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GegenStandpunkt 2-09
Amoklauf in der Schule: Schrittfolge eines fast normalen Wahnsinns
Hundert Faktoren und kein Grund
Ein Schüler kommt bewaffnet in die Schule, erschießt einigermaßen
wahllos Mitschüler, Lehrer und am Ende sich selbst. Das passiert zwar
nicht jede Woche, aber mittlerweile doch so oft, dass die Meldung eines
solchen Amoklaufs nur noch mäßig überrascht. So geht die Polizei Jahr
für Jahr Hunderten von „ernstzunehmenden“ Amok-Drohungen nach. Wenn
dann allerdings einige wenige den Schritt zum tatsächlichen Gemetzel
tun, steht die Öffentlichkeit immer wieder neu so „erschüttert“ wie
„fassungslos“ vor der Tat.
Zwar melden sich sogleich „Experten“ zu Wort und machen sich – je nach
Zuständigkeit und Fach – ein wenig wichtig mit einem so genannten
„Faktor“, der bei der „Tragödie“ hineingespielt habe: die Waffen, an
die man so verlockend leicht herankomme, die Videospiele, die einen
brutalen Einfluss hätten, das Zuhause, wo kein rechtes Glück sei, die
„gestörte Persönlichkeitsstruktur“ des Täters selbst, nicht zuletzt die
Schule, die vom pädagogischen Klima her versagt habe.
Bloß: Mehr als einen „Faktor“ wollen alle die Experten zum
„hochkomplexen“ Geflecht von „möglicherweise hundert oder mehr
Einflussfaktoren“ gar nicht beigesteuert haben. So dass man in den
Medien, wo die Volksmeinung betreut wird, mit dem Resümee abwinken
darf, dass es sich bei solchen Versuchen, die Tat zu „verstehen“, um
nicht mehr handle als um einen hilflosen „Reflex, das Unerklärliche
erklären zu wollen“, und bereits Stunden nach dem Gemetzel lassen auch
die Politiker wissen, dass die Untat „unfassbar“ und „in keiner Form
erklärbar“ (A. Merkel / G. Oettinger) sei. Schon vor 7 Jahren verlangte
der damalige Bundespräsident beim Amoklauf von Erfurt das
Eingeständnis: “Wir verstehen diese Tat nicht“ und sein Nachfolger
fordert nun anlässlich der Bluttat von Winnenden öffentliche
“Ratlosigkeit“, was ihm das Lob einträgt, “eine der besten Reden seiner
Amtszeit“ gehalten zu haben.
Diese Anleitungen sind nicht misszuverstehen als geistige
Ohnmachtsbekundung oder Mahnung, sich erst wieder zu melden, wenn man
in der so vielschichtigen Materie weitergeforscht und was
herausgebracht hat. Das so ausgesprochene Erklärungsverbot ist vielmehr
die ganze „Erklärung“, die insofern bereits fertig ist, als sie
schlicht im Standpunkt besteht, dass der „Wahnsinn kranker Einzeltäter“
aus der Normalität auszugrenzen ist – welche soweit dann wieder in
Ordnung wäre. Deshalb findet es der schwäbische Ministerpräsident vom
Amokläufer in seinem Bundesland „besonders gemein, die Schule, einen
Ort der Zukunft, der Bildung und der Erziehung“ zum Schauplatz gewählt
zu haben.
Hat die Schule versagt? Von wegen
versagt!
Allerdings sind es hier Schüler, die genau die Schule als Kulisse ihrer
Racheakte wählen. So sehen sich kritische Stimmen aufgerufen, die
unsere Schulkultur nicht erst jetzt mit ihrer Unzufriedenheit begleiten
und die das „School Shooting“ als dramatische Bestätigung nehmen, die
genau sie für die fälligen Talkshows empfiehlt. Dort fragen sie dann in
die Runde, ob sich (unter anderem) nicht auch die Schule „ein Versagen“
eingestehen müsse und an den Bildungsstätten nicht einiges schief laufe.
