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Inhaltsverzeichnis
GegenStandpunkt 2-08
Alter Hunger, neuer Hunger
1. Ein bisschen merkwürdig ist die derzeitige Aufregung über den
Aufschwung des Elends in Sachen Ernährung schon. Hunger ist schließlich
eine beständige Begleiterscheinung der modernen Welt, wird regelmäßig
zu hohen Feiertagen von humanitären Verbänden zum Thema gemacht, der
privaten Barmherzigkeit und Spendenfreude anempfohlen und ebenso
regelmäßig wieder zugunsten anderer Themen abgesetzt. Und auch der
gewisse, mit dem Lebensmittelpreis verbundene Gegensatz, an dem sich
die aktuelle Entrüstung festmacht, ist nicht im Jahr 08 in die Welt
gekommen: Mit der Bezahlung ihres Essens tun sich Millionen von
Statisten der globalen Marktwirtschaft schon seit längerem schwer. Die
Statistiken sind ja alle vorhanden und werden aus aktuellem Anlass
hervorgezogen, wie viele Millionen „Haushalte“ in wie vielen Ländern
ihr „Einkommen“ zum größten Teil für Ernährung ausgeben. Auch die
Einsicht, „wer weniger als einen
Dollar zum Leben hat, der kann sich
schon bei geringen Preisschüben kaum ernähren“ (Kofi Annan,
Handelsblatt, 29.4.08), wäre schon früher zu haben gewesen.
An Hungerkatastrophen und die Verwaltung des Elends mit Hungerhilfen
hat sich die Welt als feste Bestandteile des internationalen
Geschäftslebens längst gewöhnt. Die Aufregung der Moralwachteln und
Krisenwarner, die zur Zeit die Öffentlichkeit okkupiert, verdankt sich
dem besonderen Ausmaß, in dem dieses Phänomen auftritt: Immerhin
vermelden sie nicht nur einen plötzlichen Schub in der Hungerstatistik,
der humanitär gestimmte Gemüter erschreckt, weil sie sich auf
vielfältige Weise um die Bekämpfung der Not in aller Welt bemühen. Sie
haben auch bemerkt, dass sich die Neuzugänge im Lager der
Unterernährten aus den armen Massen rekrutieren, die bislang in vieler
Herren Länder im Stande waren, ein essbares Existenzminimum zu kaufen.
Ihre Not verdankt sich also einem außergewöhnlichen Phänomen im Fach
Weltwirtschaft – die Preise für Lebensmittel, die essbaren Produkte der
Agrarwirtschaft, um deren Senkung sich die Betreiber dieses
Wirtschaftszweigs nachhaltig verdient gemacht haben, schießen mit einem
Mal in die Höhe.
2. Das ist eine Herausforderung für die Berichterstatter. Und zwar in
mehrfacher Hinsicht.
Zunächst wissen sie sich ihrem humanitären Gewissen verpflichtet,
weshalb ihnen das Leid, welches die Kräfte des Marktes anrichten, leid
tut. Serienweise und auf allen Kanälen tun die Auslandsreporter ihre
Pflicht, nehmen das weltweite Auftreten des Phänomens in Augenschein,
informieren über die gesundheitsschädlichen Folgen von Unterernährung,
über jämmerliche Essensersatzstoffe, über die Gefühlslage von Eltern,
die den Hunger ihrer Kinder ansehen müssen etc. etc., klären also echt
gründlich auf: Hunger ist wirklich nicht schön und die davon
Betroffenen sind sehr sehr viele.
Daneben kennen sie aber auch noch eine ganz andere Kategorie
Betroffener: Sie versetzen sich in die Lage derer, die für die Ordnung
in der Staatenwelt zuständig sind. Für die stellen Massen von
Hungernden, die sich noch ohne Gehhilfe bewegen können, eine Gefahr
dar. Wenn sie Krawall schlagen, ist die „Stabilität“ so manchen
Gemeinwesens im Eimer, und der Terrorismus blüht auf. Das sind Sorgen
von ganz anderem Kaliber: Staaten werden durcheinandergebracht, und in
den hoffnungslosen Fällen, der Ansammlung von ‚failed states’, bei
denen die Gewährleistung eines Mindeststandards an Ordnung schon von
übergeordneten Instanzen wahrgenommen wird, bekommen es deren Blauhelme
mit dem Aufruhr zu tun. Zudem klagen UNO-Vertreter darüber, dass ihnen
ihr schönes Milleniumsziel bei der Armutsbekämpfung kaputtgemacht wird;
ihr Programm zur Kontrolle über die Sozialfälle der Weltordnung durch
eine Betreuung der Elendsgebiete kommt durch den Preisschub in
Finanznot.
Drittens ist also eine Diagnose fällig, wenn das Schlimmste vermieden
werden soll. Da ein Verweis auf gestiegene Produktionskosten,
z. B. über höhere Energie- und Düngemittelpreise, als Erklärung
der konstatierten Preisexplosion für nicht hinreichend befunden werden,
rücken die verschiedensten Elemente von Angebot und Nachfrage, alles in
gerechter Gewichtung, ins Blickfeld, wobei eines auffällt: Diese
traditionell wirkenden Marktkräfte, die nach geltender Lehre doch immer
alles in ein nützliches Gleichgewicht bringen sollen, treten diesmal
als Auslöser von Störungen auf, und sie haben nationale Adressen,
namentlich chinesische Kaufkraft soll es sein, die einiges
durcheinanderbringt. Den anderen Teil der Schuldfrage bewältigt der
Sachverstand mit dem Fingerzeig auf das Spekulationsgewerbe, das auf
höhere Preise „setzt“ und sie genau damit herbeiführt.
Schon interessant, dass hier lauter Faktoren als Schuldige benannt
werden, die sonst als ehrenwerte marktwirtschaftliche Instanzen ihren
Dienst tun und unsere Wirtschaft so effizient und dynamisch machen.
