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Inhaltsverzeichnis
GegenStandpunkt 2-08
Lohnsenkung auf amerikanisch
Das Autokapital beseitigt sozialen Ballast
GM, Ford und Chrysler, „Die Großen Drei“ der amerikanischen
Automobilindustrie, sind in der Konkurrenz auch auf dem weltgrößten
heimischen Automobilmarkt nicht mehr erfolgreich genug. Ein untragbarer
Zustand, also mssen die Kosten gesenkt werden, da sind sich die
konkurrierenden amerikanischen Multis einig. Und die Kosten, die in
erster und entscheidender Linie in den Blick geraten, sind die Löhne
der Beschftigten, die einmal als lebender Beweis gegolten haben, dass
im Kernland des modernen Kapitalismus der american worker fr gute
Arbeit – gewerkschaftlich erfolgreich vertreten – auch ein gutes
Einkommen verdient. Für die Anwender nimmt sich das längst ganz anders
aus: Sie leisten sich bei der Bezahlung ihrer Belegschaft Kosten, die
durch keinen Gewinnertrag gerechtfertigt sind, sondern rentables
Produzieren verhindern. Folgerichtig machen sich die drei
konkurrierenden amerikanischen Multis schon seit lngerem daran, diesen
Missstand systematisch abzustellen. Im Herbst letzten Jahres leiten sie
gemeinsam einen radikalen Schnitt in die Wege, der sie von
Milliardenkosten entlastet, umgekehrt den Automobilarbeiter mit einem
Schlag bisherige Besitzstände in Sachen Bezahlung raubt: Das betrifft
zum einen die Betriebskasse für Rentner, zum zweiten die betriebliche
Lohnstruktur.
Da es sich bei den Einkommen, die GM & Co. ihren Belegschaften
zahlen, zugleich um tarifvertraglich festgeschriebene Besitzstände
ihrer Gewerkschaft handelt, ist die Automobilarbeitergewerkschaft UAW
gefragt, um die für 'überholt’ erklärten Regelungen zu schleifen und
den Bedarf des Kapitals in neue Vertragswerke zu berführen. Die lsst
sich auch darauf ein, weil ihr – nicht anders als ihren
Schwesterorganisationen in Europa – im Prinzip einleuchtet, dass das
amerikanische Automobilkapital nur durch radikale Kostensenkungen beim
Lohn seine Konkurrenzfähigkeit gegen Toyota & Co. wieder herstellen
kann. Mehr Probleme macht der Gewerkschaft die Frage, wie sie
eigentlich in den Augen der Belegschaft da steht, wenn sie Positionen
räumt, auf die sie bislang ihre Wichtigkeit als zuständige Instanz für
Arbeiterinteressen in den Autokonzernen gegründet hat. Immerhin beruht
der gute Ruf der UAW als mächtige Arbeiterorganisation nicht zuletzt
darauf, dass ihre Klientel angesichts der massiven Absenkung des
nationalen Lohnniveaus immer noch als vergleichsweise privilegierte
"middle class“ unter der Arbeiterschaft gegolten hat. Dieser Ruf
bezieht seine Überzeugungskraft zwar inzwischen mehr retrospektiv
daraus, dass den Automobilarbeitern in Detroit in den letzten Jahren
unter tätiger Mitarbeit der UAW allerlei gestrichen wurde, was
gewerkschaftlich nicht organisierte Arbeiter noch nie hatten. Umso mehr
soll die mitverantwortete Verarmung ihrer Mitglieder als Ergebnis eines
letztlich doch erfolgreichen Einsatzes der Gewerkschaft vorstellig
gemacht werden. Das ist der UAW einigermaßen zur eigenen Zufriedenheit
gelungen; der Arbeitervertretung wächst bei der radikalen Lohnsenkung
sogar eine neue soziale Aufgabe zu, mit der sie sich für die
Belegschaften – Lohnverluste hin oder her - als unverzichtbar erweisen
kann.
