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GegenStandpunkt 3-08
ARD Weltspiegel
Sonntägliche Spiegelfechtereien: Die Welt als Panoptikum
menschlicher Betroffenheit
Der Weltspiegel öffnet seit geschlagenen 45 Jahren jeden Sonntag Abend
zu bester Familienunterhaltungszeit „ein Fenster zur Welt“ (Zitate aus
www.daserste.de/Weltspiegel). Damit uns beim Blick auf die
„Geschehnisse auf dem Globus“ die Fremde nicht fremd bleibt, werden wir
angeleitet von den Auslandskorrespondenten der ARD, die Welt im Spiegel
von „Weltoffenheit und Kompetenz“ zu sehen. Die Berichterstatter lieben
Bogotá genauso wie Berlin, kennen sich in London genauso aus wie in
Suchumi. Sie bringen uns unsere Welt näher, ganz frei vom Diktat
politischer Brennpunkte, auch wenn uns manche Gegend aus der Tagesschau
bekannt ist. Damit wir das, was auf der Welt geschieht, richtig
verstehen, zeigen sie uns ganz authentisch, wie die Betroffenen,
Menschen wie du und ich, mal recht, meistens schlecht in ihren
Umständen zurechtkommen – wir können die Einsamkeit einer Kolumbianerin
nachfühlen, deren Mann Geisel der Farc ist und die von ihren Politikern
alleingelassen wird; wir wissen, dass die fehlgeleitete Freiheitsliebe
in Abchasien wenig Hoffnung auf Frieden im Kaukasus macht; wir spüren,
dass es kein Deutschenhass ist, sondern bloß die Freude am Spiel, wenn
Polen einen Sieg über deutsche Ordensritter in Szene setzen und sind
mit einer alten Widerstandskämpferin in Südafrika enttäuscht über ihre
neuen, korrupten Führer. Sie zeigen uns auch „Sachen, die man sonst
selten oder gar nicht sieht“, z. B., „man glaubt es kaum“, wie
sich Kinder fühlen, wenn sie von verantwortungslosen Eltern, die „am
Rande der Gesellschaft stehen“, in England zu regelrechten „Schlägern“
ausgebildet werden und ausgerechnet in „Kickbox-Wettkämpfen, wie sie in
Thailand üblich sind“, Anerkennung und Erfolg erringen sollen. Für
manches haben wir da Verständnis, für vieles nicht, stets aber erhalten
wir detailliert und aus der Perspektive der Zwischenmenschlichkeit
Kenntnis von den „Hintergründen“ großer und kleiner Konflikte überall
auf dem Globus. Die Korrespondenten, allesamt „Garanten
journalistischer Qualität“, öffnen uns mit ihrem „seriösen“, weil
unabhängigen und unvoreingenommenem Blick die Augen – „Namen wie Peter
Scholl-Latour, Dieter Kronzucker oder Gerd Konzelmann haben heute noch
Klang.“ Das schätzen wir an ihnen – „Publikumsumfragen ergeben
Spitzenwerte in puncto Glaubwürdigkeit, Seriosität und Vielfalt“ – und
das macht die Sendung zum „unverwüstlichen Erfolgsformat“.
„Kolumbien: Nach Betancourt – immer
noch Geiseln bei der Farc“
Zum Einstieg in das Thema Kolumbien kommt dem Weltspiegelmoderator die
aktuelle Meldung des Tages wie gerufen: „Soeben wurde uns gemeldet, die
deutschen Geiseln sind frei“, „die PKK hat sie einfach laufen lassen“
(alle Zitate aus der Sendung vom 20.7.08). „Wir schalten nach Istanbul“
– Peter Althammer berichtet, dass es den Geiseln, soweit man das sehen
kann, sprechen durfte er noch nicht mit ihnen, gut geht, nichts „deutet
auf einen Deal mit der PKK hin“ – „die türkische Armee hat
weitergekämpft, als hätte es die Entführung nicht gegeben.“ Eine
schreckliche Sache hat ein gutes Ende genommen – der Krisenstab hat gut
gearbeitet, Deutschland hat keine Zugeständnisse an die Terroristen
gemacht, sich ‚nicht erpressen lassen’, und trotzdem sind die drei
Deutschen unverletzt geblieben. Alles lief ‚ohne Gewalt’ ab – auch wenn
die Türken die deutschen Unterhändler behindert, militärisch in der
Region weiter Jagd auf PKK-Kämpfer gemacht und so den Erfolg eher
gefährdet haben. Fazit: Die Geiseln wurden nicht im Stich gelassen.
Die Problemlage
Zum Glück für die Bergsteiger haben sich damit weitere Abwägungen des
Krisenstabs, ob ‚deutsche Interessen’ am besten durch ‚Nachgeben’ oder
durch ‚Härte’ zu wahren seien, erübrigt, auch wenn journalistische
Sorgen, ob da womöglich nicht doch ein „Deal“ abgelaufen, noch nicht
ausgeräumt sind. Die Farc in Kolumbien beharrt, anders als die PKK, auf
Gegenleistungen für die Freilassung ihrer Geiseln, Forderungen, denen
die Regierung in Bogotá nicht nachgibt. Dass die Farc Geiseln in ihrer
Gewalt hat, ist ihr als offenkundiger Beleg, wie wenig sie Herr über
Land und Leute in Kolumbien ist, ständiger Dorn im Auge, unter
tatkräftiger Mithilfe der USA ist sie mit einigem Gewaltaufwand
unterwegs, diesen unhaltbaren Zustand zu beseitigen – sie hat jetzt
gerade mit einer ‚krimireifen’ Aktion einige Geiseln, darunter auch die
ehemalige Präsidentschaftskandidatin Ingrid Betancourt und einige
Amerikaner, gewaltsam befreien lassen. Die unnachgiebige Wahrung
‚kolumbianischer Interessen’ war es ihr wert, dass das ‚spannende’
Drehbuch der Maßnahme einschloss, dass die Geiseln zu jedem Moment
hätten draufgehen können.
