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GegenStandpunkt 2-09
„Nein zum Krieg! Nein zur NATO!“ – Und ein Ja zum demokratischen
Staat?
Wie soll das denn zusammenpassen!
Die Nato feiert sich selbst – und ihr könnt das Geburtstagskind nicht
leiden? Kein Wunder: Dieser Verein steht für Krieg, Folter und globale
Militarisierung, wie es ihm euer Demo-Aufruf vorhält.
Bloß: Wenn ihr dieses Kriegsbündnis zum furchtbaren Herrn der Welt
ausruft, der weltweit Kriege führt, für globales Elend sorgt, für die
Verschleuderung von Ressourcen, Sozialabbau, die Brutalisierung der
Gesellschaft und die Aushöhlung ehrenwerter Grundgesetze verantwortlich
ist – tut ihr da dem feinen Nordatlantikpakt nicht ein wenig zu viel
Ehre an?
Die Nato ist ja eine Einrichtung von monströser Gewaltbereitschaft, die
jede Gegnerschaft verdient. Aber dass sie sich über unschuldige
abendländische Demokratien hermacht und ihnen eine wesensfremde Politik
nach innen und außen, vom Klima über das Soziale bis zur
Ausländerpolitik aufzwingt – wollt ihr das im Ernst behaupten? Die Nato
ist schließlich ein Bündnis, das die Heimatländer der nordatlantischen
Demokratie gegründet haben; und das nicht aus Versehen, sondern als
Instrument ihrer zivilen und militärischen Zwecke. Ihr sagt in euren
Aufrufen doch selber, was diese Staaten schützen wollen: eine ganze
„ungerechte Weltwirtschaftsordnung“, die sie sich zu ihrem Vorteil
eingerichtet haben – wozu denn sonst! Und diese für sie nützliche
kapitalistische Weltordnung ist ohne einen weltweit schlagkräftigen,
schwer bewaffneten Gewaltapparat nicht zu haben!
Wir halten es für einen Fehler, wenn kritische Leute, die das
Kriegspotenzial und den Kriegswillen der Nato-Staaten für skandalös
halten, sich neben den wirklichen Demokratien, die die Eigentümer und
Kommandeure der Militärmaschinerie sind, zusätzlich noch eigentliche
freiheitlich-demokratische Gemeinwesen erfinden, die von
Militarisierung bedroht und von Konfrontationslogik unterwandert sein
sollen. Wollt ihr die Nato-Staaten gegen ihre eigene Kriegspolitik in
Schutz nehmen? Meint ihr, demokratische Regierungen könnten das alles
unmöglich wollen, was ihr ihrem Militärverein vorhaltet?
Bei allem Respekt vor Nato-kritischem Aktivismus: Man kann doch nicht
das Mittel kritisieren und die politischen und ökonomischen
Staatszwecke, die dieses Mittel braucht und sich schafft, außen vor
lassen.
*
Wenn ihr die menschenfeindliche Politik der Nato anklagt und die
Mehrheit der Menschen, die Kriege ablehnt, in einem scharfen Gegensatz
dazu seht, dann fällt uns auf, dass die Mehrheit der kleinen Leute gar
kein Monopol auf die Ablehnung von Kriegen hat. Selbst Politiker, die
den Krieg beschließen und von ihren Militärs führen lassen, erreichen
ihre Ziele lieber ohne Krieg. Und sie setzen, wenn sie ihn denn für
unumgänglich halten, ihre Kriegsmaschinerie für nichts anderes als für
den nächsten, besseren Frieden ein, der ihren nationalen Interessen die
Sicherheit verschafft, die sie brauchen, und ihrer Macht den Respekt,
mit dem sie andere Staaten zu einem für ihren Staat nützlichen Frieden
zwingen. Demokratische Kriegsherren – und nur solche sind es, die die
Politik des Bündnisses machen – berufen sich auch beim Schießen auf das
politische Mandat jener Mehrheit der Menschen, die sie gewählt hat. Und
die vielen wahlberechtigten kleinen Leute lassen sich das in aller
Regel gefallen. Sie hören keineswegs auf zu arbeiten, zu wählen – und
die Politiker dadurch zur Entscheidung über Krieg und Frieden zu
ermächtigen. Sie denken da – leider – nicht so viel anders wie ihre
politischen Repräsentanten: Sie lehnen Krieg ab, wenn sie keinen
nationalen Nutzen darin sehen, wenn er leichtfertig vom Zaun gebrochen
wird oder wenn er verloren geht. Wenn ihnen die Politiker aber sagen,
dass „unsere“ Lebensform auf dem Spiel steht, dass in „unserem“
exportorientierten Land die Arbeitsplätze von offenen Märkten überall,
von freien Verkehrswegen zu Wasser und in der Luft und von der
Bereitschaft anderer Staaten abhängen, die ihnen zugewiesene Rolle in
der weltweiten Marktwirtschaft zu spielen: Dann sehen auch
„friedfertige Menschen“ ein, dass diese Kooperationsbereitschaft in
Fällen „böswilliger Verweigerung“ erzwungen und der Frieden der
kapitalistischen Weltwirtschaft verteidigt werden muss.