Sie einigt sich mit den drei Großunternehmen nämlich auf Folgendes:
Erstens: Krankenversicherung für Rentner – für das Kapital nicht
länger
bezahlbar, in den Händen der Gewerkschaft daher gut aufgehoben
Die Betriebskrankenkasse für Rentner wird aus dem Leistungskatalog der
Unternehmen gestrichen. Damit wird eine elementare gewerkschaftliche
Errungenschaft angegriffen, die bisher anerkannte Zuständigkeit des
Kapitals für Sozialleistungen, welche die Belegschaften einigermaßen
bei
Krankheit und Alter absichern. Diese proletarischen Lebenszustände, in
denen der Betreffende mit seiner Arbeitskraft für kürzer oder länger
oder
schließlich überhaupt nicht mehr zur Verfügung steht, gehen die
Anwender
der Arbeitskrfte eigentlich nichts an, so bekanntlich der Standpunkt
der Unternehmer. Sie betrachten solche Leistungen, soweit sie ihnen vom
Staat aufgenötigt werden, als "Lohnnebenkosten“, Kosten also, die nicht
zu den originären Lohnzahlungen gehören, die ein Arbeiter für seine
Arbeitsleistung erhält. Der amerikanische Staat hat mit Rücksicht
darauf seiner Kapitalistenklasse eine generelles sozialstaatliches
Kassenwesen wie hierzulande weitgehend erspart und sich in der Frage
einer allgemeinen Kranken- und Rentenversicherung für das Proletariat
auf ein rudimentäres staatlich geregeltes Kassensystem und damit
äußerst geringe Sozialkosten für seine Kapitalisten beschränkt.
Infolgedessen haben es sich amerikanische Gewerkschaften, die
Automobilgewerkschaften allen voran, vor Jahrzehnten zur Aufgabe
gemacht, dem Kapital die Einrichtung betrieblicher Sozialkassen
abzuringen, die die staatlich geregelten mageren Sozialleistungen
ergänzen und für Krankheit und Alter überhaupt so etwas wie eine
Absicherung bieten. Die Gewerkschaften halten es nämlich nicht für
einen
Einwand gegen den Lohn, dass dieser eine Absicherung gegen die Risiken
des Lohnarbeiterlebens chronisch nicht hergibt; diesem Sachverhalt
entnehmen sie vielmehr den Auftrag, wo es geht, Unternehmen solche
Leistungen als Ergnzung zum individuellen Lohn abzuhandeln. So kommt
es, dass in den USA das bloße Vorhandensein einer betrieblichen
Krankenversicherung ein Privileg, eine überhaupt nicht
selbstverständliche Zusatzleistung, darstellt, die vor allem
Beschäftigten in gewerkschaftlich organisierten Großbetrieben zugute
kommt, welche sich auf diese Weise die reibungslose Verfügung über ihre
gewerkschaftlich organisierten Belegschaften und deren
gewinnförderlichen Arbeitseinsatz gesichert haben. (Vgl. zu den
sozialstaatlichen Regelungen und den Betriebskassen in den USA den
Artikel „Die proletarische Fassung des ‚American way of life’“,
GegenStandpunkt 4-05!)
