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GegenStandpunkt 3-08
Anleitung zum rechten Verständnis des Pauperismus:
Der Armutsbericht: „Viel Lärm um nichts“
In Frankfurt a.M. bei den Redakteuren, die das korrekte Weltbild der
Stützen der Gesellschaft betreuen, wie in Zürich, wo sie dasselbe
supranational machen, ist man genervt von der Debatte anlässlich der
Veröffentlichung des dritten Armuts- und Reichtumsberichtes der
Bundesregierung: In der Öffentlichkeit und auch von Politikern wird
nämlich unverständlicherweise „großes Aufheben um die neue
Armutsstatistik der Regierung“ gemacht; „Skandalisierer“ erzeugen den
schiefen „Eindruck, Armut sei im heutigen Deutschland weit verbreitet“,
wodurch das „Zerrbild eines verarmten Landes“ entsteht. Von abseitigen
„Ideen zur Armutsabschaffung“ wollen die verantwortungsvollen
Journalisten erfahren haben und „Abscheu über das Versagen des
Wohlfahrtsstaates“ soll sich im Volk breit machen. Miesmacher
beherrschen die besseren Stammtische in der Nation, so dass
„Deutschland sich arm redet“ und mit seiner „eigenartigen Lust der
Selbstkritik zu frönen“ sich selber ein schlechtes Zeugnis ausstellt.
Das kann man bei FAZ und NZZ nicht leiden. So führen die beiden
Zeitungen (alle folgenden Zitate vom 20.5. und FAS, 25.5.) vor, wie
Armut in Deutschland richtig zu verstehen ist. Garantiert ohne
polemischen Unterton, jenseits aller verzerrenden Sozialanklage und
ganz und gar ohne irgendeinen nationalen Selbstvorwurf.
Armut – nichts Neues
Die massenhafte Armut in Deutschland einfach zu leugnen, so naiv ist
man in Zürich und Frankfurt nicht. Zwar krittelt man ein bisschen an
der „fragwürdigen Definition“ von Armut herum, die dem Bericht
„zugrunde liegt“, und hätte gern eine andere Messlatte, ab welchem
Ausmaß an Mangel das schlimme Wort „Armut“ überhaupt angebracht ist;
aber man mag nicht dementieren, dass die üblichen Verdächtigen –
„Langzeitarbeitslose, Geringqualifizierte und Kinder von Eltern ohne
Job“ – wieder ein paar mehr und die Reichen wieder mal nicht weniger,
nicht ärmer geworden sind: „Jeder achte Deutsche ist von Armut bedroht,
die Schere zwischen Arm und Reich hat sich weiter geöffnet“.
Unerfindlich ist den Redakteuren allerdings, warum davon so ein „großes
Aufhebens“ gemacht wird, wo das alles doch ein alter Hut und „die
Ausführung des Berichts, dass die Einkommensverteilung ungleicher
geworden ist, längst bekannt ist“. Ja, wenn die Zahl der Armen
schlagartíg in die Höhe geschnellt wäre, hätte man sich bei FAZ und NZZ
glatt andere Argumente gegen die Skandalisierung einfallen lassen
müssen. Aber wenn es sich bloß um die ganz normal ansteigende und
altbekannte Armut handelt, winkt man an Main und Limmat gelangweilt ab
und ermahnt die Nation, sie solle sich wegen so einer drögen
Pauperstatistik mal nicht so aufführen!
Armut sozialstaatlich betreut – fast
nicht mehr vorhanden
Denn genau genommen gibt es die Armut nicht mehr, wenn man sie nur
dialektisch mit ihrer Bekämpfung zusammendenkt, was dann so gestanzte
Sätze ergibt wie: Der „deutsche Sozialstaat reduziert durch seine
ausgiebige Umverteilung das Armutsrisiko wirksam“. Wo man „ausgiebige“
Bekämpfung der Armut entdeckt, da ist die zu bekämpfende Armut selbst
freilich ziemlich aus dem Blick der Redaktion verschwunden. Wo sie
ansonsten einen jeden Euro, der fürs Soziale „umverteilt“ wird, für
einen Euro zu viel halten, loben die Zeitungsleute aus Frankfurt und
Zürich die gezahlte Armutsstütze als „Beweis des humanisierenden
Sozialstaates“. Wenn die armen Schlucker hierzulande nicht einfach
ihrem einkommenslosen Schicksal und der Mildtätigkeit der Straße
überlassen werden, dann kann man erstens nicht mehr von Armut, sondern
bestenfalls von einem „reduzierten Armutsrisiko“ sprechen und dann ist
zweitens deswegen doch wohl ein gesunder nationaler „Stolz auf die
egalisierende Verteilungswirkung des Abgaben- und Steuersystems“
angebracht. Bei FAZ und NZZ ist man es leid, dass Armut mit Versagen
des Sozialstaates assoziiert wird, statt Zufriedenheit mit dem
gleichmacherischen (diesmal kein Schimpfwort bei den beiden Zeitungen!)
