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GegenStandpunkt 2-09
Der „Frankfurter Appell":
IG Metall feiert einen Sieg im Kampf um den Zeitgeist
In der Wirtschaftskrise wirken die Gesetze des Kapitalismus
unerbittlicher denn je und finden praktisch eine alternativlose
Anerkennung wie selten. Die Abhängigkeit vom Funktionieren des Ladens,
der gerade nicht funktioniert, stößt alle gesellschaftlichen Positionen
auf den Vorrang des Profits als die maßgebliche Bedingung aller eigenen
Interessen; so auch die deutsche Metallgewerkschaft. Ihr ist völlig
klar, dass Arbeitsplätze sich wieder rentieren müssen, wenn es für ihre
Mitglieder irgendwie weitergehen soll. Daher stimmt sie der Senkung des
Urlaubs- und Weihnachtsgelds zu, erlaubt den Betrieben, die Arbeitszeit
ohne Lohnausgleich zu kürzen und die 2. Stufe der diesjährigen
Tariferhöhung zu verschieben, natürlich „nur im Einzelfall“ und um
„Schlimmeres zu verhüten“. Wenn Entlassungen dann doch fällig werden,
kämpft sie gegen „betriebsbedingte“ und für „sozialverträgliche“ und,
wo auch das nicht geht, um einen „Sozialplan“, ohne den es für die
Arbeitnehmer ja „noch schlimmer“ gekommen wäre. Schlechte Zeiten für
Lohnabhängige und ihre Gewerkschaften, möchte man meinen. Die IG-Metall
aber bringt es fertig, der Krise gute Seiten abzugewinnen. Diese
bestehen darin, sich mit einem eigenen „Appell“ – veröffentlicht in
überregionalen Zeitungen im Großformat – in die Debatte einklinken zu
können, welche Lehren aus der Krise des Kapitals zu ziehen seien:
„Die Weltwirtschaft steckt in einer einmaligen Krise. Für die IG Metall
steht deshalb fest: Die grenzenlose Profitgier als vermeintliche
Antriebsfeder des menschlichen Fortschritts darf nicht weiter die
Wirtschaft bestimmen. Diese Ideologie ist gescheitert. Wir brauchen
eine neue Idee für das Zusammenwirken von Politik und Ökonomie und
mithin für das Zusammenleben der Menschen.“
Auf dem Kampfplatz der „Ideen“ geht es um nicht weniger als den
„menschlichen Fortschritt“. Dass der durch „grenzenlose Profitgier“
vorangebracht wird, hat die IG-Metall nie geglaubt, aber man hat ihr ja
nicht abnehmen wollen, dass die übertriebene Ausbeutung ihrer
Mitglieder ein verkehrtes Fortschrittsrezept, und, weil sie sich auf
Dauer auch für Staat und Wirtschaft nicht auszahlt, eine Ideologie ist.
Jetzt deutet sie triumphierend auf die Krise, fordert ihren Sieg über
den unsozialen „neoliberalen Zeitgeist“ ein und nutzt die Gelegenheit,
den Vorwurf, sie sei ein Verein von Ewiggestrigen, an die Gegenseite
zurückzugeben. Nicht sie, sondern die tonangebenden Politiker,
Unternehmer und Journalisten waren bis gestern von gestern und sind
Werten hinterher gelaufen, die jetzt „gescheitert“ sind. Die
Verantwortlichen sollen gefälligst laut und deutlich ihr Versagen
einräumen. Sie sollen zugeben, dass ihre Orientierung an falschen,
antigewerkschaftlichen Rezepten die jetzige Lage verschuldet hat. Und
sie sollen sich als reumütige Träger der politischen und ökonomischen
Macht von der IG-Metall in die Pflicht nehmen und wieder in die wahre
Verantwortung zurückrufen lassen, die sie vergessen haben. Also drängt
sich die Gewerkschaft den Verantwortlichen im Land als Gastgeber eines
Runden Tisches auf, an dem gemeinsamen nach „neuen Ideen“ für „das
Zusammenleben der Menschen“ gesucht wird.