3. Das liegt daran, dass 'der Markt' diesmal etwas
durcheinandergebracht hat, was die Verantwortlichen nicht einfach auf
sich beruhen lassen können. Mit der Hungersnot neuen Typs hat die
„Globalisierung“ über merkwürdige Umwege nationalökonomische Fragen der
Versorgung wie der Ressourcen auf die Tagesordnung gesetzt. Die Sorge
darum ist nun nicht mehr nur beim Öl, wo man sich inzwischen daran
gewöhnt hat, und bei anderen Rohstoffen angesagt, sondern jetzt auch in
einem Sektor, der sich bis neulich noch in unseren Breiten
hauptsächlich mit dem lästigen Problem seiner Überschussproduktion
bemerkbar gemacht hat.
Die Agrarsphäre ist und bleibt die Grundlage allen modernen Industrie-
und sonstigen Wesens, weil mit ihren Produkten die Ernährung der Völker
bestritten wird, auf deren Einsatz wiederum die Leistungsfähigkeit der
jeweiligen Herrschaft und das Ausmaß ihrer politischen Großtaten
beruht. Allerdings hat das System namens Marktwirtschaft einiges an
dieser Grundlage revolutioniert. 1)
Aus der Vergangenheit weiß man, dass vom Überleben der Völker bis hin
zu den politischen Kulturleistungen alles mit der Ernte steht und
fällt. Wenn Dürre, Überschwemmung oder Kriege stattfinden und die
Ackerbestellung ausfällt, ist es auch um das übrige gesellschaftliche
Leben schlecht bestellt; im Gefolge von Missernten und Hungersnöten
verschwindet manche Herrschaft aus der Geschichte. Auch in den
Gründerzeiten des Kapitalismus sind Weizenmissernten und
Kartoffelseuchen immer noch Fragen auf Leben und Tod, die irische
Hungersnot entvölkert die Insel, ganze Nationen werden durcheinander
gebracht, wenn die Natur zuschlägt. Immerzu ist im Staatsleben die
Frage präsent, wie das Volk über die Runden kommt.
Der Durchbruch findet statt aufgrund der Entdeckung der Wissenschaft,
dass und wie die Bodenfruchtbarkeit zu beeinflussen ist, und der
Anwendung der Technik auf den landwirtschaftlichen Produktionsprozess.
Durch den Einsatz von Maschinerie anstelle von Handarbeit, durch die
Entwicklung von Saatgut und Düngemitteln und die Anwendung dieser
Techniken in großem Maßstab werden die Erträge der Landwirtschaft
gesteigert, auf vielfältige Weise ihres Risikos entkleidet – die
Landwirtschaft wird industrialisiert und zwar als eine Abteilung der
kapitalistischen Produktion: Die Techniken zur Erhöhung der
Fruchtbarkeit und der agrarischen Erträge sind wie andere
Produktionsmittel auch im System der Marktwirtschaft eine Frage des
Kapitalvorschusses. Die Anwendung von Wissenschaft und Technik als
Mittel zur Herstellung einer rentablen Produktion bewirkt auch in der
Landwirtschaft eine regelrechte Revolutionierung der Produktivität und
bildet damit den Auftakt dazu, das bedrohliche Element dieser
Produktionssphäre, das Risiko ungünstiger Naturbedingungen in dieser
Gesellschaft immer weiter zu reduzieren.
In ganz anderer Weise stellt die Herstellung des Weltmarkts eine
Überwindung der Abhängigkeit von den Naturbedingungen dar. Im Rahmen
der Neuordnung der Welt, die Amerika nach den Weltkriegen der freien
Welt angedeihen lässt, wird auch das Programm zur Liberalisierung bzw.,
was dasselbe ist, zur Kontrolle des Welthandels durchgesetzt. Amerika
ermutigt bzw. nötigt die anderen staatlichen Teilnehmer am Welthandel,
ihre ökonomische Basis inkl. der landwirtschaftlichen Produktion dem
internationalen Kapitalverkehr zu „öffnen“, sich einer möglichst
schrankenlosen Konkurrenz der Kapitale zu stellen, damit sich die
erfolgreichen und effizienten weltweit durchsetzen und sich mit einem
ebensolchen Wachstum nützlich machen. Gedacht war dabei durchaus an ein
erweitertes Betätigungsfeld für die erfolgreichen Konzerne, die schon
von amerikanischem Boden aus operierten, aber auch die Partner haben
seitdem eine faire Chance, aus der Konkurrenz etwas zu machen, sofern
sie die Mittel dazu haben. Seitdem streiten die Nationen mit ihrem
unterschiedlichen Gewicht und unterschiedlichen Erpressungsmitteln in
der WTO darum, wer sich wie viel an nationalen Regelungen, Schutz- und
Fördermaßnahmen, die der Geschäftsfähigkeit des nationalen Bauernstands
zur Sicherung der nationalen Versorgung gelten, unter diesem
Handelsregime genehmigen darf, wo Anpassung nötig ist. Und in der
Konkurrenz darum, wer den Weltmarkt zu seinem Instrument zu machen
versteht, wessen Agrarkapital sich den Welthandel erschließt, wer
andere dazu zwingen kann, Handelsmodifikationen zurückzunehmen, welche
Regelungen Handelsblöcke durchsetzen können, haben die Nationen mit dem
politischen Regelwerk auch einen Weltagrarmarkt geschaffen. Sie haben,
was das Kapitel Volksernährung betrifft, Autarkiegesichtspunkte
zunehmend für überflüssig befunden, weil sie die nationale Versorgung
mit Lebensmitteln dem Weltmarktgeschäft überantwortet und sich
gleichzeitig für die dort geltenden Bedingungen zuständig gemacht, ihre
Aufsicht auf den Welthandel ausgedehnt haben.