Die Großunternehmen der Automobilbranche nehmen diesen Aufwand jetzt
als nicht mehr tragbare Zusatzkosten, die ihre Konkurrenzfähigkeit
untergraben, ins Visier. Daher entschließen sie sich zu einem
Systemwechsel. Sie machen sich vereint daran, zwischen 'finanzierbaren’
und 'unfinanzierbaren’ Leistungen zu sortieren und sich die
Krankenkosten ihrer Rentner ein für alle Mal vom Hals zu schaffen, die
als wachsende Kost zu Buche zu schlagen – nicht zuletzt wegen ihrer
eigenen Rationalisierungsfortschritte: Die Zahl der Betriebs-Rentner
steigt, whrend das Kapital zugleich mit der Senkung der Zahl der
beschäftigten Arbeiter zugleich die Zahl der Beitragszahler in die
Betriebskassen senkt. Dieser Posten muss weg – und das gleich im Namen
der ganzen Nation, die sich mit ihrem Reichtum soviel Gesundheit für
die Alten einfach nicht mehr leisten kann:
"Wir schätzen unsere Rentner und
anerkennen ihre wesentlichen Beiträge
dazu, dass GM nun schon seit 98 Jahren so ein großartiges Unternehmen
ist. Leider untergräbt jedoch die Krise der Gesundheitsvorsorge in den
USA die industrielle Basis der Nation und greift die Fähigkeit unseres
Landes an, in einer globalen Ökonomie mit niedrigen Kosten zu
konkurrieren. Diese Sozialleistungen wurden vor Jahrzehnten geschaffen,
und niemand hätte die gewaltige Kostenexplosion vorhersehen können, die
wir in den letzten Jahren erlebt haben. Diese Kosten sind einfach nicht
finanzierbar und machen schwierige Entscheidungen notwendig. Viele
andere Firmen in den USA haben angesichts solcher steigender Kosten und
zunehmender globaler Konkurrenz schon ähnliche Maßnahmen ergriffen.
Viele Firmen haben Gesundheitsvorsorge für ihre Rentner bereits ganz
abgeschafft.“ (Brief an die Belegschaft von: Cathleen S.
Barcley, Vice
President of Human Resources, The GM Benefits & Services Center).
GM, Ford & Chrysler dagegen schaffen die Gesundheitsvorsorge nicht
einfach ganz ab; sie stellen die Gewerkschaft vor eine interessante
Alternative: Entweder ihr bernehmt in Zukunft die Verantwortung fr
diese absehbar steigende, unproduktive Kost, oder wir knnen demnchst
gar nichts mehr zahlen! Nach einigem Hin und Her und einigen
Streikaktionen findet sich die UAW dazu bereit. Die Krankenversicherung
der Rentner wird von der Krankenversicherung der aktiv Beschftigten
getrennt, die vergleichsweise weniger krank und entschieden
beitragstrchtiger sind, daher weiterhin in eine Betriebskrankenkasse
einzahlen drfen. Fr die Krankenkosten der Rentner wird ein neuer Fonds
geschaffen, als dessen Eigentmer die Gewerkschaft fungiert, so bei GM:
"Die UAW stimmte der Einrichtung
eines neuen von der Gewerkschaft zu
verwaltenden Krankenversicherungsfonds zu. Er wird die zukünftigen
Krankenversicherungsverpflichtungen von GM für rund 340.000
Betriebsrentner und deren Angehörige von 2010 an bernehmen. GM zahlt
29,9 Mrd. Dollar (21 Mrd. Euro) in den Fonds ein und übernimmt die
zwischen 2008 und 2010 anfallenden Krankenversicherungskosten von 5,4
Mrd. Dollar. Außerdem sagte GM andere Leistungen und Zahlungen ber 20
Jahre von insgesamt bis zu 1,6 Mrd. Dollar zu, falls die
Fondsausstattung unzureichend sein sollte.” (FTD, 29.9.07)
Entsprechende Regelungen gelten bei Ford und Chrysler, so dass die UAW
insgesamt über einen Gesundheitsfonds im Umfang von 54 Mrd. Dollar,
eine
so genannte 'Voluntary Employees’ Beneficiary Association (VEBA)“
(wsws.org. 5.4.08) gebietet, der auf ca. 25 Jahre hinaus für die
Krankheitskosten der Betriebsrentner zuständig ist, bis die
Anwartschaften auf eine Krankenkasse im Alter erloschen sind. Im
gleichen Zug wird nämlich den jetzt Beschäftigten, ab einem Stichtag
2010, bis zu dem der Betrieb noch Beiträge für sie abführt und sie
damit auch noch aus dem Fonds nach Eintritt ins Rentenalter Leistungen
beanspruchen dürfen, die Krankenversicherung fürs Alter ersatzlos
gestrichen.