Dem nachfolgenden weltweiten Beifall schließt sich Weltspiegel nicht
an. Die ‚spektakuläre’ Geiselbefreiung ist für ihn Anlass, sich in
Kolumbien genauer umzuschauen, und er muss konstatieren: Auch „nach
Betancourt“ sind „immer noch Geiseln bei der Farc“, „700 bis 2000“,
aber „genau weiß das keiner“. Das ist hart, denn „Geiselnahme, das
heißt auch permanente Erniedrigung, das erzählt die berühmteste aller
Geiseln, Ingrid Betancourt. Heute Nachmittag hat sie vor einigen
Tausend Anhängern in Paris an die übrigen Geiseln erinnert. Wie geht es
diesen Geiseln, werden sie vielleicht vergessen, nachdem die
berühmtesten frei sind?“ Eine Befassung mit der Situation des Landes,
mit den Gründen für eine ‚sozial’ motivierte Rebellenbewegung und deren
gewaltsamen Kampf gegen die herrschenden Verhältnisse wie mit denen für
die Unversöhnlichkeit der Staatsmacht beim Umgang mit dem inneren
Widerstand: Das ist nicht im Angebot der Reportage. Im Gegenteil: Mit
der Verwandlung von Kolumbien in ein einziges Geiseldrama wird von den
entscheidenden nationalen Interessen und Streitfragen abstrahiert und
werden die unter das persönliche Schicksal der ohnmächtig von
„Erniedrigung“ Betroffenen subsumiert. Damit macht der Weltspiegel die
Lage dort immerhin übersichtlich: Angesichts des großen menschlichen
Leids sieht er sich vor die Frage gestellt, wie menschlich eigentlich
die kolumbianische Regierung im Umgang mit den Opfern der gewalttätigen
Auseinandersetzung mit der Farc ist! Entsprechend lautet der Maßstab
zur Beurteilung der politischen Zustände in diesem Land lautet
entsprechend: Hat sie – wie die Weltöffentlichkeit – womöglich die
vielen unbedeutenden Geiseln „vergessen“?
Als Kronzeugin für die wohlwollende Sichtweise, dass sich Politiker und
ihre kritischen Sachwalter in den Redaktionen doch eigentlich um diese
armen Leute kümmern müssten, dient dem Weltspiegel „die berühmteste
aller Geiseln, Ingrid Betancourt“, die, der Weltöffentlichkeit sei
dank, von der Regierung befreit wurde. Sie, die sich offenbar bereits
wieder im Wahlkampf um das Präsidentenamt befindet, beglaubigt und
rechtfertigt mit ihrer ‚Prominenz’ die politmoralische Behauptung, die
kleinen Leute wären doch die Wichtigsten, um die es zu gehen hätte, als
Wahrheit über das Weltgeschehen – eine Behauptung, die freilich der
sachkompetenten Unterstützung bedarf: Das angesprochene Publikum des
Weltspiegels ist angesichts seiner entgegenstehenden praktischen
Erfahrungen durchaus eher geneigt ist, dem Gang der Dinge im Alltag zu
entnehmen, dass ‚die da oben’ doch eh’ machen, was sie wollen, und sich
nicht um ‚die da unten’ scheren. Also nimmt sich der Weltspiegel im
Gestus der (Selbst-)Kritik von Politik wie Öffentlichkeit die Mahnung
von Frau Betancourt, ‚Prominenz’ sei nötig, um nicht „vergessen“ zu
werden, als Anwalt auch der ‚weniger berühmten’ Geiseln sehr zu Herzen:
Der Bericht erfüllt in seiner kritischen Haltung gegenüber den
Mächtigen, die ihren Untertanen nicht damit Ungemach bereiten, was sie
ihnen abverlangen, sondern damit, was sie unterlassen, den selbst
verordneten sittlichen Auftrag des Journals, sich um die Vergessenen zu
kümmern, indem an sie „erinnert“ wird.
Ganz in Sorge um die Gekidnappten schickt der Weltspiegel Herrn Schaaf
extra aus Mexico City nach Bogotá, damit der den Zuschauer mitnimmt bei
der
Recherche vor Ort
Die von der Geiselnahme betroffenen Angehörigen sollen von ihrem
bewegenden Schicksal authentisch Auskunft geben, die in ihrem Leid
befangenen sind die Adresse, die Auskunft gibt über die Gewaltaffären
des Landes, gemäß der Devise: Wenn man wissen will, wie es in Kolumbien
aussieht, fragt man am besten die Frauen der Farc-Geiseln.
