Zum Inhaltsverzeichnis
GegenStandpunkt 1-09
Der Fall Schaeffler
Gewerkschaftlicher Einsatz für Beschäftigung in drei Akten
Das Familienunternehmen Schaeffler, ein Zulieferer der
Automobilindustrie, erobert in einer feindlichen Übernahme mit Hilfe
trickreicher Aktienoptionen und zweistelligen Milliardenkrediten von
Großbanken die viel größere Aktiengesellschaft Continental. Spekuliert
wird von der Eigentümerin und ihren finanzkapitalistischen Helfern auf
künftige Erträge, die die Sache für alle lohnend machen: auf eine
erfolgreiche Zukunft des vergrößerten Unternehmens dank gesteigerter
Marktmacht und ‚Synergieeffekten‘, auf den steigenden Aktienwert des
eroberten Unternehmens; den Banken winken satte Zinseinkünfte, und mit
Verbriefungen wollen sie die vergebenen Kredite gleich wieder in
verfügbares Bankvermögen ummünzen: Alles in allem eine der
‚Übernahmeschlachten’ und finanzkapitalistischen Manöver, die zur
Konkurrenz der feindlichen Brüder dazugehören. Die
Betriebsbelegschaften sind bei all dem selbstverständlich als
Manövriermasse eingeplant; sie sind ja der hauptsächliche Kostenfaktor,
an dem sich besagte 'Synergieeffekte‘ erzielen lassen: Die
Arbeitsplätze werden rentabler durchorganisiert, manche doppelte Arbeit
entfällt, Arbeitskräfte werden überflüssig gemacht, das sorgt für
Kosteneinsparungen, verspricht gesteigerte Gewinnmargen und beflügelt
die finanzkapitalistischen Erwartungen. Das ist niemandem ein
Geheimnis, auch nicht den Gewerkschaften.
Angesichts der um sich greifenden Krise gerät die Übernahme dann doch
anders als geplant: Die Geschäfte der Automobilindustrie, also auch das
des Zulieferers Schaeffler laufen schlecht, die Aktie von Conti bricht
ein, und damit schmelzen die Sicherheiten dahin, die Schaeffler den
Banken für ihre Kredite gestellt hat. Den Banken selbst gelingt es
nicht, die vergebenen Kredite zu verbriefen. Die Übernahme wächst sich
also zu einer Verlustgeschichte aus, milliardenschwere
Schuldenverhältnisse zwischen Schaeffler und Banken werden prekär. Das
ruft die IG Metall auf den Plan.
1. Akt: Im Namen der Beschäftigten:
Gewerkschaftliche Ansprüche ans
unternehmerische Schuldenmanagement
„Es ist nicht akzeptabel, dass Schulden der Schaeffler KG, die sich aus
der Finanzierung des Aktienkaufs ergeben, auf die Continental AG
übertragen werden. Die hieraus neu entstandene Schuldenlast haben
ausschließlich Manager und Eigentümer zu verantworten. Deswegen wehren
wir uns gegen alle Versuche, den Schuldendienst der Banken auf die
Beschäftigten abzuwälzen.“ („Gemeinsame Erklärung von Gewerkschaften
und Betriebsräten bei Continental und Schaeffler“, IG Metall Bayern
online, 13.1.09)
Es ist schon interessant, wann der Gewerkschaft einfällt, dass „die
Zeche vor allem die Beschäftigten zahlen müssen“. Was gehen die
Beschäftigten eigentlich die Kreditverhältnisse der Betriebe an, in
denen sie arbeiten? Seit wann zahlen ausgerechnet sie die Bankschulden?
Oder andersherum: Wenn schon, dann stehen sie immerzu mit ihrer Arbeit
für die Gewinnrechnung ihres Unternehmens ein, egal wie hoch oder
niedrig dessen Schuldenstand ist. Wie alle Überschüsse der Firma
erwirtschaften sie auch den Schuldendienst. Es ist ja immer dieselbe
Geschäftsrechnung, in der sie als Kostenfaktor verbucht sind und wegen
der mit mehr oder weniger Kredit ein enormer Aufwand getrieben wird, um
ihre Arbeit für ihre Anwender lohnender zu machen. Macht es für die
Belegschaft einen Unterschied, wie sich Management und Kreditgeber
verständigen oder streiten, wie viel vom erwirtschafteten Ertrag am
Ende in die Taschen der Unternehmerfamilie fließt, wie viel die Banken
in Form von Zins und Tilgung einstreichen? Es kann den Belegschaften
doch gleichgültig sein, ob sie unter dem Diktat einer Schuldenlast oder
zum Zwecke der Absicherung oder Steigerung der Konkurrenzfähigkeit
„ihrer“ Firma in Anspruch genommen werden: In keinem Fall liegt
irgendeine der Berechnungen in ihrer Hand oder in ihrem Interesse.