Für den Zweck, diese Zahlungsverpflichtungen ein für allemal los zu
werden, erklären sich GM & Co. also bereit, der Gewerkschaft einige
Milliarden zu überantworten, und stellen für den neuen Fonds einen
Kapitalstock als Grundkapital zur Verfügung. Für sie stellt sich die
Sache nicht etwa so dar, dass sie damit Schulden tilgen, die sie an die
Rentner bzw. deren Krankenkasse haben; aus ihrer Sicht leisten sie
einen großzügigen Vorschuss aus ihrem Kapitalvermögen. Der darf dann
aber auch nicht zu hoch ausfallen. Bis zum Ende rechten sie mit der UAW
darum, möglichst wenig in Form von Bargeld zu zahlen. Gezahlt wird
stattdessen ein Gutteil mit eigenen Aktien oder Aktienanweisungen, die
zudem Beschränkungen hinsichtlich ihrer Verkäuflichkeit unterliegen. So
dürfen die Fonds mit einigen Milliarden Aktienvermögen einen
verlässlichen Beitrag zur Sicherung der Kreditwürdigkeit der
Unternehmen leisten und die Arbeitervertretung wird zum Nutznießer
ihres 'shareholder value', also auch zum Anwalt seiner rücksichtslosen
Steigerung; alles im Dienste der Rentner, deren Gesundheitsfonds jetzt
vom Börsenschicksal der drei Unternehmen abhängt – und nicht nur von
dem. Denn auch mit dem übrigen Fondsvermögen sehen sich dessen
Verwalter auf die Börse verwiesen. Da ab Stichtag keine
Beitragszahlungen aktiv Beschäftigter mehr eingehen, die vormals
einbehaltenen Beitrge mit den von den Unternehmen bereitgestellten
Fondsgeldern aber ein für alle Mal abgegolten sind, kann sich die neue
Sozialkasse nur durch erfolgreiche Spekulation einerseits, möglichst
geringe Leistungen andererseits erhalten. Die Gewerkschaft übernimmt
den
neuen Auftrag, für beides zu sorgen.
Über die "Risiken" für diejenigen, die im Alter noch Pillen brauchen,
macht sich wieder einmal niemand etwas vor – zuallerletzt die
Gewerkschaft selbst, die den Beschäftigten schon einmal mitteilt, auf
was sie sich einzustellen haben:
"Wegen des momentanen Zustands
unserer Branche und der politischen
Debatte ber die Gesundheitsversorgung gibt es überhaupt keinen
risikofreien Weg, eine lebenslange Gesundheitsversorgung zu
garantieren. Nicht für Beschftigte. Nicht für Betriebspensionäre. Für
niemanden.“ (Der UAW-Vorsitzende Gettelfinger, 17.1.,
www.uaw.org)
Es ergehen erste Hinweise, was wahrscheinlich alles nicht mehr
"finanzierbar“ sein wird; und die Unternehmer rechnen offensichtlich
damit, dass es allen Rechenkunststücken zum Trotz Finanzierungsprobleme
geben wird, und versprechen einen begrenzten Nachschlag, falls nötig.
Angesichts der Tatsache, dass Unternehmen ihre Rentner auch ganz ohne
Krankenversicherung dastehen lassen könnten, haben die Beschftigten
jedenfalls noch Glück gehabt, wenn sie wenigstens in der Obhut einer
gewerkschaftlichen Fondsverwaltung sind, egal, was die dann am Ende in
Sachen Krankenversicherung zu leisten vermag. Wenn Staat und Kapital
sich einfach außerstande sehen, die "Risiken" einer Krankenversicherung
für arme Leute zu schultern, ist ja wohl klar, wo dieses Risiko hängen
bleibt!
