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GegenStandpunkt 3-08
Fundamentals des kritischen Sachverstands
Es ist schon interessant, was den Autoren kritischer Leitartikel alles
so ganz selbstverständlich aus der Feder fließt. Welche Stichworte sie
zitieren, die ohne jedes weitere Argument ganze staats- und
sozialpolitische Theorien abrufen, für die ganz offensichtlich nicht
mehr agitiert werden muss, sondern mit denen man argumentiert. Und zwar
schlicht und einfach dadurch, dass man sie erwähnt, an sie erinnert wie
an lauter unhinterfragbar gültige Weisheiten, ohne die ein vernünftiges
Urteil über den Lauf der Welt einfach nicht zu haben ist. Damit
ausgerüstet, lässt sich dann so gut wie jeder Kommentar – zu welchem
aktuellen politischen Thema auch immer – bestücken und argumentativ
vertiefen.
Bei den Kommentaren zu dem zum „Skandal aufgeblasenen Armutsbericht“
funktioniert diese Technik jedenfalls ganz gut. Hantiert wird, in
beliebiger Reihenfolge, im Wesentlichen mit folgenden 4 Weisheiten:
1. „Wer Arbeit hat, ist nicht arm!“
Da kennt man sich aus in den Redaktionen der seriösen Presse: Die
Armutsgrenze verläuft zwischen dem Bodensatz der Gesellschaft und
denen, die in der Gesellschaft angekommen und aufgehoben sind. Und wer
Arbeit hat, der gehört dazu, kann also nicht arm sein. Völlig ignorant
gegen die Art und Weise, wie ihre wunderbare Marktwirtschaft
funktioniert, schreiben sie diese tröstliche Botschaft jahrein, jahraus
in ihre Leitartikel. Und das ist einigermaßen erstaunlich. Man erwartet
zwar nicht, dass sie ernsthaft dem Gedanken nahe treten könnten, dass
Armut aus der Lohnarbeit erwächst, ja notwendigerweise zu ihr
dazugehört. Aber dass sie auch noch angesichts der Tatsache, dass es
hierzulande massenhaft Leute gibt, die selbst von einem Vollzeitjob
nicht mehr leben können und in ihren eigenen Blättern als die neuen
„working poor“ besprochen werden, das Loblied des „Armutsschutzes
Arbeit“ singen und felsenfest an ihrer Antithese von Arbeit und Armut
festhalten, macht einiges deutlich über die Logik des Vorurteils. Es
steht eben längst vor jeder Beurteilung fest und lässt sich auch durch
die härtesten Fakten aus der realen Welt der Ökonomie nicht
erschüttern. Wenn die Realität nicht zum guten Urteil über sie passt,
werden die Fakten einfach nicht zur Kenntnis genommen oder gnadenlos
unter die schon längst feststehende Botschaft subsumiert. Und die
lautet nun mal: Es geht nichts über Arbeitsplätze, gerade für arme
Leute ist nichts wichtiger. Deswegen ist jeder Euro, der von Staats
wegen für diese Leute ausgegeben wird, gerade für die armen Leute
selber von Übel. Womit wir bei Dogma Nr. 2 wären, der absolut
unanfechtbaren politökonomischen Theorie:
2. „Lohnnebenkosten vernichten Arbeitsplätze!“
Diese Weisheit halten alle, die sie liebend gerne zitieren, sowieso
nicht für eine Theorie, sondern für ein Faktum. Mal dahingestellt, ob
es überhaupt die Regel ist, dass Unternehmer auf die Benutzung von
Arbeitern verzichten, weil die Sozialabgaben zu hoch sind. Die
Kommentatoren, die ununterbrochen vor zu hohen Lohnnebenkosten warnen,
sind sich völlig sicher, dass sie den Geist der unternehmerischen
Kalkulationen erwischt haben. Und sie finden überhaupt nichts dabei,
dass sie bei diesem Geist felsenfest davon ausgehen, dass der
Lebensunterhalt der Arbeiter für diejenigen, die sie ausnützen, ein
einziges Geschäftshindernis ist. Sie leisten sich im Gegenteil den
Zynismus, die Abhängigkeit der Lohnarbeiter von ihrer Ausbeutung als
guten Grund dafür zu unterstellen, dass die den Rechnungen der
Unternehmerseite im eigenen Interesse zuzustimmen haben. So gesehen ist
jeder Euro, den Unternehmer für Arbeitslöhne aufwenden müssen, zuviel,
auch wenn es sich nur um den Lohnbestandteil handelt, den der Staat für
seine Sozialkassen verstaatlicht hat, um die Arbeiterklasse insgesamt
für die „Wechselfälle“ des proletarischen Lebens halbwegs abzusichern.
Damit steht dann völlig außer Frage:
3. „Umverteilung ist von Übel!“ „Staatliche Regulierung ist schlecht!“
Denn jede Umverteilung ist abwegig, weil der Staat damit die
naturwüchsige Verteilung von Armut und Reichtum, wie sie der
Kapitalismus in seinem Gang so hervorbringt, nur unnötig
durcheinanderbringt. Deswegen ist „Umverteilung“ selber schon ein
Schimpfwort, zu dem man sonst weiter gar nichts zu sagen braucht. Wenn
sie dann noch eine Abstraktionsstufe höher gehen und ganz allgemein die
„staatliche Regulierung“ überhaupt thematisieren, sind sich sämtliche
Leitartikelschreiber erst recht sicher, dass sie damit ein Grundübel
unserer Zeit anprangern. Dieses Urteil verkünden sie mit absoluter
Überzeugung als unverwüstliche Parteigänger einer Wirtschaftsordnung,
die keinen Tag funktionieren würde, ohne dass der Staat sie ausführlich
und umfassend in tausenden von Paragraphen reguliert.
Soviel zur Ökonomie und zur Sozialpolitik. Außerdem verraten sie uns
aber auch noch, was sie so ganz generell von der Demokratie halten,
diesem besten aller denkbaren Gemeinwesen:
4. „Dauerwahlkampf schadet dem Durchregieren!“
Wenn kritische demokratische Meinungsmacher sich so ihre Gedanken über
die „staatliche Regulierungswut“ machen, dann drängt sich ihnen
regelmäßig der Verdacht auf, dass dieser schädliche Unsinn – wann immer
er sich um arme Leute kümmert – letztlich nur einer demokratischen
Unart geschuldet sein kann: Die verantwortlichen Politiker wollen sich
mal wieder „als Gutmenschen im politischen Dauerwahlkampf profilieren“
und versprechen ihrem minderbemittelten Stimmvieh lauter Wohltaten, die
jeder vernünftigen Politik widersprechen. So outen sie sich regelmäßig
als Opportunisten des niederen Volksinteresses, anstatt im Interesse
des Großen und Ganzen eine mutige Reform nach der anderen
durchzuziehen. Eine wunderbare Klarstellung dessen, was die Anbeter der
demokratischen Gesellschaftsordnung von der heiligsten aller Kühe ihrer
Staatsform halten: Die Demokratie – eine schlechte Herrschaftstechnik,
ein einziges Hindernis für gescheites Durchregieren! Das Volk mit
seinen permanenten freien, gleichen und geheimen Wahlen auf allen
Ebenen der staatlichen Hierarchie – damit erzwingt es nur
unverantwortliche Rücksichtsnahme auf seine Bedürfnisse und macht
vernünftiges, staatstragendes Handeln so schwer! Zur demokratischen
Elite gehört anscheinend eine verächtliche Stellung zur Demokratie.
©
GegenStandpunkt Verlag 2008