Schief ist jedenfalls der Blickwinkel dieser Schulkritiker, die meinen,
dass vieles, was ihnen missfällt, bis hin zum Mord-Spektakel, nicht
sein müsste, wenn man die von ihnen schon seit Jahr und Tag angemahnten
Korrekturen beherzigen würde. Mit einer Portion Verständnis für die
durchgedrehten Schüler halten sie das Klima, das mit der schulischen
Leistungsselektion einhergeht, für gefühlskalt bis unmenschlich. Die
Lehrer würden nur Noten verteilen, aber die seelischen Härten, die
damit verbunden sind, nicht abfedern, weil sie pädagogisch zu wenig
geschult oder fortgebildet seien. Die Selektion selbst werde zu früh
angesetzt – und sei nicht überhaupt das Ausbildungswesen zu
„leistungszentriert“?
Dass die Selektion – früher oder später oder mit etwas weniger
Leistungsdruck oder mit mehr Einfühlungsvermögen – vollzogen wird,
stellen die Schulkritiker nicht in Frage. Womit auch ihr Vorwurf, alles
drehe sich um Leistung, daneben ist. Denn es geht in der Schule genau
nicht darum, dass alle die verlangte Lernleistung erbringen, sondern es
werden Leistungsunterschiede in einem Vergleich festgestellt, der es
vorsieht, dass es neben „leistungsstarken“ immer auch
„leistungsschwache“ Schüler gibt. Es geht nicht darum, die
Grundbestände gesellschaftlichen Wissens zum Allgemeingut zu machen,
sondern darum, die Beschulten zu sortieren. Dabei bezieht sich die
Selektion auf Unterschiede, die sie am Schülermaterial vorfindet:
Unterschiede an Vorkenntnissen, an Aufmerksamkeit, wie gut einer
überhaupt Deutsch kann; hat er Eltern, die ihm sachlich helfen,
Nachhilfe zahlen können, oder solche, die nur mit moralischen
Ermahnungen nerven? Die Schule macht da keinen Unterschied, die Frist
zum Aneignen sowie fürs Ausspucken des Stoffes ist für alle gleich. Die
erteilte Zwei oder Fünf sagt nichts über den Inhalt des
Kenntnisstandes, sondern übersetzt diesen in eine Zahl, nur um ihn
unterscheidbar zu machen von dem der Mitschüler. Über das Vorrücken im
Stoff entscheiden die Noten nicht – da geht es nach jeder Prüfung
ohnehin weiter, egal, wer nun wie viel weiß oder nicht weiß. Dieses
Verfahren, systematisch Leistungsunterschiede hervorzubringen, ist
alles andere als ein Versagen der Anstalt, sondern schlicht ihr Zweck.
So nämlich produziert diese Konkurrenz Gewinner, Verlierer und ein
Mittelfeld dazwischen, und es ist kein Geheimnis, wofür: Die Schule
beliefert damit die getrennt von ihr feststehenden Positionen der
Klassengesellschaft, wo es höhere mit besserem Einkommen und viele
schlechtere mit viel Arbeit für wenig Lohn gibt – wenn überhaupt. Diese
paar dürren Wahrheiten könnten Schulveränderer und sonstige
berufsmäßige Kinderfreunde wohl auch wissen, aber so grob und
schmucklos hinsagen wollen sie das nicht.
Vielmehr machen sich Idealisten der Erziehung ein Bild von der Schule,
das die Sache mit der Selektion umdreht und in dem sich auch die Lehrer
schon besser gefallen. Demzufolge stellen sie keine Unterschiede her,
sondern sie ermitteln nur, was die Schülerperson unabhängig von der
Schule an Potenzial so mitbringt und überhaupt drauf hat. Da mag sich
der gestandene Lehrer einbilden, spätestens auf den zweiten Blick zu
wissen, wen er da vor sich hat: „Zu mehr reicht es bei dem oder bei der
nun mal nicht“. Diese wohl häufigste Diagnose in den Lehrerzimmern ist
der tägliche Ableger der Ideologie, welche die bürgerliche Ausbildung
generell über sich verbreitet. Dass sie nämlich nichts anderes macht
als mit ihrem Test auf die Tauglichkeit in der schulischen Konkurrenz
einem jeden den zu seinen „natürlichen“ Anlagen und Eignungen passenden
Platz anzuweisen – für die Konkurrenz danach. Deshalb sind sich die
praktizierenden Menschenkenner auf den Notenkonferenzen in der Regel
sicher, dass man dem einen oder anderen nur zu seinem Besten die
Weiterbildung erspart. Aber auch kritische Pädagogen, die die Sorge
umtreibt, ob vorschnelle Bewertungen nicht so manche schlummernde gute
Anlage ausbremsen oder verkennen, halten die Schule für eine Art
Talentschuppen und wollen mit dem Ideal einer gerechten Sortierung
richtig schön ernst machen.