So wächst der UAW Verantwortung zu: Sie vertritt soziale Belange, die
sie dem Kapital nicht mehr kämpferisch abnötigen will, jetzt als
anerkannter Kassenverwalter zu den verschlechterten Konditionen, die
ihr die Unternehmen mit ihrer 'Vorfinanzierung' spendieren; und sie
steigt gleichzeitig zum finanzkapitalistischen Akteur auf höchstem
Niveau auf – ein gebührender Lohn für gewerkschaftliches Entgegenkommen
bei der Reduzierung der Kosten für Löhne und Sozialleistungen, wie die
Automobilarbeitervertretung offenkundig findet. Jedenfalls lässt sie
sich im Gegenzug nicht nur die Befreiung der Unternehmen von diesen
Lasten, sondern auch die Zustimmung zu einem grundsätzlichen Umsturz
der
Tariflohnbestimmungen abhandeln.
Zweitens: Eine neue Lohnstruktur – gerechte Differenzierung radikal
nach unten
Einen solchen Umsturz halten die Konzerne nämlich für an der Zeit. Mit
den üblichen Zugeständnissen der Gewerkschaft hinsichtlich Lohnhöhe und
Laufzeit der Tarifverträge geben sie sich nicht zufrieden. Sie
verordnen
sich Kosteneinsparungen in einer Gößenordnung – 4 Mrd. etwa bei GM –,
die mit solchen alltäglichen Lohnsenkungsmethoden nicht zu erreichen
sind. Und geben sich auch mit den Kosteneinsparungen durch Outsourcing,
Leih- und Teilzeitarbeit und umfänglichen Entlassungsrunden keineswegs
zufrieden, sondern regeln auch die Einkommensverhältnisse ihrer
Stammbelegschaft von Grund auf neu. Zu diesem Zweck führen sie eine
neue
Unterscheidung an den Arbeitsplätzen ein: Die werden ab sofort in
"Kernarbeitsplätze" (core operations“) , an denen laut Tarifvertrag
erst
einmal noch nach der bislang geltende Grundtarif gezahlt wird, und
„non-core operations“ unterschieden, die neu eingestuft werden – und
zwar, der Name ist Programm, in etwa auf dem Niveau des halben
bisherigen Stundenlohns. Die Beschäftigten leisten zwar alle im
Automobilunternehmen dasselbe wie gestern oder mehr, aber ein Gutteil
von ihnen sind ab sofort „Hilfskräfte“, die nur noch einen Niedriglohn
beziehen:
Die Löhne der Arbeiter an den Fließbändern werden von 28,12 auf 28,85
Dollar je Stunde bei Ende des neuen Tarifabkommens (mit GM, d.V.)
steigen. Die Gewerkschaft stimmte aber auch erstmals einem zweiteiligen
Lohnsystem zu. "Neue eingestellte
Hilfskräfte wie beispielsweise Fahrer,
die nicht am Fließband arbeiten, sollen zukünftig nur 14,00 bis 16,23
Dollar je Stunde erhalten. Den momentan zum vollen Lohn in diesen
Funktionen eingesetzten 16.000 Bediensteten sollen Abstandsangebote
gemacht werden, und sie sollen bei Ausscheiden durch die billigeren
neuen Arbeiter ersetzt werden … GM hat für 16 von 18 amerikanischen
Autofabriken Produktionszusagen gemacht und will 3000 Teilzeitarbeiter
zum vollen Lohn zu Vollzeitbeschäftigten machen. Die Gewerkschaft hat
damit ihr Hauptziel erreicht, die Lhne und sonstigen Bezge sowie die
Arbeitsplätze der derzeitigen Mitglieder zu sichern.“ (FTD.de,
29.9.2007)
Wieder wächst der UAW damit eine neue Aufgabe zu. Sie darf und soll
dabei sein, wenn es um die Durchsortierung der Arbeitsplätze geht. Die
Festlegung, welcher auf Billiglohn gesetzt wird und welcher nicht, ist
ein Gemeinschaftswerk von Gewerkschaft und Betriebsleitungen, die sich
auf "site tours" durch die Betriebe mit Material für ihr
Eingruppierungsgeschäft versorgen. Zwar haben sich beispielsweise UAW
und GM im Tarifvertrag auf die Zahl von ca. 16.000 geeinigt. Schon
jetzt
ist aber klar, dass das Kapital sich an solchen Zahlen nicht gebunden
fühlt; es dringt darauf, die Abgruppierung mglichst umfänglich
ausfallen
zu lassen.
