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Inhaltsverzeichnis
GegenStandpunkt 1-08
Der härteste Arbeitskampf in der Geschichte der Deutschen Bahn
beendet? Von wegen!
Mehdorn schlägt zurück.
Mitte Januar sieht es so aus, als sei der ungewöhnliche Arbeitskampf
durch die Unterschrift der Konfliktparteien unter den
Kompromissvorschlag von Minister Tiefensee ausgestanden. Zufrieden
äußern sich Politiker und Medien, dass der Arbeitsfrieden
wiederhergestellt ist, die Züge zuverlässig fahren, und die Lokführer
nicht mehr auffallen, weil sie einfach wieder Dienst tun. Ob sie ihre
soziale Lage durch ihre Hartnäckigkeit wirklich verbessert haben, ob
das Ergebnis den Aufwand rechtfertigt, ja worin es überhaupt genau
besteht, – das alles interessiert die öffentliche Kommentierung wenig:
Hauptsache, die soziale Ordnung ist wieder in Ordnung. Auch GDL-Chef
Schell zeigt sich – vorschnell, wie man inzwischen weiß – überaus
zufrieden über:
„Ein Ergebnis, das sich sehen lassen kann!“
Das kann es, wenn man es nicht auf die 19 % Reallohnverlust und
die Verdopplung der Produktivität pro Beschäftigten bezieht, mit denen
die Lohnforderung ursprünglich begründet wurde, sondern auf das einige
Prozent schlechtere Ergebnis, das Transnet für die übrigen Bahner
abgeschlossen hat: Auf die 19 Monate effektive Laufzeit verteilt,
ergibt die gestaffelte Lohnerhöhung, die am Schluss 5 Monate lang auf
11 % steigt, etwa 7,5 % plus eine Stunde
Arbeitszeitverkürzung ab Februar 2009.
Schell und die GDL-Spitze meinen wohl, die Abstriche von dem, was man
als fällige Korrektur der jahreslangen Lohnverluste errechnet hatte,
vertreten zu können, angesichts des viel wichtigeren Erfolgs, den sie
präsentieren können: In diesem Lohnkampf hat sich die GDL als
eigenständige Tarifvertragspartei durchgesetzt. Sie hat gegen eine
erbitterte Feindschaft der Kapitalseite und der konkurrierenden
Mehrheitsgewerkschaft Stand gehalten. Man wollte sie nicht als
tariffähige Vertretung ihrer Mitglieder anerkennen, ihren Arbeitskampf
verbieten, ihre Organisation und Handlungsfähigkeit vernichten, ihre
streikenden Mitglieder kriminalisieren und teilweise feuern. Die GDL
hat sich nicht einschüchtern lassen. Sie hat vom höchsten deutschen
Arbeitsgericht ein Recht auf Streik bestätigt bekommen – und davon
Gebrauch gemacht. Sie hat demonstriert, dass sie den Zugverkehr
weitgehend lahm legen kann; und sie hat in der Endphase von Seiten der
Berliner Regierung eine gewisse Aufwertung als Konfliktpartei erfahren:
Mehdorn muss mit ihr verhandeln.
Wie wenig dieser Erfolg wert, wie wenig sogar das Wort „eigenständiger
Tarifvertrag“ wert ist, zeigt sich einen Monat später: Die Einigung vom
Januar hat die entscheidende Frage offen gelassen, die bis dahin ja das
große Hindernis für jede Verständigung war. Man hat einen Vertrag über
Lohn und Arbeitszeit unterschrieben, ob dieser eigenständige
Tarifvertrag sich aber „konflikt- und widerspruchsfrei“ ins allgemeine
Tarifsystem der DB einfügen muss oder einfügen lässt, hat man
ausgeklammert. Als Teil der Einigung hat die GDL zwar den Auftrag
akzeptiert, mit den anderen Bahn-Gewerkschaften einen
Kooperationsvertrag und mit der Bahn einen Grundlagen-Tarifvertrag im
Sinn der Tarifeinheit des Konzerns zu vereinbaren. Ob dies nun aber
heißt, man werde sehen, ob man sich da einigen kann, oder ob eine
Einigung Vorbedingungen dafür ist, dass die Tarifvereinbarungen wirksam
werden, ist nicht geklärt worden. Handelt es sich bloß um eine
Forderung der Bahn, die GDL möge sich wieder in die DGB-übliche,
„vernünftige“ Kooperation von Gewerkschaften und Geschäftsleitung
einbinden lassen, oder ist die Rückkehr zur deutschen Normalität
Bedingung dafür, dass der Abschluss Gültigkeit erlangt? Beide Seiten
vertreten dazu vollkommen unvereinbare Positionen. Daran wird deutlich,
dass die Durchsetzung der GDL im Grundsätzlichen noch überhaupt nicht
gelungen ist und die Gegenseite diesen Tarifpartner noch keineswegs
akzeptiert. Der ganze Erfolg steht wieder ganz in Frage; und die
Lokführer werden schon wieder kämpfen müssen, um sich das zu holen, was
sie schon zu haben glaubten. Bahnchef Mehdorn hat seit dem Tag seiner
Unterschrift unter Tiefensees Zettel zu erkennen gegeben, dass für ihn
dieser Kampf noch lange nicht zu Ende ist. Mit diesem Abschluss macht
er keinen Frieden.