Die IG Metall weiß es besser. Sie mischt sich in die geschäftlichen
Alternativen ein, die Management, Eigentümer und Kreditgeber mit- und
gegeneinander ausstreiten; sie zerbricht sich im Namen der
Beschäftigten den Kopf der Arbeitgeber und optiert auf der Ebene von
deren Alternativen für gute und gegen schlechte Geschäftspolitik:
„Vorrangig für die Beschäftigten ist … ein ausgewogenes Verhältnis von
Eigen- und Fremdkapital, so dass sie nicht unter der Schuldenlast
zusammenbrechen.“ (ebd.)
Die Schulden von Schaeffler sind unsere Schulden! Sie dürfen nicht zu
groß geraten, damit wir sie tragen können! Die IG Metall erklärt die
Probleme der Eigentümer-Familie, der das Wachstum ihres Firmenimperiums
nicht schnell genug gehen konnte, ganz und gar zu den ihren und stellt
sich hinter die Schaefflers, die ihre Belegschaft für einen Gewinn
antreten lassen, der nun definitiv nicht der ihre ist.
Für diese Gewerkschaft ist es selbstverständlich, sich in Fragen von
Schuldenmanagement und Firmenübernahmen, im Streit zwischen Eigentümer
und Banken zu engagieren. Sie hat dafür einen Grund: Ihre Leute sind
von allem, was der Arbeitgeber im Interesse seines Profits treibt,
betroffen, bedroht, beschädigt. Sie aber stellt sich nicht gegen dieses
Interesse und seine Konsequenzen, sie stellt es in Rechnung.
Ausgerechnet wegen dieser negativen Betroffenheit ihrer Leute will sie
alles mitverantworten und mitentscheiden; deswegen tut sie so, als
könnte sie bessere und schlechtere Wege der Profitmacherei und der
Ausbeutung der Arbeitskraft unterscheiden, die guten befördern, die
schlechten den Kapitalisten aber ausreden. Ihr Zauberwort ist
„Arbeitsplatz“. In diesem Wort, das jeder versteht, ist die Not der auf
Lohnerwerb Angewiesenen zusammengeschlossen mit dem Interesse der
Kapitaleigner an der rentablen Benutzung der Arbeit. Die Formel
„Arbeitsplatz“ funktioniert als die Drehtür, durch die man mit den
Sorgen der Arbeitskräfte reingeht und mit den Sorgen der Kapitalisten
rausgeht. Zu allem, was Unternehmer in ihrem Interesse treiben, – auch
zu ihren finanzkapitalistischen Kunststückchen – trägt die IG Metall
deshalb gute Ratschläge bei; und für alles das verlangt sie Anteilnahme
und Engagement von denen, die sie vertritt. Weil in den
Konkurrenz-Strategien des Kapitals über ihr Schicksal entschieden wird,
haben die Beschäftigten die eine oder andere Alternative dieser
Strategien besser zu finden und sich für sie stark zu machen.
Was die gewerkschaftlichen Co-Manager in ihrer Sorge ums Betriebswohl
an betriebswirtschaftlichen Weisheiten von sich geben, ist einerseits
nur lächerlich: „ein ausgewogenes Verhältnis von Fremd- und
Eigenkapital!“ – Da schau her! Wer hätte wohl eine Schieflage
empfohlen? Und wie viel Schulden sind gute Schulden, nützliches
„Fremdkapital“, dessen Bedienung keine Last auf dem Rücken der
Belegschaft darstellt? Wo beginnt die Überschuldung? Hat Frau
Schaeffler etwa Überschuldung herbeiführen wollen, vor der sie nun der
Sachverstand der IG Metall bewahrt? Auf die Qualität der Ratschläge
kommt es andererseits gar nicht an, sondern auf die Ebene, auf die
Denken und Interesse der Belegschaft festgelegt werden: Weil das
Scheitern der fränkischen Expansionsstrategie und ein
Auseinanderbrechen des neuen Konzerns selbstverständlich Entlassungen
mit sich bringen würde, fordert die Gewerkschaft von der
Geschäftsleitung nicht mehr und nicht weniger als kapitalistischen
Erfolg – so als würde die es an Einsatz für ihre eigene Sache fehlen
lassen und müsste daran erinnert werden, worum es in einem
kapitalistischen Betrieb geht. Konkurrenzfähigkeit, Solvenz,
finanzielle „Stabilität und Zukunftsfähigkeit des Unternehmens“, das
ist der Kapitalist dem Arbeiter schuldig – als Bedingung der
Möglichkeit von Arbeitsplätzen.