Auch der größere Rest der ‚core’-Arbeitsplätze bleibt keineswegs
unberührt. Die Gewerkschaft findet sich nämlich auch zu Einschnitten
bei
den übrigen Beschäftigten bereit. Für alle neu Eingestellten entfallen
bisherige betriebliche Zusatzleistungen; außerdem entfallen
Lohnbestandteile, die sich die Alt-Arbeiter durch ihre Betriebstreue
erworben haben. Neueinstellungen eröffnen also den Unternehmen nicht
nur die Freiheit, mglichst viele in die neue Billiglohnstufe
einzusortieren. Sie bieten auch die Gelegenheit, mit anderen nicht mehr
für tragbar gehaltenen "Besitzständen" der Altbelegschaft aufzurumen.
Die
Unternehmen fassen nämlich darüber hinaus – daraus machen sie gar
keinen Hehl – ins Auge, bei Neueinstellungen auch die ‚core’-Löhne
entscheidend zu drücken. Für sie steht fest, dass – unabhängig von den
kräftig sinkenden Zusatzleistungen – künftig kein Beschäftigter mehr
die tariflich noch gültigen „28,85“ Grundlohn erhalten soll.
Drittens: Lohnsenkung per Belegschaftsaustausch
Kaum sind die neuen Tarifverträge unter Dach und Fach, lassen Ford und
GM daher wissen, dass sie sich in großem Stil von
Belegschaftsmitgliedern trennen wollen. Schließlich kommen die ins Auge
gefassten Lohnsenkungen nur in dem Maße zustande, wie sich noch zum
alten Lohn bezahlte Arbeiter bereit finden, auszuscheiden und einen
Nachrücker an ihre Stelle treten zu lassen. GM & Co. machen sich
daher daran, der „natürlichen Fluktuation“ nach Kräften nachzuhelfen.
Am liebsten wrden sie auf einen Schlag die ganze Mannschaft
auswechseln. GM bietet denn auch seiner gesamten Belegschaft von 74 000
Beschäftigten Abfindungszahlungen an, wenn sie sich bereit finden, als
Frührentner oder auch einfach so ihrem Betrieb den Rücken zu kehren und
den Platz für neue Billigkräfte zu räumen:
"Es gibt einige Arbeitspltze, die wir
einsparen wollen, wo wir
berbesetzt sind; Aber zum greren Teil geht es um einen Austausch der
Belegschaft.“ (Henderson, Finanzchef von GM, WSJ 12. 2. 08)
Als Hebel für das flächendeckende Austauschprogramm dienen wiederum
Vereinbarungen mit der Gewerkschaft. Die hat auch für diesen Fall
vorgesorgt und mit den Unternehmen en detail geregelt, was die es sich
pro Prolet nach Betriebsdauer gestaffelt kosten lassen müssen, um sich
von Arbeitern, die sie für zu teuer oder ganz überflüssig erachten, zu
befreien. Dem Bedürfnis des Kapitals nach Entlassungen und Austausch
von Arbeitskrften im großen Stil will die Gewerkschaft keinesfalls
ernsthaft im Wege stehen – schon gar nicht in Zeiten, in denen das
Kapital klar macht, wie die Alternativen aussehen: Statt der groß
angelegten Aktion in den Stammwerken, also unter der Obhut der UAW,
könnte das Unternehmen weitere Arbeitsplätze ja auch ganz auslagern.
Also
sorgt man lieber für entsprechende Billiglohn-Verhältnisse im
Unternehmen
selber.