„Mitternacht“ geht es ins „Rathaus von Villavicencio“, wo soeben „eine
ungewöhnliche Sendung beginnt – fünf Stunden können Angehörige von
Geiseln zu ihren Liebsten sprechen, die irgendwo im Urwald von den
Farc-Rebellen gefangen gehalten werden. Denn nachts lassen die Rebellen
meistens ihre Geiseln Radio hören.“ Manche der Angehörigen sind seit
Jahren von ihren „Liebsten“ getrennt. Sie haben aber die Hoffnung nicht
verloren, sondern sind im Geiste bei den Inhaftierten, senden ihnen
unverdrossen ihre „Botschaften der Hoffnung in die Dunkelheit“ – sogar
ein „gesungenes Geburtstagsständchen“ ist dabei. Noch viele sind in
Händen der Farc, man sieht es, es geht zu wie im Bienenkorb. So eine
Sendung, eine Propagandaveranstaltung der Obrigkeit, die mit dieser
„Hilfe“ zynisch ihren Ruf aufpoliert, ist für Herrn Schaaf ein gute
Sache – so können die Geiseln im Radio hören, dass man sie nicht
vergessen hat. Auch den Angehörigen tut es gut, dass ihre Sorgen nicht
aus den Augen verloren wurden und man ihnen ein Mikrofon in die Hand
gegeben hat. Aber nicht jedem wird diese Aufmerksamkeit zuteil, obwohl
es doch wirklich keine große Affäre wäre, alle ans Mikrofon zu lassen:
„Miriam Robles“, die der Zuschauer ins Rathaus begleiten darf, erzählt,
„dass sie auch in dieser Nacht vergeblich wartet“, zu ihrem Mann
sprechen zu dürfen. „Die Regierung hilft nur Politikern und Soldaten,
aber nicht uns Zivilisten“ – ja, dann wird es dieser Regierung auch nur
auf die ankommen, doch warum das so ist, ist für den Weltspiegel nicht
von Interesse: Er entdeckt darin eine zusätzliche Ungerechtigkeit, die
im Namen der Betroffenen beklagt werden muss. Weiter geht’s, der
Zuschauer darf mitfahren „mit Paula Gonzales und ihrer Mutter Miriam
aufs Land hinaus – sie wollen uns zeigen, wo der Geschäftsmann German
Arias vor 6 Jahren auf einem Fluss von der Farc entführt wurde.“ Nett
auf dem Boot, auch die Gegend ist malerisch. Doch Frau Robles zeigt
jetzt auf die Stelle am Ufer, wo es passiert ist: Er hat „auf dem Fluss
mit Lebensmitteln gehandelt“ und als er „mit einem Kommandanten der
Farc aneinander geriet, wurde er einfach entführt“. Ein einfacher
Kaufmann, der die Anwohner nur mit Lebensmitteln versorgen wollte, wird
wegen eines kleinen Streits gleich entführt – das darf doch nicht wahr
sein, dass so etwas möglich ist, da kann der Zuschauer, guter Mensch,
der er ist, nur betroffen sein. Nachdem er tatsächlich die Stelle
gesehen hat, wo es passiert ist, das familiäre Unglück, versteht er
jetzt die „Bitterkeit“ von Frau Robles – und wie schlimm es ist, dass
das Interesse nur einer Betancourt gegolten hat. Und er versteht damit
die politische Lage in dem Land, was an der wichtig ist, und ist offen
für kritische Schlussfolgerungen: „Der Triumph der Regierung macht
ihnen angst“. Denn „es ist jetzt sehr gut möglich, dass die Regierung
in ihrem Vorgehen aggressiver wird und die Farc militärisch besiegen
will. Das gefährdet natürlich das Leben der Geiseln.“ Das weckt das
Mitgefühl des Betrachters: Einerseits wäre die Entmachtung der Farc
schon geboten; nicht weil sie ‚links’ ist; überhaupt nicht aus
politischen Gründen, auch nicht der Staatsräson, die die Regierung
vertritt – sondern allein wegen dem Mann von Frau Robles. Die Erfolge
der Gewaltanwendung müssen schon sein, andererseits aber bitte nicht
mit Gewalt, auch wegen Herrn Robles! Vielmehr so, wie es Frau
Betancourt vorschlägt. Sie, schon ganz werdende Präsidentin aller
Kolumbianer, ergreift die Gelegenheit, an den militärischen Erfolgen
der Regierung zu schmarotzen, und fordert die Rebellen, jetzt mit
Schützenhilfe des Weltspiegel, ganz von Mensch zu Mensch auf, sich zu
ergeben: „Legt eure Waffen nieder, auch ihr könnt ein Leben in Würde
leben“. Krieg und Geiselnahme sind nicht nur für die Geiseln ein
schweres Los, sondern auch für die Geiselnehmer. Auch die, zumindest
die guten Menschen unter ihnen, leiden darunter, andren Menschen Leid
zuzufügen. Das darf bei aller berechtigten Abscheu über diese Leute
nicht außer Acht gelassen werden. Und aussichtslos ist so ein Aufruf
nicht, denn, so berichtet eine ehemalige Farc-Kämpferin, „die Moral bei
der Farc ist völlig am Boden und ich hoffe, dass meine früheren
Mitkämpfer das jetzt begreifen und aufgeben – für ihr Volk, für ihre
Familie.“ Die haben zwar genau „für Volk und Familie“ gekämpft, doch
das ist nicht der Rede wert. Zurück zu Frau Robles: Wenn sie „alle paar
Wochen zur Staatsanwaltschaft geht, um sich nach dem Fall ihres Mannes
zu erkundigen“, dann sind die „zuständigen Abteilungsleiter“ auf einmal
„nicht auffindbar“ oder sie „erklären sich für nicht zuständig“. Statt
eine Akte anzulegen und ein Verfahren einzuleiten und so der Frau in
ihrer Not beizustehen, also ihrer eigentlichen „Zuständigkeit“
nachzukommen, verstecken sich die Abteilungsleiter frech und ignorieren
ihre Pflichten! Dabei wäre das so wichtig für Frau Robles, was der
Zuschauer schon daran merkt, dass sie es immer und immer wieder
versucht. „In Kolumbiens Städten gibt es in diesen Wochen immer wieder
Solidaritätskundgebungen“, sehr erfreulich, wenn die Öffentlichkeit den
Namenlosen Namen gibt – für Frau Robles aber wieder nur enttäuschend:
„Denn wenn die Namen von Geiseln verlesen werden, ist der von German
Arias nie dabei.“ So allein gelassen, vergessen von Öffentlichkeit und
Politik, bleibt ihr nur eins: „Sie wird weiter für ihren Mann kämpfen.
Aber sie fühlt sich in diesem Kampf sehr, sehr einsam.“ Das versteht
der Zuschauer jetzt. Und schätzt den Weltspiegel in seiner
„Glaubwürdigkeit, Seriosität und Vielfalt“, weil er seinen Teil zur
Hoffnung beiträgt, dass Herrn Robles und den anderen, die für den
Zuseher namenlos geblieben sind, die öffentliche Anteilnahme zuteil
wird, die sie verdient haben. Man ist übrigens nicht davor sicher, dass
der Weltspiegel demnächst die Gelegenheit ergreift und dem Zuschauer
zeigt, dass es der kleine Beamte in Kolumbien mit seiner unzufriedenen
Klientel auch nicht einfach hat, also auf seine Weise auch von den
Geiselnehmern der Farc betroffen ist. Aber für heute war’s das.
