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GegenStandpunkt 2-09
Merkel bei Opel in Rüsselsheim: „Angie, lass uns nicht im Stich!“
Tja, liebe Opelanerinnen und Opelaner,
jetzt ist sie also gekommen, die Kanzlerin, zu euch nach Rüsselsheim.
Angeblich habt ihr sogar gedroht, sie auszupfeifen, sie selber hat zu
Beginn ihrer Rede ja gesagt, dass „es ziemlich feige gewesen wäre“,
wenn sie nicht hier aufkreuzen würde. Wieso eigentlich feige? Klar,
eure Lage ist wirklich beschissen – euer Arbeitgeber, General Motors
bzw. Opel, ist einer der weltweit größten Krisenfälle, ein de facto
bankrotter Weltkonzern, keiner von euch weiß, ob er in der nächsten
Zukunft bei Opel überhaupt noch arbeiten darf, gerade hat der neue
Ami-Präsident den Sanierungsplan von GM komplett abgelehnt, in 60 Tagen
muss ein neuer vorliegen, der ausdrücklich die komplette Insolvenz des
Gesamtkonzerns als eine Option enthalten soll, usw. usf. Der Kanzlerin
ist anscheinend klar, auf wessen Seite sie steht, euch offenbar nicht.
Immerhin habt ihr nämlich im Vorfeld des Besuchs mehr als deutlich
gemacht, dass es euch ausschließlich um irgendwie „belastbare Zusagen“
für den Erhalt eurer Arbeitsplätze geht. Und wenn wir nicht vollkommen
schief liegen, dann hat schon auch die oberste Standortverwalterin
einiges dafür übrig, dass in Deutschland möglichst viel gearbeitet wird
– natürlich zu weltrekordfähigen Bedingungen: möglichst intensiv,
effektiv und billig, damit an den Plätzen, auf denen ihr arbeitet,
Geldeigentümer wieder so richtig ihre Freude haben. Dann ist eine Firma
wie Opel gut „für die Zukunft gerüstet“, wie euch die Kanzlerin
ungefähr fünfmal gesagt hat. Aber wem sagt sie das eigentlich? Ihr
Opelaner habt aus den vergangenen Nötigungen des Managements in Sachen
Lohn und Leistung auch nur den einen Schluss ziehen wollen, dass
Lohnarbeiten bei Opel buchstäblich zu jedem Preis eure Zukunft sein
soll.
Deswegen findet ihr es wohl schon spitze, dass Angie und ihre
hessisch-pfälzisch-nordrheinischen Kollegen alles „versuchen und
daransetzen, einen Investor zu finden, der natürlich mit staatlicher
Unterstützung – ich sage das ausdrücklich zu; wir haben dafür die
Instrumente – eine langfristige Basis aufbaut und an Opel glaubt.“ Nun
ist das mit dem „Glauben“ von Investoren allerdings so eine Sache:
Soweit wir wissen, investieren die in aller Regel nicht aus
Begeisterung für ein schönes Auto in einen Betrieb, sondern weil sie
nüchtern mit ihm kalkulieren - als lohnende Anlage für ihr
Finanzkapital. Aber bei euch scheint die Kanzlerin mit ihrer Floskel
vom „Glauben an Opel“ einen Nerv getroffen zu haben. Ihr habt euch
frühmorgens vor der Rede Merkels gelbe T-Shirts überstreifen lassen,
auf denen draufstand: „Wir sind Opel“, womit ihr nochmals überdeutlich
darauf hinweisen wolltet, dass zwischen eure Interessen und die eurer
Firma kein Blatt passt. Ihr wollt Opel sein, in Treue fest zu der Firma
stehen, auf die ihr stolz seid und die euch für die aussichtsreiche
Spekulation auf Gewinn aus eurer Arbeit schuften lässt oder auch nicht.
Und ihr glaubt, mit diesem besonderen Treuebeweis ein besonderes Recht
darauf zu haben, dass die Merkel euren Betrieb rettet. Eine solche
„Leidenschaft der Mitarbeiter“ für ihre Firma findet die Kanzlerin
klasse – und stellt auf der anderen Seite klar, was sie in der Sache
Opel will. Sie will „leidenschaftlich und hart dafür arbeiten, um ein
Opel Europa zu kreieren; ein Opel Europa, das für die Zukunft gerüstet
ist und das an die 110-jährige Tradition des Unternehmens anknüpft, das
auf der Leidenschaft der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die ich
heute kennenlernen konnte, aufbaut und das die ganze Unterstützung der
Politik in Deutschland hat.“
Merkel will ein neues „Opel Europa“ – Investoren und die
Bundesregierung mustern eure Betriebe durch, sanieren sie, schlachten
sie aus oder machen sie dicht, je nachdem. Und diesem
deutsch-europäischen Standortprojekt gilt ihre „ganze Unterstützung“.
Deswegen stellt sie euch gegenüber auch klar, dass ihr schief gewickelt
seid, wenn ihr glaubt, dass der Staat euch einfach so aus der Scheiße
hilft: „Denn bei aller Liebe für das, was der Staat tun kann; der
tollste und beste Unternehmer war er noch nie.“ Also: Lohnen müssen
sich die feinen Arbeitsplätze bei Opel fürderhin schon, wenn es sie
denn weiter geben soll. Der deutsche Staat übernimmt nämlich nicht
einfach den ganzen Laden mal selber und zahlt für ihn, ohne dass daraus
wieder ein Bombengeschäft auf deutschem Boden wird.
Aber wahrscheinlich seid ihr eh Realisten, habt euch damit abgefunden,
dass eine ewige Staatsbeteiligung ohne Gewinnaussichten nicht in die
Tüte kommt, und könnt auch noch diesem Staatsprojekt der Abtrennung
Opels von GM eine hoffnungsvolle Perspektive abgewinnen, geradeso, als
ob einem deutschen Arbeiter irgendwie geholfen wäre, wenn er in Zukunft
die geschäftlichen Kalkulationen von deutschen Kapitalisten ausbaden
darf! Wie kommt ihr eigentlich auf diese Schnapsidee? Etwa weil ihr
euch als altgediente Rüsselsheimer Bandarbeiter über drei Generationen
angewöhnt habt, alle Zumutungen der deutschen Firma von Kurzarbeit,
Entlassung bis Lohnsenkung immer als Unfähigkeit der amerikanischen
Zentrale in Detroit zu deuten? Wer so bedingungslos dienstbereit und
antiamerikanisch drauf ist, dem geht es wohl auch wie Öl runter, wenn
die Kanzlerin Selbstbewusstsein und Verhandlungsgeschick als deutsche
Politikerin demonstriert. Für ein erfolgversprechendes „Opel Europa“
wird sie noch „hart verhandeln müssen, aber wo ist das nicht so? Ich
sage, wir können das, nicht nur die andern.“ „Wir“ und „die andern“!
Das scheint für euch der richtige Tonfall zu sein, denn was ist schon
ein Gemeinschaftsgefühl von deutschen Opel-Arbeitern, wenn es sich
nicht gegen die Amis richtet? Oder habt ihr etwa nicht Beifall
geklatscht, als die Kanzlerin selbstbewusst gefordert hat, dass „auf
der anderen Seite natürlich auch GM seinen Beitrag leisten muss“? Dass
die Amis zahlen sollen für „unser“ deutsch-europäisches
Rettungsprogramm – „wir“ sagen nur „Patententgelte“ und so.
‚Habt ihr also verstanden’, werte Opelaner? Das ist die Hilfe, die ein
politischer Vorstand seinen nationalen Untertanen in Not anzubieten
hat. Er vereinnahmt ganz kumpelhaft ihren Stolz und ihre nationale
Gesinnung und verspricht ihnen nichts weiter als den erfolgreichen
Einsatz deutscher Macht. Merkel will nur noch ‚auf Augenhöhe’ mit dem
Ami-Präsidenten über internationale Krisenaffären verhandeln; Opel soll
zu einem deutsch-europäischen Erfolgskonzern geschmiedet werden usw.
usf., und das soll euch beeindrucken, ihr sollt dazu Zutrauen fassen,
damit sie und die jetzigen oder neuen Herren von Opel ungestört ihren
Kalkulationen mit eurer Arbeit, soweit sie (noch) verlangt wird,
nachgehen können. Und leider haben wir den begründeten Verdacht, dass
das bei euch auch ungefähr so ankommt. Ihr habt die Merkel ja noch
nicht einmal ausgepfiffen, geschweige hinausgeworfen, sondern sie von
eurem Fließband herunter mit mehr als höflichem Beifall bedacht und
brav eure Transparente „Angie, lass uns nicht im Stich!“ hochgehalten.
Natürlich lässt sie euch nicht im Stich – sie hat euch fest verplant,
dafür, dass Deutschland ‚gestärkt aus der Krise kommt’:
„Deshalb – das hat jetzt nicht nur mit Opel und General Motors zu tun,
sondern mit der gesamten Wirtschaftskrise, die wir gerade durchleben –
sage ich auch: In dieser Wirtschaftskrise werden die Karten neu
gemischt; es wird derjenige vorne dran sein, der in einer solchen
krisenhaften Situation absolut auf Innovation und Zukunft setzt.
Deshalb müssen wir alles daransetzen, dass wir zum Schluss bei denen
dabei sind. Wenn ich ‚wir’ sage, dann ist das Opel, aber dann ist das
auch ganz Deutschland und es sind diejenigen, die in dieser Krise
Zukunft gestalten und die ihr Geld so einsetzen, dass wir daraus etwas
für die Zukunft machen.“
Heitere Aussichten für euch Belegschaften hier und anderswo. Eure
Regierenden tun alles, damit sich die Unternehmen wieder als Geldquelle
für internationale private Spekulanten bewähren. Und dafür sind eure
Verzichtsleistungen – ob ihr demnächst für Opel noch arbeiten dürft
oder nicht – fest verplant als Trumpfkarte, mit der Deutschland die
anderen Nationen ausstechen will. Ihr seid die Manövriermasse, ihr
werdet als Bataillone im Kampf der Nationen um das Geld der Welt
losgeschickt, wenn Frau Merkel so „leidenschaftlich und hart daran
arbeitet, etwas Vernünftiges für die Zukunft hinzubekommen.“ Angesichts
dessen ein weitblickender und schöner Zug von der Kanzlerin, mit den
zukünftigen Opfern von Pleiten in größtem Stil, die nach ihrer Ansicht
natürlich anderswo passieren sollen, schon mal mitzufühlen: „Ich fühle
natürlich mit den amerikanischen Kollegen; das geht Ihnen sicherlich
genauso.“ Klar, Solidarität muss sein, „wir leben ja nicht in einer
gespaltenen Welt.“
*
So langsam haben wir jedenfalls verstanden, warum Merkel sogar
„besonders gerne hier“ bei euch in Rüsselsheim gewesen ist, wie sie
gesagt hat: Wann hat man als Kanzlerin schon eine so schöne
Gelegenheit, alle Fehler nationalistisch verdorbener Arbeiter zu
bedienen, sie für die nationale Krisenpolitik zu vereinnahmen und sich
damit als führungsfähige Kanzlerkandidatin in Krisenzeiten zu
präsentieren?