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GegenStandpunkt 2-09
Der Kapitalismus ist scheiße, aber alternativlos
„Die Krise“ – zum neuen Sprachdenkmal gewordene Bezeichnung dafür, dass
diverse Profitansprüche momentan nicht aufgehen – frisst sich
inzwischen ein gutes halbes Jahr durch alle Abteilungen unserer
Wirtschaft. Jedem ist bekannt, dass noch eine ganze Reihe mehr oder
weniger spektakulärer Einbrüche in der so genannten Realwirtschaft
bevorstehen und mit noch mehr Arbeitslosen zu rechnen ist. Das abhängig
beschäftigte Volk hält still – durchaus zur Verwunderung der
politischen Klasse, die es verwaltet. Die weiß offenbar sehr gut, mit
welchen Zumutungen sie ihre Massen momentan konfrontiert, und erlaubt
sich den Spaß, über die Möglichkeit von „sozialen Unruhen“ zu
räsonieren, die keiner wollen kann, das Volk, das sie allenfalls
anzetteln könnte, zuallerletzt.
Die Krise „herrscht“ also auf unabsehbare Zeit und ihre Wirkungen
entfalten sich in schöner Negativität in sämtlichen Bereichen der
Gesellschaft – ein beredtes Zeugnis dafür, dass und wie hierzulande
alles davon abhängt, dass die Geldrechnungen der Finanz- und sonstigen
Kapitalistenklasse aufgehen. Angesichts dessen stellen die öffentlichen
Vordenker der Nation anscheinend eine gewisse Verlegenheit fest: Ihre
Textbausteine von gestern, die die kapitalistische Marktwirtschaft als
„effizientestes“, „innovativstes“ „produktivstes“ und überhaupt einfach
bestes System lobpreisen, lassen sich nicht mehr wie gewohnt einfach
ausschneiden und einfügen. Natürlich kann man auch stur bleiben: „Sie
können sicher sein: Der moderne Kapitalismus ist garantiert auch in
seiner größten Krise dem Sozialismus überlegen. Turmhoch.“ (Bild,
20.5.09) Dem gehobenen Journalismus ist diese Tour einfach zu
durchsichtig. Klar – das Ergebnis soll schon so rauskommen, aber
irgendwie doch ein wenig reflektierter, begründeter, nicht so plump
apologetisch. Also führt man in einigen deutschen Schreibstuben eine
herrliche Debatte auf hohem Niveau. In der geht es um nicht weniger als
„die Systemfrage“, die sich jetzt angeblich allen stellt. Mit Verve tut
man selbst in ‚Zeit’ und FAZ so, als befinde man sich gerade in einem
Werbespot der „Gesellschafter“. Künstlich naiv, so als gäbe es keine
durch staatliche Gewalt gültig gemachten Interessen, denken Mitglieder
und Eliten dieser kapitalistischen Gesellschaft allen Ernstes darüber
nach: „In welcher Gesellschaft wollen wir leben?“
Insbesondere legt sich der Spiegel kritisch ins Zeug. „Warum der
Kapitalismus nicht aus seinen Fehlern lernen kann“ (Spiegel, 11.5.),
titelt das Blatt und überrascht seine Leser zunächst einmal damit, alle
möglichen Erklärungen, die seine Redakteure selbst ein ums andere Mal
aufgetischt haben, in einem großen Rundumschlag zu widerlegen. Gier
lässt sich demnach gar nicht von Profit trennen – nachdem man genau das
in den letzten Monaten erbittert durchkonjugiert hat! Die Real- gegen
die Finanzwirtschaft auszuspielen, ein Standardgedanke des bisherigen
Krisenjournalismus – grober Unsinn, überall dasselbe Prinzip am Werk,
das in die Krise führt! Den Grund für die Krise den Amis zuschustern,
auch da war der Spiegel ganz vorne dabei – absolut ignorant gegenüber
den allgemeinen Gesetzen der Marktwirtschaft! Also nicht
Einzelphänomene, sondern, man denke nur, „System“, und was für eines:
„Wer im Kapitalismus ein System sieht, das eine schöne Idee ist, die
von Gierigen leider missbraucht wird, der ist ungefähr so weltfremd wie
ein Marxist, der glaubt, Sozialismus sei eine gute Idee, die leider von
Lenin, Stalin und Fidel Castro missbraucht worden sei.“ Selbst „die
Kapitalisten wundern sich am lautesten über ihren Kapitalismus“, und
eigentlich sei schon jetzt allen klar, dass der Versuch des Staates,
die Krise zu bekämpfen, höchstens „ein Problem löse, indem er zwei neue
produziere, mehr Staatsverschuldung und drohende Inflation“.
Mit einer in diesem Stil seitenlang aufgeblasenen Tirade , die völlig
abgeklärt mit allem abrechnet, was man bis gestern behauptet hat und
demnächst sicher auch wieder steif und fest behaupten wird, steuert der
Artikel zielstrebig darauf hin, dass sich der Kapitalismus diesmal
nicht in einer seiner üblichen Verwertungskrisen befindet, die dann die
Restwelt auszubaden hat. Es ist viel schlimmer: „Die systemische
Erkenntnis dieser Krise ist nicht, das der Markt systemisch zu Krisen
führt, das wusste man vorher; die Erkenntnis ist, dass die ideologische
Hülle der Marktwirtschaft zerstört ist, wohl für immer.“ Mein Gott!
Keine Ideologien mehr zur Marktwirtschaft – das ist natürlich wirklich
grässlich, nicht auszudenken und schon gar nicht auszuhalten. Wie soll
es da weitergehen? „Nackt steht die Marktwirtschaft da, ein kaltes
Gerüst, dem Gespött ausgeliefert.“ Schon entdeckt der Spiegel
fürchterliche Tendenzen: „SAP-Gründer Hasso Plattner hat bemerkt, dass
es so eine Stimmung im Land gibt, dass wir Kapitalismus eigentlich gar
nicht mehr wollen, sondern was anderes, Netteres“. Bei der bisher
„anachronistisch“ in der Ecke stehenden Sarah Wagenknecht ist ein
Lächeln der „Genugtuung“ zu sehen angesichts der „antikapitalistischen
Schlagzeilen der vergangenen Wochen“, und das Ami-Magazin „Newsweek“
behauptet „We are all socialists now“. Die Lage ist also wirklich ernst.
Aber dann doch: Entwarnung!, der Artikel biegt auf die Zielgerade ein.
„Ein schlüssiges Gegenkonzept zum Kapitalismus gibt es nicht“ – das
sagt ausgerechnet seine Gegnerin Wagenknecht, und die muss es ja
wissen. Sonst nimmt ein Spiegel-Redakteur den „Spinnern von links“ ihre
Einsichten und Kritiken zwar nicht ab, aber in diesem Fall? Eine
Kommunistin als Kronzeugin dafür, dass es zum Kapitalismus keine
Alternative gibt – bingo! Das ist es doch, wonach man in der Krise
verzweifelt gesucht hat: Legitimation ohne den Umweg über eine momentan
unglaubwürdige Schönfärberei! Der Kapitalismus steht mit seiner Krise
vielleicht „nackt“ da, muss aber einfach sein – ohne aufwendige
Begründung, ohne großartige Versprechen, ohne lateinische Adjektive.
Das System ist große Scheiße, mangels Alternative aber unumgänglich und
notwendig – wenn das mal nicht ein geradliniger Schluss ist und eine
Werbung für den Laden, die überzeugender nicht ausfallen kann.