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GegenStandpunkt 3-08
Die taz zum deutschen Militäreinsatz in Afghanistan:
Parteilichkeit alternativ
Was fehlt in einer demokratischen Öffentlichkeit, die in ihrem
Pluralismus den Sprachregelungen der Politik aufs Wort glaubt, nichts
von dem in Frage stellt, worüber die Machthaber mit Gesetzeskraft
verfügen? Richtig, da fehlt eine Alternative, und in Gestalt des
alternativen Journalismus einer taz gibt es die auch: „Die Grundsätze,
die ich in der taz gelernt habe, lauten: Nichts und niemandem glauben,
Macht und Herrschaft immer in Frage stellen, sich auf die Seite der
Unterprivilegierten stellen, Streitlust und Humor nicht verlieren.“
(Ute Scheub, Mitbegründerin der taz, Anzeige in der taz v. 30.6.08) Ein
verantwortungsvoller Journalismus soll bei allem Engagement für
Wahrheit und Gerechtigkeit und bei aller Streitlust gegen die
Herrschenden freilich schon herauskommen. Da fragt es sich, ob dieses
Häuflein aufrechter Kämpfer seinem selbstgestellten hohen Auftrag
gerecht wird. Das Berichten über die laufenden Kriege einer
Nation ist da immer eine anspruchsvolle Aufgabe für kritische
Chronisten. Der stellen sich anlässlich der Ausweitung des deutschen
Kampfauftrags in Afghanistan auch die alternativen Zeitungsmacher von
der taz:
„Unübersichtliches Afghanistan.
Dass die Bundesregierung ihren Bürgern den Sinn des
Afghanistan-Einsatzes nicht zu vermitteln vermag, ist nicht der größte
Vorwurf, der in diesem Zusammenhang zu erheben ist. Schlimmer ist, dass
auch die Afghanen selbst am Einsatz der Bundeswehr zu zweifeln
beginnen. Vor dem Kommunikationsproblem steht immer das Problem in der
Sache.
Doch hängt beides miteinander zusammen. Je schlechter die Nachrichten
aus Afghanistan werden, desto unangemessener klingen aus dem Munde des
Verteidigungsministers die immergleichen Worthülsen von der
‚friedlichen Entwicklung’ bis zum ‚Konzept der vernetzten Sicherheit’.
Und mit der jetzt angetretenen Kampftruppe und der Entscheidung für
1.000 zusätzliche Soldaten dürfte die Diskrepanz zwischen wolkigen
Reden und hässlichen Berichten noch wachsen.
Die Opposition fordert deshalb unablässig eine ‚ehrliche
Zwischenbilanz’. Neu macht jetzt auch die Idee die Runde, eine
überparteiliche Kommission ... einzurichten, die eine solche
Zwischenbilanz erstellen und ohne Rücksicht auf
Koalitionsbefindlichkeiten formulieren soll ...
Man kann sich leicht vorstellen, in welche Fleischwölfe eine deutsche
Kommission im großkoalitionären Wahlkampf geraten würde. Vermutlich ist
es aber auch eine irrige Vorstellung, dass eine Kommission die tausend
verschiedenen Wahrheiten aus und über Afghanistan verschmelzen könnte.
Die Bundeswehr kann überhaupt nicht offen kommunizieren. Die
Nato-Partner stellen eigene Bedingungen. Der junge afghanische Staat
muss gelenkt werden, soll aber souverän wirken. Niemand überblickt, was
die zivilen Organisationen alles machen.
Einfach ‚raus’ kommt die Bundesregierung da sowieso nicht. Aber wenn
sie nicht selbst die Bedingungen erklärt, unter denen sie drin bleibt,
übernehmen das die Einsatz-Gegner.“ (taz, 1.7.)