Der Schüler und sein spezieller Wert
Die Objekte der Auslese machen da – praktisch und theoretisch – mit.
Praktisch stellen sich die Schüler der Konkurrenz, der sie unterzogen
werden, indem sie sich zum Mittel des Erfolgs in ihr herrichten. Den
Ernst des Lebens kriegen sie da schnell mit, und kaum haben sie
Buchstaben und Zahlen abgemalt, steht die erste grobe Weichenstellung
ins Haus. Die Auslese für die höheren Schulen ist eine maßgebliche
Vorentscheidung des Lebensweges, was heute bereits Acht- und
Neunjährige auch daran merken, dass die Eltern sie zur Nachhilfe und
zum Psychologen schicken. Was das Konkurrieren in der Schule angeht,
haben sie bald kapiert, wie der Laden läuft: Die erste und bleibende
Lektion ist, dass es beim Lernen von Wissen jeder Art immer um das
Gleiche geht, nämlich um die Noten, die man dafür kriegt. Was Lehrer,
ausgerechnet sie, immer wieder beklagen, dass nämlich den Schülern der
Inhalt, anhand dessen sie die Sortierung vornehmen, ziemlich egal ist,
ist genau die zwar absurde, aber sachgerechte Einstellung: Gelernt wird
für den Schulerfolg – wofür sonst? Weil dieser relativ, also über den
Vergleich zu den Mitschülern, ermittelt wird, heißt es, sich mit jedem
Wissensbrocken hervorzutun, wenn nötig, bei dieser Selbstdarstellung
auch mal Interesse am Inhalt zu heucheln, also so zu tun, als gehe es
einem nicht bloß um die Note, weil das nämlich benotet werden könnte.
So zieht die Schule sich diese berechnende Konkurrenzfigur heran, eine
Persönlichkeit, die den Beruf Schüler auch ihrerseits mit den passenden
Interpretationen zu unterlegen weiß. Den Zwang zu dieser Konkurrenz
legen sich ihre Aktivisten dabei gerne als Gelegenheit zurecht,
Leistungswillen und -fähigkeit als persönliche Eigenschaften zu
entfalten. Die verlangten Anpassungsleistungen erscheinen ihnen dann
wie ein Angebot zur Verwirklichung ihres Selbst und zur Anerkennung des
ihm zustehenden Erfolgs. Die Sichtweise, dass man nicht etwa lernt,
weil man noch nichts weiß, sondern dass man da hingeht, um etwas aus
sich zu machen, weil man ein Potenzial hat oder ist, dass es also in
diesem Sinne voll auf einen selbst ankommt, diese Sichtweise dürfte dem
Individuum auch von seiner Lebenswelt außerhalb der Schule nicht
unbekannt sein. Wo jedenfalls die Schule vom Potenzial spricht, sagt
der Schüler, das hat er. Wo die Schule auf die Unterscheidung aus ist,
nehmen Schüler-Individuen das als Einladung, auf ihre
Unterschiedlichkeit Wert zu legen und mit ihrer Besonderheit hausieren
zu gehen. So lassen sich Noten als sehr persönliche Schwächen oder
Stärken deuten, und es soll als Ausweis der Individualität gelten,
Mathe einfach nicht zu können, was dann aber schon durch die Angeberei
mit einer anderweitigen Begabung ergänzt sein will. Kaum hat einer
einmal mit zählbarem Erfolg im Fach Deutsch herumschwadroniert, mag er
sich für einen eher kreativen Typ halten und meint vielleicht, dass
diese Spezies überhaupt mehr Anerkennung verdiene. Solche Übersetzungen
der Resultate der Konkurrenz in persönliche Eigenheiten lassen sich bis
zu der Einbildung verdünnen, dass man vom Typ her letztlich eben ein
Winner oder ein Loser ist.