Nächster Beitrag.
„Georgien: Wofür haben wir gekämpft? –
Krisenherd Abchasien“
Als weltpolitischer ‚Krisenherd’ steht an diesem Sonntag nicht ganz
zufällig Abchasien auf dem Programm der Sendung. Schließlich ist der
deutsche Außenminister Steinmeier zur selben Zeit in der Krisenregion
unterwegs on tour ‚mission impossible’ in Sachen Völkerverständigung.
Unter allgemeinem öffentlichen Beifall hat er ‚weltpolitische
Verantwortung’, also ordnungspolitische Zuständigkeit für den
‚abchasischen Vulkan’ übernommen und dem ‚wieder aufgeflammten blutigen
Treiben’ zwischen den abchasischen und georgischen Volksmannschaften
nicht mehr länger ‚zugesehen’. Mit einem exklusiv deutschen
Friedensplan im Gepäck ist er in den Kaukasus gereist, um die
verfeindeten Völker von ihrem dysfunktionalen Nationalismus
abzubringen. Dieses politische Interesse an der Region ist für den
Weltspiegel, dessen Auslandskorrespondenten längst jeden politischen
Krisenherd des Globus wie ihre Westentasche kennen, berechtigter
Anlass, auch dem daheim gebliebenen deutschen Fernsehpublikum mit
Wissen aus erster Hand zu versorgen: „Lernen sie jetzt dieses kleine
Abchasien kennen. Thomas Roth zeigt es ihnen.“ Dafür sind deutsche
Auslandsreporter „schon mal eine Woche lang unterwegs“, bis sie alle
Elendshütten abgeklappert und dort ‚hinter die Kulissen’ des
„Konflikts“ geschaut haben und die unverwüstliche Gastfreundschaft vom
Krieg gebeutelter Abchasen dafür nutzen, um sie bei „traditionellem
Maisbrei“ nach ihrer ‚Stimmung’ im Allgemeinen und im Besonderen nach
ihrer Lust auf Wiederanschluss an Georgien und „sicheren Frieden“ hin
zu befragen. Natürlich soll der Zuseher vorher eingestimmt werden,
welche Bedeutung die Bilder haben:
Die Anmoderation
des Filmbeitrags bedient das aufklärungsbedürftige Publikum vorab schon
mal mit einem knappen, aber gründlichen und ganz vorurteilsfreien
Problemaufriss über die Gründe und Ursachen des weltpolitischen
„Konflikts“.
„Vor 15 Jahren hat sich dieser Flecken Erde von Georgien abgespalten in
einem ziemlich blutigen Krieg. Eigentlich wäre das Schnee von gestern.
Doch inzwischen steigen wieder die Spannungen zwischen Georgien und der
abtrünnigen Provinz so sehr, dass Außenminister Steinmeier in den
vergangenen Tagen dorthin gereist ist. Georgien will nämlich in die
Nato, was Russland mit allen Mitteln behindern will. Deswegen schürt es
vermutlich den Konflikt um Abchasien. Solange es dort nämlich rumort,
wird Georgien nicht in die Nato aufgenommen.“
So übersichtlich gestaltet sich die Welt dort hinten: Der ‚blutige’
„Rumor“ eines „abtrünnigen“ Provinzvölkchens lässt sich für die
zivilisierten Freiheitsmächte nicht mehr länger als „Schnee von
gestern“ – so der „seriöse“ Qualitätsjournalismus in seiner zynischen
Abgebrühtheit – ad acta legen, weil er inzwischen die strategischen
Kreise der Nato in der schönen Kaukasusregion empfindlich stört. Also
versteht es sich, dass das „Rumoren“ unter Kontrolle gebracht werden
muss. Und die Rolle deutscher Macht bei dieser Ordnungsstiftung soll
der so aufgeklärte Zeitgenosse treffend als eine Art Krisenfeuerwehr
begreifen, die im Dienste der Völkerverständigung „Spannungen“ abbaut,
an deren Verstärkung eine Macht namens Russland Interesse hat. Wenn die
Nato Georgien nicht in ihr Bündnis lässt, solange es sich politisch
nicht ‚stabilisiert’, also mit dem abchasischen Widerstand erfolgreich
aufgeräumt hat, dann „schüren“ logischerweise nicht die Natomächte,
deren nicht unwesentliches Mitglied eine BRD immerhin ist, den
„Konflikt“, sondern die Macht, die gerade militärstrategisch
eingekreist wird und gegen die sich die Natoerweiterung richtet.
Russland ist der Störenfried und gehört in seinen Interessen nicht
beurteilt, sondern wegen seiner „vermutlichen“ Einflussnahme
verurteilt. Wo es doch das gute und selbstverständliche Recht der
postsowjetischen Völker ist, in das Militärbündnis des Reichs der
Freiheit eingemeindet zu werden.
