Etwas merkwürdig ist die aktuelle Aufregung über das Elend in Sachen Ernährung schon. Massenhafter Hunger ist schließlich eine beständige Begleiterscheinung der modernen Welt, stirbt einfach mit dem wachsenden Reichtum nicht aus, sondern nimmt mit seinem Wachstum – bekanntermaßen – ständig zu. Und mit der Bezahlung ihres Essens tun sich Millionen von Statisten der globalen Marktwirtschaft schon länger schwer. An laufende Hungerkatastrophen und Versorgungsnöte und ihre Betreuung mit Hunger- und Entwicklungshilfen hat man sich längst gewöhnt.
Woher also die aktuelle Aufregung über unbezahlbare Preise und unerschwingliche Lebensmittel für einen Großteil der Weltbevölkerung? Der GegenStandpunkt klärt auf über die parteiliche Befassung der Öffentlichkeit mit dieser Konsequenz des kapitalistischen Weltmarkts; über die staatliche Befassung mit nationalen und internationalen Versorgungsfragen, die mit der Sorge um ein auskömmliches Dasein der Weltbevölkerung nicht zu verwechseln sind; und darüber, wie sich die potenten Staaten des ‚Welthunger‘problems annehmen: als Material ihrer Konkurrenz ums weltweite Geschäft und die Kontrolle der dafür beanspruchten Staatenwelt.
Eigentlich ist ‚Das Kapital‘ ein verständliches Werk. Allerdings machen nicht bloß eindeutige Feinde, sondern auch zweifelhafte Freunde der Marxschen ‚Kritik der politischen Ökonomie‘ dann doch Aufklärung darüber nötig, was eigentlich in diesem Werk steht. Anerkennung findet Marx nämlich wieder oder nach wie vor ausgerechnet nicht als das, was er ankündigt, als Kritiker der kapitalistischen Ökonomie und der Ausbeutung der Lohnarbeiter, sondern als radikaler ‚Entfremdungs‘-Philosoph, der mit der "Wertabstraktion" und dem "Fetischcharakter" der gesellschaftlichen Verhältnisse Antworten auf Fragen gegeben haben soll, die gar nicht er, sondern seine Interpreten sich stellen: Wie es um den "gesellschaftlichen Zusammenhalt" und das "gesellschaftliche Bewusstsein" der Akteure bestellt ist in einer Welt, wo die, die in ihr agieren, die Verhältnisse gar nicht "durchschauen" können.
Michael Heinrich will nach eigener Auskunft mit seine Kapitalkommentar zwar darlegen "wie Ausbeutung und Klassenherrschaft ... funktionieren", kümmert sich dann allerdings vornehmlich um das, worauf das Verb hinweist: das "Funktionieren". Eine scheinbar kleine Verschiebung, aber ein großer Fehler. Seine Kapitalismuskritik zielt weniger auf Argumente, warum dieses Ausbeutungssystem abgeschafft gehört, sondern vornehmlich auf Erläuterungen, die die Haltbarkeit der kapitalistischen Verhältnisse trotz ihres "destruktiven Potenzials" betreffen. Seine Antwort: Alle – Kapitalisten wie Lohnarbeiter, Ausbeuter wie Ausgebeutete – sind befangen im "System" und halten es so in Gang. Ein seltsames Resultat einer Kapitalismuskritik und Anlass für den GegenStandpunkt sich mit Heinrichs ‚Kapital‘-Kommentar auseinanderzusetzen und seinerseits Marx’ Argumente gegen Kapital, abstrakte Arbeit, Fetischcharakter der Geldverhältnisse und Staat zu erläutern.
Der erste große Sieg der Olympischen Spiele steht fest, bevor sie begonnen haben: Die Welt stellt China die Tibet-Frage. Seit Bewohner auf dem Dach der Welt und ihre Exilvertreter die Gelegenheit ergreifen, mit Berechnung auf weltöffentliche Aufmerksamkeit protestieren und von Peking hart zurückgewiesen werden, kennt die Sympathie im Ausland keine Grenzen und wird aus der Schauveranstaltung für die Völker der Welt schon im Vorfeld eine Art Schauprozess: Wie hält es China mit den Menschenrechten. Soviel Anteilnahme erfährt nicht jeder Aufstand. Und soviel kritische Infragestellung der Berechtigung, als Veranstalter des Sportspektakels zu firmieren, bei dem um die Ehre der Nation im Wettstreit gegen andere gekämpft wird, ist auch nicht gerade guter olympischer Brauch. Doch diesmal stand auch schon vor dem Aufruhr fest, dass China uns Auskunft schuldig ist. Dass die Welt ihm die Ehre des Veranstalters zuteil werden lässt, dient ausdrücklich dazu, das Land an seine herrschaftlichen Pflichten, die die Weltöffentlichkeit anmeldet, zu erinnern und ideell an den Pranger zu stellen. Das klärt einerseits auf über das Verhältnis von Sport und Politik im Weltmaßstab; das verlangt andererseits nach Erklärung, was am Aufruhr in Tibet eigentlich wirklich gefällt und was an China eigentlich stört.
(1) „Die Welle“ (2008) – ein Film von Dennis Gansel:
Ein „besonders wertvolles“ Machwerk über die Verführbarkeit einer
orientierungslosen Jugend
(2) Merkels Israel-Besuch:
Imperialistische Einmischung der korrekten Art –
deutsche Staatsräson unterwegs in Nahost
(5) Du sollst nicht lügen – beim Fertigmachen von abweichenden
Meinungen:
(7) Die Affäre Zumwinkel/Liechtenstein:
Ein Akt grenzüberschreitender Steuerfahndung
und sein national-moralischer Ertrag
(8) Jürgen Todenhöfers radikale Kritik am „Antiterrorkrieg“ in Irak
und Afghanistan:
Ein unverwüstlicher Freund der USA verzweifelt an der guten Sache des
Westens
(10) Für die maßgeblichen Weltaufseher steht das Urteil fest:
Ein „Vorposten der Tyrannei“ in Afrika!
Warum Mugabe weg muss
(11) Bespitzelung bei Lidl – Ausbeutung menschen(un)würdig
(12) Verdi-Abschluss im Öffentlichen Dienst:
Sagenhafte 8 Prozent
(13) Lohnsenkung auf amerikanisch: Das Autokapital beseitigt sozialen Ballast
(14) „Inzestdrama von Amstetten“:
Die Faszination des Bösen