Die Zeugnisse nehmen Schüler also nicht nur als Bewertungen ihrer
schulimmanenten Konkurrenztüchtigkeit, sondern darüber hinaus als
Urteile über den Wert der eigenen Person und gleichen diese mit ihrem
Selbstwertgefühl ab. Mit dem Übergang in diese Psychologie wird die
Schule zum Ort persönlicher Triumphe oder aber Blamagen, und
Durchfallen ist dann weniger der praktischen Folgen wegen schlimm,
sondern womöglich demütigend. Wenn dann ausgerechnet die Schule selber
ihre Wichtigkeit dementiert und den Aussortierten das Kompliment
anträgt, dass sie als Menschen gleichwohl wertvoll sind, da Noten doch
nicht alles über eine Person aussagen, so ist das einerseits die
berechnende Beschwichtigung, die der Konkurrenz-Veranstaltung die
unschönen Disharmonien nehmen soll. Zum anderen bestätigt die
Relativierung haargenau das Prinzip, nach dem sich die Leute der Pflege
ihres Selbstwertgefühls widmen.
Immerhin so viel Realismus steckt im albernen pädagogischen Trost:
Wenngleich die Schüler eine beachtliche Zeit auf die Schule als ihren
Lebensraum festgelegt sind, meinen sie tatsächlich nicht, dass die
Schule das ganze Leben ist. Sie beschränken ihre Selbstwertpflege ja
auch keineswegs auf die Paukanstalt. Da mag der Einserschüler sich
ziemlich was auf sich einbilden, aber nur Streber will er nicht sein,
zumal ihm als Spitzentyp doch allenthalben Anerkennung winken sollte.
Das wiederum glauben aber auch viele „Schul-Versager“ von sich,
vielleicht gerade sie. Auch bei ihnen ist zumindest das Lernziel
Selbstbewusstsein angekommen, und die wenigsten legen sich die
pflegeleichte Einstellung zu, zum Verlierer geboren zu sein. Wenn schon
die Schule ihre Person bewertet, drehen sie den Spieß um und beurteilen
die Schule, ob sie ihrer werten Person überhaupt gerecht wird. Zum
Schulalltag gehört die Beschwerde, dass die schlechte Platzierung
eigentlich gar nicht sein kann, dass man sie nicht verdient hat. Also
lastet man sie dem Lehrer an, der das eigene Potenzial entweder
schlecht motivieren kann und/oder ein Arschloch ist, das einen nicht
leiden mag.
Nicht wenige versuchen die Maßstäbe der Schulkonkurrenz als solche zu
ignorieren, indem sie sich nach anderen Schauplätzen umtun oder diese
vorfinden, wo sie dann aber nicht von der Konkurrenz die Schnauze voll
haben, sondern im Reich ihrer paar Freiheiten alternative Konkurrenzen
aufmachen, in denen sie die Weltmeister sein wollen. Wenn sich dann mit
Fäusten statt mit Goethe-Sprüchen Respekt verschafft wird und dafür
Mitschüler im Pausenhof oder Opas in der U-Bahn herhalten müssen, ist
das die rohe Variante, Belege der eigenen Überlegenheit abzuliefern,
und der Applaus beschränkt sich auf das eigens dafür formierte
Cliquenwesen. Über kompensatorische Anstrengungen dieser Art zerstört
sich mancher den Rest an Chance in der Konkurrenz, die wirklich zählt.