Auch in der naturverbundenen Sphäre der Landwirtschaft findet die
Herrichtung aller Länder zur Gelegenheit für die Anlage von Kapital
statt und die Beförderung des landwirtschaftlichen Produkts zum
internationalen Geschäftsartikel; auch dort wird die lokale Produktion
für den Weltmarkt umgewälzt. Internationale Nahrungsmittelkonzerne
nützen die ganze Welt als Gelegenheit zur Kapitalanlage und als Markt,
mustern die unterschiedlichen Klimate und Naturbedingungen durch zur
Steigerung der Erträge und für eine lückenlose Belieferung der Märkte
mit der verderblichen Ware. Die agrar- und biotechnische Industrie
überbietet sich in der Erfindung von Techniken, die das Wachstum dieser
Sorte Rohstoffe möglichst unabhängig von Witterung und
Bodenbeschaffenheit steuern, die Haltbarkeit von Pflanzen und Produkten
steigern, mit dem Pflanzenwachstum den Kapitalumschlag beschleunigen.
Der Agrarsektor wird weltweit zum Lieferanten für die erlesene
Zahlungsfähigkeit auf den besseren Standorten gemacht, mit
Schnittblumen aus Afrika, Frühgemüse ganzjahreszeitlich und Präparaten
für wechselnde Gesundheits- und Ökomoden. Die Akteure an den
internationalen Warenbörsen ermitteln lohnende Preise, ziehen Kapital
in die verschiedenen Abteilungen und sorgen damit für die sprunghafte
Ausdehnung des Geschäfts wie für die regelmäßigen Überschüsse, den
Wechsel von Ausdehnung und Gesundschrumpfen in den jeweiligen
Kategorien agrarischer Rohstoffe. Den Preisverfall wissen sie bei den
lokalen Produzenten, Landarbeitern, Staatshaushalten abzuladen.
Aufgrund solcher Geschäftsoperationen sind Produzenten und Konsumenten
nun international 'vernetzt', die Welt ist ein ‚global village’ – was
für Bilder auch immer die Phraseologie des Zusammenwachsens für die
Subsumtion der Lebensbedingungen unter den Weltmarkt erfindet.
Und so sieht die Emanzipation von der Naturbedingtheit der
Volksernährung aus, die die Subjekte des Weltmarkts zustande bringen:
Alles ist zu einer Frage von Zahlungsfähigkeit gemacht, zu einer Frage
des eingesetzten Kapitals und davon, dass sich Staaten um die
Umwandlung der agrarischen Produktion in Abteilungen von Export und
Import kümmern. Und so unterscheiden sich auch die daran beteiligten
staatlichen Subjekte und ihre jeweilige „Entwicklung“: Es gibt Länder,
die über Kapital verfügen, und Länder ohne oder mit viel zu wenig
Kapital. Die ersteren eröffnen ihrem heimischen Kapital lauter
Gelegenheiten, für sie ist der Weltmarkt ein Instrument; die letzteren
tun alles dafür, das geschäftstüchtige Kapital auf ihrem Standort
anzusiedeln und zur Herstellung bzw. zum Ausbau einer wirtschaftlichen
Basis zu bewegen. Für sie stellt die Bewährung auf dem Weltmarkt eher
eine harte Notwendigkeit dar. Die Hochburgen des Kapitals sind
gleichzeitig Produzenten agrarischer Überschüsse und Ausgangspunkt
einer diesbezüglichen Exportindustrie; Amerika schon vor den
Weltkriegen und inzwischen auch Europa, das sich in ein paar
Jahrzehnten über die Produktion von Milchseen und Butterbergen zum
Nahrungsmittelexporteur hochgerüstet hat, der um den Rest der Welt als
Absatzmarkt konkurriert. Dieselben Länder sind umgekehrt Standort der
potenten Geschäftemacher und großen Importeure von agrarischen
Rohstoffen, die die Produktion in 'unterentwickelten' Gegenden ganz
nach den Geschäfts- und Geschmackskonjunkturen der entwickelten Märkte
ausrichten.
Darüber hat sich auch die Frage der Volksernährung bei den besseren
Nationen, die ihre agrarische Leistungsfähigkeit wie ihre
Zahlungsfähigkeit zur Beherrschung des Weltmarkts benützen einigermaßen
verändert: Bei ihnen ist die Reproduktion zum Abfallprodukt einer
Exportindustrie wie rentabler Importe auf der Grundlage nachhaltiger
‚terms of trade’ herabgesetzt.
Bei den anderen Nationen, die um kapitalistische Benützung
konkurrieren, sind eher Schranken eingerissen worden: In ihrem Kampf um
Zahlungsfähigkeit sind sie notgedrungen für eine Umwidmung der
nationalen Produktion zugunsten weltmarktfähiger Produkte
aufgeschlossen, ihre reichlich vorhandene Natur wird für ‚cash crops’
genützt – für Erträge in gutem Geld, dem der potenten Nationen. Auch
für Experimente der angewandten Chemie und Gentechnik räumen sie den
United-Fruit-Companies und Agrarkonzernen die nötige Handlungsfreiheit
ein. Die Ernährungsgewohnheiten in solchen Ländern werden dann auch
deswegen revolutioniert, weil die Naturumstände, zur Produktion für den
Weltmarkt benützt, für die bisherigen Subsistenzgewohnheiten ihrer
Bewohner nicht mehr zur Verfügung stehen bzw. geeignet sind. Soweit
eine lokale Produktion für den nationalen Markt stattfindet, muss sie
beweisen, ob sie der Konkurrenz mit den Produkten kapitalkräftiger
Agrarproduktion gewachsen ist. Der Weltmarkt wird daher inzwischen von
vielen Nationen bestückt, bei denen die Volksernährung auf Importen
basiert. An welche und wie viel Nahrungsmittel deren Einwohner
überhaupt herankommen, ist dann ein Derivat übergeordneter Größen,
hängt z. B. davon ab, wie viel an nationaler Zahlungsfähigkeit die
nationale Bilanz dafür hergibt oder eben auch davon, durch welche
internationalen Preis- oder Währungsbewegungen so eine nationale
Zahlungsfähigkeit definiert wird. Auch davon, was dem jeweiligen
Souverän bzw. seinen auswärtigen Sponsoren die Ernährung seiner
Untergebenen wert ist, auch wenn die sich gar nicht nützlich machen.