„Eine Niederlage nicht nur für die Bahn, sondern auch für den Standort
Deutschland“
Mehdorn ist nicht bereit, wie sonst üblich, den gewonnenen
Arbeitsfrieden und die Zuverlässigkeit des Fahrplans gegen die
Zugeständnisse aufzuwiegen, die dafür erforderlich waren. Er hält sich
ans materielle Resultat der Auseinandersetzung und ans Prinzip und
findet, dass in beiden Hinsichten der außerplanmäßige Erfolg einer
Minderheitsgewerkschaft eine absolute Katastrophe ist, die nicht hätte
passieren dürfen. Wenn der Arbeitsfrieden einen Preis hat, den Mehdorn
nicht selbst festsetzen kann, dann ist er zu teuer erkauft. Die
Fortsetzung des Kampfes bis zu einer klaren Niederlage der
Gewerkschaft, die seinen Laden stört, ist für ihn auch nach der
vorläufigen Einigung das einzig Richtige.
Gewerkschaften, so sieht er die Sache, dürfen sich bilden und sich als
Verhandlungspartner des Kapitals betätigen, damit sie die
Renditeansprüche des Kapitals einsehen, die Interessen ihrer Mitglieder
den betrieblichen Belangen unterordnen und ihnen diese Unterordnung als
einzig realistischen Weg der Vertretung dieser Interessen verkaufen.
Eine Gewerkschaft, die da aus der Reihe tanzt, gehört fertig gemacht,
ihr Aufbruch gehört entmutigt, damit unrealistische Ansprüche des
Arbeitsvolks und "sich mit Forderungen überbietende
Kleingewerkschaften" gar nicht erst Schule machen – nicht nur bei der
Bahn. Der Bahnchef sieht sich in einer Schlacht, die er stellvertretend
für die ganze kapitalistische Nation schlägt und bei der er Anspruch
auf konsequente Unterstützung durch die Staatsmacht gehabt hätte. Aber
erst lässt ihn die Justiz bei seinem Versuch, den GDL-Streik zu
kriminalisieren, im Stich, dann fällt ihm der öffentliche Eigentümer
mit Vermittlungsbemühungen in den Rücken.
„Mehdorn kritisierte indirekt den Einsatz Tiefensees für den
Tarifabschluss mit den Lokführern. Einige nehmen für sich in Anspruch,
zur Beendigung dieses Arbeitskampfes beigetragen zu haben“, sagte
Mehdorn, offenbar an die Adresse des Verkehrsministers gerichtet. Denen
müsse jedoch klar sein, "was dieser Abschluss für Konsequenzen haben
muss“.“ (SZ, 15.01.)
Seine Konsequenz besteht jedenfalls darin, dass der Kampf weiter geht
und er alles unternehmen wird, um den Erfolg der GDL, den er
unterschrieben hat, rückgängig zu machen. Er kündigt an, dass er den
Schaden für die Bahn – als das rangieren bei ihm die
Einkommensverbesserungen der Lokführer – umgehend wieder in Ordnung
bringen wird. Nach dem „untragbaren Abschluss“ ist er wieder alleine
der Herr im Bahnkonzern und kann und wird Arbeitszeiten,
Beschäftigtenzahlen, Beschäftigungsformen und Fahrpreise so einrichten,
dass dem Bahnprofit kein Nachteil aus den Zugeständnissen an die
Lokführer erwächst.
„Mehdorn hatte erklärt, dass die Bahn als Konsequenz aus der
Tarifeinigung mit der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer
wahrscheinlich Arbeitsplätze abbauen und Preise erhöhen müsse ... Der
Abschluss gehe weit über das wirtschaftlich vertretbare Maß hinaus. Den
jährlichen Schaden bezifferte er auf 200 Millionen Euro. Für die
kommenden fünf Jahre ergebe sich eine „Belastung in Milliardenhöhe“. Es
werde nun „sehr schnell“ geprüft, wie die Wettbewerbsfähigkeit des
Konzerns wiederhergestellt werden könne. „Es wird uns gelingen, aber
die Konsequenzen werden für uns bitter sein.“ (FAZ-net, 15.1.)