Dabei hat die bürgerliche Welt für das Bedürfnis, alles Mögliche zum
Material des Anerkennungswahns zu machen, auch ein buntes Angebot
ziviler Kulissen parat. Da gibt es schon kaum eine Freizeitbetätigung,
die nicht zur Bühne der Ego-Pflege wird, weshalb sie dann eher kein
Vergnügen ist. Da werden Rekorde in coolem Outfit, Chatmarathons,
plakativen Hautverletzungen oder Komasaufen gebrochen. Mancher
Studienrat mag über seine Früchtchen den Kopf schütteln, aber von der
Denkart der bürgerlichen Konkurrenzpsychologie her passt der Nachwuchs
mit seinen Idiotien und Angebereien doch ganz gut in die Landschaft.
Die (nicht nur in Amerika) anerkannte Psycho-Logik, dass ein
Super-Selbstbewusstsein nicht erst der ideelle Ertrag des
Konkurrenzerfolgs ist, sondern das beste Mittel, ihn einzufahren, hat
schließlich gerade in den höheren Etagen der Arbeitswelt ihr Gewicht.
Also ist es doch gerecht, dass der Kult der Selbstdarstellung auch in
der Unterhaltungssphäre passende Stilblüten treibt und sich
nachwachsende Größenwahnsinnige in die Fernsehstudios aufmachen, wenn
Deutschland den Superstar sucht.
Verletzte Ehre will Rache
Klar, dass auch die privaten Konkurrenzen die Anerkennung so wenig
verbürgen wie die schulische Konkurrenz. Wenn das Subjekt die
Diskrepanz zwischen den eingesammelten Bewertungen und dem
Selbstwertgefühl registrieren muss, kann es beschließen, umso mehr auf
dem eigenen Wert zu beharren und sich geradezu ein Recht auf dessen
Anerkennung einzubilden. Ist dieser Standpunkt eingenommen, geht es
nicht mehr um diese oder jene Besonderheit, für die man den Beifall
sucht. Sondern da geht es insofern stets ans Eingemachte, als die
Betreffenden bei jeder Gelegenheit ohne speziellen Inhalt oder Umstand
sogleich bei der grundsätzlichen Frage der Ehre landen und den
abstrakten Respekt vor der eigenen Person einfordern. Wer so tickt,
deutet jede ausbleibende oder auch nur subjektiv vermisste Anerkennung
als Verweigerung derselben und damit eben des Rechts darauf, das einem
zusteht. Ob etwa Lehrer oder Mitschüler, die einen schwach anreden, was
sicher vorkommt, das tatsächlich als diese Erniedrigung meinen oder
nicht, ist für die eigenwillige Sicht der gekränkten Ehre belanglos:
Sie nimmt es so oder so als weiteren Beleg unter vielen dafür, dass
hinter all den Demütigungen lauter Mitmenschen auszumachen sind, die
warum auch immer genau diesen bösen Willen haben. So ist mit dem Grund
zugleich die Adresse der Rache, die Genugtuung verschaffen soll,
gefunden: Die Rache kehrt die Richtung der Ehrverletzung um, indem sie
über die Schuldigen das Urteil fällt, dass sie es sind, die nichts wert
sind. Wer auf Rache sinnt, will nicht nur die Schmach nicht auf sich
sitzen lassen, sondern ist überzeugt, dass das erlittene Unrecht ihm
das Recht gibt, die Bösen dafür zu strafen: „Seit meinem 6. Lebensjahr
wurde ich von euch allen verarscht! Nun müsst ihr dafür bezahlen.“
(Abschiedsbrief / Emsdetten)
Und so beansprucht die Rache ihren Platz im Gedanken- und
Gefühlshaushalt der Subjekte, betätigt sich in der Fantasie, wo
bekanntlich so mancher Lehrer dran glauben muss. Oder sie gibt den
Stoff für diesbezügliche Sprüche im Pausenhof, was Polizei- und andere
Psychologen von ihrem Fahndungs- oder Präventionsstandpunkt her als
Problem entdecken: Müsste man jede auf dem Schulhof oder sonst wo
(ab)gehörte Drohung als Ankündigung eines Amoklaufs ernst nehmen,
könnte man die „Orte der Zukunft“ dauerhaft evakuieren. Da passt es
wohl besser ins Bild, diese Drohungen als ganz inhaltslos
herunterzuspielen und einer natürlichen Lebensphase der Jugend
zuzuschreiben: „In der Pubertät klopfen Jugendliche gern harte Sprüche
und sagen schon mal: „Ich bring die um!“ Die Lehrerin etwa, die
schlechte Noten gegeben hat“ (So eine Professorin für Kriminologie laut
SZ v. 12.3.09). Als würden sich freundliche Ansagen dieser Art auf
Jugend und Schule beschränken.