So ganz taufrisch sind die dann allerdings nicht. „Verantwortung
übernehmen“ für die neue Welt sollen ja die Machthaber aus der alten,
und so sind sie sind aufgerufen, all ihre bisherigen Aufgaben zu
verrichten, aber gefälligst ordentlich. Die IG-Metall appelliert:
„An die Abgeordneten des Deutschen Bundestags: Richten Sie einen
Untersuchungsausschuss ‚Finanzmarktkrise’ ein, um Ursachen,
Verantwortlichkeiten und Folgen der Krise zu untersuchen, zu
dokumentieren und politische Schlussfolgerungen zu ziehen.“ Im Namen
des Gerechtigkeitssinns des Volkes sollen seine Vertreter bitteschön
zugeben, in Sachen Aufsicht & Kontrolle im Finanzwesen schlampig
gewesen zu sein und Besserung geloben.
„An die Vorstände der Banken: Entschuldigen Sie sich öffentlich
bei den Menschen für ihr Handeln … und stellen Sie die Finanzierung der
Unternehmen sicher.“ Im Namen gesunder Geschäfte mit Zins und Kredit
sollen die Chefs der Banken einsehen, dass ihr Beruf im Rang einer
sozialen Pflicht steht, deren Wahrnehmung sie dem Volk schulden.
Bankiers, die die Größe besitzen, diesbezüglich Verfehlungen
einzugestehen, sind ein Segen fürs Land.
„An die Vorstände der Unternehmen: Ziehen Sie Lehren aus der
gefährlichen 'Shareholder-Orientierung' und richten Sie Ihre
Unternehmensstrategien auf langfristige Ziele … aus.“ Im Namen eines
erfolgreichen kapitalistischen Ausbeutungswesens gehören Industrielle
daran erinnert, wie man einen Betrieb führt: Langfristiger Profit ist
besser als kurzfristige Pleiten – insbesondere, wenn dabei auf
„soziale und ökologische Kriterien und auf die Sicherung von
Arbeitsplätzen“ geachtet wird.
Nachdem an die Träger der Macht in Wirtschaft und Politik der Appell
ergangen ist, endlich gut zu führen und ihr Kommando durch
Erfolge zu rechtfertigen, wendet sich die IG-Metall an die
Hauptschuldigen der Misere, die Produzenten des Zeitgeists:
„An die Arbeitgeberverbände: Beenden Sie endlich die
Manipulationsfabrik ‚Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft’ mit der
sie die gescheiterten Konzepte des Neoliberalismus verbreitet haben“.
Immerhin gegen Zeitungskampagnen der Unternehmer kämpft die
Gewerkschaft mit ihren eigenen bis zum Sieg.
„An die Journalisten und Publizisten: Arbeiten sie ihren Teil der
Verantwortung für die Entwicklung der letzten Jahre auf. Übernehmen Sie
Verantwortung und berichten sie kritisch über die Interessen der
öffentlichen Akteure.“ Die Presse hat die ehrenvolle Aufgabe, die
Interessen der Mächtigen zu entlarven, damit sie die Gewerkschaft nicht
uneingeschränkt als Sachzwänge gelten lassen muss.
An die Wissenschaftler: Entwickeln Sie einen Transparenzkodex, um die
öffentliche und private Finanzierung der Forschung offen zu legen und
die wissenschaftliche Unabhängigkeit sicher zu stellen.“ Für die
Freiheit der Wissenschaft genügt es schon, wenn die Experten sagen, von
wem sie bezahlt werden: Dann können nicht mehr nur die Expertisen der
IG-Metall als bloße Parteimeinung weggeschoben werden.
Wenn die Elite auf allen Ebenen ihre Führungspflichten erfüllt und der
soziale Ton im Land wieder stimmt, ist es für die Gewerkschaftsbasis
nur noch halb so schwer, die Krise auszubaden.