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GegenStandpunkt 3-08
Dreimal Sachverstand der SZ-Wirtschaftsredaktion
Der hohe Ölpreis – Problem, Gefahr, Segen und Chance zugleich!
Ein Auftrag zum Eingreifen einer
bürgernahen EU: „Auf Seiten des
Verbrauchers“
Am 19. Juni beklagt die SZ, dass angesichts seit Monaten „rasant
steigender Preise für Treibstoffe und sinkender Einkommen“ „Bürger in
existenzielle Nöte“ geraten. Groß unterscheiden mag die Zeitung beim
Generalsubjekt „Verbraucher“ nicht, ob es nun die
Geschäftskalkulationen von Kleingewerbetreibenden wie „Spediteure,
Fischer und Bauern aus ganz Europa“ sind, die durcheinander gebracht
werden, oder ob „Bürger“ verarmen, bei denen Sprit- und Ölpreise kein
Geschäftsmittel, sondern Abzug von ihrem Lohneinkommen sind. Was den
Schaden selbst angeht, steht den Ökonomen der SZ der Sinn gleichfalls
nicht nach differenzierenden Auskünften. Was es mit dem „schwarzen
Gold“ ökonomisch auf sich hat und wieso der Marktpreis – in der
Wirtschaftsredaktion sonst Inbegriff regulierender wirtschaftlicher
Vernunft im ‚Spiel von Angebot und Nachfrage’ – so verheerende
Wirkungen zeitigt: darüber lässt einen die SZ im Dunklen.
So bleibt der Leser zwar dumm, die angesprochenen Opfer des Ölpreises
aber dürfen Hoffnung schöpfen. Die „seit Wochen“ gegen ihre Staaten und
deren Steuerpolitik „Protestierenden“ sind nicht allein. Ihr Anliegen
ist bei eben diesen Staaten politisch in besten Händen, denn laut SZ
steht die EU voll „auf Seiten des Verbrauchers“ und „will gegen hohe
Ölpreise vorgehen“. Schon erstaunlich: Dieselbe EU, die sich mit ihrem
‚gemeinsamen Markt’ der Freiheit des Warenverkehrs wie des Kapitals
verschrieben hat, betätigt sich als Unterstützungsverein für arme
Verbraucher und tritt gegen die Freiheit der Preisfestsetzung bei der
Ware Öl ein? Ausgerechnet Politiker, von denen die SZ ansonsten zu
berichten weiß, dass sie heimische Öl- und Energiekonzerne als Garanten
der nationalen Versorgung fördern und den Treibstoffverbrauch als
sprudelnde Steuerquelle schätzen, blasen ab sofort zum Kampf gegen hohe
Ölpreise? Doch die SZ erlaubt sich den Scherz, die politische
Propaganda, die Verantwortlichen in Berlin und anderswo in Europa
bekämpften nach Kräften die steigenden Energiepreise im Interesse der
Konsumenten, einmal für bare Münze zu nehmen – um dann ein paar Zeilen
später dieselbe Propaganda als ziemlich haltlose Angeberei zu
durchschauen: „Die Europäische Union hat kaum Mittel und noch weniger
Macht, um Preise zu senken, die an internationalen Märkten gebildet
werden. Sie kann ihren Bürgern, wenn sie ganz ehrlich bleibt, kein Ende
der Preissteigerungen versprechen“. Erst die EU groß als Diener des
gewöhnlichen Volks aufblasen und dann im Namen der ‚Ehrlichkeit’ die
Luft wieder rauslassen – untrügliches Markenzeichen des seriösen
Journalismus aus München!
Ein aufgelegter Schwindel sind die Verlautbarungen der Verantwortlichen
in den Augen der SZ dennoch nicht. Wenn bei den europäischen
„Beratungen über Maßnahmen gegen steigende Preise“ nichts herauskommt,
so ist das noch lange „keine politische Mogelpackung“, ganz im
Gegenteil. Auch wenn die Beschlüsse der zweitgrößten Wirtschaftsmacht
der Welt zu allem anderen als zu billigem Sprit und Heizöl für die
Bevölkerung führen, so ist ihr ideeller Wert für die Verbraucher in
Geld gar nicht aufzuwiegen, zeigt die EU doch den Menschen – „ganz
ehrlich“ –, wie sehr sie auf ihrer Seite steht. Wer die <Leute
derart fürsorglich verarscht und „den Bürgern sagt: Wir kennen eure
Sorgen. Wir kümmern uns darum“, hat jedenfalls ihr Vertrauen verdient!