Da kann man nun doch nicht meckern: Auch von ihrem Leib- und Magenblatt
werden die Reste der deutschen ‚Friedensbewegung’ mit dem Krieg am
Hindukusch vertraut gemacht, wie es sich gehört, nämlich zuallererst in
Form einer verantwortungsvollen Perspektive, unter der man ihn zu
betrachten hat. Die ergibt sich vorliegend daraus, dass die Frau
Redakteurin für ihre Weigerung, zum Krieg in Afghanistan auch nur einen
geraden Gedanken zu fassen, gleich im ersten Wort ihres Kommentars den
Gegenstand ihrer Betrachtung haftbar macht: „Unübersichtlich“ wäre, was
da zwischen Nato-Mächten und Taliban in Afghanistan läuft, und darüber
verbreitet sie sich dann im Weiteren. Sie hat sich auf den aparten
Gesichtspunkt verlegt, den deutschen Militäreinsatz als ein
„Kommunikationsproblem“ zu besprechen, näher: als Problem der
Bundesregierung, ihren Bürgern den „Sinn“, die guten Gründe mithin zu
vermitteln, den bzw. die sie für den Einsatz deutschen Militärs in
Afghanistan auf jeden Fall weiß bzw. hat. Dieses kommunikative Defizit
begründet für eine, die es im Dialogverkehr von oben nach unten gerne
eindeutig und übersichtlich mag, in jedem Fall einen „Vorwurf“. Zwar
scheint es andere und sogar gewichtigere Kritikpunkte zu geben, die „in
diesem Zusammenhang“ an die Adresse der Regierung zu richten wären. Ja,
die gute Frau erwähnt sogar eine „Sache“, über die zu diskutieren
allemal vordringlicher wäre als über die Formen ihrer kommunikativen
Vermittlung. Aber danach steht ihr der Sinn offensichtlich überhaupt
nicht. Das spricht sie nur an, um gleich mit dem nächsten Satz jede
Befassung mit dem, was bei diesem Krieg Sache ist, auszuschließen und
sich allein mit der Sache zu befassen, die ihr am Herzen liegt: Wie
schlecht der Krieg doch zu den „Worthülsen“ passt, in denen von den
Verantwortlichen über ihn geredet wird, stößt ihr unangenehm auf; von
Frieden ist immer die Rede, und von dem kann wohl mitten im Krieg
überhaupt nicht die Rede sein – was für ein Skandal! „Nichts und
niemandem glauben“: Wie man sieht, kann man dabei journalistisch
einfach nichts verkehrt machen, wenn man die politischen Gründe des
deutschen Militäreinsatzes im Wege einer strikten Nichtbefassung als
außer jeder Diskussion stehend abhakt – und auf der Grundlage dann
gnadenlos in dem Missverhältnis herumstochert, das ein gebildeter
Freund politischer Schönfärberei zwischen dem Titel ‚Friedenseinsatz’
und den Leichen allemal entdeckt, die regelmäßig in „hässlichen
Berichten“ auftauchen. Wo zwischen der grundguten politischen Absicht
Deutschlands in Afghanistan, die ja wohl feststeht, und den Handlungen,
die sie vor Ort unglücklicherweise nach sich zieht, noch immer soviel
Hässliches klafft, ruft das kritische journalistische Ethos nach einer
Hilfestellung von oben, um weiter am Glauben an die gute Absicht
festhalten zu können: Eine „ehrliche Zwischenbilanz“ wäre das mindeste,
was man da von seiner Regierung verlangen kann, gut daher, dass „die
Opposition“, die wir haben, in dem Sinne schon unterwegs ist. Auch die
Idee, dazu „eine überparteiliche Kommission“ zu bestellen, ist im
Grundsatz unbedingt zu befürworten: Eine überparteilich deutsche, daher
wahrhaft nationale Expertenrunde verbürgt per se die Ehrlichkeit dieser
Bilanz, den Worten, mit denen sie dem Volk das deutsche Engagement im
Krieg vermittelt, könnte man bedenkenlos glauben. Könnte man, denn da
zeichnet sich schon das nächste kommunikative Desaster ab: Ein
Wahlkampf steht dem Land ins Haus, und bei dem, das weiß man ja,
herrscht immer Hochkonjunktur in Sachen Falschmeldungen! Da geht es den
Parteien um Stimmen für sich und nie um die Wahrheit, gerät also erst
recht alles durcheinander, was das ohnehin schon schwierige ehrliche
Kommunizieren zwischen Regierung und Volk betrifft, und apropos
Wahrheit: Lässt sich zu Afghanistan überhaupt etwas Handfestes sagen?