Der Blick auf den „Konflikt“ ist geschärft, also kann der unterhaltsame
Zug durch die Gemeinde mit Einsichten in die widerspenstige Natur eines
kleinen Bergvölkchens, das uns mit seiner verkehrten Zuwendung zu den
Russen so große weltpolitische Sorgen bereitet, endlich losgehen. Schon
der erste, unschuldige touristische Eindruck aus dem „kleinen Abchasien
heute“, den unser Auslandsreporter – allein schon aus journalistischer
Sorgfaltspflicht heraus – dem deutschen Zuschauer nicht ersparen kann,
setzt uns ins rechte Bild darüber, wie verwickelt und brisant die
politische Völkerfreundschaftslage dort ist: Hinter der Kulisse „einer
der schönsten Küsten am schwarzen Meer“ tummeln sich an den Stränden –
man hat es sich ja beinahe schon gedacht – natürlich „russische
Touristen“, „ohne Visum“ und „von keinen Spannungen abzuhalten“ in
ihrer Lust auf Billigurlaub. Und wer anders als ein – alten
Sowjetzeiten nachtrauernder – russischer Urlauber mit seiner privaten
Weltsicht und seinen persönlichen Nostalgien könnte besser bezeugen,
was ‚wir’ seiner Regierung politisch so alles zutrauen, woran also
gerade der Kreml „mit allen Mitteln“ „schürt“? „Es wäre schön wenn
Abchasien wieder zu Russland gehörte, wir waren doch früher in der
Sowjetunion zusammen, aber die müssen wollen, dass wir uns wieder
vereinigen.“ Darin besteht die hohe Kunst „seriöser“ Auslandsreportage,
mit der das Format so angibt: Der Korrespondent muss mit seiner Kamera
nur richtig hinschauen, die richtigen Fragen stellen, und vor allem
muss er die „Menschen vor Ort“ besser verstehen wollen in ihren
Gefühlen, ihrer ganz persönlichen Betroffenheit und in ihrem
nationalistischen Reim auf die Lage, und schon ergibt sich aus dieser
Maulwurfsperspektive der in den Verhältnissen befangenen kleinen Leute
für das deutsche Publikum daheim ein ganz konkretes Bild, also
authentisches Urteil über die doch sonst eher abstrakt bleibende
politische Lage im Kaukasus. In diesem Sinne zur nächsten Station:
„Hauptstadt Suchumi“
Und was sieht man hier? Der Zuschauer soll sich auch hier nicht von der
Kulisse täuschen lassen und hohlen Schein und wirkliches Sein
gefälligst auseinanderhalten: „Es weht zwar die abchasische Flagge“,
aber eine schätzenswerte „alte Kultur am schwarzen Meer“ macht deswegen
noch lange keinen Staat und Eindruck auf einen ausgewiesenen Kenner
aller Bürgerkriegsverhältnisse im Gefolge der Selbstauflösung der
Sowjetunion. Ganz nach der Logik der Qualtinger-Figur des Travnicek: Wo
Ruinen in Hauptstadt, da Herrschaft auch baufällig!, sieht man sofort:
„Wohin man schaut, man sieht sofort, sie haben es selbst in der
Hauptstadt bislang nicht geschafft, die Spuren des Krieges zu
beseitigen. Und was man noch sieht – sie haben hier viel Zeit. Arbeit
gibt es kaum, die meisten haben nur wenig Geld, wenn überhaupt, eine
von niemand anerkannte Unabhängigkeit haben sie auch, das stimmt, aber
sonst?“ Ein gewisses Unverständnis und Kopfschütteln schlägt beim
deutschen Auslandsberichterstatter langsam durch. Natürlich ist ein
Thomas Roth im Grunde nicht dagegen, dass auch ein kleines Bergvolk,
dass ihm persönlich schon deshalb etwas ans Herz gewachsen ist, weil er
das weltordnungspolitische Sorgeobjekt von Beginn an in „diesem sehr
grausamen Krieg“ als ARD-Korrespondent betreuen durfte, Bedarf nach
Freiheit und Unabhängigkeit verspürt. Schon gleich nicht, wenn eine
kaukasische oder andere Landsmannschaft aus einem ‚Völkergefängnis’
namens Russland entfliehen will. Und dass Völker in ihrem Wunsch, von
einer garantiert eigenen Herrschaft regiert werden zu wollen, sich
bedingungs- und berechnungslos für die nationale Sache aufopfern, das
verschafft ihnen bei alten Weltspiegel-Haudegen wie Roth und Vorgänger
Peter Scholl-Latour glatt soviel Respekt und Wertschätzung, dass diese
bei Gelegenheit sich für ihr zivilisiertes und verwöhntes Publikum
daheim durchaus eine Scheibe mehr von diesem schönen Charakterzug
aufmüpfiger wilder Bergstämme wünschen würden. Aber in dem Falle, wo
das „Rumoren“ dieses Nationalismus so große weltpolitische Sorgen
bereitet, könnten berechnungslose Nationalisten wenigstens einmal zu
rechnen anfangen und sich ganz schön langsam zur Einsicht vorarbeiten,
wie unsinnig und unvernünftig unter solchen Verhältnissen ein
rücksichtsloser Separatismus ist. Auch dafür eignet sich eine
einfühlsame Bildberichterstattung nach dem Motto: „Aber wäre es nicht
doch möglich, sich – wie auch immer – wieder Georgien anzuschließen, um
wenigstens sicheren Frieden zu bekommen?“ – die umgekehrte Frage an
einen Georgier, ob es denn nicht möglich wäre, die Abchasen einfach
ziehen zu lassen, ist für den Weltspiegel natürlich völlig absurd. Aber
nicht einmal auf den Frieden ist dieses widerspenstige Völkchen scharf:
„’Das ist völlig unmöglich’, sagt ein Mann auf dem Markt, ‚wieso hätten
wir dann für die Unabhängigkeit gekämpft. Nein, ausgeschlossen. Soviel
Blut vergossen und jetzt mit denen leben? – Nein!’“ Die Antwort weckt
dementsprechend wenig menschliches Verständnis: Politische Vernunft? –
Fehlanzeige. Das ist einerseits erklärlich: „der Krieg“ – und
selbstverständlich nicht der nationale Wahn – hat „sich allen tief ins
Gedächtnis gebrannt“, so dass die Opfer des Nationalismus so
nachtragend sind und laufend das Bedürfnis nach ‚blutigem Treiben’
statt nach Verständigung verspüren. Andererseits ist da etwas falsch
gepolt: Man muss nur wieder richtig hinschauen und zuhören, schon
entlarvt sich der abchasische Kampf um Freiheit und Selbstbestimmung
als ein klarer Fall von Fremdbestimmung, die auch noch gewollt wird,
was erschwerend hinzukommt: „’Abchasien soll ein eigener Staat sein’,
so eine junge Frau und die Mutter ergänzt, ‚natürlich mit Unterstützung
Russlands’. Und diese Unterstützung bekommen sie. Wir beobachten selbst
russische Soldaten ganz offen“ – ganz schön frech diese Russen, sich
bei Aufräumarbeiten nicht einmal vor Deutschlands investigativen
Auslandsreportern zu verstecken – „beim Reparieren der nach wie vor vom
Krieg zerstörten Bahnstrecke ... Russland verschafft sich dadurch viel
Sympathien bei der Bevölkerung.“ Klar: Wenn Russen Gleise reparieren,
wollen sie letzten Endes einen politischen Direktanschluss nach Moskau
verlegen. Darin kennen sich unsere journalistischen Fachleute aus den
Humanitäts- und Hilfszentralen der freiheitlichen Geber-Welt bestens
aus: Hilfe zielt auf politischen Einfluss. Also ist jedes Instandsetzen
bedenklich und Schrott, solange die falsche Macht daraus „Sympathien“
schlägt.