eigenen Gemeinwesen empfinden zu dürfen. Und eben diese affirmative
Übereinstimmung und Zufriedenheit mit der Nation vermissen diese
Zeitungen schwer in der öffentlichen Armutsdebatte, bei all den
„Skandalisierern“ und „Gutmenschen“, die mit „Deutschland ist ein
reiches Land“ anfangen und bei der Armut als Schande für Deutschland
landen.
Armut – viele Unterschiede ergeben
ganz wenig Armut
Auch bei der Restarmut, also dem, was noch überbleibt, wenn der
Sozialstaat die Armut wegbetreut hat, schauen FAZ und NZZ genau hin. Da
„ist der Armutsbericht durchaus informativ. Man muss ihn nur lesen.“
Erstens lässt sich heraus lesen, dass der Kapitalismus nicht immer
gleich viele Arme produziert. „Die Daten über die Verteilung von
Einkommen und Armutsrisiken geben den Stand von 2005 wieder, in dem die
Konjunktur schlecht lief“. Damit „wird der jüngste
Wirtschaftsaufschwung und seine wohltätige Wirkung auf den Arbeitsmarkt
ausgeblendet“. Wenn es mal viel, mal weniger Armut gibt, kann man dann
von der Armut überhaupt sprechen!? Schon gleich, wenn es zweitens von
den diversen Armen nicht immer gleich viele gibt? „Das Armutsrisiko für
Ältere ist aktuell berechnet worden. Es ist gering. Ende 2006 haben nur
2,3 Prozent der Alten Grundsicherung bezogen. Die Wahrscheinlichkeit,
auf arme Kinder zu treffen, ist viel größer als die, armen Rentnern zu
begegnen“. Wie schön für diese Kinder, auf einen Vertreter der
Besserverdienenden zu treffen, der sie genau zählt! Drittens gibt es
bei den Nachbarn in unserem schönen Europa meist ganz schön viel mehr
Arme, wodurch die unseren gleich viel weniger sind: „Im europäischen
Vergleich haben wir immer noch eine unterdurchschnittliche Zahl armer
Menschen“. Das leistet die differenzierende Betrachtung. Man entdeckt
lauter Differenzen und keine Armut mehr. So wird aus der Kinderarmut
eine Kinderarmut und die Besichtigung des Konjunkturverlaufs des
Pauperismus wie die unterschiedliche Größe der Armutsgruppen lassen die
Armut, um die es geht, im Hintergrund verschwinden.