Schließlich ist durch die Inbetriebnahme aller Länder für den Weltmarkt
auch eine weltweite Überbevölkerung produziert worden, die
marktwirtschaftlich zu nichts oder nur wenig zu gebrauchen ist, und
deren Naturbedingungen für die früheren Formen von Subsistenz
unbrauchbar gemacht worden sind.
Deshalb gibt es im Rahmen des fortschrittlichen Weltmarkts immer schon
größere Gebiete, in denen Hunger üblich ist; und daran ist man gewöhnt.
Da werden auch Subventionen genehmigt und Hungerhilfen bereitgestellt,
ein eigener Apparat der UNO betreut dieses Feld, und an Weihnachten
sammelt Karl-Heinz Böhm in den Talkshows Spendengelder ein.
Daneben expandiert der Agrarmarkt. In den zivilisierten Breiten ist
jeder Supermarkt eine Kleinausgabe des Weltmarkts, und in den täglichen
Preislisten der Zeitungen für agrarische Rohstoffe spiegeln sich die
Dimensionen des Geschäfts wider, zu denen es Ackerbau und Viehzucht im
Weltmaßstab gebracht haben.
4. Und jetzt das. Jetzt produziert diese Sphäre einen Störfall, der
ganze Nationen durcheinanderbringt. Aus der Abteilung Lebensmittel
findet ein Rückruf statt, der das Problem der Reproduktion von ganzen
Volkswirtschaften wieder auf die Tagesordnung setzt, die Haltbarkeit
von Staatsgewalten in Frage stellt – während und obwohl alle Techniken
zur Überwindung der Misslichkeiten der Naturbearbeitung in Kraft sind,
die das geltende System zu bieten hat.
Seitdem wird öffentlich Ursachenforschung betrieben, in der man schon
eine Reihe von Faktoren als Mitschuldige an der Preisexplosion dingfest
gemacht hat: das Programm zur Erzeugung von Biosprit, das die USA und
Europa aufgelegt haben, sowie den erhöhten Konsum in den
Schwellenländern, Inder und Chinesen und ihre „Nachfragemacht“.
Dieselben Nationen bringen mit ihrer Zuwendung zu „höherwertigen“
Nahrungsmitteln den Agrarmarkt dann noch mehr durcheinander, weil – wie
man inzwischen auch gelernt hat – die moderne Viehmast für 1 Kilo
Fleisch x Kilo Getreide einzusetzen pflegt. Die Tatsache, dass nun auch
diese Völker im menschenfreundlichen System der Marktwirtschaft ein
bisschen mehr abbekommen, gilt aber nicht im geringsten als Anlass zur
Freude, weder beim humanistisch gestimmten Publikum noch bei den
Realisten: Ausgerechnet da, wo die gestiegene Nachfrage dem
Geschäftsleben einen Riesendienst erweist, die Massenkaufkraft eine
entsprechende Geschäftssteigerung erlaubt, kommt die sonst so beliebte
Instanz der zahlungsfähigen Nachfrage ins Gerede.
Auch beim anderen Bestandteil dieses elementaren Mechanismus, dem die
Marktwirtschaft nach allgemeinem Verständnis ihre enorme
Leistungsfähigkeit verdankt, beim Angebot ist man auf einmal kritisch:
Moniert wird der Rückgang von Agrarflächen zugunsten der industriellen
Nutzung. Was sonst als Ausweis von Wirtschaftserfolg, als Messlatte für
die Leistungsfähigkeit einer Nation gilt, fungiert jetzt als Vorwurf –
gegenüber China. Erwähnt wird auch schon einmal, dass ein gewisser
Raubbau stattfindet, der ganze Landstriche unbrauchbar macht, dazu
kommen Wirkungen des Klimawandels, wozu je nach Standpunkt die 6jährige
Dürreperiode in Australien gerechnet wird, einem der wichtigsten
Getreidelieferanten, so dass Lieferungen ausbleiben.
Bloß das Element, das all diese Faktoren überhaupt miteinander in
Zusammenhang bringt, das irgendwie in der Ausgangsdiagnose einer
allgemeinen Teuerung vorkommt, der Markt und seine Rechenweisen – kommt
für die Ursachenforscher als Ursache überhaupt nicht in Frage. Wie
völlig externe Störfaktoren werden Biosprit und chinesischer Konsum
dafür haftbar gemacht, dass „der Markt“sie haargenau als das behandelt,
was sie in der Marktwirtschaft sind: als Gelegenheit für
geschäftstüchtige Subjekte, eine insgesamt gewachsene Zahlungsfähigkeit
zur Steigerung der Gewinne auszunützen. Dasselbe gilt für die
Konkurrenz um Anbauflächen: Wenn in China die agrarische Bodennutzung
zugunsten der industriellen zurückgeht, dann nicht wegen einer
chinesischen Eigenart, sondern aufgrund derselben Logik, nach der in
anderen Nationen Ackerflächen zur Erzeugung von Biosprit umgewidmet
werden: wegen der marktwirtschaftlichen Rechnung, womit sich mehr
Geld machen lässt. Die höhere Rentabilität, die gewichtigere
Zahlungsfähigkeit entscheidet über die Bodennutzung. Und wenn die
verschiedenen ehrenwerten und auch gut bekannten Rechnungen
aufeinandertreffen, dann bringt es die 'invisible hand' oder richtiger:
die Anarchie des Marktes zu steigenden Preisen. An den Börsen ermitteln
die Aktivisten des Geschäfts anhand der Konzentration des Angebots an
verkaufsfähiger Ware und der zahlungsfähigen Nachfrage, welche Summen
sich aus der Ware herausschlagen lassen, und das inzwischen mit
weltweiter Geltung. Dass an den so ermittelten Preisen die Inhaber
minderer Zahlungsfähigkeit scheitern, ist trotz der öffentlichen
Anstrengungen zur Verfremdung des bekannten Geschehens keine
Fehlfunktion, sondern gehört zum System. Markt und Börse sind
schließlich keine Institutionen für eine planmäßige Versorgung der Welt
mit Lebensmitteln, sondern zur Erzielung von Gewinn.
