingung ist und Protektionismus deswegen
anders praktiziert wird als im Jahr 1929, ihr Benehmen keinesfalls als
Verstoß gegen das Dogma des freien Welthandels verstanden wissen: Die
„Industriestaaten” verstärken zwar wieder die Subventionierung ihrer
Schlüsselindustrien, dürfen das aber so lange straflos, wie ihnen nicht
eine „Verzerrung des Handels” zweifelsfrei in einem langwierigen, dafür
vorgesehenen Verfahren „nachgewiesen” wurde. Manche „Schwellenländer”
verdoppeln ihre Zölle und verstoßen damit keineswegs gegen die
WTO-Regeln, weil sie in Zeiten guter Geschäfte die Zölle weit unter das
erlaubte Niveau gesenkt haben. Importe werden behindert, weil nicht die
heimische Industrie, sondern, erlaubtermaßen, die heimischen
„Konsumenten” vor „gesundheitsgefährdenden Produkten” geschützt werden
müssen. Den Vorwurf des Protektionismus lässt sich also kein Land ohne
weiteres gefallen: Schließlich werden neuerdings sogar Putin und seine
Milliardäre, chinesische Firmen oder arabische Staatsfonds zur
Kapitalbeteiligung an ehrwürdigen, aber ein wenig konkursbedrohten
europäischen oder amerikanischen Firmen eingeladen. Manchmal aber ist
Protektionismus richtig „populär”: In Deutschland oder Frankreich zum
Beispiel, wenn Arbeitsplätze nicht bei Opel in Deutschland oder bei
Renault in Frankreich, sondern in Belgien oder Rumänien entfallen
sollen, wenn Fiat an allzu italienischen Investitionen in Deutschland
gehindert werden muss und gesunde deutsche Fabriken vor maroden
amerikanischen Müttern geschützt werden; immer dann also, wenn die
Politik den Bestand rentabler Produktion am Standort verteidigt und um
ihren Lebensunterhalt fürchtende Arbeiter in dem willkommenen
Missverständnis unterstützt, diese Protektion gelte ihnen.
Eine ähnlich gute Presse – mit Ausnahme bei der großen Minderheit der
Steuerhinterzieher – haben Bemühungen der amerikanischen und deutschen
Regierung, die ebenfalls gar nichts mit Protektionismus zu tun haben
sollen, nach der weitgehenden Erledigung des Falles Liechtenstein bei
Gelegenheit der Krise auch dem ärgerlichen Finanzplatz Schweiz ein paar
wuchtige Schläge mit den Waffen des Rechts zu versetzen: Die
weltgrößten „Vermögensverwalter” als welche schweizerische Banken
bislang große Teile des Marktes beherrschten und dafür internationale
Steuerhinterzieher als ihre helvetisch-rechtmäßige Geschäftsgrundlage
betrachteten, werden nunmehr mit dem Anspruch konfrontiert, endlich als
Exekutivorgane der amerikanischen (und deutschen) Finanzämter zu
fungieren oder – im Falle der Weigerung – die Zulassung zum
amerikanischen Bankenmarkt zu verlieren. Die Schönheit der Alternativen
liegt in der sicheren Zerstörung der hauptsächlich betroffenen UBS als
internationale Bank im Fall ihres Ausschlusses vom US-Markt und ihrer
zumindest teilweisen Zerstörung als ein Marktführer im Geschäft mit den
reichen Leuten, wenn sie sich auf das „Angebot” der Amis einlässt. Das
markiert einen Übergang im Kampf um die Verteilung der krisenbedingten
Verluste auf dem Bankensektor, eine neue Härte dabei, die vor der
politischen Zerlegung eines ganzen traditionellen Bankenplatzes nicht
Halt macht und bislang erfolgreiche kapitalistische
Konkurrenzverhältnisse rückabwickelt.
e) So arbeiten die Verantwortlichen von heute an ihrem ganz eigenen,
zeitgenössischen „1929” und wollen mit den damaligen Verhältnissen
nicht viel gemein haben, allein schon wegen ihrer hochmodernen
politischen Krisenbekämpfungstechniken. Zu denen gehört heute – wie
gesagt – fraglos der unbeschränkte Einsatz von Staatsgeld zur Stützung
von „systemisch” unverzichtbaren Finanzinstituten, Firmen und
Sozialkassen. Die Tauglichkeit des politisch geschaffenen Geldes für
diesen Zweck hängt allerdings sehr ab von seinem Schöpfer. Auch da sind
die Unterschiede groß, und die laufenden Krisenszenarien bebildern
diesen allgemein bekannten Umstand eindrucksvoll: Stellt Island seinen
bankrotten Banken druckfrische eigene Währung zur Verfügung, oder bürgt
die Ukraine mit selbst fabrizierten Hryvna für die Schulden eines
ukrainischen Unternehmens, dann macht das die Schuldner, denen da
geholfen werden soll, nicht solider. Die Hüter solcher Währungen sind
aus eigenen Mitteln offenkundig nicht in der Lage, Kredit in dem Sinn
zu stiften, und sind es solange nicht, wie ihnen nicht
Zahlungsfähigkeit in „gutem Geld” einer weltweit akzeptierten Sorte –
davon gibt es bekanntlich nicht sehr viele – aus Kreisen zugeteilt
wird, die über es verfügen.