Armut – von Skandalisierern erfunden
und missbraucht
Was sind das schließlich für Figuren, die nach dem zynischen Motto „Wie
gut, dass es die Armen gibt“ unanständigerweise „aus den Armen Kapital
schlagen“ und sich in „Bekämpfungsrhetorik“ ergehen, wo es doch gar
nichts zu bekämpfen gibt? Armut – das ist eine Erfindung von
berechnenden „Gutmenschen, die ihre persönliche Profilierung im
politischen Dauerwahlkampf“ betreiben. Was man in Zürich und Frankfurt
sonst so schätzt an Polittypen, dass sie sich vor dem Volk als
Werteträger aufplustern, aktuelle Themen berechnend aufgreifen und
einsetzen, und das alles, um sich andauernd zu profilieren, das schlägt
bei diesem Thema gegen sie aus. Besonders empörend finden FAZ und NZZ,
dass außer den Rattenfängern von der Linken und der ja auch zum
Kommunismus neigenden SPD auch die eigentlich grundanständigen
Verantwortungsträger bei den Christlichen von abseitigem Gedankengut
infiziert sind: „Dieses Mal will sich auch die Union nicht lumpen
lassen. Ein höheres Kindergeld soll es bald geben, und Geringverdiener
sollen von der Steuer entlastet werden“. Selbst die Stellvertreter
Christi auf Erden, die doch für ihren Dienst des organisierten
Abspeisens der Armen – mit großzügigem Trost wie mit bescheidenen
Hungerküchen – ihren festen Stellenwert wie ihre Wertschätzung haben,
sind von allen Heiligen Geistern verlassen. Statt ihren Dienst für die
Armutsbetreuung - wie von FAZ und NZZ geschätzt - abzuliefern,
erdreistet sich die Kirche glatt umgekehrt die Armutsbetreuung für sich
auszuschlachten. „Sogar der neue Vorsitzende der katholischen
Bischofskonferenz, der Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch, erlaubt
sich, den Armutsbericht für kirchliche Zwecke auszubeuten.“ Und wenn
diese Herumnörgler am Sozialstaat mit ihren „reflexartigen“ Vorschlägen
von „Maßnahmen zur Bekämpfung der Armut“ auch noch praktisch werden
wollen und „noch mehr Umverteilung und staatliche Regulierung fordern“
(Man erinnere sich: Oben war die „Umverteilung“ noch ein „Beweis für
den humanisierenden Sozialstaat“!), dann machen sie die Lage der Armen
nicht besser, sondern nur schlimmer. Denn von „Umverteilung“ „haben die
wirklich Armen nichts“, stattdessen wird erst richtig Armut gesät, wenn
man die Hungerleider reicher machen will, „denn dadurch wird Arbeit
vernichtet und potenzielle Armut gesät“.
*
So kann man die Armut also auch abhandeln: Man schaut gleich gar nicht
auf sie, sondern befasst sich damit, ob die besseren Stände, die die
Nation ordentlich zu führen und den nationalen Geist in die richtigen
Bahnen zu lenken haben, die Armut auch richtig sehen, deuten, also zu
ihr die gewünschte Einstellung haben. Und wenn man in Frankfurt und
Zürich feststellen muss, dass die wirklichen wie ideellen
Verantwortungsträger in Deutschland diese sensible Thematik so
unsachgemäß behandeln, dass beim Volk der Eindruck entstehen könnte,
irgendwas sei da versäumt worden, am Schluss habe gar der (Sozial)Staat
versagt, dann schrillen bei den Praeceptores Germaniae die nationalen
Alarmglocken. Ums Gemeinwohl besorgt präsentieren die klugen Köpfe
hinter den beiden Zeitungen ihren eigenen eigenwilligen Beitrag zur
öffentlichen Auseinandersetzung über die Armutsstatistik. Mit der
rhetorischen Frage „Ist es eigentlich gänzlich undenkbar, dass es Armut
und Elend gibt, ohne dass jemand versagt hat?“ liefern FAZ und NZZ zum
einen für die Armut im Land eine methodische, pauschale Rechtfertigung:
Eine ordentliche Portion „Armut und Elend“ gehört nun mal zu einer
freiheitlichen Republik als fester Bestandteil dazu, so dass
Fragen nach Verursachern und Ursachen sich erledigen; zum zweiten
stellt man damit den Antrag auf Schluss der Armutsdebatte wegen
Themaverfehlung, weil die anspruchsvollen deutschen wie schweizerischen
Journalisten einen knackigen kapitalistischen Pauperismus im
sozialstaatlich organisierten Deutschland beim besten Willen nicht
entdecken können; drittens verschafft man in Frankfurt und Zürich damit
den nationalen Armutsverwaltern, die das Elend regieren und betreuen,
einen pauschalen Freispruch. Denn wenn es Armut gibt, „ohne dass jemand
versagt hat“, dann brauchen und sollen sich die politisch
Verantwortlichen den Schuh auch nicht anziehen, sie wären irgendwie für
irgendwas da haftbar zu machen.
So endet die Politikerschelte von FAZ und NZZ in der Aufforderung an
die „Skandalisierer“, sie sollten selbstbewusst das „gänzlich
Undenkbare“ denken und sich den Stolz auf die Nation nicht madig machen
lassen von ein paar quasi naturgegebenen Habenichtsen.
©
GegenStandpunkt Verlag 2008