Ob einer den Übergang von der Rachefantasie zum blutigen Ernst
beschließt und den Schritt zu diesem Wahnsinn tut, hängt an der
Radikalität, an der Ausschließlichkeit, mit der er seinen Lebenssinn
ganz auf das Recht, Ehre zu verdienen, ausgerichtet hat, so sehr, dass
er all die so empfundenen Verletzungen dieses Rechts nicht mehr
aushalten will.
Die gewöhnlichen Berechnungen des Konkurrenzsubjekts muss dieser
Fundamentalist des Ehrgefühls weit hinter sich gelassen haben,
andererseits bestätigt er auf seine Art noch in der Tat selbst die
Denkweise der Konkurrenz, aus der er sich endgültig verabschiedet: Er
zeigt es allen, dass er doch ein Sieger ist, und das in einem viel
grundlegenderen Sinn, als das der lächerliche Wettlauf um Noten oder
andere Statussymbole ermittelt. Das Urteil seiner Wertlosigkeit, das
die Mitwelt vermeintlich über ihn gesprochen hat, will er zurechtrücken
und umkehren, indem er den Beweis erbringt, dass er tatsächlich die
Macht hat, sich zu rächen, d. h. sich die Ehrverletzungen nicht bieten
zu lassen, sondern sie zu bestrafen und damit seine Opfer ihrer
Wertlosigkeit zu überführen. Dass die Gewalt das unwiderlegbar
praktische Argument des Rechts ist, hat der junge Zeitgenosse offenbar
mitbekommen, und zwar nicht von den Computerspielen. Die Höchststrafe
der Hinrichtung scheint ihm offenbar die angemessene Antwort auf die
Schwere des Verbrechens zu sein, sich an seiner Ehre vergangen zu
haben. “Kein Bulle hat das Recht mir die Waffe wegzunehmen“
(Abschiedsbrief /Emsdetten). Diesen Wahn schließlich kann der
Amokläufer sich nur beweisen, indem er selbst sein Gemetzel nicht
überlebt.
Der Nachruf: Ganz ohne Sinn darf das
Grundlose nicht sein!
Der größte Teil der öffentlichen Besprechung hat sich für amoklaufende
Schüler auf das Merkmal „unauffällig“ verständigt: unauffällig als
Schüler, als Sohn, als Killerspieler und überhaupt. Das nehmen viele
Kommentatoren sogleich als für sich selbst sprechenden Beleg dessen,
was sie schon immer gesagt hätten: dass sich jeder Versuch, den Grund
für die Tat in der Schule und Gesellschaft zu suchen, verbietet und
blamieren muss, wenn da doch gar keine Probleme aufgefallen sind. Was
wieder – siehe Anfang – für die Rätselhaftigkeit dieses Wahnsinns
spreche.
Sollte ein Amokläufer (wie der von Erfurt) als Schüler doch auffällig
geworden sein, passt sein Fall aber auch in den Trichter der gleichen
Logik: Viele fliegen doch von der Schule, ohne Amok zu laufen, so
lautet dann der schlagende Beweis, dass das eine nicht der Grund für
das andere sein kann. Dabei lassen diese „Gewalttheoretiker“ und andere
„Experten“ als Erklärung nur die deterministische Vorstellung eines
Mechanismus gelten, wo auf den Knopf mit der Aufschrift „Misserfolg“
gedrückt wird und fertig ist der Amokläufer. Dieser Kurzschluss von
Ursache und Wirkung ohne Wille und Bewusstsein dazwischen, diese
Zwangsläufigkeit wird insgeheim unterstellt, um dann die „Fehlanzeige“
zu vermelden. So kann auch diese Zurückweisung einer „Erklärung“ die
Verrätselung bekräftigen und in den Befund von der Grundlosigkeit der
Tat münden.