Auch die höchste Etage des Geschäfts, die des Finanzkapitals, das die
Produkte der Landwirtschaft zum Stoff für Termingeschäfte und das
darauf basierende Geschäft mit Derivaten und Fonds macht, sonst ein für
nützlich und seriös befundener Zweig der Geldanlage, ist jetzt als
Quelle der Preisexplosion, als sinn- und maßlose Spekulation in die
Schusslinie gekommen. Als ob es nicht grundsätzlich die Leistung dieses
Gewerbes wäre, Nahrungsmittel wie jede andere Ware auch zum Objekt
einer Art von Geschäft zu machen, das von Versorgungsgesichtspunkten
völlig emanzipiert ist. In den Rechenkunststücken dieser Branche dient
schließlich eine Dürre in Australien ebenso gut wie die chinesische
Völlerei gleichermaßen nur als Anhaltspunkt für eine Gewinnrechnung,
die sich auf zu erwartende Preissteigerungen bezieht, die dann
irgendwann wieder beim Kartoffelvertilger und Reiskonsumenten ankommen.
Finanzkapital, das alle Anlagegelegenheiten vergleicht, das aus
krisenhaften Anlageformen „flieht”, „geht in“ Zertifikate auf
Rohstoffe, inkl. agrarische, spekuliert auf weitere Preissteigerungen
als Gelegenheit für sich, sein Kapital zu vermehren. Und das Verfahren
gerät vor allem dann zu einer bombensicheren „Wette“, wenn Nationen
sowie Instanzen wie die UNO als Käufer auftreten, wenn Meldungen die
Runde machen, dass Nahrungsmittelexportierende Nationen ihre Exporte
beschränken, wenn mitten in Amerika Hamsterkäufe stattfinden. Dann
setzen die Produzenten und Käufer von „futures“ auf einen wachsenden
und vor allem auf den konkurrierenden Bedarf von Nationen, der
sich am Agrarmarkt geltend macht und eine todsichere Preisbewegung nach
oben garantiert. Und der verleihen die Finanzsachverständigen damit
noch einen eigenen Schub – genauso wenig unmoralisch, vielmehr in
derselben sachlichen Art, in der die Spekulation die Ankündigung von
Massenentlassungen mit steigenden Aktienkursen zu belohnen pflegt, weil
sie sich wachsende Gewinne ausrechnet.
Die Spekulation gehört eben auch zur Leistung der Globalisierung auf
diesem Gebiet. Wenn die Landwirtschaft ans Geschäft pur überantwortet
ist, das Produkt als Geschäftsartikel umgeschlagen wird, dann ist es
eben auch Gegenstand von allen gültigen Interessen der Konkurrenz,
aller Etagen der kapitalistischen Rechnungsweisen. Daher bekommen es
Ägypter mit den Wirkungen der Weizenbörse in Chicago zu tun, die
weltweiten Hungerleider dürfen Bekanntschaft machen mit den Leistungen
der Spekulanten und Reisesser mit Biosprit; sie alle mit ihren
Ernährungsgewohnheiten sind Anhängsel der Rechnungen, die auf dem
Weltmarkt gelten. Der von denen bewirkte Preisschub schneidet sie von
ihrem bisher gewohnten Konsum ab; ihre bescheidene Zahlungsfähigkeit
ist dem Niveau für lohnende Preise, das die Geschäftswelt an den Börsen
herbeigehebelt hat, nicht gewachsen und scheidet daher aus. Mit dem
Titel Globalisierung ist eben keine Freiheit, sondern ein Regime
benannt, das über einen neuen Grad von Verelendung weltweit entscheidet.
5. Die kapitalistische Bewirtschaftung der Landwirtschaft hat den
Sektor seiner Besonderheit entkleidet, auch seiner darin begründeten
Probleme. Die ‚Knappheit’ der Volksnahrungsmittel aufgrund der
Unberechenbarkeit der Naturbedingungen ist durch die Kombination von
Wissenschaft und Kapital in eine finanztechnisch berechenbare Sache
verwandelt. Statt der früheren Notlagen zeichnet sich die Sphäre der
Landwirtschaft durch die Erzeugung von Überschüssen aus – deshalb als
Überschüsse ausgewiesen, weil sie unverkäuflich sind, keine lohnenden
Preise erzielen, nicht weil es nicht genügend Esser auf der Welt gäbe.
Jetzt aber kehren die Probleme der Vergangenheit in einer sehr neuen
Fassung zurück: Der moderne, hoch entwickelte und effektive Weltmarkt
hat eine für erledigt gehaltene Seuche wiederbelebt, stiftet mit diesem
Preisschub Hunger in einem Ausmaß, das den Gang der Dinge erheblich
stört; die Geschäftssphäre wird durch Spekulanten erschüttert und
bringt mit einer heftigen weltweiten Teuerung die Grundlage einer
ganzen Reihe von Staaten durcheinander. Und die Veranstalter der
Institution Weltmarkt, die die Versorgungsfragen zur Gelegenheit für
Geschäftemacher gemacht haben, müssen sich durch den Preis an die
Eigenart des Gebrauchswerts Lebensmittel erinnern lassen, dass Völker
immer noch von den Produkten der Landwirtschaft leben müssen.