Staaten, die mit dem Verkauf von Rohstoffen oder den Produkten der
inländischen Ausbeutung Weltgeld verdient und gebunkert haben, also
Gemeinwesen der hoffnungsvollen Kategorie „Schwellenland”, pflegen
bislang den größten Teil ihres Bedarfs auf den Weltmärkten ebenfalls
nicht mit Real, Yuan oder Rupien zu decken. Ebenso wenig kann man mit
Rubel für eine gefährdete russische Bank gegenüber dem misstrauischen
internationalen Kapitalmarkt bürgen. Auch dafür sind Dollars oder Euro,
wenigstens aber Pfund oder Yen gefragt, die solche Staaten als
„Währungsreserve” verfügbar haben oder im Tausch gegen ihre handelbaren
Güter beschaffen können. Weil sie verdient werden müssen, werden sie
sorgsam bewirtschaftet.
Den souveränen Herren solcher „Reservewährungen” steht da in der Krise
ein anderes Verfahren zur Verfügung: Sie „schöpfen” selbst die
Geldmengen, die sie zur Rettung ihres Finanzwesens oder ihrer
Schlüsselindustrien für unverzichtbar halten und plädieren hinsichtlich
der damit verbundenen Risiken entschieden auf Vertagung. Dass die
beispiellose Vermehrung von Staatsgeld, etwa in den USA, das Zeug zum
außerordentlichen Schadensfall hat, ist der pluralistischen Debatte zu
entnehmen zwischen denen, die sich „Sorgen um die Kreditwürdigkeit der
größten Volkswirtschaft der Welt” machen, und denen, die nach wie vor
dafürhalten, dass die USA „den Dollar und die anderen das Problem”
hätten.
Die Frage, ob und in welchem Umfang die im Zuge des internationalen
Krisenmanagements in die Welt gekommenen Weltgeld-Billionen sich
irgendwann als Stoff für amerikanisches oder europäisches
Kapitalwachstum bewähren werden, wird erst in der Zukunft beantwortet;
ebenso wie die nach den Wirkungen einer ernsthaften Entwertung dieser
Gelder auf die internationale Staatenwelt, die ihre Staatsschätze
überwiegend in Form von Devisenreserven in Dollars, Euro, Pfund und Yen
hält und davon unmittelbar bedroht wäre.
Wegen solcher Risiken gründen die, die sich dazu in der Lage sehen, vor
allem mit Blick auf die amerikanische „Leitwährung” allerlei
Initiativen, die auf eine längerfristige Verdrängung des US- Dollars
aus ihren weltweiten Geschäften und eine Ablösung der Sonderstellung
zielen, die sich der Dollar als die Währung der Weltmacht erobert hat.
Sie bilden Währungszonen in Yuan und Rubel, schließen bilaterale
Handelsabkommen, in denen die nationalen Währungen unter Ausschluss des
Dollar zur Saldierung festgeschrieben werden, und versuchen sich an
lateinamerikanischen Kopien von EWG und IWF für eine Bewegung „los vom
Dollar!”. Sie planen, langfristig, in eine Währungskonkurrenz mit dem
amerikanischen Weltgeld einzutreten und sich selbst die Vorteile eines
global gültigen Weltgeldes zu erobern. So wollen sie heute die
Finanzmacht ihrer Dollar-Reserven für sich nutzen und den künftigen
Folgen der rücksichtslosen Vermehrung der US-amerikanischen Valuta
nicht nur entgehen, sondern als Finanz- und Weltmächte der Zukunft ihr
und damit den USA die imperialistische Sonderstellung bestreiten.
Die einzige Währung, für die die Konkurrenz mit dem Dollar schon
gegenwärtige Praxis ist, ist das Geld der Europäischen Union. Die
Teilnehmer an der Währungsunion haben ihre innereuropäische
Währungskonkurrenz eingestellt, um sie mit einem gemeinschaftlichen
Geld, aber ohne einheitliches Staatswesen, auf Weltniveau mit dem
Dollar aufzunehmen. Das ausgetüftelte Verpflichtungs- und
Erpressungssystem des Maastricht-Vertrages sollte die einzelstaatliche
Vermehrung von Euro-Schulden an ein nachweislich erfolgreiches
Verhältnis dieser Schulden zum jeweiligen nationalen Kapitalwachstum
binden. Dieser Erfolg sollte mittels sanktionsbewehrter
Defizit-Höchstgrenzen fortlaufend kontrolliert, beglaubigt, wo nötig
durch Strafmaßnahmen erzwungen werden und so unfehlbar für Wachstum am
europäischen Standort bei „Stabilität” des neuen Geldes sorgen. Die
Einstellung der innereuropäischen Währungskonkurrenz war aber –
selbstverständlich – keineswegs mit der Einstellung der sonstigen
Konkurrenz der Standorte im Währungsraum verbunden. Ausgehend von
ohnehin großen Unterschieden in der kapitalistischen Entwicklung der
europäischen Nationen zur Zeit der Begründung des Euro-Regimes hat sich
die „Wettbewerbsfähigkeit” der Euro-Staaten in den letzten Jahren nach
einhelliger Auffassung aller Beobachter „stark auseinander entwickelt”.