Im Interesse der Arbeitsplätze ist der Abbau von Arbeitsplätzen dann
selbstverständlich gerechtfertigt und nötig. Damit hat die IG Metall
kein Problem. Gerade jetzt, wo das Unternehmen mit der Überschuldung
ringt, in die es die riskante Großspekulation der Eigentümer stürzt,
wird „Zukunftsfähigkeit“ nicht ohne „Umstrukturierung“ zu haben sein.
Die IG Metall stellt sich darauf ein und fordert, man solle sie dabei
mitreden lassen!
„Für den Fall, dass Umstrukturierungen erwogen werden, müssen diese im
Einvernehmen mit den Betriebsräten ... sowie den Arbeitnehmervertretern
im (Conti-)Aufsichtsrat ... erfolgen“. Es muss aufhören, dass die
Arbeitervertreter zu bloßen Zuschauern ... verdammt“ sind „beim Duell
der Alpha-Tiere, der Eigentümer und Banken – trotz der Mitbestimmung im
Conti-Aufsichtsrat“. (Schaeffler-Nachrichten der IG Metall, 23.1.)
Einige Tage später ist es dann vorbei mit dem bloßen Zuschauen.
2. Akt „Wir sind Schaeffler!“: Eine
Großdemonstration für „die Chefin“
Schaeffler sucht beim Staat um eine Bürgschaft von mehreren Milliarden
für seine Schulden nach, selbstverständlich mit Berufung auf seine
wichtige Rolle für die Arbeitsplätze und den nationalen Standort:
„Dadurch behalten Tausende von hochqualifizierten Arbeitnehmern einen
sicheren Arbeitsplatz in Deutschland“ (Schaeffler junior, Handelsblatt,
23.2.).
Volle Unterstützung für diesen Standpunkt findet das Unternehmen bei
Belegschaft und IG Metall. Unter der Demo-Parole „Auch wir sind
Schaeffler“ stellen sie sich hinter die Forderung, der Staat solle den
Coup der Schaefflers decken und ihre Eigentümerschaft über das
Unternehmen retten. Arbeiter, Kleinhändler und Wirte einer fränkischen
Kleinstadt fordern Staatsknete für die Milliardärs-Familie.
Demonstriert wird gegen die Sparsamkeit des Finanzministers und für die
„Chefin“. Die lässt sich höchstpersönlich blicken, um ihrerseits zu
demonstrieren, wie sehr sie denen dient, die ihren Kapitalinteressen
dienstbar sind. Sie gibt ‚ihren‘ Leuten Gelegenheit, vorzuführen, dass
sie voll hinter ihr stehen: Rührend wird von beiden Seiten die
Ideologie vom ‚Arbeitgeber‘ in Szene gesetzt:
„Maria-Elisabeth Schaeffler trat aus dem Haupttor heraus und winkte
unter Tränen ihren Mitarbeitern zu. Von den Demonstranten wurde sie mit
Jubel empfangen. Die Chefin umarmte daraufhin einen Mitarbeiter des
Betriebsschutzes, der bereits seit mehr als 30 Jahren für das
Unternehmen arbeitet. 'Ich bin ergriffen, beeindruckt und dankbar. Das
gibt mir Kraft, weiter für das Unternehmen zu kämpfen.' (SZ, 19.2.)
„Die Milliardärin avanciert zur Kult-Figur des Protestes,“ (Bild), die
in der BamS erklären darf, was sie fühlt, wenn sie um ihr Kommando über
die Firma kämpft: „Seit mehr als 40 Jahren ist mein Leben aufs Engste
mit dem Unternehmen und seinen Mitarbeitern verbunden. In einer
schwierigen Situation, wenn die Menschen so eindrucksvoll zueinander
stehen, kann schon mal eine Träne fließen. Dafür muss man sich nicht
schämen … Ich will und muss bei dieser Demonstration mitlaufen.