Die Subsumtion der Lebensmittelversorgung unter den Weltmarkt ist zum
Drangsal von Nationen geworden, sie gefährdet Versorgung und schafft
damit eine weltpolitische Lage. Die Weltmarktagenturen, IWF und
Weltbank, und die mit Armutsbekämpfung und Hungerhilfe befassten
Apparate der UNO schlagen Alarm: Die Teuerung führt zu Revolten, die
die Stabilität etlicher Staatsgewalten gefährden; andere Staaten
reagieren mit Beschränkungen des Weltmarkts, einem Protektionismus
neuen Typs: Exportverbote, -quotierungen, Preisfestlegungen,
-kontrollen und das Außerkraftsetzen von Termingeschäften sind
Maßnahmen, die nicht der Herstellung der nationalen Konkurrenzfähigkeit
auf dem Weltmarkt dienen, sondern einem Regime zur Sicherung der
nationalen Versorgung. Und von beiden Fällen sehen sich drittens die
führenden Nationen betroffen, die sich für die Ordnung in der
Staatenwelt, dieses allgemeine Gut geregelter Gewaltverhältnisse
zuständig erklären.
Das Weltmarktgeschäft hat ein neues Kapitel in der Konkurrenz der
Nationen eröffnet, das sich um den Zugriff auf Ressourcen und
Versorgungssicherheit auch auf diesem Feld dreht; Staaten machen die
Beschaffung von Lebensmitteln zu ihrer Sache, die sie gegen andere
sichern. Sie befördern Nahrungsmittel in den Status strategischer
Güter, und unter dem Titel Bekämpfung des Hungers sind die führenden
Mächte jetzt mit nichts anderem als der Frage befasst, was sie auf dem
Gebiet genehmigen und verbieten. Denn das ist für die Gründer und
führenden Nutznießer des Weltmarkts selbstverständlich, dass ein
Rückfall hinter den erreichten Fortschritt ihres weltweiten
Handelsregimes nicht in Frage kommt; der Standpunkt der nationalen
Versorgung mit Lebensmitteln und Ressourcen kann und darf nie mehr so
auftreten wie früher. Die Weltmarktführer belehren alle anderen
Weltmarktteilnehmer eigens darüber, dass eine Abschottung nationaler
Märkte nicht nur völlig verfehlt wäre, dass sie damit nicht nur sich
selbst schaden, sondern mit „einseitigen Maßnahmen“ ein irgendwie
allgemeines Gut gefährden. Auf jeden Fall werden solche Maßnahmen für
das Elend in anderen Nationen haftbar gemacht: Exporteinschränkungen
„treiben die Preise in die Höhe und
schaden den ärmsten Bewohnern der
Erde“. (Weltbankchef Zoellick, SZ, 30.4.08)
Für die weltmarktbeherrschenden Nationen hat jetzt Hungerhilfe höchste
Priorität – und zwar in Form von Finanzbeihilfen, damit Staaten oder
Agenturen der Armutsbekämpfung die explodierten Weltmarktpreise auch
zahlen können; als Notmaßnahme zur Rettung des Weltmarkts, damit nicht
Staaten aus Not oder Berechnung zu weltmarktfeindlichen Maßnahmen
greifen. Sie ist aber auch im Unterschied zu den Summen, die zur
Bewältigung der Kreditkrise aufgewandt werden, ziemlich preiswert, mit
ganzen 770 Millionen Dollar ist z. B. für die USA die Sache schon
geregelt. Als G8 und in ihren anderen Gremien kümmern sich die
Ordnungsmächte des weiteren darum, ob ostasiatische Reisexporteure eine
Reis-OPEC aufmachen dürfen, begutachten die Handelspolitik von China
und Indien sowie argentinische Exportzölle, die Ukraine wird dazu
angehalten, Exportquoten für Getreide wieder aufzuheben. Im
Zweifelsfall wird eine Überbrückung der Notlage durch
Ausnahmeregelungen bezüglich Ex- und Import von Nahrungsmitteln
genehmigt – Hauptsache, keine geschädigte Nation entzieht sich dem
Reglement des Weltmarkts, d. h. der Zuständigkeit der
Aufsichtsmächte. Und es wird im Rahmen der WTO vorwärts gedacht, ob man
nicht Staaten, die wegen ihrer Probleme mit der nationalen Versorgung
zur Einführung von Exportquoten greifen, mit einer Versorgungspflicht
gegenüber dem Weltmarkt vertraut machen soll.
Angesichts der Hungerkatastrophe fallen den weltmächtigen Subjekten
prompt auch lauter Machtfragen ein, die es zwischen ihnen zu klären
gilt. Wer z. B. die Kalamität der betroffenen Staaten zur
Ausdehnung seiner Zuständigkeit ausnützen kann; die französische
Regierung wartet schon einmal mit einem europäischen Programm für die
künftige „Selbstversorgung“ Afrikas auf. Japan macht das europäische
Programm für Biosprit haftbar für die Preisexplosion und verlangt
Korrekturen etc. etc. Die USA und Japan fordern erneut eine Revision
des europäischen Agrarmarkts.
Und während die Führungsmächte ihre Konkurrenz mit der Erörterung
solcher Schuldfragen ausfechten, besichtigen sie die Krisenlage auch
schon als Riesenchance: Die USA und Europa setzen ihren Bauernstand zur
Inbetriebnahme der bei ihnen bisher stillgelegten Agrarflächen in
Marsch, um die hohen Preise auszunützen. Und man rechnet sich neue
Chancen zur Beendigung der Doha-Runde der WTO, zur Fortschreibung des
Weltmarktreglements aus; die Lebensmittelkrise gilt als „starker
Anreiz“, die stockenden Verhandlungen zum Erfolg zu führen. Das ist sie
also, die Bekämpfung des neuen Hungers: eine Riesenherausforderung an
die Weltwirtschaftsmächte, ihren Weltmarkt und die Weltmarktordnung zu
gestalten, ihren dringlichen Bedarf nach neuen Regelungen umzusetzen,
Entscheidungen über die Rechte und Pflichten Dritter herbeizuführen und
überhaupt die Frage, wer wem was sagen darf, neu aufzuwerfen.
6. Ganz in diesem Sinne sehen sich Experten aufgerufen, die
intellektuelle Auseinandersetzung zur neuen Welthungerlage zu führen.
Mit einem elaborierten Vorschlagswesen melden sie sich als die besseren
Manager des Weltagrarmarkts zu Wort, die sachverständiger als die
zuständigen Politiker wüssten, wie man die Weltbevölkerung mit
bezahlbaren Lebensmitteln versorgen könnte. Von der affirmativen
Unterstellung ausgehend, dass der Welthandel doch eigentlich dafür
erfunden ist, gelangen sie zuverlässig zu der Fehldiagnose, dass ein
Nicht- oder Fehlfunktionieren desselben vorliegen muss, wenn an den
Weltmarktpreisen für Lebensmittel die Ernährung scheitert. Und von dort
aus bringen sie es zu allen möglichen zwar nicht sehr
realitätstüchtigen, aber jedenfalls konstruktiv gemeinten Ratschlägen,
wie sich durch ein entsprechendes Justieren der Stellschrauben
Weltmarktgeschäft und Versorgung mit Nahrungsmitteln zur Deckung
bringen ließe:
„Die Krise sollte aber auch ein
Weckruf sein, die langfristige
Agrarpolitik zu verbessern. Jahrzehnte der Protektion haben verhindert,
dass sich breite internationale Märkte für Nahrungsmittel entwickeln.
Die Industrieländer haben den Bauern der Schwellenländer keine Chance
gegeben, ihre Produkte zu guten Preisen abzusetzen. Sie haben damit
weltweit die landwirtschaftliche Basis geschwächt und den Fortschritt
gebremst. Dadurch haben sie dazu beigetragen, dass die Bevölkerung in
die Städte flüchtete, wo ihr jetzt das Geld fürs Essen ausgeht.“
(Handelsblatt, 17.4.08)
Nichts einfacher als sich z. B. den Weltmarkt als Institution zur
Ermöglichung eines afrikanischen Wachstums zurechtzudenken, das bislang
nur deswegen nicht zustande gekommen ist, weil man in den Metropolen
eine so schlechte Agrarpolitik betrieben hat. Statt die Bauern der
Schwellenländer den Weltmarkt erobern zu lassen, hat man das Gegenteil
gemacht und sie vom Geschäft ausgeschlossen. Wie unvernünftig und
kurzfristig gedacht ist es doch, europäische Exporte zu
subventionieren, wenn dadurch die landwirtschaftliche Basis in Afrika
gestärkt werden soll! Wo eine langfristig und wirklich nachhaltig
angelegte Agrarpolitik, welche die Selbstversorgung in den
Hungerleiderstaaten fördern würde, doch gerade für eine Entwicklung
breiter internationaler Märkte für Nahrungsmittel zu sorgen hätte, auf
denen gute Preise zu erzielen sind.
Andere, eher philosophisch gestimmte und auf sittliche Botschaften
bedachte Intellektuelle nehmen den Fall als Gelegenheit, ihre
moralische Weltanschauung zu bestätigen. Bei ihnen steht wie immer und
überall der Mensch im Mittelpunkt des Geschehens, der mit seinem
Fortpflanzungstrieb und seiner Gier nach der CO2 Bilanz nun auch noch
die Getreidebilanz durcheinanderbringt. Während die Lebensbedürfnisse
massenhafter Minder- und Nichtsverdiener am Preis zuschanden werden,
den der Weltmarkt seinen Kunden präsentiert, wird die Endlichkeit der
Welt in Erinnerung gerufen. Im 21. Jahrhundert, nachdem es die
Menschheit längst zu immer ausgeklügelteren Techniken zur Steigerung
der landwirtschaftlichen Produktion und zu deren Emanzipation von
natürlichen Schranken gebracht hat, wird die Lehre des alten Pfaffen
Malthus wieder ausgegraben, das von ihm entdeckte 'Naturgesetz',
demzufolge die Bevölkerung die fatale Neigung hat, rascher zu wachsen
als die Mittel ihrer Ernährung, und die Unvernunft des Menschen
beschworen, der einfach nicht einsehen will, dass die Grundtatsache
seines Daseins die Knappheit ist.
Andere Beiträge warten aus Anlass des Hungerproblems mit Lösungen auf,
die die Partei oder Redaktion schon immer auf Lager hat. In Kreisen von
CDU bis FAZ, in denen man einfach weiß, dass Wind- und Bio-Energie bloß
verfehlte Alternativen zur einzig sauberen Lösung Atomkraft sind,
bereitet man das Thema postwendend in diesem Sinne auf. Hier wird
Biosprit als Hauptgrund allen Übels bevorzugt; so sammelt man erstens
die verbreitete moralische Entrüstung über den Missbrauch von
Lebensmitteln als Treibstoff ein, und bringt zweitens wieder mal, wie
neulich beim Thema Klimakatastrophe, die favorisierte energiepolitische
Alternative groß heraus als Lösung für ein Menschheitsproblem. Hunger –
ein erstklassiger guter Grund für Atomstrom, denn der nimmt garantiert
keinem Neger die Butter vom Brot. Außerdem ist die grüne
Fortschrittsfeindlichkeit als Hauptverantwortlicher dingfest gemacht
für das Elend in anderen Ländern. Und der Ärger, dass eine Nation wie
die wirtschaftsmächtige BRD sich ausgerechnet bei der Sorte Energie
Schranken auferlegen und in der Konkurrenz um Energiesicherheit
Nachteile in Kauf nehmen soll, kann für den Ausbau dieser Sorte Energie
einen Sachzwang von höchster moralischer Qualität präsentieren.
Die Anhänger des Fortschritts auf dem Gebiet der Gentechnik steuern
nach demselben Muster ihr Argument bei: Wer Gentechnik verdammt,
verdammt die Menschheit zum Hunger! Wie kann sich Deutschland da noch
Bedenken leisten? Hunger als moralischer Totschläger erledigt ja wohl
alle Einwände gegen diesen umstrittenen Wirtschaftszweig. Und
Deutschland muss aus reinster Nächstenliebe darauf bestehen, sich bei
diesem Konkurrenzmittel höchster Güte alle nötigen Freiheiten zu
genehmigen, damit sich Bayer gegen Monsanto durchsetzen kann. Denn bei
allen Berichten über einschlägige Experimente in Indien ist schließlich
klar, dass die verheerenden Wirkungen auf das Konto amerikanischer
Multis gehen.
Und dann kommt in der Debatte noch ein letztes Anliegen zum Zug. Wenn
Grundelemente des Wirtschaftslebens, wie der Preis und das
Finanzkapital, von einer erregten Öffentlichkeit an den Pranger
gestellt und als Ursachen für eine weltweite Krise denunziert werden,
fühlen sich volkswirtschaftliche Vordenker dazu aufgerufen, diesem
unsachverständigen Gerede Einhalt zu gebieten. Gepredigt wird gegen die
Versuchung, mit „künstlichen Preisbeschränkungen“ der Not Herr werden
zu wollen, gegen eine kurzsichtige Versorgungspolitik in gewissen
Ländern, wo doch jeder die „alte Kaufmannsweisheit“ zu beherzigen
hätte, „das beste Mittel gegen hohe Preise sind hohe Preise“. Denn die
Lehre darf ja nicht in Vergessenheit geraten, dass es immer noch der
Preis ist, der Angebot und Nachfrage ins Gleichgewicht bringt, der die
dafür nötige Allokation von Ressourcen und Kapital zustande bringt usw.
usf. Eindringliche Warnungen ergehen, nur nicht an die hohen Preise zu
rühren. Laut Auskunft der ökonomischen Sachverständigen sind sie
nämlich ein Segen, werden sie doch sicherlich ihre lehrbuchgemäße
Wirkung entfalten und zum Beispiel geradewegs in die Taschen
afrikanischer Kleinbauern fließen, dort Kapital bilden, mit dem
investiert wird, so dass dann endlich Afrika seine Selbstversorgung
leisten kann...
Dieselbe Arbeit will zur Ehrenrettung des Kredits geleistet sein, wenn
die Lebensmittelkrise überall zur Beschimpfung der Spekulation führt,
und hochanständige Banken allein deshalb des Zynismus bezichtigt
werden, weil sie mitten in der Krise Finanzprodukte wie Rohstofffonds
und Zertifikate anbieten, mit denen der Kunde an der „Preisrally“
mitverdienen kann.
„Die zurückliegenden
Preissteigerungen auf den Agrarmärkten haben
Ideologen, Interessengruppen und Ahnungslosen Gelegenheit verschafft,
über 'die Spekulation' herzufallen und sie als verruchte Urheberin der
Verteuerung abzustempeln.“ (FAZ, 2.5.08)
Da lernt man dann, dass es der Spekulant ist, der weiterhilft, so auch
in diesem Fall, wenn „Bauer und Bäcker“ sich nicht über den Preis
einigen können. Hier springt der Spekulant in die Bresche und „trägt
das Risiko“, stiftet „Sicherheit über künftige Preise“ – gegen eine
geringe Bereitstellungsgebühr. Und auch dann, wenn er – zugegeben – ein
wenig an der Preisbewegung nach oben beteiligt ist, so dient er doch
damit letztlich nur als Signal, als Übermittler der Botschaft, dass die
Preise wohl für die nächste Zeit hoch bleiben werden. Außerdem lenken
die Finanzjongleure – dies die andere unverzichtbare Leistung – nur das
Kapital dahin, wo es so dringend gebraucht wird. Das muss auch wieder
einmal gesagt werden, da werden Wirtschaftsfachleute fundamental und
erläutern die Grunddogmen übersichtlich wie im Proseminar. Schließlich
dürfen das Gerede und die schlechten Meinungen über die Grundfesten der
Marktwirtschaft nicht epidemisch werden, dann schädigen sie womöglich
den guten Ruf seiner Sachwalter oder am Ende gar das Geschäft.
So würdigt man am Ende die Teuerung als Signal für den Beginn eines
neuen wunderbaren Booms, womit die Ausgangsdiagnose einer weltweiten
Katastrophenlage ins Gegenteil gewendet wäre. Die gute Botschaft
lautet: Hohe Preise stimulieren die Produktion; die Spekulation lockt
Investitionen in die Sphäre, und das alles geschieht zugunsten des
Verbrauchers. Hoffentlich spricht sich das auch in den Hungergebieten
herum.
1 In Gegenstandpunkt 1/2004, „Landwirtschaft im
Kapitalismus“, ist nachzulesen, wie sich die marktwirtschaftlichen
Rechnungsweisen in dieser Sphäre betätigen und wie das Gewerbe moderner
Bauern dann aussieht.