Dies mit der Folge, dass die schon politisch und kapitalstärksten
Staaten sich mit der neuen Währung weitere Vorteile erwirtschaftet
haben, während sich anderswo Defizit-Verfahren, kapitalistische
Stagnation und „Immobilienblasen” akkumuliert haben.
Die Krise und der Gebrauch der Gemeinschaftswährung für die Rettung des
europäischen Kapitalismus unter der konkurrierenden Regie der
Euro-Staaten, ihrer Europäischen Zentralbank und der EU-Zentralorgane
macht den Widerspruch des gemeinsames Staatsgeldes ohne gemeinsame
Staatsgewalt akut und bringt das Maastricht-Regime an seine Grenzen:
Konfrontiert mit dem Zusammenbruch ihres Finanzwesens und drohendem
Staatsbankrott, scheren sich die Euro-Staaten immer weniger um die
Vertragsklauseln der Währungsunion, die nicht einmal mehr die
kapitalistischen Schwergewichte der Euro-Zone einhalten können. Sie
verschulden sich bei jedem Investor, der ihnen für Extra-Zinsen
Euro-Bonds abkauft, ohne Aussicht auf Rückkehr zu einer Einhaltung der
Euro-Regeln und schon gleich ohne Aussicht, die fälligen Sanktionen
wegen Verstoßes gegen sie zahlen zu können. Der Maastricht-Vertrag wird
einerseits aufgeweicht, Defizit-Verfahren werden verschoben bis „nach
der Krise”; andererseits werden faktisch bankrotte Staaten, denen die
Finanzierung an den Anleihemärkten nicht mehr gelingt, an den IWF
verwiesen, mit Berufung auf das vertragliche Verbot der Euro-Staaten,
wechselseitig für die nationalen Schulden anderer zu haften. Zugleich
prüft die EZB selbst die Auflage von „Gemeinschaftsanleihen”, in denen
sich die nicht mehr kreditwürdigen Staaten hinter den stärkeren
verstecken könnten. Deutschland stellt, ausdrücklich gegen die
„no-bail-out-Klausel” des Euro-Vertrages, für zahlungsunfähig gewordene
Euro-Staaten „im Notfall” Hilfe in Aussicht. Während die Krisenpolitik
der Euro-Staaten den Vertrag faktisch schon außer Kraft gesetzt hat und
seine wirtschaftlichen und rechtlichen Grundlagen ruiniert, bleibt
„Maastricht” als politischer Einmischungstitel im Streit der
Euro-Staaten untereinander erhalten. Weil die Konkurrenzfähigkeit des
EU-Kapitalismus und die Bewältigung seiner Krise eine politische
Kontrollfrage ist, sind mit der stillen Kündigung der
Maastricht-Kriterien die Debatten darum, wer wem Vorschriften machen
kann, gar nicht beigelegt, sondern mit neuer Schärfe und offenem
Ausgang eröffnet: mit dem absurden Inhalt, wer unter welchen Umständen
in welchem Umfang und mit welchen Folgen die Regeln verletzen darf, die
doch keiner der Euro-Staaten auf absehbare Zeit einhalten kann.
In einem aber sind sich alle Beteiligten einig: Gegenüber den Ländern,
die Interesse am Beitritt zur Währungsunion bekunden, weil sie sich
Vorteile beim Überstehen der Krise ausrechnen, ist strenges Insistieren
auf der Beachtung der Vertragsregeln angebracht, um den Missbrauch der
Gemeinschaftswährung in unbefugten Händen zu vermeiden! Die Einhaltung
der Kriterien verunmöglicht allerdings den Beitritt von Ländern, die
den Euro als Notanker gegen die Zahlungsunfähigkeit bräuchten, und
beschleunigt mögliche Falliten, an denen andererseits den Staaten der
Währungsunion ebenfalls nicht gelegen ist ...
Insgesamt aber ist festzustellen: Trübsal und Pessimismus ist die Sache
auch der europäischen Staatenlenker nicht. Selbst die spanische
Regierung, auf dem aktuellen Rekordstand der europäischen
Arbeitslosenstatistik, bescheinigt der Krise in einer Debatte zur Lage
der Nation den Charakter einer „großen Chance” für neue Stärke, während
die EU auch gemeinschaftlich vorwärts denkt und sich von der Krise
nicht abhalten lässt, die Anrainer Russlands für eine auf sich hin
orientierte neue „Nachbarschaft” einzusammeln. Keine Regierung lässt
davon ab, demonstrativ das Vertrauen ihrer Bürger und der ganzen Welt
in die Potenzen ihrer Gewalt einzufordern. Ein Verlust ihrer Macht
durch das Scheitern ihrer ökonomischen Basis darf keinesfalls
eintreten. Um das zu vermeiden, darauf jedenfalls kann man sich
verlassen, werden sie von ihr Gebrauch machen.