Für die Finanzierung dieses Programms wird die Rentenkasse der Firma
angezapft:
"Das Geld für die Abfindungen für
jüngere Mitarbeiter wird vom Konzern
gestellt; das Geld für die Sonderzahlungen an Beschäftigte mit langer
Betriebszugehörigkeit kommt aus dem betrieblichen Pensionsfonds für
Arbeiter. Wie der Finanzchef von GM mitteilte, verfügt der
Pensionsfonds
von GM derzeit über reichlich überschüssige Mittel, mit denen
Bonuszahlungen fr die Frhverrentung ohne weiteres bezahlt werden
können." (Wall Street Journal, 12.2.08)
So sind auch die Rentenbeiträge der Beschäftigten einem guten Zweck
zugeführt. Mit ihnen dürfen sie die Abwicklungskosten ihrer eigenen
Verbilligung finanzieren.
Viertens: Erfolgreiches Outsourcing – Billiglöhne in Richtung
mexikanisches Niveau
Neben den „Großen Drei“ mit ihren tarifvertraglich organisierten
Kostensenkungsprogrammen betätigen sich gleichzeitig
Zulieferunternehmen, die sie durch Auslagerung von Betriebsabteilungen
selber geschaffen haben, als Vorreiter für die Durchsetzung eines
generellen Lohnniveaus, das sich vom Maßstab eines bisherigen
amerikanischen Automobilarbeiterlohns mit seinen paar sozialen
Errungenschaften ein für alle Mal verabschiedet. American Axle (AAM),
ein von GM ausgegliederter Hersteller von Achsen und
Getriebekomponenten sorgt – für eine älngere Übergangszeit noch an das
alte GM-Lohnniveau gebunden – zunächst einmal anders für mehr
Rentabilität der Arbeit: "Das
Unternehmen zeichnet sich durch
Spitzenqualität in dieser Industrie und stark gestiegene Produktivität"
aus, wie ausgerechnet die Gewerkschaft die Verringerung der
Beschäftigten von 6.500 auf fast die Hälfte stolz kommentiert.
(uaw.com,
1.3.08), Nach Auslaufen der Übergangszeit Anfang 2008 setzt das
Unternehmen dann eine Halbierung der durchschnittlichen Stundenlöhne,
die Streichung aller Sozialleistungen und den Abbau von Sonderzahlungen
aufs Programm und stellt zugleich klar, dass es an gewerkschaftlichen
Vorschlägen, "wie die Arbeitskosten
signifikant gesenkt und die
Flexibilitt des Arbeitseinsatzes gesichert“ werden können, nicht
interessiert ist. Es will nicht nur das bisherige Lohnniveau, sondern
den Einfluss der Gewerkschaft gleich mit erledigen. Im Übrigen beruft
es sich darauf, dass die UAW einem anderen von GM ausgelagerten
Zulieferer, solche Billiglöhne schon zugestanden hat. Weil sich im Fall
American Axle aber die Belegschaft verweigert und ihre
Gewerkschaftsführung damit in Zugzwang bringt, "kommt es zum längsten
Streik in der Automobilindustrie seit 40 Jahren“. "AAM rekrutiert
Streikbrecher unter den massenhaften arbeitslos gemachten
Automobilarbeitern, droht mit Werkschließungen und einer Verlagerung
großer Teile der Produktion in Billiglohnländer wie Mexiko"
(FTD, 4.4.).
Bei seinem Kampfprogramm erfährt es die volle Untersttzung seines
ehemaligen Mutterkonzerns; der stellt, von dem Streik in seiner
Produktion mitbetroffen, in 32 Werken entschlossen die Arbeit ein – der
Absatz auf dem US-Markt stockt ohnehin – und plädiert für Härte: Der
Auto-Gigant unterstützt voll die Entscheidung von AAM, seinen Arbeitern
eine entschiedene Niederlage zuzufgen.“ (wsws.org, 15.3.08) So fördert
GM das outgesourcte Unternehmen als Mitstreiter und Vorreiter seines
eigenen Lohnsenkungsprogramms.
