Seit Monaten erfährt das lesekundige Publikum von immer größeren Milliardensummen die im Finanzgewerbe gestrichen und abgeschrieben werden. – Wie sind diese enormen Werte vorher eigentlich zustande gekommen?
Seit ungefähr anderthalb Jahren wird man in die Kunst von Investmentbanken eingeweiht, „Risiken“ zu „verbriefen“ und am Handel damit schweinemäßig zu verdienen. – Was ist das eigentlich für ein Geschäft? Welche ökonomische Leistung wird da erbracht?
Eigentlich keine – das ist der Tenor der Aufklärung über die Gründe des derzeitigen Zusammenbruchs. De großen Ziffern waren „Luftbuchungen“, eine „Blase“, die jetzt „geplatzt“ ist. – Wenn das stimmt: Was ist dann eigentlich schlimm daran, wenn die „heiße Luft“ jetzt „entweicht“? Was schadet die Streichung wertloser Ziffern? Fehlen die großen Dollar-, Euro- und Pfund-Beträge jetzt nicht im Haushalt der ganzen Geschäftswelt?
Was Banken und Spekulanten über die Jahre angestellt haben, das konnte auf die Dauer nicht gut gehen, weil die Banker keine Bankiers mehr sein wollen und sich von ihrem eigentlichen Beruf, der Versorgung der restlichen Wirtschaft mit Leihkapital, in unverantwortlicher Weise getrennt und nur mit sich selbst Geschäfte gemacht haben, wird man belehrt. Bloß: Was ist denn eigentlich so enorm lange so enorm gut gegangen? Und hat denn die Kreditversorgung der Firmenwelt in all den Jahren, in denen die Finanzmärkte ihre jetzt gestrichenen Vermögenssummen aufgehäuft haben, nicht bestens geklappt?
Und vor allem: Was haben all die Kreditmassen in der „realen“ Wirtschaft eigentlich real bewirkt? Wer hat davon was gehabt? Firmen sind mit den Mitteln aus unerschöpflich ergiebigen Finanzmärkten weltrekordmäßig gewachsen – wie steht es um die Belegschaften? Und wie um die, die dank erfolgreichem Wirtschaftswachstum zu gar keiner Belegschaft mehr gehören?
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Ausgerechnet die amtierenden Betreuer und intellektuellen Protagonisten der Marktwirtschaft, die bislang das Bankgewerbe mit seinen exorbitanten Renditen hoch geschätzt haben und die sonst jede kapitalistische Schweinerei als letztlich wohltätigen Sachzwang zu rechtfertigen pflegen, können sich gar nicht genug tun im Schlechtmachen der Geschäfte, die zu den jetzt annullierten gewaltigen Vermögensziffern geführt haben: Die wären nichts als von vornherein zum Scheitern verurteilte systemwidrige Entgleisungen. Und, was folgt für sie daraus? Es muss alles getan werden, damit der gute Kapitalismus wieder in die Gänge kommt. Alles muss von neuem so weitergehen wie bisher; mit einem gesund geschrumpften Kreditsektor.
Alles, was dem Publikum an Kritik an den entgleisten Verhältnissen geboten, ja aufgedrängt wird, ist eine einzige Anleitung zur Parteinahme für eben diese Verhältnisse. Was dem Publikum an Aufklärung über die Finanzkrise geboten wird, ist nicht in dem harmlosen Sinn verkehrt, dass Fakten verdreht oder verheimlicht würden. Es ist schlimmer: Die Informationsflut, der die Menschheit ausgesetzt ist, leitet mit fachkundigen Antworten dazu an, nichts als lauter falsche Fragen zu stellen und sich Sorgen um den Fortgang der Geschäfte zu machen. Dem Fußvolk des Systems wird die Absurdität zugemutet, wegen der Überakkumulation im Finanzgewerbe für ein neues Gelingen der Akkumulation in allen kapitalistischen Gewerben zu sein; alle systemgemäß fälligen Gemeinheiten soll es sich in diesem Sinne gefallen lassen. Und weil außer der Marktwirtschaft auch noch Demokratie herrscht und ein Superwahljahr bevorsteht, kommt das sachgerecht aufgeklärte Publikum außerdem noch in den Genuss, die diesbezügliche Tatkraft seiner politischen Chefs und Chefinnen kritisch beurteilen und demnächst mit einer Wahlstimme quittieren zu dürfen.
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Von der Verwendung der Finanzkrise als Stoff und Gelegenheit für eine Einschwörung auf unbedingte Systemtreue und von der einschlägigen Kunst der systematischen Irreführung durch Information und Kritik handelt der GegenStandpunkt 4-08.
Die Weltwirtschaft am Abgrund