Ansonsten könnte ich nicht mehr in den Spiegel schauen.“
‚Die mit demonstrierende Chefin‘ präsentiert sich selbstbewusst als die
Instanz, von der Wohl und Wehe ihrer Mitarbeiter abhängt. Die dürfen
sich glücklich schätzen, dass Frau Schaefflers anspruchsvolle
Vermögensbildung ihnen die Chance eines Auskommens bietet. In ihrer
Person wird das kapitalistische Abhängigkeitsverhältnis zur
patriarchalischen Vormundschaft über Schutzbefohlene, um die sich die
Chefin unermüdlich kümmert: „Reichtum hat nichts mit Glücklichsein zu
tun... Er ist eine Verpflichtung und eine Verantwortung.“ (BamS, 22.2.)
Ausbeutung als heilsames Betriebsregiment und Fürsorge für ‚ihre‘
Leute! Kapitalismus als Zusammenwirken eines verantwortungsbewussten
Dienstherren und einer ihm persönlich verbundenen Dienstmannschaft –
das stößt die so Angesprochenen nicht ab. Im Gegenteil, von unten
stimmt man das Lob der menschlichen Chefin an:
„Sie ist von allen geachtet, kümmerte sich um die Belegschaft,
erkundigt sich nach dem Befinden einzelner Mitarbeiter, lädt Azubis aus
ganze Europa ein, versäumt kaum ein Rentnertreffen.“ (SZ, 25.2.)
So bekennen sich Arbeiter und Angestellte zur ihrer unselbstständigen,
abhängigen Existenz: Unser Schicksal liegt in Unternehmerhand, und weil
das so ist, sind wir der Anwenderin unserer Arbeitskraft dankbar und
verpflichtet. Die Angestellten demonstrieren für das Eigentum ihrer
‚Chefin‘, dafür dass sie im Schaeffler-Conti-Verbund statt ‚anonymer‘
Banker weiterhin das Sagen hat – so als ob die Banken, wenn sie das
Kommando hätten, grundsätzlich anders Profit machen würden als die
Chefin. Ausgerechnet den Bereicherungsfanatismus und den ungebrochenen
Eigentumsanspruch dieser Dame schätzt die Belegschaft als beste
erreichbare Garantie für die Fortführung ihres
Beschäftigungsverhältnisses. In dieser Hinsicht ist sie richtig
radikal: Wenn Arbeitsplätze durch Geschäftskalkulationen in Frage
gestellt werden, gerät der Ruf nach ihrer Rettung ja immer zur
Parteinahme für genau die Rechnungen, die die Arbeiterexistenz unsicher
machen; in Herzogenaurach geht man weiter: Hier versteigt sich die
ohnmächtige Hoffnung auf Fortbestand der Arbeitsplätze zu einem
persönlichen Treuebekenntnis gegenüber einer Milliardärin, die ihre
Leute arbeiten lässt und rauswirft, wie ihr Geschäft es braucht.
Die IG Metall hält einen solchen Aufmarsch nicht für eine
anti-gewerkschaftliche Aktivität, sondern organisiert ihn mit, sammelt
Unterschriften für eine Petition an Frau Merkel und tritt im Verein mit
den Schaefflers als Bittsteller beim Staat auf. Ob die Regierung den
Wunsch der Gewerkschaft erfüllt, steht noch nicht fest, einen Erfolg
kann sie aber auf jeden Fall verbuchen.
3. Die Patriarchin gewährt
Mitbestimmung, Beteiligung, Transparenz.
Frau Schaeffler, bisher entschiedene Gegnerin der Gewerkschaft in ihrem
Laden, hat aus ihrer Gesinnung nie einen Hehl gemacht und das
Unternehmen strikt als ‚ihres‘ geführt. In ihrer Not entdeckt sie jetzt
die Gewerkschaft und deren Einfluss auf die Politik als geeigneten
Helfer beim Versuch, ihr Kommando über das Unternehmen durch staatliche
Finanzhilfe zu retten. Sie holt die IG Metall, die sowieso will, ins
Boot, und bietet ihr für ihre politische Rückendeckung eine neue
‚Transparenz‘ bezüglich der streng geheim gehaltenen
Unternehmensbilanz, Mitbestimmung wie in Aktiengesellschaften sowie für
später, wenn es wieder ‚aufwärts geht‘, eine Erfolgsbeteiligung für die
Mitarbeiter an. Nach diesem Handel tritt der IG Metall-Vorsitzende mit
der „Chefin“ vor die Öffentlichkeit und bekräftigt mit einem doppelten
„Wir“ seine Unterstützung für deren Anliegen:
„Die IG Metall hat ein fundamentales Interesse daran, dass die
Schaefflers als entscheidende Ankerinvestoren tätig bleiben.“ (Huber,
FAZ, 24.2.) „Wir sind gegen eine Zerschlagung der
Schaeffler-Conti-Gruppe. Wir sind beide der festen Überzeugung, dass
Bund und Länder sich bei Schaeffler engagieren sollen.“ (Huber, SZ,
24.2.)