Vor einem eher praktischen Rätsel fahndungstechnischer Art stehen die
Polizei und ihre Profiler, wenn sie die Unauffälligkeit der Täter als
Schwierigkeit oder Unmöglichkeit beklagen, Amokläufer frühzuerkennen.
Die Experten von der psychologischen Wissenschaft können da zwar
praktisch auch nicht weiterhelfen, aber kriegen es hin, in eben der
Unauffälligkeit das Gegenteil zu entdecken, jedenfalls einen wichtigen
Faktor, der selbst maßgeblich zur Tat beiträgt. Es sei eben ganz fatal,
wenn das Subjekt seine Aggressionen in sich hineinfrisst und „mit sich
selbst ausmacht“: “Aufgrund ihrer Persönlichkeitsstruktur beginnen die
Täter, sich immer mehr zurückzuziehen und einzugrübeln; nach einer
kurzen Suchphase kommt es raptusartig zur Tat“ (meint ein Psychiater
laut SZ, 18.4.07). So trennt auch diese Sichtweise die Tat von jedem
objektiven Grund, indem sie die „Aggressionen“ als etwas Normales
unterstellt, um die so genannte Störung in das verkehrte subjektive
Handling dieser Gefühle zu verlegen, deren gedanklicher Inhalt dieser
Theorie egal ist .
Von diesem Standpunkt her kann man Computerspiele für verhängnisvolle
Reizmittel aggressiver Dispositionen halten und zum Verbot mahnen oder
aber als Medienpädagoge einen „Medienführerschein“ für die Jugend
fordern, nebst Ego-Shooter-Fortbildungen für die Eltern, damit sie und
ihr gewaltspielender Nachwuchs „auf Augenhöhe“ und kompetent über
„Counterstrike“ diskutieren. (SZ, 2.4.) Denn es können, wer hätte das
gedacht, gerade aus Killerspielern statt Amokläufer prima Ärzte werden:
„Eine Studie belegt, dass angehende Chirurgen durch Ballerspiele
geschickter bei Operationen sind, denn die Spiele verbessern die
Koordination von Augen und Händen.“ (So ein Medienpsychologe, FAZ,
19.4.). Überhaupt sei die den „Aggressionstrieb“ abführende
Ventil-Wirkung dieser Spiele nicht zu verachten, Blutorgie virtuell
quasi immer besser als real. Genau in dieser Denkart lässt sich auch
über die Entwaffnung hochanständiger Privatschützen mit ihren
sympathischen Vereinen diskutieren und nach Art des Abituraufsatzes am
Waffenbesitz neben dem Wider auch manches Für finden, vielleicht die
Abwrackprämie für Gewehre als Synthese.
Und sollte am Ende, recht besehen, sogar der Amoklauf selbst sein Gutes
haben? „Die kollektive Trauer um öffentlich Gestorbene ist zum Zeichen
der Zeit geworden … So gesehen ist die Gedenkstunde von Winnenden ein
gutes Zeichen aus furchtbarem Anlass. Weil sie den halben Antworten
nach dem Warum eines fünfzehnfachen Mordes das Antwortlose
entgegensetzt und eine neue Frage stellt: Wozu geschah das Sinnlose?
Was folgt, was entwickelt sich nach dem Schock? Die Frage nach dem
Warum hadert, die nach dem Wozu führt ins Leben zurück.“ (M. Dobrinski
in SZ, 23.3.). So ist die falsche Frage (Warum?) mit der richtigen
(Wozu?) beantwortet und es bekommt das Grundlose doch noch seinen Sinn,
wenn die um die Amokopfer trauernde Gemeinde genau ihre Gemeinschaft
zelebriert, bevor es zurück zu Sortierung und Konkurrenz geht.