„Die Stimmung auf dem Land“
ist auch nicht viel besser, was die Völkerverständigung angeht: „Wir
fahren hinaus aufs Land. Georgier und Abchasen haben hier bis zum Krieg
viele Jahre friedlich zusammengelebt ... Und auch hier frage ich noch
einmal, ist die Rückkehr in den georgischen Staat denkbar? ‚Nein’ sagt
Juri, ‚unsere Freundschaft mit denen ist definitiv beendet ... So viele
von uns sind umgekommen, die haben viele umgebracht, nein’ sagt
Tschambull. ‚Was wir wollen ist unsere eigene Republik und das ist
nicht nur meine Meinung, das denkt hier das Volk und will das so’“. Und
das Fazit im Originalton von Thomas Roth: „So ist das“. Seine Juris und
Tschambulls dürfen uns damit nachdrücklich und authentisch darüber
belehren, dass sich alles, was sich dort hinten im Kaukasus abspielt an
zwischen den verfeindeten Völkern, ganz sachgerecht erklärt aus dem
Reim, den sich die Leidtragenden vor Ort auf die Interessen und
Machenschaften ihrer politischen Führer machen. Und darüber, dass es in
letzter Instanz das bornierte persönliche Bedürfnis nach Abrechnung
ist, was Abchasien zum politischen Krisenherd macht. Wenn sich in
dieser aussichtslosen Lage noch ein Moment der Hoffnung auf
Völkerfreundschaft auffinden lässt, dann ist es logischerweise dort
angesiedelt, wo der verbohrte Nationalist ganz als trauernde
Privatperson unterwegs ist. Soldatenmütter, wer wüsste das besser als
der langjährige deutsche Live-Kommentator des Kriegsgeschehens und
intime Kenner des postsowjetischen Bürgerkriegselends, sind der
personifizierte Zweifel am Sinn des Kriegs: „Anneta und Jura gehen zu
dem kleinen Friedhof auf ihrem Grundstück, dort haben sie nach
abchasischer Tradition ihre beide gefallenen Söhne begraben. Jura
schüttet Wein auf die Gräber und Anneta kämpft noch immer mit ihrer
Trauer. Und vielleicht ringt die Mutter insgeheim immer noch um den
Sinn des Todes ihrer Söhne.“
Was bleibt? Was hat der vom Weltspiegel ‚hinter die Kulissen’ des
„Krisenherds Abchasien“ geführte Zuschauer jetzt gelernt? In diesem
Fall steht das Aufarbeiten der glaubwürdig bezeugten nationalistischen
Borniertheit und Widerspenstigkeit einer abchasischen Volksnatur für
die Schwierigkeiten wie für die Notwendigkeit der ‚mission impossible’
Steinmeiers, den unter Fremdeinfluss stehenden Nationalismus eines
aufmüpfigen Völkchens in die richtige Richtung zu lenken. Die
unterhaltsame Reise in die Hintergründe des weltpolitischen „Konflikts“
ist hier eingespannt in die politische Botschaft und evoziert sie wie
von selbst: Wo die kaukasischen Volksmannschaften so unversöhnlich
zerstritten sind, brauchen sie selbstverständlich übergeordnete
Verständigungshilfe. Also müssen ‚wir’, unser Steinmeier und die
Merkel, dort hinten nach dem Rechten sehen.
Die Abmoderation
des Sendebeitrags kann insofern den kundig gemachten
Weltspiegelzuschauer nicht mehr groß überraschen: „Den Friedensplan
Steinmeiers haben die Konfliktparteien in den letzten Tagen abgelehnt.
Die Gewalt geht also weiter.“ Und das lehnen ‚wir’ wiederum ab. Die
Fortsetzung der deutschen Friedensvermittlung haben die kaukasischen
Völker somit nötiger denn je. Darin wissen wir in jedem Fall besser
Bescheid als diese selber. Nächster Beitrag.
„Polen: Holzschwert und Feindbild. Die
Schlacht von Tannenberg.“
Ganz der „Weltoffenheit“ und „Seriosität“ verbunden, legt der
Weltspiegel Wert darauf, keineswegs einfach das Bild zu bestätigen, das
das Publikum sich so landläufig von der Weltregion macht, die
Gegenstand der Berichterstattung ist. Immer wieder nimmt er sich in
Sinne seiner politmoralischen Verantwortung heraus, gewohnte
Vorstellungen oder Vorurteile durch Konfrontation mit der authentischen
Realität zurechtzurücken.