Als Chef der Metall-Gewerkschaft nimmt er höchstpersönlich dem Antrag
der Schaefflers den Ruch des bloß privaten Kapitalisteninteresses;
nein, deren Interesse an der Rettung ihres Vermögens ist auch das
Interesse von 66 000 Lohnabhängigen – und als solches würdig, von der
Regierung in den Rang einer nationalen Standortfrage erhoben zu worden.
Bertold Huber präsentiert seine IG Metall als nationale Kraft und ruft
die staatstragenden Parteien, denen sie das Vertrauen der Metaller
sichert, in die Pflicht: Rettet Schaeffler!
So viel Verantwortung verpflichtet. Huber, der hier deutsche
Industriepolitik betreibt, anerkennt, dass eine langfristig ‚tragfähige
Zukunft‘ ebenso wie die kurzfristig benötigte Staatshilfe für den
frisch geschmiedeten Großkonzern nur zu gewinnen ist, wenn das
Unternehmen, das sich übernommen hat, eine kräftige Sanierung in
Angriff nimmt. Ihm ist klar, dass diese „Arbeitsplätze kostet“, und er
stellt die Belegschaften auf das ein, was auf sie zukommt „Conti
kündigt harte Einschnitte an: ‚Wir reduzieren unsere Belegschaft’.“
Frau Schaeffler handelt er das Versprechen ab, auf betriebsbedingte
Kündigungen möglichst verzichten zu wollen. Und er hat nichts dagegen,
dass in diesem Versprechen zugleich angekündigt wird, dass man die
Belegschaft auf jede andere mögliche Wiese verringern werde – ab jetzt
in Absprache mit Gewerkschaft und Betriebsrat. Das mag die Dame hart
ankommen, für die Gewerkschaft ist es das, was die Chefin unentwegt für
sich reklamiert: ‚Verpflichtung und Verantwortung‘. Aus Verantwortung
will der Chef dann auch die im Mai anstehende Tariferhöhung
verschieben: „Wir lieben das nicht, wenn es aber erforderlich sein
sollte, werden wir das im Extremfall tun.“ (Huber bei der öffentlichen
Präsentation des Übereinkommens von Schaeffler und IG Metall) Neben
Lohnverlust durch massenhafte Kurzarbeit steht also tariflicher
Lohnaufschub an; wichtiger als Lohn ist der Gewerkschaft eben, dass die
Eigen- und Fremdkapitalverhältnisse wieder in Ordnung kommen.
Frau Schaeffler hat – wenn auch nur der Not gehorchend – begriffen,
wozu eine Gewerkschaft heutzutage bereit und nützlich ist; und die IG
Metall zögert nicht, sich zu dieser Leistung ihrer Mitbestimmung zu
bekennen: Durchs Mitbestimmen erhebt sie das Privatinteresse der
Kapitalisten am Erfolg ihrer Geschäfte zum ersten und wichtigsten
Interesse der von ihnen abhängigen Arbeitskräfte und damit zum
nationalen Gesamtinteresse – jedenfalls so wie der Unternehmer und
seine Belegschaftsvertretung es sehen. Das muss die Regierung nicht
unbedingt teilen; SPD-Arbeitsminister Scholz jedenfalls sieht sich in
der Schaeffler-Sache durch die Koalition von Kapital und Gewerkschaft
unangenehm unter Druck gesetzt und wehrt ab: „Man kann nicht im
Nerzmantel nach Staatshilfe rufen“ (Scholz). Oh doch, man kann – an der
Seite der IG Metall schon gleich: Dafür hängt sich die elegante
Milliardärin auch mal einen roten Schal um – und lässt sich vom
Gewerkschaftschef an den Arm fassen. Beide gewinnen an Statur: Die eine
als Retterin ihres kapitalistischen Lebenswerks, der andere als
verantwortlicher Vertreter der nationalen Arbeitskraft.