Mag Europa bei der Durchsetzung des Interesses des Verbrauchers in den
Augen der SZ zwar gutwillig, aber machtlos sein: um im weltweiten
Ölgeschäft ein gewichtiges Wort mitzureden, verfügt die Union nach
SZ-Meinung dann doch wieder über genügend Macht. Die sollte sie auch
gefälligst einsetzen und „mehr Druck auf die Erzeuger und Verkäufer von
Öl (ausüben). Das betrifft sowohl ... Erdölförderstaaten als auch ...
einzelne Konzerne wie die russische Gazprom“. Unbeschadet ihrer
entdeckten Ohnmacht gegenüber den ‚internationalen Märkten’ fordert die
SZ jetzt die EU zu machtvoller Einflussnahme auf diese Märkte und ihre
Agenturen – renitente Ölstaaten und auswärtige Energiekonzerne – auf
sowie zum politischen Eingreifen gegen die öffentlich ausgemachten
Preistreiber, die „Spekulanten“. Dieselben Politiker, die national wie
international den Finanzmärkten alle Freiheiten und materiellen
Förderungen gewähren und Spekulationsgeschäfte als Beitrag zum
nationalen Wachstum verbuchen, sind also dazu ausersehen, diesem
Treiben Schranken zu setzen. Die journalistischen Sachkenner können
sich offensichtlich nichts Überzeugenderes vorstellen als eine EU, die
„zielgerichtet gegen vermutete Spekulationsgeschäfte vorgeht, indem sie
Aufsichtsbehörden bei der Kontrolle von Börsen unterstützt“, und mit
ihrer politischen und ökonomischen Macht nicht-europäischen Konzernen
klarmacht, was Europas Standorthüter unter einem gerechten Wettbewerb
verstehen: „Vor allem kann Brüssel darüber wachen, dass auf dem
europäischen Binnenmarkt tatsächlich alles wettbewerbsgerecht zugeht.
Insofern ist die Ankündigung der EU, die Produzenten von Öl und
Ölprodukten ganz genau zu kontrollieren, möglicherweise bald bares Geld
wert. Die Wettbewerbshüter der Kommission haben sich bisher auch bei
solchen Giganten wie Microsoft nicht zimperlich gezeigt,
Wettbewerbsverstöße mit hohen Geldbußen zu belegen“. Eine von den
eigenen Staatsagenten im nationalen Interesse überwachte Konkurrenz um
ordentliche Preise und Gewinne – das ist es also, womit dem Verbraucher
am besten gedient ist.
Ein Hilfsmittel gegen den Wahn von
Konsumenten: „Gegen die
Vollgas-Mentalität“
Tags darauf – die „rasant steigenden Preise für Treibstoffe und
sinkende Einkommen“ sind wieder um ein paar Cent gestiegen – schaut es
mit dem Fluch des hohen Ölpreises ganz anders aus: Es hat auch sein
Gutes, wenn sinkende Einkommen auf hohe Preise treffen, denn der
Verbraucher ist nicht nur ein armes, sondern vor allem auch
unbelehrbares Öko-Schwein. Der Wirtschaftsexperte der SZ kann es nicht
fassen: Wieso bestehen die „aufgebrachten Lenker aller Fahrzeugklassen“
auf „individueller Fortbewegung“, wo sie sich das Autofahren doch gar
nicht mehr leisten können? „Otto Normalverbraucher“ ist einfach „nicht
bereit, weniger Auto zu fahren“, und meint „immer noch, ein Recht auf
billigen Kraftstoff zu haben“. Klar: Auch in München erwartet man von
den arbeitenden Menschen selbstverständlich jede Menge ‚berufliche und
räumliche Mobilität’. Aber davon kann man ja auch mal absehen und dann
zeigt sich sofort, was in Wahrheit Sache ist: „All das ist rational
nicht mehr erklärbar“, also in höchstem Maße irrational, und das will
natürlich erklärt sein. Der Fachmann kann es: „Der Mensch“ fährt nicht
Auto, weil er irgendwohin muss oder will, er pflegt vielmehr beim
Fahren den Wahn des „letzten kaufbaren Mythos auf dieser Welt, der die
Träume von Freiheit, Aufbruch und Flucht in sich vereint“. Getankt wird
wegen einer fixen Idee, und gemeinschaftsschädlich ist sie obendrein:
„Niemand hat das Recht, die Natur und künftige Generationen zu
belasten.“ Ein weiters Mal muss sich der Herr Wirtschaftsredakteur ans
Hirn greifen ‑ und staunt, dass sein kulturkritischer Blödsinn nicht
schon längst gesamteuropäisch Furore gemacht hat: „Erstaunlich, dass
noch keiner auf die Idee kam, unter die Werbeplakette der
Autohersteller eine Information der EU–Gesundheitsminister zu drucken:
‚Autofahren gefährdet ihre Gesundheit. Es kann zu Fettleibigkeit und
Lungenkrebs führen’.“ Und was allein hält uns da noch fit und schlank?