Wo jeder mit dem auf alle Fälle irgendwie recht hat, was er sagt, und
es daher nicht nur „tausend verschiedene Wahrheiten“ gibt, sondern auch
noch eine Bundeswehr, die ihre eigene nicht verrät? Wo sich auch noch
„Nato-Partner“ mit ihren Waffen bei der Wahrheitsfindung einmischen, es
ferner einen gelenkten Staat gibt, damit er souverän wirkt, sowie
„zivile Organisationen“, von denen sogar die taz nichts weiß: Was soll
man sich da überhaupt noch zu sagen trauen?! Eines jedenfalls ist
sicher: Wer unter den Stichworten ‚Ehrlichkeit’ und ‚Wahrheit’ einfach
nichts von dem, was er anspricht, für sich nimmt und entschlossen alles
mit allem zu einem kommunikativen Vermittlungsproblem zusammenrührt,
für den ist natürlich Afghanistan dermaßen „unübersichtlich“, dass er
über nichts Bestimmtes mehr irgendetwas sagen kann! Aber was er damit
sagen will, versteht man auch so ausgezeichnet: „Macht und Herrschaft
immer in Frage stellen“ – so schreibt man, wenn die eigene
Herrschaft
ihren Krieg führt und den gerade ein wenig eskaliert, für die Freunde
des Friedens alternativ seine Zeitung voll. Man stellt rein gar nichts
in Frage von all dem, was die politischen Herren bezwecken und tun –
bezweifelt aber umso entschiedener die Überzeugungskraft der
Sprachregelungen, die sie für ihre Machenschaften kursieren lassen. Da,
bitteschön, möchte man als Experte für Frieden schon besser bedient
werden von seiner Regierung, gibt sich aber auch diesbezüglich
selbstverständlich keiner großen Illusion hin: Kaum hat man seinen
unglaublich herrschaftszersetzenden Antrag formuliert, mit „Worthülsen“
verschont und mit einer etwas stringenteren Kriegsrechtfertigung
bedient zu werden, konstruiert man sich ein ganzes Rattennest von
Problemen für die Botschaft zurecht, dass die politischen Befehlshaber
des Kriegs das „Kommunikationsproblem“, das man ihnen angehängt hat,
wohl nie gescheit in den Griff bekommen werden. Und vermutlich
deswegen, weil in dieser gelungenen Allianz von studierter Blödheit und
Parteilichkeit noch der Humor fehlt, der zusammen mit der Streitlust
versprochen war, holt unsere Frau Kommentatorin in der Abteilung
Herrschaftskritik noch zum ultimativen Hieb aus. „Einfach ‚raus’“ aus
Afghanistan kommt Deutschland „sowieso nicht“ – das ist ihr schon
deswegen so klar, weil die Nation ja ihre auch ihr einleuchtenden guten
Gründe fürs Hineingehen hat. Aber eine Regierung, die sich in ihrem
vergeblichen Ringen um goldene Worte womöglich auch noch von den
Gegnern ihres Krieges „die Bedingungen“ vorsagen lässt, unter denen sie
ihn weiterführt: Das ist ja wohl der Gipfel an Nicht-Souveränität beim
Kriegführen wie beim Kommunizieren – und solche Schlappmänner haben die
studierten Journalisten der taz auch im Namen aller Unterprivilegierten
im Land nicht verdient!
*
Was genau die Frau W. von der taz an überzeugungskräftigen
Sprachregelungen aus dem Mund des Regierungssprechers ab sofort gerne
vernommen hätte, verrät sie einem allerdings nicht. Um da auf dem
Laufenden zu bleiben, ist der friedensbewegte Leser gut beraten, als
Alternative zur alternativen taz ab und an in der FAZ zu blättern. Dort
steht täglich im Klartext, in welche Worte die Rechte gekleidet
gehören, die sich Deutschland in der imperialistischen Konkurrenz
herausnimmt, in Afghanistan wie anderswo. Aber so ein reaktionäres
Blatt fasst ein fortschrittlicher alternativer Mensch nicht einmal mit
der Beißzange an.