Wenn daher unsere polnischen Nachbarn es vergnüglich finden,
alljährlich die Schlacht von Tannenberg, in der vor 600 Jahren die
Polen deutsche Ordensritter besiegt haben, als historisches Spektakel
aufleben zu lassen – „90 000 Zuschauer sind da, kein Wunder, in Polen
kennt jedes Schulkind diese Ritterschlacht“ –, dann macht der
Weltspiegel, um der historischen Wahrheit willen, zwar darauf
aufmerksam, dass das „seit nunmehr 600 Jahren der letzte militärische
Sieg über die Deutschen war“. Er gestattet sich aber nicht die
Bequemlichkeit, diese Veranstaltung im Spiegel der gesicherten Einsicht
zu betrachten, dass solche nationalbewussten Feiern vergangener Siege
in aller Regel keinen anderen Zweck haben, als aktuelle Feindbilder
lebendig zu halten. Dabei ist in diesem Fall – der Weltspiegel hält
damit nicht hinter dem Berg – die Versuchung, den Polen einen
‚chauvinistischen’ Fehltritt nachzuweisen, ziemlich heftig: Haben doch
die Polen kürzlich unseren Michael Ballack als geköpften Ordensritter
karikiert, zweifelsohne um anzudeuten, dass Deutschland im EM-Spiel von
ihnen ebenso eins auf die Mütze kriegen werde wie damals die deutschen
Ordensritter (worauf unser Podolski ja schon die passende Antwort
gegeben hat!). Nein, gerade hier verzichtet der Weltspiegel auf jedes
Revanchefoul und untersucht vorurteilslos vor Ort, ob nicht auch diese
verdächtige Veranstaltung mit der deutsch-polnischen Freundschaft
kompatibel sein könnte. Also mischen sich die Reporter unter die 90 000
Zuschauer und ihr genaues Hinsehen und Zuhören wird belohnt. Es gibt
sie, die Äußerungen von Tannenbergstatisten, die eindeutig belegen,
dass die Polen mit ihren Holzschwertern wirklich nur spielen wollen und
das dazu Passende im Kopf haben.
Tadeusz Ksiazky beispielsweise, der einen polnischen Ritter gibt,
dementiert nicht nur tapfer jede unangebrachte Genugtuung über den
militärischen Erfolg von anno dunnemals, sondern rückt die historischen
Fakten durchaus passend zurecht. „Ich sehe das nicht so, dass auf der
anderen Seite damals die Deutschen standen, die Ritter kamen aus vielen
Ländern, klar, es gab großen deutschen Einfluss, aber Ordensritter
waren Ordensritter, ich sehe das nicht unter einem nationalistischen
Blickwinkel.“ So gesehen waren die damals besiegten Gegner der Polen
gar nicht wirklich die Deutschen, sondern eine Ordensritterbewegung, an
der die Deutschen allenfalls durch einen gewissen Einfluss beteiligt
waren – weswegen es keinen Grund gibt, dass sie heute die Niederlage
unter einem nationalistischen Blickwinkel persönlich nehmen.
Noch entschiedener entzieht Jaroslaw Stuczynski, im Spiel der
„Hochmeister des deutschen Ordens, der seit 10 Jahren am Ende den
Heldentod sterben muss“, solchen möglichen Irritationen jede Grundlage:
Es habe sich, lässt er wissen, bei dem damaligen Geschehnis, ganz
objektiv betrachtet, um einen in Schlachtform erbrachten
deutsch-polnischen Beitrag zum europäischen Kulturerbe gehandelt. „Das
ist unsere gemeinsame Geschichte, die wir objektiv sehen sollten, und
so beurteilen, wie es damals im Mittelalter war. Auch so eine
Ordensburg in Polen ist etwas ganz Natürliches , wir sind im
vereinigten Europa, das ist das Kulturerbe zweier Nationen.“
Recht brauchbares Material also für die Korrektur der Meinung, der Pole
lasse sich gemeinhin von antideutschen Ressentiments leiten. An dieser
Stelle ist es ein Gebot der journalistischen Redlichkeit, auch einen
deutschen Tannenbergstatisten zu Wort kommen zu lassen, einen Stefan
Bastigkeit, der – in humoristischer Verfremdung – sich einen kleinen
Hinweis auf den wirklichen Status Polens gegenüber Deutschland erlaubt:
„Der polnische König hat ein letztes Angebot an die Deutschen: Wenn die
uns ein paar Autobahnen bauen, dann würden wir uns vielleicht ja auch
mal ergeben.“
Letzte Zweifel werden endgültig beseitigt durch einen Blick in das
Tannenberg – Drehbuch, demzufolge der sterbende Ordensmeister zu sagen
hat: „Schön ist es hier im Himmel, hier herrscht Friede, es gibt keine
Deutschen, keine Polen mehr, noch nicht mal Russen.“, worauf der
Weltspiegel, ohne das Publikum auf diese Bewertung festlegen zu wollen,
zugesteht, dass die performance des Tannenberg-plots doch ein Bemühen
um ‚political correctness’ erkennen lässt. „Heute scheinen diese
martialischen Ritterspiele wohl eher ein deutsch-polnisches
Versöhnungsfest zu sein als eine chauvinistische Siegesfeier.“ Nächster
Beitrag.
„Südafrika: Der ANC – Die Generation
'Moral' dankt ab.“
Der Weltspiegel blickt an diesem Sonntag auch nach Südafrika. Die Ikone
der Anti-Apartheid-Bewegung hat Geburtstag: Mandela wird 90. Dem
Lebenswerk des Jubilars und dem aktuellen Zustand seines Vermächtnisses
gelten die Erkundigungen des Reporters. Leider kann er nichts Positives
vermelden. Mandela ist zwar sehr alt geworden, „aber mit seinem ANC
geht es bergab.“ Die Recherche vor Ort belegt, was der Weltspiegel
schon vorab – prophetisch? – vermutet hat: „Die Aufrechten in der
heutigen Regierungspartei, die ehemaligen Kämpfer gegen Apartheid, sind
alt und treten ab. Die Neuen, wie der künftige Parteichef Jacob Zuma,
gelten vielen im Land als korrupt, vorbelastet, ohne Ideale.“ Bei
dieser profunden Auskunft – früher gut, heute mies! – bleibt es dann
auch.
Um eine gute Sache ging es damals – mehr muss man vom ANC, seinen
Anliegen und denen der Staatsmacht, die er bekämpfte, nicht wissen.
Denn der Krieg um die Herrschaft über die Townships ist geadelt durch
seinen Erfolg und die Farbe, die den Präsidenten mit dem Großteil
seiner Untertanen nun verbindet. Dagegen ist das Südafrika von heute,
der Staat, den sich Mandela mit seinem Verein erkämpft hat, nicht mehr
gut. Die Hinterlassenschaft besteht gegenwärtig aus Korruption,
Verbrechen, Pogromen, und das ist schon das Wesentliche, was man sich
2008 zum Land ums Kap der Guten Hoffnung zu denken hat: Früher stand es
irgendwie besser um es!
