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GegenStandpunkt 2-09
Ihr wollt nicht für die Krise des Kapitals
zahlen? Dann tut es auch nicht!
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Tatsächlich bezahlt ihr längst! Und die Demonstrationsaufrufe benennen
das auch: Wenn die Märkte einbrechen, wenn in Industrie und Handel die
Geschäfte schrumpfen, dann wenden die Unternehmen Schaden von ihren
Bilanzen ab, indem sie ihn an ihre Arbeitskräfte weitergeben: Sie
entlassen, verordnen Kurzarbeit, senken Löhne. Sie passen ihre Kosten
an die verminderten Geschäftsgelegenheiten an und verteidigen ihre
Gewinne. An dieser Front findet der Kampf darum statt, wer in welchem
Maß Opfer zu bringen hat dafür, dass das Wachstum wieder in Gang kommt
und die ganze kapitalistische Scheiße von vorne losgeht. Wer sich die
Rolle als flexibler Kostenfaktor nicht mehr gefallen lassen will; wer
es satt hat, in Zeiten der Konjunktur mit flexibler Arbeitsbereitschaft
für das Wachstum der Profite bereit zu stehen und in der Phase der
Schrumpfung die Firmenbilanzen durch Lohnverzicht zu sanieren, der
kommt um eine Kündigung seiner Rolle als Ware Arbeitskraft nicht herum.
Die Aufrufe zu dieser Demonstration schimpfen kräftig auf den
Kapitalismus und fordern „ein anderes Wirtschaftssystem, das Mensch und
Natur dient“ – aber den Kampf um die Abschaffung des Kapitals, den
finden sie nicht für nötig.
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„Zeit für Systemwechsel“ schreibt der gemeinsame Aufruf. Ein
merkwürdiger Systemwechsel ist das, der all die Figuren gleich wieder
mit an Bord nimmt, die in der schlechten alten Gesellschaft das Sagen
haben und deren Profitmacherei all die aufgezählten Übel von der Armut
in Europa und in der Welt bis hin zum Klimawandel verursacht.
Die Millionäre zum Beispiel. Sie bleiben Millionäre: Schließlich will
man ihnen eine Millionärssteuer aufbrummen, um die staatlichen Unkosten
der Bankenrettung zu mindern.
Die Banken müssen natürlich gerettet werden! Auch sie sind in der
„solidarischen Gesellschaft“ unverzichtbar. Nur gesunde Banken können
der Wirtschaft Kapitalvorschuss auf Kredit spendieren – und Kapital
braucht die arbeitende Bevölkerung ja wohl so nötig wie das tägliche
Brot, oder? Und das Vermögen der Banken wird vom Volk auch noch
gebraucht - denn nur reiche Banken können den vom Demo-Aufruf
geforderten Fonds auflegen, mit dem sie sich selber aus ihrer Pleite
herauskaufen und dem Volk Kosten für die unverzichtbare „Sanierung des
Finanzsektors“ ersparen.
Und die Wirtschaftskapitäne aus der „Realwirtschaft“ - die braucht ihr
natürlich auch in der neuen Gesellschaft: Wer sonst könnte den Kredit
der Banken verwenden und neben dem eigenen Profit noch den Zins für die
Banken aus der Arbeit herauswirtschaften. Nur Ausbeutung kann die
Arbeitsplätze schaffen, die das Volk braucht! Die muss wieder in Gang
kommen. Denn für die kapitalismuskritischen Aufrufe scheint das Übel
des Kapitalismus nicht darin zu bestehen, dass es in diesem System
Lebensunterhalt für Arbeiter nur gibt, wenn ihre Arbeit Profit abwirft.
Sondern darin, dass der Kapitalismus gegenwärtig mal nicht gescheit
funktioniert.
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Nicht nur die Reichen und Mächtigen, auch die Armen und Abhängigen
treten in der „solidarischen Gesellschaft“ wieder in ihren alten Rollen
auf: Wozu fordert man wohl einen „Sozialen Schutzschirm“, wenn man
nicht davon ausgeht, dass es weiterhin ohnmächtige und schutzbedürftige
Sozialfälle geben wird:
einen Mindestlohn für die Beschäftigten im Niedriglohnsektor. Den
Sektor soll es offenbar noch länger geben – da haben die Aufruf-Autoren
es dann schon nötig, sich von der SPD-Definition des für arme Arbeiter
Zumutbaren mit einem ‚aber bitte armutsfest’ abzugrenzen.
eine „existenzsichernde“ Erhöhung der Hartz-IV-Sätze für die
Langzeitarbeitslosen, die auch nicht weniger werden - mitsamt ihrer
ewig unsicheren Existenz;
Sozialrente mit 65 statt mit 67 für die Alten, die in der Krise sowieso
vor Erreichen der Altersgrenze aus den Betrieben gedrängt werden.
Geht's noch bescheidener? Aber was soll man schon erwarten von einem
Demonstrationsaufruf, der die „Menschen vor Profite“ setzen, also die
Rangordnung der beiden hohen Güter korrigieren will? Profit soll schon
sein, aber der Mensch darf darüber nicht vergessen werden! Mensch und
Profit sollen koexistieren können, so ist es doch gemeint? Wie passt
das dazu, dass Profit von vornherein auf Kosten der arbeitenden
Menschen geht? Dass er gar nichts anders ist, als was der Kapitalist
aus seinen Arbeitskräften herausholt?
Sieht so die „andere Welt“ aus? Ist das das „neue Wirtschaftssystem“,
für das ihr demonstrieren geht?
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Nein, liest man, mit Mindestlohn, existenzsichernder Sozialhilfe, Rente
mit 65 etc. ist die „solidarische Gesellschaft“ noch nicht fertig. Das
alles sind nur „Sofortmaßnahmen“, „erste Schritte“ – aber Schritte
wohin? Die Demo-Aufrufe zählen viele Übel auf, die das kapitalistische
Wirtschaften bei der Klasse der Lohnabhängigen verursacht, aber sie
wenden sich nicht gegen das Kapital, sondern an den Staat, der dem
Schaden Grenzen ziehen soll. Also an genau die Adresse, die mit ihrer
politischen Macht durch die Garantie des Privateigentums die
Wirtschaftsmacht des Kapitals in die Welt setzt, absichert und betreut.
Eine sozialere Politik soll die Schäden korrigieren, die die Wirtschaft
verursacht. Im Fordern nach Schadensbegrenzung werden all die
ökonomischen Prinzipien, die im Kapitalismus herrschen, und all die
sozialen Rollen, die er hervorbringt, vorausgesetzt und anerkannt. Das
ist nicht ein erster Schritt zur Abschaffung des Kapitalismus, es ist
der Ruf nach sozialer Politik, der diese Ausbeutungsökonomie begleitet,
solange es sie gibt.
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Wer nicht weiterhin zum Opfer von Krise und Krisenbewältigung gemacht
werden will, wer in einem neuen Aufschwung nicht wieder Mittel des
Profits sein will - der hat anderes zu tun, als mit einer Demonstration
gesellschaftlichen Druck für einen sozialen Politikwechsel in Berlin
aufzubauen.
Ihr wollt nicht zahlen für die Krise des Kapitals? Dann verweigert euer
Mitmachen! Aber feilscht nicht mit der Regierung um Preisnachlässe bei
der Bezahlung der Krisenlasten.