Die „entschiedene Niederlage“ zeichnet sich inzwischen auch ab: Die
UAW-Führung einigt sich mit American Axle auf einen
Tarifvertragsentwurf, der die Senkung der Löhne von bisher 28 Dollar
für
die Kernbeschäftigten’ – die Zweiteilung gibt es jetzt also auch dort –
auf 18,50 Dollar und für alle übrigen auf 14,55 Dollar sowie die
Schließung von zwei Werken vorsieht. Dieses Angebot wird den
Streikenden zur Abstimmung vorgelegt – begleitet von der Empfehlung
ihrer Gewerkschaftsführung, die hofft, dass die Belegschaft ein
‚Einsehen’ hat und nicht „im Zorn
entscheidet, sondern die Fakten zur
Kenntnis nimmt: Es ist keine gute Abmachung, aber wir haben das beste
getan, was wir gegenwärtig tun knnen.“ (Gettelfinger, laut
Morningstar,
19.5.)
So kommt mit vereinten Kapitalkräften die Zerschlagung der
Lohnverhältnisse voran. Die neu geschaffenen Zulieferbetriebe berufen
sich auf das "in ihrer Branche"
herrschende Niedriglohnniveau, das sie
entschieden vorantreiben; der Niedriglohn in den outgesourcten
Zulieferbetrieben ist wiederum Berufungstitel und Maßstab für
Lohnsenkungen in den Stammunternehmen.
Der Arbeitervertretung bleibt
Ein letzter Dienst für die Gewerkschaftsmitglieder
vorbehalten: Sie sagt ihnen, wie sie die Anschläge des Kapitals, die
die
Gewerkschaftsführung absegnet, sehen sollen. Es mag ja extrem
abenteuerlich erscheinen, wenn die Gewerkschaft auch noch eines der
gößten Lohnsenkungsprogramme aller Zeiten und die damit einhergehenden
massenhaften Entlassungen als Maßnahme zur Rettung von Arbeitsplätzen,
also als Opfer, das sich lohnt, hinstellt – sie bekommt auch das hin,
z. B. so:
„'Zu viele Jahre lang hat Amerika
untätig daneben gestanden, während
Industrien nach Übersee verlagert wurden’, sagte UAW Präsident Ron
Gettelfinger. `Amerikanische Autoarbeiter haben eine Entscheidung
getroffen: Wir kämpfen für amerikanische Auto-Arbeitsplätze. Wir haben
bei GM Fortschritte erzielt, und wir werden uns weiterhin für einen
starken industriellen Sektor in den USA einsetzen. Die Vereinbarung
bringt solide ökonomische Vorteile für aktive und verrentete
Mitglieder, trotz wiederholter Versuche von GM, uns einschneidende
Einbußen aufzuzwingen.’“ (UAW, Report über den GM-Tarifvertrag,
www.uaw.org))
Die UAW nimmt bei ihrem Einsatz für nationale Arbeitsplätze konsequent
Maß an dem, was die heimischen Kapitalisten mit Verweis auf die
ausländische Billiglohnstandorte als ihren Kostensenkungsbedarf
ankündigen. Alle Modalitäten, die die verlangten radikalen Einschnitte
beim Lohn regeln, gelten dann als im Prinzip unausweichlich und als
gelungene Abwehr von noch härteren Einschnitten, mögen die Maßnahmen
noch so brutal ausfallen. Die Gewerkschaft denkt das Argument
„Arbeitsplatz“ eben konsequent zu Ende: Wenn das Recht, bei GM, Ford
oder Chrysler und den von ihnen abhängigen Zulieferbetrieben arbeiten
zu dürfen, damit steht und fällt, dass der „eigene“ Betrieb in der
Konkurrenz gegen die feindlichen Brüder obsiegt – dann ist jeder
Beitrag, den die Belegschaft zur Konkurrenzfähigkeit „ihrer“ nationalen
Unternehmen leistet, recht betrachtet ein Hilfsmittel zur Sicherung
ihrer Überlebensquelle und insofern allemal die Abwendung von größerem
Schaden. So macht sich die Gewerkschaft für die Einsicht stark, dass
die Unterwerfung unter das Kapital die einzige Perspektive ist, die
ihren Mitgliedern offen steht.