Ein Bericht fürs Fernsehen wird daraus, wenn sich Freiheitskämpfer von
damals finden, die diese traurigen Erkenntnisse über den Wandel von
einst zu heute bezeugen. Es gibt sie glatt: Mit der üblichen
professionellen Sorgfalt, was die Auswahl seiner Kronzeugen betrifft,
fällt der Reporter gleich mit der Tür ins Haus einer der berühmtesten
Frauen aus dem Widerstand, die ihrer tiefen Enttäuschung und Sorge über
das Heute Ausdruck verleiht und wehmütig „an die Zeit des
Befreiungskampfes“ denkt. „Damals galten noch die Ideale von Gleichheit
und Ehrlichkeit. Sie bedauert es, das sie damals den Kopf hingehalten
hat für die korrupten Beamten des heutigen Südafrika. 'Nein! Dafür habe
ich nicht gekämpft.'“ „Korruption bis auf die unterste Ebene“ – fügt
der Korrespondent hinzu, um deutlich zu machen, wie sehr die Moral in
Südafrika auf den Hund gekommen ist. Daher erwähnt er zwar die zweite,
noch viel berühmtere Frau, Winnie Mandela, nimmt aber Abstand davon,
sich mit ihr zu treffen. Obwohl als erste Ehefrau Mandelas zur ‚guten,
moralischen Generation’ gehörend, hat sie sich mit ihrem späteren,
überhaupt nicht mehr idealen Lebenslauf eindeutig selber diskreditiert;
und mit den Bösen wird nicht geredet.
Besser passen die nächsten Zeitzeugen, ein agiler 74jähriger, der
damals zuständig war für den Bau von Bomben und Handgranaten und von
den „erfrischenden und aufregenden“ alten Zeiten schwärmt, sowie ein
„weiterer würdiger Herr“ (ohne Altersangabe), der ebenfalls das
Vermächtnis seines damaligen Weggefährten Mandela kultiviert. Schlechte
Noten bekommt hingegen der letztes Jahr gewählte Jacob Zuma, denn:
„Hier geht es um Macht, nicht um Ideale.“ Zuma drohen
Korruptionsprozesse und ein Vergewaltigungsprozess, der nur „aus Mangel
an Beweisen ausgesetzt“ ist, und das stellt hinlänglich klar: Eine so
ideale Lichtgestalt wie Mandela ist der Mann keinesfalls. Ob er der
Richtige für das Erbe Mandelas ist? So soll man sich ganz
voreingenommen fragen und sich die richtige Antwort geben. Etwas
anderes über Zuma und Kollegen braucht man scheint's nicht zu wissen.
Trotzdem – so rundum vernichtend will der Reporter sein Bild der
Zustände nicht enden lassen. Ausgewogen, wie man's ihm beigebracht hat,
empfiehlt er, ganz im Einklang mit dem ehemaligen Bombenbauer, „nicht
nur die dunklen Wolken über dem Politikhimmel zu sehen,“ und der
Herrschaft eine Chance zu lassen. Denn sogar der findet heute –
altersmilde – rechtfertigende und entschuldigende Worte für sein
Regime: „Viele Befreiungskämpfer von damals glauben, dass man es ihnen
schuldig ist, sie mit Macht und mit Posten auszustatten. Als
Kompensation gewissermaßen. Aber das macht unsere Politiker von heute
auch nicht schlimmer als die anderer Länder. Ich glaube, wir haben
heute noch ganz fähige Leute. Ich glaube aber auch, dass wir durch eine
schwierige Zeit des Übergangs gehen.“ Nicht ganz ohne Hoffnung also,
aber schwierig und unsicher ist die Zukunft von Südafrika jedenfalls.
Nur eines ist nach diesem Bericht glasklar: Besser, schöner, edler,
moralischer war's natürlich früher. Aber was kann man schon machen,
wenn eine ganze „Generation Moral“ abdankt. Da wird es wohl noch ein
wenig dauern, bis dort so regiert wird, wie es uns gefällt.
Die Botschaft des Weltspiegel
liegt in der Methode: Er macht konsequent ernst mit der verkehrten
Gleichsetzung von ‚authentisch’ und ‚objektiv’ und der Verwechslung von
‚abstrakt’ und ‚konkret’. Die Wahrheit über das Weltgeschehen liegt für
den Weltspiegel in der Betroffenheit der Leute, nicht darin, worin sie
verwickelt sind, sondern wie sie davon in Mitleidenschaft gezogen
werden, und die Annäherung an den Kern der Sache erfolgt sachgerecht,
indem verantwortungsvolle Journalisten die Menschen als Leidtragende
ins Bild setzen. Darauf, dass ein verletztes Gerechtigkeitsempfinden
den Leitfaden abgibt, ist absolut Verlass, notfalls hilft der
Weltspiegel mit entsprechenden Fragen nach. Damit sind die
aufgegriffenen Interessen perfekt eingeordnet, nämlich ein einziger
Auftrag nach mehr Gerechtigkeit überall auf der Welt. Was dabei als
anständig und anerkennenswert zu sehen ist, überlässt die Redaktion
nicht einfach den Betroffenen – auch die können falsch liegen bei dem,
was sie als gut für sich empfinden. Das bemisst sich im Regelfall an
der ausdrücklichen Vorgabe, die sich dem Standpunkt des politischen
Interesses Deutschlands entnehmen lässt, manchmal dem, was die
Redakteure als in deutschem Interesse liegend meinen. So bleibt beim
Zuschauer die Botschaft hängen: Wenn sich die Zuständigen mehr um ‚die
Menschen’ kümmern würden, dann wäre die Welt doch das, was sie sein
sollte: Heimat, wie geschaffen für uns! Das wäre doch nicht zu viel
verlangt und auch ohne größeren Aufwand möglich.