Richtig, „ein hoher Benzinpreis ist gut“ für die Lunge, denn „nur so
denken die Verbraucher um“, „anders geht es nicht“ beim homo
oeconomicus der SZ. Der ist so dumm, dass er nur vernünftig wird, wenn
es „ans Portemonnaie geht“.
Eine Herausforderung für den
Konkurrenzerfolg deutscher Unternehmen:
„Firmen versprechen schnelle Lösungen – aber es gibt sie nicht“
Wieder ein paar Tage später, immer noch „rennt der Ölpreis von Rekord
zu Rekord“, ist dann Schluss mit dem Hin und Her zwischen Fluch und
Segen des Ölpreises für „den Verbraucher“. Die SZ kommt auf die
gewichtigen Subjekte und Sorgeobjekte zu sprechen, um die es bei der
Preisfrage wirklich geht: die nationale Wirtschaft mit ihren
Geschäftsrechnungen. Die „Unternehmer leiden unter den Kosten, und alle
sind betroffen“. Dass sich unter diesen Unternehmen die
Energieunternehmen befinden, die mit diesen rekordverdächtigen Preisen
ihr Geschäft machen, lässt uns die SZ jetzt mal vergessen; genauso geht
sie über die marktwirtschaftliche Selbstverständlichkeit hinweg, dass
die Unternehmen die „gestiegene Energiepreisentwicklung“ an ihre Kunden
„weiterleiten“, so dass am Schluss wieder der gebeutelte Verbraucher
vom 19.6. steht. Jetzt geht es schließlich um den deutschen
Unternehmerstand, um den ‚wir’ uns alle Sorgen machen sollen, weil an
seinem Erfolg schließlich unser aller Wohl hängt. Wenn dieser
Berufsstand die Macht hat, alle und alles von seinen
Gewinnkalkulationen betroffen zu machen, dann ist das schließlich
anerkanntermaßen kein Einwand gegen unternehmerische Verfügungsmacht
über Sein oder Nichtsein von Arbeitsplätzen. Das rechtfertigt vielmehr
den besorgten Blick auf „unsere“ Kapitalisten, bei denen „der steigende
Ölpreis die Konjunktur bremst und für verstärkte Arbeitslosigkeit
sorgt.“ Das wirft aber umgekehrt auch die Frage auf, ob deutsche
Unternehmen es verstehen, die Ölpreisentwicklung ordentlich auszunutzen
und mit dem Ölpreis als Mittel ihrer Konkurrenz erfolgreich zu
kalkulieren. Also sieht sich der Fachmann zu kritischen Einschätzungen
und guten Ratschlägen bemüßigt, wie mit dieser Herausforderung an den
Geschäftssinn deutscher Unternehmen fertig zu werden sei. Mit der
Ausnutzung der neuen Marktgegebenheiten schaut es hierzulande nach dem
Geschmack der SZ leider nicht so gut aus, wie es sollte. Da gibt es
eine „Autoindustrie, die erst jetzt richtig beginnt über die Zeit nach
dem Öl nachzudenken. Bislang waren die Entwicklungen halbherzig. Die
Mobilitätskonzepte, die ohne Öl auskommen, sind noch in weiter Ferne“,
statt dass dieser gewichtige nationale Wirtschaftszweig mit neuen
‚Mobilitätskonzepten’ vorne dran ist und die Konkurrenz dominiert.
Andere Branchen tun sich nach Einschätzung der SZ von Haus aus schwer,
die Last des hohen Ölpreises als Konkurrenzchance zu nutzen: „Für die
chemische Industrie gibt es überhaupt kein Entrinnen. Sie ist komplett
auf das Öl angewiesen und kann in Zukunft bestenfalls verstärkt Kohle
einsetzen.“ In jedem Fall kommt es darauf an, sich unternehmerisch auf
die neuen Konkurrenzgegebenheiten richtig einzustellen, mit ihnen im
Vergleich zu anderen Ländern als Kostenfaktor besser umzugehen, die
neuen Gewinnchancen rechtzeitig zu ergreifen – kurz: den gestiegenen
Ölpreis zu einer nationalen Erfolgsgeschichte in Sachen
kapitalistischer Bereicherung zu machen. Und das geht, wie wir jetzt
wissen, nur, wenn keinesfalls schnelle Lösungen versprochen werden, die
es nicht gibt.