Wer seine Kritik an der Kriegspolitik der westlichen Demokratien ernst
nimmt, kann sich nicht auf das gute Volk gegen seine Politiker berufen.
Ihm bleibt die Kritik des allgemein gebilligten kapitalistischen
Friedens nicht erspart.
*
Dieser Friede wird in den Nato-Staaten mit denselben vornehmen
Grundgesetzen regiert, deren Aushöhlung ihr beklagt, wenn im Zuge von
Kriegen in aller Welt die Grundrechte ausgehebelt werden. Sollte euch
entgangen sein, dass diese feinen Verfassungstexte schon alle Normen
und Klauseln zur Einschränkung der Grundrechte für den Fall vorsehen,
dass irgendwelche Gefahren die innere oder äußere Sicherheit bedrohen?
Das Grundgesetz der Bundesrepublik ist kein Gesetz zur Fesselung des
Staates, sondern die Charta seiner Macht; es ermächtigt die Regierenden
durchzusetzen, was immer sie zur Verteidigung der
freiheitlich-demokratischen Staatssicherheit für erforderlich halten.
Nationale Führungen berufen sich mit vollem Recht auf ihre
Verfassungen, wenn sie Krieg führen und dazu ihre Heimatfront
aufrüsten.
*
Im Verkehr mit anderen Staaten verstehen die großen westlichen
Demokratien sowieso nur die Sprache der Gewalt. Die aber sprechen sie
perfekt und verdolmetschen der Welt ihr hochgerüstetes Interesse als
das Recht der Völker und der Menschen. Die großen Staaten sind nicht
gehorsame Gefolgsleute des Völkerrechts und der Menschenrechte, sondern
deren Macher und Vollstrecker. Auch diese einschlägigen Kataloge sind
das Werk ihrer Macht, die sie in die Lage versetzt, jedem ‚shock and
awe‘, den sie zwischen Serbien und Afghanistan für nötig halten,
eigenhändig eine völker- und menschenrechtliche Lizenz
hinterherzuschicken.
*
Klagt also lieber nicht über verbogene Grundrechte, verfassungswidrige
Militarisierung und völkerrechtswidrige Kriege der Nato; sondern nehmt
zur Kenntnis, dass es eine Leistung demokratischer Rechtsstaaten ist,
auch noch für die Übereinstimmung von imperialistischer Interessenlage
und internationaler Rechtslage zu sorgen! Da passen schon immer der
Krieg und seine Mittel darunter, bis hin zur Beschaffung, ständigen
Bereitschaft und Anwendung von Atomwaffen. Schließlich war es eines der
Mutterländer der Demokratie, das als bislang einziges solche Waffen
eingesetzt hat, was, wie man weiß, der demokratischen Freiheit nicht
geschadet, sondern sie in der Welt verbreitet hat. Solches Zeug
brauchen die in der Nato verbündeten Mächte für die Aufrechterhaltung
ihrer globalen Ordnung, mit der sie sich ohne eine satte militärische
Übermacht nirgends blicken lassen können:
Das Glück der wirklichen Demokraten ist es, dass sie an ihren
nationalen Standorten keine anderen Gegner haben als ideale Demokraten,
die das wirkliche Regieren für einen Verstoß gegen den Geist der
Verfassung und demokratische Realpolitik für das Gegenteil des wahren,
guten und schönen Regierens halten, das sie von den staatstragenden
Parteien in unverwüstlichem Zutrauen einfordern.
Wenn ihr also eine Welt ohne Nato für nötig haltet, dann wird es wohl
auch nötig sein, nicht nur den uniformierten Befehlsempfängern des
westlichen Kriegsbündnisses, sondern ihren demokratischen Dienstherrn
und der zivilen Ordnung, die sie verwalten, die Gegnerschaft anzusagen.