Welches "Wir" die bitteren Konsequenzen tragen muss, unterliegt
angesichts der sofort präsentieren Liste der Gegenmittel keinem
Zweifel:
‑ „... ‚weitere Rationalisierungen’, ‚Outsourcen von Arbeit’,
‚Leiharbeit’, ‚Verlagerung von Arbeit in Billiglohngebiete’
‚Entlassungen’; außerdem erklärt er den bis 2010 vereinbarten
Beschäftigungspakt für tot. Er sät nach Kräften Verbitterung gegen die
GDL, indem er den Opfern seiner angekündigten Maßnahmen, dem gesamten
Personal und den Fahrgästen, mitteilt, bei wem sie sich zu bedanken
haben, wenn er ihnen nächstens Entlassungen, Preiserhöhungen etc.
präsentiert. Dass die DB sowieso jährlich die Preise erhöht, ohnehin
permanent rationalisiert, Funktionen nach außen vergibt, wenn sie von
Subunternehmern billiger erbracht werden als von Bahnbeschäftigten und
so fort, tut der Glaubwürdigkeit seiner Drohung keinen Abbruch; im
Gegenteil. Man darf ihm abnehmen, dass er das alles auch 2008 wieder
tun wird. Heuer eben als Reaktion auf den GDL-Abschluss, als
Kompensation für die Kompensation, die die Lokführer für jahrelange
Lohnverluste erstritten haben. Er erklärt der streikbereiten Mannschaft
lauthals, dass er sich alles zurückzuholen wird, um sie darüber zu
belehren, dass Kämpfen sich nicht lohnt und dass ihr Versuch zwecklos
ist, sich gegen den Willen der Chefetage besser zu stellen: Auch eine
Art, den Proletariern die Unversöhnlichkeit des Kapitals gegen jedes
Lohninteresse anzusagen und ihnen die Unvermeidlichkeit des Kampfes vor
Augen zu stellen, wenn sie nicht jede Verschlechterung des
Verhältnisses von Lohn und Leistung schlucken wollen.“
Deutschland versteht die Botschaft unbedingter Unversöhnlichkeit und
erschrickt – aber nur für einen Augenblick.
„Mehdorns fiese Rache“ „nach dem Motto: Wenn du mehr Geld willst, bist
Du Deinen Job los!“ haben die Medien registriert und unschön gefunden:
„Seine gestrigen Äußerungen enttarnen ihn nicht nur als schlechten
Verlierer. Mehdorn spielt gezielt mit den Ängsten nicht nur der
Mitarbeiter, sondern auch mit denen der Kunden. Das ist eine böse
Entgleisung.“ (TZ, 16.01.)
Nach einem Arbeitskampf hat die feindliche Konfrontation auch mal
wieder vorbei zu sein, Frieden zu herrschen – und Arbeit. Da sind die
Zeitungen mit dem politischen Vermittler einig:
„Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) lehnte die Pläne
Mehdorns umgehend ab: "Aus meiner Sicht gibt es keinen Grund für ein
wirtschaftlich so starkes Unternehmen wie die DB AG, sofort mit der
Entlassung von Beschäftigten und der Verlagerung von Arbeitsplätzen zu
drohen oder gar den Beschäftigungspakt aufzukündigen", sagte er. "Der
Eigentümer Bund erwartet von der DB AG, die gute Partnerschaft mit den
Gewerkschaften fortzusetzen." (SZ, 15.01.)
Tiefensee erinnert daran, dass der soziale Frieden eine Produktivkraft
des deutschen Kapitalismus ist, die Mehdorn nicht leichtfertig aufs
Spiel setzen sollte. Wenn Gewerkschaften unternehmerische
Entscheidungen mittragen und bei ihrer Anhängerschaft durchsetzen,
können sogar Radikalkuren wie die Bahnprivatisierung ohne Widerstand
und Ärger über die Bühne gebracht werden: Die Halbierung der
Belegschaft, die Absenkung der realen Gehälter, Verlängerung der
Arbeitszeit, Verschlechterung der Schichtmodelle – alles das hat
Mehdorn im letzten Jahrzehnt zugunsten der Profitmaschine Eisenbahn
glatt einfahren können. Da müsse er, wenn er es sich schon so gut
leisten kann wie gegenwärtig, auch einmal einen Preis für den sozialen
Frieden bezahlen.
Damit ist das Stichwort für den Fortgang der öffentlichen
Meinungsbildung gefallen: Wie hoch ist der angemessene Preis für den
sozialen Frieden und wer setzt ihn fest? Ihrer Wortmeldung dazu schickt
die FAZ noch ein bisschen Kritik an Mehdorn voraus; die gilt allerdings
ausschließlich seinem schlechten Stil: Er hätte Nein sagen können, er
hätte Nein sagen sollen, aber wenn er schon unterschreibt, hat er auch
dazu zu stehen. Nachtreten ist unfein!
„Sein Lamento hinterlässt in der Tat einen faden Beigeschmack, hätte er
doch die Zustimmung zur Einigung verweigern können. Aus Angst vor
weiteren Streiks erschien aber offenbar ein teurer Kompromiss als
minderes Übel. Nun wirft Mehdorn Bundesverkehrsminister Tiefensee vor,
Druck auf die Bahn ausgeübt zu haben.“ (FAZ, 17.1.)
In der Sache gibt die Zeitung Mehdorn voll recht: Der Verkehrsminister
hat ihn zu dem Abschluss gedrängt – und das mit dem unpassenden
Standpunkt, "die wirtschaftlich starke Bahn könne sich einen solchen
Tarifabschluss leisten" (ebd.). Diese Einstellung ist gefährlich.
Selbstverständlich kennt auch die FAZ die Zahlen, die ein Münchner
Boulevardblatt wie einen Rechtstitel auf Lohnerhöhung anführt:
„Im Geschäftjahr 2006 verzeichnete die DB das beste
Unternehmensergebnis seit vielen Jahren. Der Umsatz stieg um
19,9 % auf 30,1 Milliarden Euro an. Den Gewinn (EBIT) konnte die
DB um 1,1 auf 2,5 Milliarden Euro verbessern.“ (TZ, 16.1.)
Aber, was heißt das schon? Aus einem hohen Gewinn folgt für die Löhne
gar nichts!
„Die Anmaßung der Politiker, über die Gewinnverwendung des Unternehmens
zu befinden, sagt viel über deren Wirtschaftsverständnis. Dabei liegt
auf der Hand, dass der Konzern im Wettbewerb zurückfällt, wenn die
Löhne viermal so stark steigen wie bei Konkurrenten. Die Bahn braucht
den Gewinn – für die Beschäftigten, aber auch für Investitionen und
Schuldenabbau. Wo das Geld wirtschaftlich am sinnvollsten angelegt ist,
kann nur der Vorstand bestimmen, nicht die Politik.“ (FAZ, 17.1.)
Das ist ein klares Wort: Auch bei der Bezahlung des Geldes, von dem das
Personal lebt, geht es darum, Geld im Geschäftsinteresse der Bahn
möglichst sinnvoll anzulegen. Und da ist klar, dass Löhne die am
wenigsten sinnvolle Anlageform des Gewinns sind: Sie kosten Gewinn und
schmälern das Budget für alles, was zukünftigen Gewinn verspricht. Wie
viel von den leidigen Lohnkosten allenfalls im Sinne des Unternehmens
als unvermeidlich anerkannt werden muss, kann und darf niemand
entscheiden als der Vorstand, der dem Eigentümer schließlich für die
Rendite verantwortlich ist. Wenn also Herr Mehdorn meint, dass er den
sozialen Frieden billiger hätte kriegen können und dafür noch Wochen
oder Monate wirtschaftsfördernden Unfrieden und gestörte Fahrpläne
ausgehalten hätte, dann hat er den renommierten Zeitungen zufolge
absolut recht: Nur der Preis, den er, der Chef, für den sozialen
Frieden zu zahlen bereit gewesen wäre, wäre ein angemessener Preis
gewesen. Tiefensee dagegen verfälscht mit seiner Einmischung in
Mehdorns Kompetenzen diesen Preis und macht den sozialen Frieden
unnötig teuer.
„Die Koalition trägt dazu bei, dass die Löhne um des lieben Friedens
willen schneller steigen, als es trotz der guten Konjunktur und trotz
hoher Unternehmensgewinne angemessen ist; dies wird sich rächen, wenn
die Wirtschaft einmal nicht so gut läuft … Tiefensees Zettel ist ein
Beleg dafür, wie wenig das einst hehre Prinzip der Tarifautonomie noch
gilt ... Es soll sicherstellen, dass der Staat nicht regelt, was nicht
des Staates ist ... Gegen dieses Prinzip hat der Verkehrsminister
verstoßen ... Er hat sich eingemischt.“ (SZ, 15.1.)
Das hohe Gut der Tarifautonomie, auf das die Gewerkschaften so stolz
sind, findet Anhänger im Lager der Gewerkschaftsfeinde. Dass die
abhängig Beschäftigten kollektiv um Lohn verhandeln und kämpfen dürfen,
schätzen die journalistischen Freunde der Tarifautonomie als sicheres
Mittel der Unterordnung der Arbeitskräfte unter die Ansprüche des
Kapitals. Sie treten ein für die Freiheit des Lohnkampfs als
Instrument, den Unzufriedenen Niederlagen beizubringen, ihre Ansprüche
auf ein realistisches Maß zurückzuführen und den Preis zu senken, zu
dem sie sich ihre Ausbeutung gefallen lassen. Diese Meinungsmacher sind
unverschämt sicher, dass das Kapital am längeren Hebel sitzt, dass
Mehdorn die GDL schon fertig gemacht hätte, dass die Lokführer
kapituliert hätten, wenn die Politik nur, wie es sich im freiheitlichen
Laden gehört, dem Klassenkampf seinen Lauf gelassen hätte.
Nachtrag: Es geht wieder von vorne los.
Bis zum 20. Februar gehen die Stellungnahmen der GDL-Führung, der Bahn
und der nationalen Medien davon aus, dass die Einigung steht – und
Mehdorns angedrohter Gegenschlag auf Basis des nun einmal geschlossenen
Tarifvertrags in der Zukunft zu erwarten sei. Jetzt kommt er viel
schneller: Die Bahn setzt den Kampf um die Zurückweisung der
GDL-Forderungen und um die Entmutigung der Lokführer unmittelbar fort.
Sie besteht auf einer Unterschrift der GDL unter einen
Grundlagen-Tarifvertrag, den ihre Juristen einzig zu dem Zweck
aufgesetzt haben, um über die Bedingungen, unter denen der Tarifvertrag
gültig werden soll, das Ausgehandelte zu widerrufen. Dasselbe soll auf
seine Weise der Kooperationsvertrag mit Transnet und GDBA leisten, den
die GDL auch noch zu unterschreiben hat, ehe die Bahn die Tarifeinigung
vom Januar in Kraft setzt. In beiden Verträgen hätte die GDL zu
akzeptieren, dass sie bis 2015, also für die nächsten sieben Jahre,
keine Forderungen erheben darf, die die Lokführer besser stellen würden
als andere Bahn-Beschäftigte; und dass sie überhaupt Lohnforderungen
nur noch gemeinsam mit den anderen Bahngewerkschaften stellt, also im
Grund wieder in die Tarifgemeinschaft zurückkehrt, aus der sie mit
ihrem Lohnkampf ausgebrochen ist. Der Konzern würde diesen Ausbruch
einmalig hinnehmen, wenn eine Wiederholung für eine lange, am besten
für alle Zukunft ausgeschlossen wäre. Außerdem soll die GDL
unterschreiben, dass sie nicht zuständig ist für die Löhne der
Lokführer, die Rangierloks fahren, und auch nicht für die, die die Bahn
nicht im Konzern, sondern in Konzern-eigenen Zeitarbeitsfirmen oder
sonstigen Subunternehmen anstellt. Auf diese Weise würde ihr
Tarifvertrag für immer weniger Lokführer gelten; und die schlechter
gestellten Billigkollegen wären eine stete Bedrohung sowohl der
„Privilegien“ wie der Beschäftigungssicherheit und der
Durchsetzungsfähigkeit der GDLer.
Die Bahn zwingt die Lokführern dazu, um jedes Element ihrer Forderungen
einzeln zu kämpfen: Nicht nur um den materiellen Inhalt des Vertrags,
auch um jede kleinste Bedingung seiner Geltung: Alles hängt an der
Durchsetzung als eigenständiger Vertragspartner, der auch selbst
bestimmt, wen er vertritt. Während Schell gemeint hat, die
unmittelbaren Verbesserungen bei Lohn und Arbeitszeit seien nicht ganz
so wichtig, angesichts der gelungenen Durchsetzung der GDL als
Tarifpartei, präsentiert ihm Mehdorn nun die Umkehrung: Nicht nur, dass
diese grundsätzliche Durchsetzung noch überhaupt nicht gegessen ist,
der Bahnchef versucht, die Lokführer mit den in Aussicht gestellten
materiellen Verbesserungen dazu zu ködern, dass sie aufs kleinliche
Durchkämpfen der Rechtsstellung ihrer Vertretung verzichten. Ohne die
ist aber der